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Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Doelen- und Regentenstücke, insofern man sie als Sittenbilder
auffaßt.

Das eigentliche Sittenbild aber entsteht demgegenüber erst
dann, wenn irgendein Vorgang genrehaften Charakters an sich,
ohne weitere inhaltliche Zutat, für interessant genug gehalten
wird, um den Gegenstand eines Gemäldes zu bilden. Es kann
das von zwei Gesichtspunkten her geschehen. Einmal kann das
Malerische an sich fesseln, also ein ästhetisch-technisches Interesse
vorwalten. Es ist vorhanden, sobald neben dem Genrebild auch
Stilleben und Blumenmalerei auftreten; denn diese verdanken
ja eben fast ausschließlich einem solchen Interesse ihre Ent—
stehung; in Holland tritt dieser Zusammenhang im Laufe der
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf. Daneben aber muß
noch ein anderer, inhaltlicher Gesichtspunkt walten: das Genre⸗
leben muß an sich als würdiger Vorwurf der Malerei gelten.
Hierfür ist die mindeste Voraussetzung eine Gesellschaft, die
sich selbst gern im Bilde sieht, weit besser aber ein sozial ge—
teiltes Volkstum, dessen obere Schichten das Leben der unteren
Klassen fremdartig und somit unter starker Einwirkung auf die
Phantasie berührt. Beide Voraussetzungen trafen für das
Holland der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu, und wie
aus dem Dasein der ersteren die Doelen- und Regentenstücke
hervorgingen, so aus dem Eintritte der zweiten das häufig
genug karikierende Sittenbild der niederen Volksschichten: die
Kirmeß- und Kneipenszenen, die Dirnenbilder, die Darstellungen
von Quacksalbern und Wahrsagerinnen, die Bilder des Lebens
im Freien, des Krieges, der Hauderei, des straßenwärts be—
triebenen Handwerks.

Indem aber das Interesse an allen diesen Bildern zunächst
ein gegenständliches war, ja, vornehmlich bei dem Sittenbild
der feineren Gesellschaft, den Briefszenen, Tanzbildern, Gast—
mälern, wie sie neben das niedere Genre treten, durch Zu—
grundelegung irgendwelcher gegenseitiger Beziehungen der dar—
gestellten Personen ins Psychologische, Novellistische, Komanhafte
gesteigert ward, war die Genremalerei nicht eigentlich und in
erster Linie dazu geschaffen, entwicklungsgeschichtliche Fortschritte