308 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Was aber von Rubens gilt, das gilt auch fast durchaus
von der großen Zahl der Nachfolger, die seine Kunst auf
blämischem Boden mit ihm gleichzeitig oder nach ihm fort—
setzten. Denn selten hat ein Künstler so schulbildend aus dem
eigenen Genius wie aus der besonderen, in ihm verkörperten
Anlage seines Stammes heraus gewirkt wie Rubens: wie
anders frei halten sich doch gegenüber dieser Unselbständigkeit
der späteren Vlamen die Holländer, die neben und nach Rem⸗
hrandt gewirkt haben! Schon die Tatsache, daß Rubens eine
außerordentliche Zahl von Hilfsmalern in seiner Werkstatt be—
schäftigte, wirkte hier nach; dazu die Eigentümlichkeit, daß seine
besten Zeitgenossen mit ihm verwandter Anlage waren. Sie
haben darum Ton und Belichtung des Meisters in vereinfachten
Formen angewandt und weitergeführt und sind zunächst Figuren—
maler gewesen wie er: ein De Craeijer, dessen große Gemälde
die Kirchen Belgiens noch heute füllen; ein Jordaens mit seiner
Anlage für blühendes Kolorit und derbe Gegenstände, aus den
mythologischen Satyrdarstellungen, wie sie auch Rubens liebte,
heraus einer der ersten ausgesprochenen Pfleger des späteren
olämischen Sittenbilds; ferner ein Frans Snijders und Paul
de Vos, die großen Tiermaler, oder ein Zeeghers und Rombouts,
anderer nicht zu gedenken.

Besonders aus ihnen hervor ragt eigentlich nur ein
Meister, van Dijk (1599 — 1641). Er ist Rubens nicht eben⸗
bürtig, aber er hat bei im übrigen fast gleichen Grundlinien
der Technik und der ästhetischen Anschauung doch einige Eigen—
schaften, in denen er den Meister übertrifft. Er ist in seinen
großen Andachtsbildern und verwandten Figurenmalereien
ernster, geschlossener und eingehender. Und für die Bildnis—
malerei mag es wohl einen Geschmack geben, von dem
aus van Dijk höher eingeschätzt werden kann als Rubens. In
der Wiener Galerie hat man das feurige Bildnis der mehr als
halbnackten Helene Fourment, der zweiten Gemahlin Rubens',
zwischen zwei kühle, ruhige, fast kalte Jünglingsgestalten

van Dijks gehängt — eine der stärksten Aufforderungen zum
Nachsinnen über die Gegensätze der Kunst beider Meister.