Die darstellenden und die bildenden Künste. 319
auch ein Maler von Samt und Seide, von Spitzenkragen
und prächtigen Kollern, und stets weiß er seinen Köpfen eine
neutrale Beleuchtung zu sichern, die ihnen etwas Befriedigendes,
aber noch mehr auch Gelecktes und gelegentlich Langweilendes
gibt. Freilich das alles im Vergleich mit den Porträts eines
Hals; an sich betrachtet wird van der Helst immer noch den
Namen eines der ersten Porträtisten seiner Zeit verdienen.

Neben Hals aber und neben van der Helst steht Rem⸗
hrandt. Er übertrifft sie an Intensität der Auffassung, an
Temperament, an künstlerischem Charakter. Indes indem er
auch das Porträt seiner idealisierenden Lichtführung unterwirft,
ist er nicht in dem Grade wie Hals unerbittlicher Wirklichkeits⸗
maler mehr; seine Bildnisse sind zugleich in besonderem Maße
Denkmäler seiner Phantasie, nicht bloß geschichtliche Monumente.
So ist er von nie erreichter Gewalt, wo er Stimmungen geben
kann, deren Ausdruck durch gleichmäßige Entschlossenheit der
zeichnerischen und malerischen Anlage, vor allem aber der Be—
lichtung erreicht werden kann. Nichts herrlicher in dieser Hin—
sicht als die reiche Reihe seiner Selbstbildnisse. Neben den
dauernden Formen des Antlitzes und den bleibenden Eigen⸗
schaften des Charakters tritt hier vor allem doch die feinste
Schattierung augenblicklicher Laune, Stimmung, Disposition
hervor: bald erscheint der Meister stillpbergnügt, bald aus—⸗
gelassen, bald sinnend oder beschäftigt, bald ernst oder von
grübelnder Melancholie. Es ist, als sähe man die Natur hin
durch den Wechsel der Jahreszeiten.

Aber freilich trat auch im 17. Jahrhundert und selbst in
Holland das Individuum noch nicht mit dem Subjektivismus der
Gegenwart, dem ausschließlichen Verlangen, an sich zu gelten,
hervor. Wurde es, von Rembrandt zur Darstellung gebracht,
dem Spiel einer ihrer selbst sicheren künstlerischen Einbildungs⸗
kraft unterworfen, so fand es sich in der Welt meist noch in
die Formen eines gesellschaftlichen Lebens eingeschrieben, dem
mittelalterliche Gebundenheit keineswegs schon völlig fernstand.
So überwog auch noch nicht das Bedürfnis des Einzelporträts.
Vielmehr sind Gruppenbildnisse das eigentlich Bezeichnende der