322 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
wunderbar hervorhebende Licht. Der Eindruck so vieler ver—
wirrender, lebendigst gegebener Einzelheiten bleibt deshalb trotz
alles Durcheinanders dennoch harmonisch und einheitlich, und
niemand, der ihn gehabt hat, wird ihn je vergessen.

Freilich, das Interesse am Porträt kommt bei dieser Auf⸗
fassung zu kurz; gesiegt hat die Historie. Es ist ein Wechsel,
der nicht im Sinne der Besteller gelegen haben mag; Rem⸗
brandt hat keinen Schützenauszug mehr gemalt.

Wie die Schützen hatten aber auch andere, mehr oder
minder geschlossene Kreise begonnen, sich in Gruppen malen zu
lassen: die Gildenvorsteher, besonders die der höheren Berufs—
arten, der Ärzte, Goldschmiede usw., die Spitzen städtischer
Behörden, die Regenten von Hospitälern, Stiftungen, selbst
von Frauenkollegien.

Es war eine Sitte, die auch den Vlamen nicht ganz fremd
war; ihre höchste Ausbildung aber erreichte sie doch bei weitem
in Holland. Und wieder war es neben Frans Hals Rem⸗
braudt, der dem volkstümlichem Brauche die höchste Weihe gab.
Seine Anatomie vom Jahre 1632, eine Demonstration des
Anatomieprofessors und Meisters der Amsterdamer Gilde der
Wundärzte Tulp am Leichnam vor den anderen sieben Vor—
stehern dieser Gilde, kann, obwohl noch ein Jugendwerk, als
das Meisterwerk aller dieser Stücke gelten. Die ständige
Schwierigkeit solcher Gemälde, das mechanische Neben⸗, nicht
Zueinander einer Anzahl von Porträts, ist hier ebensosehr
dermieden wie das Unangenehme des besonderen Stoffes.
Man bemerkt den Leichnam kaum, so wird man von den
lebhaften geistigen Beziehungen der acht Personen, des
sprechenden Lehrenden und der zuhörenden Lernenden, gefesselt.
Es ist ein Meisterstück, das von keinem der späteren zahlreichen
Stücke verwandter Art erreicht wurde, das auch kaum über—
troffen wird von der Behandlung eines anderen Types der
Regentenstücke durch Rembrandt selbst, durch die Staalmeesters
vom Jahre 1661. Denn hier hat Rembrandt die Aufgabe nicht
sittenbildlich und nicht historisch gefaßt, sondern ist, an sich
freilich meisterhafter Bildnismaler geblieben. Er rückt damit