Die darstellenden und die bildenden Künste. 313
Wer wäre wohl zum ersten und oft wiederholten Male gleich⸗
gültig an dem Verkehr eines holländischen Hafens, an den be—
wegten Bildern einer Fischhalle, an den Familienszenen der
Schifferwohnungen in den Schuiten vorübergegangen? Und
was sich hier von intimen Vorgängen unter freiem Himmel
abspielt, das wird von dem wunderbaren Rahmen der hollän⸗
dischen Städtebauten umschlossen, den stillen Grachten mit ihren
grünen Baumzeilen, mit ihren in hellem Teerbraun leuchtenden
Schiffen, den gewundenen Straßen mit ihren Häusern ungleich
hoher Stockwerke, ihrem Wechsel bunter Fensterläden und roten
Backsteins, der Plätze endlich mit der beherrschenden großen
Kirche, dem Rathaus und dem ewig summenden Marktgewühl.

Die tausend Anregungen aber, die hier auf das Auge
einstürmen, werden harmonisch gestaltet durch Luft und Licht.
Holland kennt in Stadt und Land nicht die südliche Glut der
Sonne, unter der die Luft erregt emporwallt; weit mehr als
im Vlamland, mit Ausnahme etwa weniger Teile im Nord—
osten, bleiben die Töne kühl und silbrig, die Stimmungen
zart und fein. So wird alle Aufdringlichkeit der Farben und
Formen gemildert und versöhnt; in dem geheimnisvollen Medium
eines dunstigen und doch klaren Helldunkels weben die Dinge,
wie zum ersten Male gleichsam geschaffen am frühen Morgen,
und fester und freudiger in den Stunden abendlicher Dämmerung.

So erzieht das Land an den atmosphärischen Vorgängen
selbst das Auge des Malers zum Aufnehmen harmonisierenden
Lichtes; bei aller Energie der Auffassung des Alltagslebens im
Siltenbild und in der Darstellung des Einzellebens wird er
sich immer in der Zucht der heimatlichen Luft fühlen, und wo
er das große Problem der Landschaft angreift, da wird seine
Heimat ihm tiefere Geheimnisse der Belichtung enthüllen als
dem Vlamen.

Das sind einige der wesentlichen Vorbedingungen, unter
denen die holländische Kunst des 16. Jahrhunderts erstand,
groß ward und in Rembrandt weit hinauswuchs über alle Er—
rungenschaften des Südens.