334 —— Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Am stärksten waren die verbundenen italienisch⸗klassischen
Einflüsse vielleicht in der Baukunst und im Kunstgewerbe wirk⸗
sam. Und hier wird man wohl sagen dürfen, daß sie im Kunst⸗
gewerbe mindestens nicht geschadet haben. Freilich bleibt da⸗
neben bestehen, daß die Kleinkunst, vielfach den schwankenden
Launen der Mode unterworfen, doch im ganzen nur Eintags-
charakter hat und nur in Ausnahmefällen dazu berufen sein
kann, geschichtlich zu führen. Auf dem Gebiete der Baukunst
aber hat das fremde Wesen der Renaissance zweifelsohne im
höchsten Grade verwirrend gewirkt: trotz all der vielgerühmten
Deimlichkeit und Harmonie der deutschen Kunst dieser Zeit kam
es zu keinen wahrhaft großen, einheitlichen Schöpfungen, und
nur da, wo die Entwicklung der Gotik schon aus sich heraus
dem Raumsinne der Renaissance entgegengekommen war, oder
wo sie auf künstlerisches Neuland traf, hat die Baukunst der
Zeit wirklich Dauerndes und Charaktervolles geschaffen: in
Obersachsen, in Flandern und vor allem in Holland.

Faßt man den Eindruck all dieser Vorgänge zusammen,
so ergibt sich ein Bild, in dem man die besonders kräftigen
Zweige der modernen Phantasietätigkeit auch besonders früh
und energisch aus den verlaufenden Wassern der Renaissance
—R sieht, ohne daß sie in dem graden Wachstum
früherer Zeiten gestört worden wären, während die nach dem
Sinne des 16. und 17. Jahrhunderts im minderen Maße
modernen Kunstzweige noch lange unter den wogenden Fluten
fremder Einflüsse litten und erst spüt wieder ihre Entwicklung
im eingeborenen Sinne aufnahmen.

Es sind das vielleicht sogar in universalgeschichtlicher Hin⸗
sicht wichtige Beobachtungen. Denn wird man nach ihnen zu
der durchaus sicheren Überzeugung gelangen können, daß die
Renaissance für die Entwicklung der modernen Völker ein Ge⸗
winn war, insofern sich diese in sich charaktervoll zu vollziehen
hatte? Steht aber diese Überzeugung nicht völlig sicher, so
väre es in einem wichtigen Falle zweifelhaft, ob die welt—
geschichtliche Entwicklung in ihrer Aufeinanderfolge von Re—
Jaissancen und Endosmosen denn tatsächlich das brächte, was