Die darstellenden und die bildenden Künste. 311
Leute. Aber daneben fanden sich doch trennende Momente von
größter Gewalt, und unter ihrem Einfluß wurden auch die
leineren Unterschiede stärker betont, die im Bereiche der beiden
Seiten gemeinsamen Grundlage verborgen lagen.

Vor allem war Vlamland ein Land viel älterer Kultur.
Eine heldenhafte Vergangenheit hatte reiche Erfahrung und
schwunghafte Ritterlichkeit erzeugt und damit den ursprünglich
derben Volkscharakter gemildert, ohne ihn zu brechen. So war
erquickende, auch äußerer Repräsentation nicht abgeneigte Lebens⸗
freude, die aber ihre wenn auch weitgezogenen Grenzen kannte,
ein wesentliches Element des vlämischen Charakters geworden.
Und mit ihr ging eine gewisse Lebenskunst, der Sinn für for—
male Schönheit, das Interesse am Spannenden, den Alltag
Erheiternden Hand in Hand. Und diese ganzen Neigungen
waren durch die jüngsten Ereignisse noch verstärkt worden:
durch den Sieg einer monarchisch⸗aristokratischen, dem Adel
Raum lassenden Staatsform, die seit etwa 1600 auf mehr als
eine Generation hin eine frohe Pracht entfaltete, sowie durch
das Übergewicht eines lebensfreudigen, prunkenden Katholi⸗
zismus.

Ganz anders in den nördlichen Niederlanden. In Holland,
dem wichtigsten ihrer westlichen Teile, der jetzt eben von Tag
zu Tag mehr der führende zu werden begann, wies nichts fast
n Leben und Sitte auf eine alte Vergangenheit; eine gewisse
sunge koloniale Nüchternheit charakterisierte die Bevölkerung,
und das Überwiegen verstandesmäßiger Betrachtung ward noch
verstärkt durch die Annahme des reformierten Glaubens und
die Entwicklung eines Staates, der die Herrschaft des bürger⸗
lichen, des rechnenden Standes bedeutete. So blieb das Leben
sehr real, sehr derb und sehr trocken, und nur durch einen
Humor der Vernunft, der Geschmacklosigkeiten nicht ausschloß,
ward es vergoldet. So darf man sich nicht wundern, daß

Henbrandt feinen geängsteten Ganymed geschaffen hat, daß
Wouwermann eine nicht geringe Anzahl stallender Pferde auf
seine Bilder brachte, und daß die vlämischen Bauernkirmessen
wa des jüngeren Teniers Muster von Wohlanständigkeit sind