306 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Messe gegenüber der Subjektivität der protestantischen Predigt
ausgebildet zeigt, das Objektive zugleich einer anderthalbtausend⸗
sährigen Kirchengeschichte mit ihren Martyrien und Heiligen⸗
geichichten — das hat Rubens gemalt.

Ins Ideale hinein werden seine Andachtsbilder damit
weniger durch eine besonders innige Auffassung des Inhalts
gehoben als durch die überirdischen Wirkungen der Beleuchtung.
Rubens zuerst hat, und vor allem in seinen religiösen Bildern,
gezeigt, daß das Licht ein Zauberer ist, der alles zu idealisieren
imd allces zu harmonisieren vermag. Da sehen wir auf den
Seitenflügeln des Altars des heiligen Ildefons zu Wien die
Gestalten des Erzherzogs Albert und der Erzherzogin Isabella
wie die ihrer heiligen Patrone. Es ist ein Gegenstand, bei
dessen Darstellung frühere Zeiten den Abstand zwischen den
fürstlichen Sündern und den Heiligen durch Wiedergabe, des
erzherzoglichen Paares in bei weitem kleinerem Maßstab aus⸗
gedrückt haben würden. Bei Rubens erscheinen die fürsilichen
Personen ganz in den Vordergrund gerückt, in den Vordergrund
der Anordnung wie der Beleuchtung. Und wohlwollend, in
gleicher Größe, als fromme Förderer stehen ihnen die heiligen
Patrone zur Seite. Dennoch wirkt die Auffassung nicht be—
fremdend: was sie uns nahe bringt, was sie in sich versöhnt,
das ist die gleichmäßige Idealisierung des ganzen Bildes in
demselben, harmonisch alle Teile der Szene erfüllenden Lichte.
nd nun gar die Mitteltafel dieses Altars! Die heilige
Jungfrau, von einem Kranze heiliger Frauen umgeben, über⸗
trahlt von gelblichem, durch Engel belebtem Lichte, reicht dem
heiligen Ildefons, der vor ihr kniet, ein Meßgewand. Himm⸗
lisches, Evangelisches, Legendarisches ist hier mit der sehr
wirklich und irdisch wesenhaft gestalteten Person des heiligen
Ildefons verknüpft, und die heiligen Frauen erscheinen, teil⸗
weise halb entblößten Busens, in der reichen Tracht des
17. Jahrhunderts. Gleichwohl empfindet man nicht die Wir⸗
kung innerer. Gegensätze, denn alles versöhnt und beherrscht die
eine übernatürliche Beleuchtung.

Bei einer solchen Auffassung der Religion war der Weg