438 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.
staat, an die Stelle der Stadt getreten: hatte er sich doch die
größte Anzahl der Städte unterworfen, wie er über das platte
Land waltete, und traten doch die Reichsstädte, auch weiterhin
noch Vertreter der mittelalterlichen Stadtautarkie, verhältnis—
mäßig hinter der Bedeutung der Landstädte immer mehr zurück.
War es da nicht selbstverständlich, daß auch der neue Landes—
staat sich als Wirtschaftsstaat zugleich zu fühlen begann und
als ein geschlossener Wirtschaftsbezirk mit eigenem Wirtschafts—
leben im Innern und eigener Wirtschaftspolitik nach außen
auftrat?
Ebendies geschah; und eben hiermit kombinierte sich das Be—
streben nach Beherrschung des beweglichen Kapitals und erhielt
dadurch zugleich seinen Inhalt. Merkantilismus im Sinne
einer rationalen landesstaatlichen Wirtschaftspolitik: das wurde
die Losung.

Der Merkantilismus als praktisches System wie als
theoretische Lehre ist indes nicht zuerst in Deutschland erwachsen:
aus dem schon wiederholt hervorgehobenen Grunde, weil die
Staatsform, von der er ausging, sich im Auslande früher ent⸗
wickelt hatte als bei uns. Wohl aber ist die Disposition, die
Tendenz, ihn durchzubilden, ein reines Erzeugnis auch der
deutschen Entwicklung. Während in Deutschland die wirtschaft⸗
lichen Studien noch durchaus bedingt waren durch den Inhalt
der Bibel und der klassischen Autoren, so daß jede ökonomische
Untersuchung an das Alte und Neue Testament anknüpfte
und Plato wie Cicero, vor allem aber Aristoteles wohl oder
übel für dringende Fragen der wirtschaftlichen Gegenwart, etwa
Münzkalamitäten oder Zollfragen, Gründe und Beweise liefern
mußten, hatten sich, zunächst in Italien, in dem Lande, wo man
den Staat schon früh als Kunstwerk ansah, bereits längst die
Anfänge des Merkantilismus entwickelt. Weitere Durchbildung
fanden sie dann weniger in Frankreich, wo noch Staats- und
Wirtschaftslehrer wie Tholosanus (7 1597) im wesentlichen auf
den Alten fußten, behaglich, anekdotisch, mit moralischen Ge—
sichtspunkten, ohne scharfe Definitionen und Beweise aus der
Gegenwart her, und nur bei Bodinus (f7 1596) einigermaßen