340 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.
wenige Stichworte den Unterschied: vordem Reich, jetzt monstrum
informe; vordem Libertät, jetzt Souveränität der Fürsten;
vordem Territorium, jetzt Staat; vordem Reichsrecht, jetzt
Völkerrecht; und auf kirchlichem Gebiete vordem drei Viertel
des Reiches protestantisch, jetzt Osterreich und das größere
Drittel des gesamten übrigen Deutschlands katholisch. Und
doch! wer kümmerte sich zunächst und an erster Stelle um
diesen Umschwung des öffentlichen Wesens? Das, was die
Zeitgenossen aus den Verhältnissen ihrer nächsten Umgebung
zunächst grinsend anschrie, war ein furchtbarer Zustand wirt—
schaftlichen Elends mit seinen gesellschaftlichen und sittlichen
Folgen.

Gewiß ist nicht zu verkennen, daß der wirtschaftliche Rück—
gang Deutschlands schon lange vor dem Dreißigjährigen Kriege
hegann. Bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
stand die Nation unter den gegensätzlichen Wirkungen der beiden
großen Ereignisse der Wende des 15. und des Anfangs des
16. Jahrhunderts: der Reformation und der großen Ent—
deckungen. Während die Reformation auf der Grundlage eines
Individualismus, der vornehmlich der Entwicklung der Geld—
wirtschaft verdankt wurde, die Nation vorwärtsdrängte in
höhere Formen geistigen Daseins, wurde durch die Entdeckungen
und ihre Folge, die Ablenkung des Welthandels nach den West⸗
küsten Europas, derselben Nation die geldwirtschaftliche Grund⸗—
lage ihres bkonomischen wie geistigen Lebens je länger je mehr
oerkürzt.

Die Entwicklung seit dieser Zeit beruhte also schon auf
einer schwindenden wirtschaftlichen und sozialen Basis. Die
Städte und das Bürgertum schritten demgemäß nicht mehr
vorwärts; ältere Elemente früherer Kultur drängten sich
wiederum in den Vordergrund, und die politische Bühne war
erfüllt von kleinlichen politischen Zwisten der Fürsten. Und
diese eben waren es, die schließlich, unter stets ungünstigerer
Verschiebung der allgemeinen Kultur- und vor allem der Wirt—
schaftsgrundlage, in den Zusammenbruch des Dreißigjährigen
Krieges ausmündeten.