Die darstellenden und die bildenden Künste. 309
Van Dijk besitzt nicht das übersprudelnde Temperament des
Rubens, dafür ist er aber ein besserer Menschenkenner. Seine
Charakteristik greift tiefer. Seine Palette liebt zahlreichere
Nuancen. Sein Sinn zieht vor allem das Vornehme, Zarte,
Feine bis zum gesellschaftlich Schalkhaften hervor. So war er
der Bildnismaler der guten Gesellschaft und in dieser wiederum
vornehmlich der Frauen. Ein Bildnis wie das der Ant⸗
werpnerin Maria Luise von Tassis zeigt fast alle seine Vor—
züge: wie sie dasteht in ihrer reichen Tracht von Sammet mit
durch Mieder und Rock hin eingesetzter Seide, mit dem wolkigen
Spitzenkragen und den Filigranmanschetten, ein wenig links
aus dem Bilde gewandt, den Fächer mit der Rechten leise vor
sich haltend, das geistvolle, zarte, von dunklen Augen belebte
Antlitz umrahmt von braunwelligem Haar, ges chlossenen Mundes
dennoch bereit, auf jedes Scherzwort scherzend zu antworten:
bietet ihr Porträt nicht nur eine herrliche Schöpfung voll⸗
endeter Technik, sondern zugleich einen unmittelbar wahren
Gesellschaftstypus des 17. Jahrhunderts. Aber freilich, auch
diesem Porträt fehlt nicht ein klein wenig von jener Stili—
sierung, die van Dijk wie auch Rubens als Bildnismaler nie⸗
mals vermissen lassen: die dargestellten Personen geben sich noch
nicht ganz unbewußt; noch weht über ihren Bildern ein letzter
Hauch der repräsentativen Monumentalität der Italiener.
Abgestreift wurde dieser Rest von Stilgefühl im Sinne
der Renaissance allerdings im vlämischen Sittenbild. Kann
man seine Anfänge bis auf Quentin Massijs, wenn nicht weiter
zurückführen, findet es sich dann schon in der nächsten Genera⸗
tion, z. B. bei dem jungeren Brueghel, derb⸗-phantastisch
entwickelt, so wird es ganz frei doch eigentlich erst bei den
jüngeren Zeitgenossen des Rubens, einem Jordaens, den
Rijckaerts, den Teniers und anderen. Aber indem es sich so
ganz auf sich stellt, unterliegt es wiederum bald dem hollän⸗
dischen Einfluß; deutlich bemerkbar ist dieser bei den beiden
Teniers, Vater und Sohn (1582- 1649 und 1610- 1690),
noch weniger läßt er sich bei Adrien Brouwer (ca. 1606
bis 1638) verkennen; auf diesem Gebiete schon wurde das