320 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
holländischen Kunst auch noch des 17. Jahrhunderts. Auf
diesem Boden entstehen die berühmten Doelenstücke; breite
Porträtgruppen der Mitglieder militärischer, handwerklicher,
wohltätiger, auch wohl gelehrter Genossenschaften, wie sie noch
jetzt vielfach an den Orten hängen, für die sie gestiftet wurden,
in Schützenhäusern (Doelen)“, Zunftstuben, Hospitälern, oder
wenigstens am Orte und im Lande selbst in Museen geblieben
sind, so daß man sie auch heute noch, glücklich genug, nur in
Verbindung mit Land und Leuten verstehen und genießen kann.
In dieser Richtung liegen nun die bezeichnendsten Leistungen der
holländischen Porträtmalerei überhaupt, und der reiche Kranz
ihrer Schöpfungen zieht sich von der ersten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts hinüber bis in die Zeiten Halsens, van der Helsts
und Rembrandts.

Die Meister der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gaben
dem damals noch spezifisch mittelalterlichen Bedürfnis gemein—
samer Porträts genossenschaftlicher Verbände zunächst in ein—
fachster Weise Ausdruck, indem sie etwa, wie Jan van Scorel
in dem schon erwähnten Bilde der Jerusalemwallfahrer, Kopf
neben Kopf setzten. Waren die Leistungen dieser Art an sich
schon ausdrucksvoll genug, so ging man doch, vor allem in den
Schützenstücken, bald weiter. Man gab nicht bloß Köpfe,
sondern Ganz- und Halbfiguren, und man stellte diese Figuren
bald nicht mehr nach Art der heutigen Massenphotographien
nebeneinander, sondern man schuf zwischen ihnen eine lebendige
Beziehung.

So wurde es in Haarlem seit dem Bilde des Cornelis
van Haarlem vom Jahre 15883 Sitte, die Schützenbrüder bei
der Mahlzeit darzustellen; und über vierzig Jahre hat sich diese
Auffassung dort gehalten. Wir verdanken ihr die herrlichen
Bilder von Frans Hals (seit 1616), in denen das Porträt
zum Sittenbild erweitert ist, und aus denen dem Beschauer
noch heute, wenn er das Haarlemer Museum durchwandelt,
die Gesellschaft der Stadt aus den Jahren ihres höchsten Auf—

Doel heißt Ziel, dann abgeleitet Zielgraben, Schützengilde.