364 Achtzehntes Buch. Zweites Kapitel.
war Frankreich zweifelsohne die führende Macht Westeuropas:
und es lag auf der Hand, daß es jetzt Gewinne nachfordern
würde, die einzuheimsen ihm der Westfälische Friede noch nicht
gestattet hatte.

So drohten von Südwest und Nordost, von den großen
führenden Mächten des letzten Abschnittes des Dreißigjährigen
Krieges, dem Reiche auch fürderhin schwere Gefahren: der
Krieg hallte gleichsam in ihnen nach: ihre Befürchtung und
ihr Eintritt hat fast noch die ganze zweite Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts beherrscht; und nur in der energischen Sammlung
Osterreichs während der Türkenkämpfe der achtziger und neun—
ziger Jahre, sowie in der langsamen inneren Kräftigung
wichtiger Territorien im Reiche, vor allem Brandenburgs,
zeigten sich Spuren wahrhaft eigenständigen und fortschreitenden
volitischen Lebens.

Unmittelbar nach dem Friedensschlusse aber sah es im
Reiche überhaupt keineswegs danach aus, als ob nun all' Fehd'
ein Ende hätte. Schon die vorhandenen großen Soldheere auf⸗
zulösen, ergab sich als eine schwere Aufgabe, an deren Be—
wältigung man gelegentlich fast verzweifelte. Auch wenn sie von
französischen oder schwedischen Generälen geführt wurden, be—
standen sie doch zum großen Teile aus Deutschen: Deutsche vor
allem hatten sich gegen Deutsche in den letzten Jahren des Krieges
geschlagen und vom Kriege gelebt. Wohin jetzt diese verwilderten
Elemente verbannen? Es ist der Vorschlag gemacht worden, sie
systematisch zur Besiedlung des verödeten Landes heranzuziehen,
mit ihnen zu „populieren“, wie einst verlassene Gebiete des
Römerreichs durch Veteranen bevölkert worden waren. Schließlich
gelang es wenigstens, sie abzudanken, freilich unter Kosten, die
dem Reiche das Opfer vieler Millionen auflegten.

Und stand denn auch im übrigen die Ausführung der
Friedensbedingungen so gänzlich fest? Hatte man sich nicht
schließlich mehr aus Erschöpfung denn aus Friedensliebe ver⸗
tragen? Die Protestanten klagten über den Ausschluß ster—
reichs aus der allgemeinen Pflicht religiöser Duldung im
Reiche; die Katholiken fürchteten die Durchführung jener