330 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Wogen der Nordsee von fast metallener Schwere und Dichtig⸗
keit zu sein scheinen, unmittelbar nach Sonnenuntergang; sie
ziehen dann wie flüssige Bronze daher; im Sinne dieser Auf⸗
fassung, aber die schweren Wogen unter Tageslicht gestellt,
haben die Idylliker nur zu oft das Meer gemalt, und ihre
Bilder zeigen dann etwas Undurchsichtiges, Lichtlos⸗Massives.
Über die Idyllik seiner Landsleute aber ragt einer empor:
Ruisdael. Auch er hat wohl gelegentlich das Heroische ins
Romantische, das Düstere ins Elegische gezogen, aber wo es
darauf ankam, stand ihm doch auch der Heldenton zur Ver⸗
fügung, und nie verlor er sich aus dem Erhabenen ins Mono⸗
tone. So hat er in seinem brandenden Haarlemer Meer bei
regendunkler Beleuchtung (Brüssel) die wilde Poesie der See,
in seinem Judenkirchhof (Dresden) den erhabenen Charakter
einer Ruinenwelt mit ergreifender Wahrheit zum Ausdruck ge—
bracht, und er hat es für richtig gehalten, bei solchen Absichten
bisweilen auch schon die Natur zu idealisieren, die Vedute zu
verlassen und einem persönlichen Stil zu folgen. Mit all
diesen Eigenschaften weist er, wenn auch entwicklungsgeschichtlich
in seiner Zeit stehend, doch über sein Jahrhundert hinaus in
die heroisch⸗idealistische Stimmungsmalerei späterer Zeiten.

4. Wir stehen am Schlusse des Entwicklungsganges
der großen niederländischen Kunst. In einfacher Stufenfolge
haben wir ihren Aufbau sich vollziehen sehen: von der noch
zeichnenden Malerei des Lokaltons schreitet sie fort zur all⸗
gemeinen Tonmalerei und von dieser zu den Problemen der
Belichtung. Aber an diesem Wege blühen tausend Blumen,
und spenden weitragende Bäume Jahrhunderte überdauernden
Schatten. Eine außerordentliche Fülle von Künstlern, von
denen viele hier nur gelegentlich und nur beispielsweise er—
wähnt worden sind, hat im Verlaufe dieser Entwicklung gewirkt,
und in dieser selbst ist das niederländische Volk mehr als je
ein deutscher Stamm zu einem Volke der bildenden Kunst ge—
worden.