Die darstellenden und die bildenden Künste. 301
drei bis vier Generationen herrlich entwickelten Architektur, und
nur in großen geschlossenen Räumen konnte die Figurenmalerei
der Italiener völlige Nachahmung finden. So bahnen sich hier
schon die Unterschiede an, aus deren weiterer Entwicklung so
verschiedene Söhne ursprünglich fast gleichen Bodens, wie
Rubens und Rembrandt, hervorgegangen sind.
Im Vlamland war Antwerpen der Mittelpunkt der Ent⸗
wicklung. Und der Hauptmeister, von dem sie hier ausging,
war Michiel Coxcie (1499 - 1592) aus Mecheln. Nirgends lernt
man Coxcie besser kennen als in den dämmerigen Schiffen der
Brüsseler Hauptkirche zu St. Gudula. Für dies Gotteshaus
sind von ihm die Kartons zu den Glasmalereien des nörd⸗
lichen Querschiffs und der Sakramentskapelle, angeblich in Ge⸗
meinschaft mit seinem alten Lehrer Barend van Orley (f 1541),
entworfen worden: in meisterhafter Anwendung des italienischen
großen Freskostiles auf die anders geartete und doch in der
gotischen Kirche das Fresko ersetzende Technik des Glasmalens.
In den Bahnen Coxcies, teilweise von Raffael und Michelangelo,
teilweise von den Venetianern, seltener von Correggio beeinflußt,
sind dann weiter Jan Massijs, ein Sohn Quentins, Frans
Floris (ca. 1317-1570) mit der außerordentlichen Zahl seiner
Schüler, z. B. den beiden Brüdern Vrancken, Frans Pourbus
dem Älteren und Martin de Vos, sowie eine ganze Anzahl
anderer Maler gewandelt. Ihr Verdienst ist es, was auch
immer die Italiener von neuen technischen Errungenschaften und
ästhetischen Anschauungen erreicht hatten, nach den Niederlanden
gebracht und in selbständigem Ringen erprobt und angeeignet
zu haben. Sie haben damit eine Rezeption vollzogen, deren
die alte niederländische Malerei vielleicht bedurfte. Mit wunder⸗
barer Folgerichtigkeit aus den alsbald in außerordentlicher
Weise vollendeten Anfängen der Gebrüderx/ van Eyck durch ein
Jahrhundert bis auf Quentin Massijs fortentwickelt, war sie
iu Technik wie Auffassung so einseitig geworden, daß man von
der schmalen Grundlage ihrer Kunstübung aus das Erreichen
weiterer, wesentlicher Fortschritte kaum noch zu erwarten schien.
Jetzt nun war diese Grundlage durch Aufnahme der italienischen