Die darstellenden und die bildenden Künste. 323
für das Regentenstück im allgemeinen in eine Reihe mit Thomas
de Keijser, von dem namentlich die sogenannten „Bürgermeister
von Amsterdam“ im Haager Museum in diesen Zusammenhang
gehören, und mit Frans Hals, von dem das Haarlemer Museum
die herrlichsten Bilder auch dieses Types enthält, wie sie Hals
noch bis zu seinem achtundsiebzigsten Jahre, zuletzt freilich mit
unerhört breitem, ja zerfließendem Pinsel und demmoch höchst
charakteristisch, geschaffen hat.

In den Doelen- und den Regentenstücken hat das Bürger⸗
tum Hollands, die regierende Klasse, sich selbst verewigt: es
sind Historienbilder, nicht bloß Summen von Porträts, die zu
uns sprechen. Aber dem Leben der herrschenden Gesellschafts⸗
schicht gemäß sind sie doch zugleich auch Sittenbilder. Damit
wiederholt sich für die holländischen Porträtisten eine Er⸗
scheinung, die sich, wenn auch aus anderen Gründen, zugleich
auch in Spanien bei Velasquez, in Italien bei Giorgione und
Palma beobachten läßt: sie sind zugleich Genremaler; mit der
Entwicklung des Porträts hat auch das Sittenbild Fort⸗
schritte gemacht, und in Holland ist Frans Hals nicht bloß der
erste klafsische Bildnismaler, er ist nicht minder der Schöpfer
des klassischen Genrebildes gewesen.

Wenn man will, kann man freilich das Sittenbild auch
auf holländischem Boden schon viel weiter zurückdatieren; be—
reits Geertgen von St. Jans aus Haarlem und der sogenannte
Meister von 1480, der doch wohl ein Niederländer war, zeigen
Anfänge des Genrehaften, und eine erste Stufe der Vollendung
hat bereits Lucas von Leiden erreicht. Allein es handelt sich
da um Bilder, in denen das Sittenbildliche doch erst so zu
sagen unbewußt, der allgemeinen Neigung zur gegenständlichen
Darstellung entstammend, auftritt, in denen es mithin der
Regel nach noch Beiwerk irgendeines anderen, moralischen,
religiösen, historischen Bildinhaltes ist nicht aber um Genre—
bilder an sich, die gar nichts geben wollen als eben das Genre
selbst. Und von dieser Art sind auch noch die meisten Sitten⸗
bilder des 16. Jahrhunderts, wenn auch die Ausnahmen immer
häufiger werden; ja in diese Kategorie gehören auch noch die

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