304 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
So erschloß sich ihm das Problem zwar nicht der natürlichen
Lichtführung, wie es seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
die Freilichtmalerei verfolgt hat, wohl aber das der künstlichen,
dealischen Beleuchtung, und indem er es wenigstens für die
Figurenmalerei auf eine bestimmte Weise löste, fand er den
Zugang zu den Pforten eines neuen Zeitalters der Kunst.

Das Licht der Rubensschen Bilder ist nicht das natürliche
der für unser Anschauen parallelen, alldurchdringenden Sonnen⸗
sttrahlen, sondern das meist in Streukegel ausgehende Strahlen⸗
licht nahe gedachter Lichtquellen. Derartige Quellen scheint
Ruͤbens vielfach außerhalb des Bildes und dann gelegentlich
— —— haben; am einfachsten
aber löste sich ihm wohl das Lichtproblem, wenn er die Quelle
der Belichtung ins Bild selbst verlegte. Sie konnte dann
konzentriert sein, so wenn in einem Dreikönigsbilde der Körper
des Jesuskindes in der Krippe selbst als einzige oder wenigstens
hauptsächlichste Lichtquelle angenommen erscheint. Sie konnte
aber auch verteilt in mannigfachen Strömen den dargestellten
Gegenständen, namentlich den nackten Körpern des Bildes, ent⸗
liehen, wobei deren sekundäre Beleuchtung von außen, sei es
hon vorn, sei es namentlich von der Seite her, angenommen
wird. Dies ist die Rubens besonders geläufige Lösung: in ihr
erscheinen die Lichter der Hauptmassen seiner Bilder gleichsam
wie in magischem Lichte lebend und verbreiten von sich aus
dies Licht in das nachbarliche Dunkel.

Es war ein Verfahren, das natürlich in ganz anderem
Sinne als die bloße Tonmalerei den festen Umriß der Körper,
das Zeichnerische der früheren Malweise aufhob. Und so ging
denn die Intimität des Nachlebens der bloßen Form, wie man
sie bisher gekannt hatte, verloren; nicht die konturenhaften
Sinzelheiten, sondern das Körperhafte der Gegenstände, den
Masseneffekt zu bewältigen, war nun die Aufgabe. Indem

Man vergl. hierzu schon Winckelmann, Erläuterungen d. Ged.,
Z 48. Auch Menas hat schon das Geheimnis der Rubensschen Belichtung
Xläutert.