312 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
gegenüber den entsprechenden holländischen Schilderungen eines
Jan Steen und anderer.

Aber freilich: der holländische Realismus führte zugleich
zu einem viel intensiveren Verständnis des Lebens auch auf
ästhetischem Gebiete, als es die Vlamen errungen hatten. Alles,
was in den plämischen Bildern noch Phantasie, Stil oder
Konvention heißt, das trat in der holländischen Malerei zurück;
die Allegorie und der mythologische Stoff wurden erst gegen
Ende der Blütezeit wieder gepflegt; das Heiligenbild lag dem
protestantischen Lande von vornherein fern, und auch das
biblische Bild fand keine besondere Aufnahme; fast nur Rem—
brandt und dessen Nachfolger haben es gemalt, aber auch sie
nur in durchaus nationaler Auffassung, unter Nichtachtung der
kirchlichen Tradition und unter ausgesprochener Vorliebe für
Stoffe des Alten Testamentes. Und nicht minder wie jeder
Sinn für hergebrachten Stil fehlte der Sinn für formale
Schönheit. Dabei traf das nicht bloß für den Umriß zu, es
galt auch für die Farbe. Wie noch die heutigen holländischen
Volkstrachten bizarre Farben lieben, so stand dem Holländer
des 16. und 17. Jahrhunderts der Sinn von Natur auf das
Bunte, die Palette etwa eines sommerlichen Feldblumen—
straußes; noch die Blumenstücke sogar eines Saverij be—
weisen es. Aber dasselbe Volk, das so der ästhetischen
Schulung durch die Jahrhunderte, durch Sitte, Religion und
Kennerschaft entbehrte, sah mit dem ungetrübten, scharfen Auge
der Jugend und entdeckte in seinem Lande die Geheimnisse
eines neuen Realismus und einer natürlicheren, noch un—
gekannten Belichtung.

Noch heute studiert sich das holländische Volksleben un—
gleich leichter als das vlämische, denn es ist ungleich stärker
an Wind und Wetter und See und Fluß, an die Faktoren
öffentlicher Arbeit gebunden. Der Schiffer, der mit diesen
Kräften arbeitet, lebt auf der Gracht wie im freien Kanal wie
auch am Seestrand ein Leben vor aller Augen; er gleicht darin
dem Italiener, dem Bewohner südlicher Himmelsstriche über—
haupt, und so weckt er den Sinn fürs Malerische wie dieser.