Die darstellenden und die bildenden Künste. 307
aus dem Heiligenhimmel des Katholizismus zum Olymp der
Alten nicht weit: Rubens schuf seiner Kunst auch im Reiche
der klassifchen Mythologie eine Stätte, zumal er auch unter
unter dem Einflusse der literarischen Renaissance seiner Zeit
stand. Und weiter ging es von hier hinein in die Welt des
Allegorischen und des allegorisierten Historienbildes: Götter und
Herden, Helden und Heilige verschmolzen in den Gluten der
neuen Kunst zu einem einzigen Dasein.

So konnte Unterscheidung, Individualisierung, Charakteristik
nicht die starke Seite des Künstlers sein. Ein repräsentativer,
theatralischer, ja dekorativer Zug durchweht sie; die dargestellten
Personen sind stilisiert, sind wohl gar Typen, und oft genügt
für ihre Kennzeichnung ein sehr äußerliches Motiv; eine
Schattierung des Tones der Haut, ein Wechsel in der Farbe
des Haupthaares, einige einfachste Züge der Körperhaltung und
des Spiels der Gebärden. Im übrigen pflegen alle Greise Rubens
würdig, alle Männer ritterlich, alle Frauen klug, frisch, heiter,
ein wenig kokett und aus guter Gesellschaft zu sein, und nur
ungern unterbricht der Maler durch störende Zwischenzüge die
frohe Festeslaune seiner Belichtung. So nimmt Kaiser Theo⸗
dosius, dem der heilige Ambrosius den Eintritt in den Mai—
länder Dom weigert, das mit gutem Anstand hin, niemand
von dem Gefolge zeigt sich in außergewöhnlicher Erregung;
und Personen, die in rosigstem Gleichmut Tränen auf den
Wangen zeigen, fallen in Rubens' Bildern nicht weiter auf.

Vor allem aber ist klar, daß diese Kunst, so herrlich sie
war und wirkte, doch nach ihrer Auffassung und noch mehr
nach ihren ästhetischen und technischen Mitteln eigentlich auf
die Figurenmalerei beschränkt bleiben mußte.

In der Tat hat sie über diese wenig hinaus getragen.
Zwar besitzen wir Landschaften von Rubens, und sie geben an
kühner Lichtführung und hinreißendem Pathos seinen Figuren⸗
bildern wenig nach. Aber das Prinzip der künstlichen Be—
lichtung versagt hier; die Wirklichkeit ist nicht oder nur wenig
studiert, und so bleibt schließlich doch ein unbefriedigender
Eindruck.
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