302 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Erfahrungen verbreitert; sie trug die Keime neuen Aufschwungs
in sich, sobald man sich aus der Nachahmung der Vorgänger,
der akademischen Manier, wiederum der Natur zuzuwenden
lernte, ohne doch der künstlerischen Vergangenheit zu vergessen.
Und da ist es denn einer der Ruhmestitel der niederländischen
Geschichte, daß diese glückliche Kombination die rechten Männer
fand: wir stehen vor den Anfängen der vlamischen Kunst eines
Rubens, der holländischen eines Rembrandt.

Otto van Veen und Adam van Noort waren die Lehrer
des jungen Peter Paul Rubens, der 1577 in Siegen geboren
wurde, und dessen Mutter, durch die niederländischen Religions⸗
unruhen aus Antwerpen vertrieben, im Jahre 1589 nach der
Vaterstadt heimgekehrt war.

Von diesen Lehrern war van Noort (15662-1641) zwar
aus der akademischen Richtung hervorgegangen, hatte sich aber,
einem Zuge der Gegenwirkung folgend, der auch schon in den
früheren Generationen der vlamischen Maler hier und da
bemerkbar ist, bald einem entschiedenen, aber rohen Naturalismus
hingegeben. Hier war also die Befreiung von den akademischen
Fesseln der italienischen Renaissance gewaltsam vollzogen worden.

Van Veen dagegen (1558- 1629), der zweite Lehrer des
jungen Rubens, kann als einer der korrektesten Akademiker be⸗
zeichnet werden, deren Fuß je auf niederländischem Boden
gewandelt ist; sieht man in der Kapelle des heiligen Bavo zu
Gent seine Malereien neben denen seines großen Schülers, so
können sie auf vlamischem Boden beinahe fremdartig, als
italienische Originalarbeiten erscheinen.

In dem freudigen, repräsentativen und doch wieder der
Natur sich intensiv nähernden Temperamente von Rubens aber
durchdrangen sich die Lehren der beiden Niederländer auf der
Grundlage eines unversieglichen Farbenfrohsinns mit unmittel—
baren italienischen Einflüssen. Noch nicht dreiundzwanzigiährig,
im Jahre 1600, ging Rubens nach dem Lande der großen
monumentalen Kunst; reif, in der Blüte des Schaffens und der
Jahre, kehrte er nach etwa neunjährigem Aufenthalt dauernd
in die Heimat zurück, in der er von da ab in steigendem Reich—