Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 403
verhinderte die Entwicklung der Grundlagen bürgerlichen Lebens
und Verkehrs, auf die hin an eine rasche Unifikation des
Lebens bisher verschiedenartiger Territorien an erster Stelle
hätte gedacht werden können.

Dazu kamen freilich noch andere Gründe. Einmal die
Tatsache, daß in Deutschland über den Territorien, zunächst
verhältnismäßig wenig umfangreichen Trägern der absolu⸗
tistischen Entwicklung, doch noch das Reich stand. Und immer—
hin besaßen auch im 17. Jahrhundert noch die Kaiser ab und
zu die Illusion, daß es ihnen möglich sein werde, von sich aus
einen deutschen Reichsabsolutismus zu begründen. Der Ge⸗
danke war freilich selbst zu den Zeiten Karls V. schon märchenhaft
gewesen; aber doch kam es von diesem Gesichtspunkte aus im
77. Jahrhundert noch zu gelegentlichen Reibungen zwischen
Reich und Territorien. In der zweiten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts wurde das Reich freilich daneben schon, wie wir noch
sehen werden, zugunsten der Entwicklung des territorialen
osterreichischen Absolutismus mit großem Eriolge in Anspruch
genommen.

Weiter haben auch die Reformation und der Dreißigjährige
Krieg, die in diesem Gedankengange zusammen genannt werden
müssen, zweifelsohne die Entfaltung des neuen Staates auf⸗
gehalten. Den deutlichen Beweis dafür liefert Frankreich; hier
unterbrachen die Religionskriege ebenfalls die ruhige staatliche
Entwicklung. Auf deutschem Boden hat schon die fortwährende,
großenteils durch den Gegensatz der Konfessionen bedingte, in
schweren Gegensätzen verlaufende politische Spannung des
16. Jahrhunderts die ruhige Arbeit an den in Bildung be—
griffenen Staatsterritorien vielfach gehindert; der Dreißigjährige
Krieg hat sie dann für längere Zeit geradezu aufgehoben.

So war man denn um 1630 nicht bloß äußerlich ohn—
mächtig; man war auch schon in der inneren politischen
Bildung gegenüber wenigstens den westlichen Nationen Europas
im Nachteil. Und es bedurfte darum um so mehr aller An—
strengung, um das Versäumte, teilweis nach dem Vorbilde der
Fremde, nachzuholen.

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