406. AEchtzehntes Buch. Viertes Kapitel.
anschwellende öffentliche Meinung zu befriedigen, die mit zu—
nehmender Kraft und Entschiedenheit die friedliche Wohlfahrts—
pflege des Landes forderte. Diese Lage ergab sich im ganzen
vor allem in Sachsen, in Braunschweig, in Hessen, in Württem⸗
berg und in Mecklenburg, — darum haben sich in diesen
Territorien die Stände gehalten; in Mecklenburg bekanntlich bis
auf den heutigen Tag.

Von besonderem Interesse innerhalb dieser Gruppe von
Territorien ist aber die Entwicklung in Württemberg und
Sachsen gewesen.

In Württemberg war das charakteristische, daß das
Bürgertum schon vom 16. Jahrhundert her unter den Ständen
eine so große Rolle spielte, daß hierdurch allein die Über—
führung des Territoriums in geldwirtschaftliche Verhältnisse
und damit der Fortschritt gemäß der immanenten Entwicklungs⸗
linie gewährleistet ward. Dies Übergewicht der Städte kam
daher, daß der Adel zumeist nicht frei war und die Prälaten
lutherisch und damit politisch unbedeutend geworden waren.
Zudem saß in der kritischen Zeit, als der Kampf zwischen
Fürst und Ständen hätte ausbrechen müssen, lange Jahre hin—
durch ein unfähiger Regent, Eberhard III. (bis 1674), auf
dem Throne des Landes. Übrigens verhinderte die gunstige
Zusammensetzung der Stände nicht ihre oligarchische Ver—
knöcherung; in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wenn
nicht früher trat diese offen zutage, und nun machten sich auch
starke absolutistische Neigungen der Herrscher bemerklich.

Sachsen hatte unter Kurfürst August in der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts einen überaus kräftigen Anlauf zum
patriarchalischen Absolutismus erlebt. Aber seitdem waren
unter den Johann Georgen des 17. Jahrhunderts Rückschritte ge—
macht worden. Der enge Anschluß des Herrscherhauses an ein
lebloses, verknöchertes Luthertum führte zur Konnivenz gegen
die „Libertät“ des Adels, der in seinen Interessen aufs engste
mit diesem Luthertum verknüpft war. Da dieser Adel aber zu—
gleich alle landständischen Einrichtungen verkörperte und be—
herrschte, so wuchsen nunmehr die Stände wieder zu neuer