Die darstellenden und die bildenden Künste. 305
Rubens der erste war, der aus der tieferen Erkenntnis der
Beschattung und Belichtung heraus danach rang, dieses Prob⸗
lems Herr zu werden, ward er zum Maler der großen Gegen⸗
sätze des Körperlichen, ward er leidenschaftlich, dramatisch, ließ
er an Stelle des ruhigen Rhythmus der Umrisse das Pathos
des Helldunkels, der belichteten und beschatteten Körper sprechen,
hob er das Plastische auf zugunsten des Malerischen.
Es war zugleich der letzte Schritt zur vollen Emanzipation
der Malerei aus den Stilgesetzen der Architektur, und bald
genug hat die Malerei dann ihrerseits der Architektur etwas
von ihrem Empfindungskreis und damit auch von ihrem Stile
aufgedrängt. Freilich ist mit alledem keineswegs gesagt, daß
die neue Malexei die Architektur hätte missen können. Im
Gegenteil: in ihrem flutenden dramatischen Leben war sie recht
—DDDDD00—— Umrahmung an—⸗
gewiesen. Nirgends in unseren Museen, die ja der ursprüng⸗
lichen tektonischen Umgebung der Bilder fast durchweg ent—
behren, wird man daher Rubens recht verstehen lernen, — an
ihrem ursprünglichen Standort, am besten im Innern der zahl⸗
reichen Kirchen, für die der Meister so unermüdlich geschaffen
hat, muß man seine Gemälde aufsuchen. Leuchten und leben
fie hier herab aus dem schweren Barockrahmen des Altars,
umspielt von dem Dämmerlicht alter Glasmalereien, steigt
Weihrauchduft vor ihnen empor, entfaltet sich der festliche
Pomp des katholischen Kultes, und brausen drüberher trium⸗
phierend die Töne eines mächtigen Orgelwerks, dann ist der
rechte Augenblick gekommen, um aus ihnen die Sprache eines
großen Künstlers in unvergeßlichen Lauten zu vernehmen.
Dem geistigen Gehalt seiner Bilder nach war Rubens vor
allem der Maler der Gegenreformation. Was die reorganisierte
alte Kirche Großes in sich barg, ihre Vergangenheit und ihre
Hoffnungen, das spricht sich in seinen Gemälden aus: weniger
frommes Gefühl der auch dem Katholizismus nicht fehlenden,
aber ihn nicht beherrschenden pietistischen Kreise als Triumph
objektiver Seligkeit und Beruf zur Herrschaft über die Geister.
Das Objektive, wie es der katholische Gottesdienst in seiner
Qamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 20