318 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
eine feinere Plastik der Züge. Einen ersten Höhepunkt be—
zeichnen dann die Porträts der Delfter und Haager Schule,
vor allem Mierevelds (15667 —1641) und Jan van Ravesteyns
(ca. 1375 1657); in ihnen ist der Ton schon fast ganz ge—
wonnen, vor allem aber ein besonderer Vorzug des holländischen
Porträts zum ersten Male völlig ausgeprägt: das unbewußte
Leben, die reine Selbstverständlichkeit des Sichgebens seitens
der Dargestellten.

Über die Delfter und Haager führt erst der Haarlemer
Frans Hals zu einer höheren Stufe; ja man kann zweifeln, ob
er, durch und durch und fast ausschließlich Bildnismaler, nicht
auf die absolute Höhe des holländischen Könnens auf diesem
Gebiete zu stellen ist. Die Porträts von Hals sind nicht mehr
in gezwungenen Stellungen komponiert, wie oft vor ihm; sie
leiden nicht mehr an Buntheit der Farbe: in beiderlei Hinsicht
atmen sie das volle Leben des Einfachen, Selbstverständlichen.
Und doch sind sie nicht Augenblicksbilder. Hals zuerst hat
ganz die schwere Kunst verstanden, Zeit und Nation, Charakter⸗
kern und ständige Haltung in den Gesichtszügen der dargestellten
Person auszuprägen; er ist der erste große historische Porträtist.
Gegenüber diesen ersten Interessen an der Person hat dann
Hals freilich alles andere, Körperfigur, Tracht, Hintergrund,
oftmals zurückgestellt. Den Kopf richtig wiederzugeben, wird
schließlich so sehr seine einzige Sorge, daß man sieht, wie es
ihn gelangweilt hat, sich noch mit etwas Weiterem zu befassen.
Dadurch erhalten seine späteren Arbeiten eine nicht selten
brutale Zielsicherheit unter Vernachlässigung des Details; man
versteht, daß sein Pinsel schließlich wenig gesucht war: in der
Armenpflege seiner Adoptivvaterstadt ist er gestorben.

Wie anders war das Schicksal seines wichtigsten Rivalen
unter den Zeitgenossen, des Bartholomeus van der Helst! Er
war der Liebling der vornehmen Welt Amsterdams, und reich
ist er im Jahre 1670 dahingegangen. Aber auch da, wo ihn
seine höchsten Leistungen bis in die Nähe der genialen Kraft
eines Hals zu tragen scheinen, bleibt er doch von einer ge—
suchten Eleganz im Porträt nicht bloß, sondern nicht minder