436 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.
zgegangen, zumal sie fast nirgends grundrechtlich festgestanden
hatte, und neben der Gesetzgebung hatte sich außerdem ein
fürstliches Verordnungsrecht entwickelt, das bis zur Ver—
wischung jedes Unterschiedes zwischen Gesetz und Verordnung
erweitert wurde.

War nun aber diese fürstliche Allmacht in ihrer Aus—
wirkung nicht doch wenigstens an die inneren Gesetze ihres
Daseins, Werdens und Wollens gebunden?

Der Absolutismus war an sich nur eine Form des Staates
und der Regierung: er bedeutete als solche prinzipiell den
Alleinwillen des Herrschers. Der Inhalt aber, der diesem
fürstlichen Alleinwillen gegeben wurde, konnte sich nur aus
den tiefsten Kulturbedürfnissen der Zeit herleiten, wenn anders
er siegen sollte. Die Kulturbedürfnisse vom staatlichen Gesichts—
ounkte richtig zu erfassen und energisch durchzuführen, wurde
damit zur Hauptaufgabe absolutistischer Herrscher.

2. Da war nun die erste Anforderung vom Gesichtspunkte
des Staates her, daß sich der Staat zur Förderung der großen
wirtschaftlichen und sozialen Lebensziele der Zeit einen starken
Einfluß auf die bestehenden und die sich entwickelnden Grund—
lagen der Güterverteilung sicherte. Einen solchen Einfluß sucht
zu jeder Zeit jeder starke Staat zu erringen und zu wahren;
andernfalls würde er sich zur Leistungsunfähigkeit verdammt
sehen. Darum haͤtte z. B. der mittelalterliche Staat Grund—
eigen im höchsten Grade erstrebt und besessen: denn in natural⸗
wirtschaftlichen Zeiten ist Grundbesitz (neben der Disposition
über fremde Arbeit, die sich in dieser Zeit an den Grund und
Boden knüpft: Grundholde) das vornehmlichste Machtmittel.
Jetzt lagen die Fragen auf diesem Gebiete anders; die Geld—
wirtschaft hatte die Naturalwirtschaft abgelöst, und an die
Stelle der Verfügung über Grund und Boden und ländliche
Arbeit war die Verfügung über bewegliches Kapital und länd⸗
liche wie vornehmlich industrielle Arbeit der Volksgenossen ge—
treten. Sie vor allem mußte darum der neue geldwirtschaftlich—
absolutistische Staat anstreben.