314 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
3. Man kann es versuchen, in der Geschichte des großen
Zeitalters der holländischen Malerei zwei Perioden zu unter—
scheiden: eine solche mehr des derben, äußerlichen Realismus
und eine andere der realistischen Wiedergabe des feineren Seelen⸗
lebens, der Stimmung, der Selbstvertiefung, die dann aus sich
heraus zugleich eine idealisierende Strömung zu entwickeln im—
stande war. Die erste Periode würde die des Frans Hals
(ca. 1580 - 1666) sein, die zweite die Rembrandts (1606 1669);
die erste würde in Haarlem ihren Ausgangspunkt und ihren
hauptsächlichen Schauplatz finden, und es würde ihr insofern
ein gewisser Anschluß an die vlämische Malerei nicht fehlen,
als nach dem Falle Antwerpens (1585) gerade nach Haarlem
zahlreiche vlämische Auswanderer ihre Schritte gerichtet und
mannigfach in die bauliche und sonstige künstlerische Entwicklung
der Stadt eingegriffen haben; die zweite Periode aber würde
räumlich an Amsterdam anknüpfen, das dann Haarlem auf
holländischem Boden ebenso abgelöst haben würde, wie einst auf
olämischem Boden an Stelle des mittelalterlichen Gent Ant—
werpen, die stolze Stadt der Renaissance, getreten war.

Allein eine solche Einteilung, an sich für eine Betrachtung
aur der holländischen Malerei gewiß geeignet, würde doch dem
allgemeinen entwicklungsgeschichtlichen Zuge der gesamten nieder⸗
ländischen Malerei weniger gerecht werden. Von ihrem Stand⸗
punkt aus erscheinen auch die besten Holländer um Frans Hals
nur als auf dem Niveau der vlämischen Malerei angelangt,
und über dieses erhebt sich vollends erst Rembrandt.

Freilich hatten inzwischen die Holländer den Weg zu den
Problemen, welche Rubens löste, schon selbständig gefunden.
Schon bei Pieter Aertszen (15071572), wenn nicht früher,
sind die Anfänge einer ausgesprochenen harmonischen Farben⸗
stimmung wahrzunehmen; durch alle Farben, auch durch die
Schatten seiner Bilder geht ein bräunlicher Gesamtton und
hält die Lokaltöne zusammen. Weiter gehen dann diesen Weg
selbst auf dem schwierigen Gebiete des Porträts Aert Pietersen
(1550 - 1562)1 und noch mehr Nicolaus Elias (1590 — 1646),
1Man vogl. z. B. das Bild 1111 des Rijks-Museums zu Amsterdam.