Politische Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 367
beteiligten sich an ihnen aufs lebhafteste. Hatten nicht im
Dreißigiährigen Kriege eine Landgräfin von Hessen-Kassel, ein
Herzog von Weimar fast entscheidende Rollen gespielt? Nichts
schien auch dem geringsten unter diesen Fürsten minderen Maßes
unerreichbar, und für nicht wenige ward auswärtige Politik
zur Sucht abenteuerlicher Betätigung.

Es war ein Gefühl des Uberschwangs gleichsam nun end⸗

lich legitimierter Selbständigkeit, das durch diese Welt der
Fürsten ging. Jetzt war man frei, souverän: wo waren gegen⸗
uͤber der fürstlichen Libertät die anderen Stände des Reiches
geblieben? Die Reichsritterschaft war nunmehr im wesentlichen
auf den Südwesten des Reiches beschränkt; in Norddeutschland, in
Hsterreich, in Bayern war der Adel mit wenigen Ausnahmen
landsässig gemacht worden. And auch in ihrem eigensten Ver⸗
breitungsgebiete saß sie trotz ihres im Jahre 1577 geschlossenen,
1650 erneuerten Gesamtbundes keineswegs sicher. Von allen
Seiten her strebten die Fürsten ihre Einverleibung in benach⸗
barte Länder an; besonders die pfälzischen Kurfürsten gingen
in dieser Absicht energisch vor; und mit Muhe vermochte der
Kaiser sie zu erhalten, so viel er auch für sie eintrat, wohl⸗
hekannt mit den Sympathien, deren er gerade in ihren Kreisen
genoß. Denn an wen anders sollten die Reichsritter sich anschließen
Ils an den Kaiser? Er schirmte die katholischen Fürstentümer,
deren Kapitularstellen die nachgeborene Jugend der rRitterschaft
umwarb; er entnahm ihren Reihen reisige Krieger und gelegent⸗
lich auch noch Beamte und Heerführer; er war es, der ihre
exemte Stellung zur Aufrechterhaltung kaiserlicher Rechte auf
dem alten Reichsboden Süddeutschlands gelegentlich aufbot.
Freilich: diese exemte Stellung hat der Reichsritterschaft auf
die Dauer wenig genützt. Keiner Pflicht gegen das Reich,
weder der der Steuer noch der des Kriegsdienstes, es sei denn
bei Aufforderung des Kaisers in höchster Not, unterworfen, aber
auch keines Rechtes, am wenigsten dessen der Mitwirkung im
Reichstage, gewiß, ist sie schließlich das Aschenbrödel der Nation
geworden, ein verkümmerter Stand einseitigster und örtlichster
Interessen — alles andere als ein wirklicher Adel des Reiches.