328 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
da Rubens und Rembrandt über die bloße Harmonisierung der
Lokaltöne durch ein gemeinsames farbiges Medium hinweg zu
dem großen Problem wirklicher Belichtung vordrangen, mußte
sich auch in der Landschaft das gleiche Problem erheben. Frei—
lich im Süden, im Vlamland, ging man ihm, wie wir schon
wissen, wenig nach. Wie aber stand es im Norden?

Die niederländische Landschaft und namentlich die nieder—
ländische See hat vielleicht ihre reizvollsten Augenblicke dann,
wenn ein voller Sonnenglanz in tausend zarten Lichtern über
ihr webt. Die Maler des 15. Jahrhunderts haben das wohl
gewußt; eben diesen Moment haben sie mit ihren unvoll⸗
kommenen Mitteln festzuhalten gesucht. Die Landschaften der
großen holländischen Zeit dagegen bringen diese Stimmung nur
iußerst selten zur Darstellung, und wo sie es versuchen, da
mißlingt es, sie durchzuführen!. Warum? Sie fühlen sich
noch nicht im Besitze des Geheimnisses der Wiedergabe des
vollen natürlichen Lichtes.

Darum zeigt die Landschaft dieser Zeit selbst da, wo ihre
Konturen schon verschwimmen und das Schema der drei Gründe
weithin gelockert ist, doch der Regel nach bedeckten Himmel und
damit eine sehr einfache, oft recht willkürliche Lichtführung:
indem man den Himmel in unbestimmtem Lichte hält, wird ein
Surrogat des natürlichen Lichts für die unter ihm liegende
Landschaft möglich. Ja zumeist bleibt das Ganze überhaupt
in der Farbe und gelangt nicht zum Dasein im Licht, und
demgemäß ist die Tonmalerei weit verbreitet auch neben den
drei Grunden, deren etwa noch festgehaltene Farben dann neben
dem Gesamtton als weitverbreitete Lokalfarben erscheinen. So
hat v. d. Velde seinen grauen, Goijen seinen gelbbraunen, bis⸗
weilen grünlichen, Berchem seinen gelblichen, Everdingen seinen
Silberton gehabt. Poelenburg und seine Nachfolger arbeiteten

1 Man vgl. z. B. Frankfurt, Städelsches Institut, Nr. 320
v. d. Velde) und ähnlich Nr. 8202; daneben zum Vergleich a. a. O.
Nr. 255 (0. d. Neer); in Wien Galerie Liechtenstein Nr. 5815 (Sachtleven)
und, besonders interessant durch das Experiment der Abendstimmung, den
nicht numerierten Everdingen derselben Galerie.