Die darstellenden und die bildenden Künste. 335
man so gern in ihr suchen möchte und gesucht hat: den Fort⸗
schritt. Indes haben wir denn ein Recht zu einem absoluten
Urteil über eine für unsere gewöhnliche Auffassung so einzig⸗
artige Entwicklung wie die der Renaissance? Und kann es,
selbst in dieser Begrenzung, allein aus den deutschen Verhält—
nissen gewonnen werden? Kann es weiterhin heute schon als
abschließend gelten, da doch die Bewegung selbst noch fort—
daucrt? Der Historiker hat nicht zu urteilen, sondern sich im
reinen Verständnisse zu bescheiden!.

Das zweite Moment, das die Entwicklung der nationalen
Phantasietätigkeit im 16. und 17. Jahrhundert so zerrissen er⸗
scheinen läßt, ist in der Gabelung des Stromes der deutschen
Kultur in zwei Kanäle begriffen, den binnendeutschen und den
niederländischen. Und die Schwierigkeit des Verständnisses
wächst hier noch durch den Umstand, daß diese Gabelung beiden
Seiten keineswegs gleiche Vorteile ließ, vielmehr den schwächeren,
der Nation allmählich abhandenkommenden Teil mit den größeren
Kräften ausstattete. Die Folge war ein zunehmend stärkeres Ein⸗
strömen von Kulturelementen von diesem kleineren Teil in den
größeren und daher zwischen beiden Teilen kein Verhältnis
ebenbürtiger Haltung. Da ist es denn um so bemerkenswerter,
daß bei einem allgemeinen Überblicke die Nachteile des inneren
Deutschlands gleichwohl nicht so überwiegen, wie man zunächst
zu denken versucht sein könnte. Gewiß herrschten die Nieder—
lande schließlich auf dem Gebiete der Malerei wie auch auf
dem der Architektur und der Plastik. Aber die bildenden Künste
hatten nicht so tiefen Einfluß auf das Leben wie die dar⸗
ftellenden. Und hier war das Bild ein anderes. Gewiß war
die niederländische Dichtung der ersten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts der binnendeutschen uͤberlegen. Aber sie hatte zugleich
Ane Richtung eingeschlagen, die sie vom Nationalen abführte;
und vor allem, was ihren Einfluß auf das innere Deutschland
betraf: sie bediente sich einer Sprache, die sich eben jetzt end—

Diese Worte sind im Jahre 1896 geschrieben und gelaugen hier un—
verändert zum Abdruck.