326 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Bäumen u. dgl. Die Tiefenwirkung als solche war dabei
noch gar nicht beachtet worden, es sei denn in schwachen Ver⸗
suchen, die wenigen landschaftlichen Requisiten kulissenartig
hintereinanderzuschieben; und noch nicht einmal so weit war
man in der Beobachtung gelangt, um zu erkennen, daß Gegen⸗
stände in der Ferne unserem Auge in minder scharf umrissenen
Konturen erscheinen. Dementsprechend verfuhr man in der
Wiedergabe der Umrisse scharf zeichnerisch: die Gegenstände des
Hintergrundes wurden so dargestellt, wie sie das Adlerauge er—
blicken mag oder sie etwa ein Fernrohr dem menschlichen Auge
darbietet; von einer Vertreibung der Linien war keine Rede,
selbst dann noch nicht, als man die Gesetze der Linearperspektive
kennen gelernt hatte und somit imstande war, den Hinter—
grund durch Konvergenz der Linien herauszuarbeiten; noch alle
Vlamen bis auf Jan Brueghel (15669- 1626) verfahren so,
und nicht minder die Holländer, ein Koninrxlo (7 1607) und
andere!, welche anscheinend die Malerei Oudewaters und seiner
Zeitgenossen durch Einführung vlämischen Einflusses verdrängt
haben; ja selbst Elsheimer steht noch auf dem Boden der Umriß⸗
malerei.
Wie sollten nun in einer Zeit, die sogar den Umriß der
Landschaft noch nicht bewältigt hatte, schon die Probleme der
Luftperspektive gelöst worden sein?

Im 15. Jahrhundert hatte man überhaupt erst, wenn auch
nebensächlich, die Landschaft malerisch als Ganzes zu betrachten
begonnen, indem man auf religiösen Bildern den Goldgrund
in seinen unteren Teilen durch eine Landschaft ersetzte, später
ihn auch nach oben zugunsten eines natürlichen Himmels weg⸗
fallen ließ. Die Landschaft, die auf solche Weise, als Er⸗
gänzung gleichsam des Figurenbildes im Vordergrunde, entstand,
wurde anfangs fast stets im Sinne eines Fernblickes aufgefaßt,
heiter, hell, ohne Mittelgrund, mit Vorliebe in einheitlichem,
jeder feineren Wirkung der Luftperspektive entzogenem Sonnen⸗

1 Vgl. Dresdener Galerie Nr. 857 (Koninxlo) und 1148 (der zum
Holländer gewordene Vlame Kerrincx, “* nach 1652).