342 Archtzelmtes Buch. Erstes Kapitel.
diese Differenzen nicht; und man berichtet seine lokalen Er—
fahrungen mit dem Anspruch auf generelle Gültigkeit.

Ein richtiges Urteil und auch nur eine Anschauung für
die Gegenwart wird sich überhaupt aus den Einzelurteilen
der Zeit ebensowenig herleiten lassen wie aus ihren Einzel—
angaben und selbst aus statistischen Daten; will man klar sehen,
so bedarf es vielmehr zunächst einiger Worte über die geschicht⸗
liche und die geschichtlich schwankende Bedeutung der Kriege
überhaupt.

Wer wird einer Autorität wie dem Marschall Moltke
widersprechen wollen, wenn sie behauptet, Krieg sei unter allen
Umstäuden ein Unglück? Es ist ein an höchsten kulturgeschicht⸗
lichen Erfahrungen geläutertes Urteil. Gewiß vermag der
Krieg zu allen Zeiten heroische Eigenschaften, die schlummern,
zum Vorschein zu bringen und — in beschränktem Maße —
dielleicht sogar anzuerziehen. Aber da der Helden stets wenige,
der sittlich minder Energischen stets viele sein werden, so er⸗
weckt er auch, und zwar in ungleich höherem Grade, die un—
sittlichen Triebe der Massen. Das gilt für jeden Krieg: um so
mehr mußte es für jene Jahrzehnte währenden Stürme kriege⸗
rischer Ereignisse gelten, die in der ersten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts über das unglückliche Deutschland dahinbrausten.

Dazu kam aber ein weiteres Moment, das speziell in der
Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts gelegen war. Diese Jahr⸗
hunderte waren wohl schon zivilisiert genug, um die Schäden
des Krieges schwer zu empfinden; sie waren aber noch nicht
hinreichend kultiviert, um den Krieg in den Grenzen des Mög—
lichen zu vermenschlichen.

Auf niedrigen Kulturstufen ist der Krieg als Explosions⸗
zeit jugendlicher Leidenschaften und ungeregelten Tätigkeits⸗
dranges einer der häufigsten gesellschaftlichen Aggregatzustände.
Darum wird er nicht als so überaus schlimm empfunden;
Grausamkeiten gelten als erlaubt, und die Schäden pflegen bei
der geringen Konzentration des öffentlichen Wesens sich meist
zu zerspliltern und darum selten für das Ganze tödlich zu sein.
Anders auf den Stufen hoher Kultur. Hier besteht unter der