310 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
olämische Können überholt von der in sich klareren und folge—
richtigeren Entwicklung Hollands.

Noch mehr gilt dies für die Landschaft. Hier stehen Jan
Wildens und Lukas van Uden trotz Rubens noch ganz auf
dem vorrubensschen Standpunkte, und die später lebenden
Meister, Jacques d'Arthois etwa (1618 bis nach 16883) oder
Cornelis Huysmans (1648 - 1727), bringen es zwar in großen
Landschaften zu geschlossenen Wirkungen, sind aber ganz italienisch
und ganz heroisch gestimmt; höchstens daß gelegentlich Baum—
wuchs und Bodenkonfiguration an den vlämischen Norden er—
innern. Was hilft es da, daß Rombouts als Landschafter
bisweilen an Rubens heranreicht, daß auch d'Arthois wohl
einmal etwas von der Lichtführung des großen Meisters auf⸗
weist, daß wir vom jüngeren Teniers echt vlämisch charakteri⸗—
sierte Landschaften in dem gelblichen Ton etwa eines Goijen
besitzen? Es waren Ausnahmen: da, wo es die heimische
Welt zu schildern galt, sei es in deren Sitten, sei es in dem
Grün ihrer Auen oder dem gelblichen Wasserton ihrer See, da
versagte die vlämische Kunst mehr, als man hätte erwarten
sollen.

Gerade auf diesem Gebiete aber lag die Stärke ihrer
jüngeren holländischen Schwester. Freilich ist damit der Unter—
schied der süd- und nordniederländischen Malerei auch nicht
entfernt schon in seiner ganzen Weite beschrieben. Denn selten
sind Zwillingsentwicklungen von im ganzen gemeinsamem Boden
aus so verschieden verlaufen wie die Malkunst Vlamlands und
Hollands: ihr beiderseitiges Dasein ist einer der glänzendsten
Belege für die Behauptung, daß sich aus gemeinsamen ent—⸗
wicklungsgeschichtlichen Voraussetzungen unter speziellen Ein—
flüssen Erscheinungen entwickeln können, deren Aussehen bei
oberflächlicher Betrachtung ganz voneinander abweicht. Ge—
meinsam war beiden Richtungen das ästhetische Niveau kunst—
geschichtlicher Entwicklung: beiderseits empfand und schaute
man in harmonisierendem Tone und strebte nach intimeren
Lichtwirkungen. Wesentlich gemeinsam waren ferner Volks—
charakter und äußere Lebensbedingungen, waren Land und