372 Achtzehntes Buch. Zweites Kapitel.
im 17. Jahrhundert völlig dem Katholizismus gewonnen ward.
In ähnlicher Weise vertrat Sachsen das spezifische Luthertum.
Allein geschwächt durch Zulassung dreier Sonderlinien zu
Weißenfels, Zeitz und Merseburg, zudem unter den Konse⸗
quenzen seiner unglücklichen Politik während des Dreißigjährigen
Krieges nun keineswegs mehr Vertreter freierer protestantischer
Strömungen und Bedürfnisse, konnte es schon als eine kon⸗—
servative Macht zählen, deren altes Ansehen nur noch mühsam
durch historisch erworbene Ansprüche gedeckt wurde.

Im Gegensatze hierzu ward Brandenburg von Tag zu Tage
mehr die aufstrebende protestantische Macht; wir werden davon
später noch Genaueres zu hören haben. Und neben ihm traten
die Welfen auf den Plan. In kraftvollster, übersäftiger Aus—
bildung von Seitenlinien hatten sie sich während des späteren
Mittelalters und im 16. Jahrhundert zersplittert; jetzt hatten
Hausverträge der Jahre 1688 und 1686 wenigstens nicht mehr
als eine Dreiteilung ihres Landes noch zugelassen; und weitere
Reduktionen schienen in Aussicht. Und schon hatten die Welfen
auch in geistiger Beziehung eine besondere Stellung einzunehmen
hegonnen. Wie einst am Hofe des lustigen Herzogs Welf
die Fahrenden gezecht und gesungen hatten, wie in der Pfalz
Heinrichs des Löwen deutsche Dichtung gepflegt worden war,
so fanden jetzt geistige Interessen seitens der Nachkommen er⸗
neute Pflege; und eine freiere Strömung als die des kirchlichen
Protestantismus verbürate der Wissenschaft eine voraussetzungs⸗
lose Stätte.

Über all diesem reichen Leben aber, das sich auch in
mannigfach abweichenden politischen Strebungen äußerte, standen
nun Kaiser und Reich. Konnten sie es noch einheitlich gestalten,
zinden, zusammenhalten?

II.
Der Kaiser hatte kaum noch volle monarchische Rechte.
Er belehnte zwar formell noch alle Stände des Reiches.
Aber bei diesem Akte war selbst die alte Feierlichkeit schon