316 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
geraten. Er ging vielmehr von den einfachsten und intimsten
Wirkungen des unsicher flimmernden, tausend Reflexe bergenden
Lichtes auf gleichviel welche Gegenstände aus; und so werden
ihm diese Gegenstände an sich, für sein Hauptvorhaben, fast
gleichgültig, und in der bloßen Darstellung der von ihm be—
grenzten einfachen Lichtwirkung findet er sein Genüge.

Es war ein Verfahren, das ihn alsbald weit hinweg über
die Errungenschaften der Italiener und der Vlamen zur maleri⸗
schen Komposition ganz allein mit Rücksicht auf die Licht—
wirkung emporhob; vor dem neuen Prinzipe traten nicht bloß
die Umrisse, sondern auch die Farben zurück; rein aus den
Gegensätzen des Lichtes und Schattens heraus hatte der Auf—
bau des Bildes zu erfolgen; ja das Bild konnte bis zu dem
Grade in sie aufgehen, daß die Vermittlung der Farben und
auch der Umrisse überhaupt hinwegfiel. Geschah dies, so war
der Übergang vom Gemälde zur Radierung vollzogen; und es
kann zweifelhaft erscheinen, ob man diesem Vorgang ent—
sprechend als das vorzüglichste Mittel der bildlichen Darstellung
Rembrandts nicht so sehr die Olmalerei als vielmehr die Radier—
kunst zu betrachten habe. Jedenfalls ist Rembrandt der erste
große und der größte Meister vielleicht überhaupt der Radierung
gewesen, und erst hier ist er völlig schrankenlos aufgegangen
in die Poesie des von ihm gemeisterten Lichtes. Denn da
brachte er es zu Wirkungen, die sich jeder färbenden Kunst ent—
ziehen: indem er im vollen Lichte stehende, kaum anders als
leicht umschriebene Figuren einem voll und tief modellierten
Hintergrund, einem Schattenteil mit durchgearbeiteten Figuren
und detailliertester Umgebung entgegenstellte, erreichte er den
Eindruck des leuchtendsten Sonnenscheins, ja eines scheinbar
üherirdischen Lichtes.

Und frei durfte sich nun die dichterische Kraft des Künstlers
in die weiten Gefilde ergießen, welche die neue Technik er—
öffnete. Die Gestalten vieler Blätter der Rembrandtschen
Radierungen erscheinen als gleichsam nicht mehr von dieser
Welt; sie besitzen kaum noch ein Substrat gemeiner Wirklich—
keit, dessen Erinnerung die Einbildungskraft belastet; frei streben