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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Lamprecht</surname>
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        </author>
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        EIGEIVI.
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U 25744
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        Übersicht
über

die Einteilung des Gesamtwerks.

A. Hauptwerk.

Abteilung
aund Inhalt

Band

Der
zanzen
Reihe
Band

Einteilung
nach Büchern

Anzahl der Kapitel!

Urzeit

und
Mittelalter

1. J.
2. II.
3. III.
4. IV.
L,1. V, I.
l. V, 2.
2. VI.
8, 1. — L.
3. 11. VII, 2.
1. VIII.
2. IX.
3. X.
4 XI.
XII.

Buch 1. 2. 3. 4. zu 2. 3. 3. 2 Kap
5. 6. 7. zu 3. 4. 3
8. 9. 10. zu 3. 4. 3
11. 12. 13. zu 3. 4. 3
14. 15. zu 4.2
15. 16. zu 2.4
17. 18. zu 4.4
19. 20. zu 4.2
20. 21. zu 2.4
22. zu 5
23. zu 5
24. zu 5
25. zu 5
Register und Nachträge.

Dazu Einleitung

Dazu Einleitung

II. Neuere Zeit
16. - 18. Jahrh.

Dazu Einleitung

III. Neueste Zeit
(etwa
1750 18701

Dazu Einleitung

Dazu Schluß.

Die Bände

VII, I. VII, 2. VIIIAXII befinden sich in Vorbereitung und sind
innerbalb nicht allzulanger Frist im Druck zu erwarten.
B. Ergänzungswerk.

Inhalt

Einteilun
Band! g
an nach Büchern

Anzahl der Kavitel

Jüngste Zeit
(1870 und Folge)

1.
II, I.
II. 2.

4 Bücher
2
2

zu 6. 6. 6. 6 Kap.
zu 6.6—⸗
314 6. 6 *

Dazu Einleitung
Dazu Umschau
Dazu Umschau
und Schluß.
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        Deutsche Geschichte

1.

Karl Tamprechst.

Der ganzen Reihe sechster Band.

Lrste und zweite Auflage.

Freiburg im Breisgau.
Verlag von hermann Hepfelder.
1904.
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        Deutsche Geschichte

Karl Lamprecht.

Zweite Abteilung:

Neuere SZeit.

Zeitalter des individuellen Seelenlebens.

Zweiter Band.

Erste und zweite Auflage.

Ireiburg im Breisgau.
Verlag von hermann Hepfelder.
1904.
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        *

·
—

* —
*2
5
*
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        Vorwort.

Nach längerer Unterbrechung wende ich mich der Fortsetzung
und Vollendung des Hauptwerkes meiner Deutschen Geschichte
zu. Wie den Lesern bekannt sein wird, sind inzwischen,
seit dem Abschlusse des fünften Bandes des Hauptwerkes,
einige Bände eines Ergänzungswerkes erschienen, welche die
jüngste deutsche Vergangenheit behandeln.
Über den weiteren Plan des Hauptwerkes unterrichtet im
allgemeinen ein Blatt, das jedem Exemplar dieses Bandes bei—
gefügt ist. Eine tiefere psychologische Fundamentierung der
—DD Jahrhunderts,
die zur neuesten, subjektivistischen Zeit hinüberführt und mit
deren Schilderung der achte Band beginnen soll, wird in
Vorträgen versucht werden, die der Verfasser auf ihm gewordene
Einladung im Herbste- dieses Jahres in den Vereinigten Staaten
teils auf dem wissenschaftlichen Kongresse zu St. Louis, teils
zur hundertfünfzigjiährigen Jubelfeier der Columbia-Universität
in New York zu halten gedenkt. Er hofft, deren Ergebnisse
noch vor Schluß des Jahres in einem Büchlein unter dem
Titel „Moderne Geschichtswissenschaft“ in deutscher Ausgabe
verlegen zu können.
Die Register dieses Bandes sind von Herrn Dr. Joh.
Martens, Assistenten an der Leipziger Universitätsbibliothek,
hergestellt worden.

Köln am Rhein, 30. März 1904.

K. Lamprecht.
        <pb n="7" />
        Inhalt.

Seite

Siebzehntes Ruch.
Erstes Kapitel. Boraussetzungen der Wandkung des
seelensebens vom 16. zum 18. Zahrhunderi.

Ausdehnung des räumlichen Horizonts ...
1. Allgemeine Wandlungen des geistigen
Lebens vom 16. zum 19. Jahrhundert. Besondere
Wirkungen auf das geistige Leben des 16. Jahrhunderts:
Erweiterung des terrestrischen (geographischen, ethno—
graphischen) Horizonts durch Steigerung des Verkehrs
innerhalb und außerhalb Deutschlands (Post, Zeitungen)
und durch den Eindruck des Zeitalters der Entdeckungen;
Erweiterung des kosmischen Horizonts durch die Lehre
des Koppernikus.
2. Unglückliche Entwicklung des inneren
Deutschlands unter den kommerziellen Konsequenzen
des Zeitalters der Entdeckungen. Ausnahmestellung der
Niederlande und Hamburgs. Glänzende Entwicklung des
Handels der nördlichen Niederlande (Handelskompanien
Kolonien). Rückwirkung auf die heimatlichen Zuftände.
II. Ausdehnung des zeitlichen Horizonts. . ..
—1. Inneres Deutschland. Neben den Offen⸗
barungsglauben tritt der Humanismus: doppelter histo—
rischer Horizont. Begrenzung dieses Horizonts durch die
Art der geschichtlichen Auffassung der Antike, das Ver—
hältnis des Christentums zur Antike und den Verlauf der
dogmatischen Entwicklung der Konfessionen. Toleranz.
Möglichkeit freierer Weltanschauung; Empordrängen des
alten Panpsychismus.
2. Glücklichere Entwicklung in den Nieder—
landen, abhängig von der Ausgestaltung des

3225

25—56
        <pb n="8" />
        VIII

Inhalt.

Seite

Calvinismus. Äußere Voraussetzungen für die Ge—
schichte des Calvinismus; innere nordniederländische Ge⸗—
schichte in den Jahren 1609 bis 1648 Verfassung, Ge⸗
sellschaft, politische Parteien) — ihr Zusammenhang mit
den religiösen Fragen (Remonstranten und Kontra⸗
cemonstranten, Ausgang der religiösen Streitigkeiten nach
der Synode von Dordrecht). Toleranz und Gewissens⸗
freiheit.
Wandlungen der sozialen Struktur in der
Richtung auf größere Freiheit des Indivi—
duumsßs
1. Inneres Deutschland. Entwicklung der Fa⸗
milie und ihrer Struktur auf dem platten Lande und vor
allem in den Städten, insbesondere Individualisierung
des Familienvermögens. Charakter der Familie und der
Ehe. Beruf und Berufswahl. Soziale Schichtung;
soziale Fuhrung durch das Bürgertum und intellektualistische
Kultur: gelehrte Stände. Wirkung des gelehrten Berufs⸗
wesens auf die Freiheit des Individuums. Allgemeine
Tendenz auf Lösung der mittelalterlichen Gebundenheit.
2. Niederlande. Verhältnis der sozialen Ent—
wicklung zur binnendeutschen; allgemeine geistige Folgen
ihrer Blüte. Zeichen sozialen Verfalls seit etwa dem
dritten Viertel des 17. Jahrhunderts. Militärische, poli—
tische, volkswirtschaftliche Folgen, geistige Haltung bis
zum Schluß des spanischen Erbfolgekrieges (1713). All⸗
gemeiner und endgültiger Verfall im Verlaufe des
18. Jahrhunderts.

III.

Zweites Kapitel. Asffgemeiner Charakter des individuatistischen
 Seelenlebens auf der Hoͤtze seiner Entwicklung.
. Der intellektualistische Charakter . .
1. Ältere Formen des Denkens. Urzeitliche
Analogievorstellungen. Mittelalterlicher Analogieschluß.
Mythologisches Denksystem, Wunderglaube und Autoritäts⸗
glaube. Möglichkeit und Charakter des Offenbarungs—
glaubens. Geschichte des Autoritätsglaubens und des
Wunderglaubens (Pandynamismus; Hexenwahn).
2. Entwicklung eines vornehmlich induk—
tiven und abstrahierenden Denkens. Verhältnis
der Geisteßs- und der Naturwissenschaften zu ihnen; In—

56—279

280 99
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        Inhalt.

1X

Seite

duktionsbeweis, Experiment; Verbesserung der Werkzeuge
der Beobachtung. Abschwächung der Autorität der Alten
ovornehmlich auf dem Gebiete der Naturwissenschaften
(Aristoteles), Entstehung selbständigen wissenschaftlichen
Geistes. Verhältnis dieser Entwicklung zu derienigen aui
dem Gebiete der Kunst.
iJ. Der ästhetische Charakter. . .
1. Zunehmendes Leben des Persönlichen
Steigendes Interesse an der Persönlichkeit. Perfoönlichkeits
bewußtsein und Gottesbewußtsein als Pole der individua
listischen Weltanschauung. Wendung zum Rationalismus.
Der Rationalismus und die Kunst.
2. Der ästhetische Charakter der einzelnen
Künste. Entwicklung des Gefühls für das Landschaft—
liche: Gartenkunst, Landschaftsmulerei, die Landschaft in
der Dichtung. Ästhetische Wiedergabe der Menschenwelt:
Entwicklung des Dramas.
3. Der Rationalismus und die Stimmungs—
ezlemente in den Künsten. Unterschied der bürger—
lichen und höfischen Stimmung im 16. und 17. Jahr—
hundert, Verhältnis der Künste, insbefondere der Musik,
zur Stimmung.

99 - 114

Drittes Kapilel. Wissenschaft und Weltanschauung.
RPandynamismus und RNaturalismus im 16. und
17. Jabrhundert.

J. Der Pandynamismus des 16. Jahrhunderts 115-128
1. Entwicklung einer pandynamistischen
Weltanschauung unter Beihilfe von Mystik, Astro—
logie, Alchimie, Magie, Neuplatonismus.
—AD—
Einflüsse Italiens, deutsche gemäßigte Forscher, Paracelfus
und seine Nachfolger.
3. Pandynamistische Philosophie: Nikolaus
von Kues, Kaspar Schwenckfeld, Sebastian Franck. Valentin
Weigel, Jakob Boehme.
Die Mathematik und der Naturalismus der
NRaturwifsenschaften im 16. und 17. Jahr—
hundert. . .
1. Seelische Grundlagen einer natura—
listischen Weltbetrachtung. Naturalismus des

II.

.128-146
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        Inhalt.

Seite

Mittelalters. Bedeutung der mathematischen Wissen—
schaft als einer Denkmethode für den Naturalismus des
16. und 17. Jahrhunderts.
2. Entwicklung der Mathematik: Die Mathe—
mathik der Alten, des Mittelalters, übergang zur Funk—
tionsrechnung und zur Infinitesimalmethode im 16. und
17. Jahrhundert.
3. Die Philosfophie und die Naturwissen—
schaften des 17. Jahrhunderts und die Mathe—
matik: der mathematische Analogiebeweis der Philo—
sophie, die mathematische Induktion der Naturwissen⸗
schaften. Weitere Entwicklung der Mathematik bis ins
19. Jahrhundert.
III. Geisteswissenschaften und Naturw iffen-—
schaften; Humanismus und Philologie . . .146-161
1. Entwicklungsgeschichtliches Verhältnis
der Naturwissenschaften und Geisteswissen—
schaften zueinander. Fermente der geisteswissen⸗
schaftlichen Bewegung: lumen naturale, Antike. Be⸗
deutung der Antike insbesondere.
2. Humanismus und Philologie; Geschichte
der Universitäten und Mittelschulen (Gymnasien, Kollegien).
3. Die klassfische Gelehrsamkeit: Nachklänge
des alten Humanismus, Entstehung einer Philologie im
inneren Deutschland, Blüte der Philologie in den Nieder⸗
landen: Lipsius, Scaliger, Verfall im 17. Jahrhundert.

IV. Geschichte und praktische Geisteswissenschaften
1. Historische und praktische Geisteswissen—
schaften. Begründung der Geisteswissenschaften in der
jeweiligen Psychologie der einzelnen Zeitalter. Die
Psychologie des 16. bis 18. Jahrhunderts gestattet keine
tiefere Ausbildung der historischen Geisteswissenschaften.
Besondere psychologische Lage im 16. und in der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts: die geschichtswissenschaft⸗
liche Auffassung dieser Zeit, Verhältnis derselben zur er⸗
wachenden Kritik.
2. Praktische Geisteswifsenschaften: Ihre Be⸗
gründung auf den Begriffen des Staats und der Kirche.
Miltelalterliche Anschauung von Staat und Kirche; ihr
Verfall: Umbildung der Anschauungen über den Staat
durch eine veränderte Rechtsauffassung des Genossenschafts⸗

162-2187
        <pb n="11" />
        Inhalt.

J

Seite

begriffs und die Einwirkung der Reformation (Luthertum
und Calvinismus) sowie des Katholizismus des 16. Jahr⸗
zunderts. Der naturrechtliche Staatsgedanke: Entstehung,
Ausbildung (Bodinus, Althus), erste Vollendung
Grotius).
3. Das protestantische und das katholische
Dogma und die Philosophie des Aristoteles.
Verhältnis des Dogmas der reformierten Kirchen zur
Philosophie. Entwicklung einer rationalen Anschauung
der religiösen Probleme: Naturreligion, Verhältnis des
duthertums zu ihr, Durchbildung der Naturreligion in
den Niederlanden.

V. Erste Systeme philosophischer Weltanschauung
1. Deduktion und metaphysisches Denken
vornehmlich deduktiver Art. Dieses Denken für
das Zeitalter charakteristisch. Descartes, sein System
und seine Bedeutung für die Entwicklung des allgemeinen
Rationalismus.
2. Fortbildung der cartesianischen Lehre
ins Mystische. Occasionalisten, Geulincx. Spinoza, sein
System und seine Bedeutung für das 17. wie das 18. Jahr—
zundert.
3. Schluß: Übersicht der geistigen Bewegung des
16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, Aussicht
in die Zukunft.

—187204

Biertes Kapitel. Die darstessenden und die bildenden
Künste.

— D
1. Seelischer Charakter der ältesten deutschen
Vokal- und Instrumentalmusik. Vermählung mit
den musikalischen Überlieferungen der Alten. Captus
lirmus und Sequenz. Kontrapunkt und Mensuralmusik.
2. Entstehung einer neuen weltlichen Kunst—
musik. Harmonifierte Volksmelodie. Madrigal und
Choral. Geistliches Festlied.
3. Entwicklung künstlerischer Instrumental—
musik (Orgelmusik, Symphonie). Ausbildung des Einzel⸗
gesangs durch Mysterium, Oratorium und Singspiel hin
ins Dramma per musica (Arioso, Rezitativ. Verbindung
von Einzelgesang und Instrumentalmusik. Entwicklung
        <pb n="12" />
        xI1

II.

III.

Inhalt.

Seit
des Dramma per musica, neue geistliche und Kirchen— aite
musik (Schütz).
Die Dichtung bis auf Sachs, Fischart und
Vondel. . F

230 - 260

1. Allgemeines: Musik und Dichtung. Richtung
der Dichtung auf Satire und Drama; Verfall älterer
Richtungen; Erweiterung der sprachlich-literarischen Grund—
lage; Abtrennung des Niederländischen.
2. Besfondere Entwicklung im inneren
Deutschland: Kleinere charakteristische Erscheinungen:
Gefellschaftslied, Kirchenlied, Einfuhr fremder Romane;
eigene Versuche im Roman. Drama und Schwank. Der
Schwank im besonderen: Anfänge, Schwanksammlungen,
Hans Sachs, übergang zum komischen (satirischen, grotesken)
Epos (Fischart). Drama: Der Humanismus und das
Drama, die Frage seines Einflusses auf Mysterium und
weltliches nationales Schauspiel; Hans Sachs als Dra—
matiker.
3. Entwicklung der niederländischen Dich⸗
rung: Periode der Rederijker, Ubergang der Dichtung an
den Norden (Amsterdam) volkstümliche Umgestaltung ihrer
zisherigen Entwicklung; Einflüsse der klassischen Philo—
logie, Entwicklung einer nationalen Renaissancedichtung,
hr Gipfelpunkt das Drama Vondels: Verfall der nieder⸗
ländischen Dichtung.
Baukunst, Bildnerei und Kunstgewerbe im
Zeitalter der Renaissance. ..
1. Kunstgewerbe. Auftreten der ersten Renaissance—
puren auf diesem Gebiete. Allgemeine heimische Voraus—
jetzungen der Blüte des Kunstgewerbes. Das Kunst⸗
gewerbe und der Ausgang der Gotik. Die Renaifsance
als Nachfolgerin der gotischen kunstgewerblichen Struktur.
Der Ornamentschatz der Renaissance. Eindringen der
Renaissance auf den einzelnen kunstgewerblichen Gebieten.
2. Baukunst und Bildnerei J.: Gebiete, in denen
die Renaissance an eine horizontal umgewandelte Gotik an—
schloß oder noch ziemlich von Kunstbauten freies Feld vor⸗
fand: Oberfranken und Obersachsen, Flandern (Renaissance
und Barock), Holland (Backhausteinstil und palladieske
Renaissance). Bildnerei Flanderns und Hollands; Ein—
wirkungen dieser Bildnerei auf das innere Deutschland.
Heimische Bildnerei Binnendeutschlands.

2602288
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        Inhalt.

3. Baukunst und Bildnerei II.: Gebiete, in denen
die Spätgotik nicht den UÜbergang zur Renaifsance vor—
bereitete: inneres Deutschland mit Ausnahme von Ober—
franken und Obersachsen. Gründe einer unübersichtlichen und
zebrochenen Entwicklung. Unmittelbare und mittelbare ita—
lienische Einflüsse. Einwirkungen Flanderns und Hollands
Die Malerei bis zum Abschluß des Zeitalters
von Rubens und Rembrandt... .
4. Entwicklungsstufen der deutschen Malerei
bis zum 16. Jahrhundert: Kontur, Farbe, Licht.
Besondere Probleme bei der Wiedergabe des Lichts; Zu—
jammenhang mit der malerischen Wiedergabe der Tiefen—
dimension. Italienische Entwicklung auf diesem Gebiete.
Ihr Einfluß im inneren Deutschland.
2. Einfluß der Italiener in den Nieder—
landen, insbesondere in Flandern. Aufschwung
der vlämischen Malerei über die italienische hinaus:
Rubens. Schüler und Zeitgenossen von Rubens. Aus—
zang der selbständigen vlämischen Malerei. Vlamland
und Holland als Schauplatz der Entwicklung der Malerei.
3. Entwicklung der holländischen Malerei:
Entwicklungsgeschichtliche Fortschritte über die vlämische
Malerei hinaus; Rembrandt. Zweige der holländischen
Malerei: Bildnis, Doelenstücke, Genre, Landschaft.
4. Entwicklungsmomente und Verfall der
niederländischen Malerei.
V. Schluß......
Momente, die den Entwicklungsgang des Geisteslebens
des 16. und 17. Jahrhunderts komplizieren: Renaissance
und Scheidung der deutschen Geschichte in eine binnen—
deutsche und eine niederländische. Ihre Bedeutung und
ihr Verhältnis zur weiteren Entwicklung der deutschen
Nultur.

IV.

XIII

Seite

288 -332

332 336

Achtzeßntes Ruch.

Erstes Kapitel. Wirtschaftliche und soziale Lage nach
dem Dreißigjährigen Kriege.
l. Die allgemeine wirtschaftliche Lage ..339-3848
Freude über den Friedensschluß. Schwierigkeiten der
wirtschaftlichen Lage schon seit dem 16. Jahrhundert.
        <pb n="14" />
        xv

Inhalt.

Seite

Charakter des bkonomischen Verfalles während des Dreißig⸗
jährigen Krieges nach den gleichzeitigen Quellen. Nach⸗
prüfung: entwicklungsgeschichtlicher Charakter des Krieges
im 17. Jahrhundert, Rückgang der Bevölkerung, Rück—
gang der Preise (Verluste an Seelenzahl und Reichtum),
——
Die bäuerlichen Verhältnisse.. * 348 -854
Die ländliche Verschuldung und ihre Konsequenzen.
Plünderung und andere Kriegsschäden. Grad der Ver—
odung des platten Landes. Zunahme der bäuerlichen
Knechtung. Folgen für die Bevölkerung des platten
Ldandes überhaupt.
Die wirtschafthichen Zustände des Bürger—
— .
Verhältnis des städtischen Verfalles zum ländlichen.
Vermögensverluste. Moralischer Verfall; Sucht nach
Geld. Lage der Industrie (Handwerk und Manufaktur).
Rückgang des Handels im Norden und im Süden. Reste
alter Größe.

II.

I114

355362

Zweites Kapitel. Bolitische Lage nach dem Dreißig·
jaͤhrigen Kriege.
Politik und Verfafsung—
Allgemeine politische Lage: Frankreich, Schweden und
das Reich. Entlassung der Landheere in Deutschland.
Beruhigung der Territorien bei den Bedingungen des
Westfälischen Friedens. Bündnisbestrebungen auf Grund
der neu errungenen Souveränität. Lage der anderen
Reichsstände (Ritter, Städte). Zahl und Art der einfluß
reichen Territorien.
Kaiser und Reich 313* .372 -3880
Verfassungsmäßige Stellung des Kaisers. Ausdehnung
der ihm verbliebenen Vollstreckungsgewalt. Der Reichs⸗
tag, Verfafssung und Kompetenz. Die Reichsfinanzen.
Die Kreiseinteilung. Gerichts— und Heerwesen. All—⸗
gemeiner Charakter des Reiches.

I.

II.

Drittes Kapitel. Allgemeiner Verlauf der Zurchbildung
des Absolutismus, vornehmlich in Deutschland.
Geistige und materielle Arsachen der Ent—
wicklung des Absolutismus . .

.

381886
        <pb n="15" />
        Inhalt.

X

Seite

Europäischer Charakter dieser Ursachen. Ihre spezifische
Ausbildung in Deutschland im Vergleiche mit Italien
und den Weststaaten (Frankreich, England). Allgemeine
Verbreitung des Absolutismus.
Die Durchbildung der Staatslehren des Ab—
solutiemus . . .
Wandlung der Staatsanschauung überhaupt vom
Mittelalter zur Neuzeit: Mechanisierung der Staatsidee,
Naturrecht des Staates, Konstruktion und Durchbildung
des Souveränitätsgedankens im Sinne des Absolutismus.
Entwicklung und Verlauf der einzelnen Theorien: die
deutschen Reformatoren; Macchiavelli; Bodinus; Auf—
nahme der Lehre des Bodinus in Deutschland; Grotius;
Hobbes; Hobbes' Theorie auf deutschem Boden (Hippolithus
 à Lapide): Vufendorf.
Entwicklung der absolutistischen Praxis in
Deutschland. . — F
Nachwirkung der Theorie und Praxis des patriarcha—
lifchen Absolutismus. Bedeutung der Souveränitäts—
bestimmungen des Westfälischen Friedens. Der territoriale
Absolutismus der Jahre etwa 1680 bis 1740. Der Ab—
folutismus der Aufklärungszeit.

1.

II.

Biertes Kapitel. Die Entwicklung der souveränen
Territorien bis ins 18. Jahrhundert.
Fürsten und Stände im 17. und 18. Jahr—
hundert — J

.

386 396

396 401

402 409

Allgemeine Hindernisse einer raschen Durchbildung des
territorialen Abfolutismus. Das besondere Hindernis
der Landstände. Die Stände in den geistlichen Territorien.
Verschiedenes Schicksal der Stände in den weltlichen
Territorien. Kampf der Fürsten mit den Ständen,
Stellung des Reiches in diefem Gegensatze. Innere
Gründe des Verfalls der Stände.

II. Die Verwaltung als Mittel zur Entwicklung
des absoluten Staates . .. —V —
Entwicklung der Finanzen: Abstreifung des natural⸗
wirtschaftlichen Charakters, Vermehrung der Einnahmen.
Weitere Durchbildung der Zentralverwaltung. Entwick—
lung des modernen Beamtentums (Buredukraties. Be—

410 -42]
        <pb n="16" />
        XVI

Inhalt.

Seite

lebung und Erweiterung der Lokalverwaltung im 18. Jahr⸗
hundert, Kampf gegen die Reste autonomer Verwaltungs⸗
bildungen aus dem Mittelalter.
Das Heer als Machtmittel des absoluten
Staates ... . 421 -434

III.

AÄltere Formen deutscher Heeresverfassung. Durch—
bildung der Soldheerverfassung seit dem 12. und 18. Jahr⸗
hundert: Serjanten, Landsknechte, Verfall der autonomen
Soldheerverfassung im Dreißigjährigen Kriege. An—
knüpfung der Fürsten an die Soldheerverfassung zur Ent—
wicklung eines miles perpetuus. Entwicklung einer
primitiven fürstlichen Soldheerverfassung im Verlaufe der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Konfkription,
Soldheer und allgemeine Dienstpflicht im 18. Jahrhundert.
Staatliche Fürsorge der absolutistischen Zeit
von etwa der Mitte des 17. bis zur Mitte
des 18. Jahrhunderts...
1. Allgemeines. Volle Durchbildung des absolu—
tistischen Staates, Untergang des Lehnswesens. Isolierung
und Individualisierung der Untertanen, Steigerung der
Symbolik der Herrschergewalt. Außere Unbedingtheit des
abfoluten Fürstenwillens. Momente innerer Bindung.
2. Merkantilismus. Grundmotiv zur Entwick—
iung des Merkantilismus. Gegebene Form seiner Ent—
wicklung in Deutschland. Durchbildung des merkanti—
listijschen Systems in Italien, Frankreich, England,
Deutschland. Möglichkeiten seiner Durchführung im Innern
hesonders des deutschen Territorialstaates.
3. Handelspolitik. Schwierigkeiten insbesondere
der merkantilistischen Handelspolitik auf deutschem Boden;
langsame Erfolge. Die Vorgänge auf dem Gebiete der
Entwicklung des Münzwesens und des Kredites, des Meß—
handels, des Transport- und Straßenwesens, der Post.
Interterritoriale Handels- und Zollpolitik. Tatsächlicher
Verlauf des deutschen Verkehrs und Handels. Versuche
internationaler Anknüpfung: außereuropäische Handels—
und Kolonialpolitik.
J. Personenregister
II. Sachregister

IV.

434 -460

461- 469
469 2482
        <pb n="17" />
        Siebzehntes Buch.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI.
        <pb n="18" />
        Erstes Kapitel.

Voraussetzungen der Wandlung des Seelenlebens
vom sechzehnten zum achtzehnten Jahrhundert.

1. Der allgemeine Charakter des seelischen Lebens in der
Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert wurde durch die großen
Vorgänge des ausgehenden 15. und des beginnenden 16. Jahr—
hunderts bestimmt. Wie der Regel nach diejenigen Erscheinungen
eines neuen seelischen Zeitalters zuerst auftreten, die sich auf
die ursprünglich am stärksten entwickelten Seiten der mensch—
lichen Seelentätigkeit, auf Gemüt und Phantasie beziehen, so
war in dieser Zeit in der bildenden Kunst und teilweis in
der Dichtung, vor allem aber in den großen Fragen gefühl—
voller Weltanschauung, in der Religion, die neue Stufe indivi—
dualistischer Kultur unter gewaltigem Kampfe der Helden wie
der politisch und geistig führenden gesellschaftlichen Massen er—
rungen worden.
Aber es fehlte viel, daß das individualistische Zeitalter
damit schon in volle Blüte getreten wäre. Vielmehr waren
eben auf dem Gebiete, das vielleicht das bezeichnendste dieses
neuen Zeitalters ist, auf dem intellektuellen, die Konsequenzen der
neuen seelischen Haltung erst noch zu ziehen. Denn hatte die
Kunst den Menschen jetzt in seiner Fähigkeit für die An—
schauung der Erscheinungswelt den Dingen so nahegebracht,
daß deren künstlerische Wiederbelebung, wenigstens soweit der
Umriß der Form und die Lokalfarbe des Gegenstandes in Be—
tracht kam, kaum noch Schwierigkeiten unterlag, und war durch
        <pb n="19" />
        Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

die Reformation ein unmittelbares Verhältnis zwischen dem
heilsbedürftigen Individuum und Gott, zwischen dem Selbst—
bewußtsein und dem Gottesbewußtsein geschaffen worden, so
war klar, daß diese Wandlungen auch für die intellektuelle
Entwicklung von den entscheidendsten Folgen sein mußten. In—
dem mit der neuen religiösen Anschauung Ernst gemacht wurde,
verflüchtigte sich der objektive Offenbarungsglaube, wie schon
die täuferischen Lehren wenigstens teilweis gezeigt hatten,
seiner praktischen Bedeutung nach zum inneren Erlebnis: die
Wunder fielen, und der menschliche Verstand trat der Welt der
Geschichte wie der Welt der Natur gegenüber souverän hervor,
bereit, beide nur vermöge seiner Mittel zu beherrschen. Und
indem die Welt der Erscheinungen dem intensiveren ästhetischen
Empfinden so nahe trat, daß ihre künstlerische Beherrschung
vermöge der in der einfachen Anschauung gegebenen Erfahrung
schon in hohem Grade vollendet erschien, mußte sich die Er—
weiterung dieser Erfahrung durch wissenschaftliche Mittel, wie
sie Optik und verwandte Wissenschaften darbieten, aufdrängen:
der Intellekt wurde auch hier, wenn nicht zum Herrn, so doch
zum immer anspruchsvolleren Diener der Einbildungskraft.
Nun sind diese Veränderungen freilich keineswegs rasch
eingetreten; in säkularen Wandlungen, auf Grund von tausend
und abertausend Wirkungen verschiedenster Art, nach der Weise
geologischer Revolutionen, haben sie sich vollzogen. Aber sie
mußten alsbald einsetzen, wenn auch zunächst nur in leisen
Anfängen; und dem Zeitalter vornehmlich künstlerisch-religiöser
Affekte folgte darum ein Zeitalter des Verstandes, die en—
thusiastische Periode des Individualismus wurde durch eine
intellektuelle abgelöst. Und schon gab es eine große Anzahl
oon geschichtlichen Zusammenhängen, die einen Fortschritt des
Seelenlebens vornehmlich in dieser, in der intellektualistischen
Richtung bedingten.
Hierhin gehört vor allem jene außerordentliche Erweiterung
des räumlichen Horizonts und damit des Horizonts auch des
geschichtlichen Völkerlebens der damaligen Gegenwart, die im
Verlaufe des 16. Jahrhunderts eintrat.
        <pb n="20" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 5

Es war eine Erweiterung, die in erster Linie dem steigenden
Verkehr einer in einzelnen Richtungen noch immer fortschreiten⸗
den Geldwirtschaft sowie teilweis auch politischen Bedürfnissen
berdankt ward; und sie brachte an erster Stelle die Deutschen
der verschiedenen Gegenden untereinander in viel engeren Zu—
sammenhang, als sie ihn jemals besessen hatten.
Gewiß hatten, wie schon im früheren Mittelalter die kirch—
lichen Institute, namentlich die Klöster und später die Universitäten,
so auch die größeren Städte und Territorien innerhalb eines
Handelsgebietes während des 14. und 15. Jahrhunderts unter sich
bereits in ziemlich regelmäßigem Verkehr gestanden; wir wissen
es z B. von den Hansestädten und dem Deutschen Orden, deren
speerbewaffnete Boten in ständigem Wechsel ihre Wege machten.
Allein von einem regeren Gedankenaustausche auf weitere Fernen
war deshalb doch noch nicht die Rede gewesen. Im ganzen
hatte es sich vielmehr nur um einen öffentlichen Briefverkehr
gehandelt, die Privatbriefe waren noch trocken geblieben und
formelhaft auf wenige Nachrichten beschränkt; und noch im
14. Jahrhundert hatte man im Grunde mit Mißtrauen auf
den schriftlichen Verkehr, der allein ausgiebig sein konnte, ge—
sehen und mündliche Bestellung für sicherer gehalten.
Wie anders wurde das im 16. Jahrhundert! Seit 1516
entstand ein regelmäßiger Postverkehr zwischen sterreich und
den Niederlanden quer durch Deutschland hindurch; zahlreiche
Posten von Städten und Fürsten wurden daneben errichtet
oder wenigstens besser ausgebaut; auf den Reichstagen regte
man immer häufiger den Gedanken einer Reichspost an, und
ein Schritt wenigstens zu ihrer Verwirklichung geschah im
dahre 1568, indem die Taxissche Post das ganze Reichsgebiet
mit ihren Einrichtungen zu überziehen suchte!. Diesen neuen
Verkehrsmöglichkeiten entsprach nun auch ein neuer Verkehr:
die Briefe wurden ausführlicher; eine genauere Kenntnis der
gegenseitigen Verhältnisse der einzelnen Reichsteile verbreitete

Genaueres hierüber s. Buch XVIII, Kap. 2 Nr. 6, am Schlusse
dieseß Bandes.
        <pb n="21" />
        Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

sich und fand dann allmählich auch in der Literatur einen nie
zuvor gekannten Widerhall; ja selbst Angelegenheiten des Herzens
kamen bereits brieflich zum Ausdruck: man begann das Korre—
spondieren „sich besuchen“ zu nennen, und man schrieb sich
Gesellenbrieflein“, die von Verehrung, Zuneigung, Freund⸗
schaft zu reden wußten.
Freilich hielt sich dieser Verkehr noch immer in sehr
mäßigen Grenzen — charakteristisch sind dafür die zahlreichen
Bestellungen, welche die Briefsteller zugleich für andere dem
Briefe einzuverleiben pflegten, sowie die noch länger andauernde
Verquickung des Privatschreibens mit der Zeitung, die dem
Briefe etwas Kollektivistisches gab —; aber doch war der
Fortschritt gegenüber dem Mittelalter gewaltig. Und seine
Folgeerscheinungen müssen als nicht minder wichtig betrachtet
werden. Höhere Aufgaben der Kultur können nur durch immer
stärkere Vergesellschaftung der Einzelnen gelöst werden, derart,
daß diese Vergesellschaftung, in sich reich gestaltet, nach Zahl
der vertretenen Individuen wie nach Inanspruchnahme dieser
für gemeinsame Zwecke immer mehr zunimmt; nur in solcher
Gliederung vermag der Mensch die Welt zu beherrschen. Nun
ist aber die regelmäßigste Form dieser Vergesellschaftung im
nationalen Verband gegeben. Darum wird eine Vermehrung
des Verkehrs und mit ihr eine Vermehrung der Assoziations—
möglichkeiten innerhalb dieses Verbandes immer von besonderer
Bedeutung sein: und darum ist die Liebe zur Nation, zum
Vaterlande, wie natürlich eingepflanzt, so auch und gerade vor
allem vom Standpunkte geschichtlicher Betrachtung aus ein
hervorragend sittliches Gefühl.
Aber der Kosmopolitismus steht deshalb nicht im Wider—
spruch mit ihr. Freie Liebe zur Heimat kann nur durch An—
erkenntnis fremder Leistung erreicht werden; dem Trieb zur
Vergesellschaftung im Innern muß ein assoziativer Aus⸗
breitungs⸗ und Tätigkeitstrieb nach außen, dem steigenden
gegenseitigen Verständnis innerhalb des Vaterlands ein wachsen⸗
der internationaler Horizont entsprechen.
Auch in dieser Richtung brachte das 16. Jahrhundert
        <pb n="22" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 7

Fortschritte. Sehen wir hier noch von den Zusammenhängen
ab, welche durch die Aufnahme fremder und Ausgabe eigener
Kulturelemente bedingt wurden, wie sie seit der Entwicklung
der Geldwirtschaft und des Verkehrswesens beständig stieg,
sprechen wir auch nicht von der erst jetzt auftretenden Ent—
faltung solcher nationaler Lebenserscheinungen, die, wie die
freie Wissenschaft, an sich internationalem Charakter zustreben:
was hatten in dieser Hinsicht nicht allein die Reformation und
das Kaisertum Karls V. gewirkt! Die eine zwang weit mehr
als bisher, den Blick anfangs nach Italien, dann nach den
Ländern der Reformation außerhalb Deutschlands zu richten,
die andere schob Spanien und die Maureskenstaaten in den
Gesichtskreis der deutschen Politiker.
Von dauernderer Wirkung waren freilich auch hier die er—⸗
weiterten Verkehrsbeziehungen. Nicht nur, daß sie zu innigerer
Beziehung der europäischen Staaten untereinander beitrugen,
wie sie sich in der zunehmenden Zahl ständiger Gesandtschaften
an den einzelnen Höfen aussprach: sie drängten auch den
Einzelnen ganz unmittelbar einem internationalen Horizonte zu.
Das einfachste Werkzeug der Vermittlung, an dem man auch
den Fortschritt am klarsten bemessen kann, waren hier die
Zeitungen.
Gewiß hat es auch im Mittelalter schon einen Nachrichten—
verkehr gegeben, den man als Vorläufer der Zeitungen be—
trachten kann. Aber wie unvollkommen war er, mochte es sich
nun um jene Lieder und Gedichte in Reimpaaren handeln, die
einzelne große Ereignisse behandelten und, nach der Erfindung
Gutenbergs bald gedruckt, noch bis zum Ende des Dreißigjährigen
 Krieges häufig blieben, oder um die Nachrichten,
welche in den Predigten namentlich der Bettelmönche durchs
Land liefen. Wie wenig solche Vermittlung des Neuesten
namentlich international eintrug, zeigt der räumlich so außer—
ordentlich, in den meisten Fällen sogar einseitig auf Süd- oder
Norddeutschland begrenzte Gesichtskreis unserer spätmittelalter—
lichen Chroniken.
Das eigentliche Zeitungswesen hat sich doch erst aus der
        <pb n="23" />
        Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Zunahme des Briefschreibens entwickelt. Schon im 14. Jahr⸗
—DD
Läufe“, d. h. neue Vorfälle auf und enthielten einen Kurs⸗
zettel oder andere Handelsnachrichten. Diese Angaben er⸗
schienen dann in den Briefen unter besonderen Rubriken, wurden
von hier zur Briefbeilage und emanzipierten sich schließlich
ganz vom Briefe. Bisweilen geschah das schon sehr früh,
uind so haben „Briefträger“ Einzelnachrichten wohl schon in
der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in den Trinkstuben
großer Städte verbreitet. Ausgeprägte geschäftliche Mittel⸗
punkte aber solcher zunächst noch immer brieflicher Nachrichten
entstehen doch wohl erst im 16. Jahrhundert. Als Haupt—
zentren können nunmehr gelten in Italien Venedig, Padua,
Bologna, Genua, Rom, in Deutschland vor allem Nürnberg,
dann Wien, Augsburg, Regensburg, Straßburg, Frankfurt,
Köln, Bremen, Hamburg, Lübeck, Leipzig, Breslau, zeitweilig
auch Wittenberg. An diesen Orten gab es Agenten, die Nach⸗
richten empfingen und, teilweis geradezu gegen ein Abonnement,
hrieflich weiter vertrieben. Und unter diesen Agenten befanden
sich, wenn auch wohl in freierer Weise tätig, recht bedeutende
Männer, so Melanchthon in Wittenberg oder auch Jakob Sturm in
Straßburg: „der hat alle Stund Botschaft zu fertigen,“ s chreibt
Zwingli von ihm. Hier und da wuchsen dann diese Ver—
mittlungsgeschäfte so oder wurden als so bedeutend angesehen,
daß man geradezu Korrespondenzbureaus errichtete, als deren
wichtigstes das Fuggersche in Augsburg zu gelten hatte.
Ein Berichtwesen dieser Art hat nun tief bis in das
17. Jahrhundert hinein fortgewährt, und es ähnelte je länger
se mehr den Leistungen etwa der heutigen politischen oder
dandelsagenturen. Dementsprechend war es zunächst nur für
Hochgestellte und reiche Zahler bestimmt; es hatte also einen
durchaus aristokratischen Charakter. Doch begann daneben auch
schon eine demokratische Entwicklung. Wie es scheint, ging sie
oon den Postmeistern der wichtigsten Verkehrsstraßen aus.
Durch deren Vermittlung liefen wohl von vornherein, sobald
regelmäßige Posten bestanden, viele Nachrichten an die Agenturen
        <pb n="24" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. H

ein. Nun fingen sie an, diese Nachrichten sich gegenseitig wie
auch anderen immer regelmäßiger und sicherer mitzuteilen: bis
aus solchen Anfängen schließlich die gedruckte Zeitung für das
große Publikum als sogenannte Ordinarizeitung erst in un—
regelmäßigem Erscheinen, dann in regelmäßiger wöchentlicher
Versendung hervorging. Es war die gegen Ende des 17. Jahr⸗
hunderts erreichte Entwicklungsstufe.
Freilich war deshalb die Ordinarizeitung keineswegs die erste
gedruckte und damit einem größeren Publikum zugängliche Zeitung.
Schon viel früher waren aus den Agenturen her gelegentlich
Nachrichten unmittelbar zum Drucke gelangt: zuerst wohl ein—
mal in Augsburg um 1505, dann schon in numerierten Reihen
seit 1366 und in regelmäßigen halbjährlichen und auch wohl
monatlichen Folgen in Köln, Frankfurt und Augsburg seit
1583. Allein diese Nachrichten waren anfangs nur zufälligen
Charakters und bezogen sich später teils auf einzelne Reihen
don Exeignissen oder nahmen mehr das Wesen allgemeiner
politischer Halbjahrsberichte an. Die Zeitung dagegen in einem
unseren Anschauungen mehr entsprechenden Sinne ist erst eine
Schöpfung des 17. Jahrhunderts; und als ihr frühestes er—
haltenes Denkmal kann die Straßburger Wochenzeitung von
1609 betrachtet werden.
Welch reiche internationale Umschau erschloß nun aber
trotz aller ihr noch anhaftenden Unvollkommenheiten selbst schon
die Zeitung des 16. Jahrhunderts! Schon die erste gedruckte
Zeitung des Jahres 1505 enthält Nachrichten über Brasilien:
eine neue Welt eröffnete sich den staunenden Blicken der Leser.
Aber freilich: welche Umwälzungen in der Kenntnis von Gott
und Welt vermochten auch gerade damals wenige Blätter
groben Papiers von schlichter typographischer Ausstattung im
weiten Kreise des Publikums zu veranlassen!
Zur selben Zeit fast, da Luther durch seine Schriften die
Nation in den Tiefen ihrer Seele vom Mittelalter losriß, voll—
endeten sich jene dreißig Jahre, die von dem schicksalsreichen
12. Oktober 1492, dem Tage der Entdeckung Amerikas, an bis
zur Auffindung des Seeweges nach Ostindien im Jahre 1522
        <pb n="25" />
        10

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

eine ganz andere Kenntnis der Erde zu vermitteln begonnen
hatten. Gewiß hatte der Kompaß schon seit dem 15. Jahr—
hundert den Schiffen unbekannte Wege über die Meereswüsten
der Vergangenheit gebahnt, und wesentliche Verbesserungen im
Schiffbau hatten Mut gemacht, sie zu betreten. Aber doch erst
jetzt war die Welt wirklich entdeckt; und erschien das Errungene
auch anfangs selbst für die größte Machtentfaltung unzugäng—
lich und unbeherrschbar, so gestattete doch die Erfindung des
Schießpulvers und des Feuerrohrs bald, auch diese Weiten zu
meistern. Nichts galt darum einer zweiten Generation von
Entdeckern und Eroberern bald mehr als unerreichbar, und
unglaublich wuchs auch in Deutschland der Drang, sich in aller
Ferne umzuschauen: „Mijn hart denct anders niet nacht
ende dach, dan om vremde lande te besien“, schrieb Lin—
schoten 1384 aus Goa an seine Eltern im stillen Enkhuizen.
Und Wunderdinge wurden daheim erzählt in ungelenker, aber
reizwoller Sprache von abenteuerlicher Seefahrt und fremden
Sitten, und selbst elastische Grenzen eines entgegenkommenden
heimatlichen Verständnisses wurden anfangs durchbrochen, bis
man sich, unter gewaltigster Erweiterung des alten Horizonts,
in dieser fremden Welt zurechtzufinden begann. Da folgten
dann, zumeist erst im 17. Jahrhundert, die Zeiten ruhigen und
ernsteren Verständnisses der neuen Erscheinungen, und die
wissenschaftliche Durchdringung der Fremde brach an. So
ging, den tausend Abenteurern, Kriegsknechten, Kaufleuten aus
Zem inneren Deutschland des 16. Jahrhunderts folgend,
Wilhelm Piso mit dem Grafen Johann Moriz von Nassau
als Arzt nach Brasilien und schrieb in Gemeinschaft mit einem
anderen deutfchen Landsmann, Marckgraff, ein treffliches Buch
über Klima, Naturgeschichte und Krankheiten des Landes
Aistoria naturalis Brasiliae, 1648). So verfaßte der Gou⸗
berneur van Rheede van Drakestein ein großes Werk über die
Flora seiner Statthalterei, den „Garten von Malabar“, 1678.
So war der Westfale Engelbert Kämpfer (1651- 1716) in
dieser Zeit der Autor der einzigen Geographie und Natur⸗—
geschichte Japans, die sich neben den Werken der Jesuiten sehen
        <pb n="26" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16 zum 18. Jahrhundert. 11

lassen konnte. So hat der Hanauer Rumpf das herrliche
Amboinse Kruidboek“ geschrieben, das Burman seit 1741 in
Amsterdam herausgegeben hat, vor allem aber die „Amboinsche
Rarität⸗Kamer“ (1705), eine Beschreibung der Wunderwelt
amboinischer Muscheln.
Und längst vorher schon hatten die neuen Entdeckungen An⸗
laß geboten, auch die kosmische Stellung der Erde ins Auge zu
fassen; denn als Magalhües seine erste Reise um die Erde (1519)
vollendet hatte, da hatte die Erfindung des Buchdrucks die Mär
in alle Welt getragen, daß die Erde nun ohne allen Zweifel
als Kugel erwiesen sei. Über diese Kenntnis hinaus in die
Weiten eines Standpunktes, der nicht mehr an das Zentrum
des Vaterlands, der mittelländischen Kulturwelt und Europas,
ja nicht mehr an das terrestrische Zentrum überhaupt geknüpft
var, aus der horizontalen Erdumschau hinein in den vertikalen
dorizont des Himmels konnte dann freilich nur noch die
Schnellkraft der kühnsten Hypothese tragen.
Das ptolemäische Weltsystem war auf die Überzeugung
von der unmittelbaren Realität der wahrgenommenen kosmischen
Bewegungen gegründet: die Erde stand demnach im Zentrum
aller Betrachtung, und alle Erscheinungen, die für eine helio⸗
zentrische Hypothese zu sprechen schienen, waren durch eine
große Anzahl anscheinend befriedigender Hilfsannahmen von
Jahrhundert zu Jahrhundert immer genügender gedeutet worden.
Der Konflikt der Wirklichkeit mit der unmittelbaren Erfahrung
ind UÜberlieferung, dies tiefste Thema der Geschichte des
Denkens und der Wissenschaften, schien also auf diesem Gebiete
aicht zu bestehen. Da erschien im Jahre 1548, vorsichtig dem
Papst Paul III. gewidmet, das Buch des Koppernikus: „De
osutionipus orbium eaelestium“. Ausgehend von einer
Anschauung, die sich in individualistischen Zeitaltern fast im
Sinne eines Axioms zu wiederholen pflegt, daß nämlich jede
Untersuchung der Natur nur dann gelingen könne, wenn ihr
die einfachsten noch eben denkbaren Annahmen zugrunde gelegt
werden, stellte Koppernikus hier mit uüberzeugender Energie die
selidzeutrische Hypothese auf. Und gewaltige Kämpfe zwischen
        <pb n="27" />
        12

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

dem alten und dem neuen System folgten: bis die Beobachtung
der Jupitermonde und der Lichtgestalten der Venus durch Galilei
noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Entscheidung
zugunsten der neuen Lehre brachte.
Es war eine Revolution sondergleichen, die den Köpfen
der Zeitgenossen mit der Annahme der koppernikanischen Hypo—
these zugemutet wurde. „Vielleicht ist noch nie eine größere
Forderung an die Menschheit geschehen“, urteilt Goethe:
denn was ging nicht alles durch diese Anerkennung in Dunst
und Rauch auf: ein zweites Paradies, eine Welt der Unschuld,
Dichtkunst und Frömmigkeit, das Zeugnis der Sinne, die
Überzeugung eines poetisch⸗religiösen Glaubens; kein Wunder,
daß man dies alles nicht wollte fahren lassen, daß man X
auf alle Weise einer solchen Lehre entgegensetzte, die denjenigen,
der sie annahm, zu einer bisher unbekannten, ja ungeahnten
Denkfreiheit und Großheit der Gesinnungen berechtigte und
aufforderte.“

2. Es ist zu nicht geringem Teile deutsches Denken und
Wirken gewesen, das im 16. Jahrhundert die Verschiebung des
nationalen Standpunktes zum kosmopolitischen, des terrestrischen
Horizonts zum heliozentrischen herbeizuführen begann. Allein
diese noch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts glücklich
verlaufende Initiative der Nation ging, wenigstens was das
innere Deutschland betrifft, seit der zweiten Hälfte dieses Jahr⸗
hunderts verloren. Das geistige Leben machte jetzt nicht die
erhofften Fortschritte mehr, das Verkehrsleben ging mit der
Abschwächung der geldwirtschaftlichen Erscheinungen überhaupt
zurück, die Teilnahme des inneren Deutschlands an der Auf—⸗
fuchung und Beherrschung der neuen Länder hörte auf, man
spann sich ein in die Fäden einer unbefriedigenden heimischen
Kleinpolitik.
Man kennt den Verlauf dieser Erscheinungen und ihre

Zur Farbenlehre (Werke Weim. Ausg. II. 3 S. 218f.).
        <pb n="28" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 13

hauptsächlichste Ursache. Die Entdeckung der Erde begann in
ihren Folgen, vornehmlich durch Verschiebung des Welthandels
an die atlantischen Küsten, Deutschland der Befruchtung des
allgemeinen Verkehrs mehr, als zu erwarten gewesen wäre, zu
entziehen, begann es zum Binnenland im schlimmsten Sinne
des Wortes zu machen. So geriet die Nation in eine Stellung,
aus der sie erst im 19. Jahrhundert durch die Entwicklung von
Verkehrsmitteln befreit worden ist, deren Charakter die Ent—
fernungen unserer Binnenländer von der atlantischen Küste
wenigstens für die Anforderungen des Welthandels so ziemlich
ausgleicht. Im 16. Jahrhundert aber war eine Rückbildung der
deutschen Volkswirtschaft nvermeidlich. Zwar erhielt sich das
Bürgertum noch längere Zeit hindurch im alten Reichtum,
doch ohne Tatkraft; damals ist das Wort Schlaraffe für einen
reichen Müßiggänger allgemeiner geworden: und an die Stelle
der Städte, die im 16. Jahrhundert noch immer die deutsche
Kultur beherrschten, traten stets deutlicher im 17. Jahrhundert
die Territorien mit ihrer geringeren kulturellen Entwicklung,
bis mit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts das bürger⸗
liche Bildungsideal vom höfischen abgelöst ward.
Aber ein Teil noch immer als deutsch gerechneter und
teilweis geradezu deutscher Lande brauchte diese Entwicklung
nicht mitzumachen und hat sie nicht mitgemacht: die nördlichen
Niederlande, Ostfriesland und Niedersachsen; denn diese Länder
hatten den Vorteil der Lage an der eben erst jetzt recht fruchtbar
werdenden atlantischen Küste.
Gleichwohl schlug auch hier die Entwicklung verschiedene
Wege ein. Der größte Teil zunächst der in Betracht kommenden
Küste war in den Händen des friesischen Stammes, und noch
heute ist die friesische Kultureinheit der überwiegenden West⸗
hälfte dieser Küstenländer augenscheinlich: in gewissen Straßen
Leers kann man sich nach Alkmaar, auf gewissen Plätzen
Emdens nach Leiden versetzt fühlen. Allein dieser reichbegabte
Stamm war schon längst nicht mehr politsch einig; die Ent⸗
wicklung der Grafschaft Holland vom Rheindelta her hatte ihn
als Ganzes bereits im Mittelalter gesprengt, zumal das Reich
        <pb n="29" />
        Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

in diesen Gegenden nur sehr wenig herrschend und einigend
einzugreifen pflegte; und vollends war eine unterschiedliche Ent—
wicklung seiner Teile im 16. Jahrhundert, seit den nordnieder—
ländischen Kämpfen gegen Spanien und ihren Ergebnissen ein—
getreten. So war im friesischen Gebiete des Küstenlandes eine
einheitliche Entwicklung nicht zu erhoffen: alle Gunst der
Lage fiel hier vielmehr nur einem, dem geschichtlich ungleich
regeren und auch geographisch bevorzugten nordniederländischen
Teile zu.

Im niedersächsischen Küstenlande aber kam es ebensowenig
zu einer einheitlichen Entwicklung. Im 16. Jahrhundert lagen
diese Gegenden der eben erst beginnenden atlantischen Be—
wegung noch zu fern; im 17. Jahrhundert gingen Bremen und
Verden an Schweden über, um dann 1719 an Hannover zu
fallen, an jenes Haupthinterland, das seit 1713 von englischen
Königen beherrscht ward. Wie hätte sich da eine freie Initiative
zur Teilnahme an den Sorgen und Vorteilen einer selbständigen
deutschen atlantischen Stellung ausbilden sollen? So blieb in
Niedersachsen nur Hamburg für eine solche Aufgabe übrig;
und tapfer hat es sich in dieser Hinsicht in dem engbegrenzten
Rahmen dessen bewegt, was einer einzigen Stadt zu leisten ver⸗
gönnt war. Seit dem 16. Jahrhundert ist die Stadt in lang—
samem Aufschwung, der anfangs des 17. Jahrhunderts noch
einmal durch Glückstadt, einen vom Dänenkönig Christian IV. um
1616 als Rival begründeten Platz, bestritten wird: aber dieser
Zwischenfall hält die Stadt nicht auf; nachdem eine erneute Be—
arbeitung und kodifizierende Vermehrung des Stadtrechts von
1497 in den Jahren 1603 —1608 die sichere innere Entwicklung
eingeleitet hat, die noch heute fast ohne Unterbrechung fort—
währt, erblüht sie rasch nicht bloß zur Handelsmetropole des
unteren Elbgebietes, sondern zur geistigen und kommerziellen
Metropole auch fast des gesamten skandinavischen Nordens:
vor allem das damals fast halbdeutsche Dänemark wird von
ihm beeinflußt. So geht Hamburg schon aus den Nöten des
Dreißigjährigen Krieges mit reichen Hoffnungen hervor, eine
Welt für sich, in der nach den Worten des Balthasar Schuppius
        <pb n="30" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 15

„die Einwohner in guter Ruhe und Sicherheit saßen, wie die
Kinder Israel im Lande Gosen, als der Herr ganz Ägypten
mit allerlei Plagen schlug“.
Und so waren es um die Mitte des 17. Jahrhunderts
schließlich die Niederlande und Hamburg, die, abweichend von
den Schicksalen des übrigen Deuts chlands, dem Einfluß einer be⸗
sonderen, die großen geldwirts chaftlichen Traditionen des 15. Jahr⸗
hunderts fast unmittelbar fortsetzenden Entwicklung unterstanden.
Es ist das Motiv gewesen, das uns die Niederlande schließlich
völlig entfremdet und das dem Hamburg des 18. Jahrhunderts
enen besonderen Charakter gegeben hat, dessen Spuren noch
jeute andauern.
Während aber Hamburg erst seit der Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts auf die Höhe der Vorteile atlantischen Küstengebietes
zu gelangen begann, so daß deren geistige Folgen erst in der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und im 18. Jahrhundert
in einer blühenden Oper, einer emporstrebenden Malerei und
einer weitverzweigten Literatur zum Ausdruck gelangten, haben
die Niederlande die Wohltaten ihrer besonderen Stellung schon
im 16. Jahrhundert teils infolge besonderer Gunst der Lage,
teils als Ergebnis ihres gewaltigen religiös-politischen Eman—
zipationskampfes genossen; in der ersten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts stehen sie auf der Höhe ihrer Kultur, und schon die
Neige dieses Jahrhunderts bringt den Rückgang.
Die niederländische Kultur bedeutet damit seit etwa 1580
über die Zeit von drei Menschenaltern hinaus die Höhe der
deutschen Kultur überhaupt; und sie weist in dieser Zeit mehr
als einen Zusammenhang von Erscheinungen auf, der alle Er⸗
rungenschaften des Binnenlandes überragt. Sie nimmt daher
in der deutschen Geschichte dieser Zeit eine Stellung ein, welche
die Sonderkultur kaum irgend eines deutschen Gebietes zu
irgend einer Zeit sonst gehabt hat; sie ist fast schlechthin
führend. Und so bedarf es, um die binnen-deutsche Kultur
dieser Zeit zu verstehen, einer intimen Kenntnis der nieder⸗
ländischen Entwicklung. Wir suchen sie im folgenden, im An⸗
schluß an die früher gegebene politische Geschichte der Nieder—
        <pb n="31" />
        I0

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

lande bis zum Jahre 16091, zunächst so weit zu erreichen, als
sie sich in dem Inhalt der bisher erzählten gemeindeutschen
Entwicklung, diesen freilich überholend, bewegt.

Großhandel und Seefahrt waren in der Höhezeit des
Mittelalters Sache wesentlich der südlichen Niederlande ge—
wesen?. Hier mußte sich schon als Folge der gewaltigen In—
dustrie Pperns, Gents und der brabantischen Städte ein reger
Verkehr ausbilden; dazu kam der Umschlag des Welthandelsplatzes
 Brügge. Die großen Zeiten des südniederländischen
Handels reichen noch in das 15. Jahrhundert hinein; und noch
in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erscheinen die Nord—
niederländer der Seeprovinzen fremden Beobachtern ärmlich
genug; ihre jungen Leute gehen einen Teil des Jahres zur
See und fahren, vielfach in anderer Völker Dienst, nach Deutsch—
land, Skandinavien oder Spanien, um im Herbste daheim den
Heringsfang zu treiben; und nur im Winter lebt man ver—
gnüglich. Es sind die Zeiten, in denen die Azoren noch immer
nach dem Handel der Südstaaten .De Vlaamsehe eilanden“
heißen.
Aber um diese Zeit begann sich doch schon der nordnieder—
ländische, der holländische und seeländische Eigenhandel mächtig zu
heben. Im Jahre 1532 erklärte der Haager Statthalter Karls V.
nach Brüssel: die Ostseefahrt sei den nördlichen Pryvinzen un—
entbehrlich; Ackerbau allein könne die Bevölkerung nicht mehr
ernähren. Man fahre zwar auch nach England, Frankreich,
Spanien, Portugal, allein lediglich, um Frachten für den
baltischen Verkehr zu holen. Und die Nord- und Ostseefahrt
ist denn in der Tat noch lange die wichtigste Reise der
Holländer geblieben; von hier holte man Getreide aus den

1S. Band V, 2, S. 544-607.
2 Dieser Abschnitt sowie die noch folgenden Episoden nordnieder—
ländischer Geschichte sind schon gedruckt in den Neuen Jahrbüchern f. d.
klass. Altertum, Geschichte u. deutsche Literatur u. f. Pädagogik, Jahr—
gang 1902, J. Abt., Bd. 9 S. 459 -483.
        <pb n="32" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 17

baltischen Provinzen, Schiffsbaumaterial aus Norwegen, Eisen
aus Schweden, mannigfache Produkte endlich aus den Fluß—
gebieten Norddeutschlands und Polens. Im Jahre 1640 gingen
3450 Schiffe durch den Sund; davon führten 1600 holländische,
430 englische und nur 147 noch lübische Flagge.
Aber neben den nordeuropäischen Verkehr trat seit dem
gewaltigen Aufschwunge des Landes in der Zeit seiner Befreiung
immer mehr auch südeuropäischer und ozeanischer. Was be—
deutete es für diesen Verkehr nicht allein, daß von den Kaper—
briefen an, die Wilhelm von Oranien den Wassergeusen erteilt
hatte, bis zum Ende des 16. Jahrhunderts eine glänzende
Orloogsflotte der nördlichen Staaten entwickelt ward, deren
Admirale den Ruhm des Landes durch alle Welt trugen! Und
wie wichtig war es, daß in dieser Zeit durch Personalunion aller
großen Amter in den Händen der Oranier eine wesentlich ein—
heitliche Behandlung der Verkehrs- und Handelsfragen ge—
schaffen ward!
Bedeutsamer aber noch für den plötzlichen, fast unvermittelt
ins unerhörte steigenden Aufschwung Nordniederlands während
des ersten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts war die Be—
fruchtung mit südniederländischem Kapital, wie sie mit dem
endgültigen Siege der Spanier über Flandern und Brabant
eintrat. Das bezeichnendste Ereignis war hier der Fall Ant—
werpens im Jahre 1585. Von da ab gab es keinen Groß⸗
handel im Süden mehr; mit den Zehntausenden kleiner Gewerb—
treibender, die schon früher die geknechteten Provinzen verlassen
hatten, wanderten jetzt auch die Großkaufleute aus, ein Moucheron,
Usselincx, Isaak und Jakob Lemaire; und fast alle wandten sich
dem Norden, Holland und Seeland, zu. Was das bedeutete,
mag das eine Beispiel Balthazars de Moucheron zeigen. Als
Moucheron im Zahre 1597 oder 1598 von Middelburg nach
der kleinen, nördlich von Middelburg auf der Insel Walcheren
gelegenen Stadt Veere übersiedelte, verpflichtete er sich, gegen
Uberlassung von Waren⸗ und Wohnräumen durch den Rat,
jährlich ungefähr 18 Schiffe von Veere aus- And einlaufen zu
lassen. Diese Schiffe gingen unter dem buggundischen Kreuz
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 2
        <pb n="33" />
        18 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

im grünen Feld, der Flagge Moucherons, nach dem Senegal,
nach Kap Verde, Guinea, nach der Goldküste, nach Frankreich
und Spanien; außerdem handelte Moucheron noch nach Tripolis
und Amerika und legte den Grund zu den ersten Nordpol⸗
fahrten, zur Fahrt nach dem Weißen Meere und zu der
holländisch-russischen Verbindung nach Moskau, die später
Peter den Großen nach Zaandam geführt hat.
Diese Südniederländer aber brachten zur Übernahme kauf—
männischer Aufgaben, welche die damals bekannte Welt um—
spannten, nicht bloß Kapital mit, sondern noch mehr: einen
altererbten Wagemut; und gerade mit diesem haben sie die
Holländer befruchtet. Es war in ihrem Sinne, wenn später
ein niederländischer Kaufmann äußerte: „que si, pour gagnor
dans le commerce, il fallait passer par l'enfer, il hazardexait
 de brüler ses voiles“. So versteht man es, wenn
Moucheron trotz seines Reichtums 1603 Bankerott machte, wenn
Usselincx als Bettler starb, während der eine Lemaire sich nach
einem Verluste von 1/s Millionen längere Zeit noch eben über
Wasser hielt.
Aber freilich: was ward mit diesem kühnen Einsetzen des
eigenen Daseins gewonnen! Noch bis 15085 war den Holländern
die Fahrt über die Meerenge von Gibraltar hinaus so gut wie
unbekannt gewesen; im Jahre 1649 aber erklärten die Direktoren
des Levantehandels: „Wenn wir das Mittelmeer nicht mehr
frei befahren dürfen ..., wo soll Haarlem seine Manufakturen
lassen, wo Leiden seine Tuche, wo die Seestädte den Hering?“
Und doch spielte um diese Zeit der Mittelmeerhandel nur
noch eine untergeordnete Rolle gegenüber den Welthandels—
beziehungen, die sich seit Ausgang des 16. Jahrhunderts ent⸗
wickelt hatten.
Die Anfänge in dieser Richtung waren klein; und eine
Anzahl von Ursachen mußte in ihren Wirkungen zusammen⸗
treffen, um der Entwicklung den Aufschwung der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts zu geben. Schon seit etwa 1568 hatte, teil⸗

Lettreès d'Estrades J S. 28.
        <pb n="34" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 19

weise infolge des Auftretens der Geusen, der Kaperkrieg eine immer
größere Ausdehnung angenommen; aus den heimischen Ge⸗
wässern war er auf die Bahnen der südeuropäischen, ja der
Weltmeere gelenkt worden. Bald aber schlossen sich an ihn, dem
uralten, sich ewig wiederholenden Zusammenhange von Piraten—
tum und Kaufmannschaft gemäß, einzelne Handelsunternehmungen
an. Ein größerer Zug kam dann in diese Anfänge seit 1581
und 1585. Nach der Eroberung Portugals durch Spanien war
den aufständischen Niederlanden der Bezug indischer Waren
aus zweiter, portugiesischer Hand unmöglich gemacht; um so mehr
suchte man sie aus erster Hand, durch eigne Indienfahrten, zu
erlangen. Aber immer noch waren diese Unternehmungen,
so frisch und lebendig sie durchgeführt wurden, höchst gewagt:
die Spanier suchten jedes einzelne Schiff wie jedes kleinere
Geschwader abzufangen und zu vernichten.
So lag es nahe, von dem bisherigen Betriebe des Handels
und der Schiffahrt, wie er in Gilden für den kleinen Ver—
kehr organisiert war oder von einzelnen Kaufleuten riskiert
wurde, zu größeren Organisationen überzugehen und an die
Stelle der genossenschaftlichen oder persönlichen Unternehmung
die nach Art unserer Aktiengesellschaften zu begründende Handels—
kompanie zu setzen; denn sie allein konnte die notwendigen
Kapitalien aufbringen, die gewaltige Gefahr genügend tragen
helfen. Wo aber war eine solche Wandlung leichter möglich
als in einem Lande wie Nordniederland, das fast nur dem
Handel zu leben begann? Einmütig und gleichmäßig ging man
an das Wagnis solcher Kompanien heran; und die meisten,
wenn nicht gar alle Städte des Landes pflegten sich als solche
mit einem Kapitaleinschuß an ihnen zu beteiligen, indem sie
innerhalb der Kompanien durch Direktoren vertreten waren, die
der Bürgermeister oder der Rat nach Vorschlägen der wichtigsten
Aktionäre unter seinen Bürgern ernannte. Und indem die
Gründung dieser Kompanien ein von allen begriffenes öffent—
liches Interesse wurde, war es auch möglich, sie von Staats
wegen mit öffentlichen Rechten auszustatten; sie erhielten zumeist
das Monopol für die Handelsbeziehungen, zu deren Pflege sie
        <pb n="35" />
        20 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

begründet waren; sie wurden halbstaatliche Gebilde und ver⸗
mochten deshalb in den Ländern, mit denen sie ihre kommerzielle
Tätigkeit in Verbindung brachte, nach Bedürfnis auch erobernd,
staatsbildend, kurz, in der Ausübung der wichtigsten souveränen
Rechte aufzutreten.
Wie aber wäre die erfolgreiche Entwicklung solcher Kom⸗
panien denkbar gewesen ohne ständigen kriegerischen Schutz
seitens der Heimat? Nicht bloß Kauffahrer, auch Kriegsschiffe
zugleich bildeten die Flotten dieser Kompanien, und hinter ihnen
— DDD
geschwader der Republik. So verbanden sich überall in den
niederländischen ozeanischen Unternehmungen seit der Wende
des 16. und 17. Jahrhunderts, seit der ersten Flottenexpedition
des Admirals Hugo van der Does vom Jahre 1599, Handel
und Kriegstat, und die vielen holländischen Namen von Ort—
schaften und Ländern, die seit dieser Zeit allenthalben auf
unserem Planeten die große Zeit der Republik bezeugen, von
Spitzbergen bis Neuseeland, von Vandiemensland bis Mauritius,
verdanken ebensosehr der Entwicklung der Handelsbeziehungen
wie seemännischen Heldentaten ihr Dasein.
Dehnte sich aber die Republik so über alle Welt hin aus,
so bedurfte es für das Vorgehen ihrer Flotten auch europäischen
Schutzes. Als ein Eindringling erschien der junge Staat den
älteren Handelsvölkern und als ein Konkurrent bald auch dem
im ersten Flügelschlag sich regenden England'; wie waren ihre
Bewegungen vor deren Angriffen sicherzustellen? Es geschah
durch die stille Arbeit ihrer Gelehrten. Handel bedeutet Frieden;
und so ward ein enthusiastischer Verehrer des endlichen großen
Weltfriedens als des Zielpunktes aller menschlichen Entwicklung
zum glänzendsten patriotischen Verteidiger holländischer Freiheit
zur See. Im Jahre 1609 erschien Hugo Grotius' Mare liberum,
 und alsbald im Eingange dieses Werkes stellte der Ver—
fasser als unverbrüchliches Axiom hin, daß es kein ursprüng-—

Der englische Handel nach Ostindien betrug 1618 etwa ein Drittel
des holländischen; Lafpeyres S. 67.
        <pb n="36" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum i8. Jahrhundert. 21

licheres und unzweifelhafteres Fundament alles Völkerrechts
gebe als den Satz, daß der Handel der Völker miteinander
frei sei: „Deus hoc ipsum per naturam loquitur.“ Was
aber Grotius, Graewinkel und nach ihnen Hunderte von
holländischen Juristen als natürlichstes Recht verfochten, das
kam zu jener Zeit vor allem ihrem Vaterlande zugute.
Im Jahre 1602 bildete sich die erste große Handelsgesell—
schaft, die ostindische Handelskompanie, mit einem Kapital von
65 Tonnen Goldes (6e Mill. Gulden). Die Provinz Holland
zeichnete über 318 Millionen, Seeland fast 19/2 Million; etwa je
eine halbe Million übernahmen Enkhuizen und Delft, nicht ganz
300 000 Gulden Hoorn, nicht ganz 200 000 Rotterdam. Und
schon 1605 nahm Steven van der Haghen im Auftrage dieser
Gesellschaft den Portugiesen Amboina weg, nachdem er fünf
Jahre früher zum ersten Male vor den Inseln erschienen war.
Die Art, wie er Zugang fand, ist typisch für eine große
Reihe holländisch-ostindischer Vorgänge. Die Portugiesen hatten
die Einwohner bedrückt und mit Hilfe der Jesuiten zu bekehren
gesucht; gegen den Strich der einheimischen Entwicklung hatten
sie sie europäisiert und tyrannisiert. Demgegenüber erschienen
die Holländer als Befreier, man frohlockte ihnen zu, und man
begann sie zu achten, als man sah, daß sie, obwohl daheim
fromm, doch an fremder Küste nicht bekehren, sondern nur
handeln, ja, anscheinend kaum herrschen wollten. So gewann
die Kompanie Java, indem sie nach dem Divide et impera
der Römer die einheimischen Herrscher bald als Freunde, bald
als Feinde behandelte und die einen durch die anderen in Schach
hielt; waren trotzdem in den Jahren 1619 bis 1707 drei große
Kolonialkriege nicht zu vermeiden, so wurde das Land doch im
ganzen friedlich, durch Privilegien und Lieferungsverträge, an
die Interessen der Kompanie gefesselt. Etwas anders war der
Hergang bei der Eroberung der Molukken, der Halbinseln des
portugiesischen Besitzes und Ceylons. Hier hatten die Portu—
giesen nicht bloß Handelsniederlassungen, sondern auch Festungen
begründet; schwerer ward es darum, sie zu vertreiben; erst 1641
wurde Malakka genommen, und noch 1656 tobte der Kampf
        <pb n="37" />
        22

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

um Colombo. Doch zeigte sich auch hier schließlich, daß die
holländischen Schiffe schneller waren, daß ihr Geschütz weiter
trug, und daß zähe Treue zur eignen Sache das südliche Feuer
der Romanen überwand: der Sieg gehörte der Republik.
Außerordentliche Vorteile aber erwuchsen dem Heimatlande
aus der Tätigkeit jener Tausende, die unter dem Befehle der
Gouverneure der Kompanie an den südlichen Küsten tätig waren.
Zwar von europäischer Ausfuhr in diese Gebiete war nicht die
Rede; eher fürchtete man die Überschwemmung des heimischen
Marktes mit orientalischen Waren. Um so wichtiger war der Ex⸗
port von Naturerzeugnissen nach Europa, vor allem von Gewürzen.
Dieser Handel wurde in den Händen der Kompanie mono—
polisiert und bis zu dem Grade zentralisiert, daß man auf den
Inseln unter Umständen Gewürzbäume ausrottete und Teile
allzu reicher Ernten verbrannte, nur um die Preise zu halten.
Und der Erfolg entsprach dem zähen Radikalismus des Gewinn—
machens. Man berechnete die Erzeugungskosten für das Pfund
Muskatnüsse und Muskatblumen auf 72 Cent; in Holland
verkaufte man das Pfund zu 3 Gulden 25 Cent, d. h. mit
rund 4500 9/0 Gewinn. Dem entsprach es, daß die Kompanie
trotz der außerordentlichen Kosten der Einrichtung und Eroberung
in der Zeit von 1602 bis 1648 durchschnittlich 200/0 an
Gewinn verteilte; in einzelnen Jahren ist die Dividende auf
750/0 gestiegen.
Und neben dem ostindisch-europäischen Handel betrieb die
Kompanie auch noch einen ostindisch-asiatischen; im Jahre 1624
hat sie zur Förderung ihrer chinesisch-japanischen Beziehungen
Formosa besetzt. Ja schließlich blieb auch Afrika ihren Be—
strebungen nicht fern. Im Jahre 1650 errichtete ein in Indien
erprobter Schiffsarzt der Kompanie, Jan van Riebeeck, eine
Station am Kap der guten Hoffnung; im Jahre 1672 ward
eine Festung dazu erbaut, und Simon van der Bel, ein in
Amsterdam erzogener Kreole aus Mauritius, erwarb während
seiner Statthalterschaft (1672 -1684) Natal und die Delagoabai.
Es waren Erfolge, die bald zur Anwendung der Handels—
form der Kompanie auch für andere Weltteile aufforderten.
        <pb n="38" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 23

Vor allem handelte es sich da um Amerika und vornehmlich
vieder um Brasilien, dessen reiche Salzküsten in der Umgegend
von Punto del Rey für das holländische Heringsgeschäft schon
früh als unentbehrlich betrachtet wurden; bereits 1601 lagen
einmal in Punto d'Araya fünfzig holländische Schiffe zugleich
in Ladung. So wurden Versuche zur Errichtung einer west⸗
indischen Kompanie schon seit 1606 gemacht; namentlich
Usseliner ging für ihre Gründung ins Feuer. Aber erst 1621
kam sie zustande, und von den erforderten 10 Mill. Gulden
wurden nur 7 Millionen gezeichnet. Gleichwohl hat auch diese
Kompanie ihre guten Zeiten gehabt. Als im Jahre 1621,
nach dem zwölfjährigen Waffenstillstande des Jahres 1609, der
Krieg gegen Spanien wieder ausbrach, verwandelte sie sich teil⸗
weise in ein Unternehmen zum Abfangen der spanischen Silber⸗
schiffe, und 1628 betrugen ihre Einnahmen aus diesem „Ge⸗
schäft“ allein 14415 Mill. Gulden. Daneben war sie aber
auch erobernd aufgetreten, in Peru namentlich und in Brasilien.
Später freilich wuchs ihr, trotz ihres Monopols, der nicht so
leicht zu kontrollierende Handel einzelner Kaufmannshäuser über
den Kopf, bis sie sich 1688 entschließen mußte, den Handel
unter gewissen Bedingungen freizugeben. Seitdem blühte
Brasilien mächtig empor, die Kompanie aber ging zurück, und
auch der Austausch Surinams gegen Neu⸗Niederland hat sie
nicht mehr gefördert.
Immerhin aber war die Kompanie noch auf lange Zeit
eine mächtige Stütze für den holländischen Handel über den
Atlantischen Ozean; und längst vor ihrem Falle waren nach
ihrem und nach dem Muster der ostindischen Kompanie weitere
Monopolgesellschaften zur Förderung des Handels der Republik
entstanden: so das Kollegium für den Levantehandel (1625),
die Gecommiteerden uit de Groenlandsche visserij für Wal—-fischfang
 und Robbenschlag, das Direktorium vom Oosterschen
Handel und, gegen Schluß des 17. Jahrhunderts, die Kammer
zur Direktion des moskowischen Handels.
Das allgemeine Ergebnis all dieser Vorgänge aber stand
schon vor der Mitte des 17. Jahrhunderts fest: die Republik
        <pb n="39" />
        24

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

war zum wichtigsten Handelsstaate Europas geworden; kein
Meer, wo ihre Flagge nicht wehte. Und in strenger Be—
schränkung auf die Mittel, aus denen sie geboren war, hielt sich
diese Macht aufrecht. Zwar haben es die Nordniederländer hier
und da auch zur wirklichen Kolonisation fremder Küsten ge—
bracht; so in Guyana oder Surinam, so vor allem in Neu—
Niederland, wo Neu-Amsterdam, das heutige New NYork, schon
um 1664 etwa 10 000 Einwohner zählte. Aber diese Kolonien
sind verloren gegangen; wahrhaft fruchtbar hat sich dagegen
das niederländische Genie des 17. Jahrhunderts in der Kulti—
vation und in Niederlassungen des Handels erwiesen. Batavia
hatte schon um 1680 ganz den Charakter einer holländischen
Stadt, nur war die Lebensweise reicher und üppiger; und die
Gouverneure der Molukken oder Ceylons fühlten sich als Vor—
stände einzelner Handelsdepartements der Kompanie wohl auch
unter dem Lichte des südlichen Kreuzes.

Für die Heimat ergab sich aus dieser Expansion ohne—
gleichen eine völlige Revolution des gesellschaftlichen, poli—
tischen und seelischen Lebens. Vor allem, als eins der
sichtbarsten Zeichen dieser Revolution, gestalteten sich die Vor—
stellungen vom Raume in stärkster Weise und mit weit größerer
Intensität und Schnelligkeit als im binnenländischen Deutsch—
land zu ganz neuen Formen um. Wie anders doch sahen diese
Niederländer in die Welt als ihre Vorfahren! Für sie war
die Erweiterung des Erfahrungshorizonts, wie sie die Ent—
deckungen des 15. und 16. Jahrhunderts der europäischen Welt
beschert hatten, durchaus unmittelbar und greifbar; und mit
hellstem Blicke erschlossen sie die in ihr gegebenen Möglichkeiten
eines höheren kulturellen und politischen Daseins. Damit
wuchsen sie dann hinweg auch über die höchsten damals schon
erreichten Kulturformen des inneren Deutschlands. Was be—
sagte jetzt die alte Wohlhabenheit Hamburgs oder Lübecks gegen
die Reichtüumer Amsterdams! Nichts schien den ungeheuren
Mitteln dieses neuen Volkes unerreichbar; noch im 18. Jahr—
        <pb n="40" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 25

hundert verknüpfte sich für den Binnendeutschen mit dem
Worte Mynheer die Vorstellung beinah allmächtigen Reichtums,
und dem Untergrunde der erweiterten Weltkenntnis und einer
geistigen Muße bei noch vorhaltender Tatkraft und ungebrochener
Fähigkeit geistiger Aufnahme entwuchs jene glänzende Kultur
des Endes des 16. und vornehmlich des 17. Jahrhunderts, die,
höchster Ausdruck germanischen Könnens in dieser Zeit und
gewaltigste Potenzierung vielleicht des Individualismus auf
deutschem Boden überhaupt, die binnendeutschen Lande weithin
überschattete und befruchtete.

II.

1. Das Zeitalter des Kolumbus und des Vasco de Gama
ist zugleich das Zeitalter Luthers und die Zeit einer ersten
energischen geschichtlichen Distanzierung vom Mittelalter weg
durch Humanisten wie Erasmus gewesen. Es war das kein
Zufall: dem Erscheinen dieser großen Männer lag derselbe innere
Entwicklungstrieb zugrunde, der Fortschritt der Veranlagung des
Individuums zu einer höheren seelischen Entfaltung, und diesem
Fortschritte entsprach sehr rasch eine mächtige Ausdehnung wie
des räumlichen so auch des zeitlichen Horizontes.
Von der größten Bedeutung war es in dieser Hinsicht
schon, daß der zeitliche Gesichtskreis nicht mehr bloß einer blieb.
Bisher hatte sich alles ernste geschichtliche Denken nur auf die
große Urvergangenheit des Christentums bezogen, und so waren
historisches Verständnis und Offenbarungsglaube ineinander
verschmolzen gewesen. Jetzt dagegen begannen neben der Über—
lieferung des Christentums andere Traditionsmassen lebendig
in die Gegenwart zu ragen. Sehen wir von weniger starken
Strömungen auf diesem Gebiete ab, dem Zusammenhang z. B.,
der die Warten der Sterndeuter und die Küchen der Alchimisten
mit der arabischen Kultur verband, so stellte sich vor allem die
antike Kultur im Humanismus neben das Christentum.
Und wie sehr vom christlichen Geiste verschieden war der
Geist, in dem dieser Humanismus namentlich anfangs, in den
Zeiten unmittelbarster Wirksamkeit der Antike, zutage trat.
        <pb n="41" />
        26 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Der Askese und Weltflucht, dem Wundersinn und Offen—
harungsglauben setzte er die Mächte der Natur und der Ver⸗
nunft entgegen: eine freiere Erkenntnis der Welt verlangte
er, während das kirchliche Dogma noch immer ein enges und
notwendiges Verhältnis zwis chen Religion und Welterkennen an⸗
nahm. Unvermeidlich war unter diesen Umständen, daß aus dem
Aufeinanderstoßen so verschiedener Weltanschauungen, blieben sie
gleich kräftig in ursprünglicher Reinheit nebeneinander wirksam,
im Falle voller Gesundheit des geistigen Lebens, in dem sie sich
abspielten, eine außerordentliche Befreiung des Geistes hervor⸗
gehen mußte. Und etwas hiervon trat tatsächlich ein. Un⸗
hbewußt zunächst gewann man einen gewissen Abstand gegenüber
allem Vergangenen und begann sich auf sich selbst, auf die an—
scheinend zeitlosen Fähigkeiten des Menschen zu stellen, bis die
menschlich⸗natürliche Erkenntnisfunktion als einziges Orien⸗
tierungsmittel zu gelten begann, um sich in der nun so viel
reicher und größer gewordenen Welt würdig zurechtzufinden:
jene Funktion, die nach einer zuerst bei Aristoteles klar hervor⸗
retenden Beobachtung in der rationalen Ordnung der Dinge
das Erste, für unsere Beachtung und Beobachtung aber das
Letzte ist.
Ehe indes im vollentwickelten Rationalismus das Zeitalter
reinster Anwendung allein der Erkenntnisfunktion eingetreten
zu sein schien, mußte eine große Anzahl vorbereitender Stufen
durchlaufen werden, und in ihnen erwiesen sich die Mächte,
welche den geschichtlichen Horizont hauptsächlich mit herstellen
halfen, Humanismus und Christentum, indem sie die An—
schauungen der Vergangenheit wieder als Autorität geltend
machten, doch zugleich auch als bindend, so daß ein Fortschritt
die Folge war, der sich nur langsam im Strudel vielfach wider⸗
prechender Bewegungen vollzog.
Man hätte wohl glauben können, daß ein Denken, das in
die ungemein verschiedenartigen Geistesströmungen des Alter⸗
tums unvoreingenommen eintauchte, anscheinend rasch zu ver⸗
aünftiger Voraussetzungslosigkeit in der Betrachtung der Gegen—
vart hätte führen müssen. Allein diese Folge trat doch nicht ein,
        <pb n="42" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 27

denn ein schon so unvoreingenommenes Denken bestand im Grunde
noch nicht. Was man für die antike Welt zunächst suchte, das
war nicht ein historisches, d. h. unparteiisches Verständnis ihres
Ganzen, sondern man war nur bestrebt, sich zunächst vornehm—
lich in die ästhetische, später vornehmlich in die sittliche Seite
dieser Welt in praktischem Enthusiasmus einzuleben. Darum
kam es bloß zu einem mittelbaren, teilweisen und gleichsam
unbewußten geschichtlichen Verständnis der Antike als einer
fremden Zeit und damit nur zu einem noch verschleierten ge⸗
schichtlichen Horizonte überhaupt. Das, was man erkannte,
war die Verschiedenheit innerhalb der menschlichen Entwicklung,
die Differenz zwischen Antike und Gegenwart überhaupt. Ver—
schlossen dagegen blieb noch die geschichtliche Vetrachtung des
Werdens der Antike und damit die Einsicht in die grundsätzliche
 Verschiedenheit des Geschehens zu verschiedenen Zeitaltern
bei demselben Volke. Und so erschien wohl das Verständnis
der Differenzen des Geschehenen gefördert, nicht aber das Ver⸗
ständnis des inneren Zusammenhangs dieser Differenzen. Es
war ein Standpunkt, von dem aus wohl eine bunte Sammel⸗
archäologie der verschiedensten historischen Gegenstände entwickelt
zu werden vermochte, nicht aber eine wirkliche geschichtliche
Einsicht.
War aber die antike Überlieferung wirklich so vollständig,
daß sie auf alle nunmehr wichtig erscheinenden Seiten des Lebens
auch nur in dem beschränkten Sinne, der soeben festgestellt
wurde, hätte einwirken können?
Es wird sich später ergeben, daß auf wissenschaftlichem
Gebiete die ersten großen Errungenschaften des neuen Zeitalters
schließlich in einem vertieften Verständnis der Natur bestanden.
Und dies Verständnis wurde durch den Nachweis bestimmter
Gesetzmäßigkeiten in den Naturvorgängen begründet. Dazu
bedurfte es nun aber einer Betrachtungsweise, die den Alten
gänzlich ferngelegen hatte. Die Natur der Mittelmeerländer,
die den Menschen zum vollen Leben in ihr, in von Stein leicht
zusammengetürmten Wohnräumen anleitet, verleibt fich den
Menschen weit mehr ein, als dies in den, Ländern ienseits der
        <pb n="43" />
        28 Siebzehntes Buch. Erstes LKapitel.

Alpen der Fall ist. Daher einerseits die Monumentalität aller
Dinge bei den Alten und das Verwachsensein des Menschen
mit ihnen, anderseits aber auch der Mangel menschlicher Herr⸗
schaft über sie. Nicht gesetzmäßig und darum bezwingbar er⸗
schien dem Griechen die Natur, sondern obijektiv-dinglich und
darum höchstens beschreibbar. Und darum vermochte er nicht zu
den modernen abstrakten naturwissenschaftlichen Begriffen etwa
der Geschwindigkeit, des Stoßes, des Druckes oder der Kraft auf
untersuchendem Wege vorzudringen, sondern nur in ein⸗
facher sprachlicher Analyse der Wörter, die doch den Begriff
nicht erklären, sondern nur umschreiben konnten. Das Er⸗
gebnis war demgemäß nur Wortphilosophie, nicht Naturwissen⸗
schaft im modernen Sinne: und damit bestand trotz aller
lübergangsformen von dem einen zum andern zwischen beiden
fein eigentlich innerlichstes Verhältnis.
Und war die Lage auf dem Gebiete der Künste schließlich
anders? Der charakteristischste Fortschritt, den das Zeitalter
des Individualismus den modernen Völkern des 16. Jahr—⸗
hunderts gebracht hatte, wurde durch die Anfänge der modernen
Zunstmusik bezeichnet, d. h. durch eine musikalische Darstellung
eelischer Empfindungen in Rhythmus und polyphonischer Har⸗
monie. Hiervon hatte aber das Altertum anscheinend wenig
gekannt: der Chor hatte in ihm nur einstimmig gesungen, die
Saiteninstrumente waren nur geschlagen worden; es hatte
wohl Rhythmen gegeben, aber keine Polyphonie, keine Akkorde.
Und sollte selbst die musikalische Phantasie der Alten der der
Modernen näher gestanden haben, als ihre Ausdrucksmittel
bermuten lassen, so war davon nichts überliefert: was in der
iclelalterlichen Musik als vielleicht auf antike Überlieferung
zurückführend angesprochen werden konnte, lief im wesent⸗
lichen auf nichts hinaus als ein wohllautendes Exerzieren mit
Tönen.
So war auch dem Inhalte nach die Antike nicht geeignet,
dem 16. Jahrhundert gerade in entscheidenden Punkten ein
Vorbild zu sein oder gar den Blick durch Darbietung geeigneter
Beispiele zu erweitern. Kann es da wundernehmen, wenn ihre
        <pb n="44" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 29

Wirkungen im Laufe des 16. und noch mehr des 17. Jahr⸗
hunderts zum Teil derjenigen einer anderen geschichtlichen
Tradition untergeordnet und eingeschrieben wurden, die in
weit vollkommnerer Weise noch das Fühlen und Denken der
Neuzeit beherrschte, der christlichen?
Dies geschah nun aber von den im Grunde rein formalen
zwei Seiten her, von denen aus das Christentum überhaupt
mit der Autike Fühlung gewonnen hatte. Im Mittelalter
— lateinischen
Sprache, dem Christentum einmal zur Bewahrung der kirchlichen
Tradition gedient. Daher hielten die konservativen Konfessionen
wenigstens noch im 16. bis 18. Jahrhundert zäh am Latein—
sprechen und seinen Voraussetzungen fest. Und weiter hatte die
Antike dem späteren Christentum die Überlieferung seiner Urzeit
vermittelt: das Neue Testament ist griechisch geschrieben, und
die christliche Gesellschaft der ersten Jahrhunderte der römischen
Kaiserzeit, bis auf Irenäus und Origenes, hatte die Auswahl
seines Kanons besorgt. Darum blieb das Verständnis dieser
frühesten Traditionen an die Kenntnis der antiken Sprachen
und der antiken Welt gebunden. In doppelter Hinsicht also,
aber jedesmal formal, bedurften die Kirchen die Antike. Was
Wunder, wenn sie den Humanismus auf die formale Rolle,
für die er ihnen unentbehrlich war, zunächst einzustellen und
dann zu beschränken suchten? Es bezeichnet die Macht der
konservativen Kräfte des Christentums, daß ihnen das im
Katholizismus fast ganz, im Luthertum so ziemlich gelang;
nur auf reformiertem Boden und damit innerhalb des Deutsch⸗
tums vor allem in den Niederlanden, hat sich der Humanismus
aus Gründen, die wir bald kennen lernen werden, freier ent—
wickelt.

Allein hat nun auf christlichem Boden nicht an sich schon
die Reformation im höchsten Grade befreiend gewirkt? Erschloß
sie nicht dem geschichtlichen Blicke unendliche, dem Mittelalter
nahezu noch unbekannte Weiten?
Gewiß bedeuteten die Anfänge aller Reformation, sei es
Luthers, sei es Zwinglis und Calvins, eine ungeheure Eman—
        <pb n="45" />
        30

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

zipation des Geistes und nicht bloß des geschichtlichen Blickes.
Im späteren Mittelalter war die Einzelperson zuletzt innerlichst
nur noch an die Kirche gebunden gewesen. Denn eben die
Kirche hatte längst mit Erfolg gelehrt, daß alle anderen Ge—
meinschaften, namentlich auch die Staaten, gegenüber dem
übernatürlichen Ursprung der katholischen Gemeinschaft nur
vergängliche Bildungen seien, auf natürlichem Wege entstanden,
für vorübergehende Zwecke bestimmt: Gemeinschaften mithin,
an die den einzelnen kein tieferes Band knüpfe. Nun aber
kamen die Reformatoren und setzten an Stelle dieses letzten,
bisher für unverrückbar gehaltenen Elementes der Kirche Gott:
und so schien das Individuum von diesem Augenblicke an allen
anderen Mächten des Himmels und der Erde gegenüber eman⸗
zipiert dazustehen: Selbstbewußtsein und Gottesbewußtsein, sie
ergaben sich von jetzt ab als die Angeln seines Wesens und
seiner Betätigung.
Es war ein Standpunkt, der außer dem christlichen
Offenbarungsglauben auch andere Weltanschauungen theistischen
und pantheistischen Charakters im tiefften Grunde zuzulassen
schien; und namentlich schien er einem insgeheim schon weit
verbreiteten, aus der intellektuellen Veranlagung des späteren
Mittelalters leicht erklärlichen Pundynamismus die Pforten weit
zu öffnen.
Allein sollte der ungeheure Schritt vom Offenbarungsglauben
 zur Bildung freier Weltanschauungen so leicht getan
werden? Die Zeit war hierfür noch nicht reif. Der Wunder⸗
glaube als Grundlage des Offenbarungsglaubens wurde selbst
von so scharfen Kritikern des Neuen Testamentes wie Occhino
und den Sozzinis noch nicht angefochten — geschweige denn
von den Reformatoren. Sie alle suchten die Basis des Indi⸗
vidualismus — Weltbewußtsein und Gottesbewußtsein — nur
auf, um auf ihr ein neues System geoffenbarten Christentums
zu errichten; ebenso wesentlich als diese Basis blieb ihnen also
die ungeschwächte Autorität der Bibel. Aus einem Ausgleich
der individualistischen und der biblischen Auffassung sind daher
die ersten großen Kodifikationen des neuen Glaubens, Melanch—
        <pb n="46" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 186. Jahrhundert. 31

thons „Loci theologiei“, Zwinglis Schrift „De vera ac
flen religiones und' die „Chriftliche Institution“ Calvins
gleichmäßig hervorgegangen: dreifach erfolgte in ihnen der
Ausbau eines neuen Glaubens in den Jahren 1521 bis 1535.
Freilich stand damit die Entwicklung nicht still. Es entsprach
einerseits der überall und namentlich im inneren Deutschland
—— individualistische Bewußtsein
noch wenig gefestigt war, wenn das Moment des Offenbarungs⸗
glaubens wiederum in steigender Betonung hervorgehoben wurde;
vor allem im Luthertume machte sich die Orthodoxie der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts immer mehr mit der Einordnung
der urkatholischen, von Luther nicht verworfenen Dogmen in
die protestantischen Uberzeugungsgrundsätze zu schaffen. Es
war im Grunde ein Lösungsversuch der Quadratur des
Zirkels; daher endloser Zank bei außerordentlichem Aufwand
dialektischer Schärfe. Das Ergebnis aber war schließlich der
Sieg der Orthodoxie in der Konkordienformel des Jahres 1580.
War das Luthertum, indem es diese Straße zog, dem
reorganisierten Katholizismus noch allzu fern? Es ist doch
wohl mit Recht betont worden!, daß die Reformation das
Papsttum aus der Gefahr gerettet hat, sei es von außen
her durch Fremde, sei es von innen her durch das Nepoten—
wesen säkularisiert zu werden. Die Kirche und damit der
Katholizismus waren durch die Reformation wieder eine geistige
Macht geworden; der erste äußerliche Merkstein in dieser Rich—
tung ist der Saceo di Roma (1527), der das heitere, grund—
verdorbene Rom Leos X. zerstörte; den Abschluß der Regene—
ration bildet das Konzil von Trient. Das Tridentinum
brachte die von der alten Kirche lange Zeit gescheute, vom
Protestantismus ihr endlich aufgedrängte Kodifikation der
katholischen Lehren zu einem gewissen Abschluß. Gewiß lief
dabei die Tendenz der kurialen Kreise auf eine vollkommene
Magisierung der Sakramente hinaus, deren Verwaltung die
Kirche dann vollends allmächtig gemacht haben würde. Allein

mBnurckhardt, Geschichte der Renaissance 2,101-42
        <pb n="47" />
        32 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

erreicht wurde dieses Ziel mit nichten. Vielmehr vollendete
sich im Trienter Konzil in gewissem Sinne die Bewegung zum
Augustinismus, die schon im 15. Jahrhundert auf eine Indi⸗
bidualisierung des Christentums ausgegangen war, insofern, als
eine fromme Partei wenigstens gegenüber Luther, der über
Augustin hinausgegangen war, den reinen Augustinismus durch⸗
zusetzen bestrebt war und nicht unbedeutende Zugeständnisse
erreichte. Und blieb gleichwohl die Tatsache bestehen, daß der
Katholizismus seine Dogmen im Tridentinum weit starrer und
deil mutelalterlicher durchbildete als das Luthertum, so konnte
demgegenüber zugunsten der alten Kirche, soweit es sich um
die Freiheit der geistigen Bewegung auf individualistischer
Grundlage handelte, bald ins Gewicht fallen, daß sie ihren
Dogmen gegenüber, im Unterschiede vom Protestantismus und
also auch vom Luthertum, keine innere Bindung, keinen
Glauben, sondern nur passiven Gehorsam, Unterlassung der
Auflehnung verlangte. Und so ist es an sich wohl gestattet,
ja gegenüber der freieren Stellung des reformierten Bekennt⸗
nisses bis zu einem gewissen Grade geboten, Luthertum und
Katholizismus gegenüber der individualistischen Bewegung des
16. bis 18. Jahrhunderts gemeinsam zu betrachten. Und da
wird das Urteil für beide, das innere Deutschland nahezu be⸗
herrschende Kirchen dahin lauten müssen, daß sie mit ihrem
hollen Ausbau in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts den
freien Aufschwung individuellen Seelenlebens mehr aufgehalten
als gefördert haben.
Charakteristisch ist in dieser Hinsicht das Verhalten beider
Kirchen gegenüber einem Begriffe, dessen Entwicklung und Ver⸗
hreitung vornehmlich der reformierten Konfession verdankt wird,
gegenüber dem Begriffe der Toleranz.
Toleranz bis zu einem gewissen Grade hat es von jeher
in enggeschlossenen Kreisen einer bestimmten, fest ausgeprägten
Kultur gegeben: die kirchlichen Kreise des 8. und 9. Jahr⸗
hunderts, die Krieger der Ritterzeit, die Sänger des Huma⸗
dismus waren unter sich tolerant. Sie hatten füreinander
schon die Erkenntnis, daß die Abweichungen der Gesinnung,
        <pb n="48" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 33

die sich unter ihnen in leisen Schattierungen fanden, mehr auf
Gefühlsmotiven, denn auf Beschränktheit oder gar Unlauterkeit
der Gesinnung beruhten, mithin im Grunde zurückgingen auf
angeborene und anerzogene Unterschiede der Persönlichkeit:
d. h. sie hatten für ihre enge Gruppe bereits das Gefühl der
modernen, subjektivistisch charakterisierten Duldung.
Aber ihre Zeiten waren intolerant. Warum? Weil man
in ihnen, sie als Ganzes betrachtet, Abweichungen der Meinung
nicht auf Gefühls- und Temperamentsunterschiede zurückführte,
sondern auf böswillige und störrige Anderswilligkeit der Er⸗
kenntnis. Eine solche Auffassung setzt den Glauben an eine
objektive Einheit der Erkenntnis voraus, wie sie nur durch
einen Autoritätsglauben gewährleistet werden kann. Darum
gehen Autoritätsglaube und Unduldsamkeit zusammen.
Nun hielt aber das 16. Jahrhundert wenigstens im inneren
Deutschland — im Gegensatze zu den Niederlanden — noch
durchaus am Autoritätsglauben überhaupt fest, bis zu dem
Grade, daß man z. B. selbst Druckfehler der lutherischen
Bibelübersetzung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
nicht zu verbessern wagte und daß man, um ein Beispiel aus
ganz anderem Gebiete zu wählen, in der Landwirtschaft durch⸗
aus die italienischer Natur angepaßten Kulturvorschriften der
Alten lehrte: das Praedium rusticum vom Jahre 1588 3. B.
rät noch treuherzig nach Columella, im Januar zu brachen!
Und weit entfernt blieb man auch noch im 17. Jahrhundert
im inneren Deutschland von der geistigen Freiheit der refor—
mierten Niederlande und Englands; weder ein Baco von
Verulam trat hier auf, der wagen durfte, „mit dem Schwamm
über alles hinzufahren, was bisher auf die Tafel der Mensch—
heit verzeichnet worden war“, noch ein Descartes, der trium⸗
phierend auf ein Skelett hinwies: „Das sind meine Bücher.“
So konnte auch von Duldsamkeit nicht eigentlich die Rede
sein. Freilich war die Unduldsamkeit nicht mehr ganz so grau⸗
sam wie im Mittelalter: aber das ist mehr ein allgemeiner
Kulturunterschied als ein solcher der speziellen Entwicklung
der Duldung. Denn Zeitalter niedriger Kultur sind nervös un—
Lamprecht. Deutsche Geschichte. VI.
        <pb n="49" />
        54

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

empfindsam, und nur die Marter erscheint in ihnen darum
als Strafe.
Auch dem kirchlichen Grundsatz: cuius regio eius religio
lag an fich keinerlei Toleranzgedanke zugrunde: verdankte er
doch der Empfindung der Fürsten, die fast alle auch Theologen
waren, seine Entstehung, daß jede Gleichgültigkeit gegenüber dem
Seelenheil der Untertanen dermaleinst schwer am Fürsten gestraft
werden würde, und galt diesen Fürsten doch allen wirkliche
Duldung als Schwäche. Zudem ist bekannt, daß der Grund⸗
satz tatsächlich die schwersten Verfolgungen veranlaßte: jeder
Konfessionswechsel der Herrschaft, jeder Übergang eines Ge—
bietes an einen Fürsten anderer Konfession führte zu Be—
drückungen mindestens der Geistlichen und Lehrer; und wie oft
traten solche Ubergänge und AÄnderungen ein: die Reichsstadt
Oppenheim hat von der Reformation bis zum Jahre 1648
zehnmal ihre Konfession gewechselt. Freilich bestand dabei
zwischen den Konfessionen ein Unterschied; die alte Kirche, die
einzige, die einen Inder der verbotenen Bücher (seit 1559),
wenn auch zunächst nur zur Bekämpfung der Protestanten, auf—
gestellt hat, hat sich auf die Dauer als weit intoleranter er⸗
wiesen, als die protestantischen Konfessionen; noch bis tief ins
18. Jahrhundert hinein reichen die schweren kirchlichen Be—
drückungen; und noch heute steht sie ihrem Wesen nach dem
Gedanken der Duldung fern.
Indes war damit, daß der Grundsatz cuius regio eius
religio in Deutschland zunächst aus Gründen der Notwendig—
keit äußeren Zusammenlebens Platz griff, immerhin aus der
bloßen Tatsache des Nebeneinanders mehrerer Konfessionen eine
Konsequenz gezogen, die, bei aller inneren Intoleranz der ein—
zelnen jeweils und jedes Orts geltenden Konfession befreiend
wirken mußte. Schon in der Tatsache der Möglichkeit des
Übertritts von einer Konfession zu einer anderen spricht sich das
aus: es gab nicht bloß eine einzige anerkannte Weltanschauung
mehr. Und wie mehrten sich in der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts diese Übertritte, wenn auch vornehmlich zur
induldsameren der beiden Kirchen, zur katholischen, bis es im
        <pb n="50" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 85

17. Jahrhundert, namentlich auch im Fürstenstand, eine ganze
Anzahl von Geschlechtern gab, deren Mitglieder bald der einen,
bald der andern Konfession angehörten! Es sind Vorgänge,
die ohne weiteres auch das Dasein und die Zulassung außer—
christlicher oder nur halb oder scheinbar christlicher Welt—
anschauungen (und Weltanschauungsfragmente) begünstigen
mußten.

Da war es nun zunächst charakteristisch, daß sich seit
dem 16. Jahrhundert die alten Reste germanischer Mythologie,
wie sie in Sitte und Brauch des Volkes in oft wundersam
veränderten Formen fortlebten, nicht mehr so leicht wie ehedem
der christlichen Umbiegung fügten. So ist z. B. die Sitte
des Weihnachtsbaumes, von der wir zum ersten Male aus
Straßburg um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts
hören, von der Kirche zunächst nicht mehr christlichen Vor—⸗
stellungen dienstbar gemacht worden; erst in den dreißiger
Jahren des 19. Jahrhunderts haben sich hier Beziehungen
zum Christentume, und zwar namentlich zum Vrotestantismus.
spontan entwickelt.
Von weit größerer Bedeutung jedoch war es, daß sich
neben den christlich-konfessionellen Weltanschauungen, vornehmlich
im inneren Deutschland, eine von ihnen ziemlich unabhängige
pandynamische und zumeist pantheistische Weltanschauung ent—⸗
falten konnte, wie sie in der Mystik des 16. Jahrhunderts,
in dem Natursystem eines Paracelsus, in den wunderlichen
Erscheinungen der Alchimie und Astrologie, sowie in der furcht—
baren Epidemie eines praktisch gewandten Hexenwahns auf—
trat. Gewiß waren die Wurzeln dieser Weltanschauung
wesentlich noch mittelalterlichen Charakters; um die Mitte
etwa des 17. Jahrhunderts haben sie, zugleich mit dem Aus—
scheiden des volkstümlichen Aberglaubens aus der Welt—⸗
anschauung der Gebildeten, zu verdorren begonnen. Hier aber
muß betont werden, daß dieser Pandynamismus sich im
16. Jahrhundert doch stark genug erwies, sogar in einige Teile
der christlichen Weltanschauung entscheidend vorzudringen: es
*
        <pb n="51" />
        30

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

ist bekannt, wie sich alle Kirchen zu Dienerinnen des Hexen—
wahns gemacht haben.
Überschauen wir nach alledem den Einfluß zunächst der
—E
weiterung des geschichtlichen Horizontes wie auf die Befreiung
des Seelenlebens überhaupt, so werden wir ihn wie auch die
Einwirkungen des Humanismus, der ihnen im inneren Deutsch—
land je länger je mehr einverleibt worden war, nicht allzu
hoch veranschlagen dürfen: trotz einer gewissen Annäherung an
die individualistische Grundlage bei der katholischen Kirche,
trotz ursprünglichen Ausgehens des Luthertums eben von dieser
Grundlage waren doch beide Kirchen durchaus und im Zentrum
ihrer Auffassung sakramental geblieben, war mithin für sie
der Offenbarungsglaube in seiner strengsten Form noch maß⸗
gebend. Jeder Offenbarungsglaube aber verschränkt den ge—
schichtlichen Gesichtskreis autoritär, falls er nicht selbst wieder
historisch gefaßt wird, und kann daher nur bis zu einem ge⸗—
wissen Grade, nicht aber absolut geschichtlich befreiend wirken.
Anderseits aber gab es eine Konfession, welche nicht den
sakramentalen Standpunkt des Luthertums und des Katholi—⸗
zismus teilte: das war die reformierte, und es gab auf
deutschem Boden ein Land, in welchem dem Standpunkte dieser
Konfession ebensosehr von der Grundlage einer freien Lebens—
haltung überhaupt wie mit Hilfe eines selbständiger entwickelten
Humanismus ein viel klarerer und unbegrenzterer geschicht⸗
licher Horizont abgewonnen ward: das waren die Niederlande.

2. Ein niederländischer Historiker hat einmal geäußert:
„Wat het licht voor ons oog, de lucht voor onze longen is,
dat is eenmal het kalvinisme voor ons vaderland geweest:
rijne levensvraag, de bron zijner sterkte en van zijn bestaan“
 1. In der Tat, der Calvinismus war die Lebensluft
der Niederlande nicht bloß in der zweiten Hälfte des 16. Jahr⸗

t Van Vloten, Opstand tegen Spanje 1, S. 7.
        <pb n="52" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 37

hunderts, sondern auch noch im 17. und 18. Jahrhundert;
aber wie er einerseits einen Grundton der tieferen geschicht—
lichen Harmonien auf niederländischem Gebiete abgibt, so ist
er anderseits nicht zu verstehen ohne Kenntnis mindestens der
sozialen und politischen Geschichte des Landes selbst. Es wird
daher unsere Aufgabe sein müssen, erst diese von dem Punkte
ab, bis zu welchem sie früher erzählt ist', d. h. vom Jahre
1609 an, in den für die innere Geschichte des Calvinismus
entscheidenden Zeiten bis zum Jahre 1648 zu verfolgen.

Da ist denn von der Tatsache auszugehen, daß der Auf⸗
schwung der Niederlande seit 1585, wie er sowohl auf dem Gebiete
der äußeren Politik als auch im Wirtschaftsleben eingetreten war,
keineswegs allen sieben Provinzen der Republik in gleicher Weise
zugute gekommen war. Um das Jahr 1600 war das Land
vielmehr politisch ein Konglomerat sehr verschiedenartiger Bil—
dungen: neben den Provinzen gab es noch freie Herrschaften ein⸗
zelner Adliger und sogenannte Generalitätslande, die dem ganzen
Lande, etwa wie heutzutage Elsaß-Lothringen dem Reiche, unter—
standen. Und auch wirtschaftlich und sozial war das Land
eine Zusammenfassung von Gegensätzen. Wer aus dem festungs⸗
reichen Geldern kam, der fand auf dem Lande in Overijssel die
alten Sitze eines kleinen Adels und in Utrecht die friedlichen
Lindenalleen der Hauptstadt eines ehemaligen geistlichen Fürsten⸗
tums, sowie die kleinen Wasseradern eines längst überholten
Handels; in Friesland aber grüßten ihn zwar Männer, die
sich der Freiheit der deutschen Urzeit rühmten, doch ihr Besitz
war gering; mit Ingrimm sahen sie auf ihre versandenden
Häfen Stavoren, Bolsward und Dokkum; und nur als Fischer
noch fuhren sie zu Meere. Wie wechselte aber das Bild, nahte
sich der binnenländische Reisende den seeländischen Provinzen!
Hier grüßten ihn schon, wie heute, bis zum Horizont aus—
gedehnte grüne Wiesenflächen mit prächtig weidendem Vieh und

S. Band V2, 2, S. 54 ff.
        <pb n="53" />
        38 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

militärisch aufmarschierten Windmühlen zur Hebung des hoch⸗
stehenden Grundwassers; dazwischen aber machten sich überall
Segel bemerkbar; mit tausend weißen Flecken kennzeichneten sie
den Zug der Kanäle, die schon Stadt mit Stadt und Stadt⸗
häfen und Meer miteinander verbanden. Denn die Städte
waren bereits alle, sowohl die achtzehn in Holland wie die
sechs in Seeland, zu Häfen gemacht, und selbst von Leiden
imd Haarlem aus fuhr man durch See und Deich bereits
hinaus ins offene Meer. So war die Bevölkerung gleichsam
amphibisch; Amsterdam, die jüngste und größte Stadt des
Landes, war geradezu in den Sumpf hineingebaut worden,
und auf Hunderttausenden von Rammbäumen ruhten, einem
festliegenden Geschwader gleich, seine Gebäude.
Von den beiden Provinzen aber, die am Meere lagen,
war Holland die weitaus bedeutendere. In Seeland beschränkte
sich die Schiffahrt auf Küstenverkehr und Fischerei; hier waren
die altnationalen Pinken zu Hause. In Holland dagegen sah
man die stolzen Drei- und Viermaster; und darum war
Holland das Haupt und die Seele der Republik. Im Jahre
1622 hatte es 1200 000 Einwohner, mehr als ein Drittel des
ganzen Landes. An Matrikularbeiträgen an die gemeinsame
Regierung zahlte es allein 581/8 0/0, während Friesland
12172, Seeland 9 0/0, die übrigen vier Provinzen zusammen
gar nur noch etwa 20 90 zu decken hatten. Und daneben
wußte es im Jahre 1650 noch anstandslos eine provinziale
Staatsschuld von 158 Mill. Gulden mit 6 Millionen zu ver—
zinsen.
Da begreift man wohl die Bedeutung seiner größesten
Stadt, Amsterdams. Anfang des 16. Jahrhunderts war
Amsterdam noch ein kleiner Ort gewesen; 1622 hatte es
108 000 Einwohner, 1672, zur Zeit seiner höchsten Blüte, bei—
nahe das Doppelte. Damals brachte es eine Bürgerwehr von
10000 Mann in 60 Kompanien auf, kraftstrotzende und
prunkende Mannschaften, wie sie Rembrandts „Nachtwache“ aus
einer etwas früheren Zeit her dem Besucher des Amsterdamer
Rijksmuseums noch heute vor Augen führt. Damals wurde
        <pb n="54" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 39

auch das heutige Palais auf dem Dam, ein fürstliches Rat⸗
haus, wurden nicht minder die Westkirche mit dem kronen⸗
geschmückten Turm und die schönen Giebelhäuser der Heeren—
ind Keizersgracht gebaut — wo man hinsah, da ging es hoch
her und prunkend. Und gleichzeitig etwa wurden auch die
großen Docks, Werften, Höfe, Magazine und Seilerbahnen der
Dstindischen Kompanie und der holländischen Admiralität er—
richtet.

War es zu verwundern, daß diese Stadt und daß die
Provinz, deren Haupt sie war, herrs chen wollten in der Republik?
Nicht selten schien es, als müsse ihr Sonderinteresse den Wahl⸗
spruch des Ganzen: Concordia res parvae crescunt vergessen
lassen. Aber immer hielten doch die alten Bindemittel wieder
alle Provinzen zusammen: die gemeinsamen Gepflogenheiten
aus der burgundischen Zeit und die im Statthalteramt ge⸗
wahrte Tradition der burgundischen Verwaltung, die Erinne—
rungen an die großen Jahrzehnte der Befreiung, die analoge
Ausgestaltung der städtischen Verwaltungen und Verfassungen;
und dazu kam als neue, festeste Klammer die Entwicklung einer
gesamtnationalen Kultur in Sitte und Sprache, in Kunst und
Wissenschaft.
Zudem war die bundesstaatliche Gesamtverfassung, so
locker, wie sie auch auf den ersten Blick gefügt erschien, doch
eben in ihrer Toleranz gegenüber allem Partikularen, in ihrem
gemächlichen Entgegenkommen gegenüber der Regung jeder
provinzialen und städtischen Kraft wohlgeeignet, dies reiche
und widerspruchsvolle Leben zusammenzuhalten.
Zwar der nach Oraniens Ermordung im Jahre 1584 be⸗
gründete Raad van State, aus zwölf durch die Provinzen
herufenen Mitgliedern bestehend, hatte sich als zentrale Ereku—
tive, wie er anfangs gedacht war, keineswegs bewährt. War
ihm einerseits das steigende Ansehen Morizens, des zweiten
Draniers, entgegengetreten, so hatten anderseits die General⸗
staaten selbst bald seine Stelle eingenommen. Denn die General⸗
staaten, keineswegs eine nationale Vertretung im modernen
Sinne, sondern vielmehr dem Bundesrat des heutigen Deutschen
        <pb n="55" />
        10 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Reichs zu vergleichen, ein Komitee der Gesandten der einzelnen
Provinzialstaaten, hatten seit 1303 dauernd zu tagen begonnen.
Der Regel nach in der Höhe von 20 bis 25 Mitgliedern ver⸗
sammelt, doch so, daß jeder Provinz nur eine Stimme zustand,
gleichgültig, wieviel Gesandte sie deputierte, hatten sie ihre
Residenz im Haag, damals dem friedlichsten und herrlichsten
Dorfe der Welt. Hier kamen sie in der alten Burg der
Grafen von Holland zusammen, die an den malerischen Ufern des
großen Vijverteiches zugleich auch den Hof der Oranier und die
Staaten von Holland beherbergte, und ein kleiner Saal mit
großem grümen Tische vereinigte sie zu langen und intimen
Beratungen. Denn allmählich hatten sich ihre Kompetenzen
zur ständigen Wirksamkeit einer obersten Leitung ausgedehnt;
fie besorgten, wenn auch unter starker Bevormundung durch
einzelne Oranier, namentlich Morizens Nachfolger Friedrich
Heinrich, das Auswärtige, sie hatten das Heer grundsätzlich,
die Bundesfinanzen auch tatsächlich unter sich, sie handhabten
im Erlaß von Plakaten die Bundesgesetzgebung, und sie er—
nannten auch die wichtigsten Beamten und regierten unmittel⸗
bar die Generalitätslande. Freilich taten sie dies alles auf
Instruktion seitens der einzelnen Provinzialstaaten; und nament⸗
lich, wenn es sich um die Ausschreibung von Matrikular⸗
umlagen, um die fatale Petitie handelte, griffen diese oft rauh
in die Meinung Ihrer Hochmögenden ein.
Die Einzelstaaten konnten das um so mehr, als es eine
eigentliche Bundesverwaltung unter den Generalstaaten nicht
gab. Nicht einmal das Heer galt als gemeinsam, sondern be⸗
stand aus Söldnerkontingenten, die die einzelnen Provinzen
löhnten, und aus den Waardgeldern, den Soldaten der Stäödte.
Nur das Oberkommando mußte schließlich doch einheitlich ge—
ordnet werden, und so gab es denn einen Capitaine generaal,
fast stets einen Oranier, und ihm zur Seite ein oberstes General⸗
— analog war
die Flotte organisiert, mit einem Generaladmiral an der
Spitze. Und ähnlich wurde es, vielleicht das bezeichnendste
bon allem, auch mit den Zöllen gehalten. Wenn irgendwo, so
        <pb n="56" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 41

drängte der Handelscharakter der Republik hier auf bundes—
taatliche Einheitlichkeit; und in der Tat wurde ohne Ende
davon geredet, wie es möglich sein könne, sie für alle Provinzen
„eenenpaerlicken op eenen voet“ zu bringen. Aber der ein⸗
heitliche Fuß hat sich niemals eingestellt.
Ein bezeichnender Vorgang: hier wie in allen Fällen wurde
schließlich das Interesse der Gesamtheit durch mindestens gleich
starke partikulare Interessen gegengewogen.
Wie war dies nun möglich? Die politische Lage beruhte
nicht allein auf der Konkurrenz der allgemeinen und der pro⸗
vinzialen Landesinteressen. Gewiß hat der Gegensatz zwischen
den binnenländischen Provinzen und den seebenachbarten, vor
allem Holland, einen großen Teil der Geschichte der Republik
beherrscht. Wichtiger aber als der provinziale Partikularismus
im ganzen war noch der Einzelpartikularismus der Städte.
Man muß dabei bedenken, daß in den Provinzialstaaten die
Geistlichkeit nur noch in Utrecht eine äußerst beschränkte und
der Adel nur noch in den übrigen Binnenlanden eine ziemlich
zurücktretende, in den Staaten der Seeprovinzen dagegen fast
gar keine Rolle spielte: in den Staaten Seelands gab es nur
einen Edeln, in denen Hollands nur etwa acht bis zehn. So
waren die Provinzialstaaten fast nur Ausdruck der Bestrebungen
des Bürgertums und der großen Städte; mit Recht hat darum
der Ratspensionär van den Spieghel einmal bemerkt: „Die
Regierung der Union ist nur provinzial und die der Provinzen
nur munizipal.“
Damit kam denn für die niederländische Entwicklung in
ihrer Tiefe schließlich alles darauf an, wer in den Städten das
Heft in den Händen hatte. Schon unmittelbar nach der Kon—
stituierung der Republik und dem Tode Wilhelms von Oranien
hatte sich das gezeigt: unter Leicester waren die Parteiungen
in den Städten, das zeitweilige Überwiegen der Handelsaristo—
kratie in den Seestädten, der Gemeinden in den Binnenstädten
für das Schicksal der Republik entscheidend gewesen!. Hatte

S. Bd. V2, 2, S. 595 ff.
        <pb n="57" />
        Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

fich nun seitdem an der damals vorhandenen sozialen Lage viel
geändert?

Die holländischen Städte waren im Mittelalter durch den
Schout als Vertreter des Fursten und die Schöffen als Ver—
treier der Bürgerschaft regiert worden; daneben hatte man in
hesonders wichtigen Fällen die Gemeinde verfassungsmäßig be—
fragt. Es war gewesen wie sonst vielfach in deutschen Städten.
Die Folgeentwicklung dagegen war dann wesentlich vom gemein⸗
deutschen Herkommen abgewichen. Neben den Schöffen war
zwar, wie im Reiche, als neues Organ der Rat, die Vroedschap
Weisheit) emporgewachsen, aber ihr Körper, meist aus 20 bis
40 Regenten (Ratsherren) bestehend, beruhte nicht auf perio—
dischem Wechsel, sondern auf lebenslänglicher Teilnahme der
Gewählten und ward nicht durch die freie Wahl irgendwelcher
demokratischer Verfassungsgemeinschaften, sondern durch die
Kooptation der im Rate befindlichen Regenten ergänzt. Die
Folge war, daß eine engbegrenzte Aristokratie ratsfähiger Ge⸗
schlechter entstand, die sich durch die sogenannten „Oontracten
van Correspondontie“* die Alleinherrschaft und die Verteilung
der Amter uͤnter ihre Mitglieder sicherte, und die allmählich,
kräftig und ausschließend, wie sie war, Schout und Schöffen
auf Rechtsprechung und geringe polizeiliche Funktionen be⸗
schränkte. Dabei waren denn die Vroedschappen, wie man
zun gelegentlich auch die ganzen ratsfähigen Geschlechter nannte,
mit ihren Interessen vielfach nicht auf ihre Heimatsstadt be⸗
schränkt geblieben, sondern erschienen durch Verschwägerung
und sonst irgend ein Mittel mit Geschlechtern gleicher Be⸗
deutung in den benachbarten Großstädten verbunden: so daß
man, neben allen städtisch-partikularen Bestrebungen, doch auch
bon einer bürgerlichen Aristokratie gewisser Gegenden und Pro⸗
vinzen reden konnte; in der Provinz Holland z. B. haben auf
diese Weise etwa 1200 Personen, gleichsam Kleinkönige der
Provinz, die Geschicke des Landes beherrscht.
Konnte nun diese Entwicklung, wie sie, in den binnen⸗
ländischen Städten besonders lang hergebracht, in den rasch
wachsenden Städten der Gestadeländer schließlich noch un—
        <pb n="58" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 43

gleich entschiedener emporschoß, durch den außerordentlichen
kommerziellen Aufschwung des Landes seit etwa 15885 unter—
hunden werden? Das Gegenteil geschah. Noch mehr wie
bisher trat die Gemeinde zurück, und der Reichtum häufte sich
in den Familien der Vroedschappen. Bezeichnend hierfür
ist, daß dem Aufschwung des Handels keineswegs ein Auf—
schwung der Industrie folgte oder zur Seite ging. Zwar
kamen einige Luxusindustrien auf, wie die Edelsteinschleiferei
in Amsterdam, und an den Getreidehandel schloß sich natur—
gemäß eine Mühlenindustrie an, aber keineswegs mehr in
handwerklichen Formen. Im übrigen aber suchten die Vroed—
schappen eher zu unterdrücken als zu fördern, was noch von
handwerklicher Industrie aus früheren Zeiten vorhanden war;
sie wollten keine mündigen Gemeinden steigenden handwerk—
lichen Reichtums. Darum haben sie die Zunftverfassungen
überall zerstört, mit Ausnahme derjenigen etwa Dordrechts,
Deventers und teilweis Groningens; die Seestädte vor allem
kannten nur ein gering entwickeltes, ganz unter Aufsicht der
Vroedschappen stehendes Handwerk. Dagegen hielten eben sie
für Kleinhandel und Binnenschiffahrt noch während des ganzen
17., ja 18. Jahrhunderts hartnäckig die alte zunftmäßige Or—
ganisation aufrecht; denn hier war das Zunftprinzip trefflich
geeignet, jeder persönlichen Initiative solcher Händler entgegen—
zutreten, die sich etwa vermaßen, sich über ihren Stand in die
satten Kreise des Großhandels emporzurecken.
Das Ergebnis dieser ganzen Bewegung war natürlich
steigende Entfremdung der Gemeinden und der regierenden
Aristokratie. Schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
war man darin so weit gelangt, daß die größte Weisheit einer
städtischen Regierung in der Beherrschung der schwierigen Menge
gesehen werden konnte!; und bereits um die Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts war man sich über die Tendenz der gesamten Ent—
wicklung und ihre Schädlichkeit klar. Aber weder Johan
de Witt noch die Oranier haben seitdem den Lauf der Dinge,
teilweis trotz besten Willens, noch ändern können.

Der Historiker Hooft ed. Hecker, JI S. 12, 366 f.
        <pb n="59" />
        Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts aber waren
diese Geleise noch nicht so eingefahren, als daß nicht die unteren
Klassen gelegentlich noch an Selbsthilfe gedacht hätten. Und
da jedes Vorgehen gegen die Vroedschappen bei den bestehenden
politischen Zusammenhängen sofort auch die Provinzialstaaten
ind durch diese hindurch in den Generalstaaten die Republik
traf, so wurden ihre Bestrebungen von größter Bedeutung für
das Schicksal des Volkes und die Entwicklung der langsam
zationale Prägung erhaltenden holländischen Kultur überhaupt.

Nun war es aber das Besondere dieser Entwicklung des
sozialpolitischen Gegensatzes zwischen Gemeinden und Vroed⸗
schappen, daß sie fich nicht in nacktester und ureigenster Ge⸗
stalt vollzog, als sie nach dem Abschlusse des großen Krieges
hervorbrach, der alle Volkskräfte bis zum Jahre 1609 zusammen⸗
gehalten hatte, sondern vielmehr in fast übermächtiger Weise
verquickt mit kirchlichen und religiösen Vorgängen; wie sie denn
schon in ihren ersten Anfängen, unter Leicester, mit kirchlichen
Ereignissen in Beziehung getreten war.
Im Jahre 1618 hat der holländische Ratspensionär Olden⸗
harneveld dem englischen Gesandten versichert, daß die Katholiken
noch immer bei weitem die Mehrheit der Bevölkerung aus—
machten. Trotzdem waren sie ohne Einfluß und nur geduldet.
Die entscheidende Konfession war die calvinische. Zwar war
der Calvinismus nirgends eigentlich zur Staatskirche erklärt
worden, aber er nahm doch eine verwandte Stellung ein, in⸗
sofern alle lebendigeren Bestandteile der niederen Volksschichten
ihm fast durchweg ebenso angehörten wie die Vroedschappen:
die vorwärtsführenden und vorwärtsdrängenden Schichten der
Bevölkerung waren reformiert.
Was bedeutete nun diese für beide Teile gemeinsame
religiöse Basis?
Der Haß der Lutherischen gegen die Reformierten seit
mindestens der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist oft be⸗
hont worden; er konnte so weit gehen, daß im Jahre 1597
        <pb n="60" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum is. Jahrhundert. 45

Ph. Nicolai von Grund seines Herzens bekannte, von den
Reformierten werde statt des lebendigen Gottes der leidige
Teufel gelehrt und angerufen. Und in der Tat waren um
diese Zeit der Calvinismus da, wo er voll durchgedrungen
war, und das Luthertum in den Augen der Zeitgenossen viel⸗
fach größere Gegensätze als Luthertum und Katholizismus.
Calvin hatte, wie schon Zwingli, keine eigentliche Dogmatik
entwickelt, und noch viel weniger hatte seine Kirche einen im
Sinne des Luthertums sakramentalen Charakter angenommen.
Das System der Lehre war, wenn auch schließlich deduktiv ge—
faßt, doch den Schriften des Alten und des Neuen Testamentes
im Sinne einer mehr nur induktiven biblischen Theologie ent⸗
nommen; und es hatte sich nicht freien wissenschaftlichen Be⸗
ttrebungen als etwas schlechthin Abgeschlossenes unmittelbar
entgegengestellt. Im Gegenteil ließ es, vom Humanismus stark
beeinflußt, diesen Bestrebungen freies Feld, ja, regte recht
eigentlich die freiesten und größesten philosophischen Probleme
an: von Zwingli kennt man fast pantheistische Sätze, und von
Calvin stammt das Wort pio sensu naturam posse dici Deum;
wie gewaltig ferner der Calvinismus auf die Spekulationen
uüͤber die menschliche Willensfreiheit eingewirkt hat, ist bekannt
genug.
Man versteht unter diesen Umständen, was es hieß, wenn
für die nördlichen Niederlande seit 1672 der Calvinismus zum
geistigen Lebensoddem wurde: es war ein Vorzug vor dem
inneren Deutschland, eine Befreiung des Geistes von größter
Bedeutung. Und sie ward getragen von den sittlich ins Un—
gemessene erhebenden Kämpfen gegen Spanien, der materiell
unerhört bereichernden Eroberung ferner Welten! Das er—⸗
staunte Zeitalter sah hier auf einmal eine Gesellschaft von
Staatsmännern erwachsen, die zugleich Kaufleute und philo—
sophisch gerichtete Theologen waren; eine unerhörte Kombination
geistiger Kräfte trat ein.
Konnte sie sich aber dem ganzen Volke mitteilen? Sie
blieb im wesentlichen Eigentum der Vroedschappen. Und so
entwickelte sich in ihnen, der Zahl der Köpfe nach ziemlich eng
        <pb n="61" />
        16

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

begrenzt, aber von weitester geistiger Wirkung, eine Welt, die
man wohl als eine höhere Lebensstufe gleichsam des binnen—
deutschen Patriziats des ausgehenden 15. und des beginnenden
16. Jahrhunderts betrachten kann. Und diese Welt war auf
geistigem Gebiete nicht mehr einseitig theologisch. Sie ergriff
bielmehr neben der christlichen Tradition den Humanismus mit
jugendfrischem Feuer: hier zum ersten Male entstand eine wahr⸗
haft volkstümliche Renaissanceliteratur wie eine nordisch—
zationale Renaissance der Architektur; hier zum ersten Male
ward, wie im 17. Jahrhundert in Frankreich, im 18. Jahr—
hundert in Deutschland, eine wirkliche Verschmelzung antiken
und modernen Geistes erreicht.
Indem aber diese Entwicklung eintrat, indem das Denken
über diese Erweiterung seiner bisherigen Kenntnisse zugleich
tortschritt zum Wagnis vollständigen Verständnisses der Welt,
unabhängig von jeder Tradition, und indem zugleich in außer⸗
ordentlichem Maße Lebensüppigkeit um sich griff, konnte von
den regierenden Schichten des Landes weder die Sittenstrenge
des urfprünglichen Calvinismus noch dessen wenn auch noch so
freies System des Glaubens gewahrt werden: in beiden Rich—
zungen trat eine Lockerung ein. Der Wahlspruch des Admirals
De Ruyter, der noch ganz der alten Zeit und dem alten
Glauben angehörte, war gewesen: „Wenn der allmächtige Gott
Unverzagtheit bescheren will, so behalten wir den Sieg“, und
seine einzige Erholung hatte in Bibellesen und Psalmensingen
hestanden. Hendrik Hoop, der tiefgebildete, vom Humanismus
gesättigte Staatsmann eines späteren Zeitalters, bezeichnete
Amsterdam als den neuen Hafen der Circe, wo die Menschen
gleich Schweinen lebten, und seine Hauptsprüche waren: ein
Jesunder Mann müsse das Heute genießen, auch wenn er wisse,
daß das Morgen ihm schmerzvollen Tod bringen werde, und:
nur Stümper könnten wünschen, mehr als sechzig Jahre alt zu
werden.

So war denn das Wahrzeichen dieser Kreise große geistige
Freiheit, aber zugleich, bei sorgsam vermiedenem Bruch mit
den traditionellen Formen des calvinistischen Glaubens, Pessi—
        <pb n="62" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 47

mismus und Fatalismus im Falle entschiedenen und mutigen
Indifferentismus und eine mehr äußere Anlehnung an die
Kirche im Falle unklaren und feigen Denkens. Im allgemeinen
zjalten die diesen Kreisen Angehörigen mehr als Geistes⸗
herwandte des Humanismus als der Reformation; man sah,
wie ihnen die Unterschiede zwischen den Konfessionen gleich⸗
gültiger wurden, und wie sie sich, wenn sie sich nicht an den
Satz Oldenbarnevelds: nil seire tutissima sides hielten, im
allgemeinen einem abgeblaßten, wohl gar nur deistisch auf⸗
gefaßten Christentum zuneigten, und man nannte die Ent—⸗
schiedensten und Auffallendsten von ihnen Libertiner und
Neutralisten.
War das nun die geistige Haltung der oberen Kreise um
etwa 1600, wie hätten ihnen da die unteren Schichten folgen
können, zumal sie in immer ausgesprochenerem sozialen Gegen—
satze zu ihnen lebten? Je freier die Libertiner der Vroedschappen
mit ihrem Anhang zu denken begannen, um so inbrünstiger
umfingen die niederen Kreise die Überlieferungen des alten
rigorosen Calvinismus; sie zeterten gegen den Katholizismus,
der sich infolgedessen der regierenden Aristokratie um so enger
anschloß, sie verfluchten die religiöse Lauheit der herrschenden
Klassen und hingen mit steigender Bewunderung an den etwa
weitausend starren calvinistischen Predigern des Landes.
Nun hätte das an sich vielleicht noch nicht viel zu sagen
zehabt, hätten in den Gegensatz nicht schon von Leicesters
Zeiten her ganz bestimmte und konkrete kirchliche Forderungen
hineingeragt. Sie liefen vor allem auf eine gemeinsame
Kirchenverfassung aller Provinzen hinaus. Es war ein Ziel,
das zunächst das Ideal der calvinistischen Eiferer gewesen war,
dem aber auch die Aristokratie, wie sie jetzt besonders in den
Staaten der führenden Provinz Holland und in den Ansichten
Oldenbarnevelds ihren Hort fand, an sich nicht abgeneigt ge—
wesen wäre. Auch sie wollte eine große protestantische Kirche
der Republik. Nur sollte diese durch Formulierung eines
möglichst vagen Glaubensbekenntnisses weitherzig allen Nichtkatholiken
 welcher Art auch immer Zutritt gewähren, zudem sich
        <pb n="63" />
        18

Siebzehntes Buch. Erstes Lapitel.

in Ausübung der Kirchenzucht von den staatlichen Gewalten,
d. h. eben wieder von der Aristokratie, gängeln lassen. Aber
das war natürlich ganz und gar nicht die Meinung der unteren
Klassen. Diese wollten eine Kirche, deren Herr ein strenger und
eifriger Gott sei, mit festem Bekenntnis und völlig selbstän⸗
diger Disziplin der kirchlichen Organe. Zum Unglück verquickten
sich nun diese gegenseitigen Forderungen und Wünsche der
Hauptsache nach auch noch mit ganz speziell dogmatischen
Differenzen.
Gegenüber der Lehre Calvins von der Gnadenwahl Gottes
im Sinne einer unerbittlichen Vorherbestimmung des Menschen
hatte sich das menschliche Gefühl von Anbeginn empört und
die Überzeugung von der Universalität vielmehr der göttlichen
Gnadenabsicht ausgesprochen!. Bereits in Calvins Gegenwart
hatte Hieronymus Bolsec zu Genf nach einer streng calvinischen
Predigt gegen sie protestiert; da war Calvin aus der Menge
hervorgetreten, hatte seine Lehre verteidigt, und Bolsec hatte
Lie Siadt verlassen müssen. Dann hatte 1556 Bibliander in
Zürich gegen den strengen Calvinisten Petrus Martyr erklärt,
er mache Gott im Dieb zum Dieb und im Teufel zum Teufel,
und hatte der Rektor der Genfer Schule, Sebastian Castellio,
den Vergleich hingeworfen, kein wildes Tier werde sein Junges
zur Oual bestimmen.
Zum vollen Durchbruch aber war die Opposition gegen
die absolute Willensunfreiheit doch erst in den Niederlanden
gekommen, vornehmlich nachdem diese infolge der Ereignisse
der Bartholomäusnacht (1572) von hugenottischen Gelehrten
überschwemmt worden waren. Hier äußerte zunächst, huma⸗
nistisch angeregt, ein Schüler von Seneca und Cicero,
Coonhert (geb. 1522), systematische Bedenken gegen die Gnaden⸗
wahl; und seine Richtung wurde dann, theologisch vertieft, zu
stärkerer Geltung gebracht durch den Professor Arminius (geb.
560. seit 16083 in Leiden). Arminius aber war es zugleich, der

Bgl. hi i
ain dae gl. hierzu und zum Folgenden Dilthey, Archiv VI, S. 548
        <pb n="64" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 49

die mildere Lehre in den engsten Zusammenhang mit der libe—
ralen Strömung in den Vroedschappen und den humanistisch
angehauchten Kreisen brachte. Und indem er sich zur Würde
und Freiheit des Menschen bekannte unter Begründung einer
allgemeinen Gnade auf die ethische Natur Gottes, schied er die
rigorose Theorie Calvins aus der refomierten Lehre aus und
fand den Beifall der humanistisch-philologischen wie staats—
männisch-aristokratischen Strbmungen: Episcopius trat zu ihm,
und Hugo Grotius entwickelte in dem „Bewijs der ware
Godsdienst“ seine Lehren aus einer geläuterten Auslegung des
Neuen Testamentes, während in Frankreich Camero (seit 1618
Professor in Saumur) und seine Schule arminianische Lehren
vortrugen.
Allein die niederen Schichten in den Niederlanden waren
sehr weit davon entfernt, diesen aristokratischen und huma—
nistisch durchtränkten Anregungen zu folgen. Standen gegen
diese eifernde calvinistische Prädikanten auf, wie vor allem
Gomarus, so fiel ihnen alsbald die Menge zu; und in den
geistig fortgeschrittensten Provinzen der Republik, in Holland
ind Utrecht, erhob sich drohend das Gespenst des Schismas.
Wer sollte da nun vermitteln oder entscheiden? Da der
Calvinismus in den Niederlanden noch immer keine vollständige
Verfassung besaß, so fiel die Aufgabe zunächst der weltlichen
Obrigkeit zu, und das hieß den Provinzialstaaten, und, gemäß
der hauptsächlichsten Verbreitung der Arminianer, vornehmlich
den Staaten von Holland, sowie Oldenbarneveld, deren
damals herrschendem Haupte. Es versteht sich, wohin deren
Meinung ging. In seiner klaren Neigung zur dogmatischen
Indifferenz bestand Oldenbarneveld darauf, daß sich beide An—
sichten friedlich nebeneinander in denselben lokalen Institutionen
der calvinischen Kirche vertragen sollten; nur eine, möglichst
duldsame, Normalkirche sollte es geben; und seiner Ansicht waren
auch die in den Staaten zum Worte gelangenden Vroedschappen
des Landes.
Diese Meinung gefiel nun natürlich den Arminianern, und
so fanden sie sich, nachdem sie in verschiedenen Städten, wie
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI.
        <pb n="65" />
        s0

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Utrecht, Alkmaar, Leeuwarden, schon gesiegt hatten, berechtigt,
den holländischen Staaten im Januar 1610 ihre Sonder⸗
ansichten in einer Remonstranz von fünf Artikeln zu ausdrück—
licher Billigung vorzulegen. Allein kaum hatten die Staaten
ihnen gegenüber das tolerari posse ausgesprochen, so vereinigten
sich die Altcalvinisten zur Einreichung einer energischen Kontra—
remonstranz (März 1611), die darauf hinauslief, daß sie die
Remonstranten nicht in der Kirche dulden wollten. Da blieb
nun nichts mehr übrig, als von Staats wegen Verfolgungen gegen
die Altcalvinisten einzuleiten.
Was war damit geschehen? In dogmatischen Fragen
hatten zwei kirchliche Parteien auf das Urteil eines provinzialen
Staatswesens provoziert, und dieses hatte die Provokation an—
genommen. Und es waren zwei kirchliche Parteien, die sich in
vielen Dingen, sei es ausdrücklich, sei es den zugrunde liegen—
den Tendenzen nach, mit zwei gesellschaftlichen Schichten deckten,
mit den Vroedschappen vornehmlich Hollands einerseits und
anderseits mit den politischer Rechte darbenden Gemeinden.
Die Gefahr, daß die dogmatischen Gegensätze in längst drohende
politische ausmündeten, konnte unter diesen Umständen nicht mehr
vermieden werden.
Im Haag, dem Sitze der holländischen Staaten, waren
die demokratischen Kontraremonstranten von den remonstran—
tischen Vroedschappen natürlich besonders schlecht behandelt
worden. Sie konnten für sich sogar keine Kirche mehr am
Orte finden; in Wind und Wetter mußten sie nach der benach—
barten Rijswijker Dorfkirche zum Gottesdienst wandern; und
spottend lohnte die Gegenpartei ihre Aufopferung mit dem
Namen der Dreckgeusen. Wer beschreibt nun, welches Auf—⸗
sehen es unter diesen Umständen machte, als der Prinz Moriz
von Oranien sich, nach vergeblichen Versuchen, eine Aussöhnung
des dogmatischen Streites vor der kirchlichen Instanz einer
Synode herbeizuführen, diesen Leuten zuwandte, ihnen im Haag
ein Gotteshaus verschaffte und seit dem 23. Juli 1617 jeden
Sonntag feierlich zu diesem seinen Kirchgang nahm! Moriz,
ein rosiger, blonder Herr, der als gewiegter Tänzer auf Kir—
        <pb n="66" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 51

messen und lebhafter Bewunderer jeder Art weiblicher Schön—
heit bekannt war; Moriz, der einmal erklärt haben soll, er
visse nicht, ob die Prädestination blau oder grüm aussehe!
Die Absicht, in der der Prinz handelte, war gleichwohl
klar. Gegenüber den Versuchen der arminianischen Vroed—
schappen, das Staatsleben Hollands und damit womöglich das
der ganzen Republik ausschließlich aristokratisch-humanistisch⸗
kommerziell zu gestalten, nahm der kluge Oranier, in seiner
bolitischen Stellung über den Vroedschappen bedroht, seine Zu⸗
lucht zu den kontraremonstrantischen Massen des Volkes, und
er fah sich damit, wenn auch unter etwas veränderten Um—
ständen, in dieselbe Position gedrängt wie einst Lord Leicester.
Aber der Ausgang war diesmal zunächst ein anderer.
Seit dem außerordentlichen Aufschwung des Seehandels etwa
bom Jahre 1600 ab war Holland in stärkster Weise in den
Vordergrund des Seehandels der Republik getreten. Jedoch die
uübrigen Provinzen waren einstweilen noch weit davon entfernt,
sich dieser neuen Obmacht willig zu fugen. So konnte Oranien
für seine Opposition, wie sie zunächst den Provinzialstaaten von
Holland galt, bei geschickter Behandlung der Dinge auch sehr
wohl noch die Zustimmung der Mehrheit der außer Holland in
den Generalstaaten vertretenen Provinzen der Republik zu ge—
winnen hoffen, wenn er sich gegen die neue Handelsaristokratie und
deren religiös-philosophische Neigungen erklärte; und in diesem
Sinne hat er gehandelt. Als er seinen ersten Kirchgang
tat, hielt er sich hierfür der Billigung der Generalstaaten bereits
gewiß.
Demgegenüber waren die holländischen Staaten, an ihrer
Spitze Oldenbarneveld, nun erst recht zum vollsten Durchgreifen
bereit; denn es schien ihnen, als könne der Sieg der remon—
strantischen und aristokratischen Prinzipien zugleich leichten
Kaufes gewonnen werden. Am 4. August 1617 antworteten
sie auf den Kirchgang Oraniens mit der „scharfen Revolution“,
einer Maßregel, welche die Zuständigkeit der Gerichte für kirch—
liche Klagen der Bürger gegen die Stadträte aufhob, vor
allem aber die Truppen, die bisher unter Oranien standen.
        <pb n="67" />
        2

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

unter den Befehl der Räte der einzelnen Garnisonen wies und
zugleich die Aufstellung kommunalen Kriegsvolkes anordnete.
cwar im Grunde die Absetzung Oraniens und die Mobil—⸗
machung aristokratisch-remonstrantischer Streitkräfte gegen die
starr calvinischen Gemeinden. Und dieser einschneidenden
Maßregel folgten noch weitere, deren Ergebnis kaum etwas
anderes sein konnte als Bürgerkrieg.
Sollte Oranien nun nachgeben? Nach manchen Weite—
rungen war er der Generalstaaten völlig sicher. Und damit
auf unbestreitbar gesetzmäßigen Boden gestellt, begann er die
Gegenzüge gegen den Ratspensionär und die Staaten von
Holland. Am 12. Juli 1618 erklärten die Generalstaaten die
Anwerbung von Bürgermilizen für unzulässig; Oranien dankte
sie allenthalben entschlossen und deshalb ohne große Schwierigkeiten
 ab; bald darauf übergaben die Generalstaaten dem
Prinzen eine geheime Vollmacht, zu tun, was sich für das
Wohl des Landes als nötig erweise, und hierauf ließ Oranien
am 24. August Oldenbarneveld und seine Anhänger, darunter
auch Hugo Grotius, verhaften. Am 7. März 1619 begaun
der Prozeß gegen Oldenbarneveld, und am 13. Mai 1619 hat
der zweiundsiebzigjährige Greis für sein Ideal der remonstran⸗
tischen, von Hollands Vroedschappen zu leitenden Republik das
Schafott bestiegen.
Es war ein hartes Ende nach so viel Verdiensten; und
ward es durch den Verlauf der sozialen und religiösen Be—
wegungen der Zeit erfordert, so versteht man doch leicht, wie
sich über diesen Ausgang bald ein dichtes Gewebe verklärender
Sagen breiten konnte, dessen Auftrennung noch heute die ge—
schichtliche Forschung beschäftigt. Die Kontraremonstranten aber
trriumphierten jetzt; und Moriz ward als zweiter Moses gefeiert,
der das Volk Gottes aus der äqyptischen Dienstbarkeit befreit
habe.
Kurz nach Oldenbarnevelds Verhaftung hatte in Dordrecht
die nationale Synode zu tagen begonnen, die Oranien früher
gefordert hatte: die dogmatisch-kirchlichen Fragen kamen damit
in die rechte Instanz. Ihr Abschluß aber, am 1. Mai 1619,
        <pb n="68" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 53

ergab den vollen Sieg der altcalvinistischen Kontraremonstranten.
Der Heidelberger Katechismus wurde von neuem als Norm des
Glaubensbekenntnisses erklärt, die remonstrantische Lehre wurde
ausdrücklich verurteilt, und ihre Prädikanten, etwa 200 an der
Zahl, wurden darauf teils abgesetzt, teils gar verbannt und
an zeitlichem Gute gestraft. Im übrigen beließ man zwar die
Anhänger der Remonstranz im Lande, aber sie schrumpften
zusammen, sie galten als gleichsam geistig aussätzig; der reine
Calvinismus durfte seitdem als Form holländisch- nationalen
Glaubens gelten und ist als solcher bis zum Ende der Re⸗
publik fast ungestört geblieben. Zwar erhob sich im einzelnen
noch ungeheurer Streit, in dem eine neue Scholastik in greu—
lichem Latein emporwucherte und eine Masse von Sekten von
dem Hauptkörper der Kirche absplitterte. Im ganzen aber
siegte das altcalvinische Kirchentum, und hat es auch keine
großen Persönlichkeiten mehr gezeitigt, so blieb es doch in einer
drei Menschenalter dauernden Blüte.
Zunächst freilich begann im Jahre 1621 der Krieg gegen
Spanien von neuem; und wie früher die großen Kriegsjahre
alle heimischen Auseinandersetzungen hatten zurücktreten lassen,
so hatte auch jetzt die Fehdezeit die gleiche Wirkung. Man
war einig darin, daß man die Spanier vom heimischen
Boden vertreiben müsse, und daß nur der Besitz Ostindiens
und die Freiheit der Meere die erreichte Höhe gewährleisten
könne. Und in einem neuen Kampfe von siebenundzwanzig
Jahren hat die Republik die für diese Ziele notwendigen Er—
rungenschaften gesichert. Mit der Eroberung von Herzogen⸗
busch im Jahre 1629 war die Befreiung des Vaterlandes voll⸗
endet; die Befreiung der See, die Sicherung des Zusammen⸗
hangs mit den Kolonien wurde durch die Beseitigung der
Spanier und der kapernden Vlamen aus Dünkirchen, Ostende
und Bergen erreicht. Es waren unsäaglich roh geführte
Kämpfe; die Generalstaaten haben die Kapitäne ihrer Schiffe
nicht selten verpflichtet, den gefangenen Feinden die Füße zu
waschen, d. h. sie lebend ins Meer zu werfen. Aber endlich
nahte auch hier ein günstiger Entscheid; im September 1639
        <pb n="69" />
        Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

errang der große Staatenadmiral Tromp den blutigen Sieg bei
Duin, und sieben Jahre später fiel Dünkirchen, zur See von
Tromp, zu Lande von Condé umschlossen. Der Friede des
Jahres 1648 brachte damit der Republik, wessen nur sie zu
ihrem äußeren Gedeihen bedurfte; sogar der Schluß der
Schelde und damit die dauernde kommerzielle Ohnmacht der ge—
fürchteten südlichen Niederlande wurden ihr bewilligt; ganz
schien sie sich seitdem der Pflege ihrer großen Beziehungen in
die Welt hinein und ihrer mächtig aufsteigenden Wohlfahrt im
Innern hingeben zu können.

Wir aber haben am Schlusse dieser längeren episo—
dischen Ausführungen zu fragen, was denn das geistige Er—
gebnis dieser Kämpfe gewesen ist. Und da ist die Antwort
mit zwei Sätzen zu geben: eine außergewöhnliche geistige Frei—
heit der oberen Schichten in den letzten zwei Jahrzehnten des
16. und in den ersten zwei Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts
— eine Freiheit, wie sie sonst auf deutschem Boden während
des individualistischen Zeitalters nirgends bestanden hat —,
danach aber ein langsamer Verfall jener Höhezeit, die unter
ausnahmsweise günstigen Verhältnissen erreicht worden war.
Und dementsprechend ein unglaublich rasches Aufblühen der
niederländischen Dichtung und Wissenschaft seit etwa 1580
und ein Abblühen dieser rein geistigen Betätigungen seit etwa
1630 —40, seit einer Zeit, jenseits deren noch, unter staatlich
ind kirchlich schon wieder mehr gebundenen Verhältnissen, die
holländifche Kunst unvergängliche Früchte gezeitigt hat.
Welches aber war nun der intime Charakter jener Periode
höchster geistiger Freiheit? War sie ganz christlicher An—
schauungen bar? Bei Hugo Grotius hat man wohl be—
obachtet, wie er sich Muhe gibt, das bürgerliche Recht in
seinen allgemeinen Begriffen wie das Staatsrecht von jeder
Beziehung zum Offenbarungsglauben zu lösen; allein, seine
niederländischen Lehrbücher zeigen eine rein calvinische Auf—
fassung der Geschichte, und wir haben von ihm eine ausführ⸗
        <pb n="70" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 55

liche Apologie des Christentums, wenn auch in remonstran⸗
tischem Sinne. Oldenbarneveld galt wohl als ungläubig, aber
gleichwohl hat er in seiner Verteidigungsschrift eine Erklärung
der Prädestinationslehre gegeben, die ihn nach heutigen Begriffen
als vollendeten Theologen zeigt. Prinz Moriz von Oranien
erklärte, wie wir sahen, angeblich wohl, er wisse nicht, von
welcher Farbe die Prädestination sei. Das hinderte ihn aber
nicht, auf dem Schlachtfelde von Nieuwpoort zu inbrünstigem
Gebete niederzuknieen, wie es unter. verwandten Verhältnissen
vor ihm Heinrich IV. von Navarra und nach ihm Gustav Adolf
getan haben.
Diese Welt war also keineswegs antichristlich, sondern nur
freichristlich; und das Dasein Gottes stand ihr zwar nicht als
Offenbarung des Glaubens, wohl aber als Tatsache der Ver—
aunft so fest wie irgend einem frommen Christen des 16. bis
18. Jahrhunderts.
So ist auch nicht daran zu denken, daß in den Niederlanden
 selbst in den höchsten Momenten ihres geistigen Auf—
schwunges bereits volle Gewissensfreiheit im modernen Sinne
geherrscht hätte. Eine solche Freiheit setzt die Überzeugung
boraus, daß Religion moderne Frömmigkeit und als solche eine
Herrscherin im Reiche eines freien, nicht mehr durch wohl—
umschriebene Wissensmassen gebundenen Gefühlslebens sei,
während das Wissen und seine Zusammenfassung, die theoretische
Lehre, der Wissenschaft vorbehalten bleibe. Diese Überzeugung
aber erwächst erst auf dem Boden des Subjektivismus. Bestand
daher keine moderne Gewissensfreiheit, so auch grundsätzlich keine
moderne Duldung.
Praktisch freilich war die Toleranz auf niederländischem
Boden weit entwickelt. Sie war in gewissem Sinne schon
Folge der Gleichzeitigkeit und der innigen Verschlingung der
volitischen und der religiösen Emanzipationskämpfe. Sie war
weiterhin wenigstens äußerlich notwendig in einem Lande, in
dessen Städten die verschiedenen Konfessionen nicht selten Haus
um Haus wechselten. Hat man doch gegen Ende der Republik
die Angehörigen der reformierten Staatskirche auf 1150000,
        <pb n="71" />
        s6

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

die der Sekten auf 650 000 Seelen gezählt. Und so begreift
es sich, wenn schon Grotius aus der Tatsache, daß das Recht
eines jeden in der Vernunft begründet sei, die Forderung ab⸗
leitete, daß dann aus religiösen Verhältnissen heraus, als auf
welche die Vernunft keinen Einfluß besitze, Rechtsungleichheiten
nicht gefolgert werden dürften. In der Tat hat die Republik
schon früh die Gleichheit der Konfessionen wenigstens vor dem
bürgerlichen Rechte gesichert.
Allein es gibt eine intimere Freiheit als die rechtliche:
die Freiheit des Gewissens. Auch sie war in den Niederlanden,
trotz allem, nach dem klassischen Zeugnis Spinozas, wenigstens
mehr wie irgendwo sonst vorhanden. Gewiß ist auch diese
Gedankenfreiheit nach der Auffassung Spinozas selbst noch eine
in unserem Sinne begrenzte: alle obrigkeitlichen Personen,
meint er, müßten der Staatsreligion angehören, neben der
andere Religionen nur vegetieren, unansehnlichere Kultstätten
haben, nicht in zu großen Versammlungen verkündigt werden
dürfen; aber innerhalb dieser Grenzen preist Spinoza immer⸗
hin jenes Amsterdam, das die Geusen einst wegen seiner Un—
duldsamkeit gegen den Calvinismus Morddam getauft hatten,
als Krone aller Toleranz: hier dürfe jeder brave Mann denken,
was er wolle, und sagen, was er denke. Vollkommen freilich
ist dann diese intimere Freiheit des Denkens erst in dem Eng⸗
land des 17. Jahrhunderts von Milton und Locke und noch
mehr in dem subjektivistischen Deutschland der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts entwickelt worden.
Immerhin aber erschien groß und auf deutschem Boden
unerhört, was jetzt in den Niederlanden erreicht war: in enge,
zeitweis engste Grenzen waren die Mächte zurückgedrängt, welche
dem Blicke die freie Überschau der Jahrhunderte verwehrten
und der Spontaneität selbständigen Denkens Schranken zu ziehen
hestimmt waren.

III.

1. Dauernd freilich konnte der Selbsttätigkeit des Denkens
Raum geschaffen werden nicht so sehr durch negative oder an
        <pb n="72" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 57

sich noch inhaltsleere Vorgänge, wie es schließlich zunächst die
Erweiterungen des räumlichen wie des zeitlichen Horizontes
waren, wie vielmehr durch positive Sicherungen und Fort—
schritte im gesellschaftlichen Körper der Nation; erst auf diesem
Boden sind die stärksten Wurzeln eigner, vorwärtsstrebender
Kraft zu finden. Denn ein nur geistig errungener Indivi⸗
dualismus, selbst wenn er stark religiöser Natur ist, würde, im
Falle, daß man ihn überhaupt vom sozialen Individualismus
tatsächlich getrennt denken könnte, keineswegs vor der äußer⸗
lichen Unterjochung und schließlich auch innerlichen Bindung
der Individuen durch den Staat schützen. Hat es doch Dok—
trinäre gegeben, die das Individuum im selben Augenblicke
dem Staate preisgaben, da sie es von den Banden der Kirche
lösten: so im 16. Jahrhundert Macchiavelli und Bodinus.
Aber eben dies 16. Jahrhundert erlebte tatsächlich in
Deutschland noch in weitestem Ausblühen eine Lockerung der
mittelalterlich gebundenen sozialen Formen ins Feinere und
demgemäß eine positiv weitergehende, im gesamten realen
Kulturzustand begründete größere Freiheit des Individuums,
his die allgemeine unglückliche Wendung der Geschicke wenigstens
in Binnendeutschland dieser Bewegung Einhalt tat. Und so
finden sich auch schon rein äußerlich individuale Formen ge—
sellschaftlichen Lebens, die vorher nie gekannt worden waren:
Briefwechsel rein aus geselligen Neigungen, feinerer Gesellschafts⸗
ton bei „Spiel und Phantasei“, größerer Wechsel und ein wenig
mehr Geist in den geselligen Unterhaltungen und als besondere
Gattungen des Beisammenseins mehr wie jemals zuvor Zweck—
essen und Klatschgespräche.
Die Vorgänge aber, welche diese größere Freiheit des
Individuums vermittelten, sind zunächst auf sozialem Gebiete
zu suchen.
Wie lange war es da her, daß aus der unterschiedslosen
Einheit des Geschlechtes als natürlicher Gesellschaftsform die
heutigen drei Hauptgruppen wirkender sozialer Subjekte hervor—
gegangen waren: die öffentlichen Körperschaften, die Familien
und die für sich stehenden privaten Individuen und Verbände!
        <pb n="73" />
        58

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Und wie lange sollte es noch dauern, bis diese Gruppen, in sich
noch leidlich geschlossen, sich wiederum zu der überaus großen
Zahl öffentlicher Körperschaften, dem so wechselnden Charakter
des Daseins bei zahllosen Familien und dem außerordentlichen
Unterschied der Individualitäten differenzierten, den wir heute
lebendig sehen!
Verfolgen wir von all diesen Bildungen zunächst die
natürlichste, die Familie, in raschem Überblick ihrer Entwick—
lung, so ist bekannt, daß sie noch lange in historischen Jahr—
hunderten, noch bis in die frühesten Zeiten der Karolinger
hinein, im höheren Bereiche des größeren Geschlechtes ver—
harrte: in den Angelegenheiten vornehmlich allgemeinen Schutzes
und höchster Selbständigkeit ihrer Mitglieder wie des noch un—
geteilt in ihr von Menschenalter zu Menschenalter obligatorisch
forterbenden Vermögens in letzter Instanz noch von diesem ab—
hängig. Dann waren diese Herrschafts- und Aufsichtsfunktionen
des Geschlechtes immer mehr dahingeschwunden; die Familie
— D
mehr mächtigsten Halt des Familiengeschicks, das Vermögen,
und speziell den in dieser Zeit weitaus wichtigsten Teil dieses
Vermögens, den Grundbesitz, die alte Ordnung der Dinge
noch lange erhalten geblieben. Auch bei ursprünglich gleichem
obligatorischenm Erbrecht fand noch immer, mindestens in
der ersten Generation der Erben, keine Teilung des Grund⸗—
besitzes statt: noch galt für die Familie in möglichst weitem
Sinne die alte Hausgemeinschaft, die den einzelnen wirtschaft—
lich auf eine kommunistisch-patriarchalische Grundlage, geistig
auf ein uniformes, möalichst wenig differenziertes Seelenleben
stellte.

Es ist die Grundlage, die man auf dem platten Lande weit
üüber die Zeiten einer ausgesprochenen Naturalwirtschaft hinaus,
denen sie vor allem entsprach, durch besondere Einrichtungen des
Rechtes, wenn auch mit stets abnehmendem Erfolge, zu wahren
gesucht hat, und auf der der beständige Sinn unserer Bauern
zum großen Teile noch heute beruht, insofern er noch über das
konservativ-fromme Gefühl jedes Menschen, der in jedem Jahre
        <pb n="74" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 59

einmal ein Säemann ist, hinausgeht; in dem gebundenen Grund—
besitz der abhängigen Leute nach Lehn-, Dienst- und Hofrecht
erscheint sie vornehmlich im Mittelalter, in der freien Stamm—
gutstiftung, dem freien Familienfideikommiß und dem freien
Gutsuberlassungsvertrag vornehmlich während der neueren Zeiten
erhalten.
Allein während so das platte Land die alte Gebundenheit
der einzelnen Familienangehörigen an das gesamte, ungeteilte
Gut möglichst festzuhalten suchte, wenngleich auch hier der
wachsende Verkehr, die Auswanderung von Söhnen z. B. in
die Städte und Siedlungsländer des 12. bis 14. Jahrhunderts,
vielfach Lösungen ergab, waren in den Städten schon früh um
bieles freiere Erscheinungen zutage getreten.
Vor allem wurde die Teilung des Gemeinvermögens beim
Erbfall hier zur Regel: die Familie und ihre Mitglieder er—
schienen nicht mehr als zeitweilige Anhängsel nur des unsterb⸗
lichen, unzerstörbar gedachten Familienvermögens, gleich jenen
Lebewesen, die bewegungslos auf submarinen Felsen festsitzen, in
ihrer Lebenshaltung durchaus von dem abhängig, was ihnen
iußere, sozusagen objektive Strömungen zutragen, sondern sie
waren vielmehr Disponenten dieses Vermögens geworden.
Allein wie die Verfügungsfreiheit anfangs sehr eng begrenzt
ind an gewisse, wohlumschriebene Bedingungen geknüpft war
— zuerst, und noch in naturalwirtschaftlicher Zeit, hatte sie sich
für Schenkungen an die Kirche, also in konsumtivem, keines—
wegs in wirtschaftlich-produktivem Sinne durchgesetzt —, so
blieb es für einen großen Teil der Bürger auch noch lange
Zeiten hindurch. An erster Stelle für alle diejenigen, die in
den Städten des späteren Mittelalters irgendeiner wirtschaftlichen
 Genossenschaft und zunächst den Zünften angehörten.
Für sie gab es ein Spekulationskapital im Grunde nur in
genossenschaftlicher Form: das Familienvermögen verblieb, in
welcher rechtlichen Art es auch vererbt und sonst behandelt
wurde, doch Nahrungskapital der Familie in konsumtivem
Sinne; denn die Familienglieder standen von Vater auf Sohn
und Enkel in feft umgrenzten, unverrückbaren oder wenigstens
        <pb n="75" />
        s0

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

als unverrückbar erstrebten Schranken der Produktion. Eine
Lösung trat erst gegen Ende des Mittelalters ein, mit dem
Vordringen eines primitiven Kapitalismus in die altgenossen⸗
schaftlichen Gliederungen.
Vorher aber hatte dieser Kapitalismus nur einen Stand
wesentlich freier gestellt: den Kaufmannsstand. Bei ihm über—
wog von jeher der bewegliche Besitz; und darum entwickelte
sich bei ihm früh ein freieres Erbrecht und Familienrecht im
Sinne der Differenzierung und Individualisierung des Ver—
mögens mit Rücksicht auf die besonderen, innerhalb der Familie
verfolgten Zwecke. So wurde vor allem sehr zeitig über das—
jenige Kapital hinaus, das der rein in der Familie verlaufenden
Produktion und Konsumtion diente, ein Geschäftskapital ent—
wickelt; und auf dessen freier Verwendbarkeit erhoben sich schon
seit dem 14. Jahrhundert die Anfänge freier Kapitalvereinigungen.
Es sind die Erstlinge jener Entwicklung, die dann, zunächst
in den Städten und fast frei von jedem Einfluß des römischen
Rechtes, aus dem Eigensten der deutschen Zustände heraus zu
dem heutigen Familien- und Erbrecht hinübergeführt hat.
Individualisierung des Familienvermögens im Sinne all—⸗
gemeinen wirtschaftlichen Aktionskapitals wird jetzt die Losung,
je größer die Geschäfte der einzelnen Angehörigen bürgerlicher
Familien wurden, und je weiter deutsche Bürgersöhne von der
Heimat weg in fremde Lande und auf eigenständige Tätigkeit
auszogen. In dieser verwickelteren Wirtschaftslage durften die
Schläge, die den einzelnen Angehbrigen der Familie leicht
treffen konnten, nicht zugleich auch von der Gesamtheit mit—
empfunden werden; so wurden selbständige Vater-, Frauen- und
Kindervermögen geschaffen, individuelle Sondervermögen, denen
auf der anderen Seite bestimmte Familienpflichten des Vaters,
Alimentations⸗ und Ausstattungspflichten, sowie bestimmt ab⸗
—DD0
vermögensbestände entsprachen.
Das Ergebnis all dieser langsamen Wandlungen war nun
schon im 16. Jahrhundert für den Charakter des einzelnen
wie den der Familie von außerordentlicher Wirkung.
        <pb n="76" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 61

Wo waren die alten Hausgemeinschaften des platten
Landes geblieben, in denen noch frei und unfrei gemeinsam
aufwuchs und auch die Erwachsenen der verschiedenen Stände
sich ihrer inneren Durchbildung nach wenig unterschieden?
Sogar schon die städtisch-zünftlerische Hausgemeinschaft mit
ihrer noch fast unumschränkten Gewalt des Vaters und Meisters
und ihrem Anhängsel von Handwerksgesinde war im Verfall
begriffen. Dagegen begann sich die reine Familie zu bilden,
die in der Verwertung ihrer Tätigkeit ebenso wie in der Be—
streitung ihrer Konsumtion auf den öffentlichen Markt an—
gewiesen ist: weg fielen alle hausgemeinschaftlichen Verhältnisse
innerhalb des weiteren Familienverbandes; verloren ging die
alte Strenge der väterlichen Herrschaft; bloß moralische
Autorität, ja, in gewissem Sinne nur Vertragsverhältnisse be—
gannen an ihre Stelle zu treten. Zwar war der Gang dieser
Entwicklung langsam, und vielfach trat seinem durchaus ge—
—A
entgegen; darum waren auch von Dritten gestiftete Konventions-,
nicht Liebesheiraten das gewöhnliche: und wie heute Heiraten
oft genug Assoziationen von Kapital sind, so waren sie es in
hbürgerlichen Kreisen damals erst recht, nicht anders, wie fürst—
liche Heiraten häufig nur als Assoziationen von Land und
Leuten gelten konnten.
Damit stand denn der sittliche Wert der Ehe gewiß häufig
noch tief. Aber da, wo feineres sittliches Gefuhl vorhanden
war, empfand man ihn doch entschieden als wachsend; vor
allem die Meinung und die frohe Zuversicht der Reformatoren
ist das gewesen. Niemandes mehr als Luthers. Gewiß beruht
auch ihm noch die Ehe vor allem auf sinnlich-körperlichen An—
ziehungskräften, aber sie erscheint ihm doch göttlichen Rechts,
von oben geweiht und unter allen Umständen untrennbar.
Und er vertritt diesen Grundsatz, den die Kirche des Mittel—
alters, um ihn unumstößlich zu machen, durch eine sakramentale
Formulierung gesichert hatte, aus freier sittlicher Erwägung,
und darum schließt ihm das Verlöbnis die Ehe und nicht erst
die copula carnalis. Aber diese Auffassung höherer Art, die
        <pb n="77" />
        se

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

in der Ehe vor allem eine sittliche, nicht eine sinnliche Gemein—
schaft sieht, war doch im 16. Jahrhundert eben erst im Wachsen
begriffen. Luther meint darum: „In diesen Dingen möchte ich
keine Bestimmungen treffen, obgleich ich von nichts lieber
wünschte, daß es fest geordnet würde, da mir und vielen anderen
mit mir heutigentags nichts anderes so viel Not bereitet.“
So viel aber ergab sich doch schon aus dem Eheleben für
den Charakter der Familie, daß der einzelne sich in ihr in der
abgeschlossenen Eigenheit seines Gehaltes fühlen, seinen Selbst⸗
wert, seine Selbstkraft empfinden konnte: eben aus der Ent—
wicklung der Familie ging der Individualismus der führenden
Schichten hervor.
Freilich nicht aus ihr allein und nicht allein aus ihren
Konsequenzen. Vielmehr trafen sich zu seiner Begründung wie
in einem Brennpunkte alle großen Tendenzen der Zeit über—
haupt, und eine ganze Anzahl derselben vereinigte sich schon
vorher zur Entwicklung der freieren Berufswahl. Auch die
Fortbildung der Familie hat zu dieser beigetragen, indem ihre
zunehmende Freiheit die familienhafte Erblichkeit der Berufe
auflöste, nicht minder auch die Erweiterung des räumlichen und
geistigen Horizonts, von der oben ausführlich die Rede war,
fowie die zunehmende Verbreitung schriftlicher Tradition bis
in die untersten Klassen, indem sie das Erlernen gewisser Berufs—
arten von mündlicher Überlieferung unabbängiger stellte als
hisher.

Widerspiegeln aber mußten sich alle diese Richtungen der
Berufswahl in dem Charakter der sozialen Schichtung.
Die Struktur der Gesellschaft in fortgeschritteneren Zeiten
der Kultur ist stets verwickelt und keineswegs aus einem einzigen
Prinzipe her zu erklären; vielmehr schimmern in ihr regel—
mäßig die Grundlagen aller früheren sozialen Schichtungs—
vorgänge noch mehr oder weniger durch. So kannte das in—
dividualistische Zeitalter und vor allem das 16. Jahrhundert
aus der sozialen Schichtung der Urzeit her noch den Unterschied
des Geburtsrechts: es gab geborene Freie und geborene Un—
freie; so war ihm nicht minder aus dem Zeitalter der ent⸗
        <pb n="78" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 63

wickelten Naturalwirtschaft das soziale Ferment persönlichen
Dienstes erhalten: neben den Grundholden standen die Kategorien
des Hof- und Kriegsdienstes auf Grund von Bodenleihe; und
erst recht spielte in ihm noch der Unterschied des wirtschaft—
lichen Berufes eine Rolle, wie er sich in den primitiv geld⸗
wirtschaftlichen Zeiten des späteren Mittelalters entwickelt hatte:
die soziale Welt schien den Menschen auch noch des 16. Jahr—
hunderts vor allem in Bauern, Bürger und Ritter zu zerfallen.
Indem nun alle diese wichtigsten Bildungsfermente neben
anderen, weniger bedeutenden die soziale Welt des 16. Jahr⸗
hunderts in einem bunten Durcheinander von Kombinationen
erfüllten, ist es schwer, zu einer einfachen Übersicht der sozialen
Lage zu gelangen. Dennoch läßt sich eine einfache Unter—
scheidung machen. Es gab gebundene Stände, deren Struktur
der Hauptsache nach dem Mittelalter angehörte, und es gab
freie Stände, die mehr der Gegenwart angehörten und der
Zukunft zuführten. Sozial gebunden waren vornehmlich die
Stände des platten Landes, am meisten die Bauern, weniger
der Adel, am wenigsten die Fürsten; sozial freier standen die
städtischen Stände da, am wenigsten die unteren Kreise, am
meisten die kaufmännische Aristokratie. Dem entsprach es,
wenn auf Grund des Aufschwungs der Städte im späteren
Mittelalter und noch bis zur Mitte etwa des 16. Jahrhunderts
der Gesamtcharakter der binnendeutschen Kultur bis weit ins
17. Jahrhundert hinein ein bürgerlicher blieb.
Indem so das Bürgertum einer ersten geldwirtschaftlichen
Periode die Führung der Nation übernommen hatte, wurden
auf längere Zeit hin dessen Mittel und Ideale für Neu—
bildungen auf sozialem Gebiete von besonderer Wichtigkeit.
Und da waren denn die Mittel kapitalistischen Charakters, und
die Ideale wiesen je länger je mehr auf die Durchbildung einer
Kultur der Wissenschaften und des Verstandes. Die Abhängig⸗
keit der Berufswahl von den Geldmitteln der Familie und des
Vaters trat in dieser Zeit ungleich mehr hervor als je vorher,
trotz aller sozialen Fürsorge für unbemittelte Begabte; so hören
wir z. B. im Jahre 1653, manche Bürger möchten ihre Söhne
        <pb n="79" />
        34

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

wohl studieren lassen, könnten es aber nicht, weil die Zinsen
ihrer ausgeliehenen Kapitalien ausblieben. Im Charakter
seiner Ideale aber setzte sich dies Bürgertum den großen
Bildungsidealen der Vergangenheit schließlich stark entgegen.
Denn wenn es auch keineswegs religionsfeindlich war, so er—
strebte es doch noch weniger eine ausschließlich geistliche Kultur
im Sinne der universalkirchlichen Bildung des mittelalterlichen
Klerus, jener merkwürdigen, auf Grund überaus früher und über⸗
aus starker Rezeptionen vollzogenen besonderen Standesbildung
des Mittelalters; es ist dafür bezeichnend, daß seit dem 14. Jahr—
hundert an Stelle der alten geistlichen Städte Mainz, Worms,
Speier, Köln speziell bürgerliche Städte, wie Nürnberg, Ulm,
Frankfurt, Lübeck, besonders aufgeblüht waren. Und wenn
dasselbe Bürgertum auch der ästhetischen Seite des Lebens
nicht fernstand, ja, in den bildenden Künsten schon seit dem
14. und 15. Jahrhundert Zeiten hoher Blüte erlebt hat, so
hat es sich doch niemals zu den rein künstlerischen Bildungs—
idealen der ritterlichen Zeiten des 12. und 13. Jahrhunderts
bekannt, sondern, schon aus seinem Berufe des Rechnens
heraus, im ganzen mehr verstandesmäßiger Durchbildung ge—
huldigt. Von hier aus gewann es Fühlung mit dem Humanis—
mus, der auch in diesem Zusammenhange zur Gelehrsamkeit
werden mußte, und von hieraus entwickelte es auch die geistige
Grundlage für die Entfaltung der Naturwissenschaften. Denn
die großen Erfolge der Mechanik des 17. Jahrhunderts, neben
der Entwicklung der Mathematik zur Analysis die wesentliche
Voraussetzung für das spätere Aufblühen der Physik und
Chemie, wären unmöglich gewesen ohne eine lang vorher—
gehende konstruktiv-gewerkliche Tätigkeit und eine dieser ent—
fließende mechanistische Anschauungskraft der bürgerlichen Kreise.
Mit Recht bemerkt Goethe einmal in dem geschichtlichen Teile
seiner Arbeiten zur Farbenlehre, jener Fundgrube feinster Be—
obachtungen zur Geschichte der Naturwissenschaften“, in diesem
Zusammenhang: „Die Kultur des Wissens durch inneren Trieb

Werke (Weim. Ausg.) II 3, 180 f.
        <pb n="80" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 65

um der Sache selbst willen, das reine Interesse am Gegenstand
iind freilich immer das vorzüglichste und nutzbarste; und doch
sind von den frühesten Zeiten an die Einsichten der Menschen
in natürliche Dinge durch jenes weniger gefördert worden als
durch ein naheliegendes Bedürfnis, durch einen Zufall, den die
Aufmerksamkeit nutzte, und durch mancherlei Art von Aus—
dildung zu entschiedenen Zwecken.“
Indem aber so der von der bürgerlichen Gesellschaft vor—
nehmlich ausgehende Impuls auf die soziale Fortbildung
intellektualistischer Natur war, ergab sich als der fast selbst—
verständliche Ausdruck dieser Tendenz die Entwicklung der ge—
lehrten Stände.
In der Tat ist sie der eigentlich neue Vorgang in der
Ständebildung des 16. und teilweise auch schon des 15. Jahr—
hunderts. Freilich gab es dazu schon Ansätze genug, die anderen,
weniger innerlichen Zusammenhängen verdankt wurden. Die
Kirche hatte das ganze Mittelalter hindurch die Wissenschaften
begünstigt, d. h. die Tradition weltlicher Errungenschaften neben
der Tradition des Offenbarungsglaubens; denn Tradition im
Grunde oder nicht viel mehr als Tradition ist der wissenschaft⸗
liche Betrieb des Mittelalters gewesen. Dann war ihr der
Staat zur Seite getreten, sobald er, im Reiche wie in den Terri—
torien und Städten, wissenschaftlich geschulten Personals be—
durft hatte, und sobald er hatte einsehen lernen, daß nicht nur
Wissen, sondern auch Schutz des Wissens Macht ist. Diesen
Übergang des wissenschaftlichen Interesses von der Kirche zum
Staate kann man am besten an der Geschichte der Universitäten
verfolgen: anfangs und noch bis ins 16. Jahrhundert hinein, ja
bielfach darüber hinaus im Grunde kirchliche Institute sind sie doch
fast alle bereits von Staatsgewalten begründet worden und haben
demgemäß zumeist schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts
staatlichem Verordnungsrechte Zugang verstattet, — am frühesten
wohl Leipzig, in dessen Verwaltung die staatliche Seite schon
im Jahre 1488 eingriff. Im 16. Jahrhundert ist dann die Schul⸗
hoheit des Staates namentlich auf protestantischem Boden, doch
vbielfach auch auf katholischem gewaltig entwickelt worden, und
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI.
        <pb n="81" />
        bb
kostspieligere Vorkehrungen für wissenschaftliche Forschung und
Lehre sind seitdem staatlichen oder fürstlichen Charakters ver⸗
blieben. Allein hinter dieser Hülle der Bewegung barg sich
doch ein Kern freier Berufsbetätigung auf wissenschaftlichem
Boden, wenn auch erst langsam keimend; und in der humanisti⸗
schen Zeit schon schuf er sich in gelehrten Akademien, in den
sechziger Jahren des 17. Jahrhunderts dann in naturwissenschaft—
lichen Gesellschaften auch die ersten eignen Organe.
Das gelehrte Berufsleben ist darum doch während des
ganzen individualistischen Zeitalters der Hauptsache nach beamt—
lichen, staatlichen und — vornehmlich aus der mittelalterlichen
Entwicklung her — auch kirchlichen Charakters geblieben; zwar
gab es hier und da freier Wissenschaft und freiem Berufe
lebende Gelehrte, Naturforscher, Ingenieure, Ärzte, aber im
ganzen waren Staat und Kirche Nährstätten des gelehrten Berufs,
der damit vornehmlich in Theologie und Jurisprudenz aufging.
Es ist ein Zusammenhang innerer Entwicklung und äußerer
beruflicher Formgebung, ohne den die geistige Kultur des inneren
Deutschlands vom 16. Jahrhundert ab kaum verständlich ist.
Die Folge war natürlich eine überaus konservative Haltung
der gelehrten Berufskreise, sowie die Neigung, außer der Theo—
logie und Jurisprudenz, diesen polytechnischen Disziplinen der
Geisteswissenschaften, gelehrte Berufsarten freierer Form über—
haupt nicht anzuerkennen. So galt sogar der Lehrerberuf lange
Zeit hindurch als Durchgangsberuf für Theologen, bis erst die
Entwicklung des humanistischen Gymnasiums seit dem Ende des
18. Jahrhunderts diese Kombination, wenn auch noch nicht
überall voöllig, auflöste; und freie literarische Berufskreise im
Unterschiede von besoldeter gelehrter Tätigkeit haben sich im
inneren Deutschland ebenfalls erst in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts, also jenseits der Grenzen des individualistischen
Zeitalters zu entwickeln begonnen. Noch heute aber herrscht auf
deutschem Boden aus diesen Zusammenhängen her häufig genug
eine gewisse Enge gelehrten Bewußtseins, die nur zünftige Ver—
dienste gelten lassen möchte.
Gleichwohl war auch in dieser Gestalt mit dem Aufkommen

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.
        <pb n="82" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18 Jahrhundert. 67

gelehrter Berufsarten schon das wichtigste Ergebnis gesichert,
das sich an die Entwicklung rein geistig tätiger Stände knüpfen
konnte: es war gesorgt für eine zweckmäßige und genaue Formu—
lierung, sowie eine niemals abbrechende Überlieferung einmal
gewonnenen Wissens, und es waren für die Erweiterung des
Erkenntnisstandes feste Garantien geschaffen. Es war ein erster
ganz entschiedener Schritt zum Siege der geistigen Arbeit über
die materielle und damit zur planmäßigeren Ausgestaltung höheren
menschlichen Daseins überhaupt. Denn während die materielle
Arbeit nicht von uns allein abhängig ist, sondern den wechselnden
Einwirkungen von außen an uns herantretender Verhältnisse
unterliegt, sind wir in unserem geistigen Tun viel grundsätzlicher
und innerlicher auf uns selbst gestellt und in ganz anderem
Sinne als jeder Handarbeiter Herren unserer Geschicke.
So geht gelehrte Berufsbildung mit stärkerer Entwicklung
der Individualität zusammen; hin und her schießen die Schifflein;
und schwer wird in jedem konkreten Falle das System ver—
worrener Wechselwirkungen auf einfachste Vorgänge zu reduzieren
sein. So viel aber ist klar, daß diese Berufsbildung und alle
in ihr sich zusammenfassenden Tendenzen auf die gebundenen
Lebensformen der mittelalterlichen Genossens chaften untergrabend
wirken mußten. Am einfachsten sind die damit einsetzenden
Vorgänge an den Universitäten zu beobachten: die Scholaren der
mittelalterlichen Bursen werden hier allmählich zu freien
Studenten, die nur teilweise noch in Konvikten zusammenwohnen
oder sonst Formen gemeinschaftlichen Verkehrs finden; ein Leben
oft mehr als willkürlicher Freiheit beginnt, bis die rohen
Studentenbräuche des 16. —18. Jahrhunderts durch die größere
Selbstzucht des modernen Menschen auch schon in den jugend—
lichen Jahren akademischer Studien abgelöst werden.
Aber nicht bloß auf dem Gebiete geistiger Tätigkeit wich die
gebundene mittelalterliche Genossenschaft freieren Lebensformen;
auch sonst war das der Fall; es handelt sich um eine ganz all⸗
gemeine Erscheinung des 16. und 17. Jahrhunderts, wie denn
die Entstehung der gelehrten Berufsarten ja nur ein Exponent
gleichsam war der allgemeinen individualistischen Verschiebung
        <pb n="83" />
        s

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

der sozialen Struktur überhaupt. Wohin wir sehen, verfallen
die wirtschaftlich-sozialen Körperschaften des Mittelalters grobem
Mißbrauch ihrer nach selbständigerer Lebensführung strebenden
Genossen: schlechtem und unsicherem Verdienst der Schwächeren
und kapitalistischer Ausbeutung seitens der Sieger. Und selbst
da, wo sich die alten Formen nicht ohne weiteres beseitigen und
umbilden ließen, weil sie seit unzähligen Menschenaltern be—
standen und mit der Macht des Hergekommenen wirkten, suchte
man wenigstens theoretisch ihre Bedeutung abzuschwächen und
alle praktischen Vorteile gegen sie zu kehren; so hat die Juris—
prudenz schon des 16. Jahrhunderts und noch mehr des 17.
und 18. Jahrhunderts die Markgenossenschaften behandelt, so
auch späterhin die Zünfte und jede sonstige Art genossenschaft—
licher Bildung nach deutschem Recht, welche der emportauchenden
Staatsomnipotenz, dem treuen Gegenbild der Souveränität des
Individuums, entgegenstand.

2. Überschaut man das Gesamtgebiet der gesellschaftlichen
Bewegung im inneren Deutschland während des 16. und teil—⸗
weis 17. Jahrhunderts, so wird man immerhin, trotz mancher
zurückhaltender Kräfte, noch von einem der geistigen Bewegung
günstigen Fortschritte sprechen können, wenn auch die in dieser
Richtung recht eigentlich und von Grund aus führenden Ele—
mente, die bürgerlichen, immer mehr zurücktreten.
Ganz anders nimmt sich diesem nicht ungetrübten Bilde
gegenüber die nordniederländische Bewegung aus. Hier sind es
gerade die bürgerlichen Elemente, die siegen: voll gelangt
die innerdeutsche bürgerliche Bewegung des 15. und teilweis
16. Jahrhunderts zum Ausleben, wenn auch in etwas ver—
ändertem Charakter und mit glänzendem, dann aber um so
rascherem Erblühen erst nach der Mitte des 16. Jahr-—
hunderts.
Es bedarf dabei an dieser Stelle nicht mehr der Schilderung
der niederländischen Entwicklung im einzelnen, insofern sie den
binnendeutschen Vorgängen analog ist; die sozialen Grundlagen
        <pb n="84" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 69

sind schon früher berührt!, und die Tatsache des höheren Niveaus
der Ergebnisse läßt sich schon wenigen Anzeichen entnehmen.
Die Niederlande besaßen in ihrem verhältnismäßig kleinen Ge—
biete schließlich fünf Universitäten; gewaltig wuchsen die ge—
lehrten Berufsstände heran: allein die orthodor-reformierten
Theologen zählten nach Tausenden, und fast in jeder Stadt be—
fanden sich auch zahlreiche Vertreter der freieren gelehrten Berufs—
arten, Ärzte, Naturforscher, Ingenieure, von der überaus ver—
breiteten berufsmäßig-juristischen Bildung nicht zu reden. Und
diese Entwicklung der gelehrten Stände erhob sich auf der
Grundlage weiter Durchdringung aller führenden Kreise mit
humanistischen Tendenzen: manche Frau verstand im damaligen
Holland Latein und Hebräisch, in Anna Maria van Schur—
mann besaß die Republik in der ersten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts sogar eine „Weise“ von europäischer Berühmtheit,
und von Spinozas immerhin schwerverständlichen Schriften
konnte ein Zeitgenosse sagen: sie „zijn overal te vinden en
worden in dese jeukerige eeuw om hare nieuwheid in alle
boekwinkels verkocht“?. Und was diese Kultur namentlich
auch nach der ästhetischen Seite hin für die Entwicklung der
gesamten deutschen Kultur wie an sich bedeutet hat, ist be—
kannt genug.
Waren aber ihre allgemeinen sozialen Grundlagen so ganz
beständig? Galt für sie nicht auch das resignierte Wort
Vondels:

Opgaan, blinken,
En verzinken
lIs het lot van ieder staat?

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts mochten sich noch
alte Leute erinnern können, daß sich in ihrer Jugendzeit die
Regenten Hollands zu den Staatssitzungen im Haag zu Fuß
begeben und vor dem Eintritt in die Stadt Halt gemacht
hatten, um ein frugales Mahl von Käse und Brot aus der

1S. oben S. 37 ff.
5 Sepp, Godgeleerd onderwijs 2 S. 374, zit. Busken-Huet 2
S. 276.
        <pb n="85" />
        70 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Tasche zu ziehen. Inzwischen war fast alles, was auf diese
Zeit lebendig zurückwies, verschwunden. Vor allem galt das
von den Reminiszenzen an eine frühere naturalwirtschaftliche
Zeit: schon das 17. Jahrhundert sah das Landvolk im all—
gemeinen völlig frei von Diensten, und die Kirmeßbilder der
Maler zeigen es in frohem, wenn auch gesellschaftlich unter—
würfigem Verkehr mit dem Adel. Der Adel selbst aber hatte
gegenuüͤber dem Bürgertum fast jede besondere soziale Stellung
verloren; höchstens daß diesem ein ausländischer Ritterschlag
noch mehr galt, als einheimische Ehren, wie denn der gesellige
Verkehr noch teilweis den Regeln der älteren, monarchischadligen
 Zeit unterworfen war.
Im übrigen aber hatte, etwa gegen Ende des dritten
Viertels des 17. Jahrhunderts, die hohe bürgerliche Gesell—
schaft schon zwei Perioden der Entwicklung durchlaufen und
war stark in der Entwicklung einer dritten begriffen. Die
Generation der Jahre etwa 1580— 1620 war die der alten
Aristokraten gewesen, die in den Kämpfen gegen die Spanier
groß geworden waren: eine noch etwas geusenhaft urwüchsige,
derbe, dabei anspruchslose, schlichte, fröhliche Gesellschaft, die
in naivem Stolz auf die Zeit der Befreiung dahinlebte. Ihr
war dann eine andere Generation gefolgt, die rüstig auf dem
Wege der Errungenschaften der Väter fortgeschritten war, weit—
sichtig, tatkräftig und rasch im Handeln, dabei fein gebildet
und mit der echt niederländischen Eigenschaft des Scharfsinnes
hohen künstlerischen Geschmack verbindend. Aber in den
fiebenziger Jahren des 17. Jahrhunderts begann sie zurück⸗—
zutreten. Und ihr folgte eine Generation des Verfalls.
Einzelne Erscheinungen, die zum Verfalle führen mußten,
kündigten sich freilich schon in den Zeiten der zweiten Generation
an. Der Reichtum nahm bereits seit Anfang des 17. Jahr⸗
hunderts in einer Weise zu, die mit beinah unfehlbarer Sicher—
heit zum Ruin der altväterlichen sittlichen Anschauungen führen
mußte. Schon damals hatte man viele Millionäre im Lande;
Isaak Le Maire konnie bereits auf seiner Grabschrift von sich
sagen, daß er anderthalb Millionen Gulden verloren habe.
        <pb n="86" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 71

Seit 1628 begann dann, ein Zeichen schon des Auswuchses,
der Harlemer Tulpenschwindel, bis die „Tulpomanie“ in den
Jahren 1636 und 1637 ihren Höhepunkt erreichte. Um die—
selbe Zeit waren schon die Wurzeln der neuen Volkswirtschaft
theoretisch bloßgelegt — Salmasius schrieb 1638 sein Buch
„De usuris“*, das ein vollständiges Verständnis vom Wesen des
Unternehmerkapitals zeigt — und so konnte die klare Übersicht
der wirtschaftlichen Lage von kapitalkräftigen Kennern über—
mächtig ausgebeutet werden. In der zweiten Hälfte des Jahr—
hunderts sind dann jene Verfallseigenschaften vollständig aus—
gebildet, welche schlechte dritte Generationen des Kaufmanns-—
standes zu charakterisieren pflegen: als zentraler Fehler der
Eigennutz in jeder Gestalt, die „oeygensoeckenleikheydt“, wie
man es in den Niederlanden mit einem neugebildeten Worte
nannte, dieselbe Eigenschaft, welche die Zeit Luthers in Hin—
sicht auf verwandte Erscheinungen der damals verlaufenden
hürgerlichen Entwicklung Binnendeutschlands mit dem Aus—
druck „Geiz“ bezeichnet hatte. Jetzt wurde jeder Erfolg als
Unterpfand göttlichen Segens betrachtet, gleichgültig, welche
Mittel ihn herbeigeführt hatten; reich galt als identisch mit
zut: die Verfallsmoral und Verfallsreligion eines reinen
Handelsvolkes zog ein. Unsauberkeit in Geldfragen und kauf—
männischer Hochmut waren die Folgen. Von Hendrik Hooft,
einem Sprossen der bekannten Amsterdamer Bürgerfamilie,
heißt es, er habe „sich die Mühe gegeben, auf die Welt zu
kommen“; und der französische Gesandte d'Estrades konnte be—
richten, er kenne nur vier Personen im ganzen Niederland, die
nicht mit Geld zu kaufen seien: die beiden Brüder de Witt und
die Herren van Beuningen und Beverning.
Natürlich war ein Bürgertum dieses Charakters auch un—
kriegerisch. Aristokratische Republiken pflegen an sich das Leben
der führenden Klasse nicht gern aufs Spiel zu setzen; die
Venezianer haben schon seit 1143 ihre Kriege durch Miets—
truppen geführt, und auch die Niederländer haben ihre Un—
abhängigkeitsschlachten zum größten Teile mit Söldnern ge—
schlagen. Aber jetzt wollte man von Krieg überhaupt nichts
        <pb n="87" />
        72 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

mehr wissen; unter dem Beifall des Landes konnte Peter
de la Cour erklären: Holland bedürfe vor allem des Friedens;
die Republik müsse nach dem Beispiel der Katzen leben, die
nur wütende Angreifer seien, wenn man sie nicht in Ruhe
lasse, im übrigen aber ihre Jungen fürtrefflich nährten; das
Wappen Hollands, der Wellen überschreitende Löwe, sei eigent⸗
lich auch gar kein Löwe, sondern eine Katze. Und diese An—
sichten erlangten zu einer Zeit Geltung, da Holland sich gegen
die wachsende Eifersucht der benachbarten Reiche atlantischen
Charakters, Englands und Frankreichs, aufs stärkste hätte
wappnen müssen.
Dabei vernachlässigte man seit 1648 nicht bloß die Kriegs—
und Seemacht, man baute auch den eigenen Staat nicht aus.
Die Republik als Staatenbund war aus Verhältnissen hervor—
gegangen, die denen des 14. und 15. Jahrhunderts im inneren
Deutschland einigermaßen glichen, nur daß auf niederländischem
Boden die Alternative: „Sieg der Fürsten oder der freien
Städte“ im Sinne eines Sieges der freien Städte gelöst
worden war: eine Reihe von Stadtstaaten war entstanden.
Die Republik war nun anfangs nichts als ein Bund dieser
Staaten, und so hätte sie sich bei glücklicher Entwicklung, um
äußeren Angriffen erfolgreich widerstehen zu können, in der
Richtung auf einen Einheitsstaat weiterbewegen müssen. Aber
davon war jetzt kaum in irgend einem Sinne noch die Rede;
ein berühmter niederländischer Historiker hat es aussprechen
können, daß für seine Landsleute bis 1795 bei geringer Über—
treibung der Satz gegolten habe, daß sie wohl eine Vaterstadt,
nicht aber ein Vaterland besäßen!.
Nun machte sich allerdings, während die Staatsverfassung
unausgebaut blieb, wenigstens ein einziges allgemeines großes
Interesse so sehr geltend, daß es die politische Lage vereinheit⸗
lichte und damit beherrschte: das des Handels. Allein auch
abgesehen davon, daß das Schicksal der Hanse schon einmal
auf deutschem Boden gezeigt hatte, wie ein Interesse dieser Art

Fruin, Eene hollandsche stad, Bd. II, Vorrede.
        <pb n="88" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 73

allein nicht geeignet ist, das feste Band eines einheitlich ge—
ordneten Staatswesens zu ersetzen, wurde es auch noch in
jeder Hinsicht einseitig zur Geltung gebracht. Vom Turm des
Utrechter Domes kann man bei klarem Wetter den Turm der
Neuen Kirche in Amsterdam erkennen: so nahe liegen die alten
Niederlande des Ostens, die noch immer wesentlich agrarische
und auch binnenländische Interessen hatten, und die neuen
Niederlande des Westens, die Lande des Handels, beieinander.
Von ihnen mußten nun die Ostlande ganz ins Schlepptau der
Westlande geraten, wenn man nur auf die Vorteile des
Handels sah. Und die Entwicklung gipfelte sich sogar noch
mehr hin auf den alleinigen Einfluß Hollands, ja fast nur
Amsterdams; nicht ohne inneren geschichtlichen Grund bezeichnen
wir noch heute das Königreich der Niederlande kurzweg als
Holland. Die Provinz Holland hat seit etwa 1650 fast un—
bestritten die Geschicke der Republik geführt, und Amsterdam
wieder gab in ihr den Ausschlag. Mochten die Generalstaaten
beschließen, was sie wollten: wie wollte man zur Ausführung
gelangen, wenn Amsterdam kein Geld gab? Und Amsterdam
hat in kritischen Momenten den Gehorsam verweigert, ja sogar
selbständig mit äußeren Feinden verhandelt! Traten aber die
Handelsinteressen so durchaus in den Vordergrund, so mußte
auch die soziale Lage, das Verhältnis zwischen dem reichen
und dem ärmeren Bürgertum, zwischen Freigeisterei und
Orthodorxie, zwischen dem bürgerlich-aristokratisch-zentralistischen
Regiment und dem oranisch-partikularistischen Statthaltertum,
das sich des Ganzen und damit der Masse annahm, immer ge—
spannter werden: zu den politischen Gegensätzen kamen soziale
und geistige.
Unter diesen Umständen besaß die Republik nur noch ge—
ringe Mittel, äußeren Feinden entgegenzutreten, wohl aber um
so mehr Stellen von konzentrierter Wichtigkeit, ja fast nur eine
einzige Stelle der Art, den Handel und Amsterdam, die ein
energischer Gegner angreifen konnte, um das Ganze in Gefahr
zu bringen. Und schon fand sich eine reiche Anzahl solcher
Gegner ein, insbesondere konnte man seit Mitte des 17. Jahr⸗
        <pb n="89" />
        Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

hunderts schwerer Angriffe von seiten Frankreichs und Englands
von Jahr zu Jahr gewisser werden.
England war dem Dreißigjährigen Kriege ferngeblieben;
innere Zwiste hatten es verzehrt. Aber aus ihnen tauchte die
Republik Cromwells empor, die sich alsbald der vernachlässigten
wirtschaftlichen Interessen der Nation annahm. Dabei mußten
sich ihre Blicke dem Meere zu richten. Die royalistischen Frei—
beuter zur See zwangen zum Flottenbau; die holländische
Handelsübermacht führte zur Navigationsakte, dem Verbot für
die Schiffe europäischer Länder, andere als die Erzeugnisse des
eigenen Landes in England einzuführen (1661). Es war eine
wirtschaftliche Kriegserklärung an die Niederlande, und so ward
sie von diesen verstanden. Aber vergebens versuchten die nieder—
ländischen Admirale und Staatsmänner, in dem nunmehr aus—
hrechenden offenen Kampfe das Interesse ihres Landes zu wahren;
die englische Marine wuchs trotz aller Verluste, die ihr Tromp
zufügte, bald auf fast anderthalb Hundert Schiffe an, und in
dem Frieden, den Jan de Witt 1654 bei England nachsuchen
mußte, blieb die Navigationsakte erhalten, um bald darauf,
1661, durch König Karl II. noch verschärft zu werden. Und
auch ein zweiter Krieg (1665— 1667) brachte keine Er—
leichterung; in dem Frieden von Breda wurde die Navigationsakte
 nicht aufgehoben, nur einige günstigere Stipulationen über
Konterbande wurden getroffen; auch sollten alle deutschen, den
Rhein herabkommenden Waren als niederländische gerechnet,
mithin ihre Einführung auf niederländischen Schiffen zugelassen
werden.

Inzwischen aber war es in den Niederlanden selbst aus den
Tiefen der bestehenden sozialen, religiösen und politischen
Gegensätze her zu schweren Krisen gekommen. Nach dem Tode
des Oraniers Wilhelm II. (1650) war Jan de Witt, der
Führer der aristokratischen Loevesteinschen Partei, Ratspensionär
bon Holland und damit Leiter der inneren und äußeren Politik
der Republik geworden; es war ein Sieg der Handels—
geschlechter über die Schichten der Landbevölkerung, des Klein—
bürgertums, der Geistlichkeit, auch über das an den Oraniern
        <pb n="90" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 75

hängende Heer. Unter den Wehen des ersten englischen
Krieges brach dann die Unzufriedenheit dieser Schichten zu
heller Flamme aus; Aufstände erhoben sich in Dordrecht, im
Haag, in Enkhuizen und sonst; die herrschende Partei schlug
sie ebenso nieder, wie nach dem Friedensschluß mit England
einen Bauernaufstand in Walcheren und Unruhen in Overijssel
und Groningen. Aber damit waren natürlich die tieferen Ur—
sachen der popularen Bewegung nicht beseitigt. Und die
herrschende Partei dachte auch gar nicht daran, in dieser
Richtung vorzugehen. Vor allem nach der Erledigung des
zweiten englischen Krieges fühlte sie sich auch ohne Reformen
sicher; sie stärkte sich nach außen hin durch Bündnisse und führte
endlich einen Hauptschlag gegen die oranische Partei, indem sie
die Statthalterwürde von Holland abschaffte und die Funktionen
des Statthalters für immer von denen des Generalkapitäns
und Generaladmirals trennte.
Aber eben in diesem Moment, der die Handelsaristokratie
an das Ziel ihrer Wünsche zu bringen schien, nahte die Kata—
ttrophe.

Frankreich, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in
die letzten Phasen des Dreißigjährigen Kriegs verwickelt, war
den Niederlanden günstig gesinnt gewesen; im Westfälischen
Frieden hat es ihnen die Gewähr ihres Besitzes in Europa und im
malaiischen Archipel vermitteln helfen. Aber seitdem hatten
sich die Zeiten geändert. Frankreich hatte nach Mazarins Tode
unter Colbert (seit 1661) seine wirtschaftlichen Kräfte zu ent—
wickeln begonnen. Was das mit Rücksicht auf die Niederlande
dedeutete, hat Colbert einmal selbst in einem Schreiben an den
französischen Gesandten im Haag deutlich auseinandergesetzt.
„Der Seehandel wird in Europa durch ungefähr 25000 Schiffe
betrieben, und von Rechts wegen müßte hieran jedes Land
einen seiner Machtstellung, Bevölkerungszahl und Küstenlänge
entsprechenden Anteil haben. Von jenen 25000 gehören jedoch
14-15 000 den Holländern und höchstens 525600 Frankreich.
Der König wünscht unter Anwendung aller erlaubten Mittel,
der Ziffer näherzukommen, auf die seine Untertanen ein An—
        <pb n="91" />
        76 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

recht haben.“ Frankreich hatte zu diesem Zwecke schon 16558
nach dem Muster der englischen Navigationsakte allen fremden
Schiffen in französischen Häfen ein Tonnengeld von 50 Sous
auf die Tonne auferlegt; hierzu war 1659 die Bestimmung
gekommen, daß ausländische Schiffe in französischen Häfen auch
gegen Erlegung des Tonnengeldes nicht befrachtet werden
dürften, solange in ihnen französische Schiffe unbefrachtet
lägen. Diesen Maßregeln folgte dann während des zweiten
englischen Krieges ein meisterhafter Zug Colberts, der hohe
Schutzzolltarif des Jahres 1664, der vornehmlich holländische
Waren treffen sollte und traf. Und dieser Tarif wurde 1669
nochmals erhöht.
Es war ein kaum noch zu ertragender Zustand, und so
antworteten die Staaten vom Jahre 1671 ab mit Retorsions⸗
zöllen freilich wechselnden und unentschlossenen Charakters.
Für Frankreich aber war das Grund genug, das Schwert zu
ziehen; es kam zu dem sechsjährigen Kriege der Jahre 1672
bis 1678.
Schon der Anfang dieser Kriegszeit brachte den Nieder—
landen eine schwere innere Katastrophe. Dem Verluste dreier
Provinzen, dem Sturz der Landesobligationen auf einen Kurs
—0—— auf 250 Gulden
folgte eine Erhebung der oranischen Partei zu Dordrecht, die
sich weiter verbreitete: das Regiment der Aristokraten wich dem
des Prinzen von Oranien; den Gebrüdern de Witt wurde der
Prozeß gemacht, und sie fanden in den Volksaufläufen
Amsterdams ihr tragisches Ende.
Aber war die fiegende, die oranische Partei nun noch in
der Lage, etwas zu bessern? Der französische Krieg, dem sich,
unter furchtbaren Verlusten des niederländischen Handels, ein
englischer zugesellt hatte, endete mit dem Frieden von Nym⸗
wegen, ohne daß die Lage zur Zeit des Westfälischen Friedens⸗
schlusses wiederhergestellt worden wäre. Frankreich hielt das
Tonnengeld, wenn auch unter einer Ermäßigung, aufrecht, und
nicht minder den Tarif von 1664. Damit stieg die Republik
herab von der um 1648 erreichten Höhe; sie wurde langsam
        <pb n="92" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 77

zu einer Seemacht nur noch zweiten Ranges. An ihre Stelle
begann England zu treten; und als der Oranier Wilhelm II.
1689 den englischen Thron bestieg, geriet sie vorübergehend
schon einmal ganz in das Schlepptau der neuen Beherrscherin
der Meere, nach dem Vergleich Friedrichs des Großen ein kleines
Boot nur noch neben dem stolzen Linienschiff.
Freilich wurde um diese Zeit etwa der erste lehrreiche Ver⸗
such gemacht, den einseitig kommerziellen Charakter des Landes,
einen der Grundfehler der Lage, durch Entwicklung einer ein⸗
geimischen Großindustrie zu beseitigen.
Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts und länger hatte
man in den Niederlanden absichtlich die alte Handwerks—
berfassung erhalten; in Leiden, dem großen Platze des Tuch⸗
gewerbes, arbeiteten die Färber damals noch nach einem
Reglement von 1588, und in Amsterdam fiel erst 1657 das
Verbot, wonach ein Leineweber nicht mehr als drei Stühle in
Bang haben durfte. Und das, obwohl seit mindestens Anfang
des 17. Jahrhunderts alle Voraussetzungen einer Großindustrie
vorhanden waren: Ansammlung starker Kapitalien in wenigen
dänden, Unternehmergeist, Welthandelsmacht und eine Klasse
angelernter Lohnarbeiter! Alles, was von großer Manufaktur
borhanden war, waren trotzdem bis dahin nur wenige Etablisse⸗
nents fremder Unternehmer gewesen, die man von den An⸗
forderungen der heimischen Gesetzgebung entbunden hatte.
Da begann, mit den Retorsionen gegen Frankreich, die zu⸗
gleich einen starken Schutz gewisser Industrien des Inlandes
hedeuteten, der Gedanke größerer Unternehmungen zum ersten
Male ernsthaft aufzutauchen. Und währenddes brach, mit
der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685), der Strom
oieler Tausende von hugenottischen Flüchtlingen ins Land. Sie
zaben für die neue Wendung den Ausschlag. Meist nicht
kapitalarm, zudem erfüllt von dem durch Colbert entfesselten
Unternehmungsgeist und in der neuen Heimat mit mannig⸗
fachen Privilegien versehen, begannen sie eine Anzahl von
Industrien zu unerhörter Blüte zu entwickeln: die Fabrikation
hon Seiden- und Halbseidenstoffen, von Müllergaze, von
        <pb n="93" />
        78

Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Sammet, die Gerberei und die Fabrikation von Hüten, auch
die Herstellung von Arbeiten des Posamentenfachs. Es war
ein Aufschwung, dessen Leben sich teilweise auch auf die Ein—
heimischen übertrug. Indes in wünschenswerter Weise um—
wälzend auf die sozialen Schäden wirkte er gleichwohl nicht.
Die Gesetzgebung kam, abgesehen von einer industriefreund⸗
lichen Zollpolitik, der neuen Entwicklung nicht bloß nicht
genügend, sondern überhaupt nicht entgegen; hier blieb alles
heim alten, und das Ergebnis waren sozialistische Revolten in
der Großindustrie schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts.
Und auch die Zollpolitik blieb der Industrie nicht auf die
Dauer günstig. Es stellte sich heraus, daß die Steigerung der
Zölle neben anderen Ursachen auf den Zwischenhandel im
Sinne der Auflage von Durchgangsabgaben wirkte und diesen
aach Emden und Bremen, namentlich aber nach Hamburg zu
vertreiben drohte: Grund genug, um ungünstige Veränderungen
der Industrie herbeizuführen.
Und gleichzeitig schritt das Unglück in der äußeren Politik
fort! Ein neunjähriger Krieg mit Frankreich (16881697)
brachte zwar einige Erleichterungen gegenüber feindseligen
Maßregeln Frankreichs vom Jahre 1687, aber keineswegs
genug; und der Spanische Erbfolgekrieg (1701- 1718) be—
drückte die Niederlande wiederum derart mit Unterbrechungen
der Schiffahrt, daß sie aus ihm aufs äußerste geschwächt hervor⸗
gingen.
Gleichwohl war auch diese Periode bis zum Jahre 1718
noch eine Zeit verhältnismäßig reichen Gedeihens; Holland
hatte damals noch immer mehr Schiffe als England, und
immer noch nahm ein Drittel der englischen Ausfuhr den Weg
über die Häfen der Republik. Eine volle Lähmung, zunächst
der Industrie, trat erst seit etwa 1730 ein: die Fortdauer der
mittelalterlichen Stadtwirtschaft, welche die Industrie von der
Ausnutzung der billigeren Arbeitskräfte des platten Landes ab—
hielt, und der Einfluß des immer noch allmächtigen Handels,
der jede rationelle Schutzzollpolitik verbot, wirkten jetzt gegen—
über dem Aufschwung der Industrie in anderen Ländern ver—
        <pb n="94" />
        Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 79

nichtend, und der mit dieser Zeit einsetzende Versuch, die alt⸗
ererbten Hausindustrien stärker zu beleben, scheiterte. Es zeigte
sich, daß der wirtschaftliche Körper der Republik verlebt war.
Aber nicht besser stand es mit dem politischen Körper: Korrup⸗—
tion der Verwaltung, verknöcherte Cliquenwirtschaft in der
Regierung, unerhörte Steuerlast waren hier die Signatur; und
heftige Kämpfe um die Mitte des Jahrhunderts, nachdem der
Orauier Wilhelm IV. die erbliche Statthalterwürde erhalten
hatte, haben daran wenig geändert. So brachte die zweite
dälfte des 18. Jahrhunderts auch nach außen hin keine Erfolge
mehr: man war erschöpft; in demselben Jahr, 17883, das Eng⸗
land im Versailler Frieden die unbestrittene Herrschaft zur See
— D0 auf
Austausch der nordischen Erzeugnisse beruhenden Mittelmeer—
handel bis zur Hälfte des einstigen Umfanges verringert; und
es war nur ein Symbol gleichsam dieses Ruins, wenn um
dieselbe Zeit etwa die seit 1648 suspendierte freie Schiffahrt
auf der Schelde, der alten Konkurrentin, von neuem eröffnet
ward.

Im Innern freilich lebten die alten Geschlechter noch in
einem Reichtum fort, den man durch die Zinsen der Staats⸗
schuldverschreibungen des In- und Auslandes mühelos ins
Ungeheure mehrte — der Zinsfuß sank im Laufe des 18. Jahr—
hunderts auf 3 und 21/2 0,0, während er im 17. Jahrhundert
ß bis 40/0 betragen hatte —, aber tätig war man nicht mehr.
Und mit der politischen und wirtschaftlichen Energie wich auch
die geistige Spannkraft. Dem jungen Schweizer Haller, dem
Dichter und Physiologen, erschienen nach den Aufzeichnungen
in seinen holländischen Tagebüchern (172521732) auch die
Unterrichtsanstalten des Landes zurückgeblieben, die literarischen
Erzeugnisse gegenüber den englischen veraltet und lebendig nur
noch die äußeren Formen alten geistigen Daseins: Bücher—
liebhaberei ohne Interesse am Lesen, Geselligkeit ohne Frauen,
gutmütiges Phlegma überall.
Die Zeiten niederländischer Größe waren entschwunden.
        <pb n="95" />
        Zweites Kapitel.
Allgemeiner Charakter des individualistischen
veelenlebens auf der Höhe seiner Entwicklung.

1. Erscheint die geistige Entwicklung Deutschlands vom
16. bis zum 18. Jahrhundert hin zwiegeteilt in dem Sinne,
daß ein kleines Gebiet deutschen Bodens im äußersten Nord—
westen und neben ihm allenfalls noch die einzige wirkliche Groß—
stadt der weiteren atlantischen Küste, Hamburg, führend auf—
traten, während der Rest nur mühsam folgte und vielfach von
Rezeptionen aus diesem Gebiete wie auch aus der Fremde
lebte, so zeigte doch darum die beiderseitige Entwicklung noch
keine absoluten und völlig grundsätzlichen Unterschiede. Die
Richtung des Fortschritts war vielmehr auf jeder Seite wesent—
lich die gleiche; sie wurde nur im inneren Deutschland weniger
weit durchmessen. Darum ist es auch möglich, von dem
Charakter der deutschen Persönlichkeit dieser Zeit ein Gesamt—
bild zu entwerfen, insofern sie als Potenz der gemeinsamen
Entwicklung wirkte. Es soll das in diesem Abschnitt zunächst
oon der wichtigsten ihrer Seiten, der intellektuellen, her ge—
schehen.

Das älteste, uns in der deutschen Überlieferung noch eben
zugängliche Denken geht fast ganz in unbewußten Analogie—
schlüssen und Analogiebildungen auf; es will die Dinge nicht
eigentlich begreifen, es will sich nur durch Aufsuchung von
Ahnlichkeiten gleichsam an sie gewöhnen; es will sie nicht ver—
        <pb n="96" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 81

ständlich, sondern selbstverständlich sehen!. Darum ist schon
weit vor aller unmittelbar beglaubigten Geschichte für unsere
Nation die Vergleichung die gewöhnlichste Art der Weiter—
bildung von Begriffen gewesen. Althochdeutsch „gilibk“ ist
ein urgermanisches Wort von einem bei allen Stämmen gleichen
Sinne; zusammengesetzt aus ga und subst. lika, Körper (vgl.
Leiche“), bedeutet es: „einen übereinstimmenden Körper habend“.
Bedenkt man, daß dies Wort in der für tausend adiektivische
Bildungen immer wiederkehrenden Endung -lich steckt, daß weib⸗
lich z. B. ursprünglich „eines Weibes Körper habend“ bedeutet,
so erfieht man schon aus diesem einen Beispiel, was die Ver—
gleichung in jener fernsten Zeit für die Begriffsbildung be—
deutete, und erfährt zugleich, daß sie der Regel nach vom
Sinnlichen, Sichtbaren ausging.
In den ältesten Zeiten, die unserer Auffassung noch durch
unmittelbare Überlieferung zugänglich sind, war man freilich
aus dieser Art des Gebrauchs der Analogie schon längst heraus—
getreten. Jetzt wurde die Analogie auch schon bewußt an—
gewandt, und in dieser bewußten Form war sie, wenn z. B.
die Schiffe als Hengste der Wogen, die Pfeile als Luftvögel
bezeichnet wurden, Grundlage dichterischen Empfindens und
feierlicher Rede, wie, zumal in der Form des Rätsels, geist—
reicher Unterhaltung; ja, auf ihr beruhte schließlich die ganze
intellektuelle Seite jener Symbolik fast aller Lebensäußerungen,
die wir als verhallenden Zug einer großenteils noch vorgeschicht⸗
lichen Kultur in unserer ältesten schriftlichen Überlieferung
wahrnehmen.
Denn auch über diese Stufe war die Entwicklung der ge—
schichtlich beglaubigten Urzeit schon längst hinausgelangt; der
eigentliche Analogieschluß war aufgetreten: jener Schluß, der
aus einer teilweisen Ähnlichkeit zweier verglichener Dinge deren
innere Zusammengehörigkeit, deren Identität oder analoge Eigen—

Der Abschnitt von diesem Satze ab und der folgende Abschnitt
sind schon gedruckt in den Annalen der Naturphilosophie, herausg. von
W. Ostwald, Bd. J S. 438 469.
Lamprecht, Deutiche Geschichte. VI.
        <pb n="97" />
        schaft auch nach anderen als den verglichenen Seiten hin
folgert. Es ist der für das ganze Mittelalter charakteristische
Schluß, dessen eingehende Entwicklungsgeschichte erst das tiefste
Verständnis der intellektuellen Struktur der gebundenen Persön—
lichkeit dieser Zeiten eröffnen würde.
Was er in seiner einfachsten Form bedeutet, sei hier zu⸗
nächst an einem Beispiele des späteren Mittelalters erläutert.
In dieser Zeit wird immer und immer wieder der Schluß ge⸗
macht: Papst und Kaiser verhalten sich zueinander wie Sonne
ind Mond, folglich ist der Papst um sovielmal mächtiger als
der Kaiser, wie die Sonne größer ist als der Mond. Es ist
ein für das Mittelalter durchaus —XV
noch ein so scharfsinniger Denker wie Nicolaus von Kues (um
1430) nicht entzogen hat.
Allein wichtiger als der einzelne Schluß waren die Vor—⸗
zgänge, in denen schon sehr früh solche Schlüsse zu Systemen
des Denkens zusammengeschossen wurden. Das wichtigste Er—⸗
eignis war hier die Begrundung einer vollen auf Analogie⸗
schlüssen beruhenden Weltanschauung: der Mythologie. Will
der Mensch seine Freiheit behaupten, so muß er sich der Natur
entgegensetzen; der älteste Versuch einer intellektuellen und
moralischen Beherrschung der Welt kann nur von der Ent—
wicklung des Gesichtspunktes, daß die Welt etwas außer uns
sei, hervorgegangen sein; so tief liegen die Grundlagen eines
primitiv dualistischen Denkens. Setzte man sich aber der Natur
entgegen, so war sie nur nach Analogie menschlicher Vorgänge
zu begreifen. So wurden hinter den Naturvorgängen Kräfte
gesucht, deren Ursprung und Zusammenhang nach Art mensch⸗
licher Tätigkeit aufgefaßt ward; und so ergab sich eine Personifi⸗
kalion der Naturkräfte in Göttern, die dann, wiederum in
Analogieschlüssen, dem Wesen menschlichen Daseins entsprechend,
nur gewaltiger konstruiert, gedacht wurden.
Neben der mythologischen Weltanschauung aber stehen in
den Zeitaltern des Analogieschlusses als ein Ausdruck derselben
Entwicklungsstufe des Denkens der Glaube an Autoritäten und
Wunder.

32

Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.
        <pb n="98" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 83

Ein deutscher Bischof des 10. Jahrhunderts, ein alter
Mann, zieht sich, von asketischen Neigungen getrieben, eines
Abends in bloßem härnenem Gewande und barfuß in seine
Kathedrale zurück und bringt die Nacht auf deren kaltem Fuß⸗
boden schlafend zu. Bald darauf stirbt er. Wir würden ge—
neigt sein, Erkältung mit tödlichem Ausgang anzunehmen. Die
geigenossen des Bischofs schließen, wie uns in diesem Falle
direkte Überlieferung bezeugt, ganz anders: der Bischof habe
das Heiligtum barfuß betreten im Sinne des Wortes des Herrn
an Mose vor dem brennenden Dornbusch: „Ziehe deine Schuhe
aus, denn dieser Ort ist heilig,“ und er habe sich als Prophet
erwiesen, indem er damit andeuten wollte, daß er bald zur
Herrlichkeit des Herrn eingehen werde.
Worauf beruht nun, an dieser Geschichte gemessen, der
Unterschied des modernen und des mittelalterlichen Denkens?
Eine einseitige Analogie mit dem Inhalte einer Bibelstelle des
Alten Teftaments, die Identität der Barfüßigkeit des Bis chofs und
Moses, veranlaßt das Mittelalter auf Grund sehr geringer
Erfahrung zur Gleichsetzung der gesamten Vorgänge und damit
zur Annahme einer Prophezeiung, d. h. eines Wunders; wir
nehmen auf Grund eines aus allgemeinerer Erfahrung ab⸗
geleiteten Kausalitätsbewußtseins den natürlichen Vorgang einer
Erkältung an.
Der Wunderglaube beruht ganz allgemein auf Analogie—
schlüssen, die auf zu geringes Beobachtungsmaterial gestützt sind,
also Mangel an Erfahrung voraussetzen; die Folge davon sind
Ideenassoziationen, welche den Kausalzusammenhang zwar nicht
ausschließen müssen, wohl aber können, zumal wenn Affektionen
des Gemüts und der Stimmung den Prozeß des Schließens
begleiten. Darum steht in Zeitaltern des Analogieschlusses eine
kleine Welt kausaler Zusammenhänge, das Produkt einer immer⸗
hin schon vorhandenen unbewußten Induktion und stetig sich
mehrenden Erfahrung, neben einer Welt der Wunder, so daß
diese Welt der Wunder, als die noch immer umfassendere, den
Kausalzusammenhang in jedem Augenblick und an jeder Stelle
zu durchbrechen befähigt bleibt.
        <pb n="99" />
        34

Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Mangel an Erfahrung, Enge empirischer Anschauung ist
im Grunde auch die Ursache des Autoritätsglaubens. Eine
Zeit mit wenig gesichteter Erfahrung nimmt die Erfahrung
anderer, höher organisierter Zeiten und Geister mit ehrfurchts⸗
vollem Danke auf und unterwirft sich ihr, da sie, eben infolge
mangelnder Erfahrung, keine Mittel besitzt, sie zu sichten, zu
kritisieren und zu beherrschen.
Mythologische Anschauung, Wunderglaube und Autoritäts⸗
glaube sind also Sprossen derselben Wurzel, des Denkens im
Analogieschluß. Indem sie aber zusammenschießen, ermöglichen
sie auch einer anderen Weltanschauung als nur der natürlichen
Mythologie das Dasein. Bleibt das Bedürfnis bestehen, die
Welt der Erscheinungen durch hinter ihnen wirkende Kräfte
erklärt zu sehen, so kann es jetzt auch durch einen historischen
Offenbarungsglauben befriedigt werden, wie er auf wunderbaren
Tatsachen beruht, die mit der Autorität einer großen Tradition
geschichtlich feststehender Ereignisse von Geschlecht zu Geschlecht
uͤberliefert werden. Das war der Fall im Mittelalter; unter
dieser Verknüpfung geistiger Erscheinungen ist den Deutschen
das Christentum nahegetreten.
Und diese Verknüpfung ist noch heute keineswegs völlig
berschwunden, wenn sie auch stark durchbrochen und vielfach
gelöst ist. Bis zum Ausgang des Mittelalters aber dauerte sie
m allgemeinen unberührt fort, und frühestens das 16. Jahr—
hundert hat mit energischeren Angriffen auf sie begonnen. Die
Geschichte dieser Angriffe ist bis zu gewissem Grade und in
gewissem Sinne die Geschichte der modernen Wissenschaft.
Am frühesten fiel da im ganzen wohl der Autoritätsglaube:
er ließ sich gegenüber der unendlichen Erweiterung der Er⸗
fahrung seit dem Zeitalter der Entdeckungen und gegenüber
der Umformung des Humanismus zu einer philologischen
Wissenschaft mit ersten Spuren wirklich geschichtlicher An—⸗
schauung nicht mehr völlig halten, wenn er auch in feineren
Schattierungen noch weit mehr, als man zunächst glauben
möchte, bis in die Gegenwart hineinragt. Die Geschichte seiner
allmählichen Abnahme ist nicht leicht zu schreiben, ganz be—
        <pb n="100" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 85

sonders macht sich hier die allgemeine Schwierigkeit geltend,
daß der historischen Kunst bisher noch die Mittel klarer und
eingehender Darstellung stetiger, aber langsamer geschichtlicher
Bewegung fehlen, jene Mittel, welche eine volle Entfaltung der
Kulturgeschichte erst ermöglichen werden, wie auf dem Gebiete
der Mechanik die Statik erst dann durch die Dynamik mit
vollem Erfolge abgelöst worden ist, als in Analysis (das Wort
im Sinne des 17. Jahrhunderts genommen) und Differential⸗
rechnung die mathematischen Mittel zur allgemeinen und ein⸗
heitlichen Darstellung aller Momente stetiger Bewegung ge—
funden worden waren. So viel aber lüßt sich doch schon jetzt
sagen, daß noch im ganzen 16. Jahrhundert und darüber hinaus
selbst die Wissenschaften der Hauptsache nach noch vom Autoritätsglauben
 beherrscht waren. Vor allem die Geisteswissenschaften.
Wie zäh sich hier noch die Autorität namentlich des klassischen
Altertums und der Bibel hielt, ersieht man nirgends besser
als in den besonders auf die Praxis des jeweils gegenwärtigen
Lebens angewiesenen Disziplinen der Volkswirtschaft. Da sind
die Lehrbücher der Landwirtschaft im 16. Jahrhundert noch
durchaus von den Alten abhängig; ein Kompendium des Acker⸗
baues und der Viehzucht auf Grund eigener Erfahrungen hat
erst Kurfürst August von Sachsen ums Jahr 1580 verfassen
lassen. Aber noch der Nationalökonom Kaspar Klock (J1655)
redet in dem Gartenkapitel seines Buches De acrario wohl
von Salomons und Alkinoos' Gärten und von der Bedeutung
der sittlichen Eindrücke, die uns die Analogie der Blumen
mit unserer eigenen Vergänglichkeit bietet, — von wirtschaft⸗
lichen Erfahrungen der eigenen Zeit dagegen spricht er nicht.
Am längsten erhalten hat sich dieser bloße Autoritätsglaube
aber, soweit er sich nicht in den humanistischen Wissenschaften
zur Begeisterung für die Antike verflüchtigte, wohl in der
Jurisprudenz. Hier ist noch das 18. Jahrhundert ganz davon
uͤberzeugt gewesen, im römischen Recht die ratio seripta zu
besitzen, und nicht so sehr viel früher konnte Bynkershoek noch
das Wort aussprechen: absque iurs Romano sordet omne
ius patrium.
        <pb n="101" />
        36

Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Die merkwürdigsten Schicksale indes hat vielleicht doch der
alte Wunderglaube in Verbindung mit den allgemeinen pan—
dynamistischen Vorstellungen mythologischen Charakters gehabt.
Bei ungestörter Entwickl ung hätte aus ihnen, wie ähnlich bei
den Griechen, wohl eine Naturphilosophie als Vorstufe reinerer
naturwissenschaftlicher Beobachtungen hervorgehen können. Aber
hierzu kam es im deutschen Mittelalter nicht. Der christliche
Offenbarungsglaube fuhr über die alten mythologischen Vor—
stellungen dahin, und seine Stellung zur Natur verhinderte die
Ausbildung eines mythologischen Pandynamismus auch nur zu
den ersten stammelnden Versuchen, das Weltganze von einem
Prinzipe her zu erklären. Während aber so alle Richtungen
auf die Ausbildung einer selbständigen Naturphilosophie fast
im Keime erstickt wurden, verbreitete sich, je weniger der
Offenbarungsglaube auf die Dauer einzige und absolute Autorität
des Denkens blieb, um so mehr von unten her die Fäulnis des
unterdrückten alten mythologischen Pandynamismus. Und
wunderlich durch Zufuhr fremder pandynamistischer Vor—
stellungen verstärkt und umgebildet, traten sie gegen Schluß des
Mittelalters und im 16. Jahrhundert, ja über diese Zeiten
hinaus zutage.
Von Süden her bemächtigten sich dieser in Deutschland
weitverbreiteten geistigen Disposition Alchimie und Astrologie,
einstmals arabische Künste, die sich dann, wenigstens was die
Astrologie angeht, in Italien schon im 14. Jahrhundert ziemlich
allgemein verbreitet hatten. Suchte die eine aus dem Zusammen—
wirken der Kräfte der Gestirne auf den Charakter der Geburtsstunde
 Anlagen und Schicksale des Neugeborenen zu ermitteln,
so ging die andere darauf aus, vermöge richtiger Komposition
der einfachen konstituierenden Qualitäten die Materie dazu zu
bestimmen, Gold zu werden. Irdische Macht und irdischer
Reichtum waren also die Ziele der beiden falschen Wissenschaften;
kein Wunder daher, daß sie, auf Grund noch immer fort—
dauernder Wirksamkeit der alten pandynamistischen Anschauungen,
raschen Eingang fanden. Im 15. Jahrhundert ist Johannes
Stoffler (1152-1531, seit 1511 Professor an der Universität
        <pb n="102" />
        Allgemeiner Charakter des individnalistischen Seelenlebens ꝛc. 87

Tübingen), damals das Haupt der Astrologen, noch von dem
großen Mathematiker und Astronomen Regiomontan (Johann
Müller aus Königsberg, 148841476, lebte in Nürnberg) mit
einigem Erfolg bekämpft worden; im 16. Jahrhundert glaubten
Mämnner wie Cario, Melanchthon, Chemnitz fest an die
Nativität und überhaupt an den Einfluß der Gestirne, und be⸗
gannen sich die Fürsten Hofastrologen zu halten; für die erste
Hälfte des 17. Jahrhunderts ist charakteristisch, daß selbst
Kepler bis zu seinem Tode einzelnen Lehren der Astrologie an⸗
gehangen hat. Nicht anders aber stand es mit der Alchimie; ja sie
erschien den Fürsten zu dem erhofften Ausgleich der wirtschaft⸗
lichen Kräfte ihrer Territorien gegenüber dem Geldreichtum der
Siädte durchschnittlich vielleicht als noch viel nötiger; von
vagabundierenden Glücksrittern wie ernstlich bemühten Köpfen
betrieben, fand sie an den meisten Höfen Eingang, und einzelne
Fürsten, wie Joachim II. von Brandenburg, haben auf sie
außerordentliche Summen verwendet.
Und neben Alchimie und Astrologie traten die magischen
Künste, die sich mit den einmal tätigen Kräften weiter als gewöhn⸗
lich zu wirken vermaßen: die sich in der Kraft räumlicher Versetzung
von Ort zu Ort, in der Einwirkung auf Leben und Gesundheit
Dritter, in Fernsehen, in Hellsehen und Prophezeiung versuchten.
Es sind Künste, die zum Guten wie zum Bösen angewandt
werden konnten, und demgemäß schied man die weiße Magie
von der schwarzen. Dabei war die schwarze Magie des Teufels,
und ihre Dienerinnen waren die Hexen. Nun war der Herxen⸗
wahn uralt; immer wieder im Mittelalter hört man von ihm.
Allein in feiner furchtbaren Form erwachte er unter der Ein—
wirkung der vorhin geschilderten Zusammenhänge doch erst gegen
Schluß des Mittelalters, und erst die Bulle Innocenz' VIII.
Su mis desiderantes aftectibus vom Jahre 1484 hat den schreck⸗
lichen Kampf gegen ihn ganz entfesselt. Nirgends aber ist dieser
Kampf scheußlicher und blutdürstiger geführt worden, und
zwar von allen Konfessionen, als in Deutschland. Bald erschien
Sprengers Malleus Malleficarum, und anknüpfend an die
entsetzlichen Phantasmen der Inquisitoren wurde der alt—
        <pb n="103" />
        38

Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

germanische Glaube an höhere, wohltuende, den Frauen inne⸗
wohnende Kräfte in sein furchtbares Gegenteil verkehrt. Man
weiß, was diese geistige Epidemie für das 16. und 17. Jahr⸗
hundert bedeutet hat. Und erst das 17. Jahrhundert brachte
bie Anfänge der Erlösung. In den Bildern der niederländischen
Maler aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zeigt sich
der Hexenwahn doch schon so weit überwunden, daß man ihm,
namentlich in dem Motiv der Hexenküche, nicht selten eine
humoristische Seite abgewinnt; gleichzeitig wirkte, nach einigen
Vorläufern, wie dem niederländifchen Arzte Weyer, der fromme
Jesuit Spee praktisch gegen das Unheil. Allein völlig aus—
gerottet werden konnte es nur durch Zerstörung mindestens
aniger besonders wichtiger Gedankenzusammenhänge des alten
Pandynamismus, und das war nicht so leicht. Vor allem kam
es darauf an, nachzuweisen, daß psychische Fernwirkungen
materiellen Charakters unmöglich seien. Wie aber war das
möglich zu einer Zeit, in der alle Welt noch an geheimnisvoll
wirkende Kräfte, an Gespenster glaubte? Denn nicht bloß ein
Luther und ein Melanchthon sowie die Geisteshelden und
die Fürsten des 16. Jahrhunderts überhaupt haben wohl ohne
Ausnahme an Gespenster geglaubt, — auch noch im 18. Jahr⸗
hundert sind Männer wie Walch und Wolff, Crusius und
Baumgarten öffentlich für ihre Wirklichkeit eingetreten, und
selbst ein Lessing hat über die Gespensterfeinde noch den Stab
gebrochen. In dieser verzwickten Lage fand zuerst der nieder⸗
sändische reformierte Pfarrer Balthasar Bekker in seiner
Betooverden Wereld“ (1691 - 98) den Anfang eines Aus⸗
wegs. Er bewies seiner Ansicht nach schlagend, daß die bösen
Geister zwar existierten, genau so wie die guten, daß sie aber
aur noch in der Hölle zu suchen seien; denn alle Geister müßten
ein von dieser Welt völlig abgeschiedenes Leben führen. Nun
wurde allerdings Bekker auf Grund seines Buches des Über⸗
muls beschuldigt und seines Amtes entsetzt. Und noch 1766
bis 1776 hat in Bayern ein großer „Hexenkrieg“ stattgefunden,
aoch 1782 hat man in Glarus eine Hexe verbrannt, und noch
1819 sind in Hinterpommern ernsthafte Ermittlungen darüber
        <pb n="104" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 89

angestellt worden, ob eine bestimmte Person hexen könne.
Aber im ganzen war doch das Erscheinen von Bekkers Buch
bereits ein Beweis dafür, daß die Macht des Hexenglaubens
gebrochen war; und im 18. Jahrhundert ist er dann langsam
der Aufklärung, d. h. dem Ergebnis einer ganz anderen,
modernen Art des Denkens, gewichen.
Denn inzwischen war der Analogieschluß in der weiten
Geltung, die er im Mittelalter besessen hatte, veraltet. Zwar
ist aus der mit ihm verknüpften Denkweise gerade am Schlusse
des Mittelalters, zu einer Zeit, da die Macht des Offenbarungs⸗
glaubens in seiner hergebrachten Form erschüttert schien, noch ein⸗
mal, ein letzter Reflex gleichsam uralten Denkens, in den pandyna⸗
mistischen Philosophemen des 16. Jahrhunderts eine volle, vom
Chriftentum ziemlich unabhängige Weltanschauung hervorgegangen,
und diese Weltanschauung, wie sie in dem System Jakob Boehmes
am vollendetsten vorlag und auch bei Spinoza noch nachwirkt,
hat später die Identitätsphilosophie vor allem Schellings nicht
uͤnbedeutend beeinflußt, so daß in ihr Altestes und Neuestes
verknüpft erscheinen; es wird davon später noch eingehend die
Rede sein. Und auch die großen geistigen Anfangserscheinungen
der neuen Zeit, Humanismus und Reformation, sind noch stark
pandynamistisch durchsetzt gewesen: dem Humanismus war das
Naturgeschehen noch ein Spiel verborgener geistiger Kräfte,
weshalb er Plato und dem Neuplatonismus huldigte; und
wenigstens die lutherische Reformation noch verknüpfte das
Unsichtbare, in das sie das Verhältnis des Menschen zu Gott
verlegte, mit dem menschlich Sichtbaren materiell durch die
Kraft noch immer zahlreicher Sakramente. Allein trotzdem,
daß das alte Denken, in seinen charakteristischen Formen noch
einmal systematisiert, auf diese Weise große Gebiete der geistigen
Welt des 16. Jahrhunderts, ja teilweis noch des 17. Jahr⸗
hunderts beherrscht hat, war es doch im Verfall begriffen; nur
der noch stärkere Ruin des Offenbarungsglaubens in seiner alten
Form hat ihm für eine Zeitlang gleichsam kulturgeschichtliche
Oberfläche verschafft; charakteristisch dagegen für das individua⸗
listische Zeitalter des 16.— 18. Jahrhunderts war er nicht mehr.
        <pb n="105" />
        90

Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

2. Vico sagt einmal in seinen „Grundzügen einer neuen
Wissenschaft“*: „Die Ordnung der menschlichen Ideen ist, auf
die ähnlichen Dinge aufmerksam zu sein, zunächst um sie deut⸗
lich zu machen, sodann um zu beweisen, und zwar zunächst
durch das Beispiel, das sich mit einem einzigen ähnlichen
Gegenstande begnügt, zuletzt durch die Induktion, die deren
mehrere bedarf.“
Das erste neue Mittel des Denkens im individualistischen
Zeitalter war die Induktion. Ein Induktionsschluß ist freilich
nichts grundsätzlich, sondern nur etwas graduell vom Analogie—
schluß Verschiedenes. Die Induktion ist ein vervollkommneter
Analogieschluß insofern, als sie einer möglichst großen Anzahl
voraufgegangener Wiederholungen einer bestimmten Assoziation
von Vorstellungen die Folgerung entnimmt, daß diese Assoziation
auch künftig eintreten werde. Die Verbindung aufeinander
folgender Vorstellungen durch den Begriff der Ursache und
Wirkung hat also bei ihr vor dem Analogieschluß den Vor⸗
zug, daß sie auf größerer Erfahrung und darum auf der An⸗
nahme beruht, daß diese Aufeinanderfolge regelmäßig, ja aus⸗
nahmslos eintrete oder eintreten werde.
Ist der Induktionsschluß vom Analogieschluß nur grad⸗
mäßig verschieden, so braucht kaum bemerkt zu werden, daß die
Induktion natürlich auch im Mittelalter schon praktisch geübt
wurde. Allein das Charakteristische ist, daß ihr nur eine kleine
Welt wirklich intensiver Erfahrung unterworfen wurde und
unterworfen werden konnte, und zwar wesentlich die der all⸗
täglichen praktischen Erfahrung; für die höheren Gebiete ver⸗
sagte sie. Darum war der Analogieschluß im wissenschaftlichen
Denken ganz gewöhnlich und viel häufiger als der der Induktion.
Nun hat freilich dieser Schluß auch auf diesem Gebiete mit
dem 16. Jahrhundert keineswegs etwa plötzlich aufgehört.
Nein, man begegnet ihm auch noch als einem sehr wesentlichen
Moment der Philosophie des Descartes und Spinozas, und
noch weit über beide hinaus bis zur Gegenwart spielt er seine

Deutsch von Weber. S. 267.
        <pb n="106" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 91

Rolle. Es handelt sich hier, wie bei allen kulturgeschichtlichen
Zusammenhängen, um relative, graduelle Unterschiede. So be⸗
trachtet, war aber doch nach Ausgang des Mittelalters ein
großer Fortschritt eingetreten. Das Wesen der Induktion, ihre
Vorteile gegenüber dem Analogieschluß wurden erst in dem
neuen Zeitalter erkannt und anerkannt; und vollendeteres Werk⸗
zeug wissenschaftlichen Denkens wurde der induktive Schluß erst
im 17. Jahrhundert.
Neben ihn aber trat zugleich noch ein anderes Werkzeug
neuen Denkens: die Abstraktion.
Betrachtet man die Bedingungen der Induktion genauer,
so wird man sie nicht bloß in einem erweiterten Erfahrungs⸗
kreis, in einer quantitativen Zunahme der Erfahrung finden,
sondern zugleich in einer qualitativen Veränderung dieser.
Man mußte jetzt feiner und eingehender beobachten, wollte man
wirklich verhältnismäßig identische Vorgänge von solchen unter⸗
scheiden, die nur einige gemeinsame Momente aufwiesen; die
letzteren genügten für einen Analogieschluß, aber nur die ersteren
ergaben eine sichere Induktion. So sah man nicht bloß ins
Weite, man lernte auch im einzelnen sehen, man begann zu
isolieren und zu abstrahieren; man zerlegte eine Erscheinung in
ihre Teilerscheinungen und glaubte sie erst nach diesem Prozesse
wirklich zu verstehen.
Es geschah dies anfangs noch bescheiden genug und sehr
ins ungefähre: allerlei neue Erfahrungen wurden gesammelt,
aber sie überstiegen nicht den Charakter des Interessanten und
Kuriosen. So sammelten aus solcher nach modernen Begriffen
halbwissenschaftlichen Vorliebe heraus die Fürsten des 16. Jahr⸗
hunderts wohl Geweihe und Bilder seltener Tiere und hielten
daneben wohl auch Tiergärten mit Auerochsen, Bären, Elen⸗
tieren; und ihre Schlösser füllten sich mit Astrolabien,
Quadranten, Globen, Kompassen: die Kuriositätenkabinette er⸗
standen.
Aber bald trat doch die intensivere Betrachtung in der
Form der isolierenden Abstraktion in ihre wissenschaftliche
Phase. Durch die Zerlegung der Erscheinungen in ihre Teil⸗
        <pb n="107" />
        92 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

erscheinungen kam man zur wissenschaftlichen Beschreibung; ja
indem man für einzelne Wissenschaften auf Grund der ein—
gehendsten Induktion zur Zerlegung der Erscheinungen mit
Rücksicht auf ihre ursächlichen Beziehungen fortschritt, gewann
man die ersten Formen einer kausalen Analyse und damit die
Anfänge einer nächsthöheren wissenschaftlichen Verständnisform
über der Beschreibung.
Diejenige Wissenschaft, welche auf diesem Wege, und zwar
mit Hilfe der Mathematik, zuerst durch das unendlich Mannig⸗
faltige der Erscheinungen hindurch zu dem Kern der Dinge
vordrang, war die Mechanik. Ihr folgte dann in näherem
Abstande die Physik, in weiterem die Chemie. Alle Wissen⸗
schaften dagegen, deren Beschreibung an sich schon große
Schwierigkeiten macht, wie die Physiologie und die Biologie,
die Psychologie und die Geisteswissenschaften, wurden zunächst
unvollständig und unbefriedigend entwickelt.
Trat nun aber das Denken den Erscheinungen durch die
Werkzeuge der Induktion und Abstraktion mit stärkerer Inten⸗
sität und Exklusivität nahe, als vorher, so ergaben sich für
deren Anwendung doch alsbald die größten Schwierigkeiten.
Zunächst genügte die Sprache nicht mehr dem Ausdruck des
nunmehr Gefundenen; es wurde notwendig, ganz neue Systeme
von Begriffen und Kategorien zu schaffen. Es war eine
Forderung, die durch die wissenschaftlich noch ungelenken
Sprachen der modernen Völker nicht so leicht erfüllt werden
konnte, während die Sprachen der Alten ihr eher Genüge
taten. Darum wurde die Sprache der Wissenschaften noch
einmal ein mit griechischen Wörtern stark durchmengtes Latein,
bis die Nationalsprachen den entsprechenden Wortschatz für die
neuen Begriffe und die nötige Geschmeidigkeit für deren denk—
hafte Verbindung erlangt hatten.
Aber damit war das Heer der Schwierigkeiten, die sich
auftürmten, noch keineswegs bewältigt. Die früheren Beobach—
tungen waren mehr von zufälligen Wahrnehmungen ausgegangen.
Jetzt dagegen kam es darauf an, zahlreich und intensiv zu
beobachten.
        <pb n="108" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 93

Es waren Aufgaben, die sich in den Geisteswissenschaften
nur sehr schwer lösen ließen. Denn noch reichte hier die Er—
fahrung nicht so weit, um in den Menschen als geistigen
Wesen nicht bloß Individuen, sondern auch Exemplare der
Gattung zu sehen: statistischer Sinn und gar erst statistisch⸗
historische Betrachtung und damit ein System vergleichender
Geisteswissenschaften sind in etwas genügenderer Ausbildung
erst im 19. Jahrhundert geschaffen worden. Und auch die
Intensität der Betrachtung wurde, wie schon angedeutet, bei
der unendlichen Verwicklung menschlich-seelischer Erscheinungen
kaum einer Beschreibung, nicht aber etwa schon einer kausalen
Analyse gerecht. Und so war es genug, wenn sich leise An—
fänge der historischen Kritik der genauen Beschreibung singu—
lärer Vorgänge der Vergangenheit erfolgreich zu widmen be—
gannen.
Weit günstiger war die Lage auf dem Gebiete der Natur—
wissenschaften. Hier wurde zunächst im Experiment das Mittel
gefunden, denselben Vorgang wiederholt zu beobachten. Und
im Experiment war zugleich auch ein ausgezeichnetes Mittel
intensiverer Betrachtung gegeben, da die Beherrschung des Ein—
trittes der Erscheinungen die Möglichkeit gewährte, die Be—
obachtung eben dann vorzunehmen, wenn die Aufmerksamkeit
am gespanntesten war. Indem das Erxperiment in beiden
Hinsichten in Anspruch genommen wurde, ergab sich sehr bald
eine außerordentliche Verschärfung der Beobachtungswerkzeuge.
Wie viel Dinge sah schon das Auge des Naturforschers des
17. Jahrhunderts, die kein Auge vorher, selbst nicht das scharfe
des Malers, beobachtet hatte! Jetzt bereits zeigten sich die
Anfänge jener engen Fühlung zwischen der beobachtenden
Wissenschaft und den beobachtenden Künsten, die im 19. Jahr⸗
hundert zu den überraschendsten künstlerischen Entwicklungen ge—
führt hat. Aber damit nicht genug. Bald stellte sich auch
heraus, daß die uns angeborenen Beobachtungswerkzeuge für
die Betrachtung einer großen Anzahl von Erscheinungen nicht
genügten. Nun hatte allerdings schon die Praxis des täg—
lichen Lebens in denjenigen Richtungen, in denen unsere
        <pb n="109" />
        94 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Sinneswerkzeuge für die exakte Feststellung von Erscheinungen
am wenigsten befriedigen, Hilfsmittel besserer Beobachtung
geschaffen: für die räumliche Messung und Massebestimmung
waren Maßstab, Zirkel und Wage, für die Zeitmessung
war die Uhr erfunden worden. Aber wie wurden sie jetzt
vervollkommnet. Und neben sie traten bald andere In—
strumente, vor allem Mikroskop und Teleskop zur Ver—
schärfung des Sehens: bis ein ganzes, von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt vermehrtes Inventar technischer Beobachtungsmittel
geschaffen war, dessen Schätze, noch heute in beständiger Aus⸗
dehnung begriffen, eine nicht minder sichere Grundlage der
Förderung der Wissenschaft bilden, wie die Methoden induzieren⸗
den und abstrahierenden Denkens.
Indes wäre es irrig, wollte man glauben, daß diese neuen
Mittel wissenschaftlicher Beobachtung nun alsbald stark oder
gar nachdrücklich zur Anwendung gelangt wären. Langsam
erst gewöhnte sich das 17. Jahrhundert an den induktiven
Schluß und die isolierende Abstraktion als neue Mittel inten⸗
siverer Erkenntnis zur Beherrschung vor allem der Natur;
im ganzen blieb, namentlich auf dem Gebiete der Geistes—
wissenschaften, ein wüster, zumeist auf mehr oder minder
starken Autoritätsglauben begründeter Dilettantismus das Ge—
wöhnliche, und besonders im inneren Deutschland, im Gegen⸗
satz zu den weiter fortgeschrittenen Niederlanden, war er zu
Hause. Die Folge war eine weit umfassende, aber unfrucht⸗
bare Polyhistorie. So hat z. B. Christian Besold, immerhin
wohl der größte deutsche Staatsgelehrte in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts (7 1638), noch Pandektenkommentare,
Werke über Theorie und Prarxis des Prozesses, einen großen
juristischen Thesaurus practicus, Werke über allgemeines
Staatsrecht, deutsches Reichsrecht, württembergisches Landrecht,
Völkerrecht und Diplomatie, Politik, Volkswirtschaft, über
mehrere Zweige der Spezialgeschichte, allgemeine Weltgeschichte,
ja auch Philosophie und Theologie im allgemeinen geschrieben.
Und auch da, wo eine straffere Konzentration des Denkens
möglichst unabhängig von der Überlieferung eintrat, wie zu—
        <pb n="110" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 95

meist in den Naturwissenschaften, zeigten sich die Elemente der
Induktion und Abstraktion doch noch immer aufs stärkste mit
philosophisch-deduktiven gemischt; in diesem Sinne findet sich
z. B. selbst in einem Kopfe, wie dem Keplers, noch Altes und
Neues dicht beieinander; bei Galilei stößt man noch auf ent—
schiedene und primär deduktive Elemente; und selbst das
Hauptwerk Newtons führt noch den Titel einer „Philosophia
naturalis“.
Indes seit etwa Mitte des 17. Jahrhunderts traten auf
dem Gebiete der Naturwissenschaften doch Induktion und Ab—
straktion immer mehr in den Vordergrund, und nur eine
Macht noch, außer dem mehr äußerlichen Widerstand des Offen—
barungsglaubens, stellte sich ihnen bis tief ins 18. Jahr⸗
hundert hinein hemmend entgegen: die Autorität der Alten.
Die Römer haben eine nennenswerte Naturwissenschaft
eigener Entwicklung nicht gehabt; nur der Mensch als Subjekt
und vor allem Objekt der Herrschaft hat ihnen im tiefsten
Grunde Anteil abgewonnen. Die Griechen aber hatten zunächst,
in ihren mythologischen Überlieferungen durch keine Offen—
barungsreligion gestört, nach der Mythologie eine weit—
verzweigte Naturphilosophie entwickelt. Nun hat diese Natur—
philosophie allerdings neben anderen Richtungen auch eine
atomistische gehabt, die an sich zur Grundlage einer mechanistischen
Naturwissenschaft hätte werden können.
Allein hierzu fehlte doch, was eben durch die allgemein
bestehende Tatsache naturphilosophischen Denkens zu entstehen
verhindert ward: eine ausgebildete naturwissenschaftliche
Methode. Die Griechen, philosophisch-deduktiv an die Natur
herantretend, haben niemals in grundsätzlicher Konsequenz und
—DVV
Gewicht zu bestimmen gesucht, und die Kunst des Experimen⸗
tierens mit ihren Folgeerscheinungen ist ihnen vollends fern—
geblieben!. So wurde denn von ihnen das elementare Ein—
zelne überhaupt nicht aufgesucht, um von seiner Kenntnis aus

S. dazu oben S. 27 ff.
        <pb n="111" />
        96 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

das Ganze zu enträtseln; von oben her vielmehr suchte man in
das Wesen der Dinge zu dringen. „Zerstreute Fälle sind aus
der gemeinen Empirie aufgegriffen, mit gehörigem und geist—
reichem Räsonnement begleitet, auch wohl schicklich genug zu—
sammengestellt: aber nun tritt der Begriff ohne Vermittlung
hinzu, das Räsonnement wird wieder durch Begriffe bearbeitet,
anstatt daß man es nur deutlich auf sich beruhen ließe, einzeln
vermehrte, massenweise zusammenstellte und erwartete, ob eine
Idee daraus entspringen wolle, wenn sie sich nicht gleich von
Anfang an dazugesellte.“
Der größte Meister dieser Methode ist Aristoteles gewesen:
als ein Ordner der Erscheinungswelt nach verhältnismäßig
einfachen Begriffen hat er die Naturwissenschaft des Mittel⸗
alters fast ganz und die des 16. bis 18. Jahrhunderts noch
vielfach, wenn auch in abnehmender Bedeutung beherrscht.
Er brachte das Mannigfache der Natur mit glücklichem Ge—
schick in die Schubkästen festgefügter logischer Schemata, die
meist nach dem Prinzip der fortgesetzten Zwei- und Dreiteilung
gebildet waren. So erklärte er z. B. die Schwerkraft dadurch,
daß die Dinge entweder oben oder unten seien. Die Begriffe
nun, die diesem Schematismus zugrunde lagen, wurden den
verschiedensten Gebieten entnommen, sie wurden aber schließlich
alle einem obersten Begriffe, der die ganze Natur beherrschte,
nämlich dem des Zweckes, einer dem Menschen vornehmlich
wohltätigen Zielsetzung untergeordnet. Von hier aus ergab
sich dann leicht der Gedanke einer Gesamtanordnung der Natur⸗
erscheinungen in auf- oder absteigender Linie; die Organismen
z. B. steigen von den Pflanzen empor bis zu den Säugetieren,
indes ohne daß dieser Auffassung etwa ein genetisches Element,
der Gedanke einer Entwicklung der Organismen auseinander,
zugrunde lag oder auch nur angeheftet wurde.
Man sieht, dieses System kennt eigentlich keinerlei Be—
gründung seiner großen wie kleinen Voraussetzungen. „Durch
einen Machtspruch wird die Idee eines allgemeinen Substrates

1 Goethe, Zur Farbenlehre (Weim. Ausa. II, 3, 119).
        <pb n="112" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 97

der Erscheinungen eingeführt.“ Ebenso treten „die all—
gemeinen Begriffe des Stoffes, der Form und des Entblößt⸗
seins, die verschiedenen Arten der Formbestimmung, die vier
Elemente u. s. w. ohne jede Rechtfertigung als tatsächliche
Bestimmungen des natürlichen Seins auf; namentlich aber die
Grundanschauung, daß der Zweck die höchste und letzte Form⸗
bestimmung sei, gilt als eine durchaus selbstverständliche An—
nahme“1. Aber gerade diese im Grunde spekulative Seite
der aristotelischen Naturphilosophie gab ihr im 16. und
17. Jahrhundert, abgesehen von dem allgemeinen Autoritäts—
glauben der Zeit, noch einen besonderen Halt. Denn diese
Teleologie entsprach ganz dem Standpunkt des christlichen
Glaubens und zugleich der trotz alles Wachstums der terrestrischen
und kosmischen Erfahrungen doch immer noch wesentlich
anthropozentrischen Betrachtung der Dinge; man glaubte hier
zu finden, wonach man sich im Grunde sehnte: eine Aus—
gleichung der naturwissenschaftlichen Betrachtung mit den Vor—
aussetzungen des Offenbarungsglaubens; und so hielt man fest
an dem, was man wünschte.
Immerhin aber waren die ersten Schritte einer voraus—
setzungslosen Naturbetrachtung mit den neuen Mitteln der In⸗
duktion und der Abstraktion bereits lange getan, und die Folge
dieses Schrittes, die Anerkennung eines lückenlosen und not⸗
wendigen Kausalzusammenhanges der Naturerscheinungen, wurde
von Jahrzehnt zu Jahrzehnt unvermeidlicher. Schon dehnte
sich die Beobachtung immer weiter aus; schon erkannte man,
daß Wissen Herrschaft oder wenigstens die Verheißung der
Herrschaft bedeute. Hatte sich anfangs, zumal unter dem
Einfluß der großen Entdeckungen des 15. und 16. Jahr⸗
hunderts, das Interesse vor allem an das Ungewohnte geknüpft,
an das Ferne, besonders Rätselhafte, so fand man nun all⸗
mählich Rätsel auch rings um sich her; und auf Coppernikus
und Kepler folgte Galilei. Man begann zu fühlen, daß eine
reichere Kultur auch eines intensiveren Denkens bedürfe, einer

Wundt, Logik 2, II, 1, S. 274 f.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI.
        <pb n="113" />
        98 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Fähigkeit intimerer, auf das Einfachere gehender Zerlegung
der Welt, um sie zu verstehen und zu beherrschen. Wie das
Geld die ökonomische Welt der Güter gleichsam auf einen
Nenner gebracht hatte, so schien es notwendig, einen Universal⸗
schlüssel des Denkens aufzustellen, der das Verständnis der
bunten Erscheinungen auf die Anwendung einfacher Gesetze,
wenn nicht eines einfachsten Gesetzes zurückführe.
Es waren Bestrebungen und Anschauungen, die sich im
Grunde auf der gleichen Basis intensiver gewordenen Seelen⸗
lebens entwickelten wie die Fortschritte auf dem Gebiete der
Kunst. Auch hier hatte es sich in dem glänzenden Aufschwung
vor allem der Malerei, aber auch der übrigen bildenden Künste
wie in den Wandlungen der Dichtkunst seit der Mitte etwa
des 15. Jahrhunderts vor allem um steigende Intensität und
zwar der ästhetischen Auffassung gehandelt; es ist bekannt,
wie dieser Vorgang auf dem Gebiete der Malerei z. B. zur
vollen Beherrschung des Umrisses und der Lokalfarbe, ja schon
zu beträchtlichen Versuchen künstlerischer Wiedergabe des Lichtes
geführt hatte, und wir werden sehen, wie er, noch im Verlauf
des indibidualistischen Zeitalters, mit einer ganz bestimmten
Bewältigung des Lichtes abschloß.
Es sind parallel laufende, ja im tiefsten Grunde auf einen
gemeinsamen Erregungsstand, auf das Seelenleben als Ein⸗
heit, zurückweisende Prozesse. Erfolgte dabei die Entwicklung
künstleris ch⸗individualistischen Sinnes früher, als die der intellek—
tuellen Fähigkeiten, so darf nicht vergessen werden, daß Lebens⸗
vorgänge des Gemütes sich geschichtlich zumeist rascher abspielen,
als Lebensvorgänge des Verstandes, und daß es leichter ist, den
wohlumschriebenen Körper eines Kunstwerkes mit neuem seelischem
Inhalt zu füllen, als die grenzenlose Unendlichkeit des Wissens.
Inzwischen aber hatten die intellektuellen Funktionen den
Vorsprung der künstlerischen nicht bloß eingeholt, sie begannen
ihn schon weit zu überholen. Es ist eine Erscheinung, die seit
dem 17. Jahrhundert immer auffallender wird, bis in der
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die rationalen, intellek⸗
aalistischen Interessen in dem Grade überwogen, daß sie alle
        <pb n="114" />
        Allgemeiner Charakter des individnalistischen Seelenlebens ꝛc. 99

anderen geistigen Betätigungen, vor allem auch die künstle—
rischen, völlig zu ersticken drohten. Die tieferen Gründe dieser
Erscheinung können an dieser Stelle noch nicht einmal auch
nur angedeutet werden!; mehr oberflächlich sei bemerkt, daß
eine vornehmlich bürgerliche Geisteskultur, wie sie die des 14.
bis 17. Jahrhunderts war, die rationale Anschauung des
Lebens besonders begünstigen mußte — schon in den Rederijkern
der Niederlande des 15. Jahrhunderts lebte der Gedanke, durch
Wissenschaft lasse sich in der Dichtung alles erreichen — und daß
ein klarer Intellektualismus, der zunächst durch mehr als ein
Jahrhundert schwere Kämpfe gegen überwuchernde Systeme
eines spekulativen Pandynamismus zu bestehen hatte, schon in⸗
folge der bloßen Reaktion gegenüber einem so zähen Gegner
zur Überschreitung seiner eigenen Grenzen geneigt fein mußte.
Zunächst aber erscheint es von Bedeutung, sich dieses Über—
wiegen des Intellektualismus, wie er schließlich zu Rationalismus
und Aufklärung führte, gegenwärtig zu halten, wenn es sich
darum handelt, den ästhetischen Charakter des Zeitalters indivi—
dualistischen Seelenlebens, wenn auch zunächst und vornehmlich
nur in seinen Anfängen, zu begreifen.

II.

l. Verfolgt man die Lebensäußerungen der einzelnen Personen
des 16. Jahrhunderts, so besteht darüber kein Zweifel, daß sie
unendlich viel freier waren als die des 16. Jahrhunderts, und
daß sie an Unmittelbarkeit des innersten Auslebens im Ver—⸗
laufe des 16. Jahrhunderts noch wesentlich gewannen. Schon
die Briefe, diese unverdächtigsten Selbstzeugnisse der Epoche,
zeigen es; wie beginnen da die Formeln und konventiouellen
Phrasen zu schwinden; wie stark erwacht ein humorvoller, echt
persönlicher Stil! Und bei hervorragenden Naturen überträgt
sich dieser stark persönliche Stil auf alles, was sie schreiben,
wenn auch nicht jedermann mit Luther von seinen Briefen

älfte.
d. VII, erste H
Bd.
äter
1 Vgl. spä—
        <pb n="115" />
        100 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

sagen konnte: „Und wer es lieset und jemals mein Feder und
Gedanken gesehen, muß sagen, das ist der Luther.“ Und
neben die unmittelbaren persönlichen Zeugnisse der Briefe tritt,
bald nicht minder direkt in das Seelenleben des einzelnen ein—
führend, eine Fülle von Aufzeichnungen über das eigene Wesen
und seine Schicksale, ja jetzt fast zum ersten Male von Selbst⸗
biographien. Eine frühere Zeit hat schon die Lebens—
beschreibungen des Götz von Berlichingen, des Sebastian
Schärtlin, des Hans von Schweinichen sowie der beiden Platter
gesehen; später folgt noch eine ganze Anzahl weiterer, und die
von anderen geschriebenen Biographien häufen sich zu Bergen:
die Biographien von Theologen, die Gelehrtenbiographien, die
fürstlichen Lebensläufe, die Sammlungen lateinischer Lobsprüche
auf große Männer, die Leichenpredigten, die Biographien in
Vorreden; und neben sie treten die Sammlungen von Porträts
in Holzschnitt und Kupferstich, in Buchsbaumplastik und Wachs⸗
bossierung und die fürstlichen Sammlungen von Olbildnissen
berühmter Zeitgenossen.
So bestand denn das regste Interesse an der eigenen Person
wie an der anderer; das praktische psychologische Verständnis
nahm zu; auch in der Sprache hat es sich in neuen Begriffs⸗
bildungen zur Bezeichnung abschattierter seelischer Eigenschaften
niedergeschlagen: die Hauptwörter Dünkel, Eifer, Haß, Laune,
Mut, Ränke, Schrulle; die Eigenschaftswörter abgefeimt, anrüchig,
barsch, entrüstet, flott, frech, garstig, geil, hämisch, knauserig
und andere gehören in ihrem heute gebräuchlichen Sinne erst
dem Neuhochdeutschen namentlich des 16. und folgender Jahr⸗
hunderte an.
Aber diese lebendige Fortentwicklung hinderte nicht, daß
die Individualitäten des 16. bis 18. Jahrhunderts von der
größten psychischen Tatsache dieser Zeit her, der Emanzipation
des Verstandes, einen ganz bestimmten, speziell intellektuellen
und bei der herrschenden Meinung von der geschichtlichen
Stetigkeit der intellektuellen Eigenschaften nach unseren Be—
griffen noch stabilen Charakter erhielten. Und diese Tatsache
schlug sich in einer popularen Psychologie nieder, deren Macht
        <pb n="116" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛe. 101

deshalb von größter Bedeutung war, weil sie auch andere als
die bloß intellektuellen Seiten des Seelenlebens beherrscht hat.
Wird der Verstand als hauptsächlichste, wenn nicht gar
einzige seelische Kraft betrachtet, so sind alle seelischen Erleb—
nisse ausschließlich individuell, d. h. an die isolierte Persönlich—
keit gebunden. Denn während es klar ist, daß Willensäuße—
rungen und Gemütsbewegungen der Anregung von außen und
der Einwirkung nach außen bedürfen, sind die Nußerungen des
Intellekts innerhalb einer sich selbst genügenden Autonomie des
einzelnen nicht nur möglich, sondern sie scheinen sogar für eine
anfängliche Betrachtung regelmäßig in ihr allein zu verlaufen.
Darum pflegen vornehmlich intellektualistische Zeiten die Seele
als etwas Isoliertes, als ein für sich stehendes geistiges Atom
gleichsam jeder Person anzusehen, von dem, vermöge der ihm
innewohnenden Kräfte, die geistigen Vorgänge hervorgebracht
werden. Es war die Anschauung auch des 16. bis 18. Jahr⸗
hunderts.
Indem nun aber die einzelnen Personen so isoliert, jede
für sich, tür- und fensterlos, wie Leibniz die der Persönlichkeit
seiner Zeit nach konstruierten Monaden genannt hat, neben⸗
einander standen, blieb für sie im Grunde nur ein einziges
wirklich wichtiges Verhältnis übrig, das zum Absoluten. Und
für dieses Verhältnis erschien eine doppelte Lösung möglich.
Entweder leitete man die Seele, deren Isolierung eine starke
Unterscheidung zwischen Körper und Geist notwendig nach
sich zog, aus dem Absoluten als etwas Geistigem oder aber
aus dem Absoluten als etwas Materiellem ab. Von diesen
beiden Lösungen lag den früheren Jahrhunderten des indi—
vidualistischen Zeitalters die erste in jeder Richtung näher; be—
wegte sie sich doch der Hauptsache nach durchaus noch in den
Bahnen des christlichen Offenbarungsglaubens. So standen sich
also in den früheren Zeiten des Individualismus Individuum
und geistiges Absolutes, d. h. Gott, gegenüber, und das Gött—
liche wurde dabei zumeist persönlich, nach Analogie des Indi—
viduums gefaßt. Erst später, unter dem Eindrucke des ge—
waltigen Aufschwunges der mechanischen Physik, seit etwa der
        <pb n="117" />
        102

Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Mitte des 17. Jahrhunderts, begann man daneben mehr das
Übergewicht auf die materielle Seite zu legen, bis schließlich
der unmittelbare Weg zu materialistischen Lehren, freilich fast
durchweg nur außerhalb Deutschlands, gefunden ward. —
Auf deutschem Boden aber wurden die Konsequenzen aus
dem absoluten, durch keinerlei Zwischenbildungen unterbrochenen
Gegenüber von Individuum und Gott, von Selbstbewußtsein
und Gottesbewußtsein um so energischer gezogen, als sie, auf
Grund der gleichen Voraussetzungen, nämlich der des erwachenden
Individualismus, schon das Grundthema der Reformation ge—
bildet hatten. Und darum war es denn möglich, daß die
individualistische Theorie des reinen Gegenübers von Selbst—
bewußtsein und Gottesbewußtsein, der Rationalismus, lange
mit der protestantischen Kirche Hand in Hand ging, bis er sie
unter der Devise „Gott, Freiheit, Unsterblichkeit“, welche nur
das alte Programm in besonderer theistischer Formel wieder—
holte, in seiner vollen Entwicklung zur Aufklärung gar zu
unterhöhlen und über den Haufen zu werfen schien.
Inzwischen aber hatte die intellektualistische Vereinsamung
der Personen auch nach anderen Seiten hin wichtige Folgen
nach sich gezogen. Der ganz auf sich gestellte und innerhalb
des Gottesbewußtseins jeder weiteren Bevormundung entzogene
Intellekt begann immer mehr die Welt vor sich frei liegen zu
sehen als ein ebenso unendliches wie dennoch von ihm im
Grunde leicht zu beherrschendes Eroberungsgebiet; Verstandes⸗
notwendigkeiten und Erfahrungstatsachen schienen ihm in jedem
Sinne zusammenzufallen, und so begann er kühn die Nach—
bildung der Welt, von oben her vermöge des Intellekts. Bei
dieser Auffassung lag die Natur selbstverständlich weit unter
ihm, und unwillkürlich entfernte er sich darum auch von ihren
Organismen als etwas ihm gänzlich Fremden: Descartes hat
die Tiere als besonders fein konstruierte Maschinen angesehen,
und im Leben verloren die Tiere ihre mittelalterliche Eigen—
schaft als naive Subjekte von Rechten: nichts hörte man
mehr von den alten prozessualischen Bestimmungen zu ihren
Gunsten.
        <pb n="118" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 103
AÄhnlich fremd aber wie die Natur erschienen dem ein—
zelnen Individuum bald auch im Grunde die anderen mensch—
lichen Individuen; es hatte zu ihnen eigentlich nur diejenigen
Verhältnisse, die es ausdrücklich einging. So wurde der Mensch
als politisches und soziales Wesen vollständig verkannt; seine
altruistischen Neigungen, auch soweit sie auf künstlerisches,
geistiges, sittliches, politisches Zusammenleben gingen, erschienen
vom natürlichen Standpunkte aus als unbegreiflich, und erst
die Annahme eines formalen Übereinkommens machte dem Zeit—
alter die Entstehung der Sprache, der Religion, des Staates
verständlich.
Nun hat allerdings die seelische Disposition und die Theorie
des Individualismus niemals in absolutester Schärfe ganz
bestanden; immer wieder zeigte das Leben selbst, daß neben
den intellektuellen auch noch andere seelische Fähigkeiten: sinn—
liches Gefühl, Trieb, Empfindung, Einbildungskraft, vorhanden
waren und Anerkennung verlangten. Ja es wäre geradezu
möglich, eine intime Geschichte des individualistischen Zeitalters
allein von dem Gesichtspunkte aus zu schreiben, inwiefern sich
diese angeblich niederen Eigenschaften der Seele immer mehr
und mehr wieder Anerkennung als wichtige und dem Verstande
ebenbürtige, wenn nicht gar überlegene Faktoren errangen; und
Spinoza und vor allem Leibniz würden in einer solchen Dar⸗
stellung als philosophische Vertreter befreiender Strömungen
Epoche machen.
Aber auch abgesehen von diesen mehrere Jahrhunderte
umfassenden Wandlungen, deren Vollendung schließlich seit etwa
1750 in Empfindsamkeit und Sturm und Drang zu den An—
fängen eines neuen geistigen Zeitalters führte, gab es Seiten
seelischen Lebens, die sich dem starren Intellektualismus nur
höchst widerwillig und teilweise gar nicht fügten. Vor allem
gehörte hierher die Phantasietätigkeit in jeder Richtung, in der
Dichtung wie in der bildenden Kunst, wie noch mehr in
der Musik. Denn wie sollte sie, die stets das Geheimnis eines
nicht mehr analysierbaren Restes besitzt, sich einer rein
intellektualistischen Kultur gebeugt haben? So wenig wie die
        <pb n="119" />
        104 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Religion hat sie sich schließlich unterjochen lassen. Allein
einen weitgehenden Einfluß hat sie dem rationalen Element
gleichwohl gestatten müssen. Er zeigt sich vor allem darin,
daß sie an den Stellen, wo dieser möglich war, wenig Fort—
schritte machte, wenn nicht gar verdorrte, zu vollstem Leben da—
gegen nur dort gelangte, wo das Eindringen einer rationalen
Auffassung so gut wie unmöglich schien.

2. In der Dichtkunst waren nach den kräftigen Anfängen
des 15. Jahrhunderts, vor allem im Drama, in der bildenden
Kunst nach dem verheißungsvollen Beginn des ersten Drittels
des 16. Jahrhunderts vor allem in der Landschaftsmalerei
Fortschritte möglich; jene hätten ein neues Verhältnis der
Phantasietätigkeit zur Wiedergabe menschlichen Lebens, diese eine
neue Auffassung der Natur erwarten lassen. Was hat sich nun
von diesen Aussichten verwirklicht?
Am deutlichsten sprechen hier, wie so häufig, die Erschei—
nungen auf dem Gebiete der bildenden Kunst.
Gewiß waren da in dem Gefühl für die Wiedergabe des
Landschaftlichen die Zeiten vorbei, da man nur Einzelheiten sah;
der ursprüngliche Standpunkt war verlassen, der in kindlich—
geheimnisvoller Weihe etwa aus Goethes Mignonlied: „Kennst
du das Land“ spricht. Auch wurden schon die großen Linien
der Landschaft künstlerisch gesehen, wenigstens wichen sogar die
konventionellen Berge allmählich den richtigen geologischen
Formen: der volle landschaftliche Kontur wurde erreicht. Ja
mehr, man ergriff auch schon den Gesamtcharakter einer Land⸗
schaft in seinem einfachsten Ausdruck; seit Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts gibt es, wenigstens in den Niederlanden, Maler der
Landschaften heißer Zonen, wie Franz Pott und Eekhout, und
sie haben bereits, wenn auch noch nicht frei ins Große schaffend,
doch Anerkennenswertes in der Charakteristik des Exotischen
geleistet.
Allein die Auffassung der Landschaft an sich im Sinne
eines großen lebendigen Organismus war doch noch nicht erreicht.
        <pb n="120" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 105

Man war zwar der Natur so ferngetreten, um sie als außer⸗
menschliches Ganzes leidlich zu überschauen, aber der neue
Standpunkt brachte doch noch nicht die volle, wo möglich gar
enthusiastische Anerkennung ihrer Eigenart, sondern nur den
Versuch, sie im Sinne des Besserwissenwollens ästhetisch zu
meistern. Nichts ist in dieser Hinsicht bezeichnender als die
Gartenkunst des 16. bis 18. Jahrhunderts; denn in ihr strebte
man deutlich danach, sich nicht als Freund, sondern als Herr
der Natur zu erzeigen.
Das Mittelalter hatte seine Gewürz⸗, Gemüse- und Obst—
gärten gehabt. Es hatte zunächst dem Nutzen gelebt, danach
der Freude am schönen Einzelexemplar einer Pflanze. Und so
waren neben den Nutzgärten Lilien-, Nelken-, Rosengärten
emporgeblüht; keine der so häufigen Darstellungen der Ver—
kündigung Mariens, ohne daß nicht das Zimmer den Schmuck
eines blühenden Lilienstengels aufwiese. Es war ein Geschmack,
den man auch in den folgenden Jahrhunderten noch nicht ganz
verlor; vor allem in den Niederlanden blieb die Blumenpflege
in diesem Sinne erhalten und warf sich mit Leidenschaft auf
die Zucht einzelner Gattungen, wie der Tulpen; und die Sträuße
der gemalten niederländischen Stillleben wurden zu Samm—
lungen besonders kräftiger, nebeneinander gestellter Einzelexem⸗
plare schöner Pflanzen. Aber gerade in den Niederlanden war
man doch bereits auch weiter gegangen; man begann nicht
bloß die einzelne Pflanze, man begann auch schon die Natur
als Ganzes zu meistern. Wie hätte auch der tiefe Zug des
Zeitalters in dieser Richtung anderswo früher zum Durchbruch
gelangen sollen als in dem von Menschen geschaffenen Lande
der Kanäle und Deiche! Hier war man gezwungen gewesen,
dem reißenden Wachstum der Bevölkerung durch wohlüberlegte
Stadtanlagen entgegenzukommen; so war neben Oftende und
dem Haag gegen Ende des 16. Jahrhunderts vor allem Amster⸗
dam mit den Baumreihen seiner fünf um die Altstadt herum—
gelegten Ringe und den sie durchschneidenden Radialstraßen
angelegt worden, jeder Ring zugleich mit einer Gracht zwischen
den Häuserzeilen. Dasselbe sorgsame und kluge Meistern des
        <pb n="121" />
        106 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Raumes entwickelte man nun auch in der Gartenkunst; wir
erkennen es zunächst aus den Stichen eines Vredemann de Vries
für die Niederlande, für das innere Deutschland auch aus
den Abbildungen Merians und Peter Schencks. Da werden
vor allem die Niveaudifferenzen ausgeglichen, teilweise mit
außerordentlichen Kosten, wie z. B. beim Heidelberger Schlosse.
Und in die platte Ebene werden platte, gerade Anlagen ein—
gezeichnet, im Hauptteile des Gartens nur Beete, danach
Sträucher und Bäume. Was dabei ergötzt, ist nicht das Er—
zeugnis der Natur; die Blumen ergeben nur Farbenwerte zur
Ornamentation des Bodens zwischen dem Linienspiel der Wege,
und die Laubengänge aus beschnittenen Bäumen fügen zu diesem
Linienspiel noch den Reiz scharf betonter symmetrischer Be—
handlung der Fläche.
War es nun denkbar, daß ein Zeitalter, das in der Garten⸗
kunst so empfand — und der spätere französische Gartenstil
des 17. und teilweise 18. Jahrhunderts erscheint vom künstle—
rischen Standpunkte aus nur als eine Fortbildung dieses älteren
Stiles ins Freiere —: war es denkbar, daß ein solches Zeit⸗
alter der freien Landschaft mit ganzem Verständnis entgegen⸗
kam? Auch hier überwog die verständige Auffassung: weit
entfernt war man im allgemeinen vom Romantischen, Pathe—
tischen, Gefühlsüberschwänglichen; und charakteristisch ist, daß
man auf dem Gebiete der Dichtung in dieser Zeit erst spät zur
stärkeren Beachtung der Landschaft und dann vornehmlich zur
Ausbildung des Idylls, des Schäferromans, des Lehrgedichts
gelangte: Paul Flemming, Brockes, Hagedorn, Haller, Ewald
von Kleist, Salomon Gesner. Auf dem Gebiete der Landschafts—
malerei aber überwog anfangs, sieht man von einigen Phan—
tasten ab, deren Anschauung man der pandynamistischen Natur—
auffassung parallelisieren könnte, die Vedute: klar und nüchtern
wurde die Natur studiert. Und niemals fehlte die menschliche
Staffage; im Grunde erschien die Landschaft immer noch nur
als Schauplatz menschlicher Tätigkeit. Es ist eine Auffassung,
die auch nicht verlassen wurde, als sich aus der Vedute einer—
seits eine aufs Wesentliche gestimmte realistische Landschaft,
        <pb n="122" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 107

anderseits, freilich weniger auf germanischem als auf romanischem
Boden, eine in angeblicher Nachahmung der Antike stilisierte Land—
schaft entwickelte. Im Grunde war damit die innere Belebung
der Natur ausgeschlossen, die Belebung war Sache der Staffage.
Und so ist es bis zum Schlusse des individualistischen Zeit—
alters geblieben; alle jene Momente, welche der „geheimnis—
vollen Analogie zwischen den Gemütsbewegungen und den Er—
scheinungen der Sinnenwelt entquellen“!, fehlten; nur durch
Einführung der technischen Bewältigung des Lichtes gelangte
man im 17. JZahrhundert über die Landschaft des 16. Jahr—
hunderts hinaus, nicht aber durch subjektive Vertiefung der
malerischen Erfassung der Außenwelt.
Ein ähnliches Stocken der Entwicklung nimmt man je
länger je mehr auch auf dem Gebiete der Dichtkunst und vor
allem im Drama, der eigentlich modernen Dichtungsart, wahr.
Auch hier im inneren Deutschland mit Hans Sachs, in den
Niederlanden etwas später mit Vondel zwar noch ein kräftiger
Anlauf, aber dann ein Ermatten bis zum vollen Versiegen;
eben von der Reformbedürftigkeit des Theaters her sind die
ersten Versuche zur Entwicklung der modernen Dichtung aus—⸗
gegangen, und dramaturgisch vor allem hat Lessing sie fort⸗
gesetzt.

Die Psychologie des Mittelalters hatte das menschliche
Handeln im Grunde noch immer von übermenschlichen, sei es
göttlichen, sei es teuflischen Mächten, abhängig gedacht. Da
waren denn Gott und seine Heiligen die Schutzherren und
Ratgeber alles Guten gewesen, während der Teufel mit seinen
Heerscharen als privilegierter Intrigant auftrat. Und ent—
sprechend diesen das Ethos überaus vereinfachenden psycho—
logischen Grundlagen waren nur Typen auf die Bühne ge—
langt, bestimmte Personen mit bestimmtem, allgemein be—
kanntem Charakter: Wucherer und Diebe, Zauberer und Räuber
anfangs, später etwas feiner nuanciert betrügerische Wirte,
kupplerische Alte, verbuhlte Frauen, eifersüchtige Ehemänner

A. v. Humboldt, Kosmos 2, 66.
        <pb n="123" />
        08 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

und dergleichen. Diese Typen aber hatten wiederum schema⸗
tische Handlungen begangen; und hiervon waren dann ganz
bestimmte Stoffe in ganz bestimmter Art der Bearbeitung die
Folge gewesen. So ging denn diese ältere Bühne in Typus
ind Schema auf, wenn auch im Verlaufe der Zeit eine etwas
größere Spezialisierung aufkam, der Teufel z. B. nicht mehr
schlechtweg, sondern, entsprechend den Anschauungen einer weit⸗
verbreiteten satirischen Literatur, als Teufel des Fluchens, Spie⸗
lens, Tanzens, als Geizteufel, Zauberteufel, Saufteufel und
nicht mehr in persona, sondern als hinter der Person stehende
Macht die Bühnenfiguren lenkte.
Ein neuer Zuschuß aber, der wenigstens teilweise aus der
Renaissance herkam, nämlich die Aufnahme allegorischer Figuren,
ein Zusatz natürlich von stark intellektualistischem Charakter,
war nicht geeignet, diese alte Konstruktion zu erschüttern, ja
hat sie wohl eher in ihrem Bestehen noch gestärkt. Am frühesten
lraten solche allegorische Figuren, soweit sie nicht unmittelbar
Renaissancefesten und Renaissancebestrebungen angehörten, wohl
in den Sinnekens, den Sinnbildern der niederländischen Rederijker
auf; hier finden sie sich im Schauspiel, noch ehe Kaiser Maxi⸗
milian J. in seinem „Theuerdank“ (1517) von der Königin
Ehrenreich, den Hauptleuten Fürwittig, Unfalo und Neidelhart
und tausend anderen Allegorien epischen Gebrauch gemacht
hatte. Im inneren Deutschland aber zeigen sie sich seit dem
i6. Jahrhundert vor allem im lateinischen, dann aber auch
im deutschen Drama; in Prasinus' „Philämus“ erscheinen
Friede, Gottesdienst, Kunst und Wissenschaft als Figuren,
1546 schrieb Schöpper eine „Voluptatis et Virtutis pugna“,
ind in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts haben Hars⸗
dörffer, Stieler u. a. diese Richtung fortgesetzt.
Es ist klar, daß über Schema, Typus und gar Sinnfigur
hinaus eine grundsätzliche weitere Entwicklung der dramatischen
Kunst nur möglich war bei Vertiefung und Vervollständigung
der Motive der handelnden Personen. Wurden sie frei von Gott
und Teufel auf sich gestellt, wurde ihr Wesen demgemäß ein—
gehender studiert, so mußte sich eine Verflüchtigung nicht nur
        <pb n="124" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 109

der Typen, sondern auch der Schemata ergeben, und die Sinn⸗
figuren konnten überhaupt nur noch unter ganz besonderen
Umständen mitspielen.
In der Tat finden sich nun im 16. Jahrhundert deutliche
Spuren zunehmend feinerer Motivierung. Hans Sachs z. B.
hat namentlich die ernsten Charaktere genauer durchgebildet;
und steckt die Kunst der vollen Erfassung des Persönlichen auch
bei ihm noch in den Kinderschuhen, es sei denn, daß er seinen
Figuren den eigenen Charakter des Behaglichen und Liebens⸗
werten mitgeben könne, so hält er doch wenigstens auf eine
gewisse äußerliche Begründung der Handlungen seiner Personen;
sie verlassen z. B. nicht gern ohne Angabe eines Grundes die
Buhne. Und jedenfalls war die dramatische Kunst mit dem
Bestreben zur Fortbildung der Motivierung auf dem rechten
Wege zu einer höheren Stufe.
Aber ließ sich diese Stufe im individualistischen Zeitalter
voll erreichen? Wirkliche Motivierung der Handlungen ist nur
denkbar bei Annahme eingehendster gegenseitiger Beeinflussung
der handelnden Personen. Gerade diese Annahme aber schloß
der Intellektualismus des Zeitalters eigentlich aus: er kannte
den Menschen nicht als soziales Wesen, er stellte ihn nur dem
Absoluten, dem Schicksal gegenüber. Und so war es denn
nicht möglich, im Drama denjenigen Begriff voll durchzubilden,
der erst die vollste Motivation ermöglicht und zugleich erheischt
hätte: den Begriff der Schuld. Das Drama der individua⸗—
listischen Zeit kennt darum noch nicht den Helden, der, in
tausend seine Schuld einschließende Beziehungen zu den Mit—⸗
handelnden verflochten, einem selbstgeschaffenen Schicksal ent—
gegengeht und es vollendet. In ihm steht vielmehr der Held
noch isoliert der Schicksalsmacht als einem Objektiven, einem
Fatum gegenüber. Damit kann denn auch das Erschütternde
des Dramas nicht im Mitbewußtsein der Schuld oder sonst
einem subjektiven Gefühl des Zuschauers gesucht werden, son—
dern nur in der Trauer, dem Erstaunen über das objektiv
Ungeheure der Vorgänge. Und hiermit wiederum wird die
Aufgabe des Dramatikers nicht in die tiefere Motivierung sub⸗
        <pb n="125" />
        110

Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

jektiver Verschuldung gelegt, sondern in die Schilderung des
gegenständlich Furchtbaren. Es sind Zusammenhänge, die die
entsetzlichen Greuelszenen, die Verstümmelungen, Enthauptungen,
Entehrungen auf offener Bühne erklären, wie sie dem Drama
des 17. Jahrhunderts und auch noch der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts geläufig waren. Es sind Momente, welche
zugleich auch die vorbildliche Bedeutung der antiken Bühne
für diese Zeit erklären, soweit deren Erzeugnisse auf einer
fatalistischen Weltanschauung beruhen; namentlich die Dramen
Senecas haben darum für die Entwicklung des niederländischen
wie des deutschen Dramas dieser Zeit eine große Rolle
gespielt.
Der größte Vertreter des individualistischen Dramas auf
deutsch⸗niederländischen Boden war Jost van Vondel. Be⸗
greiflich genug, daß die Niederlande auch auf diesem Gebiete
führend auftraten. Die niederländische Bühnenkunst neigt an
sich, auch heute noch, und zwar sowohl in Nord⸗ wie in Süd⸗
niederland, zu stärkerer Charakterisierung als die deutsche; zu—
dem besaßen die Niederlande in den Rederijkern schon des
15. Jahrhunderts, wenn nicht im Schauspiel, so doch im bühnen⸗
gerechten Auftreten bewanderte Liebhaber in großer Anzahl;
uͤnd als dann die großen Zeiten der Republik kamen, hat
Amsterdam auf gemeindeutschem Boden wie das erste große
gesellschaftlich-politische Leben so (seit 1617) auch die erste
ständige Bühne besessen.

3. Der Weg, der vom Empfinden des Schönen, gleichviel,
auf welchem Felde der Phantasietätigkeit, zur Darstellung des
Empfundenen führt, ist weit; und keinem Künstler ist es ge⸗
geben, ihn zu durchmessen, ohne an dem eigensten schöpferischen
Charakter seiner Vorstellungen einzubüßen. Hierauf beruht es,
wenn sich in der Zeit des Intellektualismus der Ausübung
künstlerischer Tätigkeit rationale Elemente anhängen konnten
bis zu dem Grade, daß sie ihr bestimmend, ja hemmend entgegen⸗
traten. Ist doch der Intellektualismus in dieser Richtung
        <pb n="126" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 111

schließlich so weit fortgeschritten, daß er zuletzt wenigstens
theoretisch die Ausübung jeder Kunsttätigkeit als eine bloße
Nachahmung der Natur angesehen und die Künste selbst dem⸗
gemäß als lehr- und lernbar betrachtet hat.
Nun waren diese intellektualistischen Einflüsse am leichtesten
durchzufetzen auf dem Gebiete derjenigen Kimste, die sich der
Sprache bedienen; denn die Sprache ist an sich zunächst ein
Werkzeug des Denkens. Sie finden sich demgemäß nirgends
stärker entwickelt als in der Dichtkunst; und von diesem Gebiete
aus ist daher auch später, seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts,
die entschiedenste Gegenwirkung gegen sie erfolgt.
Viel weniger einschneidend konnten dagegen die rationalisti⸗
schen Einflüsse schon auf dem Gebiete der bildenden Künste
wirken; hier vermochten sie sich zwar auch der Technik im
weitesten Sinne des Wortes so ziemlich zu bemächtigen, in den
eigentlichen Empfindungsgehalt einzudringen dagegen blieb ihnen
im ganzen versagt.
Fast völlig aber verlor der Rationalismus seine Kraft
gegenuͤber der Musik, die sich denn eben deshalb selbst in
intellektualistischer Zeit ihre Reinheit wahrte, ja sie gerade da⸗
mals in isolierter Reaktion gegen alles Rationale doppelt ge⸗
waltig entfaltet hat.
üm es also mit einem Worte zu sagen: je stärker eine
Kunst in diesem Zeitalter von der Macht ungebrochener Stimmung
durchflutet wurde, um so selbständiger stand sie da, um so
energischer wirkte sie auf die Zeitgenossen.
Diese Stimmung aber behielt vom 16. bis zum 18. Jahr⸗
hundert nicht denselben allgemeinen Charakter. In der ersten
Hälfte dieses Zeitraumes war das Wesen der deutschen Kultur
noch im Grunde bürgerlich; demgemäß sah man auf intime
Wirkungen, und die Stimmung war die des Gemütvollen,
Behaglichen. Seit dem zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts
dagegen wurde die Kultur immer mehr von den fürstlichen
Hoöfen abhängig, denen in den katholischen Ländern die frisch
erwachte Kraft der alten Kirche zur Seite trat; und nun liebte
man das Großartige, Repräsentative, den Pomp.
        <pb n="127" />
        112

Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

In diesem Sinne haben denn die Stimmungsmomente
auch auf dem Gebiete künstlerischen Wirkens geschwankt.
In der Dichtkunst zunächst findet sich die Stimmung des
16. Jahrhunderts heiter, gemütsreich und gelegentlich bis zum
Grotesken ansteigend wieder; seit der Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts wird sie, nun immer stärker intellektualistisch durch—
tränkt und daher dem Repräsentativen zuneigend, im schlimmen
Sinne des Wortes barock; der Schwulst tritt auf, eine seltsame
Mischung kalter Verständigkeit und betonten Anspruches auf
das Großartige; bis schließlich ein platter Rationalismus als
Grundströmung des Zeitalters obsiegt.
In den bildenden Künsten vollzieht sich die Entwicklung
am klarsten auf dem Gebiete der Malerei. Hier führte die
Entfaltung des künstlerischen Auges im Verlaufe des 16. und
17. Jahrhunderts aus der bloßen Fähigkeit der Wiedergabe
des Umrifses und der Farbe hinüber zur Fähigkeit der Wieder⸗
gabe des Lichtes; es wird davon später noch die Rede sein.
Indem nun aber unter der Einwirkung des Lichtes die Konturen
verschwammen und die Massen breit und imponierend auf—
traten; indem sich alles nach Licht und Dunkel ordnete; indem
sich in der Komposition Summen gewaltigen Lichtes und
dämmernder Dunkelheit gleichsam kämpfend entgegentraten,
wurde der Phantasie eine Anregung gegeben, die über den um—
schränkten Raum hinwegstrebte ins Unendliche, Unergründliche;
das Ewige gleichsam schien jetzt in den engen Rahmen des
Gemäldes bannbar. Es war eine Umgestaltung der Malerei,
die, bis zu einem gewissen Grade, an sich, aus der weiteren
Entwicklung des künstlerischen Auges her, eintreten mußte.
Was aber wurde nun aus ihr, indem sie gleichzeitig mit der
hollen Entfaltung jenes schon geschilderten Zuges repräsentativer
Stimmung eintrat! Es kam jetzt zu den vollendetsten Schöpfungen
cines Rubens und Rembrandt wie der vlamischen und nord⸗
niederländischen Schulen überhaupt; eine volle Poesie, fern
allem Rationalen, durchflutet diese Gemälde. Aber der gleiche
Entwicklungsdrang beherrschte auch Architektur und Plastik.
Und da entstanden denn jene gewaltigen Bauten des Barocks,
        <pb n="128" />
        Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 113

deren Reiz auf dem majestätischen Wechsel von Dunkel in
kleineren und Licht in großen Räumen beruht, die in der Art
der Anordnung der Bauglieder das Bestreben zeigen, über
den horizontalen Abschluß der Dächer hinauszuwachsen ins Un—
endliche. Und so trat auch eine Plastik ins Leben, die dem
Körper in weichen und doch s chwellenden Formen, in rauschender
Gewandung den Zug zum Effektvollen, gewaltsam Ungestümen
verlieh.
Welche Kunst aber vermochte diesem Drängen und Sehnen
hinaus über die rationale Seite des Lebens entschiedeneren Aus⸗
druck zu geben als die Musik! Gewiß war sie in den Zeiten des
16, Jaͤhrhunderts noch ungemein gebunden; noch galt erst von
ihrer Wirkung in überaus starker Bes chränkung Richard Wagners
Wort: „Ertrinken — versinken — unbewußt — höchste Lust,“
noch waren der alte geschlossen⸗ Thythmische Satz und der streng
polyphonische Aufbau kaum zugunsten des Ausdrucks form—
loser Stimmungen zurückgedrängt. Aber auch in dieser Aus—
bildung wirkte die Musik doch vor allem auf die Stimmung;
denn ein Einfluß in dieser Richtung liegt in ihrem Wesen.
Schon die Verbindung von Wort und Ton ist eindringlicher
als das bloße Wort; tritt der Ton gar allein auf, so schneidet
er den Hörer sozusagen von der intellektuellen Welt ab und
verweist ihn auf seelische Regungen, in denen die Kräfte der
Phantasie fast hemmungslos dahinspielen.
Nun hat die erste Periode des individualistischen Zeitalters
(etwa 1500 bis 1650) anfangs noch fast nur die menschliche
Stimme, und zwar zunächst nur in Kollektivwirkungen, als
musikalifches Organ gekannt; die musikalischen Instrumente
waren daneben von nur geringer Bedeutung. Aber der Aus⸗
gang des 16. Jahrhunderts und namentlich das 17. Jahr⸗
hundert brachten dann große Wandlungen. Jetzt trat die
menschliche Einzelstimme zunächst in Rezitativ und Arioso klar
und bewußt die Herrschaft an, und neben sie begann sich das
Orchester zu stellen, wenngleich vornehmlich noch zur Begleitung,
zum Vor⸗ und Nachspiel. Es war der Anfang zu einer ganz
anderen Stellung der Musik in der Reihe der Künste. Bisher
Lamprecht. Deutsche Geschichte. VI. 8
        <pb n="129" />
        1445 Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel.

mehr geduldet, Teil vor allem des christlichen Kultes, trat sie
jetzt jenen Eroberungszug in die höchsten Bereiche menschlicher
Stimmung an, der noch heute fortdauert, und erfüllte zunächst
die Kirchen und Schlösser des Barocks mit ihren majestätischen
Wirkungen.
Nach allem bisher Angeführten ist klar, daß die frühere
Kunst des voll entwickelten individualistischen Zeitalters, soweit
sie nicht verstandesmäßig schon geradezu beeinträchtigt wurde,
eben wegen des verstandesmäßigen Druckes vor allem eine Kunst
der Stimmung, der Gemütsbewegung und innerhalb dieses
Stimmungskreises wiederum aus besonderen Gründen eine
Kunst des Erhabenen, in die Unendlichkeit Hinausstrebenden
sein mußte. Es war ein steiler Weg, der ihr damit ge—
wiesen war; und wo die Kraft ihrer Schwingen nicht aus⸗
reichte, da führte der Pfad, zumal unter der Einwirkung der
doch immer mehr dominierenden intellektuellen Kräfte, rasch
ins Seelenlose, Schwülstige, Lächerliche. Und es war ein Weg,
der, so herrliche Gefilde er erschlossen hat, doch von dem reinen
Gebiete der Schönheit zu leicht abführte in das des Pathos, um
lange Zeit hindurch mit Erfolg betreten zu werden. Der über⸗
mäßigen Erregung folgte die Schwäche; und nun bemächtigte
sich, durchaus deutlich spätestens seit der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts, eine bis zum vollen Rationalismus aus⸗
gebildete Verstandesmäßigkeit auch der Stimmungsgebiete der
Kunst, um sie dem Gesetze der Lehr⸗ und Lernbarkeit zu unter⸗
werfen; und fast nur die Musik, die freieste Tochter des
ünstlerischen Pathos, entging dieser erdrückenden Herrschaft.
        <pb n="130" />
        Drittes Kapitel.

Wissenschaft und Weltanschauung, Pandynamismus
und Naiuralismus im 16. und 17. Jahrhundert.

1. Der Offenbarungsglaube des Christentums mit seinen
Wundern hatte dem mittelalterlichen Denken völlig entsprochen;
und darum hatte er auch eine allgemeine und gänzlich un⸗
bezweifelte Anerkennung gefunden, mochte man auch die ein⸗
fachen Erzählungen des Neuen Testaments anfangs mehr im
Sinne der deutschen Epen des 6. bis 9. Jahrhunderts, später
mehr in historisch geklärter Auffassung verstanden haben!.
Dem entsprechend war denn auch der Oberbau der christlichen
Offenbarungstradition, das System der kirchlichen Dogmen,
nicht bloß im Sinne des Gehorsams gegen sie, sondern in dem
gläubiger Einfalt hingenommen worden. Und auch am Schlusse
des Mittelalters war man noch weit davon entfernt, diese
geistige Disposition zu verlassen.
Aber trotzdem strebte man doch allmählich nach einem
Verständnis der Erscheinungswelt auch neben dem Kirchen⸗
glauben und außerhalb der in aller Fülle nur wenigen Geistern
zugänglichen antiken Überlieferung: die ersten Triebe einer
eigenen Gesamtauffassung des sinnlich wahrnehmbaren Ganzen
unserer Umgebung regten sich. Sie traten ein zu der Zeit,
da zum ersten Male die ästhetische Auffassungsgabe in dem

2Dieser und der folgende Abschnitt ist schon gedruckt in der „Zukunft“,
herausgegeben von M. Harden. X. Jahraang (19038), S. 9-18 u. 57- 70.
8*
        <pb n="131" />
        116 — Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

realistischen Kontur wie in der lokalen Farbengebung und in der
Perspektive der Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts der Außen⸗
welt als eines dreidimensionalen Ganzen innegeworden war
war die äußere Anschauung gewonnen, so wurde nun der Ver—
such gemacht, auch deren innere Beziehungen zu beherrschen.
Es sind die ersten Anfänge wirklich selbständigen wissenschaft—
lichen Denkens in weiteren Kreisen; und sie knüpfen noch an
an die ausgebildeten Methoden des mittelalterlichen Denkens
in Wunderglaube, Autoritätsgefühl und Analogieschluß!.
Es ist klar, welche allgemeine Auffassung das Ergebnis so
zusammentreffender Umstände sein mußte. Indem man zu jedem
Vorgang der sinnlichen Erscheinungswelt eine Analogie im
Sinne einer ihn deutenden Tatsache aufsuchte und dabei durch
faft keinerlei Erfahrung gebunden war, deren Ausdehnung schon
den Nachweis von Gesetzmäßigkeiten erfordert hätte, gelangte
man zu der Vorstellung einer geistigen Welt als einer Analogie⸗
welt von Kräften, die hinter der sichtbaren Welt stehe und sie
leite: ein grundsätzlicher Pandynamismus war die Folge.
Sah man sich aber veranlaßt, nun diesen Pandynamismus
in ein System zu bringen, die Kräfte zu benennen und in
gegenseitigen Zusammenhang zu versetzen, die hinter den Kulissen
gleichsam der Erscheinungswelt diese beherrschten, so war in
der Entwicklung des späteren Mittelalters eine Menge von
Tatsachen gegeben, die diesen Drang, abgesehen von den ihm
selbst innewohnenden sachlichen Gesichtspunkten, in bestimmte
Bahnen leiten konnten.
Aus dem Eigensten der deutschen Entwicklung kam hier
vor allem die Mystik in Betracht. War die enthusiastische
Mystik des 14. Jahrhunderts zunächst darauf ausgegangen,
in intellektueller Verzückung wenigstens zeitweise eine Ver—
einigung der Seele mit Gott herbeizuführen, und sah man
sich jetzt dazu gedrängt, hinter all den Kräften, die sich in der
Welt der Erscheinungen auswirkten, im tiefsten Grunde eine
diese Kräfte wieder umfassende und bewegende Urkraft an—

S. dazu oben S. 86 ff.
        <pb n="132" />
        Wiffenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 117

zunehmen, die da nur sein konnte Gott: so liegt auf der
Hand, daß in der mystischen Intuition recht eigentlich die
wissenschaftliche Methode dieses neuen Denkens gegeben war,
daß allein durch eine intellektuelle Verzückung, durch ein Auf⸗
gehen in die Urkraft und wo möglich deren zeitweises Beherrschen
die Möglichkeit eines vollen Verständnisses der Erscheinungs—
welt als gegeben erschien.
Wie aber diese Intuition, diese Bezwingung des Geistes
und der Kraft herbeiführen? Auch hier stellte die Tradition,
freilich eine solche vornehmlich nicht heimischen, sondern jüdisch⸗
arabisch-spanisch-italienischen Charakters, die Mittel zur Ver⸗
fügung: Alchimie, Astrologie und vor allem Magie konnten
da helfen.
Die klassische Überlieferung aber fügte der Intuition, dem
mystischen Hebelpunkt des Erkennens, und den Methoden, dieser
Intuition nahezutreten, für den pandynamistischen Drang der
Zeit noch ein Weiteres hinzu: ein ganzes System pandyna⸗
mistischer Auffassung: die Lehre der Neuplatoniker.
Plato hatte, wie jetzt wohl mit ziemlicher Sicherheit fest—
steht, aus seiner Lieblingswissenschaft, der Mathematik, heraus
den Begriff der Idee entwickelt: die geometrische Methode, der
Beweis durch ein Schema hatte ihm den Gegensatz zwischen
Idee gleich Urbild und Ding gleich Abbild jenes Urbildes ver—
mittelt!. Stand aber hinter der Welt der Erscheinungen eine
Welt der Urbilder dieser, so trat für diese Welt alsbald das
Problem auf, wie sie denn entstanden sei, und wie sie auf die
Welt der Erscheinungen wirke. Es ist eine Frage, die im
Neuplatonismus gelöst worden war durch den Aufbau einer
geistreichen Mythologie von Gott als der Urkraft von ihr aus—
gehender Kräfte, die sich in die sichtbare Welt der Erscheinungen
hineinergießen.
Konnte irgend eine Lehre der Vergangenheit der geistigen
Disposition des 15. Jahrhunderts anziehender erscheinen als
diese? In Italien zunächst stieg der Kult der platonischen

Cohen, Platons Ideenlehre und die Mathematik, S. 24.
        <pb n="133" />
        118 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Philosophie zu so bedenklicher Höhe, daß das Laterankonzil im
Jahre 1512 gegen ihn — und bezeichnenderweise nur versteckt —
einschritt; und bald folgte ihm das Studium der Neuplatoniker;
schon Marsilius Ficinus (1488 bis 1492) hat nicht nur Plato,
sondern auch Plotin übersetzt. Und von Ztalien verbreiteten
sich Platonismus und Neuplatonismus auch nach Deutschland;
überall in dem fortschreitenden Denken des 16. Jahrhunderts
lassen sich ihre Spuren erkennen. Gleichwohl haben sie dieses
Denken in Deutschland nicht beherrscht: sie waren nur ein
überreifer und raffinierter Beitrag des Altertums zu diesem,
das die Probleme zunächst viel sinnlicher und einfacher auf⸗
griff und daher nicht so sehr einer pandynamistischen Metaphysik
wie einer pandynamistischen Naturwissenschaft zusteuerte.

2. Freilich geschah das in enthusiastischen Formen. Wie
einst die Ritterschaft der Stauferzeit in poetischer Begeisterung
der neuen, gehobenen Bildung ihres Standes froh geworden
war und Vergangenheit wie Gegenwart sich nur in den Formen
der Dichtung hatte nahebringen wollen, von der Epik van
Veldekes und den Sagen des Artuskreises an bis zum versi—
fizierten Steinbuch und zur gereimten Tischzucht, so waren
auch die Geisteshelden des neuen Denkens noch weit davon
entfernt, die Lösung der ersten großen Geheimnisse der natür—
lichen Erscheinungswelt mit Hebel und Schrauben erzwingen
zu wollen. Schauen vielmehr wollten sie, um mit dem
Goetheschen Faust, diesem herrlichsten persönlichen Inbegriff
ihrer Geistesverfassung, zu reden
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen,
Mit fegenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!

So allen Hoffnungen einer verstandesmäßigen Verzückung
lebend glaubten sie an Universalmittel der Erkenntnis, die den
        <pb n="134" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 119

Menschen über sich hinaus zum Genossen der schaffenden Kräfte
erheben könnten; und indem sie alles Werden von geistigen,
durch sie beeinflußbaren Mächten durchweht dachten, ergaben
sie sich im phantastischen Bewußtsein erkenntnistheoretischer
Forschung den Künsten der Magie und der astrologischen Praxis.
Die Heimat einer auf solche Grundlage gestellten Natur—
wissenschaft ist zunächst Italien gewesen; und auf dem geistigen
Boden dieser Naturwissenschaft sind hier die großen natur—
philosophischen Systeme eines Telesio, Campanella, Giordano
Bruno, Systeme einer vollen Metaphysik, erwachsen. Denn
den Anhängern dieser Wissenschaft erschien in den Kräften der
Natur von Anbeginn das geheimnisvolle Walten des Ab—
soluten wahrnehmbar, und als tiefste Voraussetzung ihres
Denkens ergab sich ihnen ein naturalistischer Pantheismus.
Von Italien her ward aber die Lehre dann auch in
Deutschland aufgenommen; eigenes Forschen, Wirkungen des
mittelalterlichen und des täuferischen Mystizismus, Einflüsse
des Neuplatonismus und auch der pythagoräischen Zahlenmystik,
Anschauungen endlich der Kabbala verknupften sich da mit ihr
in dem Denken Reuchlins (1455 bis 1522) wie Agrippas von
Nettesheim (1487 bis 1585). In eine klarere Form aber
brachte diese gärende Masse wohl erst Melanchthon, dieser große
kompilatorische Beherrscher des Denkens seiner Zeit. Sein
Lehrbuch der Physik, das sich im übrigen an Aristoteles an⸗
lehnt, schied doch die substantialen Formen des Stagiriten
aus und behielt nur ein buntes Gewimmel von Kräften als
Erklärungsgrund der Welt der Erscheinungen zurück: Gott; die
Kräfte der Gestirne; die Gegensätze, die in den Elementen
wirken; die Materie; die vegetativen, die animalischen, die ver—
nünftigen Seelenkräfte. Und indem es der Notwendigkeit der
Natur ein Reich der Freiheit in Gott und in allen guten und
bösen Geistern, sowie des Regellosen im Fluß der Materie
entgegensetzte, ließ es den Zufall unaufhörlich aus der Unruhe
der Materie und der Freiheit des Geistes quillen und sich in
tausend gesonderten Kräften auswirken!.

350 f.
i phie
ch d P ) ofo
2 G t
d. er l V 9
rch.
i h y.
gl. Di e
        <pb n="135" />
        120 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

War es nun möglich, von solchen Prinzipien her die ein—
zelnen Disziplinen der Naturwissenschaften verständig zu ent—
wickeln? Je einfachere Grundlagen gesucht wurden, um so mehr
trat ihre Unwirklichkeit ans Tageslicht. Nur in einer Disziplin
daher, die die Ergebnisse der Naturwissenschaften jeweilig ins
Ganze zusammenfassend nutzt, in der Medizin wurde diese
pandynamistische Naturwissenschaft angewandt und praktisch.
Hier wurden vor allem die verworrenen, abenteuerlichen, mit
einer Unsumme von Quacksalbereien durchsetzten und dennoch
eines großen Zuges nicht entbehrenden Gedankenreihen des
Theophrastus Bombastus Paracelsus von Einfluß, eines un⸗
steten Gesellen, der, 1493 zu Einsiedeln geboren, ein medi—
zinischer Wandersmann und Allerweltsmensch, zeitweis Professor
der Chemie in Basel, 1541 zu Salzburg gestorben ist. Theo⸗—
phrastus erschien das ganze Weltall von einer göttlichen Welt—
seele durchweht, dem Vulcanus; und die phantastisch gedachten
Kräfte dieses Vulcanus durchdrangen nach ihm das Universum
wie das Einzelne. Der Mensch aber war ihm der mikro—
kosmische Auszug und Inbegriff dieses Universums; in ihm
spiegelten sich und wirkten daher alle Kräfte des Ganzen; nur
trat zu ihnen, wie für jedes Einzelwesen, noch ein besonderes
Prinzip der Individuation, ein spezieller und persönlicher Geist,
der Lebensgeist, der Archeus. So war ihm die Welt, die
Heimstätte des Universalgeistes, voll von einzelnen Lebensgeistern,
die einander fördern, anfechten, zu vernichten drohten; und die
Krankheiten waren Kämpfe solcher fremden Geister gegen den
spezifischen Geist des einzelnen, persönlichen Lebens.
Was für eine kraus und abenteuerlich hypostasierende
Gedankenwelt! Und doch wiederum wie voll großer meta—
physischer und erkenntnistheoretischer Ahnungen, wie angefüllt
von aufdämmernden Problemen -der Philosophie Leibnizens
und der Nachfolger Kants! So begreift es sich, daß die Lehre
des Paracelsus noch auf Generationen nachwirkte, ohne eigentlich
fortgebildet zu werden. Eine gewaltige Reihe von parazelsischen
Ärzten und Denkern auf naturwissenschaftlichem Gebiete füllt
mit Bergen monotoner Schriften, immer tiefer in Geheimnis—
        <pb n="136" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 121]

krämerei versinkend, das 16. und zum Teil noch das 17.
Jahrhundert; aus ihrer Mitte ist die einflußreiche Rosenkreuzer⸗
gesellschaft hervorgegangen; und in den Niederlanden, der Heim—
stätte bald der größten medizinischen Fortschritte, haben noch die
beiden Helmont, Vater und Sohn, (1477 —1644; 1618 - 16099),
auf der aufgeklärteren Gedankenwelt des Paracelsus fortgebaut.
Für die empirische Entwicklung der reinen Naturwissen⸗
schaften aber blieb das System des Paracelsus im einzelnen
ebenso unfruchtbar wie die pandynamistische Naturwissenschaft
überhaupt. Sie war ein erster Rausch, der, hervorgehend aus
jugendlich emporquellender Überschätzung der menschlichen, eben
erst zur Freiheit emporsteigenden Erkenntniskräfte, die neu—
gewonnene Möglichkeit ungestörten Naturerkennens begleitete: sie
konnte die nüchterne Empirie allenfalls anregen helfen; sie zu
begründen vermochte sie nicht.

3. Inzwischen aber war über das bloße, von den all—
gemeinen Fragen der Philosophie in diesem Falle freilich be—
sonders unklar und wirkungslos geschiedene Reich des Natur—
erkennens schon etwas Weiteres emporgewachsen: Versuche der
Begründung einer allgemeinen Weltanschauung auf Grund des
angeblich gewonnenen Wissens.
Es sind Versuche von besonderer Wichtigkeit. Denn in
ihnen zum ersten Male zeigt sich, freilich in hartem Ringen
und selbst im besten Falle ohne vollen Erfolg, das Bestreben,
neben der christlichen Offenbarung, deren Weltanschauung die
einzige des Mittelalters gewesen war, eine andere, von ihr
unabhängige Philosophie und Metaphysik zu begründen; es sind
erste, stammelnde Bestrebungen, die Sprache eines eigenen
Geistes der Zeit zu reden.
Gewiß verlaufen sie noch nicht im ausgesprochenen Gegen⸗
satze zum Christentum. Anknupfend vielmehr an die mittelalter⸗
liche Mystik und wie diese bis zu einem gewissen Grade außer⸗
kirchlich, aber nicht außerchristlich, bleiben sie nur, je länger,
je mehr, von den allgemein anerkannten Formulierungen der
        <pb n="137" />
        122 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

christlichen Lehre fern, was sie denn, bei allem Festhalten an
einzelnen christlichen Gedanken und an einigen Hauptstützpunkten
der christlichen Dogmatik, schließlich doch zur Loslösung von der
Offenbarungstradition und zum Aufsuchen eines völlig eigenen
Standpunktes hindrängt.
Es ist in dieser Hinsicht bezeichnend, daß die Reihe der
hier zu nennenden Philosophen in der ersten Hälfte des 15. Jahr⸗
hunderts mit Nikolaus von Kues, dem Kardinal der heiligen
römischen Kirche, beginnt und mit dem gottseligen protestantischen
Schuster Jakob Boehme zu Görlitz im Anfang des 17. Jahr—
hunderts abschließt.
In Kues ist, bei allen Versuchen, im Reiche der Erfahrung auch
empirisch zu forschen, ein faustischer Zug; mehr als andere leitet er
jene Periode des Denkens mit ein, da in ungestümem Angriff und
mit einem Zuge erkannt werden soll, was die Welt im innersten
zusammenhält. In diesem Sinne sucht Kues, als Sohn der
ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts noch an den Gegensatz des
Nominalismus und Realismus anknüpfend, zunächst eine höhere
Versöhnung dieser Gegensätze. Gewiß, meint er, habe die
empirische Forschung vor allem das Wesen der einzelnen Dinge
festzustellen und damit die Erfahrung in unendlichem Fortgange
zu bereichern. Aber daneben stehe doch zu gleichem Rechte
die Aufgabe, das Ganze zu erkennen und die Gegensätze der
Welt dem harmonischen Gedanken eines unendlichen Universums
unterzuordnen; mit etwas klareren Begriffen, als sie Kues hatte,
ausgedrückt: die Induktion müsse durch die Deduktion ergänzt
werden. Dies könne nun freilich nur in dem Gewinn einer
höheren erkenntnistheoretischen Einheit erreicht werden. Wie
aber diese finden? Hier ist der Punkt, wo die Lehren des
Cusaners ins Mystische umschlagen. Nur in unmittelbarer
Anschauung, nur in einer durch höhere Vernunft bewirkten
Intuition, in einer comprehensio incomprehensibilis könne
das geschehen. Diese aber sei gewährleistet nur auf dem
Boden der Kirche. Und so ist schließlich eine freiere mystische
Theologie herbeizuführen berufen, was der Verstand der Ver⸗
ständigen nicht zu leisten vermag.
        <pb n="138" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 128

Bewegt sich Kues wie eine kleine Zahl unbedeutenderer
Nachfolger während des 15. Jahrhunderts scheinbar noch ganz
auf dem Boden der Kirche, und bildet er persönlich in der vollen
Überzeugung korrekter Kirchlichkeit nur die mystische Erkenntnis—
theorie, nicht aber das mystische System genauer aus, so werden
die Naturphilosophen des 16. Jahrhunderts, des Jahrhunderts
der reformatorischen Lösung der Geister, kühner. Und es
ist kein Wunder, daß wir sie vornehmlich im Lager des
Protestantismus und noch mehr in dem des Wiedertäufertums
und seiner Abzweigungen treffen.
Hier entfalten sie nun zunächst die Voraussetzungen einer
spekulativen panentheistischen Theologie. Sie betrachten die
geschichtlichen Heilstatsachen des Christentums wie die aus ihnen
entwickelte dogmatische Begriffswelt nicht mehr als nur einmal
geschehen und als auf singuläre historische Tatsachen aufgebaut,
sondern sie nehmen an, daß in ihnen nur der geschichtlich—
symbolische Ausdruck eines allgemeinen, sich stets in jedem Menschen
in seinem Verhältnis zu Gott wiederholenden Zusammenhangs
vorliege, der zeitlos und dauernd in der Natur der Menschen,
der Dinge und Gottes begründet sei. Dabei ist Christus als
der die Welt durchwaltende Logos die Grundvorstellung; und
die Methode der Denkens ist die hergebrachte der Mystik.
In der Richtung dieser Vorstellungen hat schon Kaspar
Schwenckfeld (1490—1561) gedacht, anfangs ein begeisterter
Anhänger Luthers, später von der protestantischen Kirche ver—
folgt; mit besonderer Deutlichkeit aber traten sie zum ersten
Male in Sebastian Franck, dem geistreichen Historiker und
Publizisten (15001545), hervor. Dem Denken Francks ist
Gott eine „frei ausgegossene Güte, wirkende Kraft, die in allen
Kreaturen weset“, und seine Offenbarung geschieht täglich und
stündlich in uns. In uns lebt Christus und Adam, gutes und
böses Prinzip; in uns wiederholt sich der Sündenfall; in uns
wird die Selbsterlösung des Menschen durch den ihm ein⸗
wohnenden Christus und die Gnadenwirkung Gottes zu einer
ewig erneuten, gesetzmäßigen, typischen Erscheinung. So ist denn
Franck die christliche Offenbarung als geschichtliche Tatsache nur
        <pb n="139" />
        124 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Unterlage einer philosophischen Symbolik; die Heilige Schrift
ist ihm eine ewige Allegorie, und ihre Deutung in diesem Sinne
wird von ihm nach mystischer Methode vom Standpunkte des
panentheistischen Glaubens an die Existenz allwirkender seelischer
Kräfte durchgeführt.
Franck ist, wie fast alle seinesgleichen, einsam und ver—
lassen dahingegangen, in tiefem, entsagungsvollem Ringen, in
äußerer Unrast und Flüchtigkeit und in verzehrender Sehnsucht
nach einem künftigen Zusammensein mit allen gottfrommen,
gutherzigen Menschen: „In und bei dieser Kirche bin, zu der
sehne ich mich mit meinem Geist, wo sie zerstreut unter den
Heiden und Unkraut umfähret.“
Die panentheistische Theologie Francks und verwandter
Geister vertrug nur eine Fortbildung: sie mußte durch volle Ein—
führung des pandynamistischen Naturerkennens eines Paracelsus
und seiner Nachfolger zu einer allgemeinen, sei es pantheistischen,
sei es panentheistischen Weltanschauung erweitert werden.
In dieser Richtung brachte die Lehre Valentin Weigels, eines
Sachsen, der 1533 zu Großenhain geboren und 1588 als Pfarrer
zu Zschopau gestorben ist, den ersten wesentlichen Fortschritt.
Vor allem wird bei ihm deutlicher als bisher das mystische
Erkenntnisprinzip der Verzückung durch das klarere des subjek⸗
tiven Erkennens ersetzt: unzweideutig spricht er es aus, daß
man wissen und verstehen könne nur das, was man in sich trage,
daß mithin die Welt uns Gegenstand der Erkenntnis nur sein
könne, weil und insofern wir Mikrokosmen sind. In der An—
wendung dieses erkenntnistheoretischen Prinzips aber wandelt
Weigel gänzlich die Bahnen des pandynamistischen Natur—
erkennens: wir erkennen die irdische Welt, weil unser Leib
die Quintessenz aller weltlichen Substanzen ist; wir erkennen
die Welt der Geister und Engel, weil unser Geist siderischen
Ursprungs und ein Engel ist; wir erkennen Gott, weil unsere
Seele vom göttlichen Wesen ausgeht und, an Gott teilnehmend,
göttliche Nahrung erhält im Sakramente. Ist in dieser Lehre
die Ahnung einer künftigen subjektivistischen Erkenntnistheorie,
wie sie voll erst Kant entwickelt hat, durch die Auffassung der
        <pb n="140" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 125

Sakramente als der Hilfsmittel verzückten Schauens noch mit der
mystischen Erkenntnistheorie verbunden, während anderseits die
panentheistische Theologie zu den Grundlagen wenigstens einer
allgemeinen panentheistischen Metaphysik erweitert ist, so sieht
man doch deutlich noch die Nähte, die Altes und Neues un⸗
ausgeglichen zusammenhalten, und die metaphysischen Prinzipien
sind noch nicht zu einem System erweitert.
Diese Mängel überwand und damit den Abschluß der ganzen
theosophischen Naturphilosophie des 16. Jahrhunderts brachte
Jakob Boehme, 1575 zu Altseidenburg bei Görlitz geboren, als
Gesell des Schuhmacherhandwerks weit herumgekommen, 1599
in Görlitz selbständig, gestorben im Jahre 1624.
In Boehme leben noch einmal all die Tendenzen auf, die
in der selbständigen Philosophie des 16. Jahrhunderts zu—
sammenströmen, und finden in ihm zugleich ihren Hauptrichtungen
nach einen harmonischen Abschluß. Von inniger kirchlicher
Frömmigkeit, in der Zeit seiner Wanderungen beim brennenden
Holzspan abendlicher Unterhaltungen noch in die letzten Reste
mittelalterlicher Mystik und neueren Wiedertäufertums ein—
geweiht, wie sie unter Handwerkern und Kleinbürgern da und
dort fortglimmten, voll regen Wissensdranges in jene Bücher
des Paracelsus und seiner Genossen eindringend, die ihm die
fremden Ingredienzien des pandynamistischen Naturerkennens
schon in verarbeiteter Form vermittelten, ist Boehme, einem
genialen, ihn unablässig vorwärtstreibenden Schaffenstrieb
folgend, zum letzten wahrhaft großen Theosophen unserer Nation
geworden und damit zugleich zum ersten neuhochdeutschen
Klassiker der philosophischen Sprache. Denn er hält sich zwar
noch nicht in den streugen Schranken einer mit unverbrüchlicher
Langweiligkeit gebrauchten Terminologie; als ein Dichter und
ein Prophet vielmehr wählt er seine Worte, wie sie der Geist
ihm eingibt, oft mit höchstem Schwunge der Phantasie, oft in
schwerem Ringen mit der sprachhaft zu gestaltenden Idee: aber
gerade diesem Ringen und diesem Schwunge verdankt unsere
Sprache, insofern sie Werkzeug höheren Denkens werden sollte,
einen ungeheuren Reichtum neuer Wortbildungen. Und wechseln
        <pb n="141" />
        126 —— Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

in den Schriften Boehmes mit den Äußerungen eines gott⸗
begeisterten Sehertums lange Ausführungen, in denen die Rede
matt dahinschleicht und prosaisch, so tritt doch auch aus ihnen
der Denker als Person hervor, und werden dem Wortschatze
neue Münzen zugeführt.
Was Boehme sachlich zunächst bewegt, das ist das für das
ganze 16. Jahrhundert so überaus charakteristische Bedürfnis nach
Erlösung. Von diesem persönlichen Bedürfnis indessen springt
er alsbald über auf den großen Gegensatz von Böse und Gut,
und indem er diesen Gegensatz seiner Entstehung nach bis zum
Ursprung zurück verfolgt, wird er der folgenschweren Frage
zugeführt, wie das Zusammensein von Böse und Gut in Gott
als dem Schöpfer aller Dinge zu denken sei. Indem er dann
aber weiter dieses Problem kaum anders als in der Form
evolutionistischer Anschauung lösbar erkennt, wird er aus den
ethischen Betrachtungen hinübergetragen in kosmogonische, und
alsbald verknüpfen sich die Bedürfnisse seines empfindsamen
und gemarterten Herzens mit den theosophischen Spekulationen
der Naturalisten.
In Gott waren wie Licht und Finsternis, die als Gegen⸗
sätze aufeinander angewiesen sind, und deren eines nicht gedacht
werden kann ohne die Vorstellung des anderen, so auch Gut
und Böse uranfänglich vorhanden; ja Gott ist uranfänglich recht
eigentlich die Ausgleichung der Gegensätze, die coincidentis
oppositorum. Aber aus ihm, dem Alles und Nichts, dem
weder Licht noch Finsternis, dem weder Böse noch Gut, haben
sich diese Gegensätze entwickelt. In welcher Form, darüber er⸗
dichtet Boehme eine ganze spekulative Mythologie, in der sich
hristliche Anschauungen mit anderen Elementen wundersam ver⸗
schlingen. Das Ergebnis ist schließlich eine Welt, die als
Grenzsaum gleichsam eines Reiches der Liebe, des Himmelreiches,
und eines Reiches des Zornes, der Hölle, gedacht wird, und in
der wir leben, in gleicher Weise teilnehmend an Liebe und
Zorn, an Gut und Böse.
Aber diese Lage trägt in sich keine Verheißung der Dauer.
Ja wir selbst haben das Bedürfnis und die Macht, sie zu
        <pb n="142" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 127

ändern, dem Himmelreich zum Siege zu verhelfen, indem wir
das Böse in uns vernichten. Das Böse hassen und ertöten:
das ist darum Ziel menschlich-sittlichen Lebens. Und dem
Frommen gelingt es. Es ist die Stelle, an der Boehme aus
diesem Jammertal emporsieht zu den ewigen Sternen. Er weiß:
die Zeit wird nahen, da der Kampf der Guten diese Welt
überwindet, da sie nicht mehr sein wird, da die Halbheit dem
Ganzen gewichen sein wird, da wir eingehen werden in das
Licht der Verklärung, das Gottes Offenbarung verheißen hat.
Ein großartiges Bild frommer Gedankendichtung, kehrt
Boehmes Philosophie, nachdem sie in einer geistreichen Kosmo⸗
gonie die Weite der pandynamistischen Naturwissenschaft durch⸗
messen und mit den wesentlichsten Bestandteilen der christlichen
Offenbarungslehre durchflochten hat, zurück zu dem einfachsten
sittlichen Bedürfnis der Menschenbrust, wie es seine Zeit in dem
Begriff der Erlösungssehnsucht zusammenfaßte: ihm allein dient
im Grunde seine Lehre. Es ist die vollkommenste Durchflechtung
erkenntnistheoretischer und ethischer Forderungen, die vom
Standpunkte des Pandynamismus unter leisem Festhalten an
den Grundlagen des Christentums noch eben erreichbar war.
So hätte man wohl glauben dürfen, die Philosophie
Boehmes werde weite Verbreitung finden. In der Tat erregte
sie auch anfangs Aufsehen. Allein eine große und dauernde
Wirkung hat sie nicht gehabt. Das lag nicht bloß an der
gelegentlich nicht leichten Sprache oder an dem Phantasma ihrer
kosmogonischen Partieen. Grund ist vielmehr, daß die ganze
gedankliche Grundlage, auf der Boehme stand, zur Zeit seiner
Spekulationen schon anfing, stark erschüttert zu werden. Boehme
ist auf lange Zeit der letzte mystische Philosoph im inneren
Deutschland gewesen; nur in den Niederlanden haben verwandte
Spekulationen während des 17. Jahrhunderts noch fortgeblüht,
um dann, unter wesentlich veränderten Umständen, in Spinoza
eine Höhe von außerordentlicher Bedeutung zu erreichen. Im
übrigen aber wich die Mystik dem Empirismus, der Pandyna—
mismus der Mechanik, das verzückte Naturerkennen dem Ex—⸗
periment und der mathematischen Analyse. Jene spekulative
        <pb n="143" />
        128 — Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Naturwissenschaft, der die naturphilosophischen Weltanschauungen
des 16. Jahrhunderts entsprossen waren, verwelkte; auf
ues war Koppernikus gefolgt, und auf Paracelsus folgten
Slevinus und Galilei. Man begann, die Natur und damit
auch die Welt von ganz anderer Seite her zu betrachten.

II.

1. Gewiß liegen in unserem Wesen dauernde Voraus⸗
setzungen einer pandynamistischen Betrachtung. Wie unsere
Sinnlichkeit der Vereinigung mit einer ergänzenden Natur zu⸗
trebt, um in dieser Vereinigung die Gattung schöpferisch fort—
zusetzen, so strecken wir sehnsuchtsvoll unsere Geistesarme aus
nach den erhabenen Geheimnissen des Himmels und einer jen⸗
seitigen Welt; und wo uns das Wissen hier nicht befriedigt, da
möchten wir so gerne unter Annahme übernatürlicher Tatsachen
beweisen.
Und es begreift sich, daß Regungen in dieser Richtung vor
allem bei Anbruch neuer geistiger Zeiten hervortreten, da man
ahnungsvoll ertrotzen will, was an bisher unerreichten geistigen
Errungenschaften erst einer reichen Abfolge von Geschlechtern in
hartem Mühen teilweis zu erarbeiten vergönnt ist. Und diese
Regungen waren im 16. Jahrhundert, einem Zeitalter dieser Art,
doppelt erklärlich, da sie mit den ausgedehntesten Erweiterungen
des geistigen Horizonts der abendländischen Völker zusammenfielen,
Erweiterungen, die dem verzückten Blicke als die Entschleierung
jedes Geheimnisses erscheinen konnten. Da ward zu der be—⸗
kannten geschichtlichen Welt in der Antike eine neue entdeckt.
Da reihte sich ein geographischer und ethnographischer Aufschluß
an den andern; und die Begrenztheit dieser irdischen Welt und
die Kugelgestalt der Erde erschienen nicht mehr als Hypothesen,
sondern als anschaulich gewordene Wahrheit . Und alle diese
Revolutionen, die einer noch niemals möglich gewesenen Weit⸗
sichtigkeit des geistigen Blickes zudrängten, wurden schließlich

S. dazu oben S. 11ff.
        <pb n="144" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 129

an Wirksamkeit übertroffen durch des Koppernikus helio—
zentrische Lehre.
Wer hätte das ptolemäische Weltsystem in seiner sinn—
lichen Anschaulichkeit bezweifeln mögen, wie es von der un—
mittelbaren Realität der wahrgenommenen kosmischen Be—
wegungen ausging, zumal alle dagegen möglichen Einwände
durch eine große Anzahl höchst sinnreicher Hilfshypothesen
beseitigt schienen? Und nun erschien das Buch De re—
volutionibas orbium coelestium, das zwar nicht auf Grund
exakter Beobachtungen, wohl aber von der einfachen Forderung
her, daß die erhabensten Schöpfungen Gottes nur von
einfachster Symmetrie beherrscht sein könnten, dies ganze
System über den Haufen warf. Nicht die Erde erschien jetzt
mehr als der Mittelpunkt des Weltalls, sondern die Sonne;
ein dienendes, in Gemeinschaft mit anderen Körpern in Doppel⸗
bewegung um die Sonne kreisendes Glied des Ganzen nur war
unser Planet: aufgegeben werden mußte das bisher kaum je
bezweifelte Vorrecht einer Betrachtung der fernen Weltweiten
von geozentrischem Standpunkt. Wie klein war jetzt diese Erde
geworden und wie klein gar der Mensch, daß man seiner gedächte!
Es war eine wissenschaftliche Erweiterung und zugleich sittliche
Begrenzung des menschlichen Standpunktes von solcher Trag-—
weite, daß es verständlich ist, wenn sich die Welt nur langsam
an sie gewöhnte. Auf die heliozentrische Hypothese des
Koppernikus haben die Forschungen Keplers über die Ent—
behrlichkeit der exzentrischen Kreise und Epizyklen zugunsten
der Annahme einer einfachen Kurve als Bahn der planetarischen
Bewegung folgen müssen und auf diese Galileis Forschungen
über die Schwerkraft, ehe Newton zu jener Hypothese über die
Bewegungen der Himmelskörper gelangte, die, vornehmlich durch
die unvergleichliche popularisierende Wirksamkeit Voltaires, der
neuen Lehre zur Stellung eines unveräußerlichen Bestandteils
der europäischen Bildung verholfen hat.
Indem sich aber diese gewaltigen Ausdehnungen des mensch⸗
lichen Horizonts vollzogen, wirkten sie schließlich doch weniger
Lamprecht, Deutsche Geichichte. VI. 9
        <pb n="145" />
        130 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

auf die Erweiterung der Phantasie als auf diejenige der
Erfahrung. Und so kam das Ergebnis doch am Ende nicht
pandynamistischen Anschauungen zugute, wie sie im Tiefsten
noch auf der Zulassung des Begriffes des Wunders und damit
wieder auf dem Vorherrschen einer Denkmethode ungenügender
Analogieschlüsse beruhten, sondern vielmehr einer ganz anderen
Auffassung der Welt. Je mehr jetzt, unter den verschieden⸗
artigsten Anregungen, die Erfahrung sich verdichtete und zu—
gleich beschied, um so mehr erweiterte sich das Kausalitätsbewußtsein:
 nicht mehr nach nur teilweis zutreffenden Analogien,
Produkten oberflächlicher Beobachtung und unzureichender Er⸗
fahrung, sondern nach der Kenntnis möglichst ausgedehnter
regelmäßiger Zusammenhänge von Ursache und Wirkung begann
man die Welt der Erscheinungen zu ordnen. So wurde das
Zeitalter einer pandynamistischen Naturbetrachtung abgelöst durch
ein Zeitalter, das vermöge der Induktion und Abstraktion in
den einfachsten Naturvorgängen vor allem einfachste Regelmäßig⸗
keiten und Gesetze aufzusuchen bestrebt war, in der Hoffnung,
gerade in ihnen, gleichgültig welchen tiefsten hinter den Pforten
der Natur stehenden Wirkungen sie verdankt oder nicht verdankt
wurden, den Schlüssel zum Verständnis auch der größten Er⸗
scheinungen zu finden. Ein Kausalitätsbewußtsein, das kein
Wunder mehr zuließ, begann, uranfänglich, unbeholfen noch
und ahnungsvoll, das Kleinste und Größte unmittelbar zu ver—
binden, und gab sich der frohen, durch die Tatsachen schließlich
bestätigten Uberzeugung hin, daß es, indem es den Zusammenhang
 eben des Gewöhnlichen erforsche, auch das bisher als
ungewöhnlich Betrachtete zu erklären imstande sein würde.
Das Zeitalter naturalistischer Naturforschung zog herauf.
Vorläufer dieses Zeitalters lassen sich allerdings bis ins
13. Jahrhundert zurück verfolgen. In dieser Zeit hat schon der
große Scholastiker Albertus Magnus im Kloster der Kölner
Dominikauer seine botanischen Versuche gemacht, und neben ihm
war der Engländer Roger Baco dem Gedanken voraussetzungs⸗
loser Naturwissenschaft nahegetreten. Bahnte dann Heinrich
von Langenstein, ein Hesse, der seit 1383 in Wien wirkte, durch
        <pb n="146" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 131

Bekämpfung des astrologischen Wunderglaubens den großen
vorkoppernikanischen Astronomen, einem Peurbach und Regi-—
montan, den Weg, so hat der Kardinal von Kues, in seinen
exakten Forschungen nicht minder bedeutend als in seinen
mystischen Spekulationen, recht eigentlich eine Janusgestalt
zwischen Mittelalter und Neuzeit, neben wesentlichen Ver—
besserungen des Kalenders im Sinne der späteren gregorianischen
Reform vor allem schon unmittelbare Vorahnungen der kopper⸗
nikanischen Hypothese gehabt.
Allein diese Männer standen doch sehr vereinzelt; sie
schufen noch nicht aus einem sich aufzwingenden Gesamtbewußtsein
der Forschung ihrer Zeit heraus, wenn auch stärkere intellektua⸗
listische Neigungen des späteren Mittelalters in keiner Richtung
des Geisteslebens zu verkennen sind; und so drängten sie mit
ihren meist nur in unreifen Vermutungen bestehenden Ergeb⸗
nissen gegen die Pforten eines Zeitalters an, die sich noch nicht
öffneten. Erst der Individualismus des 16. Jahrhunderts,
die Freistellung des Individuums gegenüber dem endlosen
Detail des mittelalterlichen Offenbarungsglaubens und gegen—
über der Unterwerfung, die der dogmatischen Fassung dieses
Glaubens geschuldet ward, hat die neue Anschauung völlig ent—
bunden.
Aber in dem Charakter der neuen Zeit lag dann freilich
zugleich auch der Charakter des Verlaufs der neuen Studien
beschlossen, wenigstens soweit sie auf das philosophische Gebiet
führten und von diesem aus in die wissenschaftliche Praxis
hineingetrieben wurden. Die Personlichkeit des 16. bis 18. Jahr⸗
hunderts zeigte in den Zeiten ihrer vollendeten Durchbildung,
vornehmlich seit der Wende des 16. Jahrhunderts, den Typ
des Isolierten, für sich Stehenden, in sich Genügsamen: sie
war eine abgeschlossene Welt im kleinen. Es versteht sich,
daß diese Auffassung ihres Wesens nun auch an den Makro⸗
kosmos herangebracht wurde: ohne daß darüber weiter ein
Wort verloren wurde, erschien diesen Zeiten die große Welt
als eine Einheit geschlossenen Charakters, als ein Kunstwerk
des Schöpfers. Das war die Voraussetzung der pandyna—
q *
        <pb n="147" />
        132 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

mistischen Naturwissenschaft gewesen, und das blieb auch die
Voraussetzung des neuen Realismus.
Traf sie aber zu, so mußte es auch nach der neuen natura—
listischen Auffassung doch wieder eine Methode der Ableitung all
ihrer Geheimnisse von einem obersten Prinzip, von einem einzigen
Punkte aus geben. Und nachdem eine solche Ableitung aus
der stofflichen Hypothese eines allgemeinen Kräftezusammenhangs
im Pandynamismus gescheitert war, schien es auch nicht mehr
zweifelhaft sein zu können, wo sie nun zu suchen war. Wohin
man auch in den einzelnen Gebieten der Natur und der Ge—
schichte den Blick wandte, da ergab sich der Erfahrungs⸗
inhalt in die Begriffe des Raumes und der Zeit gebettet.
Raum und Zeit also mußten vor allem in ihren empirischen
Beziehungen in sich und untereinander begriffen werden, wie
sie am Ende sich auf den noch einfacheren Oberbegriff der
Größe reduzieren ließen; erst durch dieses Begreifen hindurch,
auf einem solchen, rein formalen Wege glaubte man aus dem
Ganzen der Erscheinungen zum Verständnis des Einzelnen ge—
langen zu können.
Als Wissenschaft der einfachen Größe aber, des Raumes
und der Zeit, erschien die Mathematik. Sie konstituiert — so
wurde der Zusammenhang angesehen — über dem bunten Getriebe
des Konkreten und Veränderlichen die Lehre von Raum und
Zeit als eine exakte und absolute Wissenschaft, wie sie in ihrem
Fortschritt der Berichtigung durch die Kontrolle erneuter Wahr—⸗
nehmungen der Erscheinungswelt in keiner Weise mehr bedarf;
sie enthält damit die Prinzipien einer wahren deduktiven Me—
thode, vermöge deren es gelingen muß, von ihrer vollständigen
Entfaltung aus auch das Reich des sinnlich Konkreten zu erklären.
Mathematik also und durch sie hindurch Verständnis der
Erscheinungswelt: das wurde zunächst die Losung.
Aber auch dieser Gedankengang war im 16. Jahrhundert
nicht völlig neu. Es ist schon an dem Beispiel Platos mit
zwei Worten gezeigt, von welchem Einfluß die Mathematik
bereits auf die Philosophie der Alten gewesen ist. Freilich
blieben die Alten dabei in der Mathematik der Hauptsache nach
        <pb n="148" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 138

in das Reich der Dinglichkeit und Anschaulichkeit gebannt;
aus seiner weiteren Durchdringung Prinzipien einer rein be—
grifflichen Lehre von Raum und Zeit abzuleiten, lag nicht in
der Richtung ihres Denkens. Dafür war dann aber das
Mittelalter in der Entsinnlichung der Vorstellungen von Raum
und Zeit ziemlich weit über sie hinausgegangen.
Das mittelalterliche Denken, soweit es sich auf höhere
Probleme einließ, war eine Folgeerscheinung dessen, was man
zu dieser Zeit wissenschaftliche Theologie nannte: nicht eigentlich
aus der nationalen Geistesbewegung, sondern aus der christ⸗
lichen Überlieferung der späten Griechen- und Römerzeit, unter
Einschluß gewisser Einwirkungen der heidnischen Philosophie
der Alten, erhielt es seine Impulse. Es war also eine Er—
scheinung nicht selbstgewachsener Kultur, sondern zeitlicher
Rezeption aus weltgeschichtlicher Vergangenheit. Dem ent—
sprechend war es im höchsten Grade abgezogen, ohne stärkere
Berührung mit den lebendigen Strömungen der Gegenwart;
und dem entsprechend bildete es mit Vorliebe virtuose Methoden
und gänzlich abstrakte, unsinnliche, gleichsam dünnschliffige Be—
griffe aus. Und indem es wirklichkeitsfremd nur in diesen Be—
griffen lebte, schrieb es der syllogistischen Methode allmählich
Schöpferkraft und den Begriffen an sich Notwendigkeit des
Seins zu. Die ontologische Anschauung, die Auffassung, daß
gedachte Begriffe allein wegen der Tatsache, daß sie gedacht
werden, auch wirklich seien, ist wohl das originellste Erzeugnis,
das von dem scholastischen Denken in der Geschichte der Philo—
sophie hervorgebracht worden ist.
Eine geistige Disposition, wie die der Scholastik, mußte
nun schon dazu führen, den Vorstellungen von Raum und Zeit
denjenigen begrifflichen Charakter zu verleihen, dessen das 16.
bis 18. Jahrhundert für die Anwendung der Mathematik als
Denkmethode der Philosophie und, wie es anfangs schien, auch
der Naturwissenschaften bedurften. In der Tat findet sich
bei den mittelalterlichen Vorläufern der realistischen Natur—
wissenschaft des 17. Jahrhunderts schon die Verwendung der
Mathematik, wenn auch noch nicht in der vollendeten Art eines
        <pb n="149" />
        134 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Galilei oder Newton. Keiner dieser Vorläufer ist aber in
dieser Hinsicht wohl charakteristischer als Roger Baco; und
keiner ist in dieser Stellung wohl zutreffender geschildert worden
als eben wiederum Baco von Goethe!. Bei Baco erscheint die
Mathematik in ihrer reinen Form schon ausdrücklich als Haupt⸗
schlüssel aller wissenschaftlichen Verborgenheit, ja auch aller
metaphysischen Fragen: „Es gibt mancherlei, das wir geradehin
und leicht erkennen, anderes aber, das für uns verborgen ist,
welches jedoch von der Natur wohl gekannt wird. Des gleichen
sind alle höheren Wesen, Gott und die Engel, als welche zu
erkennen die gemeinen Sinne nicht hinreichen. Aber es findet
sich, daß wir auch einen Sinn haben, durch den wir das gleich⸗
falls erkennen, was der Natur bekannt ist, und dieser ist der
mathematische: denn durch diesen erkennen wir auch die höheren
Wesen, als den Himmel und die Sterne.“ Von dieser Auf⸗
fassung ausgehend wendet Baco die Mathematik als eine der Logik
bei weitem überlegene Methode an, um nicht bloß die Natur⸗
erscheinungen im engeren Sinn, nein, auch die psychologischen
Erscheinungen deduktiv zu begreifen; so wird ihm z. B. die
Grammatik zur Rhythmik, die Logik zur Musik. Ja damit
nicht genug, auch dem moralischen und religiösen Gebiete
nähert er sich auf mathematische Weise, indem er die Be—
ziehungen dieser Gebiete mathematischen Beziehungen symbolisch
gleichsetzt.
Man sieht freilich sogleich: Das sind, in unserer Sprache
zu reden, feinsinnige Betrachtungen, keine Schlüsse; die Wirkung
auf uns ist erbaulich, nicht überzeugend. Aber was Baco und
seine Nachfolger im Mittelalter ahnend versucht hatten: das
Begreifen der Welt vermöge — und freilich zum größten Teile
noch nach Analogie — der Methode reiner Mathematik, das
unternahm das Zeitalter realistischer Naturwissenschaft, wie es
dem Panpsychismus folgte, in seinem allgemeinen Denken nun
wirklich ernsthaft durchzuführen und zu vollenden.

mZur Farbenlehre (Werke Weim. Ausgabe 11 3, S. 151).
        <pb n="150" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 185

2. War die Mathematik dieser Aufgabe gewachsen? Sie
war es höchstens dann, wenn sie tatsächlich rein begrifflichen
Charakters war, und wenn, dies vorausgesetzt, ihre spezielle
Ausbildung im 16. und 17. Jahrhundert auf der Höhe der
Forderungen stand, die man an sie stellte.
Nun hat die Entwicklung des Denkens im 19. Jahrhundert
gezeigt, daß die Mathematik keineswegs die rein begriffliche
Wissenschaft ist, als welche sie eine frühere Zeit ansah, daß sie
vielmehr in ihren Grundfesten anschaulich verankert ist. Die
Mathematik konnte also die ihr im 17. und 18. Jahrhundert
zugewiesene Aufgabe selbst dann nicht erfüllen, wenn sie im
ubrigen, in ihren einzelnen Fortschritten, den Anforderungen
des allgemeinen Denkens entsprechend entwickelt gewesen wäre.
Es sind Zusammenhänge, welche weiter unten, am Schluß
dieses Abschnittes, noch einmal aufgegriffen werden und zu ge⸗
nauer Darlegung gelangen sollen.
Aber wenn nun auch die Hauptabsicht des 17. und
18. Jahrhunderts: die volle deduktive Ableitung der Welt und
zunächst der Naturerscheinungen in mathematischer Methode,
nicht erreicht ward und nicht erreicht werden konnte, so war
doch der in den eben besprochenen Zusammenhängen liegende
Impuls zum mathematischen Verständnis der Welt so überaus
gewaltig, daß ihm die größten Errungenschaften auf natur⸗
wissenschaftlichem, philosophischem und auch geisteswissenschaft⸗
lichem Gebiete zu verdanken sind: die Mathematik hat sich tat—
sächlich als eins der stärksten, wenn nicht als das stärkste
Gärungselement im Denken vor allem des 17. und 18. Jahr⸗
hunderts erwiesen. Darum bedarf es zum Verständnis des
Geisteslebens dieser Zeit überhaupt einer eingehenderen Be⸗
trachtung ihrer Entwicklung.
Die Mathematik war bei den Alten wohl, wie überall,
aus praktischen Bedürfnissen entstanden. Jedes Volk, das voll
seßhaft wird, bedarf für die Aufteilung des Grundes und
Bodens einer primitiven Feldmeßkunst; keine Zeit der Natural—
wirtschaft entbehrt ihrer; es sind die Anfänge der Geometrie.
Ihnen aber fügen schon die ersten entwickelteren Zeiten jeder
        <pb n="151" />
        — Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Tauschwirtschaft die Arithmetik hinzu; denn wie könnte selbst
ein primitiver Handel, namentlich soweit er sich schon eines
Geldes bedient, ohne die Regeldetri betrieben werden?
Waren so die Anfänge der mathematischen Wissenschaft
bei den Alten wohl durchaus praktischer Natur, so liegt es im
Charakter der antiken Kultur, daß auch ihrer vollendeteren
Mathematik noch ein in hohem Grade anschaulicher Charakter
geblieben ist. Gewiß sind die Beweise Euklids durchaus de—
duktiv; jedes induktive Moment, das etwa gar auf die Ent—
stehung des zu beweisenden Satzes hinwiese, ist unterdrückt;
aber doch ist hier wie sonst in der Mathematik der Alten die
Abstraktion niemals so weit getrieben, daß über den abstrakten
Raumformen die Körper, über den abstrakten Zahlformen die
Zahlen vergessen worden wären, geschweige denn, daß aus ab—
strakten Begriffen von beiderlei Art bereits der allgemeine
Größenbegriff entwickelt worden wäre. Und ferner erscheint bei
den Alten für jederlei Größe wie der Raum- so der Zahlen—
welt das Moment der Stetigkeit festgehalten; von der An—
schauung, daß die mögliche Zahl der Brüche zwischen zwei
Zahlen unendlich und mithin der Charakter jeder Zahl un—
stetig sei, findet sich ebensowenig Gebrauch gemacht wie von
der anderen, daß jeder Körper als Träger von Raumformen
in Bewegung begriffen und Ruhe nur eine ins Gleichgewicht
gesetzte Summe von Kräften sei, die in Bewegungen zur Er—
scheinung gelangen. Als die Lehre von stetigen Größen und
als solche allerdings reich entfaltet ging mithin die Mathematik
der Alten an die abendländischen Nationen über.
Wie aber hätte sie hier, in deren Mittelalter, mehr als
allenfalls begriffen, wie hätte sie erweitert werden sollen? Wir
kennen für die deutsche Geschichte die Entwicklung des ästhe—
tischen Sinnes von der Urzeit bis in die Jahrzehnte der Re—
formation: von der robusten, noch rein ornamentalen Be—
wältigung des Umrisses der Gegenstände der Erscheinungswelt
war man langsam bis zu dessen zutreffender Wiedergabe fort⸗
geschritten. Wie hätte eine Zeit, die auf ästhetischem Gebiete
noch um die Wiedergabe des Umrisses rang, auf intellektuellem
        <pb n="152" />
        Wissenschaft u. Weltans chauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 137

aus eigener nationaler Kraft durch das Außere der Ers cheinungs⸗
welt zu dem Begriffe der ihr zugrunde liegenden reinen Größe
vordringen sollen? Es war kaum denkbar, daß von diesem
Standpunkte aus die Errungenschaften der Alten auch nur in
genügender Tradition fortgepflanzt wurden.
Aber wir haben schon gesehen: neben dem nationalen
Denken stand die Denkkunst der Scholastik; und die scholastischen
Kreise haben die Mathematik der Alten seit vornehmlich dem
13. Jahrhundert nicht nur bewahrt: sie haben auch die Vor—
stellung der mathematischen Größe als Oberbegriff über Raum—
und Zahlengröße schon leise durchzubilden versucht. Ganz ge—
lungen ist diese Durchbildung dann freilich erst im 16. und
17. Jahrhundert.
Dagegen erschien noch dem ganzen Mittelalter im all—
gemeinen die Größe als stetig. Hier vor allem, in diesem
Punkte mußte daher die weitere Entwicklung des individua—
listischen Zeitalters einsetzen; und in der Tat verläuft sie von
hier aus hinein in die glänzenden Errungenschaften der Funk—
tions-, sowie der Differential- und Integralrechnung. Zu—⸗
grunde aber lag dieser Entwicklung zunächst im 16. Jahr⸗
hundert noch die allgemeine Vorstellung der pandynamistischen
Naturanschauung, die hinter jeder Erscheinung ein Spiel
lebendiger Kräfte sah, mikhin dem Begriffe der Unstetigkeit der
Groͤße sehr leicht unmittelbar und intuitiv nahetreten konnte;
umd im 17. Jahrhundert wird für sie die Wechselbeziehung
mit den Forschungen auf dem Gebiete der Mechanik wirksam,
die ihrerseits von der Statik, wie sie die Alten fast allein ge—
lehrt hatten, sehr fruh zur Dynamik überging und damit den
Begriff der Bewegung in abgeklärterer Form zur Verfügung stellte.
Den entscheidenden Schritt zur Ausbildung der Funktions—
rechnung und damit zur Lösung des Problems, das gegen⸗
seitige Verhältnis von Größen gleichmäßiger Unstetigkeit auf
eine für jeden Moment dieser Unstetigkeit zutreffende Formel
zu bringen, hat Descartes (1806— 1650) getan. Er ging dabei
von den auch den Alten schon bekannten Gleichungen aus.
Zunächst war es hier klar, daß die Unbekannte jeder Gleichung,
        <pb n="153" />
        88 F Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

da sie unbenannt ist, sich ebensosehr als Raum-⸗ wie als
Zahlengröße erweisen konnte; in dieser Unbekannten war also
hon vornherein der Ausdruck der allgemeinen Größe gegeben.
Wie aber konnte man nun darüber hinaus, unter der Annahme
der gleichmäßigen Unstetigkeit der Größen, zu der Möglichkeit
vommen, das Verhältnis dieser Unstetigkeit der Größen zu—
einander einfach darzustellen und zu berechnen? Auch hier half
die Gleichung.
In Betracht kommt hier der erkenntnistheoretische Charakter
der Gleichung. In der Gleichung wird von der Annahme
ausgegangen, daß die zu findende Unbekannte eigentlich, wenn
auch unter den Verhüllungen der Gleichung, bekannt sei; und
der Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme und damit auch
für die Richtigkeit der Gesamtbehauptung wird dadurch ge—
führt, daß in der Auflösung der Gleichung gezeigt wird, wie
diese Annahme in allen Folgerungen, die sich aus ihr ergeben,
mit sonst allgemein als bewährt bekannten Sätzen übereinstimmt.
Die Beweisführung ist also indirekt. Weil das aber der Fall
ist, weil das in der Gleichung angewandte Beweisverfahren
von der Folge auf den Grund schließt, so läßt es, wie jeder
Schluß von der Folge auf den Grund, eine mehrdeutige Lösung
zu. Und die Eigenart der Gleichung, solche mehrdeutigen
Lösungen zu ergeben, ist ja bekannt genug.
Diese Tatsache bringt es nun aber mit sich, daß nur
außerhalb des Beweisverfahrens liegende Betrachtungen ergeben
können, welche der denkbaren Lösungen die vorzuziehende ist.
Und die Folge dieses Umstandes wiederum ist es lange Zeit
hindurch gewesen, daß man allgemein gefaßte, d. h. wissenschaft—
liche Aufgaben einem so mehrdeutigen Beweisverfahren nicht
hatte überlassen können. Und so hatte die Gleichung bisher
auf dem Gebiete allgemeiner, namentlich auch naturwissenschaft⸗
licher Beweise keine große Rolle gespielt.
Wie aber, wenn es nun gelang, den verschiedenartigen
Bedingungen innerhalb der Aufgabe, deren Dasein die Mehr⸗
deutigkeit der Lösung ergab, für den Verlauf der Lösung der
Aufgabe einen solchen Ausdruck zu verschaffen, daß die in ihnen
        <pb n="154" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung Pandynamismus u. Naturalismus. 139

beruhenden verschiedenartigen Möglichkeiten der Lösung im
Schlußergebnis der Rechnung zu vollkommenem Ausdruck ge⸗—
langten? Dann war offenbar die wissenschaftliche Brauchbar—
keit des Gleichungsverfahrens erreicht. Da ist es nun Descartes
gewesen, der den Weg zu diesem Ziele zeigte, indem er die
algebraische Symbolik einführte: womit den verschiedenartigen,
der Aufgabe einverleibten Bedingungsurteilen für den Verlauf
— D Ausdruck
verschafft wurde, vermöge dessen die Bedingungsurteile ihrerseits
wieder in Gleichungen umgewandelt wurden. Damit fiel jede
Mehrdeutigkeit des Ergebnisses: denn nun war durch die all⸗
gemeine, den verschiedenen denkbaren Bedingungen entsprechende
Bedeutung der Zeichen dieser Symbolik das generell Bedingte
den Schlußfolgerungen selbst einverleibt, so daß diese eine an
sich eindeutige Form erhielten.
Was bedeutete nun aber dies alles für das Verständnis
der stegig veränderlichen Größe? Da war klar: mit diesem
Ergebnis war ein bisher noch fehlendes Mittel gewonnen, um
Aufgaben zu lösen, in denen bestimmten in bestimmter Weise
veränderlichen Faktoren bestimmte, in entsprechender Weise ver⸗
änderliche Ergebnisse entsprachen; oder mit anderen Worten:
es war das Mittel gewonnen, dem Begriffe der stetig veränder—
lichen Größe in ihrem Verhältnis zu anderen stetig veränder—
lichen Größen gerecht zu werden. Es war jetzt möglich, jede
Mehrheit mathematischer Größen, vorausgesetzt, daß deren Ver—
hältnis sich unter bestimmten Bedingungen änderte, in der durch
diese Bedingungen auf die einzelnen Größen ausgeübten Wirkung
zu verfolgen und für die Durchführung dieses Verfahrens eine
allgemeine Rechnungsform — man nannte sie eine Funktion —
aufzustellen.
Aber verwandelte sich damit, daß dies möglich wurde, nicht
das bisherige Beweisverfahren in eine Methode der Unter—
suchung? Gewiß: eben dies geschah; und daß es geschah, war
vielleicht das folgenreichste Ergebnis der durchgeführten Neuerung.
Denn jetzt war das neue Verfahren nicht mehr bloß ein Werk—
zeug des Beweises, sondern es wurde zur Analysis, zur
        <pb n="155" />
        40 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Forschungsmethode, die bei dem ihr innewohnenden Zuge vom
Zusammengesetzten zum Einfachen, vom Besonderen zum All—
gemeinen eine Fülle von Beobachtungen über das Verhalten
mathematischer Größen zueinander veranlassen mußte, womit
der Anstoß gegeben wurde zur Aufstellung der wichtigsten Ge—
setze über das Verhalten von Größen überhaupt in Raum und
Zeit. In diesem Sinne wurde die neue Mathematik jetzt dem
erweiterten Kausalitätstriebe, dem Grundzuge der neuen Zeit,
für das Zufällige überhaupt keinen Raum zu lassen, so weit
gerecht, als es sich um die Bearbeitung von Größenverhältnissen
handelte; mit der Durchbildung der Funktionsrechnung be—
gannen alle Größenbeziehungen unserem Denken in derselben
Weise erschlossen zu werden, wie das All immer mehr dem
Kausalgesetze als einer nun stets weniger abweisbaren Forderung
unseres Denkens unterworfen erschien.
Doch bedurfte es zur vollen Verwendbarkeit der Funktions—
rechnung in dem soeben beschriebenen Sinne noch eines weiteren
Hilfsmittels. Indem man nämlich die Abhängigkeit einer Größe
don einer anderen oder von einer Mehrheit anderer Größen
auf dem Wege der Funktion untersuchte und zu diesem Zwecke
zunächst eine oder mehrere dieser Größen beliebig veränderlich
annahm, kam man zu einem Begriffe, der rechnerisch zunächst
kaum faßbar erschien, zu dem der stetigen Veränderlichkeit. Und
doch kann, da die Dinge außer uns nicht minder wie unsere
Vorstellungen in stetigem Flusse von Veränderungen begriffen
iind, keine Größenbestimmung gedacht werden, die sich diesem
obiektiv wie subjektiv gleich zweifellosen Moment entzöge!
Die Mathematik kann seiner in der Tat nicht restlos Herr
werden. Aber sie kann es in ihre Untersuchungen in den denk⸗—
bar kleinsten Fehlergrenzen miteinbeziehen, indem sie sich die
veränderliche Beziehung in kleinste Elemente zerlegt denkt, in
denen diese Veränderung aufgehoben erscheint, und diese Ele—
mente beachtet. Die Mittel hierzu lieferte in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts die Infinitesimalmethode (Differential—
—DD00
Acta eruditorum des Jahres 1684 erschien, vom Gesichtspunkte
        <pb n="156" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 14

der Bewegung dieser kleinsten Elemente, Leibniz von geometrischen,
Euler von arithmetischen Betrachtungen her entwickelt haben,
bis Lagrange in seiner derivierten Funktion die vollendetste der
hierhergehörigen Methoden schuf.
Nun war es in der Tat möglich, die gegenseitigen Be—
ziehungen stetig veränderlicher Größen in jeder Hinsicht zu ver—
folgen wie anderseits aus der Erkenntnis eines Teiles dieser
Beziehungen oder auch einer aus ihnen abgeleiteten Relation das
ganze Verhältnis ihrer gegenseitigen Beziehungen durch Inte—
gration, d. h. durch eine Umkehrung des Differentialverfahrens
herzustellen; und damit war überhaupt das Geheimnis des
Verhaltens der Größen, mithin auch der Körper zueinander ent—
deckt; grundsätzlich hatte jetzt die Mathematik als die Wissen—
schaft der Größen alle Gebiete der erkenntnistheoretischen Grund⸗
lage durchmessen und erobert.

3. Halten wir hier inne und fragen uns, was denn mit
alledem für die philosophischen und naturwissenschaftlichen
Probleme des 17. und 18. Jahrhunderts erreicht war.
Die Philosophie dieser Zeit mußte bei der ganzen Ver⸗
anlagung des seelischen Lebens dieser Jahrhunderte so viel als
möglich an der Deduktion festzuhalten suchen; das All erschien
ihr als Eins, wie das Individuum; und als dies Eine, in sich
klar Zusammenhängende mußte es von einem Punkte aus ver—
möge einer einzigen Methode begriffen werden können. War
nun in der Mathematik diese Methode gefunden?
Die Entwicklung der Mathematik hatte vom 16. bis zum
Ende des 17. Jahrhunderts aus den deduktiven Beweisformen
Euklids zur Analysis, zur reinen Induktion geführt, immer
mehr hatte gerade diese Wissenschaft von ihrem deduktiven
Charakter verloren. So war an ihre Verwendung zur philo—
sophischen Deduktion der großen Probleme von Gott und Welt
je länger um so weniger zu denken. Aber doch galt die mathe—
matische Beweisform seit dem 16. Jahrhundert, ja teilweis
schon aus dem Mittelalter her als allen Syllogismen weit
        <pb n="157" />
        142 J Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

überlegen! Und ihr Ruf als eine solche Meisterin, auf ihre
alten deduktiven Elemente begründet, erstreckte sich noch weit
his in das 18. Jahrhundert! Die Folge war, daß die Philo⸗
sophie dieses Zeitalters sie als Arbeitswerkzeug nicht aufgab,
aber freilich je länger je mehr mit einem Instrument arbeitete,
das bei sirenger Anwendung zerbrach, — oder anders aus—
gedrückt: daß sie die mathematische Beweismethode in einem
Sinne anwandte, der dem Charakter dieser Methode und der
ihr zugrunde liegenden Wissenschaft je länger je weniger ent—
sprach. Schon Roger Baco hatte sich dieser Methode in einer für
unser Denken sonderbaren, bei ihm sehr begreiflichen und sehr
klar zutage tretenden Weise bedient: nämlich nach der Art
des mittelalterlichen Analogieschlusses. Er hatte, darin dem
Pythagoras und seinen Schülern ähnlich, gewisse mathematische
Verhältnisse in gewissen metaphysischen, pfychischen, ja auch
ohysischen Verhältnissen wie in einem symbolischen Spiegelbild
wiedergefunden; und das hatte ihm genügt, um diese beider⸗
seitigen Verhältnisse so weit zu identifizieren, daß für ihn aus
dieser Identifikation heraus die Wirklichkeit der metaphysischen,
psychischen, physischen Verhältnisse folgte, weil die Wirklichkeit
der analogen mathematischen Verhältnisse bewiesen schien.
Das war freilich ein Verfahren, das die Philosophie des
Descartes, wie sie zunächst den pandynamistischen Systemen des
16. Jahrhunderts folgte, in gleich sonderbarer Naivität des
Analogieschlusses nicht mehr einschlug. Aber gleichwohl gilt
für ihr Verhältnis zur Mathematik immerhin etwas Ähnliches.
Es ist fast selbstverständlich, daß derselbe große Geist, der der
Mathematik den Weg zur induktiven Analysis wies, sie nicht
gleichzeitig als tiefer konstituierende methodologische Triebkraft
einer deduktiven Philosophie gebrauchen konnte. Galt aber dem
Descartes wie seinem ganzen Zeitalter die Mathematik gleich—
wohl als Hebamme jeder Metaphysik, so konnte ihre Hilfe im
Grunde doch nur noch äußerlich und formell beansprucht werden:
nämlich so, daß ihrer Methode die äußere Art der Beweis—
führung und ihren Ergebnissen gewisse Analogien der philo—
sophischen Gedankenbildung entnommen wurden. Und über
        <pb n="158" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 143

Descartes hinaus ermöglichte dieser besondere Charakter der
philosophischen Benutzung der Mathematik es in der Tat noch
Spinoza, mit angeblicher Hilfe der Mathematik ein gewaltiges,
im Grunde mystisches Lehrgebäude der Metaphysik aufzuführen.
Im Grunde war also der Versuch, nach dem Scheitern
des Pandynamismus mit Hilfe der Mathematik als eines Uni⸗
versalschlüssels deduktiv eine Kenntnis der Welt generell zu
gewinnen, ebenfalls gescheitert. Die materielle Vorstellung von
allgemein bewegenden Kräften und Kräftekomplexen hatte ebenso
versagt wie die formal⸗logische Methode der Mathematik.
Kann man aber nun unter diesen Verhältnissen sagen, die
beiden großen Bewegungen, Pandynamismus und Metaphysik
unter dem Einfluß der Mathematik, seien vergebens gewesen?
Wie sehr hieße das Bedeutung und Einfluß großer geistiger
Strömungen verkennen! Mit dem Pandynamismus war eine
erste, allgemeinste Hypothese des Naturzusammenhangs gewonnen,
die in den Naturwissenschaften bis heute befruchtend nachgewirkt
hat. Und die Mathematik hatte eben, indem sie sich aus einem
Werkzeug der Deduktion in ein solches der Induktion ver—
wandelte — eine Umwandlung, die nur unter dem allgemeinen
philosophischen Interesse an ihr so rasch und entscheidend er⸗
folgen konnte —, den Anlaß zur klaren Entfaltung der Mechanik
als der Wissenschaft von der tatsächlichen Bewegung der Körper
gegeben und damit den Anstoß zu der unablässigen, bis heute
fortgesetzten Entwicklung der positiven Naturwissenschaft. Denn
indem die neue Mathematik das allgemeine Verständnis stetiger
Bewegungen an sich wie in bestimmten Verhältnissen zueinander
lehrte, war damit die Möglichkeit geschaffen, in die Bewegungen
der Körperwelt und die ihnen zugrunde liegenden Gesetze
forschend einzudringen; und so wurde in der Mechanik jetzt
neben der Statik der Alten durch Stevin und Galilei die
Dynamik entwickelt, und Newton verwandte die Kenntnis der
neu errungenen Gesetze dieser Dynamik zur Erklärung der kos⸗
mischen Bewegungen. Alsbald brachte die Kenntnis dieser
Gesetze auch ein neues Leben in die bis dahin willkürlichen
Phantasien anheimgegebenen Wissenschaften der Physik und
        <pb n="159" />
        144 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Chemie, deren Aufblühen dann späteren Zeiten die Möglichkeit
gewährt hat, unter anderen Voraussetzungen in die Erforschung
auch der biologischen Geheimnisse einzutreten.
Die Mathematik aber hatte mit dieser außerordentlichen
Befruchtung, die von ihr auf die Behandlung der philosophischen
—RDD0
des 17. und 18. Jahrhunderts ausging, die stolzesten Aufgaben
allgemeiner Art, die ihr zufallen konnten, erfüllt. Sie wurde
seitdem langsam immer mehr zu einer Wissenschaft neben den
anderen Wissenschaften und spielte außerdem eine besondere Rolle
zunächst nur noch in dem Bereiche der Naturwissenschaft. Es
geschah, indem sie ihre generellen Probleme immer mehr denen
der allgemeinen Logik annäherte, und indem sie ihre Grundlagen
erkenntnistheoretischer und psychologischer Bearbeitung unter—
warf und sie in dieser schließlich als nicht in dem Sinne ab—
solut erkannte, in dem sie die früheren Zeiten des Individua—
lismus als absolut betrachtet hatten.
Dabei begann diese zweite Bewegung schon früh. Während
nämlich die speziellen mathematischen Studien ganz in der zu⸗
nächst von der Arithmetik her erfolgenden Ausbildung der
Analysis aufgingen und darunter die Entwicklung der konstruk—
tiven Methoden der Geometrie vernachlässigt wurde, begannen
die Philosophen allmählich eingehendere Untersuchungen über
den Begriff des Raumes. Und hier hielt man nun anfangs
allerdings im ganzen noch an jenen Vorstellungen fest, aus denen
Jeraus sich die Auffassung gebildet hatte, daß die Mathematik
das Vorbild einer deduktiven Wissenschaft sei, weil in ihr alle
elementaren Voraussetzungen absolut gegeben seien: sei es,
daß diese Elemente, wie Punkt, Linie und begrenzter Raum,
als angeborene, ja transzendente Bestandteile unseres Geistes,
als eine mystische Ideenwelt hinter der entsprechenden Welt
der Erscheinungen gedacht wurden, sei es, daß man sie als er—
fahrungsmäßig durch willkürliche Annahmen entstanden, doch
nunmehr konstant gewordene Abstraktionen, aus den Dingen
der sinnlichen Welt entwickelt, betrachtete. So hat einerseits
Descartes auf diesem Gebiete noch einen fast platonischen
        <pb n="160" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 145

Realismus gelehrt. So hat anderseits Hobbes noch ganz an
der Meinung von der willkürlichen Feststellung der Begriffe
festgehalten. Allein darüber hinaus ging dann schon Kant.
Indem er die Zeit dadurch in den Bereich dieser Betrachtungen
einbezog, daß er die Zeitanschauung durch ihre Verbindung
mit der Kategorie der Quantität den reinen Begriff der Zahl
vermittelnd dachte, versuchte er, das angeborene Besitztum des
Geistes auf die reine Raum— und Zeitanschauung zu beschränken.
Innerhalb dieser Auffassung waren ihm die mathematischen
Begriffe dann an sich Ergebnisse reiner Anschauung, aber zur
Evidenz gebracht doch erst durch die Gelegenheitsursachen der
äußeren Objekte, so daß zum Beispiel die Anschauung des
geometrischen Dreiecks, an sich apriorisch, doch erst durch An—
schauung eines sinnlich gegebenen Dreiecks in uns hervortreten
fünne.

Was bei Kant gegenüber früheren Theorien gewonnen war,
das war die Auffassung, daß die mathematischen Grundvorstellungen
nicht als begrifflich im Sinne etwa von Descartes oder auch
Leibniz, sondern als anschaulich zu verstehen seien. Zwar
war diese Anschauung nach Kant apriorisch. Aber die spätere
Zeit hat sehr bald auch diesen apriorischen Charakter aufgelöst.
Auf Grund der Lehren Humes, unter gelegentlichem Zurück—
greifen bis auf Hobbes, wurde der rein empirische Charakter
der Anschauungen behauptet, derart, daß man sie als aus den
sinnlichen Dingen abstrahierte Hypothesen, nicht Gewißheiten
betrachtete. Und der Nachweis hierfür wurde auf unmittelbar
anschaulichem Wege versucht, indem man sich zu zeigen bestrebte,
wie im primitiven Bewußtsein durch gedachte Bewegungen eines
Punktes, einer Linie, einer Ebene zunächst die geometrischen
Gebilde, auf Grund anderer Vorstellungsgänge auch die Zahlen⸗
begriffe als allgemein einleuchtende Hypothesen entwicklungs—
geschichtlich entstanden seien.
So erschien denn der Charakter der Mathematik als einer
absoluten Wissenschaft aufs gründlichste zerstört. Und gleich—
zeitig begann auch ihre Auffassung als einer besonders sicheren,
über die Logik hinaus absoluten Methode dadurch beseitigt zu
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 10
        <pb n="161" />
        146

Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

werden, daß man sie immer mehr der Logik selbst einverleibte.
Die Entwicklung vollzog sich hier sehr einfach von dem Momente
her, daß die Geometrie und Arithmetik seit dem 16. und 17.
Jahrhundert in die eine allgemeine Mathematik der Größen
herwandelt worden waren. Von hier aus war es nämlich
leicht, falls die allgemeinen Voraussetzungen dazu sonst schon
im Denken der Zeit enthalten waren, aus der intimsten Ver⸗
schmelzung der Zahlen- und Ausdehnungslehre eine abstrakte
Mannigfaltigkeitslehre oder Lehre von den Formen überhaupt
hervorgehen zu lassen. Es geschah im 19. Jahrhundert, nach⸗
dem seit der verhältnismäßigen Vollendung der Analysis im
18. Jahrhundert und infolge der Impulse der philosophischen
Studien über den Charakter des Raumes eine neue Blüte der
Geometrie eingetreten war, so daß Analysis und Geometrie,
nun etwa auf gleicher Höhe der Entwicklung stehend, ganz be—
sonders wiederum zu einer weiteren Integration der ihnen zu⸗
grunde liegenden Begriffe aufforderten. Indem aber, seit den
vierziger Jahren etwa des 19. Jahrhunderts, diese abstrakte
Mamnigfaltigkeitslehre durchgebildet ward, erschien der Ubergang
der Mathematik in den formalen Teil der logischen Wissen⸗
schaft als vollzogen.

1. Kehren wir jetzt aus der dünnen Luft mathematischer
Abstraktionen des 19. Jahrhunderts auf den der Erde näheren
Boden der Wissenschaft und Weltanschauung des 16—18.
Jahrhunderts zurück und versetzen wir uns in das dritte Jahr⸗
zehnt etwa des 17. Jahrhunderts, so erschien die wissenschaft⸗
liche Lage, wenigstens vom Standpunkte der Naturwissenschaften
aus betrachtet, hoffnungsvoll genug. Hinter dieser Zeit, im
ganzen und großen schon vergangen, die schönen aber leeren
Träume des Pandynamismus; im Besitz der Zeit eine mathe—
matische Methode, die für die induktiven Naturwissenschaften
wie eine große deduktive Philosophie gleichviel zu versprechen
schien; und unmittelbar vor ihr die Weiterentwicklung der

III.
        <pb n="162" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 147

mechanischen Entdeckungen und Schlußfolgerungen Galileis und
die Metaphysik des Descartes.
Da entsteht denn die Frage, was unter diesen Umständen,
in so entscheidenden Jahren, die Geisteswissenschaften erreicht
hatten und der ferneren Entwicklung als Grundlage darboten.
Weit mehr als die Naturwissenschaften waren im 16. Jahr⸗
hundert die Geisteswissenschaften noch von der Tradition der
Alten abhängig und blieben es vielfach bis ins 18., ja 19.
Jahrhundert. Konnte Descartes schon triumphierend auf ein
Skelett hinweisen: „Das sind meine Bücher,“ so währte auf
dem Gebiete der Geschichte im weitesten Sinne des Wortes,
und damit im Kerngebiete der theoretischen Geisteswissenschaften,
um die Mitte des 17. Jahrhunderts die Autorität der Antike
fast noch ungeschwächt weiter. Der Grund für diesen Unter—
schied lag nicht bloß darin, daß die Alten die Naturwissenschaft
weit weniger entwickelt hatten als die Geisteswissenschaften.
Er ist im ganzen Charakter der Geisteswissenschaften gegeben.
Die Naturwissenschaften wenigstens des 16.—-18. Jahrhunderts
beruhten zum wesentlichsten Teile auf den Fortschritten der
Mathematik und Mechanik, und sie sind auch heute noch in den
wichtigsten Punkten von den Fortschritten dieser und ihrer un—
mittelbaren Folgedisziplinen, der Physik und Chemie, abhängig.
Nun entwickeln sich aber der Regel nach Mathematik und
Mechanik, ist erst einmal ein bestimmter Anfangspunkt von
Bedeutung gegeben, lange Zeit hindurch von diesem Punkte
aus rein logisch weiter, ohne unmittelbarste und ständige Be—
rührung mit den speziellen Wandlungen des Seelenlebens der
Zeiten, bis wiederum einmal ein großer neuer Ausgangspunkt
auftaucht, von dem her derselbe Prozeß beginnt. Solche Aus—
gangspunkte waren im 16. bis 18. Jahrhundert die Erkenntnis
der Unstetigkeit der mathematischen Größe und der Übergang
zur mechanischen Dynamik. Gewiß sind nun diese Punkte von
der jeweiligen Höhe des intellektuellen Lebens abhängig: die
mathematischen und mechanischen Grundanschauungen des neuen
Zeitalters wären im Mittelalter nicht zu entwickeln gewesen.
Aber diese Abhängigkeit gilt, wie gesagt, doch nur für die
10*
        <pb n="163" />
        148 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Haupt⸗ und Anfangspunkte. Ganz anders die Lage der Geistes⸗—
wissenschaften. Da sie auf der psychologischen Erkenntnis be—
ruhen, die ihrerseits nur aus dem jeweils bestehenden geschicht⸗
lichen Seelenleben gewonnen werden kann, so ist ihr jeweiliger
Stand ein fast gänzlich unmittelbarer Ausdruck dieses Seelen—
lebens selbst: viel enger sind sie an den Verlauf nicht bloß größter
Wendungen, sondern auch geringfügigerer Wandlungen des
fortschreitenden geistigen Lebens gebunden.
Nun war aber der Humanismus einer der wichtigsten
Faktoren des deutschen Geisteslebens im 16. Jahrhundert. Er
konnte mithin für die Entfaltung der Geisteswissenschaften nicht
ohne Bedeutung bleiben.
Daneben kamen für dessen Entwicklung freilich noch andere
Mächte in Betracht. Vor allem die vorwärtsdrängende Emanzi⸗—
pationslust des Verstandes, des lumen naturals, wie das
16. Jahrhundert ihn nannte, derjenigen seelischen Kraft also,
die man schon früh in dieser Zeit als die höchste und bald als
die fast einzige zu schätzen begann, und in deren freier Be—
wegung die individualistische Persönlichkeit der Zeit ganz be—
sonders verkörpert und gleichsam atmend erschien. Daneben
war, als konservative, zurückhaltende Macht, auch der kirchliche
Glaube in seiner mittelalterlich-katholischen wie seiner gereinigt⸗
protestantischen Gestalt von Bedeutung: in jedem Falle ein
Dffenbarungsglaube, der noch das Wunder anerkannte und dem
hloßen Kausalitätsschluß abhold entgegentrat.
Von diesen drei großen Fermenten der geisteswissenschaft⸗
lichen Entwicklung war das eine, tiefste, das lumen naturale,
in seiner Bewegung ganz in dem neu anbrechenden Zeitalter
der freien individualistischen Persönlichkeit begründet; es be—
durfte keiner Stütze von außen mehr, und in Rationalismus
und Aufklärung hat es schließlich gesiegt. Die anderen beiden
Kräfte dagegen, Antike und christliche Offenbarung, Elemente
der Tradition, bedurften, um zu wirken, eines äußeren Haltes.
Dieser war für den Offenbarungsglauben ohne weiteres in den
Kirchen gegeben. Aber wie stand es mit dem Humanismus?
Der alte enthusiastische Humanismus, jene Aneignung der Über⸗
        <pb n="164" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 149

lieferung der Alten, die bis zur geistigen Auswanderung
gleichsam in die Welt der Römer und Griechen fortgeschritten
war, konnte seiner Natur nach nicht lange währen und hat die
Tage Huttens und Erasmus' kaum überlebt. Und gleichzeitig
waren die wenigen Institutionen, welche der Humanismus zur
Pflege seiner Dauer geschaffen oder umgeschaffen hatte, Akade—
mien und Universitäten, böslich verfallen; die zwanziger Jahre des
16. Jahrhunderts hatten einen unerhörten Tiefstand der Zuhörer⸗
zahl vor allem der humanistischen Universitäten gesehen; Re⸗
formation und Reaktion gegen humanistische Studienüberstürzung,
Aufhebung von so vielen dem Brotstudium zugänglichen Kirchen⸗
stellen und materieller, dem Verkehrsleben zugewandter Sinn
der Zeit hatten hier in gleicher Weise gewirkt; fast konnte es
scheinen, als sollte das Zeitalter der Aufnahme antiker Tradi⸗
tion wiederum rasch dahinschwinden.
Allein dem widersprach doch der innere Gehalt der antiken
Bildung. Wie unendlich viel war doch daraus für die Zeit
noch zu lernen! Und es widersprach weiter der Zusammenhang
des Humanismus mit der Renaissance der bildenden Künste,
die eben erst jetzt recht ihren Siegeszug durch die abendländische
Welt autrat. Vor allem aber: es widersprach auch die formale
Stärke der Alten auf den Gebieten der Kunst und Dichtung
wie der Wissenschaft. Was hatten die Neueren den Götter⸗
bildern der Griechen und den Prunkbauten der Römer, und
noch mehr: was hatten sie dem römischen Recht, dieser ratio
scripta, und den aristotelischen Syllogismen zur Seite zu stellen?
Und hier, auf wissenschaftlichem Gebiete, verband sich das
allgemeine Interesse an der Fortdauer der Rezeption mit dem
besonderen der Kirchen. Die Lehren der alten Kirche waren
ganz von der philosophischen Technik der Alten, dies Wort im
weitesten Sinne genommen, durchzogen; das Dogma der neuen
Kirchen beruhte durchweg auf einer an den Alten geübten und
vielfach erst von den Alten erlernten Interpretationskunst;
unter den Arbeiten zu seiner Formulierung war Melanchthon
zu dem Ausspruch gelangt: carere monumentis Aristotelis
non possumus. War das aber der Fall, hatten die Kirchen
        <pb n="165" />
        150 — Siebzehntes Buch. Drittes LKapitel.

das größte Interesse daran, die alte Wissenschaft zu erhalten,
so mußten sie auch Sorge für Einrichtungen tragen, welche diese
Erhaltung verbürgten. Diesem Zusammenhang verdankten die
protestantisch-humanistische Mittel- und Hochschule und das
jesuitische Kollegium wie die jesuitische Universität ihre Ent⸗
wicklung.
Allein diese gewaltigen Einrichtungen konfessionell-humanisti⸗
schen Charakters konnten nicht bestehen ohne eine hinter ihnen
treibende, sich in ihnen auswirkende Wissenschaft des Altertums:
eine klaffische Philologie mußte erblühen; und in der Tat ist
sie in merkwürdigen Wandlungen, langsam bloßem Enthusiasmus
entsagend, eintauchend in das Meer rein gelehrter Forschung,
gelegentlich noch immer heidnischer Anwandlungen voll und
dennoch schließlich christlicher Frömmigkeit zugewandt, aus dem
alten Humanismus hervorgegangen.
Gymnasium und Jesuitenkolleg, Universität, klassische Philo⸗
logie, das sind mithin die sehr verwandelten Instrumente ge—
wesen, durch die der Humanismus des frühen 16. Jahrhunderts
fortwirkte, bis ihm und seinen schließlich zu reinem Werkeltags⸗
tum und schematischer Gelehrsamkeit abgeblaßten Einflüssen seit
den letzten Jahrzehnten der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
eine neue, nun wiederum aus dem eigensten Geiste der Zeit
heraus geborene Renaissance vornehmlich des Griechentums folgte.

2. Die ersten Anregungen, das zerfallende Schulwesen der
zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts wiederherzustellen, sind von
Luther ausgegangen; der Schöpfer des protestantischen Gym⸗
aasiums und der protestantischen Universität war Melanchthon:
er hat die Kompendien und Lehrbücher für beide verfaßt, er hat
ihren Lehrerstand erzogen, und er hat sie zeit seines Lebens
geistig geleitet. Zunächst gilt dies natürlich für die Universität
Wittenberg; sie ist von ihm im Verein mit Luther unter dem
Schutze der Landesgewalt anfangs der dreißiger Jahre des
16. Jahrhunderts wiederaufgerichtet worden, und er hat ihre
Ordnungen verfaßt.
        <pb n="166" />
        wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 15)

Nach dem Beispiel Wittenbergs aber wurden fast alle
Universitäten evangelischen Charakters neugeordnet, so Tübingen,
Basel, Leipzig, Frankfurt an der Oder, Greifswald, Rostock und
Heidelberg, altberühmte Hochschulen, denen sich als neue Mar⸗
burg (1520) und Königsberg (1541 -40), Jena (1558) und
Helmstedt (18668), Gießen (1607). und Straßburg (1621),
Rinteln (1621) und Altdorf bei Rurnberg (1622) und in den
Niederlanden Leiden (1575), Franeker (1585), Groningen (1614),
Utrecht (1634) und Harderwijk (1648) anschlossen.
Der Reform und der neuen Einrichtung dieser Universitäten
entsprach eine reiche Blüte der Mittelschulen. Es lag in der
Natur der Sache, daß sie zunächst in großen Städten und viel⸗
fach auch von den Staͤdtoerwaltungen begründet wurden; so
haben im inneren Deutschland Magdeburg, Nürnberg und
Straßburg früh berühmte Gymnasien gehabt, und in den
Niederlanden haben sich später Dordrecht, Middelburg, Breda,
Rotterdam, Amsterdam und andere durch hervorragende Athenäen
ausgezeichnet. Allein charakteristisch war doch auf diesem Ge⸗
biete vor allem die Begründung von Mittelschulen durch die
Landesgewalten auf kirchlichen Antrieb. Und am bezeichnendsten
innerhalb dieses Bereiches wiederum ist die Errichtung von
Fürsten- oder Landesschulen, zumeist aus altem Klostergut, zur
Erziehung vornehmlich künftiger Theologen, doch mit der Ab⸗
sicht, jeglichem Ingenium“ des Landes den Zugang zu den
höheren Studien zu eröffnen, und darum zumeist verbunden mit
der Grundung zahlreicher Freistellen und umfassender Komwikte.
Im Vordergrunde dieser großen, zunächst das ganze pro—
testantische Deutschland durchziehenden Bewegung steht Kur⸗
sachsen: von diesen Anfängen aus hat sich Sachsen zu der
klassischen Stätte der deutschen Schulgeschichte entwickelt, die es
auf mehrere Jahrhunderte, ja vielleicht bis zur Gegenwart hin
geblieben ist. In Sachsen wurde schon im Jahre 1628 eine
Landesschulordnung gegeben, die die Aufrichtung von Latein⸗
schulen auch in den eineren Städten anregte; auf sie zumeist
gehen die Landesschulordnungen von Braunschweig, Pommern,
Schleswig-Holstein, Dänemark, Mecklenburg, Württemberg und
        <pb n="167" />
        152 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

der Pfalz zurück, die alle, mit Ausnahme der Pfälzer, noch
dem 16. Jahrhundert angehören. Über die bloße Landesschul⸗
ordnung hinaus aber ging man in Sachsen durch die staatliche
Begrundung von Landesschulen in Schulpforta, Meißen und
Grimma, deren beide erste im Jahre 1543, deren letzte im
Jahre 1550 errichtet wurden, — Schulen, die noch heute dem
Herzoge und Kurfürsten Moritz, ihrem Schöpfer, Ehre machen.
Dem folgten dann verwandte Schulen in Württemberg (Pä—
dagogium zu Stuttgart und vier Klosterschulen) und in Braun—
schweig-Wolfenbüttel wie in einer weiteren Reihe mittel- und
norddeutscher Territorien; am spätesten trat Brandenburg in
die Bewegung ein (Graues Kloster 1574, Joachimsthal 1607).
Der Unterricht in all diesen Schulen war, bei vielen Ab—
weichungen im einzelnen, bei dem Mangel der unteren Klassen
an dieser, dem Versuche eines Ausbaues zur Universität an
jener Anstalt, seinem Charakter nach doch im ganzen derselbe.
Soweit es sich um die erste Einführung handelte, war man
im Grunde noch nicht viel über das mittelalterliche Trivium
hinausgelangt: Grammatik, Rhetorik und Dialektik spielten
ihre herkömmliche Rolle, und das Latein wurde nach den
Lehrplänen eines Ebrard von Bethune und Alexander gelernt,
Grammatikern des 12. und 18. Jahrhunderts, deren Methode
freilich teilweis sogar noch der Zumptschen Grammatik des
19. Jahrhunderts zugrunde gelegen hat. Für den fort—
geschritteneren Unterricht dagegen erschien das alte Quadrivium
doch einigermaßen aufgelöst; neben Musik und Mathematik
waren Religion und etwas Philosophie getreten, dazu Anfänge
der griechischen und hebräischen Sprache, durch deren Er—
lernung die Lektüre des Alten und Neuen Testaments in der
Urschrift vermittelt werden sollte.
Wichtiger indes ist es, den Geist des Unterrichts kennen
zu lernen. Und da ging man nun durchaus auf das Formale;
nicht der Inhalt —, die Eleganz des Ausdrucks, die Eloquenz der
Sprache vielmehr waren Hauptsache; so wie es der huma—
nistischen Wissenschaft nicht auf Erweiterung des Wissens oder
gar der Erkenntnis ankam — für sie lag die Fülle der Er—
        <pb n="168" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 153

kenntnis ein für allemal bei den Alten beschlossen —, sondern
nur auf eine möglichst klare Fassung und einen möglichst ele—
ganten Vortrag der Überlieferung. Die Bildung trug daher
ganz den epideiktischen Charakter des alten rhetorischen Unter—
richts; und ihre Vollendung wurde in Schulakten und drama—
tischen Aufführungen vorgezeigt. Daher die Bedeutung der
Schulkomödie, für die schon früh ein Reuchlin, Locher, Bebel
geschaffen haben; später wurde neben dem Gebrauche weit—
verbreiteter Sammlungen und anerkannter neuer Dichtungen, wie
des Terentius Christianus des Haarlemer Rektors Schöngeus,
verlangt, daß jeder Schulmeister sogar selbst Dramen dichten
und die Prunkvorträge der Schule für die feierlichen Schul—
akte verfassen könne.
Eine solche Form des Unterrichts war natürlich zunächst
an keinerlei Konfession gebunden. Sie kehrt daher in den
protestantischen Gymnasien wie in den katholischen Jesuiten—
kollegien in ganz verwandter Weise wieder. Nur daß die Be—
wegung auf katholischer Seite etwas später einsetzt und etwas
länger, bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, wenn
nicht darüber hinaus, auch in den bedeutendsten Anstalten
fortwährt.
Ihren Ausgang nimmt die Begründung deutscher Jesuiten⸗
kolleglen und Jesuitenuniversitäten von der Errichtung des
Collegium germanicum zu Rom im Jahre 15521; wesentlich
war für ihre Anfänge auch ein Beschluß der dreiundzwanzigsten
Sitzung des Tridentiner Konzils vom Jahre 1563, der den
Bischöfen die Begründung von Klerikalseminaren vorschrieb.
Die erste Pflanzstätte der neuen Einrichtungen in Deutschland
aber war Bayern. Hier gelangte seit dem Jahre 1549 zu—
nächst die philosophische Fakultät der Universität Ingolstadt
langsam in die Hände der Jesuiten, unter denen der Nieder—
länder Canisius (1521 1597), der eigentliche Begründer des
jesuitischen Unterrichts in Deutschland, wirkte. Dem folgte
dann im Jahre 1559 das Münchener Jesuitenkollegium, und

Vgl. Bd. V, 2, S. 651, überhaupt S. 646 ff.
        <pb n="169" />
        154 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

von hier aus wurden bis in die ersten Jahrzehnte des 17. Jahr⸗
hunderts die wichtigsten bayrischen Städte wie die Hauptstädte
fast aller benachbarten Bistümer mit Kollegien versehen. Da—
mals war auch zu Innsbruck im Jahre 1562 ein Kollegium
hegründet worden, das seit 1673 Universität geworden ist.
Einen anderen Herd jesuitischer Unterrichtsbestrebungen bildete
der Westen, namentlich das Rheintal. Hier wies das Gym⸗
nasium Tricoronatum zu Köln, 1556 begründet, wenige Jahre
darauf schon achthundert Schüler auf; weitere Gründungen
folgten noch im 16. Jahrhundert zu Trier, Koblenz, Mainz,
Speier, und auch Westfalen wurde erobert. Nicht minder aber
wußten die Jesuiten ihre Missionsgebiete mit Kollegien aus—
zustatten. Sie durchdrangen mit ihnen die weiten Gebiete der
Habsburger, wo ihnen seit den zwanziger Jahren des 17. Jahr⸗
hunderts die philosophischen Fakultäten des vorderösterreichischen
Freiburgs, Prags und Wiens zufielen; sie begründeten 1565
das Collegium Hosianum zu Braunsberg und darauf Gym—
nasien zu Posen, Fraustadt, Bromberg, Graudenz, Konitz,
Deutsch⸗Krone; sie wußten seit dem Dreißigiährigen Kriege auch
Schlesien zu gewinnen. Und nicht minder dehnten sie sich in
späterer Zeit, seit Beginn des 17. Jahrhunderts, in den nord⸗
westdeutschen Gebieten jenseits Kölns aus: das Kollegium zu
Emmerich ist im Jahre 1600, das Kollegium zu Düsseldorf, in
der Hauptstadt des 1614 katholisch gewordenen Jülich-Bergs,
m Jahre 1620 gestiftet worden.
Es bedurfte dieser eingehenderen Übersicht über die
Gründungen der Jesuiten, da mit ihr zugleich die beiden Ge⸗
hziete geistigen Lebens im inneren Deutschland abgegrenzt
werden, das protestantische und das jesuitisch-katholische, deren
genauere Kenntnis für die intime Geschichte des deutschen
Wesens noch bis in das 19. Jahrhundert hinein unerläßlich
ist. Denn so sehr der humanistische Unterricht sich auf den
protestantischen und den katholischen Gymnasien sogar in
Einzelheiten glich, so war doch Geist und Ergebnis auf beiden
Seiten durchaus verschieden.
Der Unterschied wurde dadurch begründet, daß in den
        <pb n="170" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 155

protestantischen Gymnasien die erziehlichen Fragen neben den
unterrichtlichen außerordentlich zurücktraten; in welcher Frei—
heit, ja fast Willkür sind nicht noch die sächsischen Fürsten⸗
schüler der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufgewachsen!
In den Jesuitenkollegien dagegen spielte das Element der Er—
ziehung aufs entschiedenste mit: und es wurde ganz im Sinne
der jefuitischen Mission und der jesuitischen Auffassung katho—
lischer Frömmigkeit ausgenutzt: Ertötung des Willens in
striktem Gehorsam, Ertötung des persönlichen Verantwortlichkeitsgefühls
 in nervenerregender und nervenabspannender Askese,
Auflösung der Persönlichkeit zugunsten der jesuitischen Norm
im ganzen.
Und hieraus ergaben sich dann, bei aller äußerlichen und
formalen Ähnlichkeit, die tiefsten Unterschiede in den schließ—
lichen Resultaten des protestantischen und des katholischen
Bildungsganges. Hier Abgewogenheit des Benehmens, Welt—
mannstum, aber Schablone — dort sehr viel Roheit, sehr
wenig Klugheit bisweilen, aber Schöpferkraft und Ursprünglich—
keit. Und darum hier eine tote Welt und dort üppiges Ge—
deihen jedes geistigen Keimes. Die Tatsache der geistigen Un—
fruchtbarkeit des katholischen, der geistig führenden Stellung
des protestantischen Deutschlands im 17. und 18. und zum
größten Teile auch noch im 19. Jahrhundert bei aller Gleich—
heit der formalen Bildung ist, abgesehen von der noch weiteren
Differenz der Weltanschauung überhaupt, vornehmlich auf diese
Verschiedenheit der erziehlichen Grundsätze in der Bildung der
höheren Gesellschaftsschichten zurückzuführen.
Nach alledem kann es nicht wundernehmen, wenn sogar
in der Geschichte der klassischen Gelehrsamkeit, zu der wir
nun fortschreiten, von katholischen Elementen wenig die Rede
sein wird.

3. Wir kennen das Schicksal der schönen, begeisterten Zeit
des eigentlichen Humanismus!. Sie konnte ihrer ganzen Natur

1 Vgl. Bd. V, 1, S. 202.
        <pb n="171" />
        156 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

nach nicht lange währen, und noch in ihre Blütezeit fiel der
Reif der reformatorischen Bewegung. So sehen wir den
frühen Humanismus verdorren; mancher seiner Anhänger fand
aus Verdrossenheit über den rücksichtslosen Fortgang des
Evangeliums den Weg zur alten Kirche zurück; das unmittel⸗
bare Interesse an den bewegenden Fragen der Gegenwart
schwand; die Äußerungen eines sinnvollen Nationalbewußtseins
verstummten, und die Generation nach Hutten hat kräftige
Persönlichkeiten unter den Humanisten kaum noch hervor⸗
gebracht: bis in der schönen Verteidigung Melanchthons gegen
die Flacianer, die 1869 von Wittenberg ausging, der Schwanen⸗
gesang der alten Richtung ertönte.
Nun hat diese Richtung allerdings in der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts noch eine gewisse Nachblüte erlebt;
Nikodemus Frischlin (1547 —1590), Professor in Tübingen,
war ein nicht zu verachtendes poetisches Talent und hat Oden
und Elegien, Epen und Dramen in einem eleganten Latein ge—
dichtet; und sogar auf griechisch wußte man in anerkennenswerter
Weise Verse zu machen; Laurentius Rhodomanus (1546 - 1606),
zuletzt Professor in Wittenberg, zeichnete sich da besonders aus.
Aber an der Wende des 16. Jahrhunderts verklang auch dieser
letzte Nachhall; neben Rhodomanus starben Chytraeus 1600,
Melissus 1602, Crusius 1607, Caselius 1613, und nur noch
ganz vereinzelte Nachzügler, wie der dichterisch begabte Jesuit
Balde (1608 —1668), pflanzten die alten Erinnerungen fort.
Im übrigen aber ward der Humanismus nun ganz zur Philo—
logie und die Begeisterung zur Gelehrsamkeit.
Nun hatte der deutsche Humanismus im Gegensatze zum
italienischen schon immer, trotz alles Enthusiasmus, einen ge—
lehrteren Charakter gehabt; seinen Anhängern erschien sehr bald,
vor allem auch unter der Einwirkung der Reformation, schon
der Besitz einer nur klassisch-formalen Bildung als erstrebens⸗
wertes Ideal. Allein der Übergang der ganzen Richtung nur
zu diesem einen Ziel, wie er bereits seit den dreißiger Jahren
des 16. Jahrhunderts begann und dann in der zweiten Hälfte
dieses Jahrhunderts vollendet zutage trat, war trotzdem etwas
        <pb n="172" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 157

Neues; denn er war, im inneren Deutschland wenigstens,
zugleich mit einem Zusammenschrumpfen auch der gelehrten
Ziele verbunden. Gewiß haben Glareanus (1488 - 1568),
Joachim Camerarius (186001574), Konrad Gesner (1516 bis
1565) und andere noch als tüchtige Lehrer gewirkt, aber den
philologischen Betrieb über das Niveau, das schon der enthusiasti⸗
sche Humanismus erreicht hatte, grundsätzlich zu heben, gelang
ihnen nicht. Und doch folgte ihnen mit den späteren Jahr⸗
zehnten des 16. Jahrhunderts und im 17. Jahrhundert eine
Zeit, in der es um die philologische Durchdringung des klassischen
Altertums im inneren Deutschland noch schlechter bestellt war.
Schon Scaliger konnte äußern: „Felveéti et Germani habuerunt
magnos viros, Meélancthonem, Glareanum, Oamerarium,
Gesnerum, sed praecipue Vadianum et Agricolam; hodie
valde fatui sunt et indocti.“ Nun ging gewiß trotzdem die
philologische Gelehrsamkeit nicht ganz zugrunde; namentlich in
Schwaben und am Oberrhein, in Tübingen, in Straßburg
und Heidelberg währte sie noch fort, und ein anderes Zentrum
bildete sich an der Nordsee, vornehmlich in Hamburg. Aber
statt der Durchdringung des philologischen Stoffes ging man
doch überall in seinem bloßen Anhäufen auf, bis gegen Ende
des 17. Jahrhunderts gar die reine Liebhaberei an Kuriositäten
einsetzte; und tüchtige Kräfte, wie Holstenius und Lambecius,
taten den Schritt Winckelmanns zuvor, wanderten nach Italien
aus und wurden Konvertiten. Erst die erste Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts hat dann im inneren Deutschland wieder einen neuen
Aufschwung der Philologie erlebt, und nun von ganz anderer
Stätte, von Sachsen aus und unter gängzlich veränderten Be⸗
dingungen?.
Inzwischen aber waren die nördlichen Niederlande, wie für
so viele, ja fast alle wichtigen Seiten des geistigen und
künstlerischen Lebens dieser Zeit, die geistigen Träger der deutschen

Scaligerana ed. Leidens. 1668 s8. 3. Alemans.
a S. darüber die einschlagende Darstellung in der ersten Hälfte des
VII. Bandes.
        <pb n="173" />
        158 Siebzehutes Buch. Drittes Kapitel.

Entwicklung geworden. Ein doppelt erstaunlicher Prozeß, wenn
man bedenkt, daß diese Gegenden an der ersten Blüte des
Humanismus eigentlich nur mit einer Person, freilich der des
Erasmus — der aber doch meist im inneren Deutschland weilte —,
größeren Anteil gehabt hatten. In der Tat erlebten die nörd⸗
lichen Niederlande, soweit es sich um die Sympathie größerer
Kreise und später das allgemeine öffentliche Interesse handelte,
ihre enthusiastisch-humanistische Periode erst in der zweiten
Halfte des 16. Jahrhunderts und noch hinein bis ins 17. Jahr⸗
hundert. Erst jetzt fand man sich, durch das gewaltig an⸗
hebende und tragisch endende Kaisertum Karls V., eines Sohnes
der Niederlande, der uralten römischen Kaiserreihe recht gründlich
angeschlossen; der humanistische Nationalstolz erwachte, und 1557
publizierte Hubert Goltzius zu Antwerpen die Icones Imperatorum
 Romanorum von Cäsar bis auf Carolus und Ferdi—
nandus. Zugleich warf man sich, in heller Begeisterung für die
Bataven und Claudius Civilis, auf die Suche nach Römer—
spuren im Lande; und was fand man da nicht alles: auf der
Insel Walcheren allein wurde Veere mit dem Kaiser Verus,
Middelburg mit dem Feldherrn Metellus, Vlissingen mit Alixes
zusammengebracht. Eine Generation später aber erscheint die
Pflege der Antike als eine Staatsangelegenheit fast im Simne
der Pflege des Glaubens; die Philologen Leidens empfangen
öffentliche Ehrenbezeigungen und, bei einem Handelsvolke nicht
—0
Gehälter; und der Staatenbibel wird die Staatengrammatik des
Gerhard Vossius zur Seite gestellt, aus der der Niederländer
bolle zwei Jahrhunderte hindurch sein Latein gelernt hat.
Aber dieser Aufschwung des niederländischen Humanismus
und der niederländischen Philologie knüpfte nur zu einem ge⸗—
wissen Teile an die Bewegung im inneren Deutschland an. Maß—
gebend wurde für ihn vielmehr der Zusammenhang mit Frank⸗
reich, wie er durch den Calvinismus vermittelt ward, und eine
besondere, eingeborene Anlage speziell für die grammatische und
kritische Behandlung der Texrte.
Die französische Philologie hatte in der zweiten Hälfte
        <pb n="174" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 159

des 16. Jahrhunderts, noch vor den Zeiten, da die italienische
Gelehrsamkeit nicht minder wie die binnendeutsche zusehends
verfiel, einen mächtigen Aufschwung genommen, gefördert ebenso⸗
sehr durch die geistige Regsamkeit der Calvinisten wie durch die
Gunst des Hoses. Große Talente waren hervorgetreten und
hatten die schon vorhandene Richtung vornehmlich auf die stoff⸗
liche und enzyklopädische Bearbeitung des Altertums vertieft.
Es war eine Bewegung, die in den Arbeiten des Triumvirats
Lipsius (1547 -1606), Scaliger (1540 - 1609) und Casaubonus
(1559— 1614) gipfelte: von Lipsius und namentlich Scaliger
wurde sie unmittelbar nach den Niederlanden übertragen.
Hier aber verband sie sich — und eben das bedeutete einen
außerordentlichen Fortschritt — mit dem tiefgrabenden, kritisch⸗
formalen Sinne der Söhne des Landes. Gewiß war ein be⸗
stimmtes Verständnis des Altertums auch dann schon möglich,
wenn man sich an die meist schlechten Texte der ersten Aus⸗
gaben der Autoren hielt, wie sie nach Handschriften gedruckt
worden waren, die Glück und Zufall dargeboten hatten. Allein
eine in jeder Hinsicht gesicherte Auffassung der Antike war doch
nur aus gereinigten, auf Grund voller Kenntnis der gesammten
Überlieferung hergestellten Texten erreichbar. Die Herstellung
solcher Texte aber setzte wiederum die eingehendste Vertiefung
in den Wortlaut, den Sprachgebrauch und die Grammatik der
einzelnen Autoren und damit zugleich deren genaueste formale
Durchdringung voraus. Es sind Zusammenhänge, die Goethe
unübertrefflich in die Worte gekleidet hat: „Man war zuletzt
veranlaßt, den Buchstaben der Werke näher zu untersuchen;
mehrere Abschriften gaben zu Vergleichen Anlaß. Ein richtigeres
Verständnis führte zum besseren Ubersetzen. Dem geistreichen
Manne mußten bei dieser Gelegenheit Emendationen in die
Hand fallen und der reine Wortverstand immer bedeutender
werden.“
Nun waren gewiß diese Aufgaben sowie die höheren Auf—
gaben der Interpretation, insofern diese zum Verständnis einer
Stelle auch analoge Inhalte und nicht bloß analoge Formen
anderer Siellen heranzieht, auch schon vor den Niederländern
        <pb n="175" />
        60

Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

geübt worden: die erste Theorie der Kritik und Hermeneutik
hat noch ein Italiener, Robortello (1516- 1567), in seinem
Buche De arte seu ratione corrigendi antiquos libros auf⸗
gestellt; und auch den Franzosen waren verwandte Aufgaben
nicht fremd. Allein voll erblühte die Kunst der Interpretation
doch erst in den Niederlanden.
Da ist es denn bezeichnend, daß ihr erster großer Vertreter,
Justus Lipsius, ein noch in die Schule der Franzosen gegangener
Niederländer war. Ein wenig achtenswerter Charakter, ein
kirchlicher Renegat, aber ein überaus großes formales Talent,
hat er, sonst einem unsteten Wanderleben ergeben, in den
Jahren 1579 -1590 an der jungen Leidener Hochschule gewirkt,
ndem er vor allem der Kritik und Erklärung der alten Autoren,
insbesondere seines Lieblingsautors Tacitus, lebte. Sein Nach⸗
folger aber wurde ein noch Größerer, Scaliger. Auch Scaliger
darf nicht als hervorragender Charakter gelten; man hat ihm
mit Recht nicht bloß eigentlichen Geschmack, sondern auch Wahr⸗
heitssinn absprechen können; und seine Schicksale waren nicht
minder bewegt wie jene des Lipsius. Wissens chaftlich aber vereinte
er mit der scharffinnigen kritischen Anlage seines Vorgängers
zugleich den Sinn für einen Ausbau der formalen Philologie
zur Archäologie, zur Altertumswissenschaft. Was er hier in
seinem Buche De emendatione temporum (1583) und noch mehr
n dem Thesaurus temporum vom dahre 1606 für die antike
Chronologie und das unmittelbare Verständnis der antiken
Tatsachenwelt geleistet hat, ist auf mehr als anderthalb Jahr⸗
hunderte unübertroffen geblieben. Freilich ist Scaliger auch
hier über eine Archäologie, insoweit sie durch das praktische
Bedürfnis der Interpretation antiker Autoren angeregt ward,
nicht hinausgegangen; ein eigentlich historischer Sinn ist ihm,
wie allen den Realien zugewandten Philologen noch bis zum
Schlusse des 18. Jahrhunderts, abgesehen von ganz wenigen
Ausnahmen, fern geblieben.
Nach dem Tode Scaligers (1609) schloß die eigentliche
Blütezeit der holländischen Philologie. Zwar hat das 17. Jahr⸗
hundert noch eine reiche Ausbreitung philologischer Gelehrsam⸗
        <pb n="176" />
        wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 161

keit gesehen: im Sinne Scaligers wirkte noch der Franzose
Salmasius (1588 1658), wenn auch schon etwas epigonenhaft
trocken, und neben und nach ihm tummelte sich eine große
Schar einheimischer Gelehrten, die beiden Heinsius, Gerhard
Vossius, Gronovius, Junius; sie alle sorgfältigem Studium
der Grammatik ergeben, kühn vermutend, weitschweifig er⸗
klärend, in gewaltiger Anhäufung archäologischen Stoffes. Auch
noch während des 18. Jahrhunderts gedieh in den Nieder⸗
lamben eine weltabgeschiedene Philologie; und in dem nun still
und unergiebig gewordenen Herrscherbereich Ihrer Hochmögenden
kann den Hemsterhuis, Schultens, Burman, Ruhnken, Wytten⸗
bach, Valckenaer nicht so leicht ein Minister oder Diplomat, ein
Dichter oder Maler in seinem Berufe ebenbürtig zur Seite
gestellt werden. Allein das goldene Zeitalter der niederländischen
Philologie war dahin.
Hierfür aber lag der Anlaß nicht allein in dem Rückgange
des Lebens der Republik überhaupt. Die Philologie des
16. Jahrhunderts und noch teilweis des 17. Jahrhunderts war
eine praktische Wissenschaft gewesen; ja die Philologie ist
vielleicht überhaupt, in ihrem engeren Sinne, eine praktische
Wissenschaft. Denn ihre Aufgabe ist zunächst, das Verständnis
der geistigen Erzeugnisse einer fremdgewordenen Vergangenheit
herbeizuführen, um den Inhalt dieser Erzeugnisse der Gegen⸗
wart überschaulich und beherrschbar zu machen. Sie ist darum
in ihrem selbständigen Erblühen an Zeiten der Renaissance ge⸗
bunden; und mit dem Verfall solcher Zeiten wird sie in ihrer
Bedeutung zurückweichen. Freilich bleibt ihr auch dann noch,
insofern sie Interpretationskunst ist, eine große Aufgabe: sie
wird zur Wissenschaft jeglichen geschichtlichen Verständnisses
und damit zu einer der wichtigsten Handhaben für die Er—
weiterung des geistigen Horizontes überhaupt. In diesem Sinne
hat sie shhon im 17. und 18. Jahrhundert der Geschichtswissen⸗
schaft große Dienste geleistet und leistete sie deren im 19. Jahr⸗
hundert noch viel mehr; in diesem Sinne ist sie aber auch nicht
so sehr eine selbständige Geisteswissenschaft wie eine Methode und
eine Voraussetzung historisch⸗geisteswissenschaftlicher Erkenntnis.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 11
        <pb n="177" />
        62 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

IV.

1. Die Geisteswissenschaften zerfallen dem Denken der
Gegenwart, genau wie die Naturwissenschaften, in praktische
und theoretische, angewandte und der unmittelbaren · Beziehung
auf die Sorgen des Tages bare. Angewandte Geisteswissen⸗
schaften sind von alters her Theologie und Jurisprudenz; seit
den letzten Jahrhunderten aber sind neben sie zahlreiche weitere
angewandte Disziplinen in gewaltiger Entwicklung getreten, so
die Pädagogik, die Nationalökonomie u. a.
Die theoretischen Geisteswissenschaften sind, scharf betrachtet,
alle geschichtlich: denn das menschliche Geistesleben vollzieht sich
in der Zeit. Insofern und insoweit die angewandten Geistes⸗
wissenschaften von den theoretischen abhängig sind, ist damit
die Historie die-Mutter und Vormünderin aller Geisteswissen⸗
schaften überhaupt; eine durchaus zentrale Stellung nimmt sie
ein, die ihr durch keinerlei Emanzipation einzelner Disziplinen
geraubt werden kann.
Dies gilt auch von derjenigen Disziplin, die, von anderer
Seite her betrachtet, für die fundamentale der Geisteswissen⸗
schaften gehalten werden könnte, von der Psychologie. Gewiß
isi die Psychologie gleichsam die Mechanik der Geisteswissen⸗
schaften. Allein während die Mechanik ihre Gesetze auf Grund
eines Geschehens aufstellt, das zwar in der Zeit verläuft, aber,
soweit menschliches Urteil und Schauen reicht, in diesem Ver—
laufe keine Veränderungen an sich erleidet, gilt das nicht für
das der Psychologie zugrunde liegende seelische Geschehen.
Gewiß scheinen sich auch in ihm, soweit unsere unmittelbare
Erfahrung trägt, gewisse Arten von Vorgängen ganz ständig
und ausnahmslos zu wiederholen, und dies scheint um so mehr
der Fall zu sein, je mehr sich psychisches Geschehen allgemeinen
Lebensvorgängen überhaupt nähert. Allein das gilt eben auch
nur für diese Teile des seelischen Geschehens. Daneben stehen
andere, von denen für jeden weiteren und zugleich unbefangenen
geschichtlichen Blick aus unmittelbarer Betrachtung der geschicht⸗
lichen Überlieferung feststeht, daß sie sich ändern. Daß dem
        <pb n="178" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 163

aber wirklich so ist, läßt sich auch auf andere Weise dartun.
Darüber, daß es nur eine Mechanik gibt, besteht kein Zweifel;
und deren Gesetze sind, eins nach dem andern, in immer höherer
Integration des Gesamtwissens im Laufe der letzten drei bis vier
Jahrhunderte aus unveränderten Tatsachen abgeleitet worden.
Hat fich aber nun etwa in gleichem Sinne eine Psychologie ent⸗
wickelt? Keineswegs; die Psychologie des 14. und 15. Jahr⸗
hunderts ist qualitativ eine ganz andere gewesen als die des
16. und 17. Jahrhunderts und diese eine andere als die späterer
Zeiten. Um es anders auszudrücken: jedes Zeitalter hat die
Psychologie seines Seelenlebens gehabt. Und wie sollte es
auch anders gewesen sein? Jedes Zeitalter hat eben sein
Seelenleben seiner Lehre von der Seele zugrunde gelegt.
Indem dies der Fall war, und da es gewiß richtig
ist, daß den Geisteswissenschaften die Psychologie als ein sie
leitender Faktor zugrunde liegt, ergibt sich aber, daß die jeweilige
Entwicklung der Geisteswissenschaften, der angewandten wie der
theoretischen und das heißt im Grunde historischen, von der
jeweiligen Entwicklung der Psychologie in hohem Grade ab—
hängig sein muß. In der Tat ist dies so; und wir werden
sehen, inwieweit dieser Zusammenhang zunächst für das historische
Denken des individualistischen Zeitalters zutrifft.
Die Psychologie des 16. Jahrhunderts war noch eine
Psychologie des Wunderglaubens gewesen. Ihr war die Seele
als eine Komplexion von Elementen erschienen, deren Zu⸗
sammenhang durch den magischen Einfluß von Geistern, die
hinter der Ratur waltend gedacht wurden, bestimmt wäre.
Die Psychologie des 17. und teilweis auch des 18. Jahr—
hunderts war die Lehre von jener individualistischen Seele, die
der Außenwelt wie den himmlischen Mächten als etwas Ab—
geschlossenes gegenübertrat, jedem Wechsel nach Zeit und Raum,
aus geographischen etwa oder ethnologischen Gründen, fern, in
ihrem obersten Vermögen nur auf den Verstand gestellt als ein
Gefäß von intellektuellen Kräften, von dem angenommen wurde,
daß es zu allen Zeiten und unter allen Klimaten gleich bleibe.
Die Psychologie seit der Mitte des 18. Jahrhunderts
11*
        <pb n="179" />
        164 F Siebzehntes Buch. Drittes LKapitel.

endlich betrachtete die Seele immer mehr als eine Aktualität;
als einen Schauplatz und Durchgangsplatz gleichsam der ver—
schiedensten psychischen Regungen. Sie trat daher der Frage
nach dem Wesen der Seele und ihrer Kräfte, dem Kardinal⸗
problem der Psychologie des 17. und 18. Jahrhunderts, ferner;
ind den Charakter der seelischen Regungen als solchen rein
empirisch zu erkennen, wurde zu ihrem vornehmsten Ziele.
Diese Entwicklung der Seelenlehre — und des ihr zu—
grunde liegenden Seelenlebens — erklärt es, warum das, was
wir heute historische Auffassung nennen, erst den letzten andert⸗
halb Jahrhunderten angehört; denn erst diese erkennen die
psychischen Eigenschaften genauer, die, über das Individuum
hinausgehend, die Vergesellschaftung der Individuen und damit
auch das geschichtliche Leben, wie wir es verstehen, bedingen.
Die vorhergehende psychologische Periode des 17. und 18. Jahr⸗
hunderts dagegen bleibt bei ihrer Auffassung der Persönlichkeit
diesen tieferen Gründen des geschichtlichen Lebens fern; nur
das Wirken der Einzelpersönlichkeit, des historischen Helden,
konnte sie begreifen. Sie sah daher den geschichtlichen Ver—
lauf als begriffen an, wenn sie ihn aus den Motiven der
leitenden Persönlichkeiten abzuleiten vermochte: es ist die große
Zeit des Pragmatismus, von der wir an einer späteren Stelle
noch genauer hören werden.
Was endlich die hier zur Betrachtung stehende Periode
des 16. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts angeht, so erlaubte dieser die geltende Psychologie
üͤberhaupt noch keine Art des geschichtlichen Verständnisses, die
sich vom Wunderglauben und uns höchst unwahrscheinlich er⸗
scheinenden Analogieschlüssen völlig ferngehalten hätte.
Und dem entsprach denn natürlich der Zustand der theo⸗
retisch-historischen Geisteswissenschaften dieser Zeit. Insofern
die Auffassung des geschichtlichen Stoffes in Frage kam,
steckten sie noch aufs tiefste in einer willkürlichen, ins Trans⸗
scendente abschweifenden Motivierung; und auch soweit sie sich
dieser persönlich-willkürlichen Motivierung enthoben, galt für sie
mmer noch die aus dem christlichen Offenbarungsglauben des
        <pb n="180" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamis mus u. Naturalismus. 165

Mittelalters herübergerettete historische Metaphysik der Kirchen—
väter.

Für das, was persönliche Durchdringung des historischen
Stoffes in dieser Zeit bermochte, gibt es wohl kein charakte⸗
ristischeres Beispiel als dasjenige Luthers. Für ihn sind Evan⸗
gelium und Teufel, Gott und Satanas noch die großen hinter der
Welt der geschichtlichen Erscheinungen stehenden Kräfte. Und der
geschichtliche Verlauf des letzten Jahrtausends besteht ihm darin,
daß der Teufel die Kirche dem Papsttum unterworfen hat, in⸗
dem er sich vermöge seiner Werkzeuge, der Irrlehrer, in die
Schrift einschlich. Nachdem er so in die Schrift hinein⸗
gekommen, „brach und riß er aus zu allen Seiten und richtete
ein solches Gerümpel in der Schrift an“, daß auch deren
Feinde sich auf sie berufen konnten und können. So sind der
Papst und Mahomet groß geworden, so noch heute die Ketzer.
Freilich: „Papatus est principis Satanae pestilentissima
abominatio.“
Eine Auffassung des geschichtlichen Verlaufes, die in dieser
Art auf einfache und klare Gegensätze zugespitzt wäre, begegnet
nun freilich in den zahlreichen Chroniken des 16. Jahrhunderts,
die den wolt⸗ oder nationalgeschichtlichen Stoff überliefern, nur
selten; wo aber ein allgemeineres Denken auftaucht, da läuft
es doch meist auf eine der lutherischen sehr ähnliche, nur un⸗
gleich zahmer zum Ausdruck gebrachte Anschauung hinaus.
Dabei hielt man aber anderseits noch die alte universalistische
Betrachtungsweise des Mittelalters fest, welche die Weltgeschichte
nach den Prophezeiungen Daniels in sechs Weltalter teilte,
deren letztes von Christi Geburt bis zum jüngsten Gerichte
reichen werde. Denn dieses supranaturale System, begründet
von seiten Julius Africanus', aus der Heiligen Schrift weiter
gefördert durch Eusebius, Hieronymus und Augustin, durch die
Throniken Isidors von Sevilla und Bedas dem Mittelalter
als allgemeinste Grundlage seiner geschichtlichen Betrachtungen
vermittelt, entsprach im ganzen auch noch den geschichtlich—
psychologischen Grundlagen der historischen Anschauung des
16. Ind'der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts: noch Johann
        <pb n="181" />
        166 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Sleidan (4 1556), vielleicht der hervorragendste deutsche
Historiker dieser Zeit, nennt seine Weltchronik im Anschluß an
die universalistische Periodisierung „De quatuor monarchiis“;
noch im Jahre 1666 wurde diese Periodisierung vom Kurfürst
Johann Georg II. für das in Schuldingen besonders fort—⸗
geschrittene Sachsen vorgeschrieben; und noch 1728 sogar hat
der Wittenberger Theologieprofessor Jan die alte Auffassung
mit allem Aufwand scholastischer Gelehrsamkeit verteidigt.
Freilich hatte inzwischen, schon einige Generationen früher,
Conring eine neue weltgeschichtliche Einteilung in alte, mittlere
und neuere Geschichte vorgeschlagen, und diese war seit
Cellarius (1688) zu steigender Aufnahme gelangt.
Dem Charakter der weltgeschichtlichen Auffassung entsprach
natürlich der Charakter der geschichtlichen Meinungsäußerung
im einzelnen. Überall tauchten neben der trockenen Überlieferung
des historischen Stoffes, die mit Eifer gepflegt wurde und schon
zur Herstellung größerer Sammlungen der Werke früherer Ge—
schichtschreiber führte, noch die krausesten Deutungen historischer
Ereignisse und die wunderlichsten Konstruktionen ihrer Zu—
sammenhänge auf; und nur in den hervorragendsten Werken
wirkte allmählich der Einfluß des Humanismus und damit des
antiken Menschenverstandes mildernd: so etwa in Sleidans
Kommentarien De statu religionis et reipublicae Carolo V.
Oaesare oder in Hoofts dem Tacitus nachgebildeter nieder—
ländischer Geschichte der Jahre 1555 bis 1587.
Dabei wurde aber eine wirkliche Befreiung von der her—
gebrachten Auffassung doch schon durch die erwachende historische
Kritik vorbereitet, und gegenüber der wundergläubigen Moti—
vierung wirkte diese Kritik ähnlich wie die realistische Natur—
forschung eines Stevinus und Galilei gegenüber dem Pan⸗
dynamismus des 16. Jahrhunderts. Nur daß sie, obwohl in
ihrer späteren befestigten Stellung gleich der realistischen Natur⸗
—
naturale, der vernünftigen Betrachtung der Dinge, in einzelnen
Leistungen aus besonderen Gründen bereits früher einsetzte als
diese. In der Richtung ihrer Ausbildung wirkte schon im
        <pb n="182" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 167

15. Jahrhundert der Bruch mit der Vergangenheit, den die
Humanisten wenigstens für ihre Person vollzogen, dann im
16. Jahrhundert unendlich viel tiefer die ungeheure Kluft, die
die Reformation zwischen Mittelalter und Neuzeit befestigte,
dazu nun auch das wachsende praktische Bedürfnis, einige ge—
schichtliche Quellen, so vor allem das Neue Testament, dann
aber auch die wichtigsten Denkmäler der Kirchen- und Profan—
geschichte sowie die Schriften der Alten durchaus richtig, d. h.
historisch zu verstehen.
So finden sich denn die ersten Spuren eingehender Kritik
schon im 15. Jahrhundert: bereits der Kardinal Nikolaus von
Kues hat auch auf diesem Gebiete einschneidend gewirkt. Um—
fassend aber wurde die historische Kritik doch erst zu der Zeit
entwickelt, da der Protestantismus beflissen war, aus einer zer⸗
setzenden Erörterung der Vergangenheit des Katholizismus neue
Kräfte zu gewinnen. In diesem Sinne war es die kritische
Weiterführung und Prüfung zugleich der lutherischen Geschichts⸗
anschauung, wenn in den Jahren 1559 bis 1574 eine Anzahl
protestantischer Gelehrter unter der Leitung des Flacius Illyricus
eine ausführliche, bis zum 14. Jahrhundert fortgeführte Kirchen⸗
geschichte, die sog. Magdeburger Eenturien, erscheinen ließen,
die der katholischen Überlieferung mit scharfer und vielfach sieg—
hafter Kritik eine neue evangelische Auffassung entgegenstellte.
Natürlich erfolgte hierauf seitens der katholischen Kirche der
Gegenschlag; er liegt vor in den stoff⸗ und baͤndereichen Annales
occlesiastici des Kardinals Baronius (1588 -98).
War es so im 16. Jahrhundert schließlich doch vor allem
der Gegensatz der Konfessionen, aus dem der kritische Sinn
Stärkung erfuhr, so spielten im 17. Jahrhundert die Bella
diplomatica eine verwandte, wenn auch nicht gleich wichtige
Rolle. Die deutschen Landesherren waren damals noch in
eifrigen Bestrebungen der Abrundung ihrer Territorien, viel⸗
fach unter Vergewaltigung der kleineren Reichsstände, begriffen.
Es woren Vorgänge, die früher, im 14. und 15. und auch noch
im 16. Jahrhundert, leicht zu gegenseitiger Befehdung geführt
hatten. Jetzt war eine so radikale Behandlung kleinerer terri—
        <pb n="183" />
        —168 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

torialer Streitfragen der Regel nach ausgeschlossen; an die
Stelle der lokalen Fehden waren endlose Prozesse vor den
obersten gerichtlichen Instanzen des Reiches getreten. Bei der
Entstehungsart des alten Reichsrechts mußten sie meist durch
Darlegung früherer Privilegierungen seitens der Kaiser geführt
werden, und da auf diesem Gebiete vielfach Fälschungen vor⸗
lagen oder wenigstens von der Gegenpartei behauptet wurden,
so wurde neben eingehenden staatsrechtlichen Kenntnissen die
Urkundenlehre eine Hauptwaffe zu Verteidigung und Angriff:
was eine nicht unbedeutende Entwicklung der historischen Kritik
aach dieser Seite herbeiführte.
Indes mit allen diesen Fortschritten wurde doch nicht er⸗
zielt, was allein der historischen Richtung der Geisteswissen⸗
schaften zu weiterer wahrhafter Entwicklung hätte verhelfen
können: ein höherer geschichtlicher Sinn. Gewiß ist eine solche
Disziplinierung des kritischen Sinnes, eine solche Anhäufung
kritischer Erfahrungen bis zur Höhe der Anfänge einer ab⸗
geschlossenen historischen Forschungsmethode geeignet, das Tat⸗
sachenmaterial der Vergangenheit gesichteter vorzulegen und
damit auch manchen Auswuchs einer kausalitätswidrigen Auf—
assung zu beseitigen. Allein hierüber hinaus führt sie nicht.
Sollte es zu einer höheren wissenschaftlichen Durchdringung des
toten Wissens kommen, so bedurfte es vor allem der Entwick—
lung eines allgemeinen rationalen Werkzeuges der historischen
Auffassung, mit dem diese imstande war, den gesamten ge⸗
schichtlichen Stoff zu erfassen. Ein solches Werkzeug, eine
solche Methode der Auffassung erstand aber erst, wenn auch
zunächst noch in den einfachsten Formen, in dem Pragmatismus
des 17. und 18. Jahrhunderts. Einstweilen dagegen behauptete
die praktische Richtung der Geisteswissenschaften das Feld.

2. Sollten aber die Geisteswissenschaften des 16. und
17. Jahrhunderts der Gegenwart dienen, so gab es für sie
keine würdigeren Gegenstände der Beschäftigung als Kirche und
Staat: angewandte Geisteswissenschaften also, Jurisprudenz und
Theologie mußten im Vordergrunde des Interesses bleiben.
        <pb n="184" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 169

Diese beiden Wissenschaften repräsentierten dabei noch ein—
mal klar jenen Dualismus, in dem sich die Anschauungen der
mittelalterlichen Lehre vom Reiche des Geistes gegenüber dem
Reiche der Natur ausgesprochen hatten. Denn der mittelalter⸗
lichen Weltanschauung war das Reich des Geistes, von Gott als
ein Analogon nicht nur, sondern als die eigentliche Grundlage des
Reiches der Natur geschaffen, in zwei Elemente, einen Universal⸗
staat und eine Universalkirche, zerfallen.
Es war eine Auffassung, in der sich die tiefsten Grundlagen
mittelalterlichen Geisteslebens überhaupt widergespiegelt hatten:
der christliche Offenbarungsglaube mit seinem Ideal eines Hirten
und einer Herde und der gebundene Genossenschaftsbegriff, dem
jede Vereinigung von Menschen, da sie ihrer geringen geistigen
Differenzierung wegen ganz in ihr aufzugehen schienen, als
Körperschaft, als organisches Gebilde erschienen und darum der
Begriff der Menschheit nicht anders als in einem organisch ge—
gliederten Universalstaat denkbar gewesen war.
Universalstaat und Universalkirche waren somit dem Mittel⸗
alter die beiden Seiten des Reiches des Geistes, des mystischen
—ED
da ist Christus. Und wie sie aus der Einheit des mystischen
Körpers als genossenschaftliche Bildungen hervorgegangen waren,
so erflossen aus ihren Einheiten wiederum harmonische Vielheiten
tieferer genossenschaftlicher Körper, der Reiche und Landes—
kirchen, der Territorien und Diözesen, der Geschlechter und
Pfarreien: alles Abbilder Gottes, alles Einzelkörper organischen
Charakters mit eigenem Leben, von selbständigem Werte und
mit besonderen Zwecken. Wahrlich: eine großartige Ansicht, die
im späteren Mittelalter in völlig geschlossener Tektonik aus
dem geistlichen und weltlichen Denken zugleich auferbaut er—
scheint: in dem Buche Von der katholischen Harmonie (De concordantia
 catholica; zwischen 1481 und 1483) des Kardinals
Nikolaus von Kues hat sie noch einmal einen vollendeten Aus—
druck gefunden.
Allein um diese Zeit war sie doch schon durch den Gang
der kirchlich-politischen Ereignisse wie durch eine feindliche
        <pb n="185" />
        170 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Theorie schwer geschädigt, ja fast bis zum Einsturz unter—
höhlt werden.
Was war denn in Wirklichkeit aus dem theoretisch so fein
konstruierten organischen Aufbau der Kirchenverfassung ge⸗
worden? Immer mehr hatte sich das Papsttum dieser als eine
absolute Gewalt entwunden und ihre alten Zusammenhänge
auseinandergedrängt; dann hatte sich zwar die konziliare Be⸗
wegung der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gegen die zer⸗
störenden Einflüsse des Papsttums gewandt, — aber im ganzen
vergebens: nur höher stieg in der Folgezeit der papale Ab⸗
solutismus.
Und war das Schicksal des Universalstaates nicht noch
bedauernswerter gewesen? Von jeher gegenüber der wahren
Meinung der Theorie unwirklich, ein bloßes Ideal, war er
auch in seinem minderen tatsächlichen Bestande vom Papsttum
bekämpft und schließlich unterdrückt worden: und nur seine
blasseste Vorstellung, sein abstraktester Gedanke schien noch zu
bestehen. Gegen diesen aber trat seit dem 18. Jahrhundert ein
mindestens ebenbürtiger Feind auf dem gleichen ideellen Gebiete
der Staatslehren auf den Plan: die Theorie des Aristoteles. Sie
trennte den Staat von der Kirche, sie zerriß das Gedankengewebe
der organischen Staatsvorstellung auf dem Grunde der mittel⸗
alterlichen Genossenschaftsidee; sie sah den Staat nicht mehr als
eine unmittelbar von Gott herrührende Einrichtung an, sondern,
in der Form wenigstens, in der sie im Mittelalter aufgenommen
ward, nur für eine Menschenschöpfung, hinter der Gott als
entferntere, wenn nicht entfernteste Ursache walte: Menschen
bilden den Staat, wählen die Obrigkeit und unterstellen sich
ihr, ohne daß diese, da sie Gott nicht unmittelbar entstammt,
un klarsten und direkten göttlichen Auftrage wirken könnte.
Es war die Entgöttlichung des Staates. Drang sie schon
tief in die Lehren der Scholastik ein, von der Kirche deshalb
weniger bekämpft, weil sie dieser das Privilegium alleinigen
unmittelbaren Zusammenhanges mit Gott zu sichern und sie
damit über den Staat zu erhöhen schien, so wurde sie um so
enthufiastischer vom Humanismus aufgenommen. Ihre Staats⸗
        <pb n="186" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 171

betrachtungen waren ja antik-heidnisch gefärbt, und an die
Stelle der göttlichen Inspiration war in ihr als Grundlage
des staatlichen Lebens schon die Annahme eines religiös
indifferenten Naturrechts getreten.
Aber inzwischen war auch schon die mittelalterlich-genossen⸗
schaftliche Grundlage der alten Staatslehre unmittelbar an⸗
gegriffen worden.
Es geschah zunächst nur theoretisch, aus einer reinen Ent—
wicklung der Rechtswissenschaft heraus. Die Idee der deutschen
Genossenschaft im Sinne der Körperschaft, obgleich maßgebend
für unzählige öffentlich-rechtliche Bildungen des späteren Mittel—
alters, hatte gleichwohl von der deutschen Rechtswissenschaft
nicht zu einer Theorie von klar durchgebildeten und rein—
geschliffenen Begriffen entwickelt werden können: denn diese
Wissenschaft war ihrer geistigen Potenz nach im Mittelalter
noch kaum über die Fähigkeit bloßer Kodifikation des positiven
Rechtes hinausgewachsen. Wohl aber war dieser heimischen,
noch in den frühesten Entwicklungsstufen befindlichen Disziplin
seit dem 13. Jahrhundert in der römischen Rechtswissenschaft
eine bis ins einzelnste vollendete wissenschaftliche Bearbeitung
eines fremden Rechts verderbenbringend entgegengetreten. Frei—
lich hatte nun diese römische Jurisprudenz von vornherein fast
keinerlei unmittelbare Beziehungen zum mittelalterlichen Staate,
denn das öffentliche Recht Roms wich von dem des deutschen
Mittelalters zu sehr ab, um durch irgend eine Rezeption hin—⸗
durch stärker wirksam zu werden; wohl aber zog sie eben des—
halb schon seit der Glosse die Erörterung schwebender staats—
rechtlicher Fragen im Anschluß an das Corpus iuris in mittel⸗
barer Weise in den Kreis des Zivilrechts. Und hier fand sich
nun für den deutschen öffentlich-rechtlichen Begriff der Genossen—
schaft nur ein durchaus privatrechtlich gedachter entsprechender
Begriff vor, der der societas im Sinne einer vom Staate als
dem Quell alles öffentlichen Rechtes ausdrücklich zu bestätigenden
fiktiven Rechtspersönlichkeit. Da war es nun klar, daß dieser
Begriff in seiner Anwendung auf die deutschen Genossenschaften
deren Leben langsam zerstören und in seiner Anwendung auf
        <pb n="187" />
        172

Siebzehntes Buch. Drittes LKapitel.

die mittelalterliche Staatstheorie deren weltliche Grundlage be⸗
seitigen mußte.
Diese letztere Folge trat schon im 16. Jahrhundert ein.
Die erste dagegen wurde erst im Laufe des 16. bis 18. Jahr⸗
hunderts zur Wirklichkeit. Da sahen bereits Arnisaeus und
Bonitz in den Korporationen nichts mehr als staatliche Ab⸗
teilungen für Verwaltungszwecke, und auf ihren Standpunkt
traten so ziemlich alle Handbücher des Staatsrechts seit dem
17. Jahrhundert. Da kamen weder Pufendorf, trotz seiner
Lehre von den personae morales compositae, noch sein Nach⸗
folger Thomasius dem alten deutschrechtlichen Begriffe noch zu
Hilfe, und auch die praktische Jurisprudenz neigte sich seit
Mitte des 17. Jahrhunderts dem römischen Rechte zu und
suchte die ältere Auffassung nur noch aus konservativen Gründen
mit Nebenmitteln zu schützen, — bis sie im 18. Jahrhundert
gänzlich beseitigt wurde.
Ehe indes dieser Ausgang eintrat, war die mittelalterliche
Genossenschaft von dem Fortschritte des geschichtlichen Lebens
selbst bis zu einer der Hauptsache nach nur noch historischen
Bedeutung abgeschwächt worden. Das 16. Jahrhundert hatte
den Individualismus aus allen Poren des geschichtlichen Körpers
hervorbrechen sehen; schon Luther hatte über den tatsächlichen
Verfall auch der freieren Formen der mittelalterlichen Genossen⸗
schaft zu klagen gehabt: bald standen sich in der allgemeinen
Anschauung nur noch souveränes Individuum und souveräner
Staat gegenüber, und die Zwischenverbände zwischen beiden er⸗
wartete das Schicksal der Zerreibung. Und damit wurde denn
allerdings die genossenschaftliche Grundlage des mittelalterlichen
Staates und der mittelalterlichen Staatslehre in jedem Be—
trachte beseitigt.
Inzwischen aber schien es doch, als ob der anderen Basis
dieses Staates, dem Offenbarungsglauben, in der Reformation
eine neue Auferstehung, wenn auch in anderen Formen, winke.
Das unmittelbare Ziel jeder Art der Reformation war
die Vergöttlichung des Menschen: indem der Einzelne Gott
ohne jeden Mittler, es sei denn die an sich schon göttliche
        <pb n="188" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 173

Person Christi, nahetrat von Stunde zu Stunde, fiel ein
ständiger direkter Abglanz der Gottheit in sein Leben. Und
mit dem einzelnen wurden auch die staatlichen Gemeinschaften
des Christenvolks und ihre Vorstände von Gott unmittelbar
erfaßt: alle Obrigkeit war von Gott.
Allein die Folgerungen, welche die einzelnen Konfessionen
aus dieser Grundlehre zogen, waren sehr verschiedener Natur
und führten zu entgegengesetzten Ergebnissen. Luther erneuerte
jene Seite des Urchristentums, die uns die Gemeinden in
widerstandslosem Gehorsam zeigt gegenüber den Verfolgungen
der Cäsaren. Denn die Kirche war ihm die unsichtbare Ge⸗
meinde der Heiligen und darum kein Rechtsbegriff: und so er⸗
schien ihr gegenuͤber der Staat äußerlich allmächtig. Nun ist
Luther zwar allmählich, dem außerweltlichen Idealismus dieser
Lehre untreu, zur Verstattung von Gegenwehr gegen die Obrig⸗
keit übergegangen, falls die Religion bedrängt, Zwang zur
Idolatrie versucht oder unrechte Gewalt seitens der Obrigkeit
angewendet würde. Aber es geschah zu spät; der Staat hatte
schon gesiegt; eine Lehre der neuen Auffassung wurde nicht
mehr ausgebaut: und die Gebiete lutherischen Lebens blieben
für die Erörterung allgemeiner staatsrechtlicher Fragen auf
lange hin unfruchtbar.
Ganz anders verlief die Entwicklung im Kreise der re—
formierten Konfessionen. Schon Zwingli schien es, als ob die
Vergöttlichung von Laien und Obrigkeit erfordere, daß die
Christenlehre den Staat ganz beseele. Und hier galt ihm nun
als für den Staat beherzigens- und nachahmenswertes Beispiel
die republikanische Verfassung der christlichen Urgemeinde: und
auch für monarchische Staaten gelangte er mindestens zur Vor⸗
stellung einer eigentlichen Souͤveränität des Volkes: darum
billigte schon er die Absetzung schlechter Herrscher durch in sich
uübereinstimmenden Willen des Volkes. Dem Ideal Zwinglis
aber folgte auch Calvin, und er überlieferte es der französischen
Ligue. In den französischen Reformationskämpfen aber diente
dies Ideal dann zur Verteidigung gegenüber den Versuchen des
Königlums, die neue Konfession zu unterdrücken. und erhielt daher
        <pb n="189" />
        174 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

die Ausbildung einiger gerade für diesen Zweck besonders ge⸗
eigneter Theoreme. Es geschah in dem Sinne, daß die Sou⸗
veränität des Volkes ganz allgemein mehr betont wurde, auch
abgesehen von der für sie in Anspruch genommenen christlich⸗
reformierten Lehre. In dieser Richtung, für eine aus rein ver⸗
nünftigen, nicht mehr Offenbarungsgründen folgende Volks-⸗
souveränität, ließen sich schon einige Aussprüche Calvins an⸗
führen; die Lehre wenigstens, daß es dem Volk erlaubt sei,
einem zum Tyrannen gewordenen Herrscher zu widerstehen und
über ihn zu Gericht zu sitzen, ist dann in Languets Buch
Vindiciae contra tyrannos (1569) schon ganz entwickelt und
wird weithin verbreitet in den den Tagesinteressen unmittelbar
zugewandten Schriften der sogenannten Monarchomachen.
Und so war denn auf dem Gebiete der allgemeinen Staats⸗
lehre der Offenbarungsgedanke von den Lutherischen zwar bei—
behalten, aber nicht ausgebaut worden, während er bei den
Reformierten da, wo er anfangs besonders entwickelt worden
war, seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als im
Schwinden begriffen erschien.
Und in dieser Richtung griff nun auch die katholische
Kirche ein. Sie hatte schon im späteren Mittelalter die Lehren
begünstigt, welche dem Staat seinen göttlichen Charakter ent⸗
zogen, um ihn besser beherrschen zu können: jetzt, im Zeit⸗
alter beginnender Gegenreformation, dauerten diese Tendenzen
fort. Und so trat neben die calvinistischen eine Schar katho—
lischer Monarchomachen.
Wenn nun aber die Kirchen selbst im Begriffe waren, den
Staat seines göttlichen Charakters zu entkleiden und für die
Staatslehre die bisher vorhandenen Schranken des Offenbarungs⸗
glaubens niederzureißen: wer hätte sie denn aufrechterhalten
sollen? Neben dem Gemnossenschaftsbegriff fiel auch diese zweite
Begrenzung und Stütze der älteren, mittelalterlichen Staats—
anschauung.
Klar und einfach trat jetzt demgegenüber aus den
bisher vorhandenen Umhüllungen die Staatsidee des 16. bis
18. Jahrhunderts hervor: das Naturrecht, der Gedanke, daß
        <pb n="190" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 175

der Staat eine Schöpfung der menschlichen Vernunft als der
führenden Kraft der menschlichen Seele sei — jener Ver—
nunft, die freilich ihrerseits als die besondere Gabe Gottes an
das Menschengeschlecht betrachtet wurde, so daß eine entfernte
Beziehung des Staates zu Gott immerhin noch gewahrt blieb.
Nun hatte diese naturrechtliche Entwicklung allerdings auch
schon im Mittelalter begonnen. Aber sie war damals Ausdruck
des Denkens weniger hochbegabter, von der aristotelischen Politik
beeinflußter Naturen gewesen und hatte Verbreitung erlangt vor⸗
nehmlich als willkommenes Kampfmittel in dem Streite zwischen
Kirche und Staat; wie sie denn in dieser Hinsicht bis auf
die katholischen Monarchomachen gedient hat. Jetzt dagegen,
im individualistischen Zeitalter, ging die Aufnahme und Ent—⸗
wicklung der neuen Lehre aus den Tiefen der nationalen Seele
hervor. Charakteristisch ist in dieser Beziehung, daß sie sich
bei den fortgeschrittensten nationalen Denkern, den Wieder—
täufern, am ehesten findet: schon Sebastian Franck hat die Ver—
nunft für einen Brunnen allen menschlichen Rechtes und des—
halb über alle geschriebenen Rechte erklärt.
Aber das hinderte nicht, daß diese Entwicklung, wie so
viele freiere Bewegungen des 16. Jahrhunderts, noch eine
Stütze erhielt in dem Wiederaufleben der innerlich dem in⸗—
dividualistischen Streben so eng verwandten römischen Über—
lieferung. In der Tat entstammen ihr gewisse Anfänge der
wichtigsten Lehren des späteren Naturrechts: der Lehre von den
allgemeinen Menschenrechten und der Lehre von der Sou—
veränität des Staates.
Das erste, was entsprechend eigenen leise auftauchenden
Wünschen und Strebungen von der antiken Welt angeeignet
wurde, war eine Anzahl juristischer und politischer Grund—
begriffe: der von der rechtlichen Gleichheit aller Staatsbürger,
von der persönlichen Freiheit, vom Rechte des Privateigens,
von der unverbrüchlichen Geltung privatrechtlicher Verpflich—
tungen u. a. m. Sie galten den Alten als natürliches Recht,
und als solches gingen sie in die allgemeineren politischen
Schriften des 16. und 17. ZJahrhunderts, in Scioppius'
        <pb n="191" />
        176 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Paedia politices z. B. und die vielgelesene, obgleich seichte
Politik des Lipsius (1612) über. Es sind, wenn nicht An⸗
fänge, so doch Vorläufer der späteren Lehre von den Menschen⸗
rechten.
Aber neben dieser allgemeinen Anregung stand eine
spezielle. Wir erinnern uns, daß die Bearbeitung staatsrecht⸗
licher Fragen seitens der römischen Jurisprudenz des Mittelalters
schon ganz zivilrechtlich geworden war: eine Entwicklung, die
auch im 16. Jahrhundert und in gewissem Sinne bis zur
Gegenwart fortgedauert hat, wenn auch, seit dem Marburger
Professor Vigelius (1529 1600), immer wieder und mit stets
weitergreifenden Mitteln der Versuch gemacht worden ist, von
ihr loszukommen. Die Behandlung der naturrechtlichen Pro—
bleme seitens der römischen Rechtswissenschaft mußte also im
ganzen eine zivilistische werden. Nun war, gründete man den
Staat auf die Anschauung, daß er ein Erzeugnis menschlicher
Rechtsvernunft sei, natürlich die erste Frage: wie dann seine
Entstehung gedacht werden müsse? Und darauf ergab sich
seitens des römischen bürgerlichen Rechts die einfache Antwort:
durch einen Vertragsschluß aller ihm ursprunglich Angehörigen,
einen rechtlichen Willensakt, dem weiterhin noch ein zweiter
gefolgt sein müsse, worin die Befugnisse der Regierung fest⸗
gesetzt worden wären. Das war nun zugleich eine Lösung des
Problems, wie sie dem individualistischen Zeitalter ganz aus
dem Herzen gesprochen war: die einzelnen Individuen nur als
Summe, wobei jedes für sich stehen blieb, als societas, nicht
als mittelalterlich-genossenschaftliche univorsitas, als Körper⸗
schaft, hatten den Staat durch einen bestimmten Willensakt be—
grundet: nicht geworden, geschaffen war dieser Staat, und nicht
organisch, mechanisch vielmehr fand man sich in ihm geeint.
War dies aber der Fall, so stand über den Individuen nichts,
als die vertragsmäßig fixierte Willensmeinung aller, d. h. die
absolute Souveränität des Staates: Staatssouveränität darum
des Naturrechtes, das war der wichtige Beitrag, den die
römische Jurisprudenz, aus dem Geiste freilich des Individua⸗
lismus des 16. bis 18. Jahrhunderts heraus, in diesem Zu—
        <pb n="192" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 177

sammenhang zur Begründung einer neuen Lehre vom Staate
geleistet hat.
Dieser neuen Staatssouveränität gegenüber erschien dann
die Frage nach der Staatsform, wie man sie nach den alten
Kategorien des Aristoteles: Monarchie, Aristokratie, Demokratie
stellte, erst an zweiter Stelle wichtig. Ging man indes auf sie
ein, so ergaben sich nach der bestehenden politischen Lage
Europas eigentlich nur zwei der drei Möglichkeiten als ge—
nauerer Untersuchung wert: die absolute Monarchie und die
absolute Demokratie; die eine schien in den meisten weltlichen
Staaten vertreten, die zweite bildete das kirchliche und in ge—
wissem Sime auch staatliche Ideal des Calvinismus; die ab—
solute Aristokratie fand kaum Beachtung.
Die Staatslehre der absoluten Monarchie hat zuerst der
Franzose Bodinus (1577) entwickelt; die Staatslehre der ab—
soluten Demokratie ist am frühesten von einem deutschen Cal—
vinisten, Althus (1603), aufgestellt worden. Aber entsprachen
nun diese beiden Lehren wirklich dem Leben? An Althus hat
erst Rousseau wieder angeknüpft: erst seit der Mitte des
18. Jahrhunderts, ganz am Ausgang des individualistischen
Zeitalters, trat die im Begriff der Staatssouveränität ruhende
Möglichkeit eines absoluten Demokratismus ins Leben, um auch
dann noch revolutionär zu wirken. Aber auch die Lehren des
Bodinus hielten sich, wenigstens für deutsche Verhältnisse,
keineswegs innerhalb derjenigen Schranken der Wirklichkeit, die
eine allgemeine Staatslehre beachten muß, um unmittelbar
praktisch zu wirken.
Eine gewisse Lösung brachte auf deutschem Boden erst
Hugo Grotius (1583—1645). 8war hat Grotius im inneren
Deutschland einige Vorläufer gehabt, neben Althus etwa Olden⸗
dorp, Flemming, Winkler, Meißner, im ganzen aber verbleibt
der Ruhm eines vorläufigen Abschlusses auf diesem Gebiete
doch der großen Zeit und einem großen Sohne der Nieder⸗
lande. Grotius zog vor allem, obwohl frommer Calvinist,
strenger als irgend einer seiner Vorgänger, die Konsequenzen
des Naturrechts gegenüber dem Offenbarungsglauben. Genau
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 12
        <pb n="193" />
        178 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

schied er das ius humanum von dem ius düivinum, dem
speziellen Kirchenrecht, für das allein er die Grundlage der
göttlichen Offenbarung zuließ. Die Rechtsbegriffe des ius
dumabom aber, die Menschenrechte, suchte er zu einer rationalen
Stabilität gleich der der mathematischen Axiome zu entwickeln:
es ist eine Richtung, die Hobbes später in der unmittelbaren
Anwendung der mathematischen Methode auf die Staatslehre
fortgesetzt hat. Und diese Begriffe sind ihm allein in den ge⸗
sellschaftlichen Trieben begründet und beruhen auf der Über⸗
einstimmung der Vernunft der Nationen. Vom gesellschaftlichen
Trilebe aus ist auch der Übergang zum Staate zu erklären.
Eben darum ist der einzelne Mensch älter als der staatliche
Verband; und deshalb ist alles Verbandsrecht und mithin die
Staatsgewalt selbst nur Inbegriff ausgeschiedener und zusammen⸗
gelegter Individualrechte: der Souveränität des Staates steht
Zie Souveränität des Individuums gegenüber. Beim Eingehen
des staatlichen Vereins aber sind zwei Verträge gleich ursprüng—
licher Art zu unterscheiden: der Gesellschaftsvertrag, der das
Recht der Gemeinschaft, und der Herrschaftsvertrag, der das
Recht des Herrschers begründet; und in ihrer gegenseitigen
ausgleichenden Betätigung verläuft die Wirklichkeit des Staats—
lebens. Man sieht das freilich mehr theoretisch gefundene als
schon praktisch ausgebaute Kompromiß, aus dem später Pufen⸗
dorf und Thomasius die Lehre vom aufgeklärten Despotismus
entwickeln konnten, und das sogar bereits Keime enthält für die
Lehre von der konstitutionellen Monarchie, soweit sie noch indivi⸗
dualistischen Charakters ist r.
Aber über diese Lehren hinweg übertrug Grotius den Ge⸗
danken des Naturrechts in seinem Buche De iure bolli et
pacis (1625) noch auf ein anderes, bisher kaum in genauere Be⸗
trachtung gezogenes Gebiet. Der mittelalterliche Offenbarungs⸗
glaube im Zusammenhang mit der genossenschaftlichen Idee

über diese Zusammenhänge, insbesondere die praktische Bedeutung
der voll entwickelten Staatslehre des Individualismus, wird später noch
zingehender zu handeln sein.
        <pb n="194" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 179

hatte zu dem Ideal eines großen Universalstaates als der
eigentlichsten Form menschlichen Gemeinlebens geführt: aber die
Idee war schon im Mittelalter ein schöner Traum geblieben;
und seit der Erweiterung der Kenntnis der Erde um die Wende
des 15. Jahrhunderts war sie in ihrer alten Form vollends
dem Untergang geweiht. Jetzt entwickelte Grotius aus der
verkehrsreichen Perspektive seiner Heimat heraus ein neues Ideal
menschheitlichen Zusammenhangs. Wie die Individuen sich zu
Staaten verbunden hatten, so sah Grotius die geschichtliche
Zukunft charakterisiert durch die Versuche der Staatsindividuen,
zu höheren staatenbundlichen Vereinigungen zusammenzutreten:
der Gedanke eines allgemeinen Völkerbundes und eines univer—
salen Weltfriedens kündigte sich an. Und aus diesen ge—
waltigen, wenn auch noch luftigen Konstruktionen leitete Grotius
schon etwas sehr Reales ab: den Gedanken eines allgemeinen,
die einzelnen Staatsrechte verbindenden Völkerrechts. So ist
er zum Schöpfer jenes modernen, nicht mehr in allgemeinen
Rechtsgrundsätzen aufgehenden, sondern in sehr realen Be⸗
stimmungen ausgeprägten ius gentium geworden, das, anfangs
kaum allgemein gelehrt, schließlich doch die Praxis erobert hat,
eine erste Grundlage neuzeitlichen internationalen Verkehres.
Blicken wir von dieser Stelle aus rückwärts, so ist ein
gewaltiger Fortschritt des Naturrechts im Verlaufe kaum eines
Jahrhunderts unverkennbar: die Vernunft hatte gegen den
Offenbarungsglauben, der Individualismus gegen die mittel⸗
alterlichen Genossenschaftsideen vom Staate theoretisch und, in⸗
sofern die Theorien als aus dem tiefsten Lebensodem der Zeit
geschöpft in die Lenkung der Staaten selbst überzugehen be—
dannen auch schon teilweis praktisch das Feld behalten.

3. Inzwischen aber war die Vernunft auch schon auf einem
Gebiete zu siegen im Begriff, das für die Fortentwicklung des
Geisteslebens noch viel wichtiger war, auf dem der Kirche,
des Dogmas, des Offenbarungsglaubens selbst.
Dem Gesetzesglauben pflegt innerhalb der Entwicklung der
religiösen Kultur ein Gesinnungsglaube zu folgen: eben ihn in
12*
        <pb n="195" />
        180 — Siebzehntes Buch. Drittes LKapitel.

seinen Anfängen hatte Luther der abendländischen Welt ge—
predigt. Der Gottesbegriff des Mittelalters war objektiv ge—
wesen. Der neue Gottesbegriff hatte die Tendenz zum Sub—
jektiven: „Wo ein Herz ist,“ hat Luther gesagt, „das sich auf
etwas vertröstet und verläßt, da ist gewißlich sein Gott.“ Die
mittelalterliche Seligkeit war sinnlich, außer uns ruhend ge—
dacht worden; für Luther war Seligkeit Gefühl der Gnade.
Dem entsprechend war der neue Glaube Lebenshaltung und
als solche Sache des einzelnen. Der Christenmensch als Selbst⸗
priester ein gläubiges Kind seines Vaters im Himmel, die Ge—
meinde unsichtbare Gemeinde der Heiligen: das ward zum Ideal
wenigstens des anfänglichen Luthertums. Freilich: gegenüber
dieser reinsten Fassung der reformatorischen Idee, wie sie Luther
beseligt erlebt und ausgesprochen hatte, drängte die äußere Lage
zu Kirchenbildung und Dogma. Da haben wir denn freilich
schon gesehen, wie die Kirchenbildung in den Kreisen der
Lutherischen scheiterte. Was aber war das Schicksal des
Dogmas?
Ein volles Dogma mit starken sakramentalen Wirkungen
kann in freier Selbständigkeit nur aus einem Zeitalter ge—
bundener Kultur hervorgehen: denn es bedarf der un—
angetasteten Grundlage des Wunderglaubens. Nun war aber,
im Gegensatz zur reformierten Lehre, das lutherische Dogma
noch vielfach sakramentalen Charakters. Fand es damit im
Denken und im Glauben des 16. Jahrhunderts noch den durch—
aus unerschütterlichen Untergrund, der Keime und Früchte eines
selbsteigenen Systems hervorzutreiben geeignet schien?
Es zeigte sich bald: sollte das Dogma entwickelt werden,
so bedurfte es auch materiell, nicht bloß der Formgebung nach,
philosophischer Stützung. Wo aber diese anders finden als in
dem Philosophen, den schon das Mittelalter zur Durchbildung
des Dogmas herangezogen und in seinen Lehren entsprechend um—
gemodelt hatte, in dem vielfach noch mittelalterlich verstandenen
Aristoteles? Trotz alles Abscheus Luthers vor vielen Werken, ja
der ganzen Person des Stagiriten sprach Melanchthon mit den
schon zitierten Worten: carere monumentis Aristotelis non
        <pb n="196" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 181

possumus ein unabweisbares Bedürfnis der neuen Kirche aus. In
der Tat hat Melanchthon, nachdem er schon früh die lutherische
Dogmatik auf die Philosophie des Aristoteles gestützt hatte,
später in einer Anzahl von Lehrbüchern eine Reihe von Grund—
prinzipien auch der aristotelischen Kosmologie und Ethik über—
nommen und zugleich die Erkenntnistheorie in Einklang mit
dem neuen Glauben zu setzen gesucht, indem er behauptete, so—
wohl die apriorischen Gesetze der Vernunft wie die allgemeinen
Erfahrungstatsachen bedürften der Ergänzung durch den Glauben,
die Offenbarung. Und so hinterließ er ein eng verquicktes
System lutherischer Dogmatik und angepaßter aristotelischer
Philosophie: es wurde Gemeingut der lutherischen Universitäten
des 16. und 17. Jahrhunderts: lustig wucherten hier die un—
fruchtbaren Distelfelder einer neuen, unleidlich trockenen Scho—
lastik empor: der lutherische Glaube schien vor jedem Angriff
der bloßen Vernunft geborgen.
Aber auch die alte Kirche berief sich auf ein mit Aristoteles
eng verquicktes Dogma! Im späteren Mittelalter hatte sie sich
allerdings dem Stagiriten zeitweis und bis auf einen gewissen
Grad entfremdet. Bis zu Thomas von Aquino waren das
theologische und das aristotelisch beeinflußte philosophische
Denken aufeinander zugestrebt, um sich schließlich bei Thomas
selbst auf kirchlichem Boden zu voller Einheit zu durchdringen.
Aber dann war eine Scheidung eingetreten. Wie auf dem
Boden der Staatslehre im späteren Mittelalter die Vernunft
selbständige Geltung beansprucht hatte, so suchte dieselbe Ver—
nunft in dem Nominalismus des 14. und 15. Jahrhunderts
freiere philosophische Entfaltung: Occam hat schon sensua—
listischen Theorien gehuldigt, wie sie bei Locke wieder an—
klingen. Es war eine Richtung der Entwicklung, welche die
Kirche um so mehr bedrohte, als sie auf lange Zeit mit den Ver—
suchen, eigenartige pandynamistische Systeme aufzustellen, und
demgemäß mit einem fast heidnischen Kultus Platos und der
Neuplatoniker zusammentraf. Da brachten denn erst Jesuitis—
mus und Gegenreformation Hilfe. In den Erörterungen des
Tridentiner Konzils und der darauffolgenden Literatur wurde
        <pb n="197" />
        182 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

die Philosophie des heiligen Thomas wiederhergestellt und schon
annähernd zu jener Geltung erhoben, die sie heute in der
katholischen Kirche genießt.
Damit stand, gegenüber dem feindlichen Andringen der
natürlichen Vernunft, der Katholizismus bei allen Verschieden⸗
heiten im einzelnen doch etwa auf derselben Grundlage wie
das Luthertum. Und so fragte es sich, wie sich die Stellung
der dritten Kirche, der reformierten, gestalten werde.
Die reformierte Kirche kannte von vornherein weder den
entschiedenen Sakramentsglauben noch den festen Dogmatismus
der beiden anderen Kirchen. Wie das Zwinglische System so
war das System Calvins fast ohne jede Rücksicht auf philo—
sophische Lehrmeinungen begründet worden, da es in seiner
weniger gebundenen Form dieser nicht bedurfte: in einfachem,
logischem Schluß aus den Gegebenheiten des Alten und Neuen
Testaments, im Sinne einer späteren biblischen Theologie etwa
sind die reformierten Dogmen erwachsen: die Philosophie ging
neben ihnen her, ja erhielt aus der Art, wie sie das Problem der
Willensfreiheit anfaßten, einen entschiedenen Anstoß zu eignem
Denken!. So ließ denn die Geistesverfassung der reformierten
Kirche eher als die der anderen Kirchen das Bestreben zu, das
Wissen auf sich selbst zu stellen, es zu begreifen und es durch⸗
zubilden als eine weder offenbarte noch sonst überlieferte, sondern
allein und rein in der Natur der Dinge beruhende Sache.
Dabei war klar, wohin diese verhältnismäßige Freiheit
unter der allgemeinen geistigen Disposition des Zeitalters führen
mußte. Den Menschen des 16. Jahrhunderts schon und noch
mehr denen des 17. Jahrhunderts war Natur der Dinge, was
mit den Forderungen der Vernunft übereinstimmte; und so
schien es jetzt nur noch darauf anzukommen, sich an, Stelle der
alten Offenbarungsanschauungen der Welt vermittelst der Ver—
nunft zu bemächtigen, um sie in feste Begriffe, gesetzliche
Normen, plan⸗-, zeit- und raumlose Gleichförmigkeiten ein—
zuschnüren.

Siehe dazu schon oben S. 45 ff.
        <pb n="198" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 188

War damit die wichtigste Voraussetzung zur Ausbildung
einer allgemeinen rationalen Weltanschauung gegeben, so trat
den Versuchen, in dieser Richtung vorzugehen, doch noch das
allgemeine interkonfessionell⸗christliche Bewußtsein entgegen. Ja
dieses Bewußtsein wurde um so stärker, je mehr sich nach der
Teilung der alten universalen Kirche des Mittelalters in Kon—
fessionen und der sich wenigstens in der reformierten Kirche
teilweis fortsetzenden Zerstückelung der Konfessionen in Sekten
die Überzeugung aufdrängte und verbreitete, daß den Lehren
all dieser Sekten und Konfessionen denn doch eine allgemeine
christliche Wahrheit zugrunde liegen müsse. Es ist jene Über⸗
zeugung, die namentlich im 17. Jahrhundert zahlreiche Versuche
hervorgerufen hat, die einzelnen Konfesfionen auf Grund des
ihnen Gemeinsamen zu einer einzigen großen Kirche zusammen⸗
zufassen.
Allein darüber hinaus erkannte die erstarkende Vernunft
jener Tage je länger je mehr noch ein anderes, ihrem Wesen
erst recht entsprechendes Ziel: das der Aufstellung einer natür⸗
lichen Religion als einer gemeingültigen Grundlage nicht bloß
aller christlichen Konfessionen, sondern aller Religionen über—
haupt. Es ist klar, was das bedeutete: es war die Erhebung
der Vernunft über den Glauben, die Umkehrung aller mittel⸗
alterlichen Vorstellungen vom Verhältnis beider zueinander und,
bei der Bedeutung aller Religion als Weltanschauung, der
vollendete Sieg des Rationalismus.
Erst in der Aufklärung des 18. und teilweis noch des
19. Jahrhunderts hat die Vernunft diesen, übrigens auch dann
noch bestrittenen Triumph ganz gefeiert; die Anfänge einer
rationalen Betrachtung der Religion aber sind schon in einigen
geistigen Strömungen des 15. und der ersten Hälfte des
16. Jahrhunderts zu finden.
Mittelbar wirksam waren hier gewiß schon so gewaltige
Vorgänge wie die Reformation auf kirchlichem, die Erweiterung
der Erd- und der Weltansicht auf weltlichem Gebiete. Wie
hätte nicht die eine durch ihre Vereinfachung der Erscheinungs—
welt, die andere durch ihre Beseitigung der Chöre der Märtyrer
        <pb n="199" />
        184 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

und der Propheten, der Heiligen und der Bekenner zugunsten
eines einfacheren Glaubens das Denken der Zeit auf eine letzte,
einfach wirkende Kraft in der Religion, auf den bloßen Begriff
der Gottheit hinweisen sollen? In der Tat macht sich schon
bei den Humanisten einfacher religiöser Theismus geltend; ihm
entstammt die Lehre des Erasmus von der Philosophie Christi
ebensosehr wie im Grunde die Religion des erasmischen
Schülers Zwingli, der gegenüber der Calvinismus als ein
weit stärker der christlichen Offenbarung folgender Glaube er⸗
scheint; ihm gehört nicht minder, mit einer Neigung zur Ab—
biegung in den Pantheismus, die Lehre der Wiedertäufer an.
Nun gingen zwar diese Theorien äußerlich seit Ende der
zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts zurück oder wurden
unterdrückt, im Grunde aber dauerten sie doch in sehr ver—⸗
schiedenen Formen fort: als Unterlage des naturalistischen und
philosophischen Pandynamismus, als Überzeugung von Christus
als dem Logos spermatikos, der Weisheit Gottes, die auch
schon den Alten zuteil geworden sei, als Anschauung von einer
theistischen Grundlage aller christlichen Konfessionen. Wie diese
Überzeugung aber auch gewendet erschien, überall hatte sie nicht
mehr den Charakter eines durch besondere Gnade Gottes ge⸗—
wirkten geistigen Besitzes, sondern vielmehr das Wesen einer
natürlichen vernünftigen Tatsache: eine menschlich-natürliche
Frömmigkeit und damit das Grundelement einer natürlichen
Religion war im Tiefsten gewonnen.
Und die Kraft einer solchen frommen Überzeugung wurde
in hohem Grade gestärkt durch fortdauernde Einwirkungen des
Altertums. Denn war der Humanismus im Begriffe, zugrunde
zu gehen, so blieb doch die Philologie und mit ihr die Kenntnis
der alten Philosopheme. Da entsprach nun aber der Stoizis—
mus, wie ihn in eklektischer Aufnahme Cicero, der vielgelesene
Klafsiker der lateinischen Sprache, gelehrt hatte, ganz den
theistischen Anschauungen: kein Wunder, daß sie durch ihn ge—
hoben, geklärt und mit einer gewissen Autorität bekleidet wurden.
Und in diesem Zusammenhang wurde auch das Luthertum
noch einmal, durch die Vermittlung Melanchthons, für die all—
        <pb n="200" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 185

gemeine geistige Bewegung bedeutend. In der Seele Melanch—
thons lag ein doppeltes Kraftzentrum beschlossen, ein religiöses,
das durch Luther durchgebildet und beherrscht ward, und ein
freieres, philologisch-philosophisches. Indem Melanchthon diesem
zweiten, im Grunde ursprünglicheren nach Luthers Tode immer
mehr zum Ausleben verhalf, gelangte er zu einer Theorie, die
ihm Luthertum und Stoa bis zu einem gewissen Grade zu
vereinigen gestattete. Gewiß hielt er an dem ja eben mit
seiner Hilfe dogmatisch durchgebildeten Evangelium fest: aber
innerhalb der Offenbarung ließ er jener Stoa einen gewissen
Spielraum frei, die ihm als der vollkommenste Ausdruck mensch⸗
licher Vernunft erschien: ja, was nur immer am Christentum
natürlicher Auffassung zugänglich erschien, das glaubte er eben⸗
falls durch Vermittlung des von den Alten zum höchsten Glanze
entfalteten lumen naturale, der natürlichen Vernunft der
ciceronianischen Lehre erkennen zu dürfen. Auf diese Weise
schuf er der antik-rationalen Betrachtung innerhalb des Luther—
tums einen nicht unbedeutenden Platz und gelangte zu einer
Verbindung von Antike und Evangelium, die im lutherischen
Protestantismus Jahrhunderte hindurch wirksam gewesen ist
und in ihren Ausläufern noch heute fortlebt.
Zu völlig ungehinderter Fortentwicklung aber brachte es
die Lehre von der natürlichen Religion doch nur in den Nieder⸗
landen, dem ereignisreichsten Schauplatze des Calvinismus und
dem frühesten Horte freiester Bibelinterpretation in deutschen
Landen, und darüber hinaus in England.
In den Niederlanden vereinigte Coornhert (1522- 1590)
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Strömungen,
die einer Entwicklung des Begriffs der natürlichen Religion zu⸗
strebten, fast ganz in seiner Person, der „Fürst der Libertiner“.
Von wunderlichen Schicksalen, anfangs Fechtmeister, Musik—
lehrer, Schauspieler, dann Kupferstecher, seit 164 Notar und
Stadtschreiber zu Haarlem, seit 1572 Sekretär der Staaten von
Holland, wandelte er vornehmlich in den Geleisen Senecas
und verband damit den erasmischen Begriff der Philosophie
Christi: das Ergebnis war ein allgemeines adogmatisches
        <pb n="201" />
        186 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Christentum im Sinne etwa der Grundlage einer natürlichen
Religion.
Die von Coornhert unter den niederländischen und fran⸗
zösischen Protestanten entfachte Bewegung ging dann nach
England über, während sie in den Niederlanden durch die
Wendung, die ihr Arminius gab, vertrocknete!. Dort dagegen
führte sie in praktischer Richtung zunächst zu der Auffassung
von Hales, die dessen Freund Chillingworth in seinem Werke
über die Religion der Protestanten (1637) noch konsequenter
begründete: daß absolute Duldung unter den protestantischen
Bekenntnissen herrschen müsse. Theoretisch aber erhielt sie ihren
ersten vollendeten Ausdruck in den Lehren Herberts von Cher⸗
bury (De veritate, 1624; De reéligione gentilium, 1645);
in ihnen wird auf dem Wege einer Zergliederung des natür—⸗
lichen religiösen Erkenntnisvermögens ein erstes vollständiges
System der natürlichen Religion aufgestellt. Die Niederlande
nahmen an dieser Entwicklung dann nur noch insofern teil,
als die Remonstranten Daniel Tilenius und Hugo Grotius
Herbert von Cherbury zur Herausgabe seiner Schrift De
séritate ermuntert haben. In das innere Deutschland aber
drangen die englischen Stimmungen, wenn auch verflachend, so
doch immerhin so weit, als Reformierte saßen; von einer posi⸗
iben Mitarbeit an ihrer tieferen philosophischen Durchdringung
freilich war nicht die Rede. —
Der Gedanke der natürlichen Religion, wie wir ihn bisher
kennen gelernt haben, lag also fast zu genau derselben Zeit
klar ausgeprägt vor, da das Naturrecht durch Hugo Grotius
eingehender begründet worden war: in Staat wie Kirche hatte
die rationale Auffassung des Lebens über Offenbarungsglauben
und mittelalterliche Gebundenheit gesiegt oder wenigstens zu
siegen begonnen. Die erste große Entwicklungsstufe einer neuen
praktischen Richtung der Geisteswissenschaften im Zeitalter des
Individualismus war damit zurückgelegt.
Es war zur selben Zeit, da auch die Naturwissenschaften

1S. dazu oben S. 33.
        <pb n="202" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 187

in die Pforten einer ersten neuen Entwicklungsphase eintraten.
Fast gleichzeitig mit Grotius und Herbert von Cherbury haben
Kepler und Galilei die ersten grundlegenden Gesetze der an⸗—
gewandten und der theoretischen Mechanik geahnt und gefunden:
in diesen aber wurde die inzwischen umgebildete mathematische
Methode zur Auffindung und Präzisierung eines neuen Wissens
wirksam.
Allein was zunächst um die Mitte des 17. Jahrhunderts
und schon einige Jahrzehnte früher völlig klar vorlag, das war
doch nur die Überzeugung, daß menschliche Erkenntnis rein aus
der Vernunft als dem natürlichen Lichte gewonnen werden
könne, und die Ansicht, daß der Weg, sie aus dieser Vernunft
abzuleiten, in der mathematischen Methode vorliege. Es waren
Errungenschaften, stark genug, um auf sie, bei allem Festhalten
an den großen Idealen des Christentums: Gott, Freiheit, Un—
sterblichkeit — Idealen, die für vernunftmäßig beweisbar er—⸗
achtet wurden —, den Versuch des Aufbaues selbständiger
Weltanschauungen zu wagen.

1. Der erste große Philosoph — und zugleich der erste
große Mathematiker — dieser Periode ist Descartes gewesen.
Descartes wurde im Jahre 1596 in der Touraine geboren; er
war also Franzose. Aber seine wichtigsten Lebensjahre (1617
bis 1619; 1680—1649: im Jahre 1660 ist er gestorben)
gehörten fast ganz den Niederlanden an; und die Zwischenzeit
der Jahre 1619— 1630 hat er wenigstens teilweis im inneren
Deutschland, teilweis allerdings auch in Frankreich zugebracht.
Im ganzen darf er etwa mit demselben Rechte Deutschland und
den Niederlanden zugezählt werden, wie Händel von den Eng—
ländern als der Ihrige betrachtet wird: die Möglichkeit seines
philosophischen Denkens war nur in den religiös toleranten
Niederlauden gegeben, und in den Niederlanden vor allem hat
er auch bedeutende Schüler und eine machtvolle geistige Be—
wegung hinterlassen.
        <pb n="203" />
        188

Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Descartes war eine in sich gezogene, vornehme, empfind⸗
liche Natur; in ausgesprochenster Weise lebte er allein der
Wahrheit und der Selbsterziehung zu ihr: so sind seine philo—
sophischen Werke erst spät ans Tageslicht getreten, die Essais
philosophiques 1637, die Meditationes de prima pbhilozophia
 1641, die Principia philosophiae endlich, ein Versuch
systematischer Übersicht seiner Lehren, 1648.
Mit Descartes erst setzt das allgemeine Denken des voll
entwickelten individualistischen Zeitalters ein: darum ist seine
Philosophie bis zum Schlusse dieses Zeitalters, bis zur Mitte
des 18. Jahrhunderts, von maßgebendem Einflusse geblieben.
Diese Philosophie ist deduktiv, und insofern ist sie vor⸗
nehmlich, in dem noch heute aus dem individualistischen Zeit⸗
alter her gebräuchlichen Sinne des Wortes, Metaphysik. Ge⸗
wiß läßt sich ja auch eine induktive Metaphysik denken. Denn
was verstehen wir unter Metaphysik? Jedes Wissen ist lücken⸗
haft und bedarf zu seiner Ergänzung, wie sie einem uns inne⸗
wohnenden Drange des Erkennens Bedürfnis ist, der Hypo—
thesen. Diese Vermutungen nennen wir, insofern sie ersten
Grades sind und unmittelbar an das sicher erscheinende Wissen
anschließen, wissenschaftliche Hypothesen; insofern sie aber letzten
Grades sind und oberste Vermutungen bilden, die andere, unter
ihnen verlaufende Hypothesen wiederum zu stützen geeignet
sind, sind sie Metaphysik. Es läßt sich mithin aus dem Be—⸗
reiche des jeweils vorhandenen Wissens heraus sehr wohl auch
auf dem Wege vornehmlich induktiv begründeter Hypothesen
eine Metaphysik als denknotwendige Ergänzung des allgemeinen
Wissens aufstellen.
Allein nicht dies war der Weg der Philosophie des in⸗
dividualistischen Zeitalters. Für ihre Entwicklung machte sich
vielmehr ein Zug geltend ähnlich dem, der in der Staatslehre
zur Gegenüberstellung von souveränem Individuum und sou⸗
beränem Staat geführt hatte, und dieser bedingte die De—
duktion. Wurde die Einzelpersönlichkeit als ein für sich be—
stehender, in sich abgeschlossener und in der Vernunft als ein⸗
heitlicher Seelentätigkeit gipfelnder Mikrokosmus begriffen, so
        <pb n="204" />
        Wifsenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 189

mußte den Individuen, die sich so verstanden, die Welt als
ein ihrer eigenen Konstruktion analoger Makrokosmus er—
scheinen: mithin als in sich durchaus abgewogen, im Grunde
gegensatzlos und von einem Prinzip getragen. In der Tat
ar das die Anschauung des individualistischen Zeitalters.
Huldigte man ihr aber, so war es offenbar die Aufgabe der
Philosophie, das Prinzip dieses einheitlichen Makrokosmos auf—
zufinden und aus ihm in reiner Deduktion die Welt der Er—
scheinungen mit ihrer ganzen bunten Fülle abzuleiten. Und so
hat denn das Zeitalter in der Tat auch noch nach den Tagen
den Pandynamismus die Aufgabe der Philosophie verstanden:
darum tritt in deren Mittelpunkt eine Metaphysik durchaus
deduktiven Charakters.
Wird aber die Welt der Erscheinungen als von einem
Prinzipe her in einfacher Deduktion zu erkennen begriffen, so
kann es auch nur eine einzige Methode geben, vermöge deren
die Aufgabe der Erkenntnis sicher zu lösen ist. Und diese
Methode ist für Descartes und sein Zeitalter die mathe—
matische.
Es ist eine Lösung, die nach dem Verlaufe der intellektuellen
Bewegung bis auf Descartes unvermeidlich war!. Sehen wir
von mittelalterlichen Vorläufern, wie Roger Baco, ab, so hatte
schon Melanchthon es klar ausgesprochen, daß Zählen und
Denken, Dialektik und Arithmetik aufs engste miteinander ver⸗
wandt seien; von diesem Gesichtspunkte her hatte er bereits die
Fesseln der aristotelischen Syllogismen gelockert; und stellte er
die mathematische Methode nicht unmittelbar über die her—
kömmliche Logik, so beruhte doch schon nach ihm die Dialektik
ebensowohl wie die Mathematik auf Axiomen, die keineswegs aus
der Anschauung zu gewinnen wären, sondern unabhängig von
aller Erfahrung erst ihrerseits die Ordnung der Erfahrung er—
möalichten.
Uber diesen Standpunkt ging nun Descartes noch weit
hinaus. Ihm waren die mathematischen Begriffe nicht bloß

1 S. dazu oben S. 141 ff.
        <pb n="205" />
        100 Seeehntes Buch. Drites kapie.

Kategorien zum Ordnen der Welt der Erscheinungen, sondern
Analogien zu dieser selbst in dem Sinne, daß der Welt—
zusammenhang nach mathematischer Analogie beweisbar er⸗
schien. Die mathematische Methode hatte also bei ihm eine
ühnliche, nur um vieles freier durchgeführte Aufgabe wie bei
Roger Baco“!: und die Metaphysik konnte ihm, wegen ihrer
Analogien zur speziellen mathematischen Wissenschaft, als
mathesis universalis erscheinen.
Wurde nun aber die mathematische Methode in diesem
Sinne angewandt, so kam alles darauf an, in der Totalität
des Bestehenden eine Analogie zu den mathematischen Axiomen
uind deren Grundprinzip der Größe zu finden. Nun waren
diese Axiome und ihr Prinzip offenbar in der Art aufgefunden
worden, daß man verwickeltere Raumanschauungen und Zahlen⸗
verhältnisse aufgelöst und so lange reduziert hatte, bis aus ihnen
die Axiome — und aus den Axiomen wieder das Prinzip —
als unmittelbar gewisse Erkenntnissätze heraussprangen. Dies
Verfahren war also ins Allgemeine, Philosophische zu über—
tragen. Indem Descartes es so anwandte, indem er in der
Welt überhaupt das unmittelbar Gewisse suchte, fand er schließ—
lich nichts unreduzierbarer, mithin gewisser als das Selbst⸗
bewußtsein. Zerfaserte er aber wieder dies Selbstbewußtsein,
so konnte es nur gemäß der Psychologie seiner Zeit geschehen:
und dann ergab sich neben den in der Tiefe des Selbstbewußt⸗
seins sich drängenden, verworrenen Bewegungen des Triebes
ind der Empfindung als Dominante die verstandesmäßige Er⸗
kenntniskraft, das lumen naturale, die natürliche Vernunft:
bewußtes Sein war mithin Denken; und unmittelbar ging aus
der philosophischen Retorte der intellektuelle Individualismus
des Zeitalters als treibende Kraft hervor. So wurde ver—⸗
standesmäßiges Selbstbewußtsein zum Prinzip und der Satz
eogito ergo sum zum ersten Satze der neuen Philosophie.
Und nun kam es nur darauf an, vermöge der mathematischen
Analogie von der Gewißheit des Denkens aus die Welt philo⸗

1 S,. oben S. 134.
        <pb n="206" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamis mus u. Naturalismus. 191

sophierend nachzuschaffen, ja zu verbessern. Wahrhaft wirklich
erschien da nur das, was der Verstand klar und deutlich er⸗
fassen zu können schien: denn von dem Klaren und Deutlichen
allein haben wir jene Evidenz, wovon richtiges Zählen und
Rechnen begleitet ist; von ihm also allein schien man sagen
zu können, es sei vernünftig. Alles dagegen, was von dem
Denken nicht klar und deutlich bewältigt wird, gehörte einer
niedrigeren, sinnlichen Erfahrung an, deren Zusammenhang
unter Umständen nach den Forderungen der Vernunft zu ver⸗
bessern war.
Freilich: was war nun klar und deutlich? Für die Be—
antwortung dieser Frage war Descartes natürlich ganz an
Wissen und Bewußtsein seiner Zeit gebunden. Und da lautete
die Antwort, wie sie unser Philosoph nach längeren Unter—
suchungen formulierte, dahin: Klar und deutlich erkennbar seien
die großen Gegenpole alles Seienden, welche die Reformation
schon, wenn auch in den Formen des Offenbarungsglaubens,
herausgeschält hatte, Gott und Individuum — zusammen das
geistige Element des Seins. Unklar und verworren dagegen
sei die Welt der Erscheinungen, die Materie. Und darum
stehe der Geist über der Materie.
Wie aber finden wir Menschen uns nun als Geister, bei
unserer Gegensätzlichkeit zur Materie, gleichwohl in der Ver—
worrenheit dieser, in diesen wogenden Summationen physika⸗
lischer Bewegung zurecht? Gehen die Vorgänge der Er—
scheinungswelt augenscheinlich ihrem Verlaufe entsprechend in
unsere Vorstellungen ein, so kann das nur dadurch möglich
sein, daß von Anbeginn für einen dem Verlauf der Dinge
entsprechenden Verlauf unserer Vorstellungen gesorgt ist. Dabei
ist uns dieser, so folgert Descartes, durch Gott gesetzt, und
zwar in der Art, daß uns die wesentlichen Begriffe zum Ver⸗
fländnis der Welt auf göttlichen Anlaß angeboren sind: wir
tragen als Individuen gleichsam einen Auszug der Welt von
vornherein in uns. Eben weil dies der Fall ist, können wir
denn auch durch bloße Anwendung unserer Verstandesgaben
vom Hebelpunkte des Klaren und Deutlichen aus nach Analogie
        <pb n="207" />
        192 Siebzehntes Buch. Drittes LKapitel.

der mathematischen Methode, ausgehend von der Tatsache
unseres im Denken gegebenen Selbstbewußtseins, die ganze
Welt der Erscheinungen rational, in vernünftiger Überlegung,
nachschaffen.
Dies vernunftgemäße Nachschaffen der Welt ist nun das
große Arbeitsprogramm des Rationalismus, das Descartes zu⸗
nächst fuür das Gebiet der mathematisch-physikalischen Er—
scheinungen zu bewältigen versucht hat, das dann Spinoza für
biel weitere Kreise der Erscheinungen aufnahm, und dessen
Durchführung im einzelnen schließlich das ganze Zeitalter des
Individualismus und dessen Folgebewegungen noch später be—
schäftigt hat, ja teilweis noch heute beschäftigt. Das Ergebnis
aber war die vom System erforderte Rationalisierung nicht
bloß der Welt der Erscheinungen, sondern auch der meta—
ohysischen Welt. Da wurde die Idee Gottes nicht etwa gläubig
aus dem Gefühl der Endlichkeit gegenüber dem Unendlichen,
der Unvollkommenheit gegenüber dem Vollkommenen abgeleitet,
sondern aus der rationalen Klarheit und Deutlichkeit des
Gottesbegriffs, und so wurde der Glaube zur Aufklärung.
Da hieß Wollen nunmehr den Wert des Gewollten vernünftig
erkennen; höchste sittliche Betätigung empfing ihren Antrieb aus
klarer und deutlicher Erkenntnis vernunftmäßiger Ziele; und
der Unterschied des Bösen und Guten verschmolz mit dem des
Wahren und Falschen. Da hieß Empfinden vernünftig nach⸗
ahmen, da ward die Poesie zur Gelehrsamkeit und die Kunst
zum lernbaren Handwerke eines lernbaren Geschmackes.
Die Grundzüge des späteren Rationalismus und auch
schon der Aufklärung liegen so bereits in dem System des
Descartes beschlossen: in den Jahrzehnten der ersten vollen Ent—
wicklung des Individualismus und in dem Lande seiner
kräftigsten deutschen Entfaltung lebend hat er den Zeit—
genossen aus tiefster Seele gesprochen.
Aber neben ihm und über ihn hinaus dauerten doch noch
Züge des Alten fort. Noch war der Pandynamismus des
16. Jahrhunderts keineswegs ganz verschwunden, und neben
ihm hielten sich, vor allem eben in den Niederlanden, noch
        <pb n="208" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 198

lange Zeit Reste alter mystischer Vorstellungsarten. Und diese
haben noch einmal, nach Descartes, aufs innigste freilich schon
mit dem Geistesleben des rationalen Individualismus ver—
quickt, einen gewaltigen Ausdruck gefunden in dem philo—
sophischen Systeme Spinozas.

2. Während im inneren Deutschland der Weihrauchduft
der Mystik seit dem Ende des 16. Jahrhunderts zu verdampfen
begann, wurde in den Niederlanden, neben anderen mystischen
Strömungen, zunächst noch die Lehre des Descartes ins Mystische
fortgebildet.
Anlaß hierzu gab die unklare Substanzenlehre des Philo—
sophen, aus der nur der eine Punkt immer wieder in un—
vermittelter Deutlichkeit hervorsprang, daß die beiden Arten
endlicher Substanzen, individualer Geist und Materie, sich un⸗
abhängig gegenüberstanden. Wie leicht war es da nun für jedes
mystisch bestimmbare Denken, den Zusammenhang beider, wie
er trotzdem stetig wahrnehmbar war, durch ständige Regu—
lierung seitens einer geheimnisvoll wirkenden Gottheit zu er⸗
klären! Es war die Lehre der niederländischen Okkasiona—
listen.
Auf diese Grundlage aber, welche die Selbständigkeit von
Körper und Geist schließlich zugunsten eines pantheistisch ge—
färbten Gottesbegriffs aufhob, baute dann das Haupt dieser
Schule, Geulincx (1628 1669), in seiner Ethik (1665) Lehren,
die ganz im Sinne einer höheren Stufenbildung zur mittel—
alterlichen Mystik verliefen. Hatte diese Mystik die Beugung
erst nur der Erkenntnis, dann auch des Willens in Gott ge—
fordert, so forderte Geulincx jetzt die Beugung des Selbstbewußtseins,
 ja unmittelbar des ganzen Ichs. Was hat die
Vernunft, so führte er aus, d. h. die Dominante des Selbst⸗
—E
ein innerliches Verhältnis doch nicht besitzt? Sie ziehe sich
auf sich zurück: und in der Erkenntnis ihrer Natur wird sie
Lamyprecht. Deutiche Geschichte. VI. 18
        <pb n="209" />
        194 J Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

finden, daß Bergung der ganzen Persönlichkeit in Gott Gotteserkenntnis
 und daß Gotteserkenntnis Ruhe bedeutet und Frieden
und Seligkeit.
Während aber diese mehr vereinzelt und ohne volles System
entwickelten Anschauungen, Kompromißansichten zwischen Pan—
dynamismus und Rationalismus, an den niederländischen Uni—
versitäten zahlreiche Anhänger fanden, sehr zum Verdruß der
protestantischen Orthodoxie, war aus den eigenartigsten Ver⸗
hältnissen der Denker erstanden, der auf lange hin zum letzten
Male in großgearteten Formen mystischen Gedankengrund und
frührationale Methode mathematischer Analogieschlüsse in einer
vollendeten Weltanschauung vereinigte: Spinoza.
Noch zu Karls V. und Philipps II. Zeiten hatte es in
den Niederlanden keine Juden gegeben; erst nach 1572 fanden
sich in Amsterdam und Rotterdam und später im Haag be—
scheidene Kolonien ein, durchweg wohl spanischer Herkunft.
Aber in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts genossen sie
in Amsterdam schon Ansehen. Zwar wohnten sie in einem be⸗
sonderen Quartier, der Jodebreetstraat, aber dies Ghetto um⸗
faßte dreihundert stattliche Häuser und war nicht abgesperrt,
und 1657 wurden seine Insassen, wie die nordniederländischen
Juden überhaupt, von den Generalstaaten zu niederländischen
Bürgern erklärt. Unter diesen für jene Zeit ausnahmsweise
günstigen Lebensbedingungen hatte sich ein behäbiger Wohl⸗
stand entwickelt und wissenschaftliche Bildung war empor⸗
geblüht und hatte Fühlung mit den Studien der Christen ge⸗
fucht: Manasse Ben-Israel hat seine Erklärung einiger alt—
testamentlicher Prophezeiungen über das tausendjährige Reich
dem Isaak Vossius widmen können. Und auch die Kunst fehlte
nicht; Rembrandt, dessen Haus am Eingange der Jodebreet⸗
straat stand, hat zu dem angeführten Werke Manasses vier
Radierungen geschaffen und diesen selbst porträtiert, — ganz ab—
gesehen von dem objektiven Interesse, das das fremde Volk
Dichtern wie Vondel und Malern wie Rembrandt einflößte.
Und so mag man wohl verstehen, wie jüdische Gelehrte Amster—
dam als ein neues Jerusalem priesen, und wie von der kräftigen
        <pb n="210" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 195
Gemeinde frühe Tochterkolonieen nach England, Hamburg und
Dänemark entsandt wurden.
Aus diesen Verhältnissen ist Baruch Spinoza hervor⸗
gegangen. Im Jahre 1682 als Sohn armer Handelsleute zu
Amsterdam geboren, besuchte er zunächst die berühmte Rabbiner—
schule seiner Geburtsgemeinde, in der ihm die Schätze der mehr
als tausendjährigen jüdisch-spanischen Gelehrsamkeit zugeführt
wurden. Aber es ist charakteristisch für die Zeit und den
Mann, daß ihm diese Lehren nicht genügten. Er strebte den
allgemeinen Bildungsvoraussetzungen seines Jahrhunderts zu;
er las die Schriften Bacons, Descartes', Hobbes' und nicht am
letzten Giordano Brunos. So reckten sich seine geistigen Inter⸗
essen über die der Glaubensgenossen empor; er ward verstoßen;
einsam stand er nun da, ein Sohn nur noch seines nieder—
ländischen Adoptivpaterlandes, keiner Gemeinschaft des Glaubens
und der Sitte zugetan; heimatlos wanderte er von Ort zu
Ort, bis seine Bedürfnislosigkeit im Haag eine dauernde
Stätte fand. Hier hat Spinoza, von seiner Hände Arbeit
lebend, ganz für sich, ganz ein Kind Gottes und ein Gefäß
seiner Gedanken, ruhig dahingelebt, Jahr um Jahr, wunsch—
und willenlos glücklich. Als er dann im Jahre 1670 den
Tractatus theologico-politicus veröffentlichte, jenes seiner
Werke, das vielleicht am unmittelbarsten in die schroffen prak⸗
tischen Folgen seines Denkens einführt, da war das Aufsehen
freilich ungeheuer, und die Welt bekreuzigte sich vor dem
Heiden. Spinoza aber blieb trotzdem anscheinend willens, der
Welt das Ganze seiner Ideen zu vermitteln, und nur das Ein⸗
schreiten von Rabbinern, Pastoren und Cartesianern zugleich
verhinderte das Erscheinen der „Ethik“ noch zur Zeit seines
Lebens. Als er dann 1677, ein längst siecher Schwind—
süchtiger, verschieden war, wurden noch im selben Jahre seine
Werke veröffentlicht, darunter sein wichtigstes Buch, eben die
„Ethif“.

Spinozas Gedankensystem ist der Ausdruck seiner Zeit;
aber weniger vielleicht als manches andere große Philosophem
läßt es sich ganz verstehen ohne volle Kenntnis der Eigenart
13*
        <pb n="211" />
        196

Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

auch seines Urhebers. Wie das souveräne Individuum in den
Dingen dieser Welt als Gegenpol die Souveränität des Staates
forderte, der es ohne irgendwelche Zwischenglieder als der sich
ständig auswirkenden Willensmeinung seiner Summationen
gegenuͤberstand, so erfordert dieses selbe souveräne Individuum
in den überirdischen Dingen als Gegenspiegelung die Annahme
eines göttlichen Absoluten. In diesem inneren Zusammenhang
hatte sich für Descartes die unmittelbare Deutlichkeit der
Gottesidee als eine unumgängliche Forderung des Zeitalters
eingestellt; in diesem Zusammenhang ergab sich diese Deutlich—
keit auch für Spinoza. Allein wenn dann der Gott des Des⸗
dartes im Grunde als der persönliche Gott des dogmatischen
christlichen Offenbarungsglaubens erschienen war, so war der
Gott Spinozas vielmehr der eines überzeugten mystischen Pan⸗
theismus. Die intellektuelle Liebe zur Gottheit, dies alte Pro⸗
blem der platonischen wie der christlich-mittelalterlichen enthu⸗
fiastischen Mystik: in diesem Sohne Israels erwachte es von
euem in reinerer und fast unheimlich brennender Glut!. Und

Gewiß kann man den Gottesbegriff Spinozas auch aus Descartes
ableiten. Descartes selbst sagt: „In der Idee oder dem Begriffe jedes
Wesens liegt die Existenz; in dem Begriffe eines begrenzten Wesens liegt
dieselbe als möglich oder zufällig, sie liegt als notwendig und vollkommen
in dem Begriffe des vollkommensten Wesens.“ Und es ist an sich richtig,
wenn Windelband (Die Lehre vom Zufall, S. 73) dem hinzufügt: „Der
ganze Spinozismus ist nichts anderes als die Ausführung dieses Be—
griffes einer im Wesen enthaltenen und durch die Definition gegebenen
Rotwendigkeit des Seins: denn der Substanzbegriff der causa sui ist diefe
Vereinigung der Unbedingtheit mit der kausalen Notwendigkeit;“ vgl. auch
Wundt, Logik 12 S. 585 ff. Gleichwohl war es schwerlich diese logische
Ableitung, der Spinoza seinen Gottesbegriff verdankte, sondern vielmehr
das Wesen seiner eigenen Perjönlichkeit. In der Geschichte der Philosophie
ist es möglich, fast alle aufeinanderfolgenden Systeme aus den Gedanken⸗
reihen der jeweils vorhergehenden durch logischen Schluß abzuleiten, aber
diese logischen Ableitungen, die in sehr verschiedenen Kombinationen und
Permutationen der Endsumme ihrer Schlüsse gedacht werden können, sind
nicht immer die historischen, unter denen man ebenfalls wieder die ge—
legentlich recht zufuͤlligen Beweisableitungen der einzelnen Philosophen und
die tieferen historischen Zusammenhänge, die in ihnen als allgemeine Mo—
tive wirken, unterscheiden kann.
        <pb n="212" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 197

— der einzigen ihm unmittelbar und
intuitiv gewissen Tatsache des pantheistischen Gottesbewußtseins
aus und suchte von ihr her Welt und Mensch zu begreifen.
Die Frage, in welchen Vorstellungen erkenntnisvolle Liebe zu
einem alleinen Gott die Welt und sich verstehen könne, wurde
zum Grundthema seines Denkens.
Während er aber an diesem Ausgangspunkte mit der Hebel⸗
kraft eines überaus scharfen Verstandes ansetzte, sah er sich
dabei doch auf dieselbe Methode mathematischer Analogieschlüsse
verwiesen, der auch Descartes gefolgt war. Nach mathe⸗
matischer Analogie die Welt deduktiv aus dem Gottesbewußt⸗
sein abzuleiten, so wie Descartes nach derselben Analogie sie
aus dem Selbftbewußtsein begriffen zu haben schien: das war
die Aufgabe, der sich Spinoza trotz glühenden Herzens unter
Anwendung eines beinah grausam kalten Rigorismus in der
Formulierung mathematischer Beweise unterzogen hat.
Spinoza, dem die Gottheit das All ist, schaut diese an
nach Analogie des mathematischen Raumes. Wie die Geometrie
nicht denkbar ist ohne den Raum, so die Welt nicht ohne das
Alleine; dieses trägt alle Existenzen in sich; sie sind nicht ohne
dasselbe, wie geometrische Figuren und Gesetze nicht sind ohne
den Raum. Wie der Raum aber, obgleich in sich leer und
öde, bestimmte Attribute hat in den Dimensionen, so hat die
alleine Gottessubstanz ebenfalls Attribute. Ja sie muß als
Absolutes deren unzählige haben. Allein wir Sterbliche — das
ist Spinozas grundsätzliche und anfängliche Lehre — erkennen
deren nur zwei: die Ausdehnung und das Denken.
Das ist die Stelle, an der Spinozas Lehre, nun auch im
einzelnen, wiederum in dem Bewußtsein, in der empirischen
Pfuchologie des Zeitalters verankert ist. Warum erkennt er
als eines der Allribute nicht auch den Trieb? Mit Des—
cartes geht ihm der Trieb, soweit er beachtenswert ist, in
vernünftiges Wollen auf; man —VD000—
rationalistischen Denkens.
Denken und Ausdehnung als Attribute aber wirken sich
nun in den allgemeinen Kateqgorien der Körper und Geister
        <pb n="213" />
        198 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

aus; sie konstituieren allgemeine Sphären des Lebendigen, nicht
schon dieses selbst. Wie aber kommt es darüber hinaus zur
Individuation? Hier hilft wiederum eine geometrische Analogie:
wie aus der Natur des Raumes folgt, daß es Dreiecke und
andere geometrische Formen bestimmter Art gibt, so folgt aus
der Natur Gottes, daß es bestimmte Daseinsarten (modi) von
Lebewesen und Körpern gibt. Die Folge ist dabei durchaus
abstrakt und zeitlos gedacht, — sehr entfernt ist Spinoza von
jedem Entwicklungsgedanken des 19. Jahrhunderts, wie auch
Leibniz, ja Herder es noch gewesen sind: erscheint uns die ewige
Folge unter zeitlicher Kategorie, so ist das nur das Ergebnis
unserer verworrenen und an die ewigen Wahrheiten nicht heran⸗
reichenden Anschauungsweise. Wie nun freilich im genaueren
die Daseinsarten von Lebewesen und Körpern aus der Gott—
heit hervorgegangen sind, und warum gerade diejenigen, die
wir kennen, das erklärt Spinoza nicht. Genug, daß wir eine
unendliche Fülle solcher Daseinsarten vor uns sehen, daß sie
ohne die Möglichkeit des Zufalls untereinander in ununter⸗
brochenem Zusammenhange stehen, und daß ihr gegenseitiges
Ineinswirken, soweit sie den beiden Sphären des Geistigen und
des Körperhaften angehören, stets in Harmonie verläuft. Wie
sollte es auch anders sein? Folgen sie doch alle aus demselben
alleinen Grunde, aus Gott.
Es war ein scheinbar ungemein einfaches und überaus
konsequentes System, das Spinoza erbaut hatte. Allein es
war, wie wir gesehen haben, in wesentlichen Punkten doch in der
Psychologie und mithin auch im Seelenleben der Zeit verankert.
Und an einem Punkte erkannte, so scheint es, Spinoza die
zeitliche Beschränktheit. War das menschliche Selbstbewußtsein
tatsächlich durch den Verstand, die intellektuelle Funktion, ge⸗
nügend charakterisiert? Ordneten sich ihm die sogenannten
niedrigeren Vorgänge der Empfindung, des sinnlichen Gefühls,
des Triebes in der Tat so ganz unter, wie man wähnte?
Störte nicht allein schon die Tatsache ihres Daseins und
ihrer Unterordnung das System? Denn bezeichnete man diese
niedrigeren Vorgänge als Daseinsarten des allgemeinen Denkens,
        <pb n="214" />
        wWissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 199

so mußte doch wohl das Selbstbewußtsein als die Daseinsart
dieser Daseinsarten eine höhere Stelle einnehmen? War dies
aber zuzugeben, so erschien doch damit die einfache Struktur
des Denkens und mit ihr auch die des entsprechend gedachten
Attributes der Ausdehnung als gesprengt?!
Spinoza scheint diesen Schwierigkeiten später dadurch be⸗
gegnet zu sein, daß er neben den Attributen des Denkens
Ind der Ausdehnung noch ein drittes annahm, das des
Selbstbewußtseins, und daß er alle drei in der Art anordnete,
daß jedesmal die Daseinsarten der niedrigeren Attribute den
Vorstellungsinhalt der Daseinsarten der höheren bilden sollten.
So würden die Daseinsarten der Ausdehnung Vorstellungs⸗
inhalte der Daseinsarten des Denkens, die Daseinsarten des
Denkens Vorstellungsinhalte der Daseinsarten des Selbst⸗
bewußtseins geworden sein: und über diese uns bekannten
Attribute hinaus würde sich die mystische Perspektive auf eine
unendliche Reihe höherer, uns unbekannter aöttlicher Attribute
eröffnet haben.
Es wäre ein Ausbau des Systems gewesen, der dessen
Grundstruktur nicht verändert, wohl aber dessen Voraussetzungen
aus dem Zeitalter des Individualismus mit seiner intellektua⸗
listischen Psychologie heraus vers choben haben würde und hinein
in die Anfänge eines neuen, erst kommenden Zeitalters einer
Psychologie, die auch die niedrigen Seelenvermögen als voll⸗
berechtigte Außerungen psychischer Aktualität anerkannte. Dies
Zeitalter war das des Subjektivismus; es brach mit der
Mitte des 18. Jahrhunderts an; von seiner psychologischen
Auffassung sind schon die Zeiten der Empfindsamkeit und des
Sturmes und Dranges und noch mehr die des darauf
folgenden Klassizismus getragen: und so erklärt sich aus
diesen Zusammenhängen das grundsätzliche Wiederaufleben der
spinozistischen Lehre in den Zeiten Lessings, Goethes und
Schillers.
Auf die eigene Zeit freilich wirkten die Gedanken Spinozas
zunächst eher abschreckend. Aber das war nicht eigentlich die
Folge bloß ihres innersten Charakters, sondern mehr noch die
        <pb n="215" />
        200 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Wirkung der radikalen praktischen Konsequenzen, die der un—
erbittlich folgerichtige Philosoph aus ihnen herleitete.
Aus der ganzen ursprünglichen Auffassung des Verhält—
nisses des Denkens zur Ausdehnung wie des Verhältnisses
dieser zur göttlichen Grundlage ergab sich nämlich Spinoza
wie ein ständiger Parallelismus so auch eine lückenlose Kau—
salität der einzelnen Daseinsformen des Denkens und der Aus—
dehnung: und damit erschien auch das Leben des Menschen
unter den strikten Geboten einer absoluten Notwendigkeit. Und
das galt Spinoza nicht bloß für das menschliche Denken,
sondern, bei der schließlich doch auch von ihm geteilten Auf—⸗
fassung der Zeit, im Willen eine intellektuelle Funktion zu sehen,
auch für den Willen. So ward Spinoza zum Prediger einer
erbarmungslosen Unfreiheit des Willens: alles menschliche Tun
stand ihm unter dem Einfluß mechanischer Kausalität.
Erschien da nun ein sittliches Leben überhaupt noch denk⸗
bar? Unser Philosoph gewann seine Möglichkeit trotzdem durch
die sinnreiche Verknüpfung zweier Gedankenreihen, deren eine
für seine Zeit charakteristisch ist, während die zweite über sie
bis zu einem gewissen Grade hinausragt und dadurch weiterhin
den späteren bedeutenden Einfluß der spinozistischen Philosophie
auf die Anfänge subjektivistischen Lebens zur Zeit unserer
Klassiker zu erklären vermag.
Zunächst erschien Spinoza als Ziel menschlicher Vollendung
die Vernunfterkenntnis: mit Descartes und anderen Denkern
des 17. Jahrhunderts ist er einig darin, daß derjenige, der die
am meisten klaren und deutlichen Vorstellungen hat, nicht bloß
am weisesten, sondern auch am tugendhaftesten ist: Weisheit und
Tugend fallen ihm wie dem ganzen rationalistischen Zeitalter
zusammen.
Aber damit verknüpft er, vielleicht nicht ohne Einfluß des
Stoizismus, der ihm durch die niederländische Philologie ver—
mittelt worden war, ein Weiteres. Nach seiner Idee des
Parallelismus von Denken und Ausdehnung muß der Weiseste
und Tugendhafteste zugleich auch der an Körper und äußerem
Wirkungskreise Kräftigste sein. Nicht bloß Weisheit und Tugend,
        <pb n="216" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 201

auch Weisheit, Tugend und Macht fallen zusammen. So ist
das Streben nach sittlicher Vollkommenheit zugleich Streben
nach vollster Kraftentfaltung der menschlichen Natur und
Tugend vollstes Ausleben der menschlichen Selbsterhaltungs⸗
und Tätigkeitstriebe. Es ist eine Auffassung, die über den
einzelnen hinausführt in die Gesellschaft, die der Anschauung
des Individuums als Aktualität nahetritt und damit vor—
wärts weist, hinein in die psychologische Auffassung und
den Charakter des Seelenlebens seit der Mitte des 18. Jahr—
hunderts.
Aus der Kombination beider Gedankenreihen aber folgt
für Spinoza, daß der Weiseste und Tugendhafteste zugleich auch
immer der Mächtigste ist: und damit erscheinen, trotz aller
Gebundenheit des Willens, die Forderungen des sittlichen
Empfindens dennoch gewahrt.
In den Folgerungen indes, die Spinoza aus diesen Zu—
sammenhängen zieht, bleibt er der Hauptsache nach noch
völlig im Rahmen seines Zeitalters. Indem er von der Ethik
zur Politik übergeht, konstruiert er den Staat ganz im Sinne
des indibidualistischen Naturrechts und in Anlehnung an Hobbes
nicht als das oberste Ergebnis der organisch-sozialen Zusammen⸗
hänge psychischer Aktualitäten, sondern vielmehr als Resultat
vereinzelt und mechanisch miteinander ringender Selbsterhaltungs⸗
triebe und das Recht somit als den Umkreis der Einzel⸗
betätigung dieser Triebe; und in dem Kampfe aller gegen alle
um Dasein und Macht, den er damit entfesselt und meisterhaft
zu schildern weiß, stehen die Individuen nicht als mannigfach
sozial verknüpfte Persönlichkeiten gegeneinander, sondern als
Atome, unteilbar, unnahbar, ohne Ausstattung mit den Eigen—
—D
Dementsprechend sieht Spinoza die höchste Vollendung
sittlich-menschlichen Wesens schließlich doch nicht so sehr in der
machtvollen Auswirkung plastischer— Persönlichkeit wie in der
Tugend, die da Vernunft ist, d. h. in der Glückseligkeit der
Erkenntnis. Erkenntnis heißt ihm dann freilich, seinem meta—
ohysischen Ausgangspunkte entsprechend, im tiefsten Grunde Er—
        <pb n="217" />
        202

Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

fenntnis Gottes. Und diese Erkenntnis versteht er nicht als
faltes, bloß rationales Fürwahrhalten, sondern als Glauben,
ja mehr: als inniges Aufgehen in dem Gedanken Gottes.
So wird ihm schließlich der Zustand höchster sittlicher Voll—⸗
kommenheit doch wieder, hinweg über allen individualisierenden
Rationalismus, ein Stand der Liebe in und zu Gott, ein
pantheistischer Eros — ja, da die Liebe, mit der der Mensch
as Alleine umfängt, schließlich nichts ist als die Liebe eines
schwachen Teils zum unendlich vollendeten Ganzen, eine Liebe
Gottes zu sich selbst, ein amor intellectualis. quo Deus se
ipsum amat.
Spinoza kehrt damit aus dem breiten Getriebe mensch⸗
licher Betätigung, dessen Verhältnis zum Unendlichen er fest⸗
zustellen suchte, zurück zum Ausgangspunkt seiner überweltlichen
Anschauungen, zu dem ersten und letzten Gedanken des alleinen
Gottes. Dieser Gedanke in seiner pantheistischen Form aber
wird bei ihm nirgends theoretisch motiviert; praktisch vielmehr
tritt er auf als eine Forderung religiösen Bedürfnisses. Das
berknüpft Spinoza mit dem Mystizismus der vergangenen Jahr⸗
hunderte und der Frömmigkeit der folgenden; das macht ihn
den Zeiten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die sich
mit Ekel von der religiösen Verflachung des Rationalismus
abwandten, zum Führer in die dunkeln Gebiete des Jenseits
und zum Propheten des Unfaßbaren. Eben dieser Grund⸗
gedanke aber brachte ihm zugleich und aus denselben Gründen
die herbste Verurteilung seiner und der nächstfolgenden Zeiten.
Selbst die Konfession, welche einem reinen Theismus nahestand
and wiederholt Fuhlung mit dem Pantheismus gewonnen hatte,
berwarf ihn: im Jahre 1678 verdammten die calvinistischen
Kuratoren der Universität Leiden seine nachgelassenen Werke
und verlangten deren Verbrennung durch Henkershand. Und
selbst diejenigen Wissenschaften, die auf die Annahme irgend⸗
eines kraftbefeelten Monismus angewiesen ers chienen, die Natur⸗
wissenschaften, wandten sich von ihm ab: sogar ein Boerhave
hat in seiner Jugend Spinoza bekämpft.
        <pb n="218" />
        Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 203

3. So steht Spinoza da als ein Eckstein der Zeiten: in
diesem Juden traf sich die Mystik des Mittelalters mit dem
Rationalismus der Gegenwart; und aus diesem Zusammenstoße
entwickelte sein scharfer Geist Reflexe, deren unsichere Lichter
tief hineindrangen in die Zukunft von mehr als einem Jahr⸗
hundert. Sein System, der zweiten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts angehörig, mahnt daran, daß wir am Ende jenes
merkwürdigen Zeitalters stehen, das, etwa die letzten sechs bis
sieben Generationen vor der Mitte des 17. Jahrhunderts um⸗
fassend, die Überführung des Denkens aus der mittelalterlichen
Gebundenheit zu der Emanzipation im Rationalismus erlebt
hat. Es war kein Vorgang, der fich in einfachen Linien ab—
spielte. Es bedurfte des ganzen angestrengten Ringens so vieler
Geschlechter, um ihn zu verwirklichen. Dem Versuche, noch
einmal mit den systematisierten und ins große gefaßten Mitteln
des mittelalterlichen Denkens eine freie Wissenschaft und eine
selbständige Weltanschauung zu begründen, wie er im Pan—⸗
dynamismus vorlag und an der Unzulänglichkeit dieser Mittel
notwendig scheitern mußte, war der Befreiungskampf gegen die
wichtigsten Formen der mittelalterlichen Gebundenheit gefolgt,
gegen den dogmatisierten Offenbarungsglauben und die An—
schauungen korporativer Gebundenheit. Und in diesem Kampfe,
im Gegensatze zugleich zum Pandynamismus, hatte sich jung und
kräftig ein wissenschaftlicher Naturalismus erhoben, der, ganz
auf den seelischen Lebensformen der Zeit, auf der Konstruktion
der individualistischen Persönlichkeit fußend, den Naturwissen⸗
schaften eine eigene, die mathematische Methode gab und den
Staat dem Naturrecht, die Kirche der natürlichen Religion zu⸗
zudrängen suchte. Und in der ersten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts war man in diesen wissenschaftlichen Bestrebungen
fchon erstarkt genug, um über sie hinaus, mit dem Versuche,
fie abzuschließen, das System einer rationalen Weltanschauung
im ganzen entstehen zu sehen: die Philosophie des Descartes
zog ein Fazit des bisher Errungenen und entwickelte aus ihm
das Programm eines zukünftigen, allgemeinen Ausbaus des
Raͤtickalemus. Über ihn hinaus aber verband Spinoza die
        <pb n="219" />
        5
C9

Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel.

einseitigen Anschauungen der Zeit mit den das Ewige um—
fangenden Gedanken der Mystik und reichte damit den Anfängen
einer noch fernen, antirationalistischen Zukunft, zögernd freilich
und unschlüssig, die Hand. Denn das nächste Jahrhundert,
die Zeit von etwa 1650 bis 1750, war noch ganz mit dem
Ausbau der immer noch neuen rationalistischen Weltanschauung
und Wissenschaft beschäftigt.
        <pb n="220" />
        Viertes Rapitel.

Die darstellenden und die bildenden Rünste.

l. Schärfer vermutlich als für die Gegenwart und die
Vergangenheit etwa der letzten sieben Jahrhunderte wird man
für das frühere Mittelalter zwischen Kunstmusik, die der Kirche
angehörte, und Volksmusik unterscheiden müssen. Es sind uns
allerdings aus dieser Zeit Melodien des Volksliedes unmittelbar
nicht erhalten. Ja auch aus späterer Zeit, aus dem 14. und
15. Jahrhundert, haben wir für sie nur eine sehr dürftige
direkte Überlieferung, wenn auch durch eine genauere Durch—
arbeitung der Kunstmusik dieser Zeit, deren Melodik vielfach
Volkstümliches zugrunde lag, die bisher zugängliche Masse der
Tradition gewiß noch sehr vermehrt werden wird.
Gleichwohl aber, obwohl wir von der Volksmusik des
früheren Mittelalters kaum etwas und von der des späteren
nur wenig unmittelbar wissen, können wir uns doch von
ihrem Charakter aus den Reaktionen und Weiterbildungen
ihr gegenüber, die die spätere Entwicklung aufweist, sowie
aus den unmittelbaren Überlebseln in dieser eine ziemlich
eingehende Vorstellung machen. Danach war das Melodische
in ihr weit mehr ausgeprägt als im Kunstgesang; doch werden
bei der Melodiebildung der Hauptsache nach schwerlich größere

Dieser Abschnitt ist schon gedruckt in der Wiener Wochenschrift
„Die Zeit“, Nr. 183, 184, 185 (1899).
        <pb n="221" />
        206 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Intervalle als die der Terz, Quart und allenfalls noch Quinte
bewältigt worden sein.
Für den Vortrag aber blieb man im wesentlichen, wenn
auch kleine Versuche der Harmonisierung vorgekommen sein
mögen, bei dem einstimmigen Gesang, der Monodie. Und
diese Monodie des Volksgesanges war, soweit es sich nicht etwa
um gelegentliches blühend⸗sinnliches Jubilieren des Einzelnen
nach Art des Vogelgesanges handelte, nicht die freie einer
einzigen Stimme, die sich in lebendigster, die vollste Dynamik
der Tonbildung umfassender Stimmung, in dem, was wir Be—
seelung des Gesanges nennen, ergossen hätte, sondern sie war
eine gebundene Monodie. Man sang unisono, aber gewisser⸗
maßen unbeseelt, so wie heute die Kinder, die marschierenden
Soldaten, die kneipenden Studenten wie auch Kirchengemeinden
und große Volksmassen in Augenblicken politischer Bewegung
zu singen pflegen. Damit trat die individuelle Empfindung,
das Verstärken und Abschwächen, das Verdünnen und Ver—
dicken des Tones, kurz das Persönliche der musikalischen
Stimmung zurück, mochte es auch an sich, wenngleich gegenüber
der heutigen Ausdehnung dieser Elemente nur in eng und
dürftig begrenztem Maße, vorhanden sein: der Ton war noch
objektiv und in der Hauptsache nur durch seine musikalische
Höhe, sein mathematisch-physikalisches Element gleichsam, nicht
durch sein individuell-menschliches gekennzeichnet. Das aber
war eine Ausbildung des Volksgesanges, die, aus der grund⸗
legenden musikalischen Stimmung der Nation hervorgegangen,
zugleich auch den Charakter der Kunstmusik des Mittelalters
miterklären hilft.
Vor allem war auch die Kunstmusik grundsätzlich nur Ge—
sang; soweit Instrumentalmusik in den primitivsten Anfängen
vorkommt, dient sie nur dürftigster Umrahmung und Stützung
des Gesanges; daneben spielen die Instrumente höchstens noch
zur Betonung des Rhythmus beim Tanz und Kampfesgang
eine gewisse mehr volkstümliche Rolle. In allen diesen Fällen
aber werden die Instrumente kaum schon zu mehr als zur Ton⸗
füllung des Gesanges und zur Angabe des Rhythmus ver—
        <pb n="222" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 207

wendet; weit entfernt ist man noch von der Ausnützung ihrer
spezifischen Klangeigenschaften zur Charakteristik des Tones;
schon der unfertige Zustand, in dem sie sich befanden, die Un—
reinheit der Tongebung, der Mangel an Fähigkeit, sich präzise
stimmen zu lassen, verbot das. War damit die Kunstmusik,
wie sie anfangs fast ganz allein der Kirche angehörte, nicht
minder als die weltliche Volksmusik durchaus auf die mensch⸗
liche Stimme als Tonwerkzeug hingewiesen, so behandelte sie
diese Stimme auch genau wie die Volksmusik und aus den⸗
selben Gründen der tieferen psychischen Disposition eines Zeit⸗
alters gebundener Persönlichkeit heraus grundsäßzlich als Ver⸗
mittlerin noch überwiegend physikalisch empfundener, nicht
seelisch belebt gedachter und demgemäß modiftzierter Töne.
Und indem dies die allgemeine Disposition war, wurde damit
allmählich in sehr merkwürdiger Art die Anknüpfung an die
musikalischen UÜberlieferungen der Alten gefunden.
Das musikalische System der Alten ging in erster Linie
auf musikalisch⸗mathematische Spekulationen der Griechen zurück,
wie sie sich anfangs sogar noch mit astrologischen Spielereien
eines primitiven Pandynamismus verbunden hatten: neben der
Einordnung der Töne in das arithmetische System waren deren
Beziehungen zu den Planeten und anderen Himmelskörpern
erörtert worden. Vermittelt wurden diese Spekulationen dem
Mittelalter in ziemlich reiner und abgeklärter, wenn auch mit
eigenen Gedanken vermischter Gestalt durch die fünf Bücher
D sastitutione musicas des Boetius (J 526). Und das
Mittelalter hat sie dann ungefähr in dem Sinne aufgenommen,
in dem fie zunächst doch durch die Pythagoräer, also im
griechischen Mittelalter, begründet worden waren; das seelische,
a das künstlerische Element trat zurück, und die Theorie der
Musik erschien als eine auf die Tonverhältnisse übertragene
Zahlenlehre.
Und der Theorie ging allmählich eine entsprechende Praxis
zur Seite. Die Töne wurden wesentlich nur in den physikalischen
Eigenschaften verschiedener Höhe, doch unter Ausschluß des
Überspringens größerer Intervalle, zur Belebung der kirchlichen
        <pb n="223" />
        208 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Rezitation ausgenützt: so ergab sich eine Art von Psalmodieren,
die Papst Gregor der Große (590-604) einem festen litur—
gischen System einordnete. Dies System, die unabänder—
liche musikalische Richtschnur der alten Kirche bis ins 17. Jahr⸗
hundert hinein, ist dann durch Pippin, Bonifatius und Karl
den Großen ins Frankenreich übertragen worden, wo es dem
musikalischen Vermögen der deutschen Stämme im ganzen ent—
sprochen haben mag. Es lassen sich in ihm schließlich Teile
im Sinne eines bewegteren Lesevortrages von solchen unter—
scheiden, wo die stärkere Anwendung von Intervallen schon den
Eindruck des Melodischen hervorruft: doch fehlt noch jede
Messung der Noten gegeneinander und somit auch jedes musi—
kalische Taktsystem; Dauer und auch Akzent der Töne werden
vielmehr durch den gesprochenen Wort- und Verstakt bestimmt.
Aus diesen musikalisch-liturgischen Teilen, die man später
im allgemeinen Cantus fixrmus nannte, entwickelte sich dann,
wohl unter den Einflüssen des volkstümlichen Einzelsingens,
sehr bald die ebenfalls noch unisone Sequenz, indem die jubi—
lierenden Kadenzen des Amen, Kyrie, Hallelujah am Schlusse
gewisser Teile der Messe in die Länge gezogen und schließlich
zu einer eigenen Kunstform ausgeschieden wurden: schon Notker
hat im 9. Jahrhundert Gedichte hymnischen Charakters von
hochstehendem literarischen Werte für diese neue musikalische
Form gedichtet. In der Sequenz wurden nunmehr die Inter—
valle weiter gegriffen und häufiger angewandt; da, wo der
Sprung von Ton zu Ton besonders stark war, ließ man sich
wohl in figurenreichen Melismen hinauf oder herab; und auch
sonst wurde die neue Form ie länger je lieber mit Figuren
verziert.
Allein lange bevor man, vornehmlich seit dem 12. Jahr—
hundert, für die Sequenz diese immer freiere Behandlung er⸗
reichte, war der Versuch gemacht worden, aus der Monodie
herauszugelangen, indem man in den melodiösen Teilen des
Cantus firmus mehrere Einzelstimmen in gesonderter Stimm⸗
führung gegen- und übereinander baute. Geschah das zunächst
wohl nur mit zwei Stimmen, so entstand der Discantus, das
        <pb n="224" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 209
Auseinandersingen, wobei sich jede Stimme selbständig bewegte,
man aber im allgemeinen doch einen möglichst harmonischen
Gesamteindruck zu erzielen suchte. In der weiteren Entwicklung
trat dann an Stelle der zwei Stimmen eine wahre Vielheit
von Stimmen, eine Polyphonie von vier, fünf und noch mehr
Tonreihen, deren jede sich in absoluter Selbständigkeit gegen⸗
über der anderen bewegte, nur daß nach wie vor eine an—
genehme, also harmonische Totalwirkung erstrebt wurde. Das
ist die Entstehung des Kontrapunkts, des Setzens der einen Note
gegen die andere, des punctus contra punctum: der Kontra-—
punkt ist das vollendetste Erzeugnis einer gebundenen Musik,
welche die Töne noch als physikalische Einheiten gegeneinander
marschieren und exerzieren läßt, während die Individualisierung,
die Beseelung des Tones zurücktritt: ihm steht alle neuere
Musik gegenüber, insofern sie auf der Harmonie beruht, das
heißt auf der harmonischen Begleitung einer Hauptmelodie,
welche eben durch diese Begleitung beseelt und charakterisiert
werden soll.
Der Anfang, richtiger eine Vorstufe des Kontrapunkts,
das sogenannte organum, eine Begleitung der Melodiestimmen
in Oktaven- oder Quinten- oder Quartenparallelen, reicht bis
ins 10. Jahrhundert (ca. 970) zurück; sie wurde bisher gern
an den Namen des Mönches Hucbald von St. Amand (ca. 840
bis 930) geknüpft und führt jedenfalls nach Flandern und nach
den Niederlanden, in Gegenden, die für die deutsche Musik—
geschichte von nicht minder großer Bedeutung gewesen sind, wie
für die Geschichte der Malerei. Um 1800 etwa kann man die
Vollendung des Systems des vollen Kontrapunkts setzen; seine
virtuose Durchbildung hat er dann im 15. und 16. Jahr⸗
hundert erlebt. Von da ab reicht er fort bis zur Gegenwart
— Johann Sebastian Bach war vielleicht sein größter Meister —:
allein nun wird er seelisch ganz anders belebt, und Bach ge—
winnt eben durch den denkbar subjektivsten Gebrauch der denk⸗
bar objektivsten musikalischen Ausdrucksform, durch die merk—
würdige Verbindung von Gefühl und Norm, von Pietismus
und Orthodoxie seine einzigartige Stellung in der Musik—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 14
        <pb n="225" />
        210 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

geschichte. Die beseelende Umbiegung des Kontrapunkts aber
seit dem Ausgang des 15. Jahrhunderts zeigt, daß seitdem
Zeiten eines neuen psychischen Dafeins anbrachen, die eine neue
Musik verlangten. Das ist die moderne Musik der harmonischen
Satzart. Ihre Anfänge rangen sich erst mit dem Ende des
16. Jahrhunderts vollends durch; ihre Akkordlehre wurde erst
im 18. Jahrhundert ganz systematisch entwickelt, und sie be—
herrscht noch heute bis zu einem gewissen Grade das Feld.
Im 14. und 15. Jahrhundert aber gab der Kontrapunkt
noch die regelmäßige Grundlage ab für alle höheren Kunst⸗
formen der Musik. Und diese waren seit etwa dem 12. Jahr⸗
hundert dadurch entwickelt worden, daß einmal die zunehmende
Schwierigkeit in der Führung der verschiedenen Stimmen des
Kontrapunkts die Feststellung der Zeitdauer der einzelnen Töne
verlangte, was zur Entwicklung eines Taktsystems führen mußte,
und daß weiter die bewegtere Rhythmik der Sequenz wie wohl
auch des Volksliedes darauf hindrängte, die Töne nicht mehr
bloß dem Wort⸗ und Verstakt zu unterwerfen, sondern in ganz
bestimmten Zeitmaßen rhythmis ch abwechselnd zu halten, woraus
innerhalb des Taktsystems die Unterscheidung der Töne in
solche von kurzer und langer Zeitdauer hervorging. Beides
nun, das Taktsystem und die Unterscheidung der Tondauer
nach Takten und deren gleichmäßigen Teilen als den Einheiten
der Zeitdauer, wurde erreicht im Mensuralgesang, dem Gesang
nach dem Zeitmaße, dessen frühester großer Meister Franco von
Köln in den Zeiten Kaiser Friedrichs J. und Heinrichs VI.
gelebt hat.
Der Mensuralgesang hat dann dem späteren Mittelalter
den Ausbau der kontrapunktischen Musik in der ausgeklügelten
Führung der einfachen Stimmen gegeneinander ermöglicht, der
an die Virtuosität der späteren scholastischen Systeme und noch
mehr fast an die virtuosen statischen und tektonischen Künsteleien
der letzten Gotik erinnert. Neben den einfachen Kontrapunkt
trat oft der doppelte, traten weiter Kanon und —XD—
und Fuge. Indem diese Formen immer verwickelter wurden,
indem eine gewaltige Anzahl von Stimmen, bis zu dreißig,
        <pb n="226" />
        Die darstellenden und die bildenden KRünste. 211

gegeneinandergestellt wurden, wurde die Musik immer mehr ein
mathematisch⸗musikalisches Gewebe. Die eigentlich schöpferische,
der Melodie zugewandte musikalische Erfindung trat demgemäß,
soweit sie etwa schon vorhanden gewesen war, wieder mehr
zurück: auf die glänzende, verwegene Führung der Stimmen
innerhalb eines gegebenen Themas, auf einen freilich von einer
bestimmten Idee beherrschten, von einem bestimmten Kernmotiv
her geregelten Eiertanz gleichsam der Töne kam es an. So
behandelte man fremde Melodien, nicht selten solche des Volks⸗
liedes, kontrapunktisch; und das war noch der günstigere Fall.
Im ungünstigeren entnahm man das Thema etwa einer Ton⸗
schilderung äußerer Ereignisse, die weit realistischer zu sein
pflegte als die Programmmusik der Gegenwart, oder man setzte
Mufiken über das Wappen irgend eines Mäcens oder schrieb
Fugen über Gebäude, Berge und Flüsse. Damit wurden denn
wenigstens in den virtuosesten Stüucken die Beziehungen, die die
Kunstmusik früher etwa noch zur seelischen Ausdrucksfähigkeit
gehabt haben mochte, vielfach unterbunden, und das Übermaß
der Berechnung führte schließlich leicht zur Entseelung nicht
nur, sondern auch zur Verwilderung der Kunstformen. Das
alles freilich schloß in anderen Fällen eine mehr individuelle,
auch das Seelische stärker berücksichtigende Umbildung dieser
Kunst im 16. Jahrhundert nicht aus. Es ist derselbe Wandel,
der sich auch in der freundlichen Wiederbelebung der gotischen
Zierformen und in der genrehaften Umbildung starrerer Motive
der früheren Malerei im 16. Jahrhundert verfolgen läßt.
Übrig aber blieb von der alten Musik als wertvoller Nachlaß
für äine veränderte Fortentwicklung im ganzen und vor allem
doch nur ein großer Reichtum an Tonformen, eine ausgezeichnete
Beherrschung der technischen Seite des Gesangs, eine aus der
Praxis der kontrapunktischen Mensuralmusik abgeleitete, ein⸗
gehend entwickelte Musikwissenschaft und eine erstaunliche Frei⸗
heit und Gewandtheit des kontrapunktischen Könnens.
Geblüht hat diese spätmittelalterliche Kunstmusik, wie sie
der Hauptsache nach durchaus noch Kirchenmusik und ihrem
Wesen nach Vokalmusik war, vor allem in den Niederlanden;
14*
        <pb n="227" />
        212 J Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

hier haben vom Beginn des 15. bis zur Mitte des 16. Jahr⸗
hunderts ihre großen Meister gelebt: ein Dufay, der den Ruhm
ber niederländischen Kunst bis in die päpstliche Kapelle zu Rom
trug, dann Jan Okeghem, der „Patriarch des Kontrapunkts“,
ferner der Utrechter Jakob Obrecht. Mit Josquin de Pres
(7 1521) und Nikolaus Gombert (F nach 1556) tritt dann
schon die Nachblüte dieser Kunst ein; die kirchliche Tätigkeit
des Brügger Meisters Adrian Willaert (Messer Adriano) zu
Venedig (1527 - 1562) bedeutet ihren Abschluß.

2. In der Zeit aber, da im Mensuralgesang der eigentlich
mittelalterliche Charakter der Musik in verstandesmäßiger Über⸗
treibung der kontrapunktischen Prinzipien zugrunde ging, hatte
sich schon seit etwa vier Jahrhunderten eine weltliche Kunst⸗
musik entwickelt und, obwohl anfangs aus der geistlichen Kunst⸗
musik guten Teiles hervorgehend und lange Zeit von ihr noch
maßgebend beeinflußt, dennoch schließlich eine Wendung ge⸗
nommen, die zur immer stärkeren Betonung des Melodischen,
somit zur Beseelung und hiermit zur Musik eines individua—
listischen Zeitalters hinüberleitete.
Ihre Anfänge führen auf die fahrenden Kleriker und die
Spielleute der großen Jahrzehnte unserer mittelalterlichen
Dichtung, in die Zeiten Kaiser Friedrichs J. zurück. Diese
sangen, soweit sich aus der bis zu Komponisten des Endes des
12. Jahrhunderts zurückreichenden Überlieferung schließen läßt,
ihre Lieder und Sprüche in der nur mehr ins Weltliche ge⸗—
wandten Art des Cantus firmus und der Sequenzen. Aber
in dieser Art wurden sie allmählich kühner und freier: der
Wechsel der Intervalle wurde, wenn nicht größer, so doch leb⸗
hafter, der Zug ins Melodiöse nahm zu, und auch das Figuren—
werk ward dem Ausdrucke der Stimmung dienstbarer gemacht
als in der Kirche. So zeigt uns z. B. ein Lied des Peter
von Reichenbach aus schon späterer Zeit, das in der Kolmarer
Liederhandschrift erhalten ist, trotz aller Verwandtschaft mit den
kirchlichen Kunstformen einen Wechsel der Gefühlsmomente je
        <pb n="228" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 213

nach dem Einzelsinne des Liedes und ein Pathos in der
seelischen Durchdringung der allgemeinen Stimmung, das auf
kirchlichem Boden wohl unerhört und gewiß auch bei dem ob⸗
jektiven Charakter der Kirchenmusik unzulässig war: im 14. Jahr⸗
hundert jedenfalls hatte man sich von den kirchlichen Formen
losgerungen.
Und nun blieb es auch nicht mehr bei der alten Monodie.
Indem man aber zur Vielstimmigkeit fortschritt, ergab sich
bald, daß die Kontrapunktik des Mensuralgesanges auf welt⸗
lichem Gebiete nicht eigentlich national und im Sinne einer
ins weiteste verbreiteten musikalischen Kunstform zunächst auch
nicht volkstümlich werden konnte. Gewiß hat man Versuche
mit ihr gemacht; vor allem auf dem Gebiete der im 14. Jahr⸗
hundert vielfach ineinanderspielenden Arten des geistlichen Liedes
Ind des volkstümlichen Kirchengesanges lassen sie sich wahr⸗
nehmen; auch gibt es Übergänge zwischen den in strengster
kirchlicher Kunstform kontrapunktisch behandelten Volksmelodien
eines Dufay oder Okeghem und dem von unten her kontra⸗
punktischer Polyphonie zustrebenden Volkslied. Allein das Be—
dürfnis, welches das weltliche Lied als Kunstform hatte, wurde
auf diese Weise nicht befriedigt. Seinen Sängern und Kom—
ponisten kam es nicht auf geistvolle Variation objektiver Töne
an, sondern auf Beseelung. Und hier gab es in diesen Zeiten
nur zwei Mittel, vorwärts zu gelangen: entweder die Be⸗
seelung der Individualstimme oder aber die Harmonisierung
der Melodie, die Begleitung der Melodie durch Akkorde, deren
besondere Klangfarbe geeignet war, die Melodie genauer zu
charakterisieren. Von beiden Mitteln war das erste seinen
inneren, seelischen Voraussetzungen nach das weitaus schwierigere;
und es setzte eine Modulauonstechnik der menschlichen Stimme
voraus, die durch den Mensuralgesang keineswegs begünstigt,
vielmehr unterdrückt worden war. So blieb nur das zweite
Mittel übrig. Und auf diesem Gebiete war durch das einfache
Volkslied wohl schon vorgearbeitet. Wie dem auch sein mag: im
15. Jahrhundert wird der dreistimmige Gesang, bei dem der
Tenor 13 Träger der Melodie von einer vox alta und einer
        <pb n="229" />
        214 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

vox bassa oder einem Kontratenor umrahmt wird, schon zum
Typus des weltlichen Kunstgesanges; so finden wir ihn bereits
in dem sogenannten Lochheimer Liederbuch (1452 ff.). Und
schon nach wenigen Generationen weicht er einer noch volleren
Form, dem Quartett: nun werden, entsprechend den zwei
Männerstimmen, auch die Oberstimmen auf zwei erhöht, und
ein Ausdrucksmittel der Stimmung wird damit gewonnen, das
sich durch den Lauf vieler Jahrhunderte als klassisch be—
währen sollte.
Die ersten großen Meister des vierstimmigen Satzes, wie
er sich zunächst noch immer gern an Volksmelodien anschloß,
indem er sie in seiner Art ebenso wie die Mensuralmusik in
ihrer Art verarbeitete, sind zwei Kapellmeister Kaiser Maxi⸗
milians J. gewesen: der Hennegauer Heinrich Isaak und sein
Schüler Ludwig Senfl.
Aber die weltliche Kunstmusik begnügte sich bald nicht
mehr mit der Harmonisierung des Volksliedes: während sie
einerseits den kirchlichen Mensuralgesang in seiner weltlichen
Abart noch pflegte, schritt sie anderseits kühn und hoffnungs-—
reich zu kunstmäßigen liedartigen Kompositionen eigener Er⸗
findung fort, die neben die alten gesangreichen und rhythmisch
feingliederigen Melodien des Volksliedes traten und wie diese
harmonisiert wurden. Die Bewegung in dieser Richtung ging
von den beiden großen geistigen Strömungen aus, in denen
das neue individualistische Zeitalter sich Bahn brach, von der
Renaissance und von der Reformation; und ihre klassischen
Schöpfungen sind Madrigal und Choral.
Die Bewegung auf dem Gebiete der Renaissance verfolgte
in Deutschland den Gedanken, mit den Dichtungen der Alten
auch deren Musik wieder zu erwecken. So legte man horazischen
Oden, dann auch anderen antiken und bald auch modernen
metrifchen Gedichten liedartige Melodien unter, deren Rhythmus
dem Metrum des Versbaues entsprach; vierstimmig gesetzt, in
den herben Quart- und Quintengängen der Zeit sich be—
wegend, machen sie auf das moderne Ohr den Eindruck eines
im Rhythmus abgewandelten Chorals. Petrus Tritonius ist
        <pb n="230" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 215

wohl der erste gewesen, der, angeregt durch Konrad Celtes,
gegen Schluß des 15. Jahrhunderts solche Kompositionen schuf;
ihm folgten Ludwig Senfl, Benedikt Ducis und andere.
Etwas anders und schließlich viel erfolgreicher verlief aber
diese Entwicklung in Italien, wo sie von der kontrapunktisch
besonders hoch entwickelten venetianischen Schule Willaerts ge⸗
tragen ward. Auch hier kam man zur liedartigen Komposition,
aber man ging damit auf fünfstimmigen Satz aus, und man
harmonisierte nicht, sondern kontrapunktierte, doch so einfach,
daß sich die Komposition in Rhythmik und Tonausdruck gleich⸗
wohl dem Inhalte des Textes anschmiegen konnte. So ent⸗
stand das Madrigal, eine Liedform, die durch die weitere Ent⸗
wicklung der Chromatik bald noch freier umgeschaffen wurde
und so dem geistreichen Ausdruck jeglichen Empfindens bis zu
dem Grade gerecht ward, daß sich noch das 17. Jahrhundert
ihrer mit Vorliebe bedient hat.
Das Modrigal drang früh nach Deutschland und über—
holte hier die harmonisierten Liedformen der Frührenaissance
an Beliebtheit. Schon die späteren Niederländer, die, wie die
gleichzeitigen niederländischen Maler, gern zwischen deutscher
und italienischer Empfindung und Formenwelt vermittelten,
haben zahlreiche Madrigale komponiert so Thomas Crequillon,
der Kapellmeister Karls V., dann Giaches de Waert und
Hubert Waelrant in Antwerpen. Der große Meister dieser
Richtung aber war Roland de Lassus (Orlando di Lasso) aus
Bergen im Hennegau, der 1530 geboren ist, 1544 in die Dienste
Ferdinands J. Gonzaga trat und Ende 1556 zunächst als ein—
— als Kapellmeister am bayerischen
Hofe wirkte, als welcher er am 14. Juni 15094 gestorben ist.
Herb und erhaben, keck und humorvoll, gleich groß in geist⸗
uͤcher wie weltlicher Musik, durch die starke Liebe des bayerischen
Hofes zur Musik machtvoll gefördert, hat er namentlich in der
Individualisierung des Tonausdruckes durch vermehrte chroma⸗
lische Stimmführung Großes geleistet. —
Verlief so die Entwicklung des kunstmäßigen weltlichen
Liedes aus anfänglicher Harmonisierung in eine gemäßigte
        <pb n="231" />
        216 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Kontrapunktik, entsprechend dem Ausgang dieser Bewegung
vom Volksliede und der Tendenz, immer mehr kunstmäßig zu
werden, so ist die Entwicklung des kunstmäßigen geistlichen
Liedes genau die umgekehrte. Von der Kirche ausgehend ist
der Choral zuerst kontrapunktisch behandelt worden, um später
volksmäßiger zu werden und immer mehr den harmonischen
Satz zu bevorzugen. Es liegt in dieser gegensätzlichen Ent—
wicklung begründet, daß das Madrigal allmählich abstarb,
während der Choral noch heute lebt und der vierstimmige
harmonische Satz die verbreitetste Form kunstmäßiger mehr⸗
ftimmiger Behandlung des Liedes geworden ist: der Harmonie
strebte die Entwicklung zu und nicht der Kontrapunktik. Zu—⸗
gleich aber zeigte sich in der Geschichte des Chorals, daß die
Reformation eine große volkstümliche Erscheinung war, die
Renaissance nur eine begrenzt gesells chaftliche.
Die Melodien der ältesten Choräle wurzelten durchaus
im Hymnengesang und im weltlichen und geistlichen Volksliede
des Mittelalters: die Hyumnen und Sequenzen wurden nur
volksmäßiger, ihr Rhythmus bewegter; die weltlichen Melodien
—D ernsteren Ton, wie z. B. aus
dem alten, von Heinrich Isaac herrlich harmonisierten Wander⸗
burschenliede „Inspruck, ich muß dich lassen“ nunmehr „O Welt,
ich muß dich lassen“ und später „Nun ruhen alle Wälder“
wurde, oder Paul Gerhard auf die Melodie des Liedes „Mein
G'müt ist mir verwirret, das macht ein Mägdlein zart“ sein
inniges „Befiehl du deine Wege“ dichtete. Der Melodienschatz
der geistlichen Volkslieder des Mittelalters endlich wurde in
seinen schönsten Perlen einfach herübergenommen: von hier
stammen z. B. „Christ ist erstanden“ und die Pfingstlieder
„Komm heiliger Geist, Herre Gott“ und „Nun bitten wir den
heiligen Geist“.
Diese Melodien wurden nun anfangs ganz im Geiste
einer einfachen, ruhigen und ernsten Kontrapunktik behandelt;
es war dabei nicht eigentlich an Gemeindegesang, sondern an
kunstreichen Chorgesang gedacht, wie die 88 deutschen und
fünf lateinischen Lieder in dem ersten evangelischen Geistlichen
        <pb n="232" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 217

Gesangbüchlein des Torgauer Kapellmeisters Johann Walther
beweisen, das 1524 unter Luthers Augen zu Wittenberg er—
schienen ist. Und energisch ging man daran, in den pro⸗
testantischen Gemeinden Organe zur Ausübung dieses Gesanges
zu schaffen. Schon das 15. Jahrhundert hatte hier und da
Kantoreien, geistliche Gesangsgenossenschaften unter kirchlicher
Führung, gekannt; jetzt wurde nach dem Muster einer in Torgau
geschaffenen Gemeinschaft für derartige Einrichtungen weithin
gesorgt. Jahrhunderte hindurch sind die auf diese Art be—
gründeten Kantoreien Pflegerinnen des kunstgemäßen protestan⸗
tischen Kirchengesanges geblieben und wirken in diesem Sinne
in der Umgegend Wittenbergs und hier und da zerstreut in
sächsischen Landen noch heute fort.
Der kontrapunktische Satz der ältesten Choräle verlegt nun
die Melodie noch fast niemals in die Oberstimme und schließt
daher eine leichte Verfolgung der Melodie durch des Kunst—⸗
gesanges Unkundige und damit die Teilnahme der Gemeinde
am Gesange so gut wie ganz aus. Es war eine Form, die
dem mittelalterlichen Empfinden noch sehr nahestand und der
seelischen Vertiefung, welche Inhalt und Konfession jetzt
mehr als früher forderten, vielfach geradezu entgegentrat. So
mußte sie schon aus der Entwicklung des protestantischen Geistes
heraus über kurz oder laug fallen. Indem aber zugleich der
Anspruch der Gemeinden auf persönliche Teilnahme am Gottes⸗
dienste wuchs, war auch der Weg gegeben, in dem sich die
Umbildung vollzog: die Melodie mußte durchaus zur führenden
Stimme werden, so daß ihr gegenüber die anderen Stimmen
nur als Träger der Harmonie erschienen, und die Gemeinde,
indem sie die führende Stimme erkannte, in die Lage kam,
diese unisono mitzusingen. Indem sich nun die Musiker seit
Senfl und Ducis, den ersten großen Meistern des figurierten
Chorals, in den Choralbearbeitungen immer mehr in diesem
Sime einrichteten, und indem die kontrapunktische Kunst die
Melodie als Grundstimme immer mehr weit eher zu tragen
begann als zu verdecken und so⸗ihren Ausdruck durch Dar—
legung des harmonischen Inhaltes verstärkte, begann der Ton⸗
        <pb n="233" />
        218 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

satz langsam aus dem polyphonen Kontrapunkt in den har—
monischen Satz überzugehen, mehrte sich von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt die Möglichkeit tiefsten, keuschesten und zugleich ein⸗
fachsten musikalischen Ausdruckes. Es ist die Bewegung, in
der der mehrstimmige protestantische Choral zu jener Macht
über die Herzen gelangt ist, die ihm noch heute eignet.
Indem nun aber die Melodie in den Vordergrund trat,
ging die musikalische Erfindung, bisher fast ausschließlich der
kontrapunktischen Ausgestaltung zugewandt, zum ersten Male
ernstlich über den hergebrachten Melodienvorrat hinaus und
erprobte sich auf dem Gebiete des Melodischen in eigener, aus⸗
gedehnter Tätigkeit. Es war eine Anregung persönlicher
Schaffenskraft, die bald nicht mehr auf den bloßen Choral be⸗
schränkt blieb, die weitergriff und die ersten primitiven Formen
größeren protestantischen Kirchengesanges hervorrief. Ihr ver⸗
danken wir so ergreifende Gesänge, wie das Ecce quomodo
 moritur justus des Jakobus Gallus (Händl) und die
feinfühligen und doch kräftigen Kompositionen Hans Leo Haß⸗
lers (f 1612), — und aus ihrer Entfaltung heraus schuf
Johannes Eccard (f 1611) bereits die neue Form des geist⸗
lichen Festliedes, eines Mitteldinges zwischen Choral und Motette.

3. Inzwischen aber, während auf weltlichem Gebiete vor⸗
nehmlich das Madrigal, weit energischer und folgenreicher aber
auf geistlichem Gebiete der Choral der Monodie unter Be⸗
gleitung sei es einer kontrapunktischen Polyphonie, sei es einer
harmonischen Mehrstimmigkeit Seele und individuelles Leben
zu verleihen suchten, hatten sich noch andere Wege zu finden
begonnen, auf denen man zu noch stärkerer Betonung der
seelischen Intensität der Musik zu gelangen vermochte, um sie
ganz zum Ausdrucksmittel des neuen individualistis chen Fühlens
des 16. Jahrhunderts zu machen. Sie waren im wesentlichen
doppelter Art; sie verwiesen auf die Entwicklung der Instru⸗
mentalmusik und auf die Durchbildung des Gesanges der ein—
zelnen menschlichen Stimme zur schärferen Charakteristik musi—
        <pb n="234" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 219

kalischer Stimmungen. Und sie führten schließlich zur Entfaltung
einerseits der ältesten Symphonie und anderseits des Arioso
und des Rezitativs.
Wie diese Wörter schon dartun, vollzog sich der neue Vor—
gang zum großen Teile zunächst in Italien, das seit den Tagen
Palestrinas, ausgehend von der frühen und verständigen Klärung
des Wusts der spaätmittelalterlichen Mensuralmusik, auf lange
Zeit zum führenden Lande westeuropäischer Musik geworden
war; seit etwa 1560 sind dann Einwirkungen der italienischen
Musik in Deutschland überaus mächtig, und so wenig sie den
eingeborenen musikalischen Sinn unseres Volkes erstickt haben,
so haben sie ihn doch längere Zeit hindurch so gegängelt, daß
ein Verständnis der einheimischen Entwicklung ohne Kenntnis
wenigstens der Grundlage der italienischen unmöglich ist.
Freilich der Gebrauch musikalischer Tonwerkzeuge ist natür—
lich auch unter Deutschen uralt und schon für vorgeschichtliche
Zeiten bezeugt. Und uberschlagen wir von diesen Anfängen,
Jus denen wir über die Art der Benützung der Instrumente
wenig Lehrreiches wissen, einige Jahrtausende, so finden wir
seit etwa der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts diejenigen
Anfänge der Anwendung, von denen her eine erkennbare Ent⸗
wicklung auch in Deutschland unmittelbar bis zur Gegenwart
hinüberführt. Damals nämlich erwuchsen aus den Fahrenden
heraus unsere ersten Stadtpfeifereien: aus drei bis vier Pfeifern,
dazu ein paar Trompetern bestehend, hatten sie an Festtagen
und deren Vorabenden, auch wohl zum Markttag in den Städten
oͤffentlich vom Turme zu spielen. Es ist eine Sitte, die sich
manchen Ortes bis heute erhalten hat. Aus den Stadt⸗
pfeifereien aber sind die Stadtmusiken erwachsen, und auf diese
gehen wieder so wichtige deutsche Stadtorchester der Gegen⸗
wart, wie die von Leipzig, Köln und Düsseldorf wenigstens
mittelbar zurück.
Waren damit bürgerliche Anfänge der Instrumentalmusik
vorhanden oder wenigstens möglich, so traten daneben schon
früh fürstliche Orchester, zumal als die alten Liedermeister an
den Höfen, wie es noch Heinrich von Mügeln im 14., Michel
        <pb n="235" />
        220 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Beheim im 15. und Jörg Grünewald im 16. Jahrhundert gewesen
waren, im Laufe des 16. Jahrhunderts von Hofmusikern als
Vertretern des mehrstimmigen Gesanges und auch der Instru⸗
mentalmusik abgelöst wurden. Die fürstlichen Kapellen konnten
in dieser Zeit schon recht bedeutend sein; so bestand die bayerische
Kapelle zu Roland de Lassus' Zeiten aus 30 Instrumentalisten,
ferner 12 Bassisten, 5 Tenoristen, 183 Altisten, 16 Kapellknaben
und 83 oder 6 Kastraten, und aus dem Jahre 1569 wissen wir
von einer Gesamtzahl von 61 erwachsenen Mitaliedern und
18 Chorknaben.
Freilich war dabei, wie auch diese Verzeichnisse ergeben,
jede Musik von höherer Kunst bis zum Ende des 16. Jahr⸗
hunderts noch immer ganz oder fast ausschließlich Gesanges—
musik. Gewiß gab es eine große Anzahl von Instrumenten,
der Art nach sogar mehr als heute, aber sie zeigten der Haupt⸗
sache nach in der Tonbildung noch keine genügende Vollendung;
die Geigenbaukunst hat erst im 17. Jahrhundert gute Ergeb⸗
nisse geliefert, von den Cremonesischen Amatis bis auf Antonio
Stradivari, und die Blasinstrumente sind gar noch bis ins
18. Jahrhundert hinein sehr wenig tonrein gewesen. Außerdem
aber war vor der Mensuralmusik wohl schwerlich an irgend⸗
eine mehrstimmige Instrumentalmusik zu denken gewesen, die
höhere Anforderungen befriedigt hätte. Denn erst die Mensural⸗
— ——— sie ihnen eigene Dauer und
eigene Höhe verlieh, von dem Verstakte und dem Wortton der
Dichtung und damit vom Gesange unabhängig. War nun dies
der Ursprung jeder kunstmäßigeren mehrstimmigen Instrumental⸗
musik, so begreift es sich, daß deren Ausbildung zunächst an
die Entwicklung des Mensuralsystems geknüpft blieb. Hier
aber konnte ihr zunächst kaum etwas anderes zufallen, als die
Rolle der Begleitung von Gesangsstimmen in kontrapunktischem
Gegensatze. In der Tat ist die kunstmäßige Instrumental⸗
mufik fast das ganze 16. Jahrhundert hindurch auf diese Auf⸗
gabe beschränkt geblieben, soweit es sich nicht gar um eine Be⸗
gleitung bloß im Unisono oder in der Oktave handelte: von
diner weiteren Entwicklung ist nicht die Rede.
        <pb n="236" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 221

Nur ein Instrument machte alledem gegenüber wohl von
jeher eine Ausnahme: die Orgel. In ihr war alsbald das
mächtigste mehrstimmige Werkzeug gegeben, und das zweihändige
Spiel auf ihr begünstigte von vornherein die Entwicklung des
Kontrapunktes sowie die weitere Entfaltung des Mensural⸗
systems in seiner kontrapunktischen Gegenüberstellung von mehr
als zwei Stimmen. So kam es wohl schon früh im 15. Jahr⸗
hundert zu mensurierter Orgelmusik; und aus dem Fundamentum
 organisandi des Meisters Konrad Paumann von Nürn—
berg ergibt sich, daß man bereits um 1440 drei Stimmen auf
der Orgel zugleich wiederzugeben wußte. Von da ab nimmt
dann das kontrapunktische Figurenwerk auf der Orgel immer
mehr zu; unter Kaiser Max J. lernen wir dessen Hoforganisten
Paul Hofhaimer als Meister dieser Kunst kennen. Zugleich
entwickelt sich aus dem Figurenwerk, insofern es eine Melodie
umspielt, allmählich die erste spezielle Orgelkunstform, die
Variation, als deren Meister Peter Sweelinck (1540 - 1621)
zu Amsterdam gefeiert war. Sweelinck wurde zugleich zum viel
aufgesuchten Lehrer fast aller großen deutschen Organisten der
Folgezeit: von ihm zieht eine ununterbrochene Reihe des Fort⸗
schrittes hin bis zu den gewaltigen Organisten des 18. Jahr⸗
hunderts.

Während aber in Deutschland so die Orgel entwickelt
wurde und die Instrumentalmusik verkümmerte, entsprechend dem
Vorwiegen geistlich-reformatorischer Interessen im 16. Jahr⸗
hundert vor den weltlich-humanistischen, war der Entwicklungs⸗
gang in Italien der umgekehrte. Zu einer Zeit, da man jenseits
der Alpen erst kleine Anfänge kunstgemäßer Führung der Instru—
mente kannte, wurde hier schon die Sonata, die Instrumental⸗
musik, neben der Kantata, der Vokalmusik, stärker ausgebaut.
Die Anfänge einer entschiedeneren Bewegung auf welt—⸗
lichem Gebiete gehen hier auf Andrea und Giovanni Gabrieli,
deren letzterer seit 1384 Organist von S. Marco in Venedig
war, und auf Claudio Monteverdi (1568 1643) zurück.
Diese Meister suchten zunächst den Gesang durch obligate In—
strumentalbegleitung harmonisch zu vervollständigen und vermöge
        <pb n="237" />
        222 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

besonderer Bewegungen und Klangfärbungen zu charakterisieren,
und sie leiteten ihn zugleich ein und unterbrachen ihn durch
selbständige Instrumentalsätze. Solche Sätze nannte man im
allgemeinen Symphonien. Es ist klar, daß es von hier nicht
mehr weit war bis zur Verselbständigung der Instrumental⸗
musik, die sich dann, entsprechend den zyklischen Formen der
alten unkünstlerischen Tanzreihen, auch ihrerseits zyklische
Formen, ständige Reihen in besonderem Verhältnis zueinander
flehender Instrumentalsätze ausbilden mußte.
Gleichwohl hat es noch lange gedauert, ehe dieser Weg mit
stetigem Erfolge im Sinne einer gewaltigen vorwärtstreibenden
Entwicklung beschritten ward. Eine musikalische Gefühlswelt
völlig und ohne Zuhilfenahme des Wortes und Gesanges allein
durch die reichgegliederten Töne eines Chors wechsel- und
klangreicher Instrumente zum Ausdruck zu bringen: das ist eine
Aufgabe, die erst das neue Zeitalter des Subjektivismus nach
der Mitte des 18. Jahrhunderts vollends gelöst hat; noch kaum
Bach und Händel ganz trotz seiner Concerti grossi, erst Haydn
und Mozart und vor allem Beethoven sind ihre Meister geworden.
Denn die Beherrschung der Tonwelt der Instrumente in diesem
Sinne setzt das widerhallende Gefühl stürmender Leidenschaften
im eigenen Busen und die ganze reiche Vorstellung von der
Persönlichkeit als eines Schauplatzes unendlich abgestufter
Empfindungs⸗ und Gemütsvorgänge voraus, die das Zeitalter
des Individualismus in diesem Sinne noch nicht besaß. Und
so ist die Instrumentalmusik zu ihren höchsten Leistungen, bis
zum Verschlingen der menschlichen Stimme, die dem vollen
Schwall der neuen Empfindungen nicht mehr gerecht zu werden
schien, erst im 19. Jahrhundert entwickelt worden; und die
Wende des 16., sowie die ersten Jahrzehnte des 17. Jahr⸗
hunderts haben sich mit der Ausbildung der Instrumental⸗
musik zunächst und wenigstens in Deutschland doch nur im
Sinne einer Begleitungsmusik zum Gesange, und soweit die
Instrumentalmusik selbständig wurde, immer noch zumeist mit
entsprechender Reproduktion der Typen der Vokalmusik be—⸗
znügen müssen.
        <pb n="238" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 223

War dies die Lage, so war umsomehr auf die Ausbildung
der Dynamik und Modulationsfähigkeit der menschlichen Einzel⸗
stimme zu achten, um sie zum Träger der Empfindungswelt
der entwickelteren individualistischen Zeiten hin bis zur Mitte
des 18. Jahrhunderts zu machen. In der Tat liegt hier der
Kern des musikalischen Fortschrittes im 16. und 17. Jahr-—
hundert. So wie der einzelne sich in dieser Zeit isoliert stellte
zu seinem Gott, so wie die sittliche und staatliche Welt dieser
Zeit sich aus an sich isolierten Einzelpersonen mechanisch zu⸗
sammenzusetzen schien, so schien der einzelne in der Summe
seiner überschwänglichsten Empfindungen doch noch ganz in sich
aufgehen, sich im Einzelgesang völlig genügen zu können.
Indes die Durchbildung der alten genossenschaftlich em—
pfundenen Monodie zum individuell aufgefaßten Einzelgesange
ist trotzdem formell nicht einfach gewesen. Sie knüpfte sich
der Hauptsache nach wiederum an Italien; in ihr ist später
das italienische Virtuosentum des Einzelgesanges groß geworden;
auf der Tatsache, daß sie wesentlich in Italien erfolgte, beruht
die musikalische Herrschaft dieses Landes über West- und Mittel⸗
europa noch zu Zeiten, da seine allgemeinen Kultureinflüsse auf
die Fremde schon längst (seit etwa 1620) im Rückgange be—
griffen waren.
Innerhalb des alten liedmäßigen Gesanges, selbst da, wo
er einstimmig war, konnte sich der Einzelgesang nicht entfalten,
denn dieser liedmäßige Gesang trug eben seinem Wesen nach
genossenschaftlichen Charakter. So blieb für die Einzelstimme
nur da ein Raum, wo unter allen Umständen Einzelpersonen
gesangmäßig zum Worte kommen mußten, im musikalischen
Drama. Ein musikalisches Drama irgendwelcher Art war mit⸗
hin die formelle Voraussetzung für die Entfaltung des Einzel—
gesanges.
Nun hatte das dramatische Mysterium des Mittelalters bis
zu einem gewissen Grade den Charakter eines musikalischen Vor—⸗
ganges gehabt; cum grano salis kann man es wohl mit dem
modernen Oratorium zusammenhalten. Allein die Musik in
ihm war kollektiven Charakters gewesen; die Gemeinde hatte
        <pb n="239" />
        224 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

mit Gesängen, wie etwa „Also heilig ist der Tag“ eingegriffen;
und wo ja einmal Einzelpersonen musikalisch zur Außerung ge—
langt waren, da waren diese Außerungen — sehr bezeichnender⸗
weise — zumeist mehrstimmig gesetzt gewesen: so finden sich
die Reden Christi wohl vierstimmig gesetzt; das ist noch in der
Auferstehung“ Heinrich Schützens vom Jahre 1623, ja auf
Worte des Evangelisten angewandt zum Teil sogar noch in
Schützens „Sieben Worten am Kreuze“ vom Jahre 1645 der
Fall, in Werken allerdings, die man beide in gewissem Sinne
als Nachfolger des alten Mysteriums ansehen kann. Der
musikalische Charakter des Mysteriums stand also dem Einzel⸗
gesange im prägnanten Sinne des Wortes ebenso fern wie
Zas aͤltere Lied; es war nicht möglich, daß der Einzelgesang
sich in ihm völlig ausbildete; zudem verfiel es auch an sich im
Verlaufe des 16. Jahrhunderts.
Was aber von der Musik des Mysteriums galt, das traf
nicht minder auch für das speziell in Italien seit etwa 1650
von Filippo Neri begründete ältere Oratorium zu. Es bestand
der Hauptsache nach zunächst aus der Rezitation biblischer Ge⸗
schichten mit eingelegten Chören, ohne daß die Rezitation
fich über die Psalmodie hinaus musikalisch individuell ent⸗
wickelt hätte.
Und auch ein dritter, weltlicher Zweig dramatischer Dich⸗
tung, das italienische weltliche Singspiel, das im Laufe des
15. und 16. Jahrhunderts aus einfachen Maskeraden und Fest⸗
aufzügen der Fürstenhöfe hervorgegangen war, versagte. Auch
in ihm behielt die Musik, soweit sie nicht ganz auf Vorspiele
und Intermezzi beschränkt blieb, selbst für den übrigens seltenen
musikalischen Ausdruck der Einzelpersonen mehrstimmigen ma—⸗
drigalesken Charakter.
Gleichwohl sind diese drei Entwicklungen des Mysteriums,
des Oratoriums und des Singspieles für die Geschichte des
Einzelgesanges nicht ohne Bedeutung gewesen. Gewiß war die
Musik in ihnen noch mehrstimmig, aber bei der geforderten
dramatischen Lebendigkeit des Ausdruckes näherte sie sich mit
ihren Melismen und melodischen Progressionen aller Art und
        <pb n="240" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 225

der dadurch erzeugten Kehlfertigkeit der Sänger doch immer
mehr der Erfüllung jener Vorbedingungen, welche für die Aus—
gestaltung des Einzelgesanges gestellt werden mußten. Die
Mittel zum ersten Ausdruck individueller Stimmungen und
Leidenschaften schienen jetzt gleichwohl langsam erreicht zu
werden: ein neues Ideal, das des kunstmäßigen ausdrucks—
vollen Einzelgesanges im Gegensatze zur gebundenen Chormusik,
leuchtete leise hervor.
Wirklichkeit aber wurde es erst in dem Dramma per
musica, das man seit Mitte des 17. Jahrhunderts auch als
Opera bezeichnete, in der ältesten Oper.
In Italien, vor allem in Florenz, war im letzten Viertel
des 16. Jahrhunderts aus den Bestrebungen der Renaissance
wie aus der immer stärker entwickelten Neigung zu dramatisch⸗
musikalischen Vorstellungen der Wunsch hervorgegangen, das
hellenische Drama, das man sich als Musikdrama dachte, wieder
zu beleben. Dazu war neben den Chören, deren musikalische
Wiedergabe in den bestehenden Formen des mehrstimmigen
Gesanges ohne weiteres erreichbar schien, vor allem die Ent—
wicklung einer Monodie notwendig, die der Rhythmik des
Verses wie dem Sinne des gesprochenen Wortes schlicht und
würdig gerecht wurde. Sie ward gegen Ende des 16. Jahr—
hunderts zunächst im ariosen Einzelgesang, dann auch im Secco—
rezitativ gefunden, wobei allmählich das Rezitativ für den ein—
fachen Dialog, das Arioso für die Darlegung anhaltender
Gemütszustände bestimmt ward. Damit war in doppeltem
Sinne, unter mancherlei Ausnützung älterer dramatisch-musika—
lischer Formen, der Weg zum langersehnten Ziele, zur Be—
seelung des Einzelgesanges, eröffnet.
Auf dem neuen Pfade gesellte sich zum Einzelgesang
und damit überhaupt zum Dramma per musiea sehr rasch
das andere Mittel stärkerer Individualisierung musikalischen
Empfindens, das gegen Ende des 16. Jahrhunderts in der
Instrumentalmusik entwickelt worden war. Klavier, Laute,
Viola, auch Blasinstrumente wurden nunmehr spystematisch
herangezogen, teils zur Begleitung des Madrigals, womit das
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 15
        <pb n="241" />
        226 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Spiel eröffnet zu werden pflegte, teils zur Unterbrechung,
seltener auch zur Begleitung des Einzelgesangs. Leise, diskret,
unbeholfen zunächst noch nahmen sie an Schilderung und
Charakterisierung der Handlung teil, bis sie langsam in die
Stellung spezifisch zeichnender Tonwerkzeuge hineinwuchsen und
ihr Hinzutritt zum Gefang nicht mehr entbehrt werden konnte.
Aber diese wachsende Beherrschung der Tonempfindungen
im Drama kam keineswegs sogleich weiten Kreisen zugute.
Aus einem Mißverständnis des hellenischen Dramas erwachsen,
ein schwaches Kind der verflauenden Renaissance des 16. Jahr⸗
hunderts, blieb das Dramma per musiea in seiner Ver—
oͤreitung zunächst auf den Kreis der fürstlichen Höfe erst
Italiens, dann Westeuropas beschränkt, und sein Inhalt be⸗
grenzte sich auf Stoffe der klassischen Mythologie und ihr an⸗
geschlossene alberne Allegorien, sein Empfindungskreis auf
girrende Galanterie und die Unnatur höfischer Liebeleien.
An den deutschen Fürstenhöfen hatte das italienische
Dramma per musica Vorläufer in Schaustellungen, die bis
auf das blutige Turnier des Mittelalters zurückgingen. Im
16. Jahrhundert hatte das Turnier zunächst den harmloseren
Ring⸗ oder Ringelrennen Platz gemacht, die sich bald durch
eingelegte allegorische Aufzüge zu manchmal recht plumpem,
mmer aber heiter gemeintem Kostümgepränge erweiterten.
Diese „Inventionen“, wie man die verwandelte Form nannte,
verlangten dann bald die Aufnahme der Sprache und wo mög⸗—
lich der Musik. So wurde schon 1596 am hessischen Hofe bei
einem Ritterspiel Gesang herangezogen; und etwa ein Jahr⸗
zehnt später sehen wir die Aufführungen, die gelegentlich einer
Hochzeitsfeier am württembergischen Hofe stattfanden, sehr
hübsch mit sieben „Liedlein“ ausgestattet; bei der glänzendsten
Invention dieser Tage aber, dem Ringelrennen der Stadt
Heidelberg zu Ehren des Einzuges Friedrichs V. und seiner
Gemahlin im Jahre 1613, wurde die Darstellung des Argo—
nautenzuges gar durch dreiundzwanzig meist für Gesang be—
stimmte Gedichte begleitet.
Unter diesen Umständen kann es nicht wundern, daß das
        <pb n="242" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 227
Dramma per musica, für das seit dem 17. Jahrhundert so
große Meister wie Claudio Monteverdi und Cavalli, in der
zweiten Hälfte des Jahrhunderts auch noch Scarlatti schufen,
in Deutschland Anklang fand: im Jahre 1627 ist gelegentlich
einer Vermählungsfeier am kursächsischen Hofe zu Torgau die
erste Oper, die , Daphne“ des Rinuccini, von Opitz ins Deutsche
übersetzt und von Schütz komponiert, auf deutschem Boden zur
Aufführung gelangt.
Gleichwohl verbreitete sich das Dramma per musica an
den deutschen Höfen weniger, als man hätte erwarten sollen;
die Kosten der mittlerweile zu stärkstem theatralischen Aufwande
entwickelten und mit Ballett ausgestatteten Aufführungen waren
zu groß, und das Elend des langen Krieges hatte die Freude
an feinerem künstlerischen Genusse ertötet. So waren es denn
der Hauptsache nach nur die großen Höfe von Wien, München
und Dresden, die nach dem Kriege ziemlich ständig italienische
Opern hielten; soweit aber die Oper deutsch ward, fand sie
ihre Stätte nicht so sehr an Fürstenhöfen wie in dem mächtig
emporstrebenden Amsterdam und im Schoße der einzigen damals
in Binnendeutschland noch reichen und entwicklungsfreudigen
Stadt, hinter den Wällen Hamburgs.
Unter diesen Umständen gelangten die neuen Errungen—
schaften der italienischen Musik, wie sie durch die Lehrjahre
fast aller besseren deutschen Komponisten dieser Zeit unter
italienischen Meistern nicht minder nach Deutschland getragen
wurden wie durch das Bedürfnis eines inneren Fortschrittes
der deutschen Musik in italienischer Richtung, bei uns nicht in
der Form des Dramma per musica zur Geltung, sondern in
einer bei weitem mehr nationalen Form, in der Fortentwicklung
der protestantischen Kirchenmusik. Hier, im Bereiche des wesent—
lichsien Empfindungskomplexes des deutschen Volksgeistes auch
noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, des religiösen,
sind Beseelung der Einzelstimme und Charakterisierungskraft
der Instrumentalmusik bei uns emporgeblüht.
Der große Meister dieser neuen Kunst aber war Heinrich
Schütz, zu Köstritz im Vogtlande am 8. Oktober 1585 geboren,
153*
        <pb n="243" />
        220

Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

in der hessischen Hofkapelle wie in Italien durch den Venezianer
Gabrieli musikalisch gebildet, später die längste Zeit seines
reichen Lebens hindurch, 1615 1672, in kursächsischem Dienste,
seit 1617 als Meister der großen Dresdener Kapelle.
Schützens Werke kamen verhältnismäßig erst spät an die
Offentlichkeit: so seine Heiligen Symphonien 1629, 1647 und
1650, seine Geistlichen Konzerte 1636 und 1639, seine Mo—
tetten 1648; von seinen dramatischen Kirchenwerken, den Vor⸗
läufern des späteren großen deutschen Oratoriums, sind die
Sieben Worte Christi am Kreuze 1645, die vier Passionen
nach den Evangelisten gar erst 1666 herausgekommen.
Um so reifer ist, was sein Genius in ihnen bietet.
Schon in seinen Symphonien, gesanglichen Kompositionen mit
Instrumentalbegleitung, erscheint der Einzelgesang ausdrucks⸗
voll belebt und gibt nicht bloß die Grundstimmung klar und
entschieden wieder, sondern auch die einzelnen Phasen und
Modifikationen der Empfindung. Damit ist das Mittel ge—
funden, den Hörer nicht einfach in einer Stimmung ruhen zu
lassen, sondern ihn mit fortzureißen zum dramatischen Mit—
erleben des Dargestellten. Wesentlich zu diesem Erfolge tragen
auch schon die Instrumente bei, deren stärkere Betonung wohl
auf italienischem Einflusse beruht; der Gesang baut sich über
mehr als einer einfachen Baßstimme auf; die Begleitung ist
obligat; die Instrumente zeigen eigene, neben den Sing—
ftimmen hergehende Motive oder führen den Hauptgedanken
mit ihnen wechselweise durch.
uͤbertroffen aber werden die Symphonien wie auch die
Konzerte und Motetten Schützens durch die großen Werke der
Spatzeit, deren eines Schütz einmal nicht eigentlich als Kirchen⸗
musik, sondern als „um die österliche Zeit in fürstlichen Kapellen
oder Zimmern ꝛc. zu gebrauchen“ bezeichnet hat: zum Beweise
dafür, daß er den gebundenen Kirchenstil der älteren Zeit ver⸗
worfen und einen neuen Weg veränderter musikalischer Aus⸗
drucksmittel und schärferer Charakteristik musikalischer Stim⸗
mungen beschritten hatte, wie er dem altheiligen Raume der
Kirche noch nicht angemessen erschien. Von diesen großen
        <pb n="244" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 229

Werken zeigen die Passionen in der Führung der Einzel⸗
stimmen insofern noch einen verhältnismäßig altertümlichen
Charakter, als sich noch vielfach die alte, wenn auch arios be—
lebte Psalmodie findet. In den Chören dagegen bricht die
neue Art lebhaft in dramatisch charakterisierenden Elementen
von sieghafter Kraft hervor: populäre Leidens chaften namentlich
werden überaus lebensvoll geschildert; wer, der ihn gehört
hat, wird z. B. den Kreuzigungschor vergessen? Entwicklungs⸗
geschichtlich am höchsten aber stehen unter diesen Werken wohl
die Sieben Worie am Kreuze. Hier ist das wunderbar ariose
Rezitativ der Einzelreden Christi und der übrigen evangelischen
Personen, das sich in den Kreuzesworten zum ergreifendsten
Pathos steigert, ohne doch je feierlich-keuschen Ernst zu ver⸗
lieren, durch Chorsätze von außerordentlicher Kraft umrahmt,
deren erster, aus dem Choral „Da Jesus an dem Kreuze
stund“ entwickelt, von einer überaus fein gegliederten und
weihevoll ins Geheimnisvoll⸗Erhabene aufsteigenden Symphonie
umfaßt wird, während in dem Schlußchor „Wer Gottes Wort
in Ehren hat“ die Gemeinde Betrachtungen über den Opfertod
Christi als Mittel zum ewigen Leben anstimmt.
Schuͤtz ist der erste große Meister des individualistischen
Musikstiles in Deutschland. Er handhabt die neuen Mittel,
Instrumente und namentlich Einzelgesang, mit intensiverem
musikalischen Ausdrucke in persönlicher Herrschaft; er dringt
mit ihnen zu verinnerlichter Tonmalerei vor; er versinnlicht
die Regungen reiner Schmerzen und reiner Himmelsfreude, er
leiht der Reue Töne und Töne dem klagenden Gewissen. Er
ist pathetisch gegenüber den objektiven Formen der älteren
Musik: aber in gläubiger Demut von den allgemeinen Heils⸗
wahrheiten der Kirche durchdrungen, schafft er trotz allem noch
in jungfräulicher Herbigkeit, zurückhaltend gleichsam gegenüber
der gefährlichen Macht neuer Töne, die in seine Hand gelegt
ist; und hören wir seine Musik, so überkommt uns der stille
Schauer des Morgens vor triumphierendem Sonnenaufgang.
Ahnungsvoll erschließt er das Neue, gleich einem Meister
Wilhelm der Malerei; ein einzig glücklicher Moment ist es,
        <pb n="245" />
        230 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

auf dem seine Kunst beruht; und so konnte er keinen Nach—
folger gleichen Sinnes haben.
Mit und nach ihm haben viele in dem neuen Stil komponiert;
uüberaus zarte Choräle und Kirchenmusiken sind entstanden;
Johann Crüger schuf die unvergleichliche Melodie zu „Jesus
meine Zuversicht“; Schein (7 1630), Albert (f 1651), Hammer⸗
schmidt (f 1675), Rosenmüller (f 1682) entwickelten neben
größeren kirchlichen Kompositionen das geistliche Lied im engeren
Sinne: aber keiner erreichte die lichten Höhen Schützens: erst
Johann Sebastian Bach hat, was er geschaffen, wieder auf—⸗
genommen und mit größerem Genie und intensiveren Tonmitteln
im strahlenden Lichte des Mittags vollendet.

II.

. Vielverschlungen auf den ersten Blick, im Grunde aber
einfach und folgerichtig verlief die Geschichte der Musik. Die
Ausdrucksmittel, soweit sie nur das rein Physikalische, gleichsam
minder Seelische der Töne ins Auge faßten, begannen ab⸗
gestreift zu werden: hervor trat der Ton als Träger besonders
intensiver seelischer Stimmung. In diesem Vorgange wird die
Musik erst zu dem, was wir der heutigen Bedeutung des
Wortes nach unter ihr verstehen; und allein schon ihre Ent—
wicklung in diesem Sinne bedeutet einen außerordentlichen,
in neuer und reinerer Sphäre sich vollziehenden Fortschritt in
der Intensität der künstlerischen Erfassung und Wiedergabe des
Seelenlebens. Mochten auch die Mittel in dieser Hinsicht im
Vergleiche zu den heute bekannten und angewandten noch be⸗
scheiden sein: ein Anfang war gleichwohl gemacht, — zum ersten
Male war die Musik in den ernstesten Wettbewerb getreten
mit derjenigen darstellenden Kunst, die bisher vorwiegend ent⸗
wickelt war, der Dichtung.
Es war ein Vorgang, der seine Erklärung vornehmlich
darin findet, daß nunmehr seelische Regungen künstlerisch er—
faßt zu werden begannen, denen gegenüber das bloße Wort zu
versagen schien. Aber mußte nicht die in dieser Richtung
        <pb n="246" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 231
vorwärtsdrängende Entwicklung auch der Dichtung einen neuen
Anstoß geben?
Waͤr werden sehen, daß sich die Dichtung des 16. bis
18. Jahrhunderts entwicklungsgeschichtlich besonders den satiri⸗
schen und dramatischen Problemen zuwandte!. Gewiß ist auch
die Lyrik gepflegt worden: neben den Choralmelodien der pro⸗
testantischen Kirche stehen zum Beispiel, um vorläufig nur
eines Momentes zu gedenken, nicht minder tiefe, ergreifende
Texte. Aber im ganzen begann das Gebiet des intimsten
Gemutslebens doch der Musik zuzufallen. Die Zeit hatte
rationale Neigungen, und je länger je mehr wandte sich die
Dichtung, der Prosaliteratur schon durch das Ausdrucksmittel
des Wories verwandt, den Aufgaben einer Darstellung mehr
der Willens⸗- und Verstandesseite des Menschenlebens zu.
Daher begreift es sich, daß zunächst eine ganze Anzahl
älterer Richtungen der Dichtung, die weniger rationaler Natur
waren, verfielen oder ins trocken Verständliche umgemodelt
wurden: so der Meistersang als Nachfolger der höfischen Lyrik,
das Volkslied älteren Charakters und auch der Ritterroman,
insofern er aus den Epen des 12. und 18. Jahrhunderts und
aus der französischen Einfuhr des späteren Mittelalters hervor⸗
gegangen war. Es war ein Vorgang, der sich schon im
15. Jahrhundert vorbereitet hatte, in jener Zeit, in der die
Kunst der Architektur zum Virtuosentum abstarb, der Mensural⸗
gesang zum künstlichen Spiel mit Tönen erstarrte und in der
Scholastik Systeme des Systems halber errichtet wurden: das
erste Aufdämmern intellektualistischer Weltanschauung, das dem
Rationalismus des 16. bis 18. Jahrhunderts voranging, hatte
mit den älteren literarischen Formen, soweit sie ihm nicht ent—
sprachen, schon gründlich aufgeräumt.
Fand in dieser Hinsicht das 16. Jahrhundert, so sehr es
nach anderen Seiten hin die literarische Überlieferung fort—
setzte, bereits ziemlich reinen Tisch vor, so begann es ander—

Dieser Abschnitt ist von hier ab schon gebruckt in ‚ Nord und Süd“,
Heft 304 (1899).
        <pb n="247" />
        2832 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

—V
sprachlichen Grundlage. Man weiß, welchen großen Momenten
—
späteren Mittelalters, mochte er nun wirtschaftlichen Charakters
sein und tausend wirre Fäden dicht verflochten von Stammes—
gebiet zu Stammesgebiet ziehen, oder aber politischen Charakter
haben und von der kaiserlichen Kanzlei erst der Luxemburger,
dann der Habsburger her einer Gemeinsprache zudrängen, war
die langsame Entwicklung der Grundlagen des Neuhochdeutschen
ausgegangen: und diese Grundlage war dann ausgebaut worden
durch den gewaltigen Aufschwung der literarischen Tätigkeit
der Reformationsjahre, vor allem durch die Sprache Luthers.
Von nun ab war kein Zweifel mehr, daß es eine allgemeine
literarische Sprache der Deutschen gab, und daß diese Sprache
die hochdeutsche war: nur wenig ist in den folgenden Jahr—
hunderten dialektisch, am meisten wohl noch niederdeutsch, aber
auch auf diesem Gebiete an sich fast nur geringfügig ge—
dichtet worden. Es war eine Einheitsbewegung, an der noch
ganz Deutschland teilnahm, mochte es politisch zum Reiche ge—
hören oder nicht: freilich mit einer schwerwiegenden Ausnahme,
der der niederländischen Provinzen.
Die Abtrennung des Niederländischen erschien schon durch
die politischen Schicksale der Vlamen und Holländer während
des 14. und 15. Jahrhunderts eingeleitet; besiegelt wurde sie
dennoch erst im 16. und 17. Jahrhundert. Denn das ist das
tragische Schicksal dieser Lande, daß sie eben in den Zeiten,
da sie dem großen Vaterlande noch einmal besonders viel
waren, gerade durch diese überragende Stellung von ihm ab—
gedrängt und kleinerer Entwicklung in engen Verhältnissen zu⸗
gewiesen worden sind. Im 16. Jahrhundert konnte das Nieder—
ländische noch immer als Dialekt gelten — wie es denn noch
während des 17. Jahrhunderts im Reiche als vom Deutschen
nicht eigentlich geschieden empfunden wurde —: in Anna Bijns
Refereinen oder Marnix' Bijekorf ist die Sprache zwar malerisch,
aber noch gemein. Die Staatenbibel dagegen (1626-1687)
und vorher einleitend wie gleichzeitig belebend die großen Ge—
        <pb n="248" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 233

lehrten, Dichter und Philosophen, ein Stevin, Hooft, Cats,
Vondel, Huyghens, haben das Niederländische des 17. Jahr—
hunderts völlig zu einer besonderen Schriftsprache entwickelt
und damit vom Neuhochdeutschen endgültig gelöst. Dabei war
der Stolz auf die eigene Sprache in den Niederlanden teilweis
schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts deutlich vor⸗
handen; der Mediziner Becanus z. B. war damals schon von
der Schönheit und Eigentümlichkeit des Vlämischen so durch⸗
drungen, daß er in seinen Origines Antverpianae (1569) be⸗
hauptete, Adam und Evda hätten im Paradiese gewiß vlämisch
miteinander geplaudert.
Für die Entwicklung der gemeindeutschen Literatur aber
ergibt sich aus dieser Abtrennung des Niederländischen, daß
sie fur das 16. und 17. Jahrhundert in zwei Strömen dahin⸗
fließt, dem binnendeutschen und — da die südlichen Niederlande
geistig abstarben — demjenigen Hollands. Dem muß auch der
Lauf unserer Erzählung folgen, um so mehr, als die nieder⸗
ländische Literatur das, was ihr an Verbreitungsgebiet gegen⸗
uiber der binnendeutschen vielleicht fehlte, vollauf durch die
Folgerichtigkeit und die innere Bedeutung ihrer Entwicklung
auch für die weitere Geschichte der binnendeutschen Literatur
ersetzt hat.

2. Im inneren Deutschland verlief die literarische Ent⸗
wicklung von der Reformation bis zum Dreißigjährigen Kriege
vor allem im Ausbau derjenigen Richtungen der spätmittel⸗
alterlichen Literatur, in denen der Versuch zu energischerer
Wiedergabe menschlicher Charaktere gemacht worden war, in
der Fortentwicklung mithin der alten Neigungen auf eine
enzyklopädische Satire und auf ein urwüchsiges Drama. Dabei
traͤt allmählich die noch in der ersten Hälfte des 16. Jahr⸗
hunderts vorhandene Tendenz zu polemischer Haltung, wie sie
die streitbaren Jahrzehnte der Reformation besonders befördert
hatten, zurück, und an der Stelle der polemischen Satire auf
aͤlle ober einige Stände entfaltete sich der Schwank, wie an
        <pb n="249" />
        234 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Stelle des ebenfalls gelegentlich gepflegten Tendenzdramas das
tendenzlose Schauspiel.
Ehe indes diese Richtungen zu vollerer Bildung reiften,
gelangten noch einige literarische Gattungen zur Blüte, die
leils dem Gesamtempfinden der Zeit nach sozialer wie religiöser
Seite hin Ausdruck gaben, teils sich in weniger ausgesprochener
Form, vielfach mit der Pflege fremder Anschauungen und
Neigungen vermischt, der Personalcharakteristik zuwandten.
Zunächst gingen aus dem alten Volkslied das Gesellschafts⸗
lied und das Kirchenlied hervor. Im Gesellschaftslied ver—
schmolzen alte, teilweis noch auf das Denken und Empfinden
des symbolischen Zeitalters zurückreichende Überlieferungen mit
dem Denken und den Anforderungen vornehmlich des Bürger⸗
tums, und indem jetzt zum Lied die kunstgemäße, teils har⸗
monifierte, teils kontrapunktisch behandelte Melodie und mit
ihr sehr bald fremder, vornehmlich italienischer Einfluß hinzu⸗
trat, entstanden seltsame Mischformen, in denen das alte Gold
des Volksmäßigen nur hier und da noch hervorschimmert.
Demgegenüber fand dann die Entwicklung des Volksliedes eine
andere Stätte, auf der es sich ganz selbst verblieb und dennoch
den großen Tendenzen des 16. Jahrhunderts vermählte, so daß
es zu nie erreichter Höhe und Reinheit erwachsen konnte: die
Kirche.
Das deutsche Kirchenlied ist keine Schöpfung der Refor⸗
mation. Aber das reformatorische Kirchenlied, wie es mit den
erhabenen Schöpfungen Luthers aus den Jahren 1523 und 1524
begann und bald darauf mit „Ein feste Burg ist unser Gott“
schon seine Höhe erreichte, ist von dem mittelalterlichen Kirchen⸗
liede selbst da, wo es sich ihm anschließt, dennoch innerlich ver⸗
schieden. Das mittelalterliche Kirchenlied war Kultuslied, Be—
gleitgesang zumeist zu Handlungen des Klerus, Beiwerk einer
hierarchischen Kirche; das reformatorische Kirchenlied wurde
immer mehr zu einem Hauptstück des Gottesdienstes und stand
unter dem Schutze des allgemeinen Priestertums der Gemeinde.
So gewann es an Ernst und Würde; ein heiliger Schauer
weht aus seinen Texten, und ein männlicher Ton ist ihm eigen,
        <pb n="250" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 235

auch wo es frohlockt. Was die Gemeinde vor Gottes An⸗
gesicht bringen kann, das umfaßt es: die ganze Stufenleiter
religiöser und sittlicher Gemeingefühle.
Erst mit der Wende des 16. Jahrhunderts beginnt sich
dieser Ton des Kirchenliedes zu ändern. Die Dichtungen
unterliegen nunmehr der Umgestaltung des Empfindens ins
Individuelle. Schon vorher hatte es namentlich Sterbelieder
gegeben, deren Ton nicht mehr der objektive eines Gemeinde⸗
bekennens war, das aller persönlichen Empfindung entäußert
ist. Jetzt wird der Ton ganz allgemein individueller; die Zahl
der Dichter mehrt sich und findet die Formen kindlich⸗ persön⸗
licher Sprache; weichere Töne verdrängen das Rauhe, Knorrige,
Herbe von ehedem: und schon erscheint statt des erhabenen
Christus das süße Jesulein. Es ist die Wendung zum Pietis⸗
mus, zur Reaktion gegen die inzwischen emporgewucherte ein⸗
seitige Verstandesseligkeit des neuen Zeitalters.
Unterdessen hatte aber der auftrennende Verstand die
nationale Phantasie bereits in eine bestimmte Richtung, auf
die intensivere Erfassung vor allem fremder menschlicher
Charaktere, verwiesen. Es war eine Richtung, die auch in
epischen Formen, in der Forbildung der alten Ritterepen ins
Romanhafte, ihr Genüge finden konnte und in diesem Sinne
lange Zeit hindurch mit dem Import fremder literarischer
Erzeugnisse befriedigt wurde. Bis zu einem gewissen Grade
hatten in diesem Sinne schon die Volksbücher des 15. Jahr⸗
hunderts leise gewirkt; weit mehr aber taten das jetzt, im
16. Jahrhundert, die ersten Romane, die zunächst von Frank—⸗
reich her eingeführt wurden. Da wanderten anfangs, in den
Jahren 1533 1589, der Riese Fierabras, die vier Haimons⸗
kinder, der Kaiser Oktavianus, die schöne Magelone und
Ritter Galmy über den Rhein und eroberten mit ihren
rührenden Erzählungen von Krieg und Kampf, von Verleum⸗
dung und gerechtfertigter Unschuld, von Trennung und von
Wiedersehen die Herzen vor allem der adligen Kreise. Die
Wirkung aber dieser und ähnlicher Romane wurde durch eine
neue Enfuhr in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
        <pb n="251" />
        236 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

übertroffen, von der dem deutschen Adel schon das französische
Gesellschaftsideal des omme du monde nähergelegt ward;
neben anderem brachte sie die höchst fesselnde, von Belehrung
und Moralisation nützlich durchbrochene Geschichte des be—
rühmten Helden Amadis, die, immer und immer wieder auf⸗
gelegt und vermehrt, bis weit über das 16. Jahrhundert hinaus
dieblingslektüre der höheren Kreise des inneren Deutschlands ge⸗
blieben ist. Diesen Einflüssen folgte dann nochmals, um
das Jahr 1600, ein letzter, größter und entscheidender Einfall
französischer Romane über Mömpelgard und Straßburg und nun
auch schon spanischer Romane über München: er hat geradezu
ein Anschwellen des deutschen Buchhandels bewirkt. Mit ihm
traten neben die alten Heldenstoffe auch schon Schelmenstücke
und Schäfergeschichten: die einfache, wenn auch noch heroisch
gedachte Betrachtung der Welt gabelte sich jetzt in eine viel
iatenfivere, naturalistisch-sarkastische und eine konventionell ge⸗
haltene idealistische Auffassung.
Aber die fremde Einfuhr hatte unterdessen in Deutschland
auch schon eine gewisse Wirkung ins Schöpferische gehabt: man
hatte nachzuahmen begonnen. Freilich zeigte sich dabei, daß
bas deutsche Seelenleben wohl für eine Aufnahme der fremden,
übrigens auch noch außerordentlich rohen Lebenscharakteristik,
wie sie die Romane gaben, empfänglich, dagegen für die freie
Erzeugung der erforderlichen, lang hingezogenen, liebevoll ins
Zuständliche eintretenden Charakteristik noch nicht reif war.
Die deutschen Nachahmungen sind daher noch roh und un—
geschlacht; erst der Verlauf des 17. Jahrhunderts brachte
ims wahrhaft bedeutende Romane; und die Versuche zur in⸗
timeren Widerspiegelung des Menschendaseins, die in diesen
gemacht wurden, fanden während des 16. Jahrhunderts ihre
Vorläufer nicht so sehr im Roman als im Schwank und im
Drama.

Drama und Schwank müssen hier zusammen genannt
werden, denn sie sind als besondere Dichtungsarten kaum er—
schöpfend zu trennen. Bei beiden nimmt der Inhalt die
Richtung vorwiegend aufs Satirische und bei freierer Auf—
        <pb n="252" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 237

fassung aufs Komische und Burleske; bei beiden findet sich der⸗
selbe verstandesmäßige, lehrhafte Zug; in beiden nähert sich die
gegenseitige Formgebung bis fast zum Verwischen der Grenzen:
denn der Schwank kann eine Neigung zum Dramatischen haben,
die unmittelbar in die Dialogisierung hineinführt; und das
Drama läßt fast noch niemals die älteren epischen Elemente
vermissen. Sind so die gemeinsamen Wurzeln beider Kunst⸗
formen ebensowenig zu verkennen wie ihr übereinstimmendes
Ziel, das Streben nach schärferer Charakteristik, so liegt es
doch in der Natur der Sache, daß sie, äußerlich immerhin ge—
trennt, verschiedene Schickfale gehabt haben: der Schwank, eine
Kunstform, die sich schließlich mit geringerer Tiefe der Cha—
rakteristik begnügt, fand im 16. Jahrhundert seine Vollendung,
das Drama erreichte kaum eine erste Stufe künftiger Blüte.
Ausgegangen ist die Schwankliteratur, so wie sie uns in
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in kurzen, pointierten
Erzählungen verschiedenartigsten Inhalts entgegentritt, vor⸗
nehmlich vom Klerus; die Wundergespräche des frommen Kölner
Patriziersohnes der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und
Novizenmeisters des Klosters Heisterbach im Siebengebirge,
Caesarius, können als die erste große lateinische Schwank⸗
sammlung von freilich ganz bestimmter geistlicher Tendenz
gelten. Aus dem Munde des Klerus drangen die Geschichten
dann in die Predigt, teils als Parabel, teils ganz einfach als
Unterhaltungsmaterial; auf diesem Gebiete erhielten sie sich
durch alle Leistungen der großen mittelalterlichen Volksprediger
hindurch bis auf Geiler von Kaisersberg ( 1510), den ge—
waltigen Straßburger Kanzelredner, ja darüber hinaus bis auf
den schwäbisch derben Wiener Prediger Abraham a Sancta
Clara (f 1709), diesen wunderlichen, im Grunde doch recht
ernsten Geist des 16. Jahrhunderts im siebzehnten.
Aber inzwischen hatte das 16. Jahrhundert die Schätze
der Überlieferung zu sichten und zu säubern begonnen. An
der Spitze einer dahin gerichteten Tätigkeit steht, ein später
Nachfolger des Caesarius, der elsässische Franziskanerbruder
Johannes Pauli mit einer Sammlung, die er im Jahre 1519
        <pb n="253" />
        238 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

unter dem Titel „Schimpf und Ernst“ abschloß. Paulis
Büchlein trägt noch halbwegs klerikalen Charakter, hat noch
die größte Vorliebe für Zauberstücklein und Wunder, diese
schlimmsten Feinde aller eingehenderen Charakteristik, erzählt
weiter noch gern ohne Pointe und strebt noch Erziehung guter
und Besserung sündiger Seelen an. Demgegenüber sind die
Sammlungen, die seit 1555, seit dem Rollwagenbüchlein Jörg
Wickrams, auch eines Elsässers, erschienen, fast ohne Ausnahme
der reinen Unterhaltungsliteratur gewidmet. Wickrams Werkchen
selbst, ein Buch von Geschichten, die sich Reisende zum Zeit⸗
hertreib auf dem Rollwagen erzählen können, mag als Typus
der Gattung gelten. Es ist vor allem ganz laienhaft, wenn
es auch das haec fabula docet am Schlusse weniger Ge⸗
schichten vermissen läßt; und es ist pointiert. Das Wunder⸗
hare findet sich wohl auch noch, aber es wird herzhaft an⸗
gegriffen, wie man sich denn zu dieser Zeit in zunehmendem
Fluchen dem Teufel mehr kordial und gemütlich näherte; und
auch die Heiligen werden nicht mit schlechten Witzen verschont;
ja nicht wenige Geschichten sind nach unseren Begriffen geradezu
blasphemisch. Doch ist das nicht so schlimm gemeint: denn
auf weltlichem Gebiete ist der Grundzug des Büchleins zweifels⸗
ohne eine biedere, dem Frivolen ferne, dem Derben mehr als
nahe Roheit; die berühmten Heiligen des 16. Jahrhunderts
Sankt Grobian und Sankt Schweinhardus haben bei seiner
Entstehung Gevatter gestanden. Eben das aber war's, was das
Publikum zunächst wollte; eine verwandte Literatur schwoll ge⸗
waltig empor; auf die acht Elsässer, Leipziger, hessischen Samm—
lungen, die in den acht Jahren von 1555 - 15683 erschienen,
folgte eine Fülle weiterer, namentlich solcher, die sich um eine
Person als Mittelpunkt gruppierten, etwa den Hofnarren Kur⸗
fürst Johann Friedrichs von Sachsen Claus oder den Doktor
Faustus: bis die ganze Gruppe mit der 1597 gedruckten
Sammlung der Schildbürgerstücklein der Hauptsache nach ihren
Abschluß fand.
Inzwischen aber hatte der Schwank seinen klassischen
Vollender in Hans Sachs gefunden. Hans Sachs, der 1576
        <pb n="254" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 239

im einundachtzigsten Lebensjahre starb, hatte bis zum Neujahrs⸗
tage 1567 nach eigner Rechnung, die er um diese Zeit hübsch
poetisch aufmachte, 6170 Gedichte gemacht, „ohne die, so waren
kurz und klein, die ich nicht hätt' geschrieben ein“. Es sind
unter Brüdern eine halbe Million Verse. Natürlich kann bei
solcher Fruchtbarkeit nicht alles gleich vollendet sein. Der
Dichter, wohl ohne Zweifel das größte rein poetische Talent
seiner Zeit, hat das Recht, nur nach den besseren seiner
Schöpfungen beurteilt zu werden. Und da ergibt sich, daß sich
in dieser Frohnatur das Weltbild des 16. Jahrhunderts in
vergnüglichster Anschaulichkeit widerspiegelte: nicht ohne Grund
hat Goethe in dem poetischen Schuster wesentliche Züge seines
Wesens wiedergefunden und für sein Andenken gesorgt. Es
ist dieselbe unmittelbare Gegenständlichkeit der Anschauung, nur
ohne das tiefe psychologische Eindringen des Dichterfürsten.
Denn so sehr Sachs die gegebenen Stoffe, die er zumeist ihrem
Tatsacheninhalt nach bloß reproduzierte, über die Überlieferung
hinaus zu freierer, bilderreicher Abrundung emporzuheben
—D—— der Charakteristik noch die Züge
schuldig, die nur mittelbar, nicht bloß zur direkten Motivierung
der einzelnen Handlung beizutragen imstande sein würden.
Hans Sachs hat unter seinen Werken auch 208 fröoͤhliche
Komödien, traurige Tragödien und lustige Spiele aufgezählt:
unendlich reich war er also auch als Dramatiker; es wird
davon noch weiter unten die Rede sein. Daneben hat er als
Chorführer der bürgerlichen Empfindungen auch zahlreiche
Sprüche und geistliche Lieder, Liebeslieder, Gassenhauer und
anderes gedichtet; und vornehmlich ist er, wie einstens Herr
Walther von der Vogelweide in ritterlicher Zeit, so nun unter
Bürgern ein erster politischer Dichter gewesen: sein Gedicht
diber den blutdürstigen Türken vom Jahre 1532, seine Klage⸗
rede ob der Leiche Doktor Luthers sind gewaltige Leistungen
dieser Art, vor allem aber sein Lied übex die wittenbergische
Nachtigall vom Jahre 15283, das wie ein letztes Sagelied der
Vorzeit, wenn auch mit lehrhaftem Zug, allem Volk Ent—
stehung und Art der Reformation verkündet. Aber recht eigent—
        <pb n="255" />
        240 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

lich war er doch Schwankdichter. Hier wird er nicht müde,
zu schaffen; seiner reichen Belesenheit entgeht kein geeigneter
Stoff, mochte er der antiken Literatur oder der Bibel oder den
italienischen Novellisten, oder heimischen und fremden Chroniken,
Volksbüchern und älteren Schwanksammlungen angehören: er
bewältigt alles und erreicht in seinen besten Stücken die
Vollendung.
Dabei ist er gerade auf diesem Gebiete recht aus dem
Vollen national. Dem Humanismus vor allem steht er inner⸗
lich fern. Er bequemt sich zwar hier und da aus Reimnot
oder besonderer Wirkungen halber zu einigen lateinischen Lehn⸗
wörtern so merkwürdigen Schlags wie narrieren und finieren;
er bringt auch antike Götternamen bei; aber das ist doch eine Aus—
nahme; im allgemeinen fehlen die Fremdwörter, und die Götter
sind nichts als schnöde Allegorien im bekannten Sinne etwa
der Erfindungen Kaiser Maxens in seinen Lebensbeschreibungen
oder der niederländischen Sinnekens: sie entsprechen dem all—⸗
gemeinen allegorisierenden Zuge der Zeit: neben Jupiter und
Merkurius und Minerva tritt auch Respublica auf, und alle—
samt werden sie Majestäten genannt. National sind auch die
Einkleidungsformen der Schwänke, soweit sie Sachs verwendet,
und gerade hier zeigt sich der feinsinnige Dichter, mag er sich
aun zur Einleitung vor den Wällen seines heißgeliebten Nürn⸗
bergs im Grünen spazierend einführen oder gleich Herrn
Walther in gedankenvollem Grübeln auf einem Steine sitzend.
Dafür ist denn der Vortrag der Schwänke um so persönlicher:
frisch und naturwüchsig trotz aller Welterfahrenheit, naiv und
harmlos in der Kunstform trotz aller Belesenheit, dem Faden
gegnerisch, dem Derben feind, von herzlichem Leben und schalk—
haftem Humor und vor allem ganz Anschauung und Bild:
so tritt der Dichter vor uns hin und spricht in nie versagendem
Fluß des Reims und der Rede. Aus diesem Geiste hat er vor—
nehmlich die prächtigen Schwänke der fünfziger und sechziger Jahre
seines Lebens, in Zeiten eines heiteren, lebensklugen Optimis—
mus, geschaffen, und in diesem Zusammenhang hat er dem
feineren Schwanke selbst eine Anzahl von Geschichten zu ge—
        <pb n="256" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 241

winnen gewußt, deren Verfänglichkeit das auszuschließen schien,
und vor allem die höchste Errungenschaft der Schwankliteratur,
den humoristischen biblischen Schwank, geschaffen. Wer kennt
nicht die gemütvolle Art, die in seinen Geschichten von St. Peter
waltet oder in dem Abenteuer von den ungleichen Kindern Evä?
In solchen Stücken nähert sich der Dichter dem Ideale der
Gattung, wie er so behaglich-lehrsam und in der Kunst einer
naiven Steigerung des Eindrucks munter daherschreitet. Wer
wird sie und einige andere Stücke, etwa die Mär von dem
„trotzgebarigen“ Mönche zu Regensburg im Bayerland und
seinem Wasserkrug lesen ohne die Empfindung, daß er hier auf
den Höhen einer literarischen Gattung wandle?
Inzwischen aber kündigte sich eine merkwürdige und ver—
heißungsvolle Veränderung und Erweiterung des Schwankes
an; es schien, als sollte er den Weg zum satirischen, komischen,
grotesken Epos nehmen. Es wäre eine Wendung durchaus im
Sinne einer Zeit gewesen, deren ins scheinbar Ungeheure er—
weiterter Horizont die Geister frei machte und die Seelen groß,
der den Maßstab der Dinge außerhalb und innerhalb des
Menschen so verschob, daß dem satirischen Lachen ebenso Raum
blieb wie der humoristischen Träne und der grotesken Über⸗
treibung: Außerordentliches hätte erwartet werden dürfen, hätte
die Nation mit gesundem Optimismus in die Zukunft geblickt.
Schon im 15. Jahrhundert hatte Heinrich Wittenweilers
„Ring“ ein gutes Beispiel der neuen Richtung gegeben; die
Dichtung schildert einen Krieg zwischen den Dörfern Lappen—
hausen und Nissingen, der den Zwistigkeiten einer Bauern⸗
hochzeit entspringt, und in dem so gewaltige epische Helden
wie Hildebrand und Dietrich von Bern in groteskem Wieder⸗
aufleben reisig zu Felde ziehen.
Dann waren freilich die ernsten Jahrzehnte der Refor—
mation gekommen, und Murners Werke hatten unter ihrem
Einfluß einen zu bissigen Charakter erhalten, als daß sie den
reinen Leistungen des Komisch-Grotesken zugezählt werden
könnten. Nun aber, in der zweiten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts, trat ein Dichter auf, der alle Eigenschaften besaß,
Lamprecht, Deutsche Geichichte. VI. 16
        <pb n="257" />
        242 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

um auf diesem Felde Großes zu leisten: der leider verhältnis⸗
mäßig früh gestorbene Fischart. Es ist bezeichnend für ihn,
daß er „Gargantua und Pantagruel“ (1578) bearbeitet hat, und
daß dies Werk sein umfangreichstes und in gewissem Sinne
bedeutendstes geblieben ist: innerlichst war er Rabelais ver⸗
wandt.
Das geschlossenste Werk Fischarts auf dem Gebiete des
Grotesken blieb wohl seine Flohhatz, eine der früheren Arbeiten
des um die Mitte des Jahrhunderts geborenen Dichters. Die
Fabel ist hier so dürftig wie nur möglich; es handelt sich um
eine Klage der Flöhe gegen die Verfolgung durch die Weiber
und deren Verautwortung vor Jupiter. Würde sie nicht fort⸗
während durch Episoden unterbrochen, so hätte die böse Ge—
schichte gut und gern in kaum einem Zehntel der über vier—
tausend Verse abgemacht werden können, die sie umfaßt.
Aber die geschlossene Komposition ist überhaupt nicht Fischarts
Sache; aller Nachdruck liegt bei ihm auf der munteren und
uͤbertreibenden Ausmalung des Episodischen. Und hier ist er
denn allerdings unerschöpflich. Bald kühlsinnig“, bald „kühn—
finnig“ verfahrend, weiß er im hurtigen Fluß der Verse zu
spannen, ja fortzureißen, und sieht man im einzelnen zu, so
findet man doch jeden Deut des Gesagten phantasievoll durch⸗
lebt und glücklich vorgestellt. Die Form aber ist von einer so
außerordentlichen Beweglichkeit der Sprache und Unerschöpflich⸗
keit der Reime bei tadelloser Reinheit, ja Glätte des Stils,
daß der Dichter in dieser Hinsicht auch unter seinen Zeit⸗
genossen im weiteren Sinne unerreicht bleibt. Das ist Rückertsche
Versatilität, wenn Fischart das Ergebnis der Flohjagd bei
einigen Frauen mit den Worten schildert:
„Was ist das für ein Jucken, Rücken,
Für Drücken, fangt ihr an zu zwicken!
Was ist das für ein Knacken, Packen,
Welch Hacken, wenn ihr sie tut zwacken!“
Hier kommt zur Reimfertigkeit jene unerschöpfliche Wort⸗
phantasie, der der Dichter gelegentlich einer späteren Be—
Abeitung des Gedichtes in der Erfindung von Namen für die
        <pb n="258" />
        Die darstellenden und die bildenden LKünste. 243

einzelnen Flöhe den ungebundensten Lauf gelassen hat. Über
dem Ganzen aber liegt, das ständige Erbteil Fischarts, ein
goldner Humor; und fort und fort spielt die Erzählung mit
den tiefen Gedanken einer abgeklärten Weltanschauung.
Was hätte Fischart der Nation in frohen, aufstrebenden
Zeiten werden können! In der zweiten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts überwog bei ihm, mit dem allmählich steigenden
Pessimismus der öffentlichen Meinung, der Zug zur Satire.
So schloß er sich den Satirikern des 15. Jahrhunderts und
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts an und ist damit noch
immer der wohl größte Satiriker unseres Volkes geworden.
Da trifft die Sprache des Dichters bald mild und fast tändelnd,
bald streng und klatschend; neckische Töne wechseln mit rauhem
Hohn; und das unglaublich schöpferische Sprachvermögen, das
die Zyklopen der antiken Mythologie in groteske Säuklopse
verwandelt, macht aus den Jesuiten der Gegenwart verbissene
Jesuwider.
Als Protestant und echter Deutscher von „angeerbtem
Adlersgemüt“ trat Fischart in die Satire ein; seine Pritsche
galt dem Katholizismus und dem beginnenden Einfluß der
Fremde. Als Protestant hat er des Ritters von St. Adel⸗
gonde furchtbare Geusensatire, den Bijekorf der roomeschen
Kerke, in freier Bearbeitung dem Hochdeutschen zugänglich ge—
macht, wie er denn mit französischem und niederländischem
Caloinismus in enger Verbindung stand; als Protestant hat
er das Jesuitenhütlein geschrieben, das aus den vier Hörnern
des Jesuitenbaretts alle Übel der Welt ableitet. Aber er war
auch positiv als Protestant; wir haben von ihm Kirchenlieder
voll frommen Tiefsinns.
Noch mehr als auf kirchlichem Gebiete aber tritt die
positive Seite des Dichters in seinem Patriotismus hervor.
Gewiß verfolgt er auch hier nationale Narreteien vor allem
kritisch. Aller Praktik Großmutter verspottet das blöde Astro⸗
logentum, der Catalogus catalogorum die pedantische Bücher⸗
wan der damals modernen Vielwisser: aber daneben preist das
Ehezuchtsbüchlein positiv die Innigkeit des deutschen Familien—
14*
        <pb n="259" />
        244 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

lebens, erhebt die ernstliche Ermahnung an die lieben Deutschen
trotzig den warnenden Weckruf für deutsche Sinnesart, zeichnet
die heitere Dichtung von der Fahrt des Zuricher glückhaften
Schiffs mit dem Hirsebrei nach Straßburg (1576), ein trotz
aller eingestreuten Gelehrsamkeit objektiv prächtiges Bild deutschen
Bürgerkönnens und noch immer engen nationalen Zusammen⸗
hangs zwischen Oberrhein und schweizerischem Bergland.
So ist denn Fischart ein ganzer Mann gewesen; er war
der überragende Dichter des letzten Viertels des 16. Jahr—
hunderts. Aber er hat keinen Nachfolger gehabt. Was be—
deutet ihm gegenüber der langweilige Rollenhagen, der den
homerischen Froschmäusekrieg zu einer pedantischen Reformations⸗
geschichte umdichtete, und was der Straßburger Magister Wolf⸗
hart Spangenberg mit seinem grotesken Ganskönig (1607),
einem Spottgedicht auf den katholischen Himmel mit seinen
Heiligen? Mit Fischart erschöpft sich im ganzen die Weiter⸗
bildung, die Satire und Schwank des Reformationsjahrhunderts
zu höheren literarischen Gattungen hätten erlangen können.
Es war die Folge der allgemeinen sozialen und politischen
Lage. Zornige Satire verlangt Freimut, komisches Epos
Humor, groteske Dichtung ein wohliges Schweben über den
Dingen. Wie sollten diese Eigenschaften aus Verhältnissen
eines allgemeinen Verfalles hervorgehen, die schon zum offen⸗
kundigsten Pessimismus geführt hatten?
So war nur vom Drama vielleicht noch Aufnahme und
Weiterbildung der tiefsten literarischen Entwicklungstendenzen
des 16. Jahrhunderts zu erwarten. Und hier konnte noch zur
Zeit des Todes Fischarts, dem persönlich eine dramatische Ader
nicht schlug, die Lage als vielleicht nicht ganz so ungünstig
gelten, wie auf dem Gebiete des Schwankes und seiner Fort⸗
setzungen.
In die dramatische Kinderentwicklung des 15. Jahrhunderts,
wie sie vom kirchlichen Mysterium und vom weltlichen Possen⸗
spiel ausgegangen war, war mit dem Humanismus ein neues
Element eingetreten, das lateinische Schuldrama. Von den
Überlieferungen der Griechen und Römer gespeist, mußten die
        <pb n="260" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 245

humanistischen Schulen bei ihren rhetorisch-repräsentativen
Unterrichtszielen leicht auf den Gedanken geraten, Stucke des
Plautus oder noch lieber des besser zugänglichen Terenz auf⸗
zuführen. Es war eine Neigung, die auch durch die Refor—
mation nicht unterbunden ward: Luther selbst war ein Freund
ernsten Schauspiels.
gur Wiederbelebung der antiken Stücke aber kam bald
eine eigene Produktion. Ziemlich gleichzeitig trat sie auf der
ganzen Linie der vom Humanismus beeinflußten Völker ein;
im inneren Deutschland bot sie, neben gewissen Einwirkungen
des lateinischen Dialogs auf die Erörterungs- und Agitations—
literatur des 16. Jahrhunderts, fast den einzigen Punkt dar,
von dem aus die Antike unmittelbar und tiefer die Formen
der deutschen Dichtung schien beeinflussen zu können.
Im 186. Jahrhundert gestaltete sich dieser Literaturzweig
ziemlich rege aus; nach den Anfängen des 15. Jahrhunderts,
dem Stylpho Wimphelings, dem übrigens einer französischen
Farce nachgedichteten Hermo Reuchlins trat eine Scheidung
ein in Schulkomödie und Drama sacrum. Befestigt wurde
diese Spaltung durch die Reformation, die zugleich mehr als
bisher polemische und satirische Elemente einführte. Diesen
Elementen wurden vor allem die Tendenzdramen des Thomas
Naogeorg in Straubing und seiner Schüler gerecht, so der
Pammachius von 1538 und die Incendia von 1541, während
die tendenzlosere Form des Drama sacrum zuerst von Sirt
Birck zu Augsburg gepflegt wurde. Inzwischen aber hatte ver⸗
mehrter Wetteifer auf diesem Gebiete wie der Eintritt der
dramatischen Bestrebungen der Jesuitenschulen, die vor allem
auf beste Wiedergabe der antiken Originale ausgingen, eine
wesentliche Hebung der Kunstform zur Folge gehabt. Man
ging jetzt den antiken Kunstregeln sorgsamer nach; nicht bloß
in Deutschland, auch sonst auf humanistischem Gebiete suchte
man sie, freilich so äußerlich, wie man sie/eben verstand, zu
beobachten; und die in diesem Sinne besonders schulgerechten
biblischen Dramen des Schotten Buchanan, die sich seit etwa
1570 in Deutschland verbreiteten, trugen noch zur Verstärkung
        <pb n="261" />
        246 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

dieser Strömung bei. So kam es dazu, daß man schon die
Einheit der Zeit und des Ortes beobachtete: eine Höhe der
Technik weit üher dem Niveau des nationalen Dramas und
des eingeborenen nationalen Verständnisses war erreicht. Es
ist die Zeit, da der Schwabe Nikodemus Frischlin mit aus⸗
gesprochen komischem Talente schuf, da die Aufführungen der
Straßburger Akademie berühmt waren: da gab man in den
ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts Stücke des Äschylos,
Sophokles, Euripides, Aristophanes, Plautus neben Dramen
Naogeorgs und Frischlins; und in Kaspar Brülow erstand der
Straͤßburger Bühne ein Dichter, dessen Dramen, vielleicht schon
mer dem Einflusse der seit 1590 in Straßburg regelmäßig
auftretenden englischen Schauspieler, ein Schimmer Shake⸗
spearischer Größe durchleuchtet.
Bei einem solchen Entwicklungsgange durfte ein günstiger
Einfluß des lateinischen Schauspiels auf das nationale erwartet
werden, zumal sich neben dem lateinischen Schuldrama auch,
vor allem in den von Luther persönlich beeinflußten Gegenden,
ein deutsches Schuldrama entwickelt hatte.
Da konnte nun zunächst das Mysterium in Betracht
kommen. Ursprünglich keuscher, rein kirchlicher Natur, hatte
es sich schon im 15. Jahrhundert zu großen Schaugeprängen
erweitert, die tagelang dauerten und Hunderte von Personen
in Bewegung setzten. Es ist klar, daß hier das Schuldrama
nicht eingreifen konnte. Zwar erweiterten sich die Mysterien noch
im Laufe des 16. Jahrhunderts; zu den Stoffen aus dem
Alten Testamente traten mehr als bisher auch solche aus dem
Neuen; daneben lieferten Roman und Geschichte einige Materien,
und hier und da, besonders in der Schweiz, schlug auch die
patriotische Ader durch. Aber als Gattung wurde das Mysterium
durch all diesen Wandel weder gereinigt noch gesteigert. Ge⸗
wiß wurden die Bühnenverhältnisse besser, aber es wurde damit
mehr dem Auge des Zuschauers als der Kunstform selbst ge—
dient; und auch dieser Aufschwung erlahmte in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts. Damit begann denn das
Mysterium zu verfallen: nur in den Alpenländern und teilweis
        <pb n="262" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 247

im Elsaß blühte es noch fort und hat sich hier gelegentlich bis
auf unsere Zeiten durchgerettet.
Für das nationale Drama aber war ein Fortschritt jetzt
nur noch auf dem Gebiete des Fastnachtsspiels, des ernsten wie
des possenhaften, zu erwarten. Das bedeutete aber, daß sein
Schicksal an das Schicksal des Bügertums geknüpft war: denn
nur dieses hatte bisher Posse und Drama in diesem Sinne
gepflegt. Man muß sich die Folgen dieser Lage im einzelnen
vergegenwärtigen: kein Hof, der das Theater begünstigte, keine
Hauptstadt, kein ständiges, sondern nur ein Fastnachtspublikum,
keine Truppe von Schauspielern, die technisch durchgebildet ge⸗
wesen wären und der Kunst bühnengemäßer Darstellung berufs⸗
mäßig gedient hätten, sondern im wesentlichen nur Liebhaber⸗
bühnen, endlich kein sozial fortschreitender, sondern ein ver—
fallender Stand als Träger der ganzen Bewegung. Wo sollten
umter diesen Umständen für das Schuldrama, vor allem das
weitaus am höchsten entwickelte lateinische, die Angriffspunkte
zu einem stärkeren Einfluß auf das volksmäßige Drama gegeben
gewesen sein? Es ist für die Entfaltung des deutschen Schau⸗
spiels des 16. Jahrhunderts nahezu folgenlos geblieben; und
die nationale Entwicklung schritt der Hauptsache nach auf nur
eigenen Füßen vorwärts.
Da hatte nun unter den Städten, in denen das alte
Fastnachtspiel blühte, schon im 18. Jahrhundert Nürnberg
hervorgeragt: hier hatte mit das regste geistige Leben ge—
herrscht; nur von Nürnberg her sind im 15. Jahrhundert die
Namen dramatischer Dichter weiterhin bekannt geworden. In
Nuürnberg aber pflegte man vor aͤllem die Posse: sehr be—
greiflich bei dem lebenslustigen Frankencharakter der Bürger⸗
schaft.
Aus Nürnberg ist denn auch der bedeutendste dramatische
Dichter des 16. Jahrhunderts hervorgegangen: Hans Sachs.
Sachs hat der Hauptsache nach mit römischen Tragödien,
Lucretia 1527, Virginia 1530, begonnen. Vornehmlich wirksam
aber wurde seine Kunst erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts:
zwischen 1550 und 1560 hat er allein über anderthalb hundert
        <pb n="263" />
        248 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Dramen geschaffen; und weitaus die größere Zahl dieser Dramen
trägt den Charakter der skizzenhaft hingeworfenen Posse.
Bevorzugte aber Hans Sachs in seiner Blütezeit die Posse,
so wurde er damit ebensosehr der Nürnberger Tradition gerecht
wie dem inneren Entwicklungsbedürfnisse des deutschen Dramas:
denn weit war dieses noch davon entfernt, sich jener intimeren
Charakteristik der handelnden Personen zu nähern, die das
Schauspiel verlangt. Hat doch Hans Sachs da, wo er im
strengeren Sinne schuf, noch der Regel nach daran verzweifelt, auch
nur die Handlung selbst im Verlaufe des Stückes ohne weitere
Nachhilfe zu voller Klarheit zu bringen. Er behielt deshalb
grade in solchen Fällen mit besonderer Vorliebe eine Ein—
richtung bei, die seine Vorgänger Volz und Rosenplüt auch
bei den Possen allgemein verwandt hatten: den Herold, der vor
Beginn des Stückes den Gang der Handlung kurz einleitet
oder wohl gar seinem ganzen Verlaufe nach vorweg angibt, der
außerdem durch sein Auftreten vor dem Stücke die nötige Stille
im Publikum schafft und nachher die Pflicht hat, die Moral
der Fabel zu verkünden.
In den Possen ist diese Person, die dem Dichter die
Exposition, dem Regisseur den Theaterzettel und dem Bühnen⸗
inhaber die Polizei ersparte, von Hans Sachs gewöhnlich be—
seitigt worden; man gewahrt den Fortschritt, daß ihre wesentlichen
Funktionen einer der im Stücke auftretenden Personen in ver—
kürzter Form überwiesen sind. Indes darf man sich durch
solche Verbesserungen nicht über den allgemeinen Eindruck hin⸗
wegheben lassen, daß auch die Possen Sachsens — und schon
das war gegenüber den unzusammenhängenden Unflätereien des
16. Jahrhunderts ein außerordentlicher Fortschritt — zunächst
nichts anders sein wollen, als in besonders lebhafter Form vor⸗
getragene Erzählungen eines Schwankes. Demgemäß hat der
Dichter nur eine Hauptsorge: den Fortschritt der Handlung.
Ihn hurtig erscheinen zu lassen, ist der oberste Zweck des
Dialogs; darum äußern die auftretenden Personen zunächst
ohne weitere Begründung nur diejenigen Ansichten und Ab⸗
sichten, die dafür nötig erscheinen. Charakteristik also der
        <pb n="264" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 249

Personen ist zunächst gar nicht ins Auge gefaßt. Noch weniger
liegt es in der Absicht, den Stoff anders, als er überliefert
ist, spannend erscheinen zu lassen. Nur der Aufbau der einzelnen
Szenen ist deshalb jedesmal für sich geregelt; ob sich aber die
Szenen zu Akten zusammenschließen und die Akte in unserem
Sinne zu einem Stück, ob eine Peripetie an einer nach modernen
Begriffen richtigen Stelle einsetzt oder gar die Einheit von Ort
und Zeit gewahrt ist, das sind Fragen, die den Dichter gar
nicht bewegen, aus dem einfachen Grunde, weil er sie nicht
kennt und von dem Standpunkte, auf dem er steht, auch nicht
einmal zu ahnen veranlaßt wird.
Man sieht: das Wesen der Posse zu Hans Sachsens
Zeit ist noch immer bedingt von dem durchscheinenden Charakter
des Schwanks; die Posse ist zunächst nichts als höhere Kunst⸗
form der Schwankerzählung. Freilich beginnt darüber hinaus
die dramatische Form schon umgestaltend zu wirken: und damit
sritt der Übergang zum eigentlich Dramatischen ein. Indem
die Personen in der dramatischen Form viel mehr als in der
Erzählung aus ihrem Milieu entfernt werden, zumal bei dem
sehr unzulänglichen Bühnenapparat, haben sie das Verständnis
der fortschreitenden Handlung in —E
heraus zu bestreiten. Das wird nun nur möglich durch immer
ftärkere Verinnerlichung der Motivierung. Wir sehen Sachs
diesen Weg betreten: deutlich erkennbar wird es, sobald man irgend⸗
eine spätere Posse des Dichters, deren Vorbild in einer Schwank⸗
erzählung erhalten ist, mit dieser vergleicht. Da findet sich
denn schon wirklich etwas wie ständige Motivierung; aus ihr
heraus erwachsen erste Grundlagen einer neuen Kunst in der
Fuhrung des Dialogs und in der Steigerung der Affekte; und
schon machen sich hier und da in feineren Beobachtungen, in
Sentenzen und sonstigem Beiwerk reifere seelische Erfahrung,
sowie in der abweichenden Charakteristik von Parallelpersonen,
wie z. B. der drei Blinden in dem Fastnachtsspiel des Jahres
1553, die ersten, nicht mehr bloß der bitteren Not dramatischer
Formgebung überhaupt verdankten Uranfänge eines psychologischen
Dramas geltend.
        <pb n="265" />
        250 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Uber Hans Sachs hinaus aber hat das binnendeutsche
Drama eine weitere Entwicklung rein aus den Kräften der
Nation heraus zunächst nicht mehr erlebt. Mit dem Verfall
der deutschen geistigen Kräfte seit dem letzten Jahrzehnt des
16. Jahrhunderts drangen immer entschiedener englische Schau⸗
spielkunst und englisches Schauspiel in Binnendeutschland ein,
anfangs vornehmlich bei den Höfen, denen nach der Wendung,
welche die allgemeinen deutschen Schicksale nahmen, nunmehr
die Entwicklung des nationalen Dramas hätte zufallen müssen,
dann auch bei den Bürgerschaften der großen Städte. Und
daneben wurden tausend andere fremde Einflüsse wirksam,
während das lateinische Schuldrama noch eine Zeitlang wirkungs⸗
los fortlebte.
Unter den fremden Einflüssen aber befand sich einer, der
dem inneren Deutschland um diese Zeit noch recht nahe stand,
gleichsam noch Fleisch war von deutschem Fleische: der nieder⸗
ländische. Denn im Norden der Niederlande hatte man es
unter einem ganz anderen Verlaufe der heimischen Kultur und
der humanistischen Bestrebungen und Lebensideale zu erleben
begonnen, daß eine innige Verbindung nationaler Dichtung und
miker Überlieferung und damit eine erste wahre nationale
Renaissancedichtung geschaffen worden war und in einem klassi⸗
zistischen Drama höheren Ranges gegipfelt hatte: im Drama
Vondels.

3. Für das hohe Mittelalter kann man von einer be⸗
sonderen niederländischen Literatur noch nicht reden; Heinrich
ban Veldeke, niederländischer Herkunft, gehört gleichwohl der
gemeindeutschen Literatur an. Auch im Ausgange des Mittel—
alters ist die niederländische Literatur ihrem tieferen Charakter
nach noch gemeindeutsch; doch gewinnt dieser Charakter schon
besondere Formen.
Bildner dieser Formen waren seit dem 15. und 16. Jahr⸗
hundert, sieht man von einzelnstehenden dichterischen Talenten,
die der Anna Bijns oder Marnix von Adelgonde ab, zu⸗
        <pb n="266" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 251

nächst und vor allem die Rederijker, die Kamers van Rhetorica.,
bürgerliche Genossenschaften, die sich im Grunde zu Dichtung
und Gesang ähnlich stellten wie die Schulen der binnendeutschen
Meistersänger. Nur daß bei ihnen, wie sie zunächst in Flandern
aufkamen, das augenfreudige, repräsentative Wesen der Vlamen
nach anderen Ausdrucksformen hindrängte als den in Binnen—
deutschland gebräuchlichen. Diese Brüderschaften dichteten nicht
bloß, im wesentlichen zur UÜbung der Form, Sinnsprüche,
Balladen, Refereinen; sie zogen auch in den großen Prozessionen
einher, versammelten sich zu gemeinsamem Wettstreit in fest⸗
lichem Einzug in eine der großen Städte des Landes und
kamen so allmählich zur Krone ihrer Bestrebungen, zur Tätig—
keit auf der Bühne.
Freilich erinnerten ihre Vorstellungen noch kaum an das
moderne Drama. Selbst der binnendeutsche Schwank, den sie
übrigens auch entwickelten, und der so derbfröhliche Stücke auf⸗
zuweisen hatte, wie Eoeraerts' Stout ende Onbescamt, war
nicht das für sie eigentlich Charakteristische. Dies war viel⸗
mehr das Sinnspiel: ein erbaulicher Dialog personifizierter und
als Personen körperlich dargestellter Eigenschaften (Sinnekens)
über irgend ein Thema moralischen oder religiösen Inhalts,
eine „Stiehtelijke vormaakelijkheit“ (frommes Vergnügen), wie
Hooft es einmal genannt hat. So unterredeten sich z. B. in
dem Boom der sehriftueren, der 1539 zu Middelburg auf⸗
geführt wurde, die Medicijn der zielen, womit Christus ge⸗
meint war, mit Ele-Bijsonder, einer Frau im Nonnengewande,
und neben ihnen trat außer anderen Figuren Meuschelijke
Leeringhe mit ihren Dienern Eyghen Wiishoit und Natuerlijcke
 Begheeren auf.
Gewiß sprach sich in diesen Sinnspielen ein uralter
germanischer Zug aufs Symbolische und Allegorische aus, der
sich zur selben Zeit, nur minder auffällig auch im inneren
Deutschland beobachten läßt. Aber eben darum hatten diese
Veranstaltungen eine Zukunft nicht mehr. Und mit ihnen
gingen zugleich, im Süden zudem in der Freiheit threr religiös⸗
moralischen Aussprache durch die Regierung bedrängt, die
        <pb n="267" />
        252 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Kamers van Rheétorica ihrem Verfall entgegen; ihre letzte
große Versammlung hat zu Antwerpen im Jahre 1561 statt⸗
gefunden.
Es war um die Zeit, da die südlichen Niederlande über—
haupt aus der entschiedenen Entwicklung der niederländischen
Dichtung, ja Literatur so gut wie auszuscheiden begannen.
Noch fünfundzwanzig Jahre, und man stand vor der Verödung
Antwerpens; wie die kommerziellen so zogen sich nun auch die
künstlerischen und geistigen Kräfte nach dem Norden, vor allem
nach Amsterdam; selbst die Pflege der Sprache ging an den
Norden über: der Schat der nederduytscher Spraken von
—VDD
linguae von 1588 sind in der Plantinschen Druckerei zu Ant⸗
werpen hergestellt worden; der Kort begrip leerende recht
Duidts spreken vom Jahre 1584 ging aus Amsterdam hervor.
Pflegerin der weiteren Entwicklung wurde im Norden zu—
nächst in Anknüpfung an ältere Erscheinungen die Amsterdamer,
erst im Jahre 1816 gegründete Rhetorikerkammer de Eglentieren
zum wilden Rosenbaum); ihr Vorsteher Roemer Visscher bildete
einen Gesellschaftskreis, in dem sich alles traf, was der reicheren
Entfaltung vaterländischer Dichtung und reineren Denkens zu⸗
strebte, das „zaligh Roemers huis“, wie es Vondel einmal
genannt hat. Und nun, in der zunehmend vergeistigten
Atmosphäre einer rasch wachsenden Hauptstadt, kam es auf
Grund der alten Rederijkertätigkeit zu ganz neuen Gestaltungen.
An Stelle der blassen Allegorien von ehedem trat, freilich
erst im Laufe der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und
schon durch klassische Einflüsse mitbedingt, ein ernstes kirchlich⸗
politisches Drama: eine Erscheinung außerordentlicher Art, die
erst mit dem politischen Verfalle der Republik zugrunde ging;
da hat Coster in seiner Iphigenia (1617) die Grausamkeit der
orthodoxen Kirche gegeißelt, da Vondel in seinem Palamedes
den Prinzen Moritz gegenüber der „ermordeten Unschuld“
Oldenbarnevelds angeklagt; da durfte Vondel in seinen Leuuwen—
dalers den Frieden von 1648 feiern und im Lucifer sogar
seiner gepreßten katholischen Seele Luft machen.
        <pb n="268" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 253

Allein weit fruchtbarer entwickelten sich aus Zusammen—
hängen, welche die Rederijker nur nebenher gepflegt hatten, das
einfache Drama und die Posse. Es war eine Bewegung, die
Awa der binnendeutschen in den Zeiten Hans Sachsens ent⸗
sprach, und wie dort so schoß auch hier die Posse den Vogel
ab. Auf diesem Gebiete haben Coster und Brederoo das
Eigenste ihres Talentes entfaltet. Vor allem schlug der joviale,
liebesfrohe, schließlich freilich als Melancholikus endende Brederoo
diesen Weg ein; und sein Moortje (die Mohrin), eine Nach—
bildung des plautinischen Eunuchus von ausgelassener Freiheit
(1615), bezeichnet den Höhepunkt dieser Entwicklung, sowie sein
Spaanscher Brabander (1617), jene prächtige Karikatur des
Typs eines armseligen Brabanter Junkers, der in Amsterdam
mit leerem Geldbeutel und schlechtem „Faseldeutsch“, aber un—
ersättlichen Ansprüchen flüchtlingsweise lebt. Denn nach Brederoo
und Coster sank die Gattung wieder gänzlich auf das Durch⸗
schnittsniveau etwa der dialogisierten Schwänke herab, das wir
qus der binnendeutschen Entwicklung als Grundlage für das
höhere Aufsteigen Hans Sachsens kennen.
Grund dafür war, daß inzwischen in die holländische Ent⸗
wicklung ein Moment eingetreten war, das sich im inneren
Deutschland bisher niemals mit vollster und erfolgreichster
Energie geltendgemacht hatte; der Humanismus hatte auf die
nationale Produktion zu wirken begonnen.
Zum Verständnis dieser Wendung bedarf es einer näheren
Charakteristik dessen, was auf nationalem Gebiete erreicht war.
Da ist denn zunächst auch bei den besten Stücken eines Coster
oder Brederoo der Zusammenhang mit der alten Kunst der
Rederijker noch keineswegs unterbrochen. Die Personen sind in
der Regel noch Marionetten; sie sprechen noch, wenn sie nicht
Helden sind, in den alten, unbeholfenen Versen; von ab⸗
gerundeter Handlung ist keine Rede, dagegen für grobe Effekte
weidlich gesorgt; das Ganze ist noch mehr episch als dramatisch,
und der lehrhafte Zweck tritt in grober Tendenz zutage.
Aber daneben zeigen sich doch neue Züge. Der Geschmackk ist
zwar noch nicht geläutert, aber doch auf dem Wege zur Besse—
        <pb n="269" />
        254 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

rung; die Darstellung strebt aus dem Derben ins fröhlich Aus—
gelassene; der Inhalt hat mehr persönlich liebenswürdigen
Charakter. Im einzelnen sind die Personen zwar nicht tief
gezeichnet, aber doch scharf, nicht selten noch karikaturenmäßig
umrissen; dazu kommen in der Führung der Handlung mehr
lustspielmäßige als possenhafte Neigungen; vor allem wird die
Situationskomik gelegentlich schon durch Charakterkomik ersetzt.
Freilich: die Technik des psychologischen Dramas auch nur in
seinen entscheidenderen Anfängen ist noch keineswegs erreicht; die
Stücke bilden noch, wie bei Hans Sachs, eine Gruppe von
Szenen, nicht einen geschlossenen Ring zusammenhängender
Handlung; und die Personen charakterisieren sich noch weniger
von innen heraus, als daß sie durch äußerliche Mittel an—
deuten, was sie leiden und tun.
Demgegenüber war nun grade in Holland seit der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts steigende Gelegenheit ge⸗
geben gewesen, die ganz anderen Ideale der Alten, sei es in
den psychologischen Meisterwerken eines Sophokles, sei es auch
nur in den bluttriefenden und massiven Dramen des so—
genannten Seneca auf sich wirken zu lassen. Und diese Gelegen⸗
heit bot sich nicht von weitem, wie im inneren Deutschland,
denn der holländische Humanismus war weit davon entfernt,
zur Philologie verknöchert und den nationalen Strömungen fern⸗
getreten zu sein. Vielmehr der Nation aufs entschiedenste ein⸗
verleibt, durchdrang er damals die weitesten Schichten auch der
Massen, wie er staatlich in hohem Grade gepflegt ward: die
Amsterdamer Lateinschulen zählten zu Vondels Zeiten nicht
weniger als sechshundert Schüler; jedermann las lateinische
Schriftsteller, alte wie neue; Vondel glaubte noch um 1650
versichern zu müssen, daß es keine Schande sei, in der Mutter—
sprache zu dichten; und die Philologen Leidens empfingen von
Staat und Volk fürstliche Ehren!.
So wurde es möglich, daß sich, während Adel und
oranischer Hof mindestens teilweis der französischen Bildung

1 VBgl. zu alledem oben S. 157 ff.
        <pb n="270" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 255

anheimzufallen begannen, hier an den Gestaden der Nordsee
eine obere Schicht des Bürgertums als Träger einer ersten
großen nationalen Renaissancedichtung jenseits der Alpen bildete.
Und diese Schicht war nur wenig von derjenigen verschieden,
die bisher Trägerin der nationalen Dichtung gewesen war.
Roemer Visscher, der 1620 starb, hat sich den Renaissance⸗
bestrebungen keineswegs ablehnend gegenübergestellt; wenn auch
sein Nachfolger in der gesellschaftlichen Vereinigung der
literarischen Kreise, der hochgebildete und vornehme Muidener
Drost Hooft, der Berührung mit den eigentlich gelehrten Zirkeln
noch viel nähertrat; und die Dichter der Renaissance selbst
find nicht minder wie Coster oder Brederoo rein bürgerlichen
Charakters gewesen; Krul war wohl Schmied, De Decker
Krämer, Vos Glaser, Vondel Strumpfhändler. Neu war nur,
daß diesen Kreisen nunmehr über ihre altnationale dichterische
Technik hinaus die Technik und mit ihr auch ein Schimmer
der höchsten dichterischen Auffassungsweise des Altertums ver⸗
mittelt zu werden begann. Es geschah dies teilweis lehrhaft;
namentlich die den Alten entnommene dichterische Theorie des
Vossius, die freilich vielfach auf Scaligers ebenfalls den Alten
verdankte Poetik zurückgeht, hat hier eingewirkt; teilweis ließ
man sich aber auch in unmittelbarer Erwärmung der Ein⸗
bildungskraft durch die Lektüre der Alten beeinflussen, und hier
spielten die zehn Trauerspiele, die unter Senecas Namen
gehen, eine entscheidende Rolle. Zu alledem kam dann noch
eine neue Rhythmik des gezählten Silbenmaßes, die zwar
französischen Ursprungs ist und teilweis schon früher eingeführt
worden war, sich aber mit der klassischen Auffassung der Har⸗
monie als einer kontinuierlichen Erscheinung so gut vertrug,
daß sie als klassisch empfunden wurde.
Mit der früheste Vertreter dieser neuen Dichtung ist Hooft
(1381 1647) selber gewesen; und es ist bezeichnend, daß er,
obgleich von Natur aus auch für die Lyrik geschaffen, handle
es sich nun um den Minnesang oder/ um die dem Holländer
besonders teure Poesie des häuslichen Herdes, seinen Ruhm
dennoch vor allem im Drama suchte. Denn dem Drama ge—
        <pb n="271" />
        256 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

hören in dieser Periode schon alle wesentlichen Probleme des
Fortschritts an. Nirgends aber blühte es mehr empor als in
Amsterdam; denn hier fand sich allmählich in jedem Betrachte
ein, was an äußeren Voraussetzungen dramatischer Blüte sonst
keine Stadt germanischen Wesens darbot: stärkstes öffentliches
Leben, hauptstädtisches Publikum von einheitlich bewegtem
Dasein, Reichtum, künstlerisches Interesse. Es ist in dieser
Hinsicht bezeichnend, wie rasch und in welch andauerndem Auf⸗
schwung sich Amsterdam eine ständige Bühne erwarb und
sicherte; an Stelle des primitiven Vorstellungsraumes der nun⸗
mehr verfallenden Kamer van Rhetorika trat bereits 1617 der
Buhnenbau einer von Coster gestifteten literarischen Akademie;
dessen Stelle wurde darauf schon 1637 durch die Sehouwburg
des Ouden Mannenhuises eingenommen, und an dessen Platz
trat wiederum bereits 1664 jenes große Amsterdamer Theater,
das erst 1772 durch einen Brand vernichtet worden ist.
Hooft war der erste Dichter, der ganz, soweit er es ver⸗
mochte, den dramatischen Idealen der Alten nachstrebte; nach
einigen andersgearteten Jugendwerken zeigte schon sein Drama
Theseus und Ariadne, kurz nach einer italienischen Reise ge⸗—
schrieben, den Übergang; vollends den Sinn der Antike glaubte
er in dem Gheeraardt van Velzen (1613) und in dem Baeto
(1615) getroffen zu haben. Später wandte er sich dann mehr
der Geschichtschreibung zu — seine Niederländischen Historien
sind 1642 erschienen —, und an seine Stelle trat, ihn weit
üͤberstrahlend, der Held der großen holländischen Renaissance—
dichtung des Dramas, der größte Dichter der Niederlande über⸗
haupt, Joost van den Vondel (1587-1679).
Vondel war zunächst ein überaus bedeutendes lyrisches
Talent; von inniger Natur, die namentlich nach seinem Über⸗
tritt zum Katholizismus (1639) ins Mystische zu spielen be⸗
gann, dabei dennoch, besonders in politischer und kirchlicher
Satire, nicht ohne beißende Schärfe, hat er die Liebe mit
gleichem Glück besungen wie die stillen Freuden der Heimats⸗
natur; und auch wo es den Ruhm des Vaterlandes zu künden
galt, vor allem in seinen herrlichen Admiralsgedichten, wußte
        <pb n="272" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 257

seine freudige, festlich-elastischen Schrittes daherschreitende Muse
begeisterte Töne zu finden.
Vor allem aber war er doch Dramatiker; nicht weniger
als zweiunddreißig Dramen hat er hinterlassen. Und sieht man
von den darunter enthaltenen sieben Übersetzungen aus dem
Lateinischen oder Griechischen ab, so ergibt sich in dieser Reihe,
deren Entstehung sich über ein halbes Jahrhundert ausdehnt,
ein nicht unbedeutender Fortschritt. Das Pas cha vom Jahre 1612
hat noch fast den Rederijkterton; rauh und holprig sind Sprache
und Verse. Andert sich das schon in den nächsten Dramen, so
kommt hierzu seit den zwanziger und dreißiger Jahren eine
dramatische Auffassung im Sinne Senecas und der nach diesem
Vorbild verstandenen Alten. Und dabei bedeutete sogar die
späteste Produktion Vondels wenigstens nach der Meinung des
Dichters selbst noch immer einen Aufstieg; seinen Jephta von
1659 hat er den jungen Dichtern ausdrücklich als „Bühnen⸗
kompaß ⸗ empfohlen.
Was hat nun Vondel in seinen besten Stücken erreicht? War
in ihnen wirklich das Schicksalsdrama der Alten wieder zu vollem
Leben erstanden? Sah man in ihnen tatsächlich die Leiden⸗
schaften großer Männer und Frauen, meisterhaft geschildert,
mit fatalistischer Naturgewalt unvermeidlichen Abgründen zu—
stürzen? Ward das Herz des Zuschauers durch tragische Größe
zu dem Mitleid der antiken Kunstlehre gerührt?
Es wäre ungerecht, bei Vondel dies alles zu suchen. In
einer Zeit, da einer der berühmtesten holländischen Theoretiker,
Daniel Heinsius, in seiner Abhandlung De tragoediae constitutiono
 (1611) die Katharsis des Aristoteles noch dahin er⸗
klärte, daß durch häufiges Sehen des Schaudererregenden unsere
Empfindung dafür abgestumpft werde, konnte der Dichter nicht
nach dem tieferen Sinn der antiken Vorbilder schaffen.
Vondel blieb innerhalb der Schranken seines Zeitalters.
Das Trauerspiel als höchste dramatische Gattung — und nur
ihm fast wandte er sich zu, weit über die niederen Gefilde der
Posse hinausstrebend — blieb ihm demnach die dialogische Dar—
stellung eines schicksalschweren Vorfalls; und inhaltlich erschien
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 17
        <pb n="273" />
        258 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

ihm derjenige Stoff als der erhebendste, der am meisten Unglück
umfaßte. So ergab sich, bei aller äußerlichen Wahrung der
aristotelischen Anforderungen der Zeiteinheit usw., ein Drama,
das noch wenig von dem an sich trug, was im späteren Drama
Leben bedeutet: die Personen reden mehr, als daß sie handeln;
lang ausgedehnte Schilderungen, oft ganz in Episodenform,
häufig übrigens im einzelnen von berauschender dichterischer
Schönheit, durchziehen den dramatischen Bau; das, was von
Handlung vorhanden ist, erscheint nicht leidenschaftlich geschürzt,
sondern bedächtig ausgebreitet; die Umstände sind wichtiger als
die Charaktere; die Personen sind äußerlich fein umrissen, aber
nicht aus der Tiefe ihres Wesens heraus dargestellt: das Ganze ist
nach unseren Begriffen mehr dramatische Paraphrase als Drama.
Gewiß ist damit eine Höhe erreicht noch über den Leistungen
eines Hans Sachs, eines Brederoo und Coster und weit sogar
über denen der Rederijker; wir stehen auf einer neuen Stufe
der Entwicklung: der Moment ist da, in dem die dramatisierte
Erzählung im Begriff ist, in die Anfangsformen des psycho⸗
logischen Dramas überzugehen. Aber dem durch das Vorbild
der Antike geweckten Wollen fehlt die Möglichkeit der Vollendung.
Und so tritt das Bestreben auf, den mehr gefühlten als er⸗
kannten Mißerfolg, das mehr Gemachte als Gewordene der Lage
durch äußere Wirkungen zu verdecken. Es ist der geheime Zug
grade aller höchsten Leistungen der Renaissancekunst überhaupt;
und er offenbart sich bei Vondel in demselben Fehler wie sonst,
im Schwulste. Da läßt der Dichter auch Marktweiber in er—
lauchtem Tone reden; und Worte, die hier auf uns nicht
anders als komisch wirken, kehren dann im Munde der
Helden bombastisch wieder. Auf Stelzen schreitet schließlich
diese oft so schöne Sprache einher, seideumrauscht, flitter⸗
vergoldet: es ist bezeichnend, daß die Zeitgenossen vor allem
Vergil und Tacitus als Klassiker des neuen Stils verehrten.
Konnte aber das weitere Publikum der Zeit selbst nur
dieser Höhenentwicklung folgen? Gewiß verehrte man in Vondel
schon bei Lebzeiten den Genius des Dichters, aber es ist be—
stimmt überliefert, daß die Vorstellungen seiner Dramen wenig
        <pb n="274" />
        Die darstellenden und die bildenden LKünste. 259

besucht waren. Auch dies so gut vorgebildete, humanistisch
durchtränkte Publikum Hollands versagte sich schließlich dem
Drama einer bloßen Renaissance. Vondel hat darum wohl
mitstrebende Genossen, nicht aber zahlreiche und bedeutende
Nachfolger gehabt. Ja fast kann man sagen: die Renaissance⸗
kunst ging mit ihm zugrunde. Es blieb, was die Zuschauer
schon längst vornehmlich gefesselt hatte: die raffinierte Ent—
wicklung der Bühne zur Schaustellung blendender Theatereffekte;
der theatralische Prunk; der Spektakel vieler Morde und
sonstiger Begebenheiten, die gröblich auf die Nerven schlagen.
Es blieb, was zu gleicher Zeit sich in Hamburg im regen Besuch
des ersten deutschen musikalischen Dramas bemerkbar zu machen
begann: der opernhafte Geschmack im schlechten Sinne des
Wortes. In ihm hat dann vor allen Jan Vos sein reiches
komisches und plastisches Talent betätigt.
Vorüber aber war die große Zeit der holländischen Dichtung.
Freilich waren neben den Dramatikern noch andere große Dichter
und Schriftsteller aufgetreten: der vornehme Huyghes z. B.
und der platte und darum vielen Generationen so teure Cats:
aber auch ihre lyrische, epische, didaktische Dichtung fand keine
ebenbürtigen Fortsetzer. Vielmehr verwässerte sich mit dem
Verfall der kommerziellen und politischen Macht des Landes auch
die literarische Bewegung; Versicherungsgesellschaften auf gegen⸗
seitiges Lob traten auf, am frühesten wohl die Vereinigung
Nil volentibus arduum zu Amsterdam vom Jahre 1088; die
sogenannten Behutsamkeitspoeten ließen sich hören, hübsch klug
und aufgeklärt und von lackartig glatter Form gleich einem
Gemälde Adriaens van der Velde: und nur wenig wurde die
Cicadenidyllik ihres Sanges durch die rauhen Naturtöne der
friesischen Gebrüder van Haren gestört; bis das Zeitalter des
Subjektivismus mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
auch für die Niederlande eine neue Entwicklung aus anderer
und tieferer Wurzel brachte.
Für die deutsche und die allgemeine Literaturgeschichte
aber ist die Geschichte der holländischen Dichtung im 16. und
17. Jahrhundert von großer Bedeutung gewesen. Während in
17*
        <pb n="275" />
        260 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Binnendeutschland die nationale Dichtung die Einflüsse des
Humanismus im Grunde frühzeitig abschüttelte und einer Eigen⸗
bewegung folgte, der schließlich bei der unglücklichen Entwicklung
des sozialen Trägers dieser Dichtung, des Bürgertums, voller
Erfolg nicht erblühen konnte, war der geschichtliche Gang im
niederländischen Nordwesten, vor allem in Nordniederland, der
umgekehrte. Hier lebten sich die Rederijker echt mittelalterlich
aus; wesentlich erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
begannen neben ihnen. humanistische Einflüsse zu spielen, und
unter deren Einwirken kam es, vornehmlich in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts, zu der ersten großen Renaissance einer
nationalen Dichtung überhaupt auf dem Boden des zentralen
Europas: einer Renaissance, der dann, in freilich gewaltiger
Steigerung der Leistungen, noch die französische Renaissance
unter Ludwig XIV. und die bimnendeutsche hellenische Renaissance
im Zeitalter Schillers und Goethes gefolgt sind.
Nahe liegt es bei alledem, den verschiedenen Entwicklungs—
gang binnendeutscher und niederländischer Dichtung mit ver—
wandten Vorgängen auf dem Gebiete der bildenden Künste zu
vergleichen. Soll es aber mit Nutzen geschehen, so bedarf es
vorher der eingehenden Kenntnis der künstlerischen Entwicklung
selbst. Und da wird es, um das auch hier stark einspielende
Element der Renaissance von vornherein zu überblicken, not—
wendig sein, von der Entfaltung derjenigen Zweige der bildenden
Kunst auszugehen, in denen sich der Einfluß der Antike, sei es
unmittelbar, sei es in italienischer Vermittlung, am meisten
gezeigt hat: von der Architektur, der Bildnerei und den kunst—
gewerblichen Formen.

III.
1. Die Renaissance der bildenden Künste drang in Deutsch⸗
land nicht unmittelbar aus der Antike, sondern vornehmlich
und zunächst aus den Gebieten italienischer Umformung dieser
Antike herein; und sie bezog sich anfangs nicht so sehr auf die
große Kunst, wie auf das Kunstgewerbe. Daher traten zuerst
        <pb n="276" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 261

vornehmlich die ornamentalen Bestandteile dieser Kunst im
Beiwerk der Gemälde und Kupferstiche auf; Maler wie Hans
Burgkmair in Augsburg, bei dem sich schon im Jahre 1501
Spuren der Renaissance fanden, dann Holbein und in gewissem
Sinne auch Dürer, in den Niederlanden Gossaert mit seinen
idealen Tempelhallen und Lukas von Leiden mit seinen
Ornamentstichen (erst 1327 und 1528) konnten als erste Ver⸗
breiter des neuen Stils gelten. Darauf folgte zunächst die
plastische Anwendung der neuen Zierformen in Werken der
Aleinarchitektur: so entstanden, abgesehen von geringeren noch
heute andauernden Spuren, der Grabstein des Erzbischofs Udo
von Mainz (1514) und der vom Kardinal von Brandenburg
im Jahre 1526 errichtete Mainzer Marktbrunnen, in den Nieder⸗
landen der große Kamin im Rathause der Brügger Freiheit
(1529) und das Tabernakel der Abtei Tongerlo.
Diese Einflüsse aber trafen — und erst dieser Umstand
gibt ihrem Auftreten große Bedeutung — allenthalben auf ein
einheimisches Kunsthandwerk, das soeben seiner größten Blüte
entgegenging.
Das mittelalterliche Gewerbe, an die Zunftverfassung ge—
bunden mit ihren anfangs und grundsätzzlich stets sozialistischen
Idealen, hatte seinen Ruhm nicht sa sehr in der quantita⸗
tiven wie in der qualitativen Höhe der Erzeugnisse gesucht:
Wettbewerb dem quantitativen Umfange der Erzeugung nach
war durch die genossenschaftliche Verfassung so viel als möglich
ausgeschlossen gewesen.
In diesem Zusammenhange lag es zunächst begründet, daß
der Zug der Produktion überhaupt die Richtung einschlug,
die man heute als speziell kunstgewerblich bezeichnet, und daß
dem Handwerk die eigentlichen Künstler erhalten blieben. Es
ist Meistern wie Dürer oder Holbein nicht eingefallen, die
Zunft zu verachten; freudig haben sie auch für das Handwerk
geschaffen im Geiste dieses Handwerks; und „ach ihnen haben
noch ganze Generationen und Gruppen von Künstlern gelebt,
die ihre Phantasie vornehmlich oder auch ganz in den Dienst
des Kunstgewerbes gestellt haben: die Schöpfer jener zahllosen
        <pb n="277" />
        262 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Stiche von Friesen, Füllstücken, Zierbändern, Leisten, Stäben
des 16. Jahrhunderts, die beiden Beham, Heinrich Aldegrever,
Georg Pencz, Hans Brosamer, Jakob Bing und andere, etwas
später Jost Amman und Virgil Solis.
Weiterhin aber war seit dem 15. Jahrhundert noch ein
anderes Motiv sozialer Natur hinzugekommen, um die Stoff—
veredelung in kunstgewerblichem Sinne zu verstärken: nicht
wenige der Zunftbruder waren unter der glücklichen Entwick⸗
lung des deutschen Bürgertums dieser Zeit in sehr behäbige
Verhältnisse gelangt; und namentlich galt das von den be⸗
sonders dem Kunstgewerbe zuneigenden Zünften, den Gold—
und Silberschmieden, den Gelbgießern und Zinngießern, manchen⸗
orts auch von den Schreinern. So war der freudige Genuß
des Lebens, die Voraussetzung künstlerischen Schaffens, diesen
Klassen gewährleistet.
Ganz entbunden zu freiem Aufschwung aber wurde das
deutsche Kunsthandwerk doch erst im 16. Jahrhundert. Denn
jetzt erst traten die Momente vollends ins Leben, die dem ge⸗
reiften Handwerk sichere und große Kundschaft verschafften.
Die Emanzipation der Individualität gab der Einzelperson
und ihrer Umgebung eine ganz andere Bedeutung als früher:
wohin man schaute, wuchs der Kultus des eignen Ich und die
künstlerische Ausstattung seiner Umwelt. Daher die Zunahme
des Schmuckes und der Behaglichkeit des Hauses, daher die
bunte Modenwelt des Zeitalters von den ausschweifenden
Trachten der Jugendzeit eines Dürer mit ihrer Entblößung der
Brust und engen Spannung der Kleider fast über alle Körper—
teile bis zu der abgemessenen, aber nicht minder kostbaren
spanischen Tracht der Zeit der Gegenreformation, daher das
Behängen des Körpers mit Schmuck in Ketten, Ringen,
Spangen, ja die Besetzung der männlichen wie weiblichen
Tracht mit Bordüren in getriebenem Metall und Edelgestein.
Und den wachsenden Anforderungen in all diesen Richtungen
wurde ein steigender Reichtum gerecht: und dieser Reichtum
blieb auch dann noch erhalten, als das Bürgertum, der eigent⸗
liche Träger auch dieses Luxus, sich von der gewinnreichen
        <pb n="278" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 263

Führung der Geschäfte zurückzuziehen begann und nur noch in
behaglichem Verbrauche des Erwerbs der Väter und Ahnen
lebte: ja gerade zu der Zeit, da das Bürgertum wenigstens
nicht mehr vorwärts schritt, erhielt das Kunstgewerbe einen
neuen Autrieb durch den steigenden, wenn auch noch etwas
barbarischen Luxus der Fürsten.
So waren dem deutschen Kunstgewerbe im Beginne des
16. Jahrhunderts glückliche Zeiten auf die Dauer von mindestens
noch drei bis vier Geschlechtern beschieden: damals ist in Augs⸗
burg und Nürnberg das Vollendetste geschaffen worden: und
kein Luxusgewerbe einer europäischen Nation vermochte zu
dieser Zeit mit dem deutschen Aufschwung, alles in allem ge⸗
nommen, den Wettbewerb zu bestehen.
In den Anfang dieser nachhaltigen Bewegung fiel nun
das Eindringen der Antike in italienischer Formwandlung; und
es erfolgte auf Wegen, die es vor allem auf das Kunstgewerbe
hinleiteten. Welcher Art mußte da die Aufnahme sein?
Von entscheidender Bedeutung war, daß man von eigent⸗
lich kunstgewerblichen Erzeugnissen der Alten, von Gefäßen,
von Erzeugnissen der Schmiedekunst, von Geweben oder gar
vom Mobiliar damals, vor dem Wiederaufleben von Herculaneum
und Pompeji, wenig wußte. Diese Formen konnten nicht über⸗
tragen werden. Zu Gebote stand nur der Ornamentschatz der
Antike und weiterhin und vor allem jene architektonischen
Schmuckformen, die von den Italienern den Monumenten und
auch der antiken Fachliteratur entnommen und zu bestimmten
Systemen umgestaltet worden waren. Von diesen beiden Arten
waren nun die eigentlichen Ornamente ohne weiteres überall,
wenigstens unter gewissen Veränderungen verwendbar. Wie
aber stand es mit den architektonischen Zierformen?
Hier kam der Aufnahme eine Erscheinung zugute, die im
späteren gotischen Kunstgewerbe eingetreten war. Die Gotik,
ein Stil radikaler Eigenart, hatte alle Gehrauchsformen und
noch mehr alle Kunstformen der Werkzeuge, des Hausrats usw.
ihren tektonischen Gesetzen unterzwungen; überall waren Strebe⸗
pfeiler und Wimperge und Fialen aufgeschossen: kassettenartiger
        <pb n="279" />
        264 Siebzehntes Buch. Viertes LKapitel.
Hausrat war soweit als möglich in kapellen-, gerüstartiger,
wie Tische und Stühle, in pfeilerartige Bildungen verwandelt
worden. Es sind Formen, die dann vielfach noch im 16. Jahr—
hundert, ja im 17. Jahrhundert nachgewirkt haben. Wo sie
aher fielen, da war es natürlich, daß wiederum architekto⸗
nische Zierformen, nämlich jetzt die antikischen der Renaissance
ihnen nachfolgten und für sie eintraten: so an Werken der
Keramik und der Schmiedekunst und vor allem an denen der
Tischlerei. Hier also zunächst wurde wirksam, was unmittelbar
und am frühesten von antiker Architektur in Deutschland ein⸗
drang: es war ein Vorgang von wesentlicher Vorbedeutung
für die Entwicklung auch der Formenwelt der großen Architektur.
Ganz allgemein dagegen, und nicht bloß in dem halb
architektonisch schaffenden Kunstgewerbe, wurde der eigentliche
Ornamentschatz der Antike aufgenommen.
Die Autike stellte da zunächst, natürlich in italienischer
Umbildung, die altrömische Flächen- und Wanddekoration zur
Verfügung: ein seltsames Gemisch von Masken und Gestalten
der antiken Mythologie, Satyrn und Faunen, Sphinxen und
Chimären, Harpyien und anderen abenteuerlichen Tierbildungen,
dazu Werkzeuge der Jagd, des Fischfangs, der Gewerbe, der
Musik, der Toilette, Trophäen aus Waffen und Rüstungs—
stücken, Embleme, Schilder und anderes mehr. Das waren
Dinge, welche die deutsche Phantasie mit solcher Lust aufnahm,
daß sie sie alsbald weit körperhafter zu gestalten begann, als
die Alten es je getan hatten; zudem verband sie mit ihnen
Erinnerungen an die gotischen Drolerien; auch fügte sie die
raffaelisch-naturalistische Fruchtschuur hinzu. Und indem sie
nun dies weitverzweigte Allerlei mit jener nie ermüdenden
charaktervollen Phantasie erfaßte, die den Germanen eigen ist,
schuf sie das unendliche Gebiet der nordischen Groteske.
Zu all diesen Elementen kamen aber noch zwei weitere:
ein fremdes und ein einheimisches. Wohl durch italienische
Vermittlung, und vermutlich zuerst auf dem Wege des Buch—
einbands, gelangte die orientalische Arabeske, ein System von
Linien und Zügen zur Verzierung glatter Flächen, nach Deutsch—
        <pb n="280" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 265

land. Und aus den Niederlanden verbreitete sich mit manch
anderer Eigenart der Verzierung besonders das sogenannte
Rollwerk, vor allem in der Form der Kartusche; erst um die
Mitte des 16. Jahrhunderts ist es voll ausgebildet; dann
aber beginnt es so üppig zu wuchern, daß zu seiner Ver—⸗
herrlichung in Köln im Jahre 1599 ein eigenes „Schweifbuch“
erscheinen konnte; und zum sogenannten Knorpelwerk geworden
und zu langer, ohrenartiger Durchbildung —
entstellt, beherrschte es die Zierkunst noch beinah ganz in den
Zeiten des Dreißigjährigen Krieges.
Am wenigsten von dem Eindringen und der Entwicklung
dieses so mannigfaltigen Ornamentschatzes beeinflußt waren im
ganzen die Weberei und die ihr nahestehenden Gewerbe. Hier
hielten sich einerseits mittelalterliche Muster noch lange, und
anderseits folgte die Kunstweberei, insofern sie Gobelinwerk ge⸗
worden war, Anregungen der Kunstmalerei, die wenigstens teil⸗
weis außerhalb der Antike verliefen. Die Gobelinweberei war
dabei vor allem in den Niederlanden zu Hause: hier, in Brüssel,
bei dem Weber Pieter von Aelst, hat Leo X. die Tapeten
Raffaels wirken lassen. Aber schon in der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts begann diese Industrie zu leiden. Es ent⸗
standen an anderen Orten Fabriken, so in Florenz 1539, in
Paris 1601, in München 1604, ebenso 1604 in Dänemark,
1620 in Mortlake (Surrey), endlich gegen 1680 in Rom; und
der Verfall der Antwerpener Malerschule wie der Wettbewerb
von Paris gab der vlämischen Kunst seit etwa Mitte des
17. Jahrhunderts den Todesstoß. Bei weitem mehr als die
Gobeliuweberei nahm aber jene Spitzenfabrikation Elemente
aus dem antiken Formenschatz herüber, die in den südlichen,
vornehmlich wallonisch-französischen Niederlanden etwa zu eben
der Zeit besonders aufzublühen begann, da die Gobelinwirkerei
verfiel. Ihr werden seit Beginn des 17. Jahrhunderts die
Spitzen von Valenciennes, seit Mitte dieses Jahrhunderts die
von Jeperen verdankt: bis beide seit der Wende des 18. Jahr—
hunderts von der Brüsseler Spitze abgelöst wurden. Inzwischen
aber war schon längst, als ein Senkreis der älteren vlämischen
        <pb n="281" />
        266 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Kunst, die Spitzenklöppelei mitten in Deutschland, im Erz⸗
gebirge, heimisch geworden. Sie tauchte hier nach der Mitte
des 16. Jahrhunderts auf; und die Nürnbergerin Barbara
Etterlin, seit 1858 Witwe des Annaberger Bergwerksbesitzers
Uttmann (4 1575), hat ihr durch kaufmännischen Vertrieb der
Erzeugnisse zu einer Lebenskraft verholfen, die heute noch fort—
währt.
Wie die Texrtilindustrie, so hat sich auch die Keramik dem
Einflusse der Antike verhältnismäßig wenig und, wenigstens so⸗
weit es sich um Ton handelt, erst spät erschlossen: die Ofen—
kacheln behielten, mit Ausnahme vielleicht der Erzeugnisse der
Gegend von Nürnberg, noch lange die gotischen Formen; die
Bluͤtezeit der Steinzeugfabrikation am Niederrhein, in Sieg⸗
burg, in Raeren und Frechen wie auch im sogenannten Kanne⸗
bäckerländchen östlich von Koblenz trat erst in der Zeit etwa
des Dreißigjährigen Krieges ein; und die nordniederländische,
schließlich um Delft konzentrierte Fayencefabrikation, an sich
wohl ziemlich alt, erhielt doch erst gegen Ende des 16. Jahr⸗
hunderts größere Bedeutung, und zwar ohne sich besonders
ftark antiken Überlieferungen zu überlassen.
Im Gegensatz hierzu hat kein deutsches Kunstgewerbe früher
in den Rengissanceformen zu schaffen und zu blühen begonnen,
und ist länger, wenigstens in seinen edelsten Gestaltungen, in
dieser Blute verharrt, als die der Nation von jeher besonders
werte Schmiedekunst. Zu welcher Höhe brachte es jetzt nicht
sogar die schwere Technik des Eisens! Nicht bloß ornamental
geschmiedet und gehämmert, auch geschnitten wurde es in dieser
Zeit; und neben die herrlichen Gitterwerke traten künstlerisch
hollendete Waffen jeder Art, vor allem die getriebenen, geätzten,
tauschierten Stücke der immer kostbarer werdenden Pracht—⸗
rüstungen, wie sie die Platten— und Waffenschmiede hauptsäch—
lich Nurnbergs, Augsburgs nund Innsbrucks in unübertrefflicher
Schönheit fertigten. Noch höher aber stand die Kunst der
Gold- und Silberschmiede: sie hat damals die unglaubliche
Masse jener Gefäße in harmonischen und unharmonischen, ge⸗
bräuchlichen und ungebräuchlichen Formen geschaffen, die als
        <pb n="282" />
        Die darstellenden und die bildenden Lünste. 267

ein Rest einstigen Reichtums noch heute unsere Museen füllen;
fie wurde jeglichem Schmuckbedürfnis gerecht; sie rühmte sich
in dieser Zeit der Namen eines Wenzel Jamnitzer, des freudigen
Wiener Meisters in Nürnberg, der im Jahre 1588 als der
kaiserlichen Majestät Goldschmied starb, und eines Anton Eisen⸗
hoit, des Westfalen, von dessen Arbeiten ein auserlesener Schatz
im Familienbesitze der Grafen von Fürstenberg erhalten geblieben
ist. Sie hat auch mehr als irgend ein anderes Kunstgewerbe
verschiedene Richtungen neben- und nacheinander blühen sehen;
neben der gemeindeutschen die italienische der Fassung kostbarer
Halbedelsteine und die holländische, wie sie die große Utrechter
Kunstlerfamilie der Vianen entfaltet hatte.
Einflußreicher indes auf die allgemeine Entwicklung der
Kunst als alle bisher genannten Gewerbe war die Schreinerei
in ihrem weitesten Umfang. Die italienische Kultur ist der
Hauptsache nach fast eine Kultur der Metalle und der Steine;
unserem Teppich entspricht das italienische Mosaik; die Bett—
stellen der Röͤmer waren zumeist von Stein oder Bronze, und
von Eisen sind seit alters auch die des heutigen Italien.
Die deutsche Kultur dagegen ist noch jetzt und war noch viel
mehr im 16. Jahrhundert eine Holzkultur: tausend Dinge, für
die wir heute Glas oder Eisen oder ———
anwenden, wurden damals noch aus Holz gefertigt, wie etwa
noch heute im germanischen Norden, in Schweden oder Nor⸗
wegen oder selbst noch in Dänemark. So begreift es sich,
wie außerordentlich der ornamentale und hier nun auch der
gerüstliche kleinarchitektonische Formenschatz der Antike auf
diesem Gebiete einwirkte, sobald er nach Deutschland gelangt
war. Da wurden sie in unabsehbaren Massen geschaffen, diese
Sitzmöbel der verschiedensten Art, diese Tische, diese archi—
tektonisch gebildeten, feststehenden Wandmöbel, die Büffete, die
Kasten, die Stollenschränke, und neben ihnen, unter wesent⸗
licher Erweiterung des eigentlichen Kreises der antiken Ver—
wendung, die Wandverkleidungen und Schmucktüren, die bald,
wie in Norddeutschland, mehr ornamental, bald, wie im
Süden, ganz im Sinne kleiner baulicher Fassadenwerke her⸗
        <pb n="283" />
        268 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

gestellt wurden. Und indem nun hier vor allem die An—
wendung der Architekturformen der italienischen Renaissance
und Antike zutage trat, bildete sich für diese Arbeiten eine
ganze reiche Literatur von ornamentalen, architektonisch ge⸗
meinten Vorbildern, von den ersten Anfängen in den dreißiger
Jahren des 16. Jahrhunderts an bis zu den Werken Hans
Vredemans des Friesen, welche die Kleinarchitektur überhaupt
ins Auge faßten, und zu der wildphantastischen „Architektura
oder Austeilung der fünf Seulen“ des Straßburgers Wendel
Dietterlein vom Jahre 15091.
Diese Wendung, die zunehmende Annäherung, ja die ge⸗
legentlich vollendete Gleichstellung der Schreinerei mit der
Architektur ist für die deutsche Entwicklung, namentlich der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, bezeichnend: nicht bloß
im Kunstgewerbe, auch sonst hatte man, und vor allem in
der Architektur, die Renaissance zunächst von der dekorativen
Seite her ergriffen.

2. Nur ganz ausnahmsweise finden sich auf deutschem
Boden Bauten der Renaissancezeit, von denen behauptet werden
kann, daß sie in jedem Betracht, der inneren Struktur wie dem
äußeren Schmucke nach, die Grundsätze des neuen Stils in
deutscher Umgießung vollkommen und ungestört von anderen
Elementen zum Ausdruck brächten. Am ehesten könnte man
hierher vielleicht einige westfälische Gebäude rechnen sowie die
großen Bauten des würtembergischen Fürstenhauses, Schöpfungen
Georg Beers und seines Schülers Schickhardt, das Lusthaus
und den Neuen Bau zu Stuttgart, beides leider nicht mehr
erhaltene Denkmäler. Im ganzen aber dauerte in Deutschland
ein von der Gotik noch gedecktes Raumbedürfnis zu lange fort,
als daß sich nicht im allgemeinen die gotische Struktur der
Bauten erhalten hätte, so daß die Renaissance zunächst mehr
als äußerliche Zutat, als Kunst der Zierstücke aleichsam Raum
gewann.
Nun gab es allerdings auf deutschem Boden Gebiete, in
        <pb n="284" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 269

denen die Raumbedürfnisse sich nicht mehr ganz mit jener verti⸗
kalen Tendenz der Gotik deckten, die im wesentlichen nur großen
repräsentativen Gebäuden mit verhältnismäßig kleiner Grund⸗
fläche zugute kam. Es war überall da der Fall, wo gegen
Ende des Mittelalters eine rasche Vermehrung der Bevölkerung
eingetreten war, deren Interessen größere Grundflächen als
die bisher gebräuchlichen für öffentliche Gebäude verlangten: in
Ostfranken mit dem Zentrum der großen Handelsstadt Nürn⸗
berg, im Erzgebirge mit einer seit dem eröffneten Bergbau
rasch gestiegenen Bevölkerung, in Flandern mit seinem großen
Handel. Aber an all diesen Stellen war die Gotik noch dem
neuen Bedürfnis gerecht geworden. Hier vornehmlich hatte sie
die vertikale Tendenz immer mehr zugunsten der horizontalen
verlassen und sich in flacher eingewölbten, minder hohen, da⸗
gegen weitgestreckten Räumen dem bestehenden Bedürfnis an⸗
geschmiegt: so waren die freiräumigen Kirchen des Erzgebirges
Ind Nürnbergs, so die großen Stadthäuser schon früh in
Brügge und Gent, noch schöner später in Brüssel und Leiden
entstanden. Da also, wo die Renaissance als ein Stil wesent⸗
lich der Horizontale leichter hätte Eingang finden können, war
ihr die Gotik durch geschickte Anpassung zuvorgekommen.
Gleichwohl begreift es sich, daß die Prinzipien des Re—
naissancebaues, soweit sie über die bloß äußerliche Dekoration
hinausgingen und die Struktur selbst erfaßten, noch immer da
am besten durchdringen mußten, wo sich die Gotik zu Zu⸗
geständnissen an die Horizontale bereit gefunden hatte. Auf
diese Weise wurden Oberfranken und Obersachsen einerseits,
Flandern anderseits zu Standorten einer Renaissancearchitektur,
die verhältnismäßig immer noch am reinsten entwickelt war.
In Oberfranken kommt freilich im ganzen nur Nürnberg
selbst in Betracht und neben ihm noch eine Anzahl von Ab⸗—
zweigungen seines spezifischen städtischen Stils; in Nürnberg
gehören diesem Zusammenhange eine Reihe prächtiger Stadt—⸗
häuser und Landhäuser in der Vorstadt an, der Schoppen—
hof z. B., das Tucherhaus von 1533, das Hirschvogelhaus von
1574 und fast mehr noch die Festungstürme Georg Ungers
        <pb n="285" />
        270 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

(1555— 1568). Bedeutender war die Bewegung, die vom
sächsischen Erzgebirge und den ihm nach Norden vorgelagerten
Gebieten ausging. Am klarsten zutage tritt sie im Schloßbau;
der Flügelbau des Dresdener Schlosses, den Schickentanz 1530
bis 1537 ausführte, ist ihr erstes größeres Denkmal, ihr
schönstes vielleicht das Schloß Hartenfels zu Torgau mit seinem
prachtvollen Treppenturme, soweit es zwischen 1532 und 1544
entstanden ist. Von der Elbe aus verbreitete sich dieser Stil
dann bis ins mittlere Thüringen, bis zur Mark Brandenburg
GBerliner Schloß) und vor allem nach der Lausitz, wo Görlitz
mit seiner malerischen Rathaustreppe aus dem Jahre 1537,
von Wendel Roorkopf, ein Mittelpunkt reicher Entwicklung
wurde.
Bedeutender aber als das binnendeutsche Zentrum dieser
auf horizontaler Gotik aufgebauten Renaissance war das nieder—
ländische Gebiet Flandern.
In Flandern hatte man bereits früher als in Binnen—
deutschland Freiräumigkeit der öffentlichen Gebäude und Weit—
räumigkeit der Kirchen gefordert: breite Hallenkirchen von fünf,
ja sieben Schiffen bei einer Höhe von nur dem Doppelten,
nicht wie gewöhnlich dem Dreifachen der Breite, waren ent—
standen, und neben ihnen Rathäuser, in denen schon die Raum—
verteilung des modernen Geschäftshauses — einige Säle neben
zahlreichen Zimmern — durchgeführt zu werden begann. Dabei
waren denn besonders für die Profanbauten die Gewölbe immer
flacher geworden und schließlich ganz weggefallen. So konnte
auch das Gerüst des Aufbaues nicht gotisch im alten Sinne
bleiben: die Prinzipien des Horizontalbaues siegten in der Ge—
schoßanlage, und die Gotik trat nur noch ornamental, zur
Dekoration der Fassade in Erscheinung. Das ist bei den großen
Rathäusern schon der Charakter des stile flamboyant und des
stile fleuri: Statuenreihen unter Baldachinen wechseln mit
friesartig behandelten Maßwerk, Wimperge und Fialen treten
rein dekorativ auf, Zinnen werden in Maßwerk aufgelöst und
krönen nach Art einer Ballustrade: der konstruktive Ernst der
Gotik ist in ein lustiges Spiel von Ziergliedern zerflossen.
        <pb n="286" />
        Die darstellenden und die bildenden LKünste. 271

Unter diesen Umständen fand die Renaissance in den
südlichen Niederlanden leichten Eingang, auch soweit nicht ver—
einzelt einfach rein italienische Nachahmungen auftraten, wie
in dem 1559—1564 von den beiden van Noyen erbauten
Brusseler Palast Granvelles; und nur die Tatsache, daß ein
außerordentlicher Baueifer schon in den Endzeiten der Gotik
die wichtigsten baulichen Bedürfnisse befriedigt hatte, trat der
Ausbreitung des neuen Stiles ernstlicher entgegen. Im übrigen
wurden jetzt für die alten Maßwerkarkaden antike Ordnungen,
für die Wimperge Giebel, für die Fialen Spitzsäulen eingesetzt
und aus all diesen Anderungen die nötigen Konsequenzen für
die kleinere Dekoration gezogen: die Umwandlung in eine
nationale Renaissance war fertig, wenn diese auch noch weit
von der freien Verhältnislehre der italienischen Architektur ent—
fernt blieb und für den Zusammenhang der Bauteile unter—
einander erst langsam die Richtschnur eines eigenen Schön⸗
——
Die ersten großen Meister dieser neuen Richtung waren
Cornelis de Vriendt und Paul Snijdincx, und ihre prächtigste
Schöpfung ist das Rathaus von Antwerpen (1561 -1565),
dessen Hallenmotiv weithin, namentlich nach dem Norden zu,
nachgewirkt hat; die Rathäuser im Haag (1564 - 1565), zu
Emden (1574 -1576) und zu Vlissingen (um 1600) verdanken
ihm das wichtigste Prinzip ihres Schmuckes. Inwiefern danach
der neue Stil auch in das innere Deutschland weiter eindrang,
wird später zu betrachten sein.
In Flandern selbst aber wurde der ausgebildete Formen⸗
zusammenhang im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts unter
italienischen Einflüssen und unter besonderem Eingreifen von
Rubens einer Umbildung in das mittlerweile auf italienischem
Boden schon aus der Renaissance entwickelte Barock unterzogen:
man nahm die baulichen Formen wuchtiger und ließ das reine
Ornamentale zurücktreten. Es waren Wandlungen, die sich unter
dem prunkenden Regiment der Erzherzöge um so rascher vollzogen,
als das Land nunmehr von den langen Kriegsjahren aufatmete
Ind der fiegreiche Katholizismus sinnlicher Mittel zum Ausdruck
        <pb n="287" />
        272 Siebzehntes Buch. vViertes Kapitel.

seines Triumphes bedurfte, wie er sie auch für Flandern nirgends
besser als in dem neuen pomphaften Stile des Barockes
fand. So kam es wenn auch nicht zu großen kirchlichen
Neubauten — dazu fehlten Bedürfnis und Mittel —, so
doch zu umfassenden Umbauten der vorhandenen, in den Bilder⸗
stürmen vielfach ihrer alten Kunstschätze und ihrer äußeren
Ausstattung beraubten Kirchen ins Barocke. Rasch fand man
dabei heraus, daß sich die romanischen Kirchen einer solchen
Restauration besonders leicht fügten: bei ihnen sind die Um—
bauten bisweilen unter Hinzufügung von Türmen und Zentral—
anlagen mit einem Radikalismus und einer Formenüppigkeit
vorgenommen worden, die kaum noch eine Erinnerung an die
Schlichtheit der ursprünglichen Anlage zurückgelassen hat. Im
Profanbau freilich hat das neue Barock, trotz aller Anstrengungen
von Rubens, wenig große Denkmäler hinterlassen. Die Be—
völkerung einer verfallenden Zeit wandte um so weniger gern
große Mittel für neue Bauten auf, als die reichen öffentlichen Ge⸗
bäude der Vergangenheit dem Bedürfnisse der Gegenwart mehr
als genügten; und die führenden Gesellschaftskreise, wenig unter⸗
nehmend und auch kaum von wachsendem Reichtum, behalfen
sich für ihre Bedürfnisse ebenfalls mit dem Erbteil der Ahnen.
So wies schließlich fast nur eine Anzahl von Zunfthäusern,
deren Errichtung durch den alten Stiftungsreichtum der Gilden
ermöglicht wurde, den ausgeprägten Typ des vlämischen Profan—
—EDV
Architektur eigentlich nur an einer Stelle, an dem herrlichen
Hauptplatze von Brüssel.
Inzwischen aber hatte sich, fast ganz aus eigenem Geiste
heraus, und abweichend von allen übrigen Vorgängen, in den
nördlichen Niederlanden die denkwürdigste Entwicklung der
Renaissancearchitektur auf deutschem Voden vollzogen.
Die nördlichen Niederlande waren, soweit sie im 17. Jahr—
hundert Träger der großen holländischen Kultur geworden sind,
im 15. Jahrhundert baulich noch verhältnismäßig wenig kulti—
viert: es ist bezeichnend, daß der Haag in diesem Jahrhundert
nur ein einziges Mal eine der glänzenden Versammlungen
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        Die darstellenden und die bildenden Künste. 273

der burgundischen Vliesritter (1456) gesehen hat. Die
Straßen anderer holländischer Städte aber waren damals
noch vielfach ungepflastert und umrahmt mit stroh- oder schilf⸗
gedeckten Holzhäusern; die Stadtbaumeister führten noch viel—⸗
fach bis ins 17. Jahrhundert hinein den Titel Timmerman.
Und erst seit dem langsam steigenden Reichtum seit Mitte des
16. Jahrhunderts änderte sich der Anblick des Landes. Nun
begann man häufiger steinerne Wohnhäuser zu bauen, oft noch
winzig klein, wie sie heute z. B. noch in Enkhuizen stehen, oft
bisweilen schon größer, im Sinne des späteren Herrenhauses.
Dabei war die Anlage, trotz aller Gedrücktheit der Stockwerke,
doch ein wenig gotisch gedacht, wenigstens ließ man sich nicht
gern den straßenwärts ragenden Giebel nehmen. Aber auch
uͤber diese Stufe der Entwicklung wuchs man rasch hinaus.
Wie nahm nicht seit Ende des 16. Jahrhunderts die Bevölke—
rung zu! Jetzt mußten neue Straßen gebaut, die Befestigungen
abgetragen und neu errichtet, die Stadthäuser erweitert, öffentliche
Gebäude für den reißend steigenden Verkehr hergestellt, Häfen
geschaffen werden: was bedeuteten in dieser Richtung nicht
allein in Amsterdam und Rotterdam die weitläufigen Handelsviertel
 mit ihren Kontoren, Magazinen, Packhäusern, die
Werften mit ihren Seildrehereien und Zimmerplätzen und den
tausend Wohnungs⸗ und Bergungsbedürfnissen einer größeren
Industrie und eines überseeischen Handels. Unablässig war
Gelegenheit, zu schaffen, und neben die bloßen Nutzbauten stellten
sich die Prachtarchitekturen der reichen Kaufleute, die Türme
und Tore, die Wagen und Spitäler, das Rathaus und das
Kaufhaus der Stadt, und über sie hinaus noch die Kirchen⸗
bauten einer sich in immer neue Varochien gliedernden Be—
völkerung.
Wahrlich: mehr wie sonst irgendwo auf deutschem Boden
war hier Gelegenheit gegeben zur wechselvollsten Entfaltung
eines neuen Stiles!
Allein dieser Stil konnte die klassische/ vom italienischen
Süden her vordringenden Renaissance wenigstens zunächst nicht
sein. Dieser Renaissance fehlte hier ganz und gar die Sonne
Lamvrecht, Deutsche Geschichte. VI. 18
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        274 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Italiens; bei allem Silberglanz des heimischen nebelgebrochenen
Lichts bedurfte man größerer Fensteröffnungen als sie in Italien
gebräuchlich waren, wollte man tageshell leben. Es fehlte
serner der Baugrund, um die lastenden Mauern und Gewölbe
Italiens zu tragen; schon in gotischer Zeit hatte man gegenüber
dem häufig weichenden Boden aus der Not eine Tugend machen
und den Kirchenschiffen hölzerne Gewölbe einziehen, den Türmen
obere Teile aus Holz aufsetzen müssen. Vor allem aber fehlte
der Haustein. Von fernher bezogen, war er noch fast dem
ganzen 16. Jahrhundert zu teuer, um zu homogenen Fassaden
verwandt zu werden; nur für besondere Zierstücke gelangte er
zur Verwendung. So vermochte denn hier, auf architektonischem
Neuland, die Renaissance nicht gebieterisch, sondern nur an—
regend zu wirken. Aus der Aufnahme einzelner ihrer Elemente
wie der spärlichen heimischen Tradition entstand darum im
nördlichen Niederland ein neuer, charaktervoller, einheitlicher
Stil: der Backhausteinstil der Renaissance. Und mit Recht
bezeichnet man diesen Stil als holländische Renaissance, denn
ist er auch teilweise in Flandern zu Hause, so fand er doch in
Holland seine vollendetste Entwicklung. Ein Ziegelbau aus den
festen rotgebrannten Klinkern des Alluvialschlammes wurde da,
wohl unter streifenförmiger Musterung der flachen Mauern,
mit architektonischen Gliedern aus weißem Haustein ausgeputzt,
wobei die dekorative Gliederung der Fassade durch die um—
gebildeten antiken Motive des Pilasters, der Halbsäule, des
Architravs eine besondere Rolle spielte. Dabei blieb aber
der Fassade als altnational die Einteilung in gleichmäßige
Fensterreihen und die im ganzen eher vertikale als horizontale
Richtung und damit das Auslaufen der Front in einen Giebel,
und bei wichtigern, namentlich oöffentlichen Gebäuden, die An⸗
lage eines Turmes. Und später gesellten sich hierzu noch reiche,
ja prunkende Portale, meist ganz in Haustein und im Sinne
hon Giebelbauten, und der Eingang zu ihnen wurde durch weit⸗
angelegte Freitreppen vermittelt. Zugleich begann sich dann
auf den Hausteinteilen jene üppige Ornamentik der Hoch—
renaissance niederzulassen, die sich inzwischen im inneren Deutsch⸗
        <pb n="290" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 275

land und, soweit die mit besonderer Vorliebe verwendete
Kartusche in Betracht kam, in den südlichen Niederlanden ent—
wickelt hatte. Für die Gestaltung der Gesamtfassade aber
wurde je länger je mehr als Mittel zur Harmonisierung der
einzelnen Bauglieder das Prinzip der Abtönung von unten nach
oben angewandt, indem teils durch architektonisch-plastische An—
ordnungen, teils durch Verteilung der malerisch⸗farbigen Effekte
ein Aushallen der energischen Motive des Erdgeschosses in den
oberen Gliederungen herbeigeführt ward.
In diesem Stil haben, bei aller Kenntnis Vitruvs und der
italienischen Architektur dennoch national, die großen Baumeister
des Landes geschaffen, ein Lieven de Key im lustigen Haarlem
und teilweise zu Leiden, ein Hendrik de Keyzer zu Amsterdam,
anderer zu geschweigen. Das erste größere Denkmal des Stils
war der Mittelbau des früheren Rathauses zu Utrecht (um
1545); und auch später kam er in den Rathäusern und Um—⸗
bauten von solchen am glänzendsten zur Entfaltung, so an den
Stadthäusern von Oudewater (1588), Veere (1595), Vlissingen
(von 1594 ab), Leiden (1597), Bergen op Zoom (1611) und
Delft (1620). Aber daneben trat bald eine unendliche Masse
anderer Bauten: Gerichtsgebäude, Börsen, Banken, Schulen,
Gildehäuser und Doelen (Schützenhäuser); Missionshäuser, Alte⸗
männer- und Altefrauenhäuser, Spitäler und verwandte An—
lagen, die, meist mit einem Binnenhofe ausgestattet, unter den
— DD0— können
und meist mit hübschen Gartenanlagen versehen sind.
Und der Stil blieb nicht auf die Niederlande beschränkt;
bald verbreitete er sich weithin in deutschen und germanischen
Landen; Jan Steenwinkel, ein Schüler de Keyzers, verpflanzte
ihn nach Dänemark, wo er in den Schlössern des Königshauses
zu reichster Blüte gelangte (Rosenborg, Fredericksborg), Barend
Janssen, ein Vlame, mit binnendeutschen Elementen verquickt
nach England; wie weit er im inneren Deutschland vordrang,
wird bald zu erzählen sein.
Inzwischen aber begann der Stil in seiner Heimat schon
einen andersgearteten Nachfolger zu erhalten. Seine Formen⸗
18*
        <pb n="291" />
        276 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

sprache, durch die Verbindung verschiedenen Baumaterials an
sich begrenzt, hatte sich schließlich erschöpft, und der Reichtum
des Landes gestattete seit den ersten Jahrzehnten des 17. Jahr⸗
hunderts trotz aller Schwierigkeiten die Errichtung reiner Hau⸗
steinbauten: freilich hat darum das Amsterdamer Rathaus auf
73659 in den Morast gerammten gewaltigen Masten errichtet
werden müssen. Aber immerhin war die Möglichkeit einer
reineren Annahme der italienischen Renaissance seit etwa 1630
gegeben.
Allein nicht dem inzwischen in Italien entwickelten
prunkenden Barock warf sich das Land, gleich den südlichen
Niederlanden, in die Arme. Ernst, protestantis ch gegenüber dem
lebensfreudigen katholischen Süden, folgte es vielmehr einer
anderen Stroͤmung der italienischen Baukunst, die auch neben dem
Barock noch lange Zeit nicht verschwunden ist. Während nämlich
die Meister des Barocks über den alten Bestand der technischen
Formen der Renaissance zu wuchtigeren, lastenderen Bildungen
fortschritten, hatte einer der größten Meister, Palladio, einen
anderen Weg eingeschlagen. Zwar streifte auch er den heiteren
und reichen Schmuck der eigentlichen Renaissancedekoration ab, im
übrigen aber hielt er an der ursprünglichen baulichen Beftimmung
der möglichst einfach und keusch, wenn auch wuchtend auf⸗
gefaßten Strukturglieder fest, ja suchte diese erst recht ihrem
eigentlichen Zwecke gemäß zu entwickeln. So ward er der
Schöpfer einer straffen, nicht selten nüchtern, häufig aber höchst
großartig wirkenden Architektur, deren Charakter weit abstand
von der phantastisch-malerischen Wirkung des eigentlichen
Barocks. Dieser Stil nun, der Stil Vicenzas, der Heimat
Palladios, der Stil der venezianischen Terra ferma und zum
Teil auch Venedigs, der großen Vorgängerin Hollands, war
es, der in den nördlichen Niederlanden nach dem Abblühen des
Backhausteinstiles Leben gewann.
Naturlich war damit die Zeit einer eigentlich nationalen
Architektur vorüber, zumal in dem neuen Stil im wesentlichen
nur Paläste geschaffen werden konnten. Und das um so mehr,
als dem reichen Baubedürfnis des 16. Jahrhunderts und der
        <pb n="292" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 277

ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts fast durchweg noch im
Backhausteinstil genügt worden war. Aber trotzdem wurde der
neue Stil nicht unmittelbar herübergenommen, sondern mit der
außerordentlichen Kraft eigenartiger Aneignung, die Holland in
seinen großen Zeiten allenthalben bewiesen hat, vielmehr ins
Holländische übertragen. Die Profilierungen wurden noch ein⸗
facher als in Italien, ja bis zu völliger Trockenheit gestaltet;
die Ornamentation blieb spröder, die Fassade ruhiger bis zu
vornehmer Langweile. Um so üppiger wurde dagegen das
Innere ausgestattet: die Kunstauffassung eines aristokratisch
gewordenen Bürgertums siegte. In der Fassadenbildung hielt
man dabei, soweit die Frontenge der Bauplütze nicht einer
anderen Lösung zudrängte, an den Forderungen des italienischen
Palastbaues fest: Pilasterstellungen, horizontaler Abschluß mit
antikem Tempelgiebel oder noch besser in antikem Kranzgesimse
mit Balustrade: dazu als Zugeständnis an alte Liebhabereien
ein Turm oder noch besser nur eine Kuppel.
In diesem Stil hat mit am frühesten der alte Jacob van
Kampen gebaut, soweit er sein Talent über sein eignes und
seiner Freunde Bedürfnis hinaus in den öffentlichen Dienst zu
stellen geruhte; er war auch der Schöpfer des bezeichnendsten
Werkes des ganzen Stils, des Amsterdamer Rathauses (von
1648 ab), dessen Bau 30 Millionen Gulden verschlungen hat.
Neben ihm waren vor allem Pieter Post und Philipp Vingboons
tätig, dieser der Meister des Moritzhauses im Haag und des
prächtigen Hauses im Busch, jener der Baumeister des besseren
Kaufmannstandes in Amsterdam: beide zu teilweis recht geist⸗
reichen Zugeständnissen an den alten Backhausteinstil bereit.
Mil dem Ende des 17. Jahrhunderts aber verschwand der
Reichtum auch dieser Gestaltungen. Materieller Genuß und
dessen Folge und Grundlage, tatenlose Wohlhabenheit, waren
in der Republik eingezogen und nagten an ihrer Größe; die
vornehmen Mijnheeren lebten von der Offentlichkeit zurück—
gezogen in äußerlich schmucklosen, aber mit peinlicher Genauig⸗
keit gebauten Häusern, deren innere übertriebene Behaglichkeit
wohl dem Dekorateur und dem Tapezierer und überhaupt dem
        <pb n="293" />
        278 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Kunstgewerbe, nicht aber dem Architekten und der großen Kunst
zu tun gab. Es war der Verfall der eigenständigen holländi⸗
schen Baukunst: schließlich traten Einflüsse zunächst vlamischen
Barocks, dann die Architektur Frankreichs im Zeitalter Lud—
wigs XIV. und der Regentschaft an ihre Stelle.
Vorher aber hatte diese Kunst sich noch in doppeltem
Sinne belebend gezeigt: sie war einmal nach dem inneren
Deutschland, namentlich nach dem protestantischen Norden, über—
gegangen, und sie hatte weiterhin der Bildnerei des Zeitalters
zu einer später nicht wieder erreichten Blüte verholfen.
Die holländische Kultur noch der ersten Hälfte des 16. Jahr⸗
hunderts hatte einem Bildhauer kaum lohnende Aufgaben ge—
stellt; der größte Plastiker des Landes im späteren Mittel—
alter, Claus Sluter, hatte eine seiner würdige Beschäftigung
erst außer Landes, am Hofe der burgundischen Fürsten zu
Dijon, gefunden. Dann allerdings, seit dem Aufschwung der
Baukunst, war auch eine höchst eigenartige Plastik erwachsen:
ein bisher wenig beachtetes Gegenstück zu dem Reichtum der
holländischen Malerei seit den letzten Jahrzehnten des 16. Jahr⸗
hunderts. Es war eine Genreplastik: sie gab Porträts und
Allegorien, mythologische und historische Szenen, Landschaften,
Seestücke und Stilleben; sie stellte in Portalreliefs das Leben
im Spinnhaus, im Leihhaus und in der Börse dar und ent—⸗
wickelte bei solchen Aufgaben eine ungemeine Freiheit in der
malerischen Behandlung des Reliefs. Daneben aber entzog sie
sich auch größeren Aufgaben nicht. Niemand wird ohne
Rührung das Grabdenkmal Wilhelms des Schweigers in der
Kirche zu Delft betrachten, nahe dem Orte seiner Ermordung,
mit seiner gewaltigen Fama, die den Ruhm des schmählich
Gemeuchelten der Welt verkündet, ein Werk de Keyzers, und
niemand ohne Bewunderung den lebendig aufgefaßten Erasmus
bon Rotterdam desselben Künstlers zu Rotterdam sehen, das
früheste öffentliche Denkmal Hollands.
Dieser Kunst fehlte im ganzen nur eins noch: die edle
Ruhe vollendeter Monumentalität.
Aber auch diese ward schließlich erreicht durch das Zu—
        <pb n="294" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 279

sammentreffen zweier wichtiger Einflusse. Einmal folgte der
palladieske Stil dem alten Backhausteinstil: viel gehaltener und
gemessener als dieser, mußte er auch die Plastik zu verwandten
Eigenschaften erziehen, um so mehr, als er ihrer weit mehr be—
durfte als die frühere, doch wesentlich auf den Backstein an⸗
gewiesene Bauart. Und hierzu kam ein weiteres: der Einfluß
der Vlamen.
Die Vlamen haben im allgemeinen mehr Begabung und
Neigung zur Plastik als die Holländer; noch neuerdings haben
vlämische Meister eine Anzahl öffentlicher Denkmäler für die
Straßen holländischer Städte geschaffen. Zugleich aber hatte
die Bildnerei im Süden eine viel längere Vergangenheit, die
auch durch die Zeiten der Religionskämpfe wenig unterbrochen
worden war, und hatte sie weiterhin mit dem Erstehen eines an
Plastik ungemein reichen Barockstils von neuem die lebhafteste
Anregung zu einem Schaffen erhalten, das frei und doch noch
an architektonische Forderungen gebunden erschien. Aus alledem
war in den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts, etwa
gleichzeitig mit der höchsten Blüte der vlämischen Malerei, ein
hoher Aufschwung der vlämischen Bildnerei hervorgegangen.
Diese Entwicklung aber wurde nun dadurch für Holland nutzbar
gemacht, daß Rombout Verhulst und Artus Quellijn der Ältere,
beide in Holland heimisch gewordene Vlamen, zur plastischen
Ausschmückung des Amsterdamer Rathauses, jenes bezeichnendsten
Denknals des palladiesken Stiles, berufen wurden.
Was sie und andere in ihrem Geiste hier geschaffen haben,
darf mit als das Vollendetste der deutschen Plastik in dem
ganzen langen Zeitraum der individualistischen Jahrhunderte
bezeichnet werden. Von der stimmungsvollen Ausschmückung
der Vierschaar, des Gerichtssaales mit seinen großen Reliefs,
mit den Statuen der Weisheit und der Gerechtigkeit, mit dem
wachenden Auge Gottes über den Sitzen der Richter, bis hinab
zu den prächtigen Reliefdarstellungen über den Türen ist hier
Aes von reiner Schönheit; und welch geistreiche Umsetzung
von Begriffen in Bilder zeigt sich, wenn etwa oberhalb der
Tür zur Bürgermeisterkammer Argus dargestellt ist, vieläugig
        <pb n="295" />
        280 J Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

und unermüdlich, oder wenn das Relief über dem Eingang zur
Desolaten Boodelskamer (für Bankerottsachen und Verwandtes)
die Historie von Dädalus wiedergibt, der, weil er zu hoch
flog, zu Falle kam. Und neben dem klassischen Zuge, der die
Phantasie der Meister des Amsterdamer Rathauses kennzeichnet,
blieb dieser Bildnerei doch auf längere Zeit auch ein gutes
Teil holländischen Erdgeruchs. Ausgezeichnetes wird da nach
wie vor besonders in der Bildniskunst erreicht, und herrlich
wirken die nach dem Brauche der früheren Periode weiter⸗
geschaffenen prunkenden Grabdenkmäler, etwa das des Admirals
Tromp in der Delfter Alten Kirche von Verhulst oder das
De Ruyters im Chor der Neuen Kirche zu Amsterdam.
Aber diese zunächst südniederländische Plastik hatte sich
von vornherein und schon im 16. Jahrhundert keineswegs auf
die Niederlande beschränkt. Auch das innere Deutschland war,
seitdem der kurze Aufschwung der Frührenaissance in den
Werken der Vischer in Nürnberg, der Schwarz und Hagenauer
in Augsburg verrauscht war, von niederländischem Kunstsinn
befruchtet worden. So war das umfangreiche Grabdenkmal
Kaiser Maximilians J. in der Hofkirche zu Innsbruck mit seiner
Standbilderschar schließlich von Alexander Colin aus Mecheln
(1566) vollendet worden; Colin ist der Meister weitaus der
größten Anzahl der Marmorreliefs am Sarkophage des Kaisers,
zierlicher und feiner, virtuos gearbeiteter Werke. Und früher
schon hatte Jakob Bruck das schöne Denkmal König Friedrichs J.
von Dänemark im Dome zu Schleswig entworfen. Dem war
dann in Mitteldeutschland das gewaltige Wettiner-Grabdenkmal
im Dome zu Freiberg (1888—1594) gefolgt, das allerdings
von Italienern vollendet wurde, und niederländische Künstler
hatten sich nicht minder in Schlesien und Mecklenburg ein—
gefunden. Vor allem aber waren niederländische Plastiker seit
Ende des 16. Jahrhunderts in Süddeutschland tätig; hier hat
Adriaen de Vries, nachdem er die Reiterstatue Rudolfs II. in
Prag geschaffen hatte, im Verein mit Hubert Gerhard die
prächtigen drei Bronzebrunnen Augsburgs, namentlich den
Herkulesbrunnen, hergestellt; und in München arbeitete Pieter
        <pb n="296" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 281

de Witte: von anderen Werken abgesehen rührt namentlich
das Grabdenkmal Kaiser Ludwig des Bayers in der Frauen—
kirche (1622) von ihm her.
An diese ruhmvollen Vorläufer schlossen sich nun die
Bildner an, die, von dem klassizistischen Hauche der nieder⸗
ländischen palladiesken Renaissance umfangen, ihre Tätigkeit
nach dem Norden des inneren Deutschlands und vornehmlich
nach der Mark Brandenburg verlegten. Hier, in Berlin, blühte
um 1656 Pieter Strong aus Amsterdam. Hier wurde ein
Jahrzehnt später Artus Sitte Hofbildhauer des Großen Kur⸗
fürsten. Hierher zogen Bosboom und, im letzten Lebensjahre
Friedrich Wilhelms (1687), Eggers und suchten die Dienste des⸗
selben Fürsten auf, dessen unsterbliches Monument nicht lange
nachher, auch er nicht fern den Einflüssen niederländischer Kunst,
Andreas Schlüter geschaffen hat.
Gegenüber diesen niederländischen Meistern hatte die hei⸗
mische Bildnerei des inneren Deutschlands nicht allzuviel zu
besagen. Wo der Bronzeguß noch blühte, wie namentlich an
seiner alten Stätte, in Nürnberg, da galt er doch vornehmlich
der Ausführung dekorativer Werke, wie deren in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts aus der Hand Georg Labenwolffs
eine ganze Anzahl hervorgegangen ist. Die Steinskulptur aber
erschöpfte sich der Hauptsache nach in der Herstellung teilweis
freilich äußerst prächtiger und bisweilen auch künstlerisch hoch⸗
stehender Grabdenkmäler. Da sind vor allem die fürstlichen
Grabmonumente im Chor der Stiftskirche zu Tübingen zu
nennen und in gewissem Sinne auch die elf Standbilder fürst⸗
licher Vorfahren, die Herzog Ludwig 1574 in der Stuttgarter
Stiftskirche errichten ließ, wie denn die schwäbische Bildnerei,
schon im 15. Jahrhundert hervorragend, noch bis ins 17. Jahr⸗
hundert hinein eine reiche Nachblüte zeitigte. Und auch am
Rhein und am Maine findet sich aus der späteren Zeit der
Renaissance noch eine Anzahl trefflicher Grabdenkmäler, wie
auf dem Hunsrück die Kirche zu Simmerit eine prächtige Folge
houn Monumenten der Simmernschen Linie des pfalzaräflichen
Hauses bis zum Jahre 1598 aufweist.
        <pb n="297" />
        282 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Aber diese Denkmäler bedeuten trotz aller Feinheit der
Meißelführung und teilweis auch der Beobachtung keinen Fort⸗
schritt in der Bildnerei. Wesentlich den Einzelheiten der Wieder⸗
gabe des individuell Menschlichen zugewandt, bewältigen sie
diese Aufgaben gewiß mit der Feinheit etwa der zeichnenden
Bildnismalerei eines Cranach oder Bruyn: doch die größeren
und auch die freieren Aufgaben fielen den Niederländern zu.

3. Es sind Erfahrungen, die sich wiederholen, wenn wir
auf die Entwicklung der binnendeutschen Baukunst im ganzen
blicken; nur daß wir hier neben den Niederländern, deren Ein—
fluß, soweit er holländisch ist, vornehmlich im Norden, soweit
er vlämisch ist, vornehmlich am Rhein in Betracht kommt, im
Süden des Reiches auch noch die stärksten unmittelbaren Ein—
wirkungen der Italiener gewahren. Das Bild der binnen—
deutschen Architekturentwicklung im 16. und in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts wird dadurch sehr bunt; und nur jene
Gebiete Obersachsens und einiger anschließender Landschaften,
sowie auch teilweise Oberfrankens, für die sich schon früher
eine mehr selbständige Entfaltung feststellen ließ, bilden, und
auch sie nur einigermaßen, einen Ruhepunkt in der Flucht der
Erscheinungen.
Der Grund für diese zerfahrene Entwicklung liegt zunächst
in der Tatsache, daß die Gotik noch keineswegs gänzlich ab—
gestorben war. Gewiß hatte sich ihr innerliches, konstruktives
Prinzip ausgelebt. Aber ähnlich wie die Deutschen im 12. und
—
schen Stils verharrt waren, während sich die Nordfranzosen
der Durchbildung eines neuen konstruktiven Prinzips, eben des
gotischen, zuwandten, so blieben auch jetzt die deutschen Künstler
fast allenthalben in einer nur ornamentalen Weiterbildung der
Gotik befangen, ohne deren konstruktive Grundlagen aufzugeben,
soweit sie der Vertikale angehörten. Ja diese Grundlagen
wurden wo möglich noch erbreitert und übertrieben. Die Folge
war, daß der Geist des neuen, antikischen Stils, der ein
        <pb n="298" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 283

Flächenstil war, mit dem alten Gerüststil der Gotik un—
vereinbar blieb, und daß es nur zu schwankenden und schwäch⸗
lichen dekorativen Kompromissen kommen konnte oder zum
rabikalen Einbruch des Fremden, mochte es nun von Italien
her geboten werden oder von den Niederlanden.
Zu diesem tiefsten Grunde einer gebrochenen Entwicklung
kamen aber noch weitere Anlässe, die eine reiche Entfaltung
selbst des Unvollkommenen ausschlossen. Da war zunächst das
15. Jahrhundert an architektonischen Schöpfungen besonders
reich gewesen. Wie außerordentlich hatte doch damals auf den
Bausinn jene steigende Seelennot der Gläubigen gewirkt, die
sich nur durch große Stiftungen Beruhigung schaffen zu können
vermeinte! Wohin man daher im Beginn des 16. Jahr⸗
hunderts blickte, fand man für die kirchlichen Bedürfnisse aufs
reichlichste gesorgt: kaum daß hier und da noch an die Gründung
größerer Kirchen gedacht werden konnte. So kam es, daß der
Renaissancegrundriß der katholischen Kirche, wie ihn Leon
Battista Alberti ausgebildet hatte, erst durch die Jesuiten, und
auch durch sie erst im Jahre 1582 (gelegentlich des Baues der
Michaelskirche in München), nach Deutschland gebracht wurde.
Was aber den protestantischen Kult betraf, so benutzte dieser
zunächst die alten Gebäude und blieb sogar für deren innere
Umgestaltung zu Predigtkirchen in seinem Sinne noch weit über
die Zeit der eigentlichen Renaissance hinaus unsicher; in der
Durchbildung der Fassade aber machte ihm bei Neubauten
namentlich die Westfront solche Schwierigkeiten, daß er bis⸗
weilen in volle Abhängigkeit von der Architektur des Privat⸗
hauses geriet. Aber auch auf dem weltlichen Gebiete, das für
bie Architektur seit dem 16. Jahrhundert immer mehr in den
Vordergrund trat, wurden kaum Regeln begründet, die zu festen
Bautypen geführt hätten. So entwickelte sich z. B. selbst für das
bürgerliche Haus fast keine bestimmte Bauweise, und mindestens
wichen die etwa durchgebildeten Regeln in den einzelnen Städten
und Gegenden so sehr voneinander ab, daß keiner der vielen
allenfalls in Entwicklung begriffenen Typen in häufigerer Aus⸗
fuͤhrung zu vollendeter Durchbildung gelangte. Noch weniger
        <pb n="299" />
        284 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

wurden aber für die großen öffentlichen Bauten klare und
ständige Gewohnheiten gewonnen. Den Rathäusern blieb wohl
der Gedanke eines großen Festsaales gemeinsam, aber von einer
—D
Und für die Schlösser ergab sich wohl gegenüber all der Un—
regelmäßigkeit des mittelalterlichen Burgenbaues das Prinzip
eines Baues in geschlossenen Höfen mit inneren Arkadenreihen
und Spindeltreppen in den Hofecken, allein der Hauptsache
nach folgerichtig wurde es doch nur in den Gebieten der ober—
sächsischen Renaissance durchgeführt. Was hier wie sonst fehlte,
das läßt sich in den Worten „monumentaler Bausinn“ zu—
sammenfassen. Dieser Sinn, einst Eigentum des 183. und
14. Jahrhunderts, war in den virtuosen Künsteleien des 15. Jahr⸗
hunderts zugrunde gegangen: denn damals galt es als höchster
Triumph, jegliche Fläche mit jeglicher Architektur zu jeglichem
Zwecke bedecken zu können. So war man ins Dekorative ge⸗
raten: dies wurde darum aus der neuen, von Italien heran⸗
flutenden Bewegung vor allem aufgenommen, während die An⸗
eignung des inneren Wesens des neuen Stils unterblieb, da
es eben aus monumentalem Bausinn hervorgegangen war.
So war klar, daß, was an großen Bauten entstand, mit
wenigen zerstreuten Ausnahmen und im wesentlichen abgesehen
von der anders verlaufenden Bewegung in Obersachsen und
Oberfranken, seinen konstruktiven Teilen nach weniger durch
die Tiefe innerer Entwicklung als durch äußere Einflüsse be—
stimmt sein mußte.
Diese fremden Einflüsse aber, der italienische, der vlämische,
der holländische, wirkten nun nicht immer in der gleichen Weise.
Sie konnten zunächst unmittelbar, in Bauten fremder Meister
auftreten. Sie konnten aber auch durch Aneignung der fremden
Kunst seitens deutscher Schüler vermittelt sein. Dabei war
der Unterschied freilich nicht ganz so groß, wie dies auf den
ersten Augenblick scheinen möchte. Die fremden Künstler unter⸗
lagen, wenn sie auf deutschem Boden arbeiteten, doch auch
deutschem Einfluß; und die Niederländer, deren Einwirkung
die wichtigere war, gehörten ja im weiteren Sinne noch der
        <pb n="300" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 288

Nation an. So läßt sich eigentlich nur bei den Bauten
spezifisch italienischen Charakters der Unterschied zwischen fremden
und heimischen Meistern als im höheren Grade wesentlich fest—
stellen.
Der Weg, auf dem die italienischen Architekten eindrangen,
war ein doppelter. Einmal die altbekannten deutschen Handels⸗
straßen entlang, vornehmlich über Augsburg, wo eine Anzahl
früher Bauten wohl unmittelbar auf oberitalienische, besonders
venezianische Meister zurückgeht. In diesem Zusammenhange
haben wohl auch Antonelli und Sigismund Walch, zwei Bau⸗
meister aus der Schule von Mantua, seit 13836 zu Landshut
das Schloß der Landshuter Linie der Herzöge von Bayern
gebaut. Dann aber kam eine zweite, ungleich mächtigere
Einfallsrichtung in Betracht: sie führte über Spital, Graz,
Wien, Melk bis in die deutsch⸗slawischen Gegenden Mittel⸗ und
Norddeutschlands. War das deutsche Land bis Spital und
Graz, ja auch bis zur Donau ein altes Gebiet italienischer
Einflüsse, so ist es doch bemerkenswert, wie rasch die italienische
Architektur auf den alten Slawengebieten Böhmens und seiner
Nachbarländer Fuß faßte: noch immer gestattete hier, wie einst
im Mittelalter, die geringe eigene Kultur dem fremden Einfluß
alsbald eine besonders weite Verbreitung. So erschienen 1536
Giovanni Maria Paduano und Paolo della Stella, Schüler
Sansovinos, am Hofe König Ferdinands in Prag; della Stella
hat hier das Belvedere im Schloßgarten erbaut, während
Paduano nach Sachsen weiterzog; das schöne Portal der ehe⸗
maligen Schloßkapelle zu Dresden, jetzt am Judenhof aufgestellt,
ist sein Werk. Etwa ein Jahrzehnt später findet sich ein Mai⸗
länder, Jacopo Parr, als Architekt in Schlesien; er hat das
Schloß der Herzöge zu Brieg gebaut. Ende der fünfziger
Jahre sind dann Italiener auch am Schloßbau zu Wismar be—
schäftigt worden, und Berlin, anfangs der Schauplatz der
Renaissancetätigkeit des deutschen Baumeisters Theiß, ist bis
ingz drille Viertel des 17. Jahrhunderts hinein wenigstens teil⸗
weise unter dem Einflusse italienischer Architektur geblieben.
Aber diese von Italienern unmittelbar geschaffenen Werke
        <pb n="301" />
        286 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

haben auf die deutsche Entwicklung nicht besonders stark ein—
gewirkt. Und mit den Jahren der Hochrenaissance hörte im
allgemeinen auch die Zuwanderung selbst auf; soweit italienischer
Einfluß noch ferner bemerkbar blieb, ward er durch deutsche
Baumeister vermittelt. Das Verbreitungsgebiet aber der Kunst,
die aus diesem Zusammenhange hervorging, war zunächst natur—
gemäß Süddeutschland und hier wieder vor allem Hsterreich
und der Kreis der alten, mit Italien in Verbindung stehenden
Reichsstädte: sie haben in einheimischer Umwandlung nicht bloß
die Geschichte der italienischen Renaissance, sondern zum guten
Teil auch noch die des italienischen Barocks mitdurchgelebt.
Dabei blieben einzelne Teile Österreichs, so die wichtigsten
Städte von Südtirol, von Kärnten, selbst Graz noch teilweis
und auch Salzburg dieser Kunst besonders stark angeschlossen,
da ihre Bevölkerung noch zum Teil unter italienischen Raum—
bedürfnissen lebt: Schutz gegen die Sonne bedingt hier starke
Tiefenausnutzung der bebauten Fläche und darum Lichthöfe,
Arkaden und flache Dächer. Führen doch sogar die Stadt—
anlagen in diesem Gebiete schon mehrfach zum italienischen
Brauche über; so hat namentlich Salzburg bereits die charakte—
ristische Nebenordnung kleinerer, architektonisch geschlossener
Plätze nach südlichem Muster.
Weniger zusammenhängend, aber doch noch den Charakter
des Stadtbildes mitbestimmend trat der mittelbare italienische
Einfluß in den Reichsstädten auf; von größeren Bauten kommen
hier die Front des alten Rathauses (jetzt Börse) zu Straßburg
von Daniel Specklin (seit 1682), der Spießhof zu Basel (um
1600) und das Augsburger Rathaus mit seinem berühmten
Saale von Elias Holl (f7 1636), sowie der Hauptflügel des
Nürnberger Rathauses von Eucharius Karl Holzschuher (1618
bis 1619) in Betracht. An Kirchenbauten war die ganze Be—
wegung arm; am würdigsten werden sie noch durch die Hofkirche
zu Innsbruck (15533—51563) und St. Michael zu München
(1582 1597) vertreten.
Lebendiger indes als diese Bauten und vielfach an sich
auch kräftiger durchgeführt waren die Schöpfungen im inneren
        <pb n="302" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. J 287

Deutschland, welche niederländischem Einfluß ihre Durchführung
derbanken, mochte der Baumeister nun nur der Bildung nach
oder auch von Geburt den Niederlanden angehören.
Ganz im Vordergrunde stand hier anfangs die vlämische
Einwirkung. Man kann sie in zwei Richtungen verfolgen, deren
eine durch die Natur vorgeschrieben war: den Rhein hinauf,
und deren andere durch die größten geschichtlichen Zusammen—
hänge aus Hansezeiten her bedingt war: hin durch Norddeutsch⸗
land bis zur Ostsee. Der Weg rheinaufwärts wird, von kleineren
Deunkmalern abgesehen, vor allem durch die Vorhalle des Rat⸗
hauses in Köln und den Ottheinrichsbau des Heidelberger
Schlosses bezeichnet. Von ihnen ist der Ottheinrichsbau, in den
Jahren 1556— 1563 entstanden, mit seiner Freude an üppig
spielender Dekoration, in die freilich hier und da italienische
Erinnerungen einfließen, mit seinem reichen Statuenschmuck und
mit seiner flotten, einheitlichen Wirkung ein Denkmal wesentlich
plämischen Charakters: heute, da der spätere Bau des Winter⸗
königs zerstört und die wunderbaren Gartenanlagen Salomons
de Caus mit ihren Terrassen, Brunnen, Grotten, Labyrinthen
verschwunden sind, die hehrste Erinnerung an die einstige Pracht.
Die Vorhalle des Kölner Rathauses, 16691578 von dem
Koölner Meister Wilhelm Wernicke erbaut, kann in ihrer staunens⸗
werten Eurhythmie und ihrer in sich abgeschlossenen Vollendung
wohl als das schönste Denkmal deutscher Renaissancearchitektur
überhaupt gelten. Im übrigen machte der vlämische Einfluß
rheinaufwärts nicht in Heidelberg Halt. Wie in der Plastik
so ist er auch in der Baukunst weiter nach Süden, bis nach
München hin vorgedrungen. Gewiß macht sich hier im Grund⸗
riß der Residenz, in den axialen Beziehungen der einzelnen
Bauteile zueinander italienischer Charakter geltend, allein
daneben kommt in den Bauten Reiffenstuels und Pieter de
Wittes niederländische Auffassung zur Geltung.
Und fast noch stärker, wenn auch nicht in gleich vollendeten
Bauten, verzweigte sich die vlämische Kunst nach Osten. Hier
gehört ihr eine Anzahl von Schloßbauten in Westfalen und in
den Wesergegenden an, vor allem das herrliche Schloß Horst
        <pb n="303" />
        288 — Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

bei Altenessen; hier findet sie sich wieder in dem Lettner des
Domes zu Hildesheim vom Jahre 1546, der den schönen
Mechelner Lettner zu St. Marien im Kapitol in Köln an
Ebenmaß und Reichtum noch übertrifft, und in dem großen
Portalbau der Universität Helmstedt; hier weisen in Schlesien
die wuchtigen Formen des Schloßportales zu Liegnitz und die
fazettierten Quadern des Einlaßtores im Schlosse zu Ols auf
sie hin; und hier zeigt sich ihr Charakter in Mecklenburg am
Bau des Fürstenhauses zu Wismar. In Danzig aber, nun
der großen Handelsrepublik des Ostens, wo Heinrich Holzapfel
von Köln 1531 das Gestühl im großen Saale des Artushofes
in vlämischem Stile schuf und Wilhelm van dem Blocke 1586
bis 1588 das Hohe Tor mit seinem reichen architektonischen
Schmucke versah, traf der vlämische Einfluß mit dem holländischen
zusammen, der inzwischen wie die skandinavischen Länder und
England so die deutsche Ost- und Nordseeküste zu erfüllen be—
gonnen hatte.

IV.

1. Ein Überblick über die innere Geschichte der Malerei
auf deutschem Boden während des Mittelalters ergibt ver⸗
hältnismäßig sehr einfache Entwicklungszüge!“. Wir lernen in
der Ornamentik etwa des ersten Jahrtausends unserer be—
glaubigten Geschichte eine Kunst kennen, die sich, bei allem
Raffinement ihrer teilweise sehr schwierigen Techniken, ästhetisch
dennoch mit einer rohen Wiedergabe nur der Umrisse der Er—
scheinungswelt begnügt, so daß schließlich, welchen Gegenstand
sie auch darstelle, sei es ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze,
dieser nur in den wesentlichen charakterisierenden Umrißteilen,
d. h. ornamental wiedergegeben erscheint. Im Laufe der fünf
Jahrhunderte des eigentlichen Mittelalters können wir dann

Dieser Abschnitt ist schon gedruckt in der Deutschen Rundschau,
Bd. 28, S. 244272 (1901). Im übrigen val. rückareifend Deutsche
Geschichte, Bdo. 42, S. 288 ff.
        <pb n="304" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 289

eine zunehmend genauere Wiedergabe des Umrisses verfolgen,
bis im Ausgang dieses Mittelalters der volle Realismus des
Konturs erreicht ist.
Inzwischen aber war schon ein zweites Element der äußeren
Erscheinungswelt in der Malerei künstlerisch ergriffen worden:
die Farbe. Hatte man sie noch bis ins 11. Jahrhundert nur
als kinen ornamentalen Wert gekannt, so daß die Umrisse von
Pferden blau, von Bäumen gelb, des Himmels golden, der
Erde rot ausgetuscht werden konnten, so stellte fich doch um
diese Zeit der Sinn für die natürlichen Farbenwerte ein und
hat seitdem, unter der Ausbildung besonderer Paletten für die
einzelnen Zeitalter, z. B. der Palette der einfachen Komplementär⸗
farben für das 14. und 15. Jahrhundert, bis ins 16. Jahr—
hundert stetig zugenommen.
Und schon kündigte sich gegen Schluß des Mittelalters in
der Malerei ein neues, drittes Element künstlerischer Aneignungs⸗
weise der Außenwelt an: das Licht: wir werden davon bald
genauer zu reden haben.
Sucht man nun die allgemeine Tendenz auf, welche diesem
Entwicklungsgange der Malerei zugrunde liegt, so kann man
sie in dem Bestreben finden, die Körperlichkeit der Außenwelt
mmer intensiver auf die Malfläche zu bannen. Nun ist diese
Fläche bekanntlich zweidimensional; einfacher Umriß und ein⸗
fache Farben, die sich in den beiden Dimensionen der Höhe und
Breite halten, waren ihr also nicht schwer einzuverleiben. Eine
weit schwierigere Aufgabe dagegen ergab sich, sobald es darauf
ankam, die dritte, die Tiefendimension, zur Anschauung zu
bringen. Zwei Mittel konnten hierfür in Anspruch genommen
werden, von denen aber nach Anwendung des ersten schließlich
doch nur das zweite völlig befriedigende Resultate zu ergeben
vermochte: eine genaue Reduktion des Größenmaßstabes der
Umrisse im Sinne der unserem Auge geläufigen Tiefen⸗
verjüngung und eine genügende Wiedergabe der mit der Zu—
nabme der Tiefendimension sich wandelnden Belichtung.
Nun ist klar, daß man der ersten Erscheinung noch inner—
halb des Gebietes einer erweiterten Umrißkunst gerecht werden
Lamprecht. Deutiche Geschichte. VI. 19
        <pb n="305" />
        290 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

konnte. So wurde denn dies Mittel schon früh ergriffen; seit
dem 183. Jahrhundert läßt sich deutlich bemerken, wie die Kunst
der Verkürzung verständnisvoll geübt, die Lehre der Linear⸗
perspektive praktisch gefunden und theoretisch verbreitet wird.
Zur ausreichenden Kenntnis der wichtigsten Handhaben auf
diesen Gebieten gelangte man freilich erst mit dem vollen
naturalistischen Erfassen des Konturs überhaupt, also im
15. Jahrhundert — in Italien liegen hier namentlich die Ver—
dienste des großen Architekten Brunelleschi sowie Albertis —,
und die volle Virtuosität in der Bewältigung schwierigster
Verkürzungs⸗ und Perspektivenprobleme war gar erst dem
18. Jahrhundert, dem Zeitalter des entwickelten Rokokos. vor⸗
behalten.
Inzwischen aber war man schon energisch dem zweiten,
fast noch wichtigeren Problem nachgegangen, das mit der Ver⸗
änderung der Belichtung entfernterer Gegenstände gegeben war.
Wie konnte man diese malerisch, zweidimensional zur Dar⸗
stellung bringen?
Das Problem enthielt in sich wiederum zwei für die Ge⸗—
samtlösung zunächst getrennt zu behandelnde Aufgaben: es
handelte sich um die Wiedergabe der Beleuchtung, welche
körperliche Gegenstände direkt erfahren, und um die Wiedergabe
der zwischen ihnen webenden freien Belichtung. Von ihnen
war die erste Aufgabe bei weitem leichter zu bewältigen, denn
hier half ganz anders deutlich als für die freie Belichtung ein
Element, das inzwischen in die Entwicklung frisch eingeschoben
worden war und von uns schon erwähnt worden ist: die natür—
liche Farbe.
Es ist klar, daß schon die bloße Ausfüllung der von den
Umrissen umschlossenen Räume durch diejenigen Farben, welche
der Färbung der umrissenen Gegenstände entsprachen, der Dar⸗
stellung für unsere Auffassung etwas ungleich mehr Körper—
haftes gibt, als die beste Umrißzeichnung dies zu tun vermag.
Und so kann als der erste Schritt auf dem Wege zur körper⸗
lichen Darstellung der Außenwelt außerhalb des perspektivischen
Zeichnens bis auf einen gewissen Grad schon das einfache Aus—⸗
        <pb n="306" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 291
tuschen gelten. Es war seit dem hohen Mittelalter völlig ent⸗
wickelt.
Doch fehlte diesen Tuschfarben noch zunächst jede Modellie—
rung. Es wurde also durch ihren Gebrauch im Grunde doch
nur das Flächenhafte hervorgehoben; das Körperhafte, Plastische
war noch immer der Ergänzung der Phantasie überlassen, wenn
diese auch durch die Lokalfarbe einen starken Anreiz zur
plastischen Auffassung erhielt. Dieser Anreiz wirkte nun weiter,
Iund eine wirkliche, wenn auch noch sehr rohe Modellierung
wurde versucht, indem man die in sich noch gleichmäßige Lokal⸗
farbe differenzierte, ihr weiße Töne zusetzte, ja sie wohl gar
bis ins reine Weiß übergehen ließ, da, wo der dargestellte
Gegenstand dem betrachtenden Auge näher war, ihr Schwarz
zumischte, wo das Gegenteil vorlag. So entstand eine
Modellierung einerseits von weißen, auch wohl grauen und
gelblichen Lichtern, gelegentlich im Sinne der modernen
Changeantstoffe auch von Lichtern in den Komplementärfarben,
und anderseits von dunklen, bis ins Tiefschwarze gehenden
Schatten. Es ist die Modellierung, die schon das ganze
15. Jahrhundert in steigender Vervollkommnung angewandt
hat, und deren sich noch Raffael und Michelangelo, Holbein
uͤnd Dürer, überhaupt die Adealisten der Renaissancemalerei
bedient haben.
Aber war hier nun bloß noch von Farbe die Rede? War
nicht mit der Modellierung, mochte sie selbst noch so roh sein,
alsbald das Problem der Bewältigung des Lichtes in Angriff
genommen? Kein Zweifel: indem man ins Weiße und in ver⸗
wandte Farben modellierte, setzte man Lichter auf, brachte man
die körperhaften Erscheinungen des Bildes unter Beleuchtung.
Und da mußte sich denn, bei intensiverer Betrachtung der
natürlich⸗ malerischen Phänomene, sehr bald ergeben, daß das
Licht nicht auf die Körper begrenzt sei, daß es sich auch zwischen
diefen, ein alles verbindendes Element, befinde, und daß mit—
hin auf seiner außerkörperlichen Gegenwart vor allem der
malerische Zusammenhang der Dinge beruhe.
Es waͤr eine Erkenntnis, die zur Aufnahme des Tones,
19*
        <pb n="307" />
        292 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

eines gemeinsamen goldigen oder silbrigen, klaren oder duftigen
Lichtcharakters für alle Farben eines Gemäldes führte. In
diesem Sinne ist der Ton, wenn auch unvollkommen, zunächst
von den Niederländern des 15. Jahrhunderts, vornweg von
den van Eycks, geschaffen worden; braungoldig, entsprechend
einer in der blämischen Landschaft auch heute nicht seltenen
Stimmung, und silbern⸗duftig, ja weißlich, ist er eine seit dem
landschaftlichen Teile des Genter Altarbildes häufige, wenn⸗
gleich nicht allgemein eingeführte Erscheinung. Vollendet ent⸗
ickelt aber wird der Ton nicht so sehr in den Niederlanden,
im Küstenland der Nordsee, wie an den Gestaden der Adria,
in Venedig. Hier verband der alternde Giovanni Bellini, wie
er auf den Schultern der Schule von Murano stand, die
Einzelpartien seiner Gemälde zuerst vollkommen durch eine dem
sonnigen Duft der Lagune nachgebildete hellgoldige Tönung,
und in seiner Weise fuhren Giorgione und Tizian wie fast alle
späteren Venezianer fort.
War aber damit schon der volle Zauber der belichteten
Luft in die Malerei eingeführt? War die Luft schon zur
Durchführung der Raumtiefe des Dargestellten ausgenutzt?
Offenbar nicht; sie war ja selbst bisher nicht als mit Tiefen⸗
dimension ausgestattet angesehen und demgemäß nachgeahmt
worden; wie ein feiner, über dem Gemälde lagernder, an dessen
Tiefenwirkung aber grundsätzlich unbeteiligter Schleier viel⸗
mehr, wie ein mechanisch verbindendes Pigment ward sie
empfunden.
In Wirklichkeit ist sie aber nicht so beschaffen. Vielmehr
besteht sie aus Luftschichten, die sich in die Tiefe hinein auf⸗
einanderfolgen, und deren jede nicht bloß direkt beleuchtet oder
beschattet, sondern außerdem mit den Widerscheinen angefüllt
ist, in denen das Licht von den begrenzenden farbigen Körpern
in den Raum hin ausstrahlt. Demgemäß wächst die Summe
dieser Widerscheine nach der Tiefe zu, und sie gibt daher der
Luft, je mehr diese der Tiefe angehört, um so mehr einen
besonderen farbigen Charakter, der sich aus dem Effekt aller
vorhandenen Widerscheine zusammensetzt.
        <pb n="308" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 293

Und für diesen Charakter sind nun zwei Möglichkeiten
denkbar. Nämlich entweder gehören die Luftschichten, die sich
in die Tiefe ausdehnen, einem geschlossenen Raume an, oder
sie erstrecken sich in die ungemessenen Weiten des Himmels.
Im letzteren Falle sind sie ganz von den, je weiter die Aus⸗
dehnung sich erstreckt, um so mehr summierten Reflexen der in
der Luft suspendierten Nebeltroͤpfchen erfüllt und erscheinen
darum, je tiefer und gesättigter, um so blauer. Es ist der
einfachere, schon sehr früh von den Malern beobachtete Fall;
eine primitive Luftperspektive hat ihm mindestens seit dem
15. Jahrhundert gerecht zu werden gesucht, ohne daß es doch
bis zum Ausgange der uAltniederländischen Malerei wie bis
zum Verfall der großen binnendeutschen Idealkunst der Re⸗
formationszeit (Holbein und Dürer) zu einer befriedigenden
Lösung des Problems gekommen wäre.
Daneben steht dann aber der auf den ersten Blick an⸗
scheinend verwickeltere Fall, daß die Luft die des geschlossenen
Raumes ist. In diesem Falle wird sie nach der Tiefe zu
dunkler und ist doch zugleich von den Lichtreflexen erfüllt, die,
von den Körpern ausgehend, in ihr sich kreuzen, und so ent—
steht ein geheimnisvolles Helldunkel, dessen volles Verständnis,
—0 Wahrnehmung schon eine sehr intensive
Betrachtung und ein malerisch besonders geschultes Auge voraus⸗
setzt. Dies alles selbst dann, wenn die Lichtquelle, von der die
Reflexe ausgehen, im Sinne der ganzen älteren Malerei vor
der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht als unendlich weit ent⸗
fernt, ihre einzelnen Strahlen mithin nicht als völlig parallel
einfallend angeschaut werden, sondern vielmehr im Sinne des
16. bis 18. Jahrhunderts als von einer nahen Lichtquelle aus⸗
gehend, somit als kegelförmig in irgendwelchem Winkel zu⸗
einander einfallend, und deshalb nur einseitia und grell be⸗
leuchtend erscheinen.
Die Ahnung dieses Helldunkels ist die letzte entwicklungs⸗
geschichtliche Tatsache der Malerei der deutschen Reformations⸗
zeit, sein genaueres Verständnis aber und seine geniale Wieder⸗
gabe die letzte genetische Tatsache der gleichzeitigen italienischen
        <pb n="309" />
        294 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Malerei gewesen. In Deutschland waren es Mathias Grüne—
wald, der Meister des Thomasaltares, Lukas Cranach in seiner
früheren Zeit und Hans Baldung, die in phantastischen Ver—
suchen auf die Entdeckung des Helldunkels ausgingen“; in
Italien eroberte Correggio (f 1534) in klarem Verständnis
wenigstens die wichtigsten Teile des neuen Gebietes.
In Correggios Bildern lebt die Erscheinungswelt in einem
vornehmlich durch Lasierung aufs feinste abgestuften Wechsel
von reflexreichen Schatten, die nur hier und da, in leisem Über—
gange vom Dunkeln zum Hellen, durch in weiser Komposition
berteilte Partien hellen, gelblichen, aber in sich wiederum nicht
oöllig schattenlosen, stark impastierten Lichtes unterbrochen sind,
eines Lichtes, das freilich nicht das der Natur schlechthin ist,
sondern auf einer vom Maler willkürlich gewählten Anordnung
von Lichtquellen zu beruhen pflegt, so daß vornehmlich infolge
dieser künstlichen Lichtführung ein Stil harmonisch beleuchteter
oder beschatteter Flächen, überhaupt ein idealer Wechsel des
Lichtes und des Schattens und eine künstliche Tiefe und Ver—
breitung des Helldunkels geschaffen wird?.
Es ist ein Verfahren, das die spätere italienische Malerei
dann zum Teil vergröbert und übertrieben hat; so gab z. B.
Caravaggio den Licht- und Schattenpartien seiner Gemälde nie
zuvor gesehene Kontraststärken, indem er das Licht in einem
einzigen Strahl von sehr hoch einfallen ließ und dadurch un—
gemein ausgedehnte und wirksame Schatten erzeugte, aus denen
die beleuchteten Partien fast aufdringlich hervortreten.
Sehen wir aber von den späteren Zeiten der italienischen
Malerei jetzt rückwärts auf die ersten Jahrzehnte des 16. Jahr—
hunderts, jene unendlich fruchtbare klassische Zeit der italieni—
schen Kunst, so finden wir damals in Italien drei Malweisen
nebeneinander in Gebrauch: einmal die Raffaels und Michel—⸗
angelos, die die Tiefenwirkung noch durch Belichtung und Be—

1Vergl. Deutsche Geschichte, Bd. V2, S. 208 ff.
ꝰ Das Prinzip ist schon deutlich erkannt von Mengs, Betrachtungen
über die drei großen Maler Raffael, Correggio, Tizian und die Alten.
Kap. III, 8 3.
        <pb n="310" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 295

schattung der Lokalfarben zu erreichen suchte, dann diejenige
der Venetianer, welche die Lokalfarbengruppen im Sinne Raffaels
und Michelangelos noch durch einen gemeinsamen Ton ver⸗
banden, und endlich die Correggios, der die Tiefenwirkungen
in der Behandlung des Helldunkels zu erreichen suchte.
Bezeichnend ist bei dieser Lage zweierlei: daß Correggio
nicht wichtigster Repräsentant seiner Zeit war oder wurde,
sondern vielmehr Raffael und Michelangelo dies auf lange
hinaus blieben, und daß weder von Correggio noch von sonst⸗
wem, auf die Dauer auch nicht von den Venetianern, aus dem
Staudpunkte sei es des Tones oder sei es des Helldunkels
heraus die Probleme der Luftperspektive gefördert worden sind.
Warum nicht? Weil der italienischen Malerei, wie sie von
statuarischen Anschauungen aus entwickelt war, auch in dieser
Höhezeit noch immer ein speziell plastischer Charakter erhalten
blieb. Zwar wurden Landschaften und Genrebilder, Bildnisse
und Sulleben oder Verwandtes nebenher gepflegt, aber das
Hauptinteresse blieb doch der Darstellung des menschlichen
Körpers in den engen Beziehungen einer heiligen oder ge⸗
schichtlichen Handlung zugewandt, — Vorgängen mithin, welche
—E Ausbau des Gemäldes erforderten.
Einer solchen Malerei war aber die Förderung der Luft⸗
perspektive ziemlich gleichgültig und die Kenntnis des Hell⸗
dunkels zumeist fast ebensowenig erwunscht wie die allzu
weitgehende Anwendung eines Tones; wessen sie bedurfte, das
fand sie bei Raffael und den Meistern verwandter Auffassungs⸗
weise aufs reichlichste vor: die isolierte Behandlung des
Korperlichen im Sinne plastischer Auffassung. Nicht umsonst
hat darum Mengs einmal von Raffael bemerkt: „Er trieb das
Licht jeder Farbe seiner vorderen Figuren bis auf das Weiße
Inb alle Schatten bis auf das Schwarze .. Daher gewöhnte
er sich, seine Bilder so in Licht und Schatten zu zeigen, als
wären sie alle nach Statuen schattiert.“
War dies die Lage, war die in erster Linie klassische
Malerei der Italiener statuarisch auf den Standpunkt bloßer
Modellierung in Weiß und Schwarz eingestellt, so versteht es
        <pb n="311" />
        296 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

sich, von wie großer Bedeutung dieser Zustand für die deutsche
und niederländische Malerei werden mußte, sobald mit dem
Übergewicht der allgemeinen, vornehmlich durch Italien ver⸗
mittelten Renaissancekultur die Meinung durchdrang, es sei nun
auch die italienische Malerei als Vorbild anzunehmen, und es
müsse nach ihrem ästhetischen Kanon geschaffen werden.
In diesem Zusammenhange war es selbstverständlich, daß
im inneren Deutschland die in frühem Aufblühen begriffene
Schule der Koloristen sehr bald verfiel und dagegen die mit
Raffael auf gleicher entwicklungsgeschichtlicher Stufe stehenden
Idealisten das Feld behaupteten, und daß in den Niederlanden
ebenfalls die alte, schon umfassend auf die Probleme der Be—
lichtung ausgehende Entwicklung des 15. Jahrhunderts ab⸗
gebrochen ward, ohne tiefere Spuren zu hinterlassen. An die
Stelle trat dort, nach Dürers Tode, eine letzte Periode der
dealistischen Richtung, freilich stark von Italien her beeinflußt
und in sich dem Verfall zugeneigt, und hier eine fast blinde und
beinahe ausnahmslose Verehrung der Italiener.
Im inneren Deutschland wird die Verfallsperiode des
Dürerschen Idealismus durch die sogenannten Kleinmeister be⸗
zeichnet, die Behams, Georg Pencz und andere. Der Führer
der Gruppe ist Bartel Beham; mit seiner ganz italienisierenden
Kreuzauffindung in der Munchener Pinakothek vom Jahre 1530
kann man den Sieg der neuen Richtung als entschieden ansehen.
Das Ergebnis ist eine äußerliche Nachahmung namentlich
Raffaels und Marcantons: saubere, glatte Ausdrucksweise bei
trockenem Einerlei der Linienführung; abnehmende Herrschaft
in der Charakteristik des Männlichen, üppige, ja laszive und
bei einer gewissen Schwerfälligkeit doppelt unangenehme Be—
onung der weiblichen Formen, in Summa: kalte Eleganz und
formale Schönheit.
Für die weitere Entwicklung der Malerei war damit das
Gegenteil alles Wünschenswerten erreicht; auch Meister, die
noch mit einiger Originalität begannen, die Versuche selb⸗
ständigen Kolorits machten oder wenigstens auf homogene
Dämpfung der Leuchtkraft ihrer Farben ausgingen, strandeten
        <pb n="312" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 297

nun schließlich doch in haltlosem Raffaelischen Manierismus und
damit auf der dem Fortschritt abgewandten Seite der Malerei.
Niemand zeigt das in der Entwicklung seiner Schaffenskraft
vielleicht klarer als Georg Pencz. Er ist der am meisten
italienische dieser Kleinmeister; dreimal mindestens war er in
Italien; die Einflüsse Raffaels, Marcantons, Giulio Romanos
und Scultoris, Giorgiones und Michelangelos spiegeln sich
nacheinander in seinen Schöpfungen ab, solange, bis er sich
schließlich gänzlich selbst verloren hatte und in schematischem
Manierismus unterging.
Pencz führt damit für das innere Deutschland aus dem
Kreise der Kleinmeister hinüber zu jener großen Anzahl voll—
kommen italisierter und barocker Meister, einem Stimmer, Bor—
berger, Christoph Schwarz, Hans von Aachen und deren Nach—
folgern, Meistern, deren Technik, wenigstens anfangs, keineswegs
gering war, die aber den von der nationalen Entwicklung ge⸗
wiesenen Weg gänzlich verlassen hatten und, wie sie zuerst die
Italiener nachahmten, so später die Niederländer nachgeahmt
haben, eine Schar bedauernswerter Kopisten.
Trotzdem haben sie aber das Leben der binnendeutschen
Malerei bis tief ins 18. Jahrhundert beherrscht, und nur
wenige Meister gab es neben ihnen, die wenigstens in der
Weise der alten deutschen Malerei weiter schufen, wie z. B.
J. Heinz (etwa 1565—1609), freilich auch sie, ohne die Ent—
wicklung zu fördern. Nur auf einem Gebiete erhielt sich
schließlich doch einigermaßen die alte Höhe, ja wurden sogar
noch einige selbständige Fortschritte gemacht: auf dem Gebiete
des Bildnisses. Nicht bloß der jüngere Cranach, ein Amberger,
ein Hans Brosamer, ein Bartel Bruyn haben hier bis über die
Mitte des 16. Jahrhunderts hinaus Gutes geschaffen; ihnen
folgten auch Generationen tüchtiger Porträtisten noch weit
hinweg über den Beginn des 18. Jahrhunderts.

2. Inzwischen aber war in den Niederlanden eine Ent—
wicklung angebahnt worden, welche nach anfänglichem Zaudern
        <pb n="313" />
        298 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

rasch den freiesten Zielen der Kunst zustrebte und eine Höhe
erreichte, die ihrer entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung nach
—D— deren
Charakter sich im ganzen umübertroffen erhalten hat bis etwa
zur Mitte des 19. Jahrhunderts.
Die Entwicklung der deutschen Tafelmalerei hatte um die
Wende des 14. und 15. Jahrhunderts am verheißungsreichsten
zu Köln und am Niederrhein eingesetzt. Aber schon nach dem
Meister des Kölner Dombildes, spätestens um die Mitte des
15. Jahrhunderts, hatte Köln die Führung verloren, war diese
auf die Niederlande übergegangen. Dann hat freilich die nieder⸗
rheinische Schule, von den niederländischen dauernd beeinflußt,
um die Wende des 15. Jahrhunderts und in den ersten Jahr—
zehnten des 16. Jahrhunderts noch eine glänzende Nachblüte
— DDDD———
sie damals allgemein eintraten, zeigten ihr leuchtendstes Abendrot
doch wieder in den Niederlanden, vor allem in den vlämischen
Gegenden, in Antwerpen.
Hier war, wie in Holland Lucas von Leiden (1492 bis
1533), Quentin Massijs (1460- 1531) der letzte große Meister.
Beide charakterisiert, und zwar Lucas sowohl in seinen kleinen
Bildern wie auch in dem großen Jüngsten Gericht zu Leiden,
gegenüber ihren Vorgängern ein besonders heller, frischer Ton,
den sie aus den Landschaften der alten Niederländer nun in
den Vordergrund ziehen, während allerdings Massijs den Hinter⸗
grund gern dunkler hält; es ist, als sollte damit durch ein
außeres Mittel die fehlende innere Jugendlichkeit ersetzt werden!.
Denn bei genauerem Eingehen auf die reiche Produktion
namentlich des Massijs zeigen sich doch alle Spuren einer
aushallenden Richtung: eine raffinierte Technik, die bis zu
atlasartigen Reflexen im Fleische geht und sich in kleinen
ünsten, z. B. in dem Experiment, Schleier über dem Nackten
zu malen, gefällt; eine virtuose Beherrschung der hergebrachten
Tradition des Figürlichen wie des Landschaftlichen und dennnoch,

Veral. Deutsche Geschichte, Bd. IV2, S. 2092.
        <pb n="314" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 299

bei aller Fähigkeit, jegliches im Charakter der einmal erreichten
Ausdrucksmittel zu malen, eine innere Leere, eine inhaltliche
Gemachtheit. So war es klar: auf dem alten Wege war im
Grunde nicht mehr weiter zu gelangen.
Aber gleichzeitig hatten die Italiener den neuen Pfad
intensiverer Wiedergabe der Körperlichkeit schon mit Erfolg be—
schritten! Und man lebte in den Jahrzehnten des unaufhalt⸗
samen Vordringens der südlichen Renaissance nach Zentraleuropa!
Da war denn keine Wahl: wollte man in den Niederlanden
vorwärts, so konnte man sich weder dem Einflusse der all⸗
gemeinen Kulturbedingungen noch der Wirkung der neuen Dar—
stellungsmittel der Italiener entziehen.
Freilich nicht auf einmal wurde beides aufgenommen. Bei
Lucas von Leiden finden sich wohl in späteren Jahren zu—
— —
Nackten überhaupt, italienische Architektur, aber den malerischen
Ausdrucksmitteln der Italiener ist der Meister gleichwohl
ferngeblieben. Hierauf ging, neben der Aufnahme der all⸗
gemeinen Renaissancekultur, erst eine etwas spätere Generation
niederländischer Maler seit etwa 18520 einigermaßen ein;
Gossaert (ca. 1470 1582) vornehmlich im Süden, im Norden
vor allem der kunstbegabte Utrechter Domherr Jan van Scorel
(1495- 1562). Von ihnen ist Gossaert der Liebenswürdigere;
er verläßt auch keineswegs schon ganz die niederländischen
Traditionen, macht im Gegenteil in einer später von ihm ein⸗
geschlagenen Richtung zu deren weiterer Entwicklung einige,
wenn auch schüchterne und verfrüht bleibende Schritte, drängt
das Zeichnerische der alten Schulen zurück, nähert sich durch
Vertreibung der scharfen Umrisse einem allgemeinen Ton und
erreicht diesen Eindruck fast noch mehr durch ungemein weiche
Führung des Pinsels!. Demgegenüber lehnt sich Scorel, ab—
gesehen von seinen Porträts, im allgemeinen enger an die
Italiener, vor allem Raffael an, freilich auch nicht, ohne in

1Man vergl. z. B. sein Bild „Lucas die Jungfrau mit dem Jesus—
kind malend“ im Haager Museum.
        <pb n="315" />
        300 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

der Darstellung des Nackten immer wieder Versuchen zur
Schattenmodellierung nachzugehen.
Nach diesen Meistern bezeichnet dann eine weitere Genera⸗
tion den vollen Sieg der Italiener: es sind Maler, die jetzt
ihre Ausbildung direkt in Italien erhalten, sich Schüler dieses
oder jenes großen Meisters jenseits der Berge rühmen und
mit tausend fremden Erinnerungen und voller akademischer
Haltung in die Heimat zurückkehren. So zunächst in den nörd⸗
lichen Niederlanden die Haarlemer Marten van Heemskerk
(14198 - 157 4), Hendrik Goltzius (1558 -1617) und Cornelis
Corneliszen (1562- 1638) und die Utrechter Abraham Bloe—
maert (18665 -1657), Gerard van Honthorst (7 1654), Cornelis
van Poelenburgh (f 1667) und andere.
Von ihnen sind die Haarlemer mehr von der idealistischen
Malerei der Italiener abhängig, während die Utrechter mehr
bon Caravaggio und jenem merkwürdigen Maler deutscher
Nation in Rom, dem Frankfurter Elsheimer (1578 bis ca. 1620),
gelernt haben, der früh von den Niederländern an die Geheim—
aisse der Licht⸗ und Schattenbildung, der Halbschatten und des
Helldunkels herangeführt worden war, deren Bedeutung selb⸗
ständig erfaßt hatte und nun von sich aus wieder seine nieder⸗
deutschen Landsleute befruchtete. Aus diesen Zusammenhängen
erklärt es sich, wenn die Utrechter Schule später noch lange in
einer ziemlich selbständigen Weise neben den großen Schulen
Haarlems und Amsterdams, Halsens und Rembrandts fort—
blühte: sie hatte deren Errungenschaften, wenn auch unvoll-⸗
kommen, vorweggenommen.
Im allgemeinen aber wurde der italienische Einfluß in den
nördlichen Niederlanden längst nicht so ausschließlich wirksam
wie auf vlamischem Boden. Die Vlamen hatten vor dem
Norden bis ins letzte Viertel des 16. Jahrhunderts, also fast
während der ganzen uns hier zunächst beschäftigenden Periode,
den Vorteil einer ungleich großartiger entwickelten Kultur und
eines viel ausgeprägteren Stadtlebens voraus: schon das brachte
sie den allgemeinen Daseinsbedingungen der italienis chen Malerei
Jäher. Vor allem aber erfreuten sie sich des Glanzes einer seit
        <pb n="316" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 301

drei bis vier Generationen herrlich entwickelten Architektur, und
nur in großen geschlossenen Räumen konnte die Figurenmalerei
der Italiener völlige Nachahmung finden. So bahnen sich hier
schon die Unterschiede an, aus deren weiterer Entwicklung so
verschiedene Söhne ursprünglich fast gleichen Bodens, wie
Rubens und Rembrandt, hervorgegangen sind.
Im Vlamland war Antwerpen der Mittelpunkt der Ent⸗
wicklung. Und der Hauptmeister, von dem sie hier ausging,
war Michiel Coxcie (1499 - 1592) aus Mecheln. Nirgends lernt
man Coxcie besser kennen als in den dämmerigen Schiffen der
Brüsseler Hauptkirche zu St. Gudula. Für dies Gotteshaus
sind von ihm die Kartons zu den Glasmalereien des nörd⸗
lichen Querschiffs und der Sakramentskapelle, angeblich in Ge⸗
meinschaft mit seinem alten Lehrer Barend van Orley (f 1541),
entworfen worden: in meisterhafter Anwendung des italienischen
großen Freskostiles auf die anders geartete und doch in der
gotischen Kirche das Fresko ersetzende Technik des Glasmalens.
In den Bahnen Coxcies, teilweise von Raffael und Michelangelo,
teilweise von den Venetianern, seltener von Correggio beeinflußt,
sind dann weiter Jan Massijs, ein Sohn Quentins, Frans
Floris (ca. 1317-1570) mit der außerordentlichen Zahl seiner
Schüler, z. B. den beiden Brüdern Vrancken, Frans Pourbus
dem Älteren und Martin de Vos, sowie eine ganze Anzahl
anderer Maler gewandelt. Ihr Verdienst ist es, was auch
immer die Italiener von neuen technischen Errungenschaften und
ästhetischen Anschauungen erreicht hatten, nach den Niederlanden
gebracht und in selbständigem Ringen erprobt und angeeignet
zu haben. Sie haben damit eine Rezeption vollzogen, deren
die alte niederländische Malerei vielleicht bedurfte. Mit wunder⸗
barer Folgerichtigkeit aus den alsbald in außerordentlicher
Weise vollendeten Anfängen der Gebrüderx/ van Eyck durch ein
Jahrhundert bis auf Quentin Massijs fortentwickelt, war sie
iu Technik wie Auffassung so einseitig geworden, daß man von
der schmalen Grundlage ihrer Kunstübung aus das Erreichen
weiterer, wesentlicher Fortschritte kaum noch zu erwarten schien.
Jetzt nun war diese Grundlage durch Aufnahme der italienischen
        <pb n="317" />
        302 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Erfahrungen verbreitert; sie trug die Keime neuen Aufschwungs
in sich, sobald man sich aus der Nachahmung der Vorgänger,
der akademischen Manier, wiederum der Natur zuzuwenden
lernte, ohne doch der künstlerischen Vergangenheit zu vergessen.
Und da ist es denn einer der Ruhmestitel der niederländischen
Geschichte, daß diese glückliche Kombination die rechten Männer
fand: wir stehen vor den Anfängen der vlamischen Kunst eines
Rubens, der holländischen eines Rembrandt.
Otto van Veen und Adam van Noort waren die Lehrer
des jungen Peter Paul Rubens, der 1577 in Siegen geboren
wurde, und dessen Mutter, durch die niederländischen Religions⸗
unruhen aus Antwerpen vertrieben, im Jahre 1589 nach der
Vaterstadt heimgekehrt war.
Von diesen Lehrern war van Noort (15662-1641) zwar
aus der akademischen Richtung hervorgegangen, hatte sich aber,
einem Zuge der Gegenwirkung folgend, der auch schon in den
früheren Generationen der vlamischen Maler hier und da
bemerkbar ist, bald einem entschiedenen, aber rohen Naturalismus
hingegeben. Hier war also die Befreiung von den akademischen
Fesseln der italienischen Renaissance gewaltsam vollzogen worden.
Van Veen dagegen (1558- 1629), der zweite Lehrer des
jungen Rubens, kann als einer der korrektesten Akademiker be⸗
zeichnet werden, deren Fuß je auf niederländischem Boden
gewandelt ist; sieht man in der Kapelle des heiligen Bavo zu
Gent seine Malereien neben denen seines großen Schülers, so
können sie auf vlamischem Boden beinahe fremdartig, als
italienische Originalarbeiten erscheinen.
In dem freudigen, repräsentativen und doch wieder der
Natur sich intensiv nähernden Temperamente von Rubens aber
durchdrangen sich die Lehren der beiden Niederländer auf der
Grundlage eines unversieglichen Farbenfrohsinns mit unmittel—
baren italienischen Einflüssen. Noch nicht dreiundzwanzigiährig,
im Jahre 1600, ging Rubens nach dem Lande der großen
monumentalen Kunst; reif, in der Blüte des Schaffens und der
Jahre, kehrte er nach etwa neunjährigem Aufenthalt dauernd
in die Heimat zurück, in der er von da ab in steigendem Reich—
        <pb n="318" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 308

tum, weit gesucht und geachtet, als Diplomat seines Fürsten
ebenso tätig wie als Künstler, unendlich beschäftigt und un—
endlich fruchtbar, bis zu seinem Tode im Jahre 1640 gewirkt
hat. Was er aus Italien mitbrachte, das war vor allem die
freie Entwicklung des eingeborenen Sinnes für die große
Figurenmalerei; diesen Sinn hatte er durch eingehendes Studium
der antiken Plastik gekräftigt und veredelt; ihn malerisch voll⸗
endeter zu gestalten, hatte ihn weiter die Beschäftigung mit den
großen Figurenmalern der nächsten Vergangenheit, von Tizian
und Michelangelo bis auf Veronese, gelehrt. Diesen Malern
entnahm Rubens auch das Gesetz der Komposition, das von
nun ab seine Schöpfungen beherrschte; der alte, architektonischer
Anregung entsprungene Gruppenaufbau von zentraler, am
liebsten pyramidal gegebener und von vorn gesehener Anordnung
wurde abgelöst durch eine freiere Art des Zusammenfassens, die
dem dargestellten Gegenstand mehr von der Seite her nahe⸗
kommt, ihn bei aller Konzentration auseinanderzieht und an
Stelle des hergebrachten Statuarischen ein fließenderes dramati⸗
sches Leben setzt.
Es ist eine Auffassung, die ohne weiteres erhöhten kolo⸗
ristischen Wirkungen zudrängt. Und hier ging Rubens alsbald,
wenn auch unter ihrer Anleitung, über die Italiener hinaus:
der freudige goldige Ton der Venetianer, von denen er in
diesem Gebiete besonders lernte, ward von ihm übertroffen,
indem er durch flüssigeren Farbenauftrag und noch mehr durch
meisterhafte Anwendung der Lasuren einen heiteren, fast über—
irdischen Glanz, eine Farbenverklärung seiner Bilder erreichte,
die vor ihm niemals gesehen worden war.
Und hier nun war der Punkt, wo der Künstler durch seine
erstaunliche Beobachtungsgabe und sein intensives Lebens⸗
gefühl hinausgetragen ward über die Meisterschaft des bloßen
Gesamttons hinein in die Probleme der Belichtung. Nicht die
gleichmäßig verteilte Wohligkeit irgendwelches gemeinsamen
Farbenmediums erschien ihm noch als das Ideal künstlerischer
Farben⸗ und Körperharmonie im Bilde, sondern vielmehr der
wechselnde, hervorhebende, zurückdrängende Erguß reinen Lichtes.
        <pb n="319" />
        304 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

So erschloß sich ihm das Problem zwar nicht der natürlichen
Lichtführung, wie es seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
die Freilichtmalerei verfolgt hat, wohl aber das der künstlichen,
dealischen Beleuchtung, und indem er es wenigstens für die
Figurenmalerei auf eine bestimmte Weise löste, fand er den
Zugang zu den Pforten eines neuen Zeitalters der Kunst.
Das Licht der Rubensschen Bilder ist nicht das natürliche
der für unser Anschauen parallelen, alldurchdringenden Sonnen⸗
sttrahlen, sondern das meist in Streukegel ausgehende Strahlen⸗
licht nahe gedachter Lichtquellen. Derartige Quellen scheint
Ruͤbens vielfach außerhalb des Bildes und dann gelegentlich
— —— haben; am einfachsten
aber löste sich ihm wohl das Lichtproblem, wenn er die Quelle
der Belichtung ins Bild selbst verlegte. Sie konnte dann
konzentriert sein, so wenn in einem Dreikönigsbilde der Körper
des Jesuskindes in der Krippe selbst als einzige oder wenigstens
hauptsächlichste Lichtquelle angenommen erscheint. Sie konnte
aber auch verteilt in mannigfachen Strömen den dargestellten
Gegenständen, namentlich den nackten Körpern des Bildes, ent⸗
liehen, wobei deren sekundäre Beleuchtung von außen, sei es
hon vorn, sei es namentlich von der Seite her, angenommen
wird. Dies ist die Rubens besonders geläufige Lösung: in ihr
erscheinen die Lichter der Hauptmassen seiner Bilder gleichsam
wie in magischem Lichte lebend und verbreiten von sich aus
dies Licht in das nachbarliche Dunkel.
Es war ein Verfahren, das natürlich in ganz anderem
Sinne als die bloße Tonmalerei den festen Umriß der Körper,
das Zeichnerische der früheren Malweise aufhob. Und so ging
denn die Intimität des Nachlebens der bloßen Form, wie man
sie bisher gekannt hatte, verloren; nicht die konturenhaften
Sinzelheiten, sondern das Körperhafte der Gegenstände, den
Masseneffekt zu bewältigen, war nun die Aufgabe. Indem

Man vergl. hierzu schon Winckelmann, Erläuterungen d. Ged.,
Z 48. Auch Menas hat schon das Geheimnis der Rubensschen Belichtung
Xläutert.
        <pb n="320" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 305

Rubens der erste war, der aus der tieferen Erkenntnis der
Beschattung und Belichtung heraus danach rang, dieses Prob⸗
lems Herr zu werden, ward er zum Maler der großen Gegen⸗
sätze des Körperlichen, ward er leidenschaftlich, dramatisch, ließ
er an Stelle des ruhigen Rhythmus der Umrisse das Pathos
des Helldunkels, der belichteten und beschatteten Körper sprechen,
hob er das Plastische auf zugunsten des Malerischen.
Es war zugleich der letzte Schritt zur vollen Emanzipation
der Malerei aus den Stilgesetzen der Architektur, und bald
genug hat die Malerei dann ihrerseits der Architektur etwas
von ihrem Empfindungskreis und damit auch von ihrem Stile
aufgedrängt. Freilich ist mit alledem keineswegs gesagt, daß
die neue Malexei die Architektur hätte missen können. Im
Gegenteil: in ihrem flutenden dramatischen Leben war sie recht
—DDDDD00—— Umrahmung an—⸗
gewiesen. Nirgends in unseren Museen, die ja der ursprüng⸗
lichen tektonischen Umgebung der Bilder fast durchweg ent—
behren, wird man daher Rubens recht verstehen lernen, — an
ihrem ursprünglichen Standort, am besten im Innern der zahl⸗
reichen Kirchen, für die der Meister so unermüdlich geschaffen
hat, muß man seine Gemälde aufsuchen. Leuchten und leben
fie hier herab aus dem schweren Barockrahmen des Altars,
umspielt von dem Dämmerlicht alter Glasmalereien, steigt
Weihrauchduft vor ihnen empor, entfaltet sich der festliche
Pomp des katholischen Kultes, und brausen drüberher trium⸗
phierend die Töne eines mächtigen Orgelwerks, dann ist der
rechte Augenblick gekommen, um aus ihnen die Sprache eines
großen Künstlers in unvergeßlichen Lauten zu vernehmen.
Dem geistigen Gehalt seiner Bilder nach war Rubens vor
allem der Maler der Gegenreformation. Was die reorganisierte
alte Kirche Großes in sich barg, ihre Vergangenheit und ihre
Hoffnungen, das spricht sich in seinen Gemälden aus: weniger
frommes Gefühl der auch dem Katholizismus nicht fehlenden,
aber ihn nicht beherrschenden pietistischen Kreise als Triumph
objektiver Seligkeit und Beruf zur Herrschaft über die Geister.
Das Objektive, wie es der katholische Gottesdienst in seiner
Qamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 20
        <pb n="321" />
        306 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Messe gegenüber der Subjektivität der protestantischen Predigt
ausgebildet zeigt, das Objektive zugleich einer anderthalbtausend⸗
sährigen Kirchengeschichte mit ihren Martyrien und Heiligen⸗
geichichten — das hat Rubens gemalt.
Ins Ideale hinein werden seine Andachtsbilder damit
weniger durch eine besonders innige Auffassung des Inhalts
gehoben als durch die überirdischen Wirkungen der Beleuchtung.
Rubens zuerst hat, und vor allem in seinen religiösen Bildern,
gezeigt, daß das Licht ein Zauberer ist, der alles zu idealisieren
imd allces zu harmonisieren vermag. Da sehen wir auf den
Seitenflügeln des Altars des heiligen Ildefons zu Wien die
Gestalten des Erzherzogs Albert und der Erzherzogin Isabella
wie die ihrer heiligen Patrone. Es ist ein Gegenstand, bei
dessen Darstellung frühere Zeiten den Abstand zwischen den
fürstlichen Sündern und den Heiligen durch Wiedergabe, des
erzherzoglichen Paares in bei weitem kleinerem Maßstab aus⸗
gedrückt haben würden. Bei Rubens erscheinen die fürsilichen
Personen ganz in den Vordergrund gerückt, in den Vordergrund
der Anordnung wie der Beleuchtung. Und wohlwollend, in
gleicher Größe, als fromme Förderer stehen ihnen die heiligen
Patrone zur Seite. Dennoch wirkt die Auffassung nicht be—
fremdend: was sie uns nahe bringt, was sie in sich versöhnt,
das ist die gleichmäßige Idealisierung des ganzen Bildes in
demselben, harmonisch alle Teile der Szene erfüllenden Lichte.
nd nun gar die Mitteltafel dieses Altars! Die heilige
Jungfrau, von einem Kranze heiliger Frauen umgeben, über⸗
trahlt von gelblichem, durch Engel belebtem Lichte, reicht dem
heiligen Ildefons, der vor ihr kniet, ein Meßgewand. Himm⸗
lisches, Evangelisches, Legendarisches ist hier mit der sehr
wirklich und irdisch wesenhaft gestalteten Person des heiligen
Ildefons verknüpft, und die heiligen Frauen erscheinen, teil⸗
weise halb entblößten Busens, in der reichen Tracht des
17. Jahrhunderts. Gleichwohl empfindet man nicht die Wir⸗
kung innerer. Gegensätze, denn alles versöhnt und beherrscht die
eine übernatürliche Beleuchtung.
Bei einer solchen Auffassung der Religion war der Weg
        <pb n="322" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 307

aus dem Heiligenhimmel des Katholizismus zum Olymp der
Alten nicht weit: Rubens schuf seiner Kunst auch im Reiche
der klassifchen Mythologie eine Stätte, zumal er auch unter
unter dem Einflusse der literarischen Renaissance seiner Zeit
stand. Und weiter ging es von hier hinein in die Welt des
Allegorischen und des allegorisierten Historienbildes: Götter und
Herden, Helden und Heilige verschmolzen in den Gluten der
neuen Kunst zu einem einzigen Dasein.
So konnte Unterscheidung, Individualisierung, Charakteristik
nicht die starke Seite des Künstlers sein. Ein repräsentativer,
theatralischer, ja dekorativer Zug durchweht sie; die dargestellten
Personen sind stilisiert, sind wohl gar Typen, und oft genügt
für ihre Kennzeichnung ein sehr äußerliches Motiv; eine
Schattierung des Tones der Haut, ein Wechsel in der Farbe
des Haupthaares, einige einfachste Züge der Körperhaltung und
des Spiels der Gebärden. Im übrigen pflegen alle Greise Rubens
würdig, alle Männer ritterlich, alle Frauen klug, frisch, heiter,
ein wenig kokett und aus guter Gesellschaft zu sein, und nur
ungern unterbricht der Maler durch störende Zwischenzüge die
frohe Festeslaune seiner Belichtung. So nimmt Kaiser Theo⸗
dosius, dem der heilige Ambrosius den Eintritt in den Mai—
länder Dom weigert, das mit gutem Anstand hin, niemand
von dem Gefolge zeigt sich in außergewöhnlicher Erregung;
und Personen, die in rosigstem Gleichmut Tränen auf den
Wangen zeigen, fallen in Rubens' Bildern nicht weiter auf.
Vor allem aber ist klar, daß diese Kunst, so herrlich sie
war und wirkte, doch nach ihrer Auffassung und noch mehr
nach ihren ästhetischen und technischen Mitteln eigentlich auf
die Figurenmalerei beschränkt bleiben mußte.
In der Tat hat sie über diese wenig hinaus getragen.
Zwar besitzen wir Landschaften von Rubens, und sie geben an
kühner Lichtführung und hinreißendem Pathos seinen Figuren⸗
bildern wenig nach. Aber das Prinzip der künstlichen Be—
lichtung versagt hier; die Wirklichkeit ist nicht oder nur wenig
studiert, und so bleibt schließlich doch ein unbefriedigender
Eindruck.

20*
        <pb n="323" />
        308 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Was aber von Rubens gilt, das gilt auch fast durchaus
von der großen Zahl der Nachfolger, die seine Kunst auf
blämischem Boden mit ihm gleichzeitig oder nach ihm fort—
setzten. Denn selten hat ein Künstler so schulbildend aus dem
eigenen Genius wie aus der besonderen, in ihm verkörperten
Anlage seines Stammes heraus gewirkt wie Rubens: wie
anders frei halten sich doch gegenüber dieser Unselbständigkeit
der späteren Vlamen die Holländer, die neben und nach Rem⸗
hrandt gewirkt haben! Schon die Tatsache, daß Rubens eine
außerordentliche Zahl von Hilfsmalern in seiner Werkstatt be—
schäftigte, wirkte hier nach; dazu die Eigentümlichkeit, daß seine
besten Zeitgenossen mit ihm verwandter Anlage waren. Sie
haben darum Ton und Belichtung des Meisters in vereinfachten
Formen angewandt und weitergeführt und sind zunächst Figuren—
maler gewesen wie er: ein De Craeijer, dessen große Gemälde
die Kirchen Belgiens noch heute füllen; ein Jordaens mit seiner
Anlage für blühendes Kolorit und derbe Gegenstände, aus den
mythologischen Satyrdarstellungen, wie sie auch Rubens liebte,
heraus einer der ersten ausgesprochenen Pfleger des späteren
olämischen Sittenbilds; ferner ein Frans Snijders und Paul
de Vos, die großen Tiermaler, oder ein Zeeghers und Rombouts,
anderer nicht zu gedenken.
Besonders aus ihnen hervor ragt eigentlich nur ein
Meister, van Dijk (1599 — 1641). Er ist Rubens nicht eben⸗
bürtig, aber er hat bei im übrigen fast gleichen Grundlinien
der Technik und der ästhetischen Anschauung doch einige Eigen—
schaften, in denen er den Meister übertrifft. Er ist in seinen
großen Andachtsbildern und verwandten Figurenmalereien
ernster, geschlossener und eingehender. Und für die Bildnis—
malerei mag es wohl einen Geschmack geben, von dem
aus van Dijk höher eingeschätzt werden kann als Rubens. In
der Wiener Galerie hat man das feurige Bildnis der mehr als
halbnackten Helene Fourment, der zweiten Gemahlin Rubens',
zwischen zwei kühle, ruhige, fast kalte Jünglingsgestalten
van Dijks gehängt — eine der stärksten Aufforderungen zum
Nachsinnen über die Gegensätze der Kunst beider Meister.
        <pb n="324" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 309

Van Dijk besitzt nicht das übersprudelnde Temperament des
Rubens, dafür ist er aber ein besserer Menschenkenner. Seine
Charakteristik greift tiefer. Seine Palette liebt zahlreichere
Nuancen. Sein Sinn zieht vor allem das Vornehme, Zarte,
Feine bis zum gesellschaftlich Schalkhaften hervor. So war er
der Bildnismaler der guten Gesellschaft und in dieser wiederum
vornehmlich der Frauen. Ein Bildnis wie das der Ant⸗
werpnerin Maria Luise von Tassis zeigt fast alle seine Vor—
züge: wie sie dasteht in ihrer reichen Tracht von Sammet mit
durch Mieder und Rock hin eingesetzter Seide, mit dem wolkigen
Spitzenkragen und den Filigranmanschetten, ein wenig links
aus dem Bilde gewandt, den Fächer mit der Rechten leise vor
sich haltend, das geistvolle, zarte, von dunklen Augen belebte
Antlitz umrahmt von braunwelligem Haar, ges chlossenen Mundes
dennoch bereit, auf jedes Scherzwort scherzend zu antworten:
bietet ihr Porträt nicht nur eine herrliche Schöpfung voll⸗
endeter Technik, sondern zugleich einen unmittelbar wahren
Gesellschaftstypus des 17. Jahrhunderts. Aber freilich, auch
diesem Porträt fehlt nicht ein klein wenig von jener Stili—
sierung, die van Dijk wie auch Rubens als Bildnismaler nie⸗
mals vermissen lassen: die dargestellten Personen geben sich noch
nicht ganz unbewußt; noch weht über ihren Bildern ein letzter
Hauch der repräsentativen Monumentalität der Italiener.
Abgestreift wurde dieser Rest von Stilgefühl im Sinne
der Renaissance allerdings im vlämischen Sittenbild. Kann
man seine Anfänge bis auf Quentin Massijs, wenn nicht weiter
zurückführen, findet es sich dann schon in der nächsten Genera⸗
tion, z. B. bei dem jungeren Brueghel, derb⸗-phantastisch
entwickelt, so wird es ganz frei doch eigentlich erst bei den
jüngeren Zeitgenossen des Rubens, einem Jordaens, den
Rijckaerts, den Teniers und anderen. Aber indem es sich so
ganz auf sich stellt, unterliegt es wiederum bald dem hollän⸗
dischen Einfluß; deutlich bemerkbar ist dieser bei den beiden
Teniers, Vater und Sohn (1582- 1649 und 1610- 1690),
noch weniger läßt er sich bei Adrien Brouwer (ca. 1606
bis 1638) verkennen; auf diesem Gebiete schon wurde das
        <pb n="325" />
        310 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

olämische Können überholt von der in sich klareren und folge—
richtigeren Entwicklung Hollands.
Noch mehr gilt dies für die Landschaft. Hier stehen Jan
Wildens und Lukas van Uden trotz Rubens noch ganz auf
dem vorrubensschen Standpunkte, und die später lebenden
Meister, Jacques d'Arthois etwa (1618 bis nach 16883) oder
Cornelis Huysmans (1648 - 1727), bringen es zwar in großen
Landschaften zu geschlossenen Wirkungen, sind aber ganz italienisch
und ganz heroisch gestimmt; höchstens daß gelegentlich Baum—
wuchs und Bodenkonfiguration an den vlämischen Norden er—
innern. Was hilft es da, daß Rombouts als Landschafter
bisweilen an Rubens heranreicht, daß auch d'Arthois wohl
einmal etwas von der Lichtführung des großen Meisters auf⸗
weist, daß wir vom jüngeren Teniers echt vlämisch charakteri⸗—
sierte Landschaften in dem gelblichen Ton etwa eines Goijen
besitzen? Es waren Ausnahmen: da, wo es die heimische
Welt zu schildern galt, sei es in deren Sitten, sei es in dem
Grün ihrer Auen oder dem gelblichen Wasserton ihrer See, da
versagte die vlämische Kunst mehr, als man hätte erwarten
sollen.
Gerade auf diesem Gebiete aber lag die Stärke ihrer
jüngeren holländischen Schwester. Freilich ist damit der Unter—
schied der süd- und nordniederländischen Malerei auch nicht
entfernt schon in seiner ganzen Weite beschrieben. Denn selten
sind Zwillingsentwicklungen von im ganzen gemeinsamem Boden
aus so verschieden verlaufen wie die Malkunst Vlamlands und
Hollands: ihr beiderseitiges Dasein ist einer der glänzendsten
Belege für die Behauptung, daß sich aus gemeinsamen ent—⸗
wicklungsgeschichtlichen Voraussetzungen unter speziellen Ein—
flüssen Erscheinungen entwickeln können, deren Aussehen bei
oberflächlicher Betrachtung ganz voneinander abweicht. Ge—
meinsam war beiden Richtungen das ästhetische Niveau kunst—
geschichtlicher Entwicklung: beiderseits empfand und schaute
man in harmonisierendem Tone und strebte nach intimeren
Lichtwirkungen. Wesentlich gemeinsam waren ferner Volks—
charakter und äußere Lebensbedingungen, waren Land und
        <pb n="326" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 311
Leute. Aber daneben fanden sich doch trennende Momente von
größter Gewalt, und unter ihrem Einfluß wurden auch die
leineren Unterschiede stärker betont, die im Bereiche der beiden
Seiten gemeinsamen Grundlage verborgen lagen.
Vor allem war Vlamland ein Land viel älterer Kultur.
Eine heldenhafte Vergangenheit hatte reiche Erfahrung und
schwunghafte Ritterlichkeit erzeugt und damit den ursprünglich
derben Volkscharakter gemildert, ohne ihn zu brechen. So war
erquickende, auch äußerer Repräsentation nicht abgeneigte Lebens⸗
freude, die aber ihre wenn auch weitgezogenen Grenzen kannte,
ein wesentliches Element des vlämischen Charakters geworden.
Und mit ihr ging eine gewisse Lebenskunst, der Sinn für for—
male Schönheit, das Interesse am Spannenden, den Alltag
Erheiternden Hand in Hand. Und diese ganzen Neigungen
waren durch die jüngsten Ereignisse noch verstärkt worden:
durch den Sieg einer monarchisch⸗aristokratischen, dem Adel
Raum lassenden Staatsform, die seit etwa 1600 auf mehr als
eine Generation hin eine frohe Pracht entfaltete, sowie durch
das Übergewicht eines lebensfreudigen, prunkenden Katholi⸗
zismus.
Ganz anders in den nördlichen Niederlanden. In Holland,
dem wichtigsten ihrer westlichen Teile, der jetzt eben von Tag
zu Tag mehr der führende zu werden begann, wies nichts fast
n Leben und Sitte auf eine alte Vergangenheit; eine gewisse
sunge koloniale Nüchternheit charakterisierte die Bevölkerung,
und das Überwiegen verstandesmäßiger Betrachtung ward noch
verstärkt durch die Annahme des reformierten Glaubens und
die Entwicklung eines Staates, der die Herrschaft des bürger⸗
lichen, des rechnenden Standes bedeutete. So blieb das Leben
sehr real, sehr derb und sehr trocken, und nur durch einen
Humor der Vernunft, der Geschmacklosigkeiten nicht ausschloß,
ward es vergoldet. So darf man sich nicht wundern, daß
Henbrandt feinen geängsteten Ganymed geschaffen hat, daß
Wouwermann eine nicht geringe Anzahl stallender Pferde auf
seine Bilder brachte, und daß die vlämischen Bauernkirmessen
wa des jüngeren Teniers Muster von Wohlanständigkeit sind
        <pb n="327" />
        312 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

gegenüber den entsprechenden holländischen Schilderungen eines
Jan Steen und anderer.
Aber freilich: der holländische Realismus führte zugleich
zu einem viel intensiveren Verständnis des Lebens auch auf
ästhetischem Gebiete, als es die Vlamen errungen hatten. Alles,
was in den plämischen Bildern noch Phantasie, Stil oder
Konvention heißt, das trat in der holländischen Malerei zurück;
die Allegorie und der mythologische Stoff wurden erst gegen
Ende der Blütezeit wieder gepflegt; das Heiligenbild lag dem
protestantischen Lande von vornherein fern, und auch das
biblische Bild fand keine besondere Aufnahme; fast nur Rem—
brandt und dessen Nachfolger haben es gemalt, aber auch sie
nur in durchaus nationaler Auffassung, unter Nichtachtung der
kirchlichen Tradition und unter ausgesprochener Vorliebe für
Stoffe des Alten Testamentes. Und nicht minder wie jeder
Sinn für hergebrachten Stil fehlte der Sinn für formale
Schönheit. Dabei traf das nicht bloß für den Umriß zu, es
galt auch für die Farbe. Wie noch die heutigen holländischen
Volkstrachten bizarre Farben lieben, so stand dem Holländer
des 16. und 17. Jahrhunderts der Sinn von Natur auf das
Bunte, die Palette etwa eines sommerlichen Feldblumen—
straußes; noch die Blumenstücke sogar eines Saverij be—
weisen es. Aber dasselbe Volk, das so der ästhetischen
Schulung durch die Jahrhunderte, durch Sitte, Religion und
Kennerschaft entbehrte, sah mit dem ungetrübten, scharfen Auge
der Jugend und entdeckte in seinem Lande die Geheimnisse
eines neuen Realismus und einer natürlicheren, noch un—
gekannten Belichtung.
Noch heute studiert sich das holländische Volksleben un—
gleich leichter als das vlämische, denn es ist ungleich stärker
an Wind und Wetter und See und Fluß, an die Faktoren
öffentlicher Arbeit gebunden. Der Schiffer, der mit diesen
Kräften arbeitet, lebt auf der Gracht wie im freien Kanal wie
auch am Seestrand ein Leben vor aller Augen; er gleicht darin
dem Italiener, dem Bewohner südlicher Himmelsstriche über—
haupt, und so weckt er den Sinn fürs Malerische wie dieser.
        <pb n="328" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 313

Wer wäre wohl zum ersten und oft wiederholten Male gleich⸗
gültig an dem Verkehr eines holländischen Hafens, an den be—
wegten Bildern einer Fischhalle, an den Familienszenen der
Schifferwohnungen in den Schuiten vorübergegangen? Und
was sich hier von intimen Vorgängen unter freiem Himmel
abspielt, das wird von dem wunderbaren Rahmen der hollän⸗
dischen Städtebauten umschlossen, den stillen Grachten mit ihren
grünen Baumzeilen, mit ihren in hellem Teerbraun leuchtenden
Schiffen, den gewundenen Straßen mit ihren Häusern ungleich
hoher Stockwerke, ihrem Wechsel bunter Fensterläden und roten
Backsteins, der Plätze endlich mit der beherrschenden großen
Kirche, dem Rathaus und dem ewig summenden Marktgewühl.
Die tausend Anregungen aber, die hier auf das Auge
einstürmen, werden harmonisch gestaltet durch Luft und Licht.
Holland kennt in Stadt und Land nicht die südliche Glut der
Sonne, unter der die Luft erregt emporwallt; weit mehr als
im Vlamland, mit Ausnahme etwa weniger Teile im Nord—
osten, bleiben die Töne kühl und silbrig, die Stimmungen
zart und fein. So wird alle Aufdringlichkeit der Farben und
Formen gemildert und versöhnt; in dem geheimnisvollen Medium
eines dunstigen und doch klaren Helldunkels weben die Dinge,
wie zum ersten Male gleichsam geschaffen am frühen Morgen,
und fester und freudiger in den Stunden abendlicher Dämmerung.
So erzieht das Land an den atmosphärischen Vorgängen
selbst das Auge des Malers zum Aufnehmen harmonisierenden
Lichtes; bei aller Energie der Auffassung des Alltagslebens im
Siltenbild und in der Darstellung des Einzellebens wird er
sich immer in der Zucht der heimatlichen Luft fühlen, und wo
er das große Problem der Landschaft angreift, da wird seine
Heimat ihm tiefere Geheimnisse der Belichtung enthüllen als
dem Vlamen.
Das sind einige der wesentlichen Vorbedingungen, unter
denen die holländische Kunst des 16. Jahrhunderts erstand,
groß ward und in Rembrandt weit hinauswuchs über alle Er—
rungenschaften des Südens.
        <pb n="329" />
        314 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

3. Man kann es versuchen, in der Geschichte des großen
Zeitalters der holländischen Malerei zwei Perioden zu unter—
scheiden: eine solche mehr des derben, äußerlichen Realismus
und eine andere der realistischen Wiedergabe des feineren Seelen⸗
lebens, der Stimmung, der Selbstvertiefung, die dann aus sich
heraus zugleich eine idealisierende Strömung zu entwickeln im—
stande war. Die erste Periode würde die des Frans Hals
(ca. 1580 - 1666) sein, die zweite die Rembrandts (1606 1669);
die erste würde in Haarlem ihren Ausgangspunkt und ihren
hauptsächlichen Schauplatz finden, und es würde ihr insofern
ein gewisser Anschluß an die vlämische Malerei nicht fehlen,
als nach dem Falle Antwerpens (1585) gerade nach Haarlem
zahlreiche vlämische Auswanderer ihre Schritte gerichtet und
mannigfach in die bauliche und sonstige künstlerische Entwicklung
der Stadt eingegriffen haben; die zweite Periode aber würde
räumlich an Amsterdam anknüpfen, das dann Haarlem auf
holländischem Boden ebenso abgelöst haben würde, wie einst auf
olämischem Boden an Stelle des mittelalterlichen Gent Ant—
werpen, die stolze Stadt der Renaissance, getreten war.
Allein eine solche Einteilung, an sich für eine Betrachtung
aur der holländischen Malerei gewiß geeignet, würde doch dem
allgemeinen entwicklungsgeschichtlichen Zuge der gesamten nieder⸗
ländischen Malerei weniger gerecht werden. Von ihrem Stand⸗
punkt aus erscheinen auch die besten Holländer um Frans Hals
nur als auf dem Niveau der vlämischen Malerei angelangt,
und über dieses erhebt sich vollends erst Rembrandt.
Freilich hatten inzwischen die Holländer den Weg zu den
Problemen, welche Rubens löste, schon selbständig gefunden.
Schon bei Pieter Aertszen (15071572), wenn nicht früher,
sind die Anfänge einer ausgesprochenen harmonischen Farben⸗
stimmung wahrzunehmen; durch alle Farben, auch durch die
Schatten seiner Bilder geht ein bräunlicher Gesamtton und
hält die Lokaltöne zusammen. Weiter gehen dann diesen Weg
selbst auf dem schwierigen Gebiete des Porträts Aert Pietersen
(1550 - 1562)1 und noch mehr Nicolaus Elias (1590 — 1646),

1Man vogl. z. B. das Bild 1111 des Rijks-Museums zu Amsterdam.
        <pb n="330" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 315

vermutlich der Lehrer des Bartholomeuns van der Helst. Dicht
aber bis an die Pforte der Beleuchtungsprobleme Rembrandts
führt dessen Lehrer Pieter Lastman (1583 1638); er ist schon
gänzlich im Besitze aller vlämischen Errungenschaften und geht
darůber hinaus, indem er, namentlich in seinen späteren Bildern,
das Licht hoch von einer Seite, meist von links, einfallen läßt,
mit ihm nur den mittleren Teil der Darstellung scharf be—
leuchtet und alles übrige in Schatten, Halbschatten und reichstem
Tonwechsel zu halten pflegt. Selbstverständlich war bei diesen
Versuchen die alte Konturmalerei längst aufgegeben; selbst so
weit war man, wenigstens vereinzelt, bald vorgeschritten, daß
man die Farben nicht mehr vertrieb, sondern unvermittelt
Farbenklecks neben Farbenklecks setzte; Frans Hals hat in seinem
Alter sogar Porträts in dieser Art gemalt.
Aber alledem gegenüber blieb noch ein letzter großer Schritt
zu tun: das Licht, der Allbeherrscher unserer Farben- und
Körpereindrücke, mußte in seine vollen Rechte eingesetzt und
damit zum zentralen Vermittler der Eindrücke auf malerischem
Gebiete überhaupt gemacht werden. Diesen Schritt, freilich
nur von künstlich gedachten Lichtquellen, bestimmt reguliertem,
nicht frei flatterndem Lichte ausgehend, hat Rembrandt getan.
In seinen Bildern schwimmt das Licht gleichsam in der Luft
und heftet sich als etwas Wesenhaftes an alles Körperliche und
Farbige wie an die dunklen Tiefen des Hintergrunds, ein Geist
gleichsam, der über dem Chaos der Farben, Töne, Schatten
der Erscheinungswelt brütet, es lebendig umfaßt. durchdringt
und gliedert.
Rembrandt hat sich der Lösung der außerordentlichen, in
dieser Richtung gelegenen Probleme einer Stilisierung — und
damit zugleich Idealisierung — des Lichtes als des eigentlich
Wesenhaften der Erscheinungswelt nicht in dem Sinne der
Italiener und auch der Vlamen dadurch genähert, daß er von
vornherein breite und einfache Effekte zu gewinnen suchte: indem
die Maler der Welt des nackten menschlichen Körpers diesen
Weg eingeschlagen hatten, waren sie auf den Abweg einer Auf—⸗
fassung des Nackten als des mehr oder minder Selbstleuchtenden
        <pb n="331" />
        316 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

geraten. Er ging vielmehr von den einfachsten und intimsten
Wirkungen des unsicher flimmernden, tausend Reflexe bergenden
Lichtes auf gleichviel welche Gegenstände aus; und so werden
ihm diese Gegenstände an sich, für sein Hauptvorhaben, fast
gleichgültig, und in der bloßen Darstellung der von ihm be—
grenzten einfachen Lichtwirkung findet er sein Genüge.
Es war ein Verfahren, das ihn alsbald weit hinweg über
die Errungenschaften der Italiener und der Vlamen zur maleri⸗
schen Komposition ganz allein mit Rücksicht auf die Licht—
wirkung emporhob; vor dem neuen Prinzipe traten nicht bloß
die Umrisse, sondern auch die Farben zurück; rein aus den
Gegensätzen des Lichtes und Schattens heraus hatte der Auf—
bau des Bildes zu erfolgen; ja das Bild konnte bis zu dem
Grade in sie aufgehen, daß die Vermittlung der Farben und
auch der Umrisse überhaupt hinwegfiel. Geschah dies, so war
der Übergang vom Gemälde zur Radierung vollzogen; und es
kann zweifelhaft erscheinen, ob man diesem Vorgang ent—
sprechend als das vorzüglichste Mittel der bildlichen Darstellung
Rembrandts nicht so sehr die Olmalerei als vielmehr die Radier—
kunst zu betrachten habe. Jedenfalls ist Rembrandt der erste
große und der größte Meister vielleicht überhaupt der Radierung
gewesen, und erst hier ist er völlig schrankenlos aufgegangen
in die Poesie des von ihm gemeisterten Lichtes. Denn da
brachte er es zu Wirkungen, die sich jeder färbenden Kunst ent—
ziehen: indem er im vollen Lichte stehende, kaum anders als
leicht umschriebene Figuren einem voll und tief modellierten
Hintergrund, einem Schattenteil mit durchgearbeiteten Figuren
und detailliertester Umgebung entgegenstellte, erreichte er den
Eindruck des leuchtendsten Sonnenscheins, ja eines scheinbar
üherirdischen Lichtes.
Und frei durfte sich nun die dichterische Kraft des Künstlers
in die weiten Gefilde ergießen, welche die neue Technik er—
öffnete. Die Gestalten vieler Blätter der Rembrandtschen
Radierungen erscheinen als gleichsam nicht mehr von dieser
Welt; sie besitzen kaum noch ein Substrat gemeiner Wirklich—
keit, dessen Erinnerung die Einbildungskraft belastet; frei streben
        <pb n="332" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 317

sie empor auf Flügeln der Phantasie; und der darstellenden
Kunst öffnet sich jetzt nicht mehr vermöge des Charakters der
von ihr dargestellten Welt, sondern vielmehr nur kraft der
Mittel ihrer Darstellung der Himmel selber. Ein neuer Höhe—
—D—— erreicht, in dem Realismus und
Idealismus sich verschmelzen; in den folgenden zwei Jahr—⸗
hunderten ist er nicht überschritten worden; noch lange Zeiten
des 19. Jahrhunderts haben von Rembrandt gelernt und an
Rembrandt sich begeistert, und erst die Freilichtmalerei der Gegen⸗
wart bezeichnet entwicklungsgeschichtlich einen Schritt hinaus
über die Errungenschaften des Meisters.
Die holländische Kunst aber nahm, wenn auch in den ver⸗
schiedensten Modifikationen, auf, was Rembrandt erreicht hatte,
iund Rembrandts Bedeutung selbst ist im einzelnen nur zu ver⸗
stehen, wenn man seine Tätigkeit vollkommen einschreibt in den
Kreis des vor und nach ihm Geschaffenen.
Im Vordergrunde der Entwicklung steht da das Porträt,
sei es als Einzelbildnis, sei es als Gruppenbildnis im Verbande
der Familie, der Genossenschaft, der Gemeinde. Denn kein
Zeitalter ist bildnisfreudiger, keine Kunst bildnisfertiger ge⸗
wesen als die holländische des 16. und 17. Jahrhunderts; noch
weit über das frohe Hervorheben des persönlichen Wertes in
der italienischen Renaissance hinaus geht der unbewußte Stolz
dieser Generationen auf sich und das von ihnen, sei es in
Einzeltätigkeit, sei es in korporativem Zusammenwirken, Ge—
schaffne.
Und dieser Teil der Kunst ist zugleich fast ohne jeden Ab⸗
zug national und von fremden Einflüssen unabhängig. So
hat schon Jan van Scorel, der sonst so stark italienisierende
Meister, in seinen Bildnissen von Bittfahrern nach dem Heiligen
Lande eine prächtige Galerie individualistischer Köpfe geschaffen.
Freilich stectt er noch ganz in der zeichnenden Manier. Über
ihn hinaus geht dann, namentlich in seinen späteren Werken,
der Utrechter Antonis Mor (1512- 1581). Er malt mit
hreiterem Pinsel, vertreibt die Farben mehr, legt die Schatten
bisweilen in einem warmen Braun an und erreicht dadurch
        <pb n="333" />
        318 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

eine feinere Plastik der Züge. Einen ersten Höhepunkt be—
zeichnen dann die Porträts der Delfter und Haager Schule,
vor allem Mierevelds (15667 —1641) und Jan van Ravesteyns
(ca. 1375 1657); in ihnen ist der Ton schon fast ganz ge—
wonnen, vor allem aber ein besonderer Vorzug des holländischen
Porträts zum ersten Male völlig ausgeprägt: das unbewußte
Leben, die reine Selbstverständlichkeit des Sichgebens seitens
der Dargestellten.
Über die Delfter und Haager führt erst der Haarlemer
Frans Hals zu einer höheren Stufe; ja man kann zweifeln, ob
er, durch und durch und fast ausschließlich Bildnismaler, nicht
auf die absolute Höhe des holländischen Könnens auf diesem
Gebiete zu stellen ist. Die Porträts von Hals sind nicht mehr
in gezwungenen Stellungen komponiert, wie oft vor ihm; sie
leiden nicht mehr an Buntheit der Farbe: in beiderlei Hinsicht
atmen sie das volle Leben des Einfachen, Selbstverständlichen.
Und doch sind sie nicht Augenblicksbilder. Hals zuerst hat
ganz die schwere Kunst verstanden, Zeit und Nation, Charakter⸗
kern und ständige Haltung in den Gesichtszügen der dargestellten
Person auszuprägen; er ist der erste große historische Porträtist.
Gegenüber diesen ersten Interessen an der Person hat dann
Hals freilich alles andere, Körperfigur, Tracht, Hintergrund,
oftmals zurückgestellt. Den Kopf richtig wiederzugeben, wird
schließlich so sehr seine einzige Sorge, daß man sieht, wie es
ihn gelangweilt hat, sich noch mit etwas Weiterem zu befassen.
Dadurch erhalten seine späteren Arbeiten eine nicht selten
brutale Zielsicherheit unter Vernachlässigung des Details; man
versteht, daß sein Pinsel schließlich wenig gesucht war: in der
Armenpflege seiner Adoptivvaterstadt ist er gestorben.
Wie anders war das Schicksal seines wichtigsten Rivalen
unter den Zeitgenossen, des Bartholomeus van der Helst! Er
war der Liebling der vornehmen Welt Amsterdams, und reich
ist er im Jahre 1670 dahingegangen. Aber auch da, wo ihn
seine höchsten Leistungen bis in die Nähe der genialen Kraft
eines Hals zu tragen scheinen, bleibt er doch von einer ge—
suchten Eleganz im Porträt nicht bloß, sondern nicht minder
        <pb n="334" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 319

auch ein Maler von Samt und Seide, von Spitzenkragen
und prächtigen Kollern, und stets weiß er seinen Köpfen eine
neutrale Beleuchtung zu sichern, die ihnen etwas Befriedigendes,
aber noch mehr auch Gelecktes und gelegentlich Langweilendes
gibt. Freilich das alles im Vergleich mit den Porträts eines
Hals; an sich betrachtet wird van der Helst immer noch den
Namen eines der ersten Porträtisten seiner Zeit verdienen.
Neben Hals aber und neben van der Helst steht Rem⸗
hrandt. Er übertrifft sie an Intensität der Auffassung, an
Temperament, an künstlerischem Charakter. Indes indem er
auch das Porträt seiner idealisierenden Lichtführung unterwirft,
ist er nicht in dem Grade wie Hals unerbittlicher Wirklichkeits⸗
maler mehr; seine Bildnisse sind zugleich in besonderem Maße
Denkmäler seiner Phantasie, nicht bloß geschichtliche Monumente.
So ist er von nie erreichter Gewalt, wo er Stimmungen geben
kann, deren Ausdruck durch gleichmäßige Entschlossenheit der
zeichnerischen und malerischen Anlage, vor allem aber der Be—
lichtung erreicht werden kann. Nichts herrlicher in dieser Hin—
sicht als die reiche Reihe seiner Selbstbildnisse. Neben den
dauernden Formen des Antlitzes und den bleibenden Eigen⸗
schaften des Charakters tritt hier vor allem doch die feinste
Schattierung augenblicklicher Laune, Stimmung, Disposition
hervor: bald erscheint der Meister stillpbergnügt, bald aus—⸗
gelassen, bald sinnend oder beschäftigt, bald ernst oder von
grübelnder Melancholie. Es ist, als sähe man die Natur hin
durch den Wechsel der Jahreszeiten.
Aber freilich trat auch im 17. Jahrhundert und selbst in
Holland das Individuum noch nicht mit dem Subjektivismus der
Gegenwart, dem ausschließlichen Verlangen, an sich zu gelten,
hervor. Wurde es, von Rembrandt zur Darstellung gebracht,
dem Spiel einer ihrer selbst sicheren künstlerischen Einbildungs⸗
kraft unterworfen, so fand es sich in der Welt meist noch in
die Formen eines gesellschaftlichen Lebens eingeschrieben, dem
mittelalterliche Gebundenheit keineswegs schon völlig fernstand.
So überwog auch noch nicht das Bedürfnis des Einzelporträts.
Vielmehr sind Gruppenbildnisse das eigentlich Bezeichnende der
        <pb n="335" />
        320 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

holländischen Kunst auch noch des 17. Jahrhunderts. Auf
diesem Boden entstehen die berühmten Doelenstücke; breite
Porträtgruppen der Mitglieder militärischer, handwerklicher,
wohltätiger, auch wohl gelehrter Genossenschaften, wie sie noch
jetzt vielfach an den Orten hängen, für die sie gestiftet wurden,
in Schützenhäusern (Doelen)“, Zunftstuben, Hospitälern, oder
wenigstens am Orte und im Lande selbst in Museen geblieben
sind, so daß man sie auch heute noch, glücklich genug, nur in
Verbindung mit Land und Leuten verstehen und genießen kann.
In dieser Richtung liegen nun die bezeichnendsten Leistungen der
holländischen Porträtmalerei überhaupt, und der reiche Kranz
ihrer Schöpfungen zieht sich von der ersten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts hinüber bis in die Zeiten Halsens, van der Helsts
und Rembrandts.
Die Meister der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gaben
dem damals noch spezifisch mittelalterlichen Bedürfnis gemein—
samer Porträts genossenschaftlicher Verbände zunächst in ein—
fachster Weise Ausdruck, indem sie etwa, wie Jan van Scorel
in dem schon erwähnten Bilde der Jerusalemwallfahrer, Kopf
neben Kopf setzten. Waren die Leistungen dieser Art an sich
schon ausdrucksvoll genug, so ging man doch, vor allem in den
Schützenstücken, bald weiter. Man gab nicht bloß Köpfe,
sondern Ganz- und Halbfiguren, und man stellte diese Figuren
bald nicht mehr nach Art der heutigen Massenphotographien
nebeneinander, sondern man schuf zwischen ihnen eine lebendige
Beziehung.
So wurde es in Haarlem seit dem Bilde des Cornelis
van Haarlem vom Jahre 15883 Sitte, die Schützenbrüder bei
der Mahlzeit darzustellen; und über vierzig Jahre hat sich diese
Auffassung dort gehalten. Wir verdanken ihr die herrlichen
Bilder von Frans Hals (seit 1616), in denen das Porträt
zum Sittenbild erweitert ist, und aus denen dem Beschauer
noch heute, wenn er das Haarlemer Museum durchwandelt,
die Gesellschaft der Stadt aus den Jahren ihres höchsten Auf—

Doel heißt Ziel, dann abgeleitet Zielgraben, Schützengilde.
        <pb n="336" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 321

schwunges und frischesten Lebens leibend und lebend ent—
gegentritt.
Welch ein Gegensatz dieser Bilder zu der Mahlzeit der
Amsterdamer Sankt-⸗Jorisschützen vom Jahre 1648, dem Meister⸗
werke des Bartholomeus van der Helst! Dort viel Gemein—
gefühl, lustige Derbheit und die Wohligkeit der allerjovialsten
Laune, hier gemessene Haltung und eine etwas trockene Vor—
nehmheit des Pinsels, die vor allem dem Einzelbildnis zum
Rechte verhilft.
Mit der steigend patrizischen und darum immer vor—
nehmeren Haltung der Schützengesellschaften war es den Dar—
gestellten anscheinend bald nicht mehr fein genug, sich beim
lustigen Mahle schildern zu lassen; das Holland der Mitte des
17. Jahrhunderts wünschte neue Vorwürfe, die sich mit den
geänderten Gesellschaftsbegriffen vertrugen. So hat schon Jan
van Ravesteyn in seinen Doelenstücken aus den Jahren 1616
und 1618 die Haager Schützenoffiziere gemalt, wie sie nach
jährlichem Brauche vom Rate mit einem Becher Ehrenweins
empfangen werden; die Residenz ging mit der feineren Auf⸗
fassung voran.
Im Verlaufe der auf diese Weise freigewordenen Bahn
ist dann das berühmteste Doelenstück überhaupt entstanden, die
sogenannte Nachtwache Rembrandts, der Auszug der Amster—
damer Schützenkompanie des Hauptmanns Frans Banning Cock.
Durchschreitet man im Amsterdamer Reichsmuseum den Ein⸗
gang des ersten Stockwerks, so erhält man von dem in einen
Saal auslaufenden Hintergrunde her einen magischen Eindruck,
der unwiderstehlich anzieht. Es ist das aus dem Rahmen der
Nachtwache heraus brennende Fackellicht. Tritt man dem
großen Bilde näher, so sieht man in lebhafter Bewegung eine
Menge Fußvolks aus einem Portale hervorquellen und eine
Stufe hinabschreiten zur Ordnung und Sammlung: Schützen,
Trompeter, Fahnenträger, in der Mitte der Hauptmann, dem
Leutnant Befehle erteilend. Es ist ein durchaus dramatischer
Vorgang, der aus dem Persönlichen heraus ins Tyypische ge—
hoben ist durch das alles verklärende, gruppierende, Wichtiges
LKamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 21
        <pb n="337" />
        322 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

wunderbar hervorhebende Licht. Der Eindruck so vieler ver—
wirrender, lebendigst gegebener Einzelheiten bleibt deshalb trotz
alles Durcheinanders dennoch harmonisch und einheitlich, und
niemand, der ihn gehabt hat, wird ihn je vergessen.
Freilich, das Interesse am Porträt kommt bei dieser Auf⸗
fassung zu kurz; gesiegt hat die Historie. Es ist ein Wechsel,
der nicht im Sinne der Besteller gelegen haben mag; Rem⸗
brandt hat keinen Schützenauszug mehr gemalt.
Wie die Schützen hatten aber auch andere, mehr oder
minder geschlossene Kreise begonnen, sich in Gruppen malen zu
lassen: die Gildenvorsteher, besonders die der höheren Berufs—
arten, der Ärzte, Goldschmiede usw., die Spitzen städtischer
Behörden, die Regenten von Hospitälern, Stiftungen, selbst
von Frauenkollegien.
Es war eine Sitte, die auch den Vlamen nicht ganz fremd
war; ihre höchste Ausbildung aber erreichte sie doch bei weitem
in Holland. Und wieder war es neben Frans Hals Rem⸗
braudt, der dem volkstümlichem Brauche die höchste Weihe gab.
Seine Anatomie vom Jahre 1632, eine Demonstration des
Anatomieprofessors und Meisters der Amsterdamer Gilde der
Wundärzte Tulp am Leichnam vor den anderen sieben Vor—
stehern dieser Gilde, kann, obwohl noch ein Jugendwerk, als
das Meisterwerk aller dieser Stücke gelten. Die ständige
Schwierigkeit solcher Gemälde, das mechanische Neben⸗, nicht
Zueinander einer Anzahl von Porträts, ist hier ebensosehr
dermieden wie das Unangenehme des besonderen Stoffes.
Man bemerkt den Leichnam kaum, so wird man von den
lebhaften geistigen Beziehungen der acht Personen, des
sprechenden Lehrenden und der zuhörenden Lernenden, gefesselt.
Es ist ein Meisterstück, das von keinem der späteren zahlreichen
Stücke verwandter Art erreicht wurde, das auch kaum über—
troffen wird von der Behandlung eines anderen Types der
Regentenstücke durch Rembrandt selbst, durch die Staalmeesters
vom Jahre 1661. Denn hier hat Rembrandt die Aufgabe nicht
sittenbildlich und nicht historisch gefaßt, sondern ist, an sich
freilich meisterhafter Bildnismaler geblieben. Er rückt damit
        <pb n="338" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 323

für das Regentenstück im allgemeinen in eine Reihe mit Thomas
de Keijser, von dem namentlich die sogenannten „Bürgermeister
von Amsterdam“ im Haager Museum in diesen Zusammenhang
gehören, und mit Frans Hals, von dem das Haarlemer Museum
die herrlichsten Bilder auch dieses Types enthält, wie sie Hals
noch bis zu seinem achtundsiebzigsten Jahre, zuletzt freilich mit
unerhört breitem, ja zerfließendem Pinsel und demmoch höchst
charakteristisch, geschaffen hat.
In den Doelen- und den Regentenstücken hat das Bürger⸗
tum Hollands, die regierende Klasse, sich selbst verewigt: es
sind Historienbilder, nicht bloß Summen von Porträts, die zu
uns sprechen. Aber dem Leben der herrschenden Gesellschafts⸗
schicht gemäß sind sie doch zugleich auch Sittenbilder. Damit
wiederholt sich für die holländischen Porträtisten eine Er⸗
scheinung, die sich, wenn auch aus anderen Gründen, zugleich
auch in Spanien bei Velasquez, in Italien bei Giorgione und
Palma beobachten läßt: sie sind zugleich Genremaler; mit der
Entwicklung des Porträts hat auch das Sittenbild Fort⸗
schritte gemacht, und in Holland ist Frans Hals nicht bloß der
erste klafsische Bildnismaler, er ist nicht minder der Schöpfer
des klassischen Genrebildes gewesen.
Wenn man will, kann man freilich das Sittenbild auch
auf holländischem Boden schon viel weiter zurückdatieren; be—
reits Geertgen von St. Jans aus Haarlem und der sogenannte
Meister von 1480, der doch wohl ein Niederländer war, zeigen
Anfänge des Genrehaften, und eine erste Stufe der Vollendung
hat bereits Lucas von Leiden erreicht. Allein es handelt sich
da um Bilder, in denen das Sittenbildliche doch erst so zu
sagen unbewußt, der allgemeinen Neigung zur gegenständlichen
Darstellung entstammend, auftritt, in denen es mithin der
Regel nach noch Beiwerk irgendeines anderen, moralischen,
religiösen, historischen Bildinhaltes ist nicht aber um Genre—
bilder an sich, die gar nichts geben wollen als eben das Genre
selbst. Und von dieser Art sind auch noch die meisten Sitten⸗
bilder des 16. Jahrhunderts, wenn auch die Ausnahmen immer
häufiger werden; ja in diese Kategorie gehören auch noch die
21*
        <pb n="339" />
        324

Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Doelen- und Regentenstücke, insofern man sie als Sittenbilder
auffaßt.
Das eigentliche Sittenbild aber entsteht demgegenüber erst
dann, wenn irgendein Vorgang genrehaften Charakters an sich,
ohne weitere inhaltliche Zutat, für interessant genug gehalten
wird, um den Gegenstand eines Gemäldes zu bilden. Es kann
das von zwei Gesichtspunkten her geschehen. Einmal kann das
Malerische an sich fesseln, also ein ästhetisch-technisches Interesse
vorwalten. Es ist vorhanden, sobald neben dem Genrebild auch
Stilleben und Blumenmalerei auftreten; denn diese verdanken
ja eben fast ausschließlich einem solchen Interesse ihre Ent—
stehung; in Holland tritt dieser Zusammenhang im Laufe der
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf. Daneben aber muß
noch ein anderer, inhaltlicher Gesichtspunkt walten: das Genre⸗
leben muß an sich als würdiger Vorwurf der Malerei gelten.
Hierfür ist die mindeste Voraussetzung eine Gesellschaft, die
sich selbst gern im Bilde sieht, weit besser aber ein sozial ge—
teiltes Volkstum, dessen obere Schichten das Leben der unteren
Klassen fremdartig und somit unter starker Einwirkung auf die
Phantasie berührt. Beide Voraussetzungen trafen für das
Holland der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu, und wie
aus dem Dasein der ersteren die Doelen- und Regentenstücke
hervorgingen, so aus dem Eintritte der zweiten das häufig
genug karikierende Sittenbild der niederen Volksschichten: die
Kirmeß- und Kneipenszenen, die Dirnenbilder, die Darstellungen
von Quacksalbern und Wahrsagerinnen, die Bilder des Lebens
im Freien, des Krieges, der Hauderei, des straßenwärts be—
triebenen Handwerks.
Indem aber das Interesse an allen diesen Bildern zunächst
ein gegenständliches war, ja, vornehmlich bei dem Sittenbild
der feineren Gesellschaft, den Briefszenen, Tanzbildern, Gast—
mälern, wie sie neben das niedere Genre treten, durch Zu—
grundelegung irgendwelcher gegenseitiger Beziehungen der dar—
gestellten Personen ins Psychologische, Novellistische, Komanhafte
gesteigert ward, war die Genremalerei nicht eigentlich und in
erster Linie dazu geschaffen, entwicklungsgeschichtliche Fortschritte
        <pb n="340" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 325

zu zeitigen. Sie folgte vielmehr den von anderswoher kommenden
Anregungen: so haben die früheren Genremaler den Ton auf—⸗
genommen; und die späteren Meister des Sittenbildes, der
wunderbar kraftvolle Steen z. B. oder der wenigstens in seiner
Jugendzeit übertrieben charakterisierende Ostade, schufen mit
der ganzen Wucht der mittlerweile entwickelten künstlichen Be—
lichtung. Aber die mit dieser Belichtung gegebenen Probleme
zu weiterem Fortschritt haben sie nicht wesentlich gefördert.
Sieht man auch davon ab, daß für ihre Bilder, die meist
Innenräume darstellen, die künstliche Lichtfüuhrung von vorn—
herein nur schwer zu übertreffende Vorteile bot, so lag es in
der Richtung selbst mit ihrer Betonung des Gegenständlichen,
daß ihre Malerei ein möglichst leicht zu verstehender Dolmetsch
dieses Gegenständlichen, des Inhaltes, werden mußte. Und
hierfür empfahl sich kein Experimentieren mit neuen malerischen
Möglichkeiten, sondern die möglichst klare, glatte, ja geleckte
Anwendung des Bekannten. So nimmt denn die Genremalerei
einen Verlauf in dieser Richtung — man denke an die Bilder
eines Dou (16131675) oder Metsu (7 1667) —, und die
Weiterführung der großen malerischen Probleme blieb Sache
der Vertreter eines andern Zweiges der Malerei, der Landschaft.
Aus sehr einfachem Grunde aber drängte sich vor allem
hier das Unzulängliche der künstlichen Lichtführung auf: die
Landschaft führte ins Freie, in die ungebundenen und unlenk⸗
baren atmosphärischen Wirkungen des Lichtes; eine außer⸗
ordentliche Summe neuer Probleme stieg damit empor: an die
Stelle der Bewältigung des künstlichen hätte die Bewãltigung
des natürlichen Lichtes treten müssen. Ist sie den holländischen
Landschaftern gelungen?
Das spätere Mittelalter, ja im großen und ganzen auch die
Zeit der Renaissance hatten eine selbständige Landschaft überhaupt
noch nicht gekannt; ihnen bildete das Landschaftliche nur den
Hintergrund irgendwelcher figürlicher Szenen. Dementsprechend
hatte man sich bis ins 15. Jahrhundert hinein mit sehr
einfachen landschaftlichen Andeutungen fast symbolischer und
Anamentaler Natur beholfen: grotesken Felsen, stilisierten
        <pb n="341" />
        326 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Bäumen u. dgl. Die Tiefenwirkung als solche war dabei
noch gar nicht beachtet worden, es sei denn in schwachen Ver⸗
suchen, die wenigen landschaftlichen Requisiten kulissenartig
hintereinanderzuschieben; und noch nicht einmal so weit war
man in der Beobachtung gelangt, um zu erkennen, daß Gegen⸗
stände in der Ferne unserem Auge in minder scharf umrissenen
Konturen erscheinen. Dementsprechend verfuhr man in der
Wiedergabe der Umrisse scharf zeichnerisch: die Gegenstände des
Hintergrundes wurden so dargestellt, wie sie das Adlerauge er—
blicken mag oder sie etwa ein Fernrohr dem menschlichen Auge
darbietet; von einer Vertreibung der Linien war keine Rede,
selbst dann noch nicht, als man die Gesetze der Linearperspektive
kennen gelernt hatte und somit imstande war, den Hinter—
grund durch Konvergenz der Linien herauszuarbeiten; noch alle
Vlamen bis auf Jan Brueghel (15669- 1626) verfahren so,
und nicht minder die Holländer, ein Koninrxlo (7 1607) und
andere!, welche anscheinend die Malerei Oudewaters und seiner
Zeitgenossen durch Einführung vlämischen Einflusses verdrängt
haben; ja selbst Elsheimer steht noch auf dem Boden der Umriß⸗
malerei.

Wie sollten nun in einer Zeit, die sogar den Umriß der
Landschaft noch nicht bewältigt hatte, schon die Probleme der
Luftperspektive gelöst worden sein?
Im 15. Jahrhundert hatte man überhaupt erst, wenn auch
nebensächlich, die Landschaft malerisch als Ganzes zu betrachten
begonnen, indem man auf religiösen Bildern den Goldgrund
in seinen unteren Teilen durch eine Landschaft ersetzte, später
ihn auch nach oben zugunsten eines natürlichen Himmels weg⸗
fallen ließ. Die Landschaft, die auf solche Weise, als Er⸗
gänzung gleichsam des Figurenbildes im Vordergrunde, entstand,
wurde anfangs fast stets im Sinne eines Fernblickes aufgefaßt,
heiter, hell, ohne Mittelgrund, mit Vorliebe in einheitlichem,
jeder feineren Wirkung der Luftperspektive entzogenem Sonnen⸗

1 Vgl. Dresdener Galerie Nr. 857 (Koninxlo) und 1148 (der zum
Holländer gewordene Vlame Kerrincx, “* nach 1652).
        <pb n="342" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 327
glanz. So haben die Niederländer des 15. Jahrhunderts ge—
malt, so gelegentlich noch Lucas von Leiden, wie im inneren
Deutschland Dürer.
Aber früh, sehr deutlich z. B. bei Roger van der Weiden,
stellten sich doch schon leise Anfänge der Luftperspektive ein,
freilich sehr mechanisch, indem man die hinter einer gewissen
Linie liegenden Partien der Landschaft in blauen Nuancen
hielt. Völlig entwickelt, bis zur sattesten Färbung in dunklem
Altramarin, nicht selten mit einem Zug ins Grünliche, findet
sich dann dieses Blauen des Hintergrundes beim älteren
Brueghel!.
Von dieser Stufe aus ging darauf die Entwicklung, wohl
unter Beihilfe italienischer Einflüsse, von dem Augenblicke an
weiter, da sich die Lands chaft im Verlaufe des 16. Jahrhunderts
aus ihrer bloßen Ergänzungsstellung zum Figurenbild loslöste
und selbständiger Vorwurf der Malerei wurde. Jetzt entstand
die Notwendigkeit, ihr zu den schon vorhandenen zwei Gründen
einen eigenen Vordergrund landschaftlichen Charakters zu geben.
Indem das geschah, entwickelte sich das Schema der drei
Gründe: Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund, und indem
für die drei Teile die Töne Braun, Grün und Blau ständig
angewandt wurden, erschien das Problem der Luftperspektive
mit Hilfe der damals entwickelten Tonmalerei zwar noch sehr
roh, aber immerhin doch schon in einer bestimmten. konventio⸗
nellen Form gelöst.
Nach dem Schema der drei Gründe haben dann fast alle
Maler des 16. Jahrhunderts gemalt; noch Rubens hat es
nicht ganz überwunden, und in mannigfachen Abwandlungen?
hat es vielfach noch fortgedauert bis weit ins 18., ja hinein
bis ins 19. Jahrhundert.
Allein bei der braunen, grünen, blauen Tonmalerei der
drei Gründe konnte man nicht stehen bleiben. In der Zeit,

nber die binnendeutsche Entwicklung (bis auf Altd
Dentigeihetede f Altdorfer) vgl.
geren hat namentlich der jüngere Teniers (T 1690) versucht.
        <pb n="343" />
        328 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

da Rubens und Rembrandt über die bloße Harmonisierung der
Lokaltöne durch ein gemeinsames farbiges Medium hinweg zu
dem großen Problem wirklicher Belichtung vordrangen, mußte
sich auch in der Landschaft das gleiche Problem erheben. Frei—
lich im Süden, im Vlamland, ging man ihm, wie wir schon
wissen, wenig nach. Wie aber stand es im Norden?
Die niederländische Landschaft und namentlich die nieder—
ländische See hat vielleicht ihre reizvollsten Augenblicke dann,
wenn ein voller Sonnenglanz in tausend zarten Lichtern über
ihr webt. Die Maler des 15. Jahrhunderts haben das wohl
gewußt; eben diesen Moment haben sie mit ihren unvoll⸗
kommenen Mitteln festzuhalten gesucht. Die Landschaften der
großen holländischen Zeit dagegen bringen diese Stimmung nur
iußerst selten zur Darstellung, und wo sie es versuchen, da
mißlingt es, sie durchzuführen!. Warum? Sie fühlen sich
noch nicht im Besitze des Geheimnisses der Wiedergabe des
vollen natürlichen Lichtes.
Darum zeigt die Landschaft dieser Zeit selbst da, wo ihre
Konturen schon verschwimmen und das Schema der drei Gründe
weithin gelockert ist, doch der Regel nach bedeckten Himmel und
damit eine sehr einfache, oft recht willkürliche Lichtführung:
indem man den Himmel in unbestimmtem Lichte hält, wird ein
Surrogat des natürlichen Lichts für die unter ihm liegende
Landschaft möglich. Ja zumeist bleibt das Ganze überhaupt
in der Farbe und gelangt nicht zum Dasein im Licht, und
demgemäß ist die Tonmalerei weit verbreitet auch neben den
drei Grunden, deren etwa noch festgehaltene Farben dann neben
dem Gesamtton als weitverbreitete Lokalfarben erscheinen. So
hat v. d. Velde seinen grauen, Goijen seinen gelbbraunen, bis⸗
weilen grünlichen, Berchem seinen gelblichen, Everdingen seinen
Silberton gehabt. Poelenburg und seine Nachfolger arbeiteten

1 Man vgl. z. B. Frankfurt, Städelsches Institut, Nr. 320
v. d. Velde) und ähnlich Nr. 8202; daneben zum Vergleich a. a. O.
Nr. 255 (0. d. Neer); in Wien Galerie Liechtenstein Nr. 5815 (Sachtleven)
und, besonders interessant durch das Experiment der Abendstimmung, den
nicht numerierten Everdingen derselben Galerie.
        <pb n="344" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 329

gewöhnlich mit einem braunen Grundton; ein grüner Ton ist
charakteristisch für Ruisdael und seine Schule; und Rembrandt
endlich mit seinen Nachfolgern tauchte die Landschaft in dunkles
Goldgelb.
Am höchsten aber steht die holländische Landschaft noch da,
wo sie, unbekümmert um das natürliche Licht, auf der Höhe der
von Rembrandt für geschlossene Räume entwickelten Lichtführung
künstliche Belichtung auch für die Landschaft verwendet. Hier
liegen die Ruhmestitel Ruisdaels, der seine Landschaften so
oft, obwohl sie nicht in hellem Lichte erglänzen, doch innerlich
durchglüht und in ihren Wasserfällen alle Geheimnisse einer
idealen Lichtführung spielen läßt, hier die Verdienste Hobbemas,
dieses am meisten holländischen aller niederländischen Land⸗
schafter, der seine gelblichen Sommerabend- und Herbst⸗
stimmungen durch größere Gegensätze von Licht und Schatten
dramatisch zu beleben pflegt.
Indem aber so eine vollendete Tonmalerei bei stilisierter
Lichtführung die entwicklungsgeschichtlich höchste Stufe der
holländischen Landschaftskunst bleibt, war es klar, daß diese
Kunst, wenn irgendeine, zur idealen Steigerung der natürlichen
Landschaftswerte geschaffen war. Hier konnten all die Über⸗
raschungen einer künstlichen Belichtung angewendet, hier die
geheimen Truümpfe des Rembrandtschen Helldunkels ausgespielt
werden, und kam noch eine besondere Situation an sich, etwa
die der Mondscheinnacht, hinzu, so lag die Möglichkeit vor,
Vollendetes zu schaffen: welch unvergeßlichen Eindruck macht
z. B. die v. d. Neersche Mondlandschaft der Steengrachtschen
Sammlung!
Nun trug aber der holländische Charakter auf diesem Ge⸗
hiete vor allem in das Idyllische und Lyrische und damit in eben
jene Richtung der Empfindungen hinein, der die heimische Land⸗
schaft gerecht wurde. Deshalb gelang es, diesen Landschaften
fast stets etwas Ideales zu geben, und selbst die Marinen er—
hielten es, soweit nicht der heroische Charakter des Meeres in
Frage kam. Freilich behielten dabei auch die Meeresidyllen
hoch etwas Totes. Es gibt einen Augenblick, in dem die
        <pb n="345" />
        330 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Wogen der Nordsee von fast metallener Schwere und Dichtig⸗
keit zu sein scheinen, unmittelbar nach Sonnenuntergang; sie
ziehen dann wie flüssige Bronze daher; im Sinne dieser Auf⸗
fassung, aber die schweren Wogen unter Tageslicht gestellt,
haben die Idylliker nur zu oft das Meer gemalt, und ihre
Bilder zeigen dann etwas Undurchsichtiges, Lichtlos⸗Massives.
Über die Idyllik seiner Landsleute aber ragt einer empor:
Ruisdael. Auch er hat wohl gelegentlich das Heroische ins
Romantische, das Düstere ins Elegische gezogen, aber wo es
darauf ankam, stand ihm doch auch der Heldenton zur Ver⸗
fügung, und nie verlor er sich aus dem Erhabenen ins Mono⸗
tone. So hat er in seinem brandenden Haarlemer Meer bei
regendunkler Beleuchtung (Brüssel) die wilde Poesie der See,
in seinem Judenkirchhof (Dresden) den erhabenen Charakter
einer Ruinenwelt mit ergreifender Wahrheit zum Ausdruck ge—
bracht, und er hat es für richtig gehalten, bei solchen Absichten
bisweilen auch schon die Natur zu idealisieren, die Vedute zu
verlassen und einem persönlichen Stil zu folgen. Mit all
diesen Eigenschaften weist er, wenn auch entwicklungsgeschichtlich
in seiner Zeit stehend, doch über sein Jahrhundert hinaus in
die heroisch⸗idealistische Stimmungsmalerei späterer Zeiten.

4. Wir stehen am Schlusse des Entwicklungsganges
der großen niederländischen Kunst. In einfacher Stufenfolge
haben wir ihren Aufbau sich vollziehen sehen: von der noch
zeichnenden Malerei des Lokaltons schreitet sie fort zur all⸗
gemeinen Tonmalerei und von dieser zu den Problemen der
Belichtung. Aber an diesem Wege blühen tausend Blumen,
und spenden weitragende Bäume Jahrhunderte überdauernden
Schatten. Eine außerordentliche Fülle von Künstlern, von
denen viele hier nur gelegentlich und nur beispielsweise er—
wähnt worden sind, hat im Verlaufe dieser Entwicklung gewirkt,
und in dieser selbst ist das niederländische Volk mehr als je
ein deutscher Stamm zu einem Volke der bildenden Kunst ge—
worden.
        <pb n="346" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 331

So konnte der Verfall nicht allein technisch und ästhetisch,
durch Erschöpfung des Kunstprinzips, bedingt sein; er war
zugleich mit veranlaßt durch den Verfall der Vlamen und
Holländer selbst.
Gewiß führte die extreme Ausnutzung der neu gefundenen
Lichtwirkungen, ohne daß man doch den Weg zur Freilichtmalerei
 fand, zu einer unerhörten Breite des Pinsels, zuletzt
hier und da zu einer Klex⸗ und Fleckenmanier, die die Malerei
uͤnter der Voraussetzung künstlicher Belichtung zur Selbst⸗
auflösung brachte. Wenn aber die Vorwürfe der Großmalerei
hinwegfielen oder bombastischen, immerlich leeren Aufträgen
wichen, so war das nicht minder die Schuld einer verfallenden
Gefellfchaft. Im Vlamland hatte schon die Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts, nach kurzem Aufflackern einer künstlichen Erhebung,
die Konsequenzen des fremden, katholischen Regimentes ge⸗
bracht; im Norden ging die Republik in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts zurück; um 1720 war ihr Verfall ent⸗
schieden, und schon vor dem politischen Sturz sah man die
soziale Zersetzung: eine Geldaristokratie ohne Traditionen, ohne
nationalen Zug und soziales Gewissen stieg empor und unter⸗
warf, was noch von Kunst vorhanden war, ihrem Bedürfnis!.
Damit siegte der Salonton und, wenn es hoch kam, der
kennerhafte Eklektizismus. Der Salonton brachte dem Sitten⸗
bild noch eine kurze Todesblüte. Es ging nun ganz in Fein⸗
malerei auf; schon Dou hat an einem Besenstiel wie ein Finger
lang viele Tage gemalt; andere trieben es später noch pedan⸗
tisch-gewissenhafter. So kamen die geleckten kleinen Bildchen,
die nach Porzellanmalerei aussehen, auf, und in ihnen saßen,
gingen, ruhten kleine Persönchen in Sammet und Seide, schön
und sauber gemalt von Spezialisten in Küchenszenen und in
Salonszenen, in Bauernszenen und in Kuppelszenen und in was
sonst, sagten aber im Grunde niemandem etwas, sollten auch
nichts sagen, denn ihr Zweck war Dekoration der Wände.
Jener Eklektizismus aber, der es gut meinte, wirkte am

1 S. dazu oben S. 68 ff.
        <pb n="347" />
        332 J Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Ende fast noch verderblicher. Auch er wollte freilich zumeist
kleine Bilder, nicht aufregenden Inhalts, für den Salon, aber
er war doch auch größeren Aufträgen nicht grundsätzlich ab—
geneigt. Eines aber erstrebte er unter allen Umständen: Be—
friedigung seiner Kennerschaft, vor allem also raffinierteste
Technik. So wurden unter seinem Einfluß die Maler zu über—
aus feinen Handwerkern, die schließlich wie ihre Aufträge bei
hochmögenden Mijnheeren so ihre Seele bei Künstlern außer
Landes suchen mußten. Es war der Grund, warum sie, aus
anderen Motiven freilich als dereinst ihre Ahnen, von neuem
auf die Nachahmung der Italiener verfielen und damit dem
Geiste ihres Volkes verloren gingen.
Über dem Grabe aber der niederländischen Kunst erhob
sich für Vlamland und Holland drohend und siegreich der Ein—
fluß der Franzosen.

V

Wir stehen am Ausgange einer überaus wechselreichen und
von verworrenem Leben erfüllten Entwicklungsstufe der Phan—
tasietätigkeit unseres Volkes.
Zwei große Tatsachen vor allem sind es, deren Wirkung
in sie einschneidet und einen einfachen Verlauf von vornherein
ausschließt: die Einführung der antiken und italienischen Ele—
mente der Renaissance und die Trennung der Entwicklung in
eine binnendeutsche und eine niederländische.
Verfolgen wir die Wirkung der Renaissance in ihren all⸗
gemeinsten Zügen, so zeigt sich an erster Stelle, daß sie die—
jenigen Seiten der Entwicklung am wenigsten getroffen hat,
die recht eigentlich den graden Gang des Fortschritts bezeichnen.
Auf dem Gebiete der bildenden Künste kam es, nach dem Ver—
laufe der gesamten Entwicklung bis zum 16. Jahrhundert, im
17. Jahrhundert darauf an, daß die Herrschaft über das Licht
gewonnen ward; es war ein Ergebnis, das zuerst und am
reinsten in der Malerei gezeitigt wurde, in demjenigen Zweige
der bildenden Künste, dessen Wachsstum wohl vielfach von
        <pb n="348" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 333

Italien, sehr wenig aber unmittelbar oder auch nur in ent⸗
schieden deutlichen Vermittlungen von der Antike abgehangen
hat. In den darstellenden Künsten war es die Aufgabe, die
Wiedergabe derjenigen feinen Schattierungen unserer Em—
pfindungen zu erreichen, für deren Charakteristik das Wort zu
versagen schien: sie wurde in der Entwicklung der Musik ge⸗
wonnen, einer Kunst, die ebenfalls nur sehr mittelbar die
Antike unter die Voraussetzungen rechnen kann, denen sie den
Impuls zu ihrem Aufschwung im 16. Jahrhundert entnahm.
Und auf diesen beiden, für die Vorwärtsbewegung recht eigent—
lich charakteristischen Gebieten, dem der Musik und dem der
Malerei, finden wir auch allein einfache Verhältnisse und eine
unzweideutige Graͤdlinigkeit der Entwicklung.
Die beiden anderen großen Gebiete der Künste dagegen,
die Dichtung und die Architektur einschließlich der von ihr
immer abhängiger werdenden Plastik, zeigen um so weniger
Folgerichtigkeit der Entwicklung, je tiefer sie den Geist der
Renaissance in sich aufnehmen. In der Dichtung kann man
die binnendeutschen Vorgänge als von der Renaissance ziemlich
unabhängig betrachten, um so unabhängiger jedenfalls, je mehr
sie für die spätere Entwicklung Entscheidendes beigetragen haben:
hier kam es darum in Schwank und Schauspiel auch noch zu
Schritten, die niemals wieder zurückgetan worden sind und ein
festes Fundament des Künftigen gebildet haben. Brach diese
Entwicklung vorzeitig ab, so trug daran nicht sie an sich, sondern
vielmehr der allgemeine Verfall ihrer sozialen, bürgerlichen
Grundlage die Schuld. In den nördlichen Niederlanden da⸗—
gegen, wo die Dichtung, durch einen spätgeborenen Humanismus
befruchtet, in den Dramen Vondels und der mit ihm Strebenden
Autikes unmittelbar aufzunehmen und nachzuahmen suchte,
wurden zwar augenblickliche Erfolge erreicht, im Grunde aber
blieb man doch, was man aus eigener Entwicklung her war
zber eben zu werden sich anschickte; und das Überstürmen der
klassizistischen Zeit, an sich gewiß die Ursache manchen, nament⸗
lich formalen Fortschritts, rächte sich schließlich in einer be—
dauernswerten Unfruchtbarkeit der Epigonen.
        <pb n="349" />
        334 —— Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Am stärksten waren die verbundenen italienisch⸗klassischen
Einflüsse vielleicht in der Baukunst und im Kunstgewerbe wirk⸗
sam. Und hier wird man wohl sagen dürfen, daß sie im Kunst⸗
gewerbe mindestens nicht geschadet haben. Freilich bleibt da⸗
neben bestehen, daß die Kleinkunst, vielfach den schwankenden
Launen der Mode unterworfen, doch im ganzen nur Eintagscharakter
 hat und nur in Ausnahmefällen dazu berufen sein
kann, geschichtlich zu führen. Auf dem Gebiete der Baukunst
aber hat das fremde Wesen der Renaissance zweifelsohne im
höchsten Grade verwirrend gewirkt: trotz all der vielgerühmten
Deimlichkeit und Harmonie der deutschen Kunst dieser Zeit kam
es zu keinen wahrhaft großen, einheitlichen Schöpfungen, und
nur da, wo die Entwicklung der Gotik schon aus sich heraus
dem Raumsinne der Renaissance entgegengekommen war, oder
wo sie auf künstlerisches Neuland traf, hat die Baukunst der
Zeit wirklich Dauerndes und Charaktervolles geschaffen: in
Obersachsen, in Flandern und vor allem in Holland.
Faßt man den Eindruck all dieser Vorgänge zusammen,
so ergibt sich ein Bild, in dem man die besonders kräftigen
Zweige der modernen Phantasietätigkeit auch besonders früh
und energisch aus den verlaufenden Wassern der Renaissance
—R sieht, ohne daß sie in dem graden Wachstum
früherer Zeiten gestört worden wären, während die nach dem
Sinne des 16. und 17. Jahrhunderts im minderen Maße
modernen Kunstzweige noch lange unter den wogenden Fluten
fremder Einflüsse litten und erst spüt wieder ihre Entwicklung
im eingeborenen Sinne aufnahmen.
Es sind das vielleicht sogar in universalgeschichtlicher Hin⸗
sicht wichtige Beobachtungen. Denn wird man nach ihnen zu
der durchaus sicheren Überzeugung gelangen können, daß die
Renaissance für die Entwicklung der modernen Völker ein Ge⸗
winn war, insofern sich diese in sich charaktervoll zu vollziehen
hatte? Steht aber diese Überzeugung nicht völlig sicher, so
väre es in einem wichtigen Falle zweifelhaft, ob die welt—
geschichtliche Entwicklung in ihrer Aufeinanderfolge von Re—
Jaissancen und Endosmosen denn tatsächlich das brächte, was
        <pb n="350" />
        Die darstellenden und die bildenden Künste. 335

man so gern in ihr suchen möchte und gesucht hat: den Fort⸗
schritt. Indes haben wir denn ein Recht zu einem absoluten
Urteil über eine für unsere gewöhnliche Auffassung so einzig⸗
artige Entwicklung wie die der Renaissance? Und kann es,
selbst in dieser Begrenzung, allein aus den deutschen Verhält—
nissen gewonnen werden? Kann es weiterhin heute schon als
abschließend gelten, da doch die Bewegung selbst noch fort—
daucrt? Der Historiker hat nicht zu urteilen, sondern sich im
reinen Verständnisse zu bescheiden!.
Das zweite Moment, das die Entwicklung der nationalen
Phantasietätigkeit im 16. und 17. Jahrhundert so zerrissen er⸗
scheinen läßt, ist in der Gabelung des Stromes der deutschen
Kultur in zwei Kanäle begriffen, den binnendeutschen und den
niederländischen. Und die Schwierigkeit des Verständnisses
wächst hier noch durch den Umstand, daß diese Gabelung beiden
Seiten keineswegs gleiche Vorteile ließ, vielmehr den schwächeren,
der Nation allmählich abhandenkommenden Teil mit den größeren
Kräften ausstattete. Die Folge war ein zunehmend stärkeres Ein⸗
strömen von Kulturelementen von diesem kleineren Teil in den
größeren und daher zwischen beiden Teilen kein Verhältnis
ebenbürtiger Haltung. Da ist es denn um so bemerkenswerter,
daß bei einem allgemeinen Überblicke die Nachteile des inneren
Deutschlands gleichwohl nicht so überwiegen, wie man zunächst
zu denken versucht sein könnte. Gewiß herrschten die Nieder—
lande schließlich auf dem Gebiete der Malerei wie auch auf
dem der Architektur und der Plastik. Aber die bildenden Künste
hatten nicht so tiefen Einfluß auf das Leben wie die dar⸗
ftellenden. Und hier war das Bild ein anderes. Gewiß war
die niederländische Dichtung der ersten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts der binnendeutschen uͤberlegen. Aber sie hatte zugleich
Ane Richtung eingeschlagen, die sie vom Nationalen abführte;
und vor allem, was ihren Einfluß auf das innere Deutschland
betraf: sie bediente sich einer Sprache, die sich eben jetzt end—

Diese Worte sind im Jahre 1896 geschrieben und gelaugen hier un—
verändert zum Abdruck.
        <pb n="351" />
        336 Siebzehntes Buch. Viertes Kapitel.

gültig zur fremden Schriftsprache entwickelte. So fand hier
wohl noch ein Austausch auf dem Gebiete der dichterischen
Theorien statt, wie auch vereinzelt Nachahmung vorkam; im
ganzen aber ging das innere Deutschland seinen eigenen Weg,
der, nach langer Pilgerzeit, zu den dichterischen Höhen einer
neuen, subjektivistischen Zeit, des Zeitalters Schillers und Goethes
führte.
Noch ungünstiger für die Niederlande verlief die musika—
lische Entwicklung. Hier hatten die Vlamen im 15. Jahrhundert
und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Triumph
der Mensuralmusik herbeigeführt: aber eben indem sie Träger
dieser großen Entwicklung geworden waren und allzu lange
blieben, hatten sie sich untauglich gemacht, die Führung in den
folgenden Zeiten zu übernehmen. Vielmehr gewann hier das
innere Deutschland schon im 17. Jahrhundert unbestritten die
Palme: mitten aus dem Jammer des Dreißigjährigen Krieges
ertönen die Melodien eines Heinrich Schütz; und auf Schütz
folgten nach kaum einem Jahrhundert Bach und Händel.
So machte sich, trotz der ungeheuren Einwirkungen der
seit der Entdeckung Amerikas veränderten Weltlage zugunsten
der Niederlande, dennoch die eingeborene Kraft der großen
nationalen Entwicklung des Zentrums geltend: wie eine un—
zerstörbare, im tiefsten Schoße deutschen Wesens geborgene
Naturanlage wirkte sie; und sie hat schließlich gesiegt, wenn auch
nach harten Schicksalsschlägen und unter dem noch nicht wieder
ausgeglichenen Verluste der allzu rasch vorwärtsgeschrittenen
aiederländischen Provinzen.
Sind das aber alles Ergebnisse, die zu jener übertriebenen
Bewertung des Gewichts einzelner politischer Ereignisse für das
Gesamtschicksal einer Nation veranlassen können, die auch heute
noch vielfach im Schwange ist?
        <pb n="352" />
        Achtzehntes Buch.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI.

⸗*
        <pb n="353" />
        Erstes Kapitel.

Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißig—
jãhrigen Kriege.

Mit welcher Freude hat man nicht in Deutschland den
endlichen Abschluß des Dreißigjährigen Krieges begrüßt! Zwar
anfangs wollte man, gewitzigt durch häufige trügerische Friedens—
verhandlungen, an die frohe Votschaft vom Frieden vielerorten
gar nicht glauben. Als sich dann aber herausstellte, daß nun
endlich dennoch der Friede eine Wahrheit geworden war, da
waren es die Empfindungen etwa Paul Gerhards, die aller
Wohlgesinnten Brust durchzogen:
Gott Lob, nun ist erschollen
Das edle Fried- und Freudenwort,
Daß nunmehr ruhen sollen
Die Spieß' und Schwerter und ihr Mord.
Wohlauf, und nimm nun wieder
Dein Saitenspiel hervor,
O Deutschland, singe Lieder
In hohem, vollem Chor, J
Erhebe dein Gemüte
Zu deinem Gott und sprich:
Herr, deine Gnad' und Güte
Bleibt dennoch sicherlich!

Doch was war inzwischen aus dem edlen teutschen Lande
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und aus dem teuren
Deutschland auch noch der zweiten Hälfte geworden! Schon
vie großen öffentlichen Verhältnisse anging, so zeigten
99 *
        <pb n="354" />
        340 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

wenige Stichworte den Unterschied: vordem Reich, jetzt monstrum
informe; vordem Libertät, jetzt Souveränität der Fürsten;
vordem Territorium, jetzt Staat; vordem Reichsrecht, jetzt
Völkerrecht; und auf kirchlichem Gebiete vordem drei Viertel
des Reiches protestantisch, jetzt Osterreich und das größere
Drittel des gesamten übrigen Deutschlands katholisch. Und
doch! wer kümmerte sich zunächst und an erster Stelle um
diesen Umschwung des öffentlichen Wesens? Das, was die
Zeitgenossen aus den Verhältnissen ihrer nächsten Umgebung
zunächst grinsend anschrie, war ein furchtbarer Zustand wirt—
schaftlichen Elends mit seinen gesellschaftlichen und sittlichen
Folgen.
Gewiß ist nicht zu verkennen, daß der wirtschaftliche Rück—
gang Deutschlands schon lange vor dem Dreißigjährigen Kriege
hegann. Bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
stand die Nation unter den gegensätzlichen Wirkungen der beiden
großen Ereignisse der Wende des 15. und des Anfangs des
16. Jahrhunderts: der Reformation und der großen Ent—
deckungen. Während die Reformation auf der Grundlage eines
Individualismus, der vornehmlich der Entwicklung der Geld—
wirtschaft verdankt wurde, die Nation vorwärtsdrängte in
höhere Formen geistigen Daseins, wurde durch die Entdeckungen
und ihre Folge, die Ablenkung des Welthandels nach den West⸗
küsten Europas, derselben Nation die geldwirtschaftliche Grund⸗—
lage ihres bkonomischen wie geistigen Lebens je länger je mehr
oerkürzt.
Die Entwicklung seit dieser Zeit beruhte also schon auf
einer schwindenden wirtschaftlichen und sozialen Basis. Die
Städte und das Bürgertum schritten demgemäß nicht mehr
vorwärts; ältere Elemente früherer Kultur drängten sich
wiederum in den Vordergrund, und die politische Bühne war
erfüllt von kleinlichen politischen Zwisten der Fürsten. Und
diese eben waren es, die schließlich, unter stets ungünstigerer
Verschiebung der allgemeinen Kultur- und vor allem der Wirt—
schaftsgrundlage, in den Zusammenbruch des Dreißigjährigen
Krieges ausmündeten.
        <pb n="355" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjãhrigen Kriege. 341

—Ad
Ruin nur den letzten Ausdruck: eben in seinem Verlaufe ver—
scharrte sich, um mit Gryphius zu reden!, unser ganzes Vater⸗
land nunmehr in seine eigene Asche. Der Verfall selbft aber
als generelle Tatsache ist in Abertausenden von zeitgenössischen
Schilderungen bezeugt; und Aktenstücke wie Dichtungen reden
da eine gleich furchtbare Sprache. Nur einer Stimme unter
ihnen sei hier das Wort gegeben. Moscherosch klagt 1652 in
Melanders Abschied und Philanders Glückwünschung“:
„Es scheint, als wären wir den Fremden heimgestorben,
Und gehn zur Schlachtbank hin als wie das dumme Vieh ...
Was sind? Ach was sind wir? Ein Scheusal unfren Freunden,
Den Nachbarn ein Gespött, ein Anstoß unfern Feinden ...
ONntren falsche Treui Der Christen größte Seuche,
Zerrüttung aller Ständ, Zergliederung im Reiche,
Und was aus dieser wird in kurzem eingeführt,
Verfluchte Moderei, Wälsche Statisterei,
Unchristlich Deutelei, Tyrannisches Gemüte,
Ein wilde Barbarey und, welches Gott verhüte.
Ein' solche Christenheit, die ärger als Türkey.
O du armes Deutschland du,
Wie bist du gerichtet zu!
Vor warst du an allen Gütern reich!
Jetzt bist du mehr als einer Witwen gleich!“

Aber schwer ist es, über so allgemeine Schilderungen hinaus
zu einer wirklich dokumentierten und konkreten Anschauung der
durch den Krieg herbeigeführten Verluste zu gelangen. Denn
zweifelsohne sind viele einzelne Angaben in hohem Grade über⸗
trieben: schon deshalb, weil das Zeitalter des Barocks gern in
Hyperbeln sprach. Und weiterhin sind sehr häufig Mitteilungen,
deren Richtigkeit für den einzelnen Fall und Ort nicht be—
zweifelt werden kann, verallgemeinert, während doch feststeht,
daß die einzelnen Gegenden in sehr verschiedenem Maße von
der Kriegsfurie gelitten haben, die— protestantischen z. B. im
allgemeinen mehr, die katholischen weniger. Aber der zumeist
enge Horizont der Chronisten und Aktenschreiber der Zeit kennt

1 Porrede zu Leo Armenius,. 1646.
        <pb n="356" />
        342 Archtzelmtes Buch. Erstes Kapitel.

diese Differenzen nicht; und man berichtet seine lokalen Er—
fahrungen mit dem Anspruch auf generelle Gültigkeit.
Ein richtiges Urteil und auch nur eine Anschauung für
die Gegenwart wird sich überhaupt aus den Einzelurteilen
der Zeit ebensowenig herleiten lassen wie aus ihren Einzel—
angaben und selbst aus statistischen Daten; will man klar sehen,
so bedarf es vielmehr zunächst einiger Worte über die geschicht⸗
liche und die geschichtlich schwankende Bedeutung der Kriege
überhaupt.
Wer wird einer Autorität wie dem Marschall Moltke
widersprechen wollen, wenn sie behauptet, Krieg sei unter allen
Umstäuden ein Unglück? Es ist ein an höchsten kulturgeschicht⸗
lichen Erfahrungen geläutertes Urteil. Gewiß vermag der
Krieg zu allen Zeiten heroische Eigenschaften, die schlummern,
zum Vorschein zu bringen und — in beschränktem Maße —
dielleicht sogar anzuerziehen. Aber da der Helden stets wenige,
der sittlich minder Energischen stets viele sein werden, so er⸗
weckt er auch, und zwar in ungleich höherem Grade, die un—
sittlichen Triebe der Massen. Das gilt für jeden Krieg: um so
mehr mußte es für jene Jahrzehnte währenden Stürme kriege⸗
rischer Ereignisse gelten, die in der ersten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts über das unglückliche Deutschland dahinbrausten.
Dazu kam aber ein weiteres Moment, das speziell in der
Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts gelegen war. Diese Jahr⸗
hunderte waren wohl schon zivilisiert genug, um die Schäden
des Krieges schwer zu empfinden; sie waren aber noch nicht
hinreichend kultiviert, um den Krieg in den Grenzen des Mög—
lichen zu vermenschlichen.
Auf niedrigen Kulturstufen ist der Krieg als Explosions⸗
zeit jugendlicher Leidenschaften und ungeregelten Tätigkeits⸗
dranges einer der häufigsten gesellschaftlichen Aggregatzustände.
Darum wird er nicht als so überaus schlimm empfunden;
Grausamkeiten gelten als erlaubt, und die Schäden pflegen bei
der geringen Konzentration des öffentlichen Wesens sich meist
zu zerspliltern und darum selten für das Ganze tödlich zu sein.
Anders auf den Stufen hoher Kultur. Hier besteht unter der
        <pb n="357" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 343

Einwirkung weitverzweigter Arbeitsteilung und angespannter
Arbeitstätigkeit für den einzelnen kein Bedürfnis mehr, sich
kriegerisch auszuleben; und tritt Krieg ein, so werden seine
Wirkungen bei der energischen Konzentration des Volks⸗ und
Staatslebens alsbald im Innersten empfunden, und der ganze
Volks⸗ und Staatskörper reagiert auf sie bis auf Leben und
Tod, wie ein überaus fein gebauter Organismus, durch dessen
peripherische Verletzungen die Zentralorgane sofort in Mit⸗
leidenschaft gezogen und in Bewegung gesetzt werden. Dem⸗
entsprechend besteht auf beiden Seiten, der des Angreifers wie
der des Angegriffenen, das Bedürfnis, die letalen Streiche zwar
sicher und rasch, zugleich aber, unter der Voraussetzung voller
Gegenseitigkeit der beiderseitigen Behandlung, ohne unnötige
Grausamkeit zu führen: und eine relative Vermenschlichung des
an sich unvermeidlich brutalen Kampfes ist die Folge.
In dem 16. und 17. Jahrhundert der deutschen wie der
westeuropäischen Geschichte befinden wir uns nun weder auf
den niedrigsten noch auf den höchsten Kulturstufen; und so be⸗
greift es sich, daß eine mittlere Art der Kriegführung die
Regel war. Gewiß ist deren System nicht mehr so kindlich
grausam wie im Mittelalter; man brennt nur in Ausnahme⸗
fällen die Saaten ab; man schlägt die Obstbäume nicht mehr
nieder und entwurzelt nur selten noch den Weinstock. Aber
noch weniger sind schon die Grundsätze der Kriegführung des
19. Jahrhunderts erreicht. Noch immer soll nicht bloß das
feindliche Heer vernichtet werden, sondern auch das feindliche
Land. Und was tut man nicht alles noch, um es „inutil“ zu
machen! Da begnügt man sich nicht mit den lastendsten Kon⸗
ribationen; besonders in dem Falle, daß sie nicht gezahlt
werden, folgt noch Brand und Plünderung als rechtmäßiges
Zwangsmittel. Und fahren sie über das Land dahin, so wird
weder göttliches noch menschliches Recht, weder privater noch
zffentlicher Besitz geschont; und eine rohe, rasch zügellos
werdende Soldateska vergreift sich an noch Höherem, an Leib
und Ehre. Gewiß galt dies System schon in der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts als unmenschlich, und Generale, die Ehre
        <pb n="358" />
        344 FJ — Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

im Leibe und Disziplin in der Truppe hatten, haben es zu
vermeiden gesucht. Aber sie waren durchaus in der Minder—
zahl, und ihre Bestrebungen hatten wenig Erfolg. Und, noch
weit über die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges hat das alte
System fortgedauert; es sei nur an Melacs unmenschliche Ver—
wüstung der Pfalz erinnert.
Nun ist klar, daß bei einer solchen Kriegführung die Leiden
auch nur eines Kriegsjahres ganz andere waren als heutzutage,
von der Verwilderung in dreißig aufeinander folgenden Feldzugs⸗
zeiten noch gar nicht zu sprechen. Für den Dreißigiährigen
Krieg aber kam hinzu, daß sie, in einem Zeitalter doch schon
des Überganges vom Verwüstungskampf zum Armeenkampf,
auch noch ganz anders empfunden wurden als früher: tausend
und abertausend Zeugnisse in den zeitgenössischen Quellen lassen
darüber keinen Zweifel.
Indes sehen wir selbst von dieser subjektiven Seite ganz
ab: auch objektive Tatsachen reden eine überaus harte Sprache.
So zunächst der ganz sicher bezeugte starke Rückgang der
Bevölkerung.
Will man, was auf diesem Gebiete überliefert ist, richtig
berstehen, so ist zu bedenken, daß ungewöhnliche Lebenslagen
im 17. Jahrhundert noch eine äußerlich bei weitem weniger
widerstandsfähige Bevölkerung trafen, als dies heute der Fall
sein würde. Mit die am weitesten zurückgehenden sicheren
Daten über die Lebensdauer haben sich für den dänischen
Pfarrerstand erhalten. Danach stellte sich dessen Sterblichkeit
in der Periode von 1800-1837 um 4090/0, in der Periode von
1750 — 1799 um 790/0 höher als in jüngeren Zeiten. Und
zieht man noch frühere Perioden, für welche das Material
allerdings weniger zuverlässig erscheint, in Betracht, so erhält
man noch höhere Prozentsätze der Übersterblichkeit, nämlich für
die Periode von 1700-1749 129 und für die Periode 1680
bis 1699 gar 207 vom Hundert. Schon aus diesem einen
konkreten Beispiel erhellt, daß früher auch unter den glücklichsten
Voraussetzungen die Bedingungen äußeren Lebensdaseins viel
ungünstiger lagen als heute.
        <pb n="359" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 348

Was mußte nun unter diesen Umständen eine fast un—
unterbrochene Folge von dreißig Kriegsjahren bedeuten!
Aber damit noch nicht genug. Sehr bald begann ein zu—
nehmender Vernichtungszug schwerer Volkskrankheiten, der Pest,
der Blattern, des Typhus, des Skorbutes, der Ruhr und anderer
Epidemien, denen gelegentlich die Bevölkerung ganzer Land⸗
schaften beinah zum Opfer fiel. Nichts charakteristischer auf
diesem Gebiete, als daß die alltägliche Beobachtung dieser Krank⸗
heiten, wie sie späteren Zeiten niemals wieder eine gleich reiche
Erfahrung ermöglichte, schon damals den Polyhistor Athanasius
Kircher zu der Theorie veranlaßte, daß kleine Lebewesen als
Erreger und Vertreiber epidemischer Krankheiten zu gelten
hätten. Und zu den Volkskrankheiten kamen noch nicht minder
epidemische Hungersnöte, die in ihren grausigsten Folgen nur
in den schweren Hungerszeiten des früheren Mittelalters ein
Gegenstück finden; Menschenfresserei war in abgelegenen Gegenden
gar nicht so selten; im Jahre 1635 wäre der Kupferstecher
Mathaeus Merian der Jüngere ihr fast in den Straßen Frank⸗
furts zum Opfer gefallen.
Nach alledem wird man erwarten, daß die Nation aus
den Nöten des Kriegs mit stark zurückgegangener Seelenzahl
heraustrat. Den Verlust freilich im einzelnen genau festzustellen,
wird schwerlich je gelingen!. Abgesehen von dem Mangel
gleichmäßiger Quellen steht eingehenderen Gesamtberechnungen
namentlich entgegen, daß die Struktur der Bevölkerung sich
während des Krieges selbst stark geändert hat. Sehr zahlreich
waren allmählich die Bewohner des platten Landes geworden,
die von ihrem Heim hinweg in die Städte flüchteten, um sicherer
zu wohnen. Nicht minder steht weiter die Tatsache fest, daß
die Zahl der Landstreicher, Vagabunden, überhaupt der völlig
fluktuierenden Bevölkerung sehr zunahm. Auch die Auswande—
rung war wohl nicht gering, wenngleich sie sich im einzelnen

Jastrow, Volkszahl deutscher Städte, S. 206, stellt übrigens schon
einen nicht weiter verwunderlichen Rückgang der Geburten in den Städten
für die Jahre 1599 - 1619 fest.
        <pb n="360" />
        346 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

kaum kontrollieren läßt. Wie nun alle diese wichtigen Momente
richtig in Anschlag bringen bei einer allgemeinen Statistik der
Bevölkerung? Im Grunde bleibt man, trotz manches günstigen
Materials im einzelnen, für das Ganze dennoch auf Schätzungen
angewiesen; und da pflegt man denn von einem Verluste von
1218 Millionen Seelen zu sprechen. Nun mag das über⸗
trieben sein. Aber anderseits steht doch fest, daß z. B. die Be—
völkerung der Mark, die freilich schon seit der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts in Rückgang begriffen war, den Stand
bor 1618 trotz der Kolonisationen des Großen Kurfürsten und
Friedrich Wilhelms J. doch erst um die Mitte des 18. Jahr⸗
hunderts wieder erreicht hat: was eine außerordentliche Re⸗
uftion der Bevölkerung — und, was mehr heißt, eine überaus
geringe Erholungsfähigkeit der leben Gebliebenen — voraus⸗
fetzt. Die Erscheinung aber, daß die überlebende Bevölkerung
so schwer wieder die Verluste des Kriegs zu ersetzen imstande
war, ist allgemein und dürfte volkswirtschaftlich und sozial von
nicht geringerer Bedeutung gewesen sein als der Verlust selber.
Nicht geringer aber, verhältnismäßig vielmehr vielleicht
noch größer als der nationale Verlust an Volksgenossen war
der an Reichtum, an nationalen Gütern. Ein Überblick ist
freilich auch hier überaus schwer zu gewinnen; am leichtesten
und sichersten erhält man ihn vielleicht noch durch Heranziehung
der Geschichte der Preise. Da ergibt sich nun für Deutsch—
land bis zum Beginne des 17. Jahrhunderts ein ständiges
Steigen der Preise. Dagegen tritt für die Zeit von 1600 bis
etwa 1680 ein rapides Fallen ein, das nur durch Kriegs⸗
teuerungen bis etwa zum dJahre 1640 hin gegengewogen wird.
Von etwa 1680 ab steigen dann die Preise wieder, bis sie um
1700 im ganzen die alte Höhe der Jahre 1580 bis 1600
wieder erreichen, in der sie bis etwa 1780 stabil bleiben. Man
fieht also: in der Preisgeschichte heben sich zwei feste wirt⸗
schaftliche Zeiten ab, das 16. und das 18. Jahrhundert; zwischen
ihnen aber liegt eine Zeit tiefen Sturzes. Dieser Sturz ist
nun allerdings teilweis und besonders in seinen Anfängen durch
die Wandlungen des Welthandels — Verlegung der großen
        <pb n="361" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 347

Handelsstraßen nach dem Westen — und durch den diesen
Wandlungen folgenden allgemeinen Rückgang der deutschen
Volkswirtschaft mit veranlaßt. In Italien fallen die Preise
schon seit Ende des 16. Jahrhunderts, in England dagegen
—— ins Zeitalter der Königin Elisabeth und
halten sich dann bis etwa zum Beginn des 19. Jahrhunderts.
Aber die Hauptdepression in Deutschland wird doch erst durch
den Ausgang des Dreißigjährigen Krieges und seine Folgen
veranlaßt; und erst das 18. Jahrhundert hat dann wieder
mit dem 16. Jahrhundert gleich hohe Preise.
Darnach ist also das 17. Jahrhundert durch eine starke,
seit den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges ungemein verschärfte
Entwertung aller Güter gekennzeichnet: und dauert die Ent⸗
wertung bis etwa 1700 an, so ist diese Wirkung gewiß vor⸗
nehmlich auf Rechnung des Krieges zu setzen.
Aber was bedeuten diese Verluste an wirtschaftlichem und
Volksreichtum schließlich gegenüber den ungleich schwereren
moralischen Einbußen, die die Nation erlitt! Ist hier die Bilanz
wiederum noch schwerer zu ziehen als auf den Gebieten der
materiellen und sozialen Kultur, so kann doch darüber kein
Zweifel bestehen, daß der Volkscharakter sich in die Bahnen
Aner überaus verhängnisvollen Entwicklung gedrängt sah. Nur
für einen, aber einen bis in die Gegenwart herein noch
wichtigen Punkt sei dies ausgeführt.
Unser Volk galt im ganzen Mittelalter und auch noch im
16. Jahrhundert für alles andere als im schlechten Sinne be⸗
scheiden; das Wort, daß nur die Lumpe bescheiden sind, hätte
in diesen Zeiten nicht geprägt werden können, so selbstverständ⸗
lich war sein Sinn. Und die benachbarten Nationen teilweis
höherer Kultur, Italiener, Franzosen, Engländer, haben der
Deutschen hohen Sinn, die Hochfahrt im edlen Verständnis des
Wortes wohl gekannt.
Wie anders sind die Eindrücke nach dem Dreißigjährigen
Kriege! Nicht bloß der Tatsache, auch der Gesinnung nach
schien der Deutsche der Sklave der großen Nationen der
Mopäischen Staatengemeinschaft geworden zu sein. Und noch
        <pb n="362" />
        348 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

mehr unterlag er dem Sklaventum gegen sich selbst, der inneren
Geringschätzung, dem Servilismus. Es ist eine Eigenschaft,
die noch viele Jahrzehnte und zahlreiche Bevölkerungsklassen
des 18. Jahrhunderts, namentlich auch das Bürgertum kenn⸗
zeichnet: und im Philister des 19. Jahrhunderts ist sie in ab⸗
geschwächten Formen noch weit länger, ja bis auf die Gegen⸗
wart vererbt worden. Da konnte im 18. Jahrhundert ein protestan⸗
tischer Prälat in Tübingen — sein Name bleibe unbekannt — in
einer besonderen Schrift als Vorzug seines Bekenntnisses zu
erweisen suchen, daß keine andere Kirche von jeher so servil
gewesen sei als die protestantische. Und selbst Karl Friedrich
hon Moser wußte in seiner Schrift vom Nationalgeist am Deutsch⸗
tum im Grunde nur diese Seite des Charakters zu rühmen:
„jede Nation hat ihre große Triebfeder; in Deutschland ist's der
Gehorsam, in England die Freiheit.“ Und der Verfasser einer
Erwiderung auf diese Schrift spricht noch deutlicher aus, was
gemeint war: „Schwerlich wird ein Genie aufstehen, dessen
Befehle unseren Gehorsam ermüden könnten.“ Hat Napoleon J.
nicht eine langjährige Probe auf diese Behauptung machen
können? Erst aus ganz anderen geistigen Entwicklungen als
denen des 17. Jahrhunderts, aus dem Laufe der Kultur der
Jahre 1750 bis 1800 erhob sich der furor teutonicus, ent—
sprang eine neue Heldenzeit der Nation, der der Korse zum
Opfer fiel.

II.

Indes die allgemeinen Bemerkungen über die Wirkungen
des großen Krieges bedürfen noch einer anschaulicheren Aus—
gestaltung im einzelnen. Und da muß zwischen den Zuständen
auf dem platten Lande und in den Städten unterschieden
werden.

Da ist es denn zunächst keine Frage, daß das platte Land
durch den Krieg mittelbar wie unmittelbar viel mehr gelitten
hat als die Städte. Zwar wenn man in diesem Zusammen⸗—
hange die an sich feststehende Tatsache starker Verschuldung des
        <pb n="363" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 349

platten Landes anzuführen pflegt, so bleibt zweifelhaft, wer
durch sie im Laufe des Krieges wie nach diesem mehr verloren
hat, die Bürger und anderen Gläubiger, Stifter, Klöster, ge⸗
legentlich wohl auch militärische Befehlshaber, die den Raub
in Hypotheken angelegt hatten, oder die ländlichen Schuldner.
Und ferner bleibt zu bedenken, daß die ländliche Verschuldung
keineswegs nur aus der Zeit des Krieges datierte, sondern
namentlich im Südwesten, und soweit vor allem die Grund⸗
herren in Betracht kamen, viel älter war, als dieser, ja teil—
deis bis ins 14. und 15. Jahrhundert zurückreichte.
Eines nur scheint unter diesen Umständen klar zu sein,
nämlich daß unter einigermaßen normalen Verhältnissen bei
steigendem Zinsfuß in Kriegsläuften die verschuldeten Adligen
und Bauern ihre Güter hätten verlassen müssen, weil sie nicht
mehr imstande gewesen wären, die Zinsen zu zahlen. Allein
dieser Fall scheint während des Dreißigiährigen Krieges nie⸗
mals häufig, und je länger die Kriegsfurie wütete, um so
weniger der Fall gewesen zu sein. Denn wer hätte in diesen
Zeiten ein Gut an Stelle des Schuldners übernehmen wollen?
Zudem waren die Schuldner teilweis und gerade in den
stark verschuldeten Landesteilen vornehmlich Reichsritter, also
kleine Souberäne: sollte man etwa gegen sie wegen an sich doch
geringfügigerer Summen vor dem Reichsgerichte klagen? Und
würde das Reich das Recht der Gläubiger anerkannt haben?
Gewiß kam es erst spät, im Jahre 1654, zu einem Reichsschluß,
der sich einer Schuldaufhebung für den Adel näherte, jedenfalls
so radikal war, daß er ebendeshalb fast nicht zur Ausführung
gelangte. Aber war die Gesinnung, die ihn diktierte, nicht
schon im Kriege vorhanden? Was ferner die ländlichen
Schuldner in den einzelnen Territorien betrifft, so erfreuten sich
diese vielfach einer ihnen günstigen Territorialgesetzgebung; es
wurden lange Moratorien bewilligt, und die Gläubiger hatten
einstweilen das Nachsehen. So war denn die Lage für die
Gläubiger, insbesondere soweit sie etwa bürgerliche Rentner waren,
keineswegs sehr günstig, zum mindesten, insofern sie adlige
Schuldner hatten; vergebens klagten sie wohl in Beschwerde—
        <pb n="364" />
        350 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

schriften ihre Not, sie kämen nicht zu dem Ihrigen, während
ihre Schuldner „in Gütern säßen, stolzierten und prachtieren
von dem, was oder worzu die Bürger oder ihre Voreltern das
Geld hergeliehen“.
Nur ein Schluß läßt sich daher aus den Schuldverhält⸗
nissen etwa schon des beginnenden 17. Jahrhunderts für das
platte Land ziehen: daß es, kapitalistisch vielfach in den Händen
bürgerlicher oder geistlicher Gläubiger, jede neue Kalamität,
und somit vor allem den nahenden großen Krieg doppelt hart
empfinden .mußte.
Und wie brach nun allerdings dieser Krieg, da, wo er voll
auf einer Gegend lastete, gerade über das platte Land herein!
Bauern sind zum Rauben ist der Krieger Glauben, lautet eins
der erfahrungsreichen Sinngedichte Logaus. Und in einem Liede
auf den ersten Seiten des „Simplicissimus“, in dessen späterem
Verlaufe einmal gesagt wird, die Bauern lebten da, wo kein
Militär hinkomme, besser als die Obersten, finden sich die Verse:

Du sehr verachter Baurenstand
Bist doch der beste in dem Land;
Kein Mann dich gnugsam preisen kann.
Wann er dich nur recht sihet an ..

Wie stünd es jetztund um die Welt,
Hätt Adam nicht gebaut das Feld!
Mit Hacken nährt sich anfangs der
Von dem die Fürsten kommen her.

Es ist fast alles unter dir,
Ja, was die Erd nur bringt herfür,
Wovon ernähret wird das Land,
Geht dir anfänglich durch die Hand

Der Kaiser, den uns Gott gegeben,
Uns zu beschützen, muß doch leben
Von deiner Hand; auch der Soldat,
Der dir doch zufügt manchen Schad.

Fleisch zu der Speis zeuchst auf allein
Von dir wird auch gebaut der Wein,
Dein Pflug der Erden tut so not,
Daß sie uns gibt genugsam Brot.
        <pb n="365" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjahrigen Kriege. 351

Die Erde wär ganz wild durchaus,
Wann du auf ihr nicht hieltest Haus;
Ganz traurig auf der Welt es stünd,
Wenn man kein Bauersmann mehr fünd.

Drum bist du billich hoch zu ehrn,
Weil du uns alle tuft ernährn;
Natur, die liebt dich selber auch,
Gott fegnet deinen Baurenbrauch.

Vom bitterbosen Podagram
Hoͤrt man nicht, daß an Bauren kam.
Das doch den Adel bringt in Not
Und manchen Reichen gar in Tod.

Der Hoffart bist du sehr befreit,
Absonderlich zu dieser Zeit;
Und daß sie auch nicht sei dein Herr
So gibt dir Gott des Kreuzes mehr.

Ja, der Soldaten böser Brauch
Dient gleichwohl dir zum Besten auch:
Daß Hochmut dich nicht nehme ein,
Sagt er: Dein Hab und Gut ist mein.

Hiernach läßt sich vermuten, was tausendfache Schilderungen
der Zeit und die ländliche Armut der Folgejahre bestätigen:
wohin Kriegsheere öfter gelangten, da war der Bauer verloren.
Nicht nur, daß sein Inventar, vor allem das lebende, ver⸗
dorben ward; ruchlos fällte man auch Fruchtbaum und Wald,
zuündete die Höfe an, notzüchtigte die Frauen und preßte die
Männer zur Soldateska oder zu anderen Diensten, wenn man
fie nicht gar marterte, ehe sie davonliefen. Die Folge war,
daß Gegenden, die vom Kriege viel zu leiden hatten, sei es
von Standquartieren des Winters oder häufigem Durchzug zu
guter Jahreszeit, so vor allem Mitteldeutschland und der deutsche
Südwesten, auf dem platten Lande teilweis völlig verödeten.
Von den Dörfern blieben nur Ruinen, von denen sich vielleicht
die geschwärzten Kirchmauern längere Zeit erhielten; im übrigen
fluteten die Bäche aus und bedeckten Acker und Dorfstraßen
und Hofstellen mit Moor und Sumpf, nicht minder wuchs
der Wald wiederum wild emvor, wie einst zur Urzeit, und um—
        <pb n="366" />
        352 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

fing die ungeschützte Dorfflur immer enger, bis er wohl gar
die Dorfstätte erreichte und das einstige Dasein einer ganzen
Ansiedlung im Rauschen seiner Wipfel in Vergessenheit wiegte.
Es war ein Schicksal, das namentlich jene Dörfer erreichte, die
erst spät in den Hängen des deutschen Mittelgebirges an wirt—
schaftlich weniger günstigen Stellen gegründet worden waren:
hier liegen noch heute in Deutschland die meisten Wüstungen.
Aber auch zur Seite gut begangener Heeresstraßen blieben Dörfer
wüst, namentlich in Mitteldeutschland, während am Rhein
bessere wirtschaftliche Allgemeinlage und regerer Wirtschaftssinn der
Bevölkerung zu rascherem Ersatz des einst Gewesenen führten.
Im ganzen aber läßt sich den geschilderten Extremen ent—
nehmen, wie außerordentlich die Bevölkerung des platten Landes,
Grundherren wie Bauern, litt. Waren nach dem Kriege manche
adlige Geschlechter gestorben und verdorben, wenn sie auch im
allgemeinen in der nackten Existenz durch Burgen und Schlösser
besser geschützt waren als die Bauern, so war die bäuerliche
Bevölkerung massenhaft ihrem Berufe und ihrer Heimat ent—
zogen worden, war verschollen oder trieb sich vagabundierend
umd arbeitsscheu im Lande herum. Und so erschien es als
erste Notwendigkeit, überhaupt erst wieder eine zahlreichere und
ruhige Bevölkerung des platten Landes zu erlangen.
Wie sie aber entwickeln? Fast niemand besaß Kapital genug,
am wenigsten diejenigen, welche hätten Bauern werden können;
und wer seine geringen Mittel überhaupt an ein Unternehmen
wagte, fand, daß gerade die Aussichten des Landwirts nicht eben
gut seien. Zunächst fielen bei dem gesunkenen Verbrauche der
Städte die Preise ländlicher Erzeugnisse nach dem Kriege beträcht⸗
lich, in manchen Gegenden für Roggen und Weizen auf die Hälfte
der Höhe vor dem Kriege. Dagegen stieg der Arbeitslohn aufs
unerhörteste, denn viele wollten nicht arbeiten, und selbst wenn
jedermann den Trieb zur Tätigkeit gehabt hätte, wäre die Zahl
der zur Verfügung stehenden Hände zu gering, die Nachfrage
dem Angebot gewaltig überlegen gewesen. Konnten unter
diesen Umständen überhaupt freie Arbeiter fürs Land gewonnen
werden? Keineswegs: was im freien Lohne zu arbeiten ver⸗
        <pb n="367" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 353

mochte, zog sich in die Städte, und die Bauern selbst suchten
ihre Kinder dazu zu bringen, daß sie in der Stadt ein Hand—
werk erlernten.
Niedrige Preise, hohe Arbeitslöhne: das war die unfrucht⸗
bare Kombination, die nach dem Kriege eine freie wirtschaft—
liche Tätigkeit auf dem platten Lande kaum aufkommen ließ.
Mag sein, daß der Bauer für diese überhaupt noch nicht reif
war; noch bis ins 19. Jahrhundert hinein hat er im allgemeinen
den Wirtschaftssinn des Unternehmers nicht gehabt und darum
ungern Ersparnisse statt in Landzukäufen in Verbesserungen
angelegt und Gewinn lieber im Aufhäufen eigener Erzeug⸗
nisse als in deren Verkauf gesucht. Aber neben dem Bauer
stand der Grundherr: war er nun unter diesen Umständen
etwa in der Lage, jenen Weg zur Entwicklung freierer Wirt⸗
schaft fortzuwandern, den er, zaghaft genug, schon einmal in
glücklicheren Zeiten betreten hatte? Er fand es viel bequemer,
seine Grundholden zu Arbeitssklaven zu machen und somit
allerdings zu einem wirtschaftlichen Unternehmer zu werden,
aber zu einem solchen, der über die Arbeitskraft seiner unter⸗
gebenen Bauern rücksichtslos zu disponieren, mithin ihre Dienste
nach der Konjunktur zu ändern und vor allem zu mehren be⸗
flissen war.
Aus diesem Zusammenhange erst ergab sich für große Teile
Deutschlands die volle Knechtung des Bauern. So liegen z. B.
in Brandenburg aus der Zeit vor dem Kriege noch zahlreiche
Beschwerden des Adels darüber vor, daß die Bauern ihm
schuldige Dienste zu leisten verweigert hätten; später dagegen
hört man nur selten noch von solcher Freiheit; und im ganzen
galt nunmehr der Sinn der Worte Philanders von Sittewald:
Tugend hin, Tugend her!
Spielen, Prassen, Hunde und Vögel ziehn, Kauderwelschen,
Bochen, Poltern, Fluchen, Alfänzen, Bauernichinden. Rauben, Sengen:
das macht der Junker!

Und mit den Wandlungen der grundherrlichen Herrschaft
waren die Leiden des Bauern noch nicht zu Ende. Er war
zugleich wesentlich der Träger der immer erhöhten Steuern,
amvprecht., Deutsche Geschichte. VI. 28
        <pb n="368" />
        3
3

Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

welche der neue Fürstenstaat den Untertanen auferlegte: denn
die Stände der einzelnen Territorien, mit Ausnahme der Städte
fast durchweg Grundherren zugleich, wußten diese Auflagen im
17. Jahrhundert wohl noch durchaus, im 18. Jahrhundert
wenigstens noch der Regel nach auf ihre Grundholden ab⸗
zuwälzen. In einer „Ekloga oder Gespräch zweier Hirten von
Krieg und Frieden“ vom Jahre 1639, von unbekanntem Dichter,
antwortet darum Damon auf Coridons Wunsch nach Frieden:
Du albern armer Tropf, du bist ja wohl betrogen;
Hat der Soldat dich nicht gänzlich ausgezogen,
der Schlösser Amtmann kommt, der Schreiber und Fiskal,
Die nehmen Haupt und Haar und bringen neue Qual.

Und über diese Qual der Steuer findet sich bei Logau ein
Sinngedicht, das auch wohl heute noch auf inniges Verständnis
rechnen kann:

Wie weise man auch sonst den Salomon geachtet,
So hat er doch hierin nicht alles recht betrachtet,
Daß zu der Dinge Zahl, die niemals werden satt,
Die Steuer er nicht auch noch beigesetzet hat.
Ist es zu vperwundern, wenn unter diesen Umständen der
Bauernstand wie wirtschaftlich so auch sittlich zurück⸗, ja teil—
weis sittlich zugrunde ging? Schon im 16. Jahrhundert hatte
man ihn mit Füßen getreten; —V nationalen
Gesellschaft nur noch aͤls Arbeitssklave und dennoch Steuer⸗
zahler zugleich anzugehören. Man verlangte von ihm nichts
Weiteres, und erreichte schließlich auch nichts mehr. Wo er
aber ausbrach aus seinen Banden, da erwies er sich jeder
inneren Zucht bar, zog marodierend durchs Land, gab die
Hefe aller Soldateska ab und betrog und schindete ärger als
sonst jemand die, die seinem Stande noch angehörten. Ja
s kam vor, daß die Insassen ganzer Dörfer zu fahrenden
Räuber-⸗ und Diebesbanden entarteten. Schleichhandel, Hehlerei,
Quacksalberei, Verkauf unsittlicher Bücher und Schriften wurden
dann die Grundlagen eines Lebens, das äußerlich als das des
Hausierers erschien.
        <pb n="369" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 358

III.
Gegenüber diesem Verfall der bäuerlichen Zustände blühte
dem Bürger immerhin noch ein besseres Los. Die bürgerliche
Bevölkerung nahm zwar auch stark ab; Augsburg z. B., das
noch nicht einmal allzusehr vom Kriegslose betroffen ward,
hatte um 1618 etwa 45 000 Einwohner gehabt, zählte deren
aͤber 1645 nur noch 21018; im ganzen aber war es doch
nirgends zu jener buchstäblichen Dezimierung der Menschen ge⸗
kommen, die auf dem platten Lande gar nicht selten war, ge⸗
schweige denn daß ganze verlassene Städte ein Gegenstück zu
den doͤrflichen Wüstungen geboten hätten. Die Städte waren
eben durch ihre Mauern besser geschützt, und sie erwiesen sich
hierdurch als tatsächlicher Zufluchtsort der ländlichen Bevölkerung
ebensosehr wie durch die innere Ordnung, die sie aufrechtzuerhalten
wußten. In augenscheinlicher Weise zeigte sich, um wie viel
stärker doch die Selbstzucht der städtischen Massen war, die
eine alte bürgerliche Kultur zu besserer Freiheit erzogen hatte:
fast durchweg blieben die alten Verfassungen erhalten, und
nirgends kam es zu jenen radikalen, umstürzlerischen Szenen,
zu jenem groben Anarchismus, der auf dem Lande nicht selten
zutage trat.
Freilich: neben der besseren Erhaltung des Leibes und
Lebens waren in den Städten, den alten Sitzen des nationalen
Reichtums, um so entschiedenere Vermögensverluste festzustellen.
Wir haben gesehen, wie in dieser Hinsicht schon die heillose
Verschuldung des platten Landes einwirken mußte. Dazu
kamen aber starke Verluste auch aus den Peripetien der
städtischen Kultur selbst: teils durch unmittelbare Zerstörungen
angelegten Kapitals infolge kriegerischer Ereignisse, teils durch
die allgemeine Stockung des Verkehrs und das mit beiden Vor⸗
gängen verbundene Fallissement altangesehener Häuser. Und
auch in regulären Brandschatzungen wie durch zwangsweise
Aufnahme von Leihkapitalien für die Kriegführung wurden den
bürgerlichen Betrieben außerordentliche Mittel entzogen.
So war denn ein allgemeiner Rückgang der Vermögens—
93 *
        <pb n="370" />
        356 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

lage die Folge; und wo wir dessen Verlauf genauer übersehen
können, da reden die Zahlen eine schmerzend eindringliche Sprache.
In Augsburg z. B., dessen Bevölkerungsrückgang oben berührt
wurde, gab es 1617 noch 148 Vermögen, die zwischen 50
und 100 fl. steuerten, sowie 100 Vermögen, die über 100 fl.
steuerten; und die Steuer des höchsten Vermögens betrug
2666 fl. Im Jahre 1661 dagegen gab es nur noch 36 Ver⸗
mögen, die zwischen 50 und 100 fl. steuerten, und nur 20, die
uͤber 100 fl. steuerten; die höchste Steuer aber betrug 428 fl.,
obgleich die Besteuerung strenger gehandhabt wurde als vor dem
Kriege und der Gulden etwas weniger galt. Mögen nun auch
manche Städte weniger gelitten haben, ja einige infolge be—
sonderer Umstände an Wohlstand sogar gestiegen sein: im ganzen
handelte es sich um Kapitalverluste, die den sozialen Charakter
des Bürgertums der guten alten Zeiten veränderten: nicht ein
Aderlaß war es, um den es sich handelte, sondern eine
Schröpfung. Was noch von großem Kapital den Geldkrisen des
16. Jahrhunderts entschlüpft war, das ging jetzt fast durchweg
verloren: verhältnismäßig arm ging das Bürgertum aus dem
Kriege hervor. Gewiß war auch damit noch nicht alle Initiative
berloren; ja wir sehen hier und da noch kaufmännische und selbst
handelspolitische Regungen im alten Stil: so wenn von Köln
der Mitgenuß der Privilegien des Fondaco dei Tedeschi zu
Venedig mit Erfolg angestrebt wird (1652). Im ganzen aber
war die alte Tatkraft dahin, und ihre schwachen Reste erstreckten
sich nur noch auf Dinge und Geschäfte, die man noch in der
—D— als klein und kleinlich
bezeichnet haben würde, und die weit zurückblieben hinter dem
jungen Aufschwung der anderen, jetzt konkurrierenden Nationen.
Statt dessen machten sich alle Merkmale moralischen Ver⸗
falls breit: Geldsucht, niedrige Völlerei und hohles Prunken
mit Außerlichkeiten. Namentlich die Putzgier und Schmuck⸗
sucht war ein so allgemeines Zeichen der Zeit und griff so tief
in die niedersten Kreise ein, daß ein Sittenroman von der Höhe
des Simplizissimus mit der Erinnerung an sie beginnen konnte.
Und immer wieder kommt der Simplizissimus auf diesen einen
        <pb n="371" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 357

Punkt zurück und weist das Dasein hohlen Prunkes als unter
allen Klassen des Bürgertums vorhanden nach.
Was aber die Völlerei angeht, so war das Trinken be—
kanntlich ein uraltes Laster der Deutschen. Doch die Frage
an die Willkommensäufer:
Ob solche Leut' auch Christen fein,
Dieweil sie saufen wie die Schwein',
Philander v. Sittewald)
war doch wohl dem Zeitalter nach dem Dreißigjährigen Kriege
vorbehalten. Vor allem war es in der Zeit des Krieges selber
vom Übel, daß sich der französische Branntwein als tägliches
Getränk zunächst im städtischen Bereiche eingeführt hatte,
während er noch im 16. Jahrhundert nur bei Festen Ver⸗
wendung fand. Und der Branntweinverbrauch wuchs noch
überaus, als das französische Erzeugnis in den siebziger Jahren
des Jahrhunderts dem heimischen Kornbranntwein zu weichen
begann. Zugleich mit dem Genusse des Branntweins aber be⸗
gann sich, ebenfalls zunächst in städtischen und höheren Kreisen,
nuch der Genuß des Tabaks zu verbreiten.
Merkwürdig nun und dennoch sehr begreiflich, wie dieser
zunehmenden Genußsucht bei gesunkenem Einkommen ein
Hunger nach Geld zur Seite trat, wie ihn frühere Zeiten auf
deutschem Boden auch nicht annähernd gekannt hatten. Gewiß
waren auch im 17. Jahrhundert häufig zitierte Sprüche,
wie der:
Geld, was stumm ist,
Macht richt, was krumm ist,
uralt: die Macht des Geldes zu preisen ist eine natürliche
Tendenz namentlich primitiver geldwirtschaftlicher Kulturen.
Neu aber war, mit welchem Eifer man es nun tat, und wie
dabei nicht so sehr die produktive Kraft des Geldes wie seine
Macht, alle Freuden der Konsumtion zu vermitteln, betont
wurde.

Unter solchen Anschauungen und Leidenschaften war man
dann nicht bloß der früher schon weitverbreiteten Ansicht wieder
verlustig gegangen, daß Geld vor allem zu produktiven Zwecken
        <pb n="372" />
        358 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

da sei; man hatte auch den edleren Formen ästhetischer und
intellektueller Konsumtion in dem Sinne, wie sie das 16. Jahr⸗
hundert gekannt hatte, fast durchaus Valet gesagt. Wie
Logau es ausspricht:
Wo der Geldsack ist daheim, ist die Kunst verreist;
Selten, daß sich Wissenschaft bei viel Reichtum weist.
Nun waren alle diese Erscheinungen gewiß nicht bloß solche
der bürgerlichen Kultur (wir werden später sehen, wie sehr sie
sich im Laufe der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auch
in den adligen Ständen entwickelten): aber sie traten doch hier
am einfachsten, frühesten und deutlichsten aus dem Verfalle der
materiellen Kultur hervor und liefen am entschiedensten diesem
Verfall parallel. Denn weder im Handel noch in der Industrie
gelangte man einstweilen noch rascher vorwärts.
Am schlimmsten stand es zweifelsohne mit der Industrie
und besonders mit dem Handwerk, einst und noch immer dem
Nährboden des bürgerlichen Mittelstandes. Wohin wir sehen,
erblicken wir hier nichts als ein Trümmerfeld; man kann bis
ins 18. Jahrhundert hinein einen fast völligen Stillstand der
gewerblichen Kultur wahrnehmen; und selbst die technischen
Erfahrungen bereits beginnen in gewissen Gewerben infolge
mangelnden Gebrauches zu schwinden. Es ist vor allem die
wenn auch erst nach hartem Todeskampfe eintretende Sterbezeit
unseres einst so großen bürgerlichen Kunsthandwerks, nachdem
noch der Krieg wenigstens dem Waffenhandwerk einen letzten
Aufschwung gebracht hatte.
Aber auch die Massenindustrien starben aus oder gingen
zurück. Wo waren die großen Zeiten des Bergbaues ge—⸗
blieben! Wie viel Stollen waren jetzt verödet und verfallen,
wie viel Schachte ersoffen! Fast nur wo fremdes Kapital sich
des Betriebes bemächtigte, sah man Fortschritte. Und nicht
minder waren die alten, berühmten Textilindustrien der Wolle
und der Leinwand im Rückgang. Ihre Instrumente waren
vom Krieg vernichtet; ihr Rohmaterial wurde von dem er⸗
schöpften Lande nicht mehr produziert; ihre Arbeiter hatten das
freie Leben der Soldateska besser gefunden; und das schlimmste
        <pb n="373" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 359

von allem: selbst die heimischen Absatzgebiete schienen an den
fremden Wettbewerb Englands und Hollands unwiederbringlich
verloren.
Da stand es denn auf dem Gebiete des Handels doch noch
etwas besser. Freilich: aus allen großen Positionen der Ver⸗
gangenheit waren die deutschen Kaufleute auch hier verdrängt
ndblieben es der Hauptsache nach fast bis mindestens zur
Mitte des 18. Jahrhunderts. Was war da aus dem hansischen
Handel geworden, der ehedem einen großen Teil der Nieder⸗
lande, England, die skandinavischen Länder und Rußland⸗Polen
beherrscht hatte? Der niederländische Einfluß reichte in den
fürstlichen Landen von Nassau⸗Diez, die unter den oranischen
Erbstatthaltern der Niederlande standen, sogar politisch ins
Innere Deutschlands; im uührigen lag die Ausfuhr der deutschen
Rohprodukte zum großen Teil, die Einfuhr von Kolonialwaren
nach Deutschland so gut wie ganz in holländischen Händen.
Was England angeht, so stand seit 1713 das Kurfürstentum
Hannover mit Lauenburg, Bremen und Verden unter seinen
Konigen; außerdem aber beherrschte es im Verein mit Däne—
mark völlig die Nordsee. Und Dänemark besaß zugleich auch
noch das Herzogtum Holstein und von 1675-1773 auch die
Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst. Den Königen
Schwedens gar, den großen skandinavischen Rivalen der
Dänenkonige in dieser Zeit, standen seit 1648 nicht bloß Vor—
pommern und Wismar zur Verfügung, sondern bis 1719 auch
die alten Bistümer Bremen und Verden, die dann an Hannover
übergingen. Nun ist Schweden freilich trotz der entschiedensten
Anstrengungen bereits seit den Zeiten Gustav Adolfs, ja schon
früherer Herrscher niemals eine Handelsmacht geworden: dazu
fehlte ihm zuviel: es lag vom Weltverkehr des Westens ab—
seits und hatte keine starke seetüchtige Bevölkerung, es besaß
kein Kapital zur Entwicklung von Reedereien und überseeischen
Unternehmungen, und es konnte selbst in den Ostseehandel nicht
entscheidend eingreifen, da seine Haupterzeugnisse mit denen
der anderen Ostseeländer identisch waren. Dennoch hatte
die Hanse aus seinem Bereiche verdrängt und heimatliche
        <pb n="374" />
        360 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Küsten der Hanse erobert; und in den Ostseehandel teilten sich
neben ihm Holland und England. Sollte da die Hanse gegen
die osteuropäischen Länder aufgekommen sein? Gewiß hatte
sie noch einigen Verkehr, vornehmlich in Rußland; aber die
Gesamtlage wird durch den Umstand gekennzeichnet, daß die
Weichsel in polnischem Besitz war.
In der Tat war es seit dem Frieden von Lübeck (1570),
wenn nicht früher schon, vorbei mit der großen Stellung der
Hanse auch in der Ostsee; nirgends erlebte man seitdem
noch wesentliche Fortschritte; die im 13. bis 15. Jahrhundert
gegründeten und großgewordenen Ostseestädte haben noch vor
dem 16. Jahrhundert fast alle den Umfang erreicht, den sie
über dreieinhalb Jahrhunderte — bis etwa 1860 — behielten;
und seerechtliche Bestimmungen der Hanserezesse von 1591 und
1614 haben sich zum Teil bis zum deutschen Handelsgesetzbuche
erhalten können, ohne der Änderung zu bedürfen.
Sollte nun das Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges
in diesem ausgesprochenen Verfalle schon des 16. Jahrhunderts
eine Wendung gebracht haben? Die bestehende Richtung trat
nur noch stärker hervor. Scheint die Schiffahrt vieler deutscher
Seestädte trotz des Verfalls der Hanse bis zum Dreißigjährigen
Kriege noch eher zus als abgenommen zu haben, so kommt es
nun überall zum endgültigen Rückgang, bis gegen 1690 bis
1730 ein nicht mehr übertroffener Tiefstand erreicht wird:
die Königsberger Kaufleute hatten damals keine eigenen Schiffe
mehr, die Stettiner auch nicht viele; der Danziger Handel
wurde wesentlich von fremden Schiffen besorgt, und selbst Ham—
burg hat in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wie um
1618 eine viel größere eigene Handelsflotte und einen stärkeren
Schiffahrtsverkehr gehabt als in der Zwischenzeit.
Stand es so im Norden schlecht genug — die Rheinmündung
war in den Händen von Holland, Frankreich und Spanien;
die Weser- und die Odermündung waren schwedisch, die der
Weichsel war polnisch, die der Elbe halb und halb dänisch —,
so bot auch der Süden kaum ein besseres Bild. Der Handel
zach Frankreich verfiel mit der Durchführung des großen
        <pb n="375" />
        Wirtschaftliche und soziale Lage nach dem Dreißig jahrigen Kriege. 361

Colbertschen Systems jenseits der Vogesen fast zum reinen
Passivhandel; Italien war aus den Ländern reger Handels⸗
tätigkeit ausgeschieden und befruchtete so mit seinem Verkehre
kaum noch einige süddeutsche Städte; und im Osten hinderten
die Türken bis zum Schlusse fast des zweiten Jahrzehnts des
18. Jahrhunderts jede Initiative.
So war denn noch bis ins 18. Jahrhundert hinein der
größere deutsche Kaufmann der Regel nach nur Kommissionär,
Spediteur, Agent, Faktor fremder, namentlich englischer oder
holländischer Großhändler, oder er war Detaillist; und im
ganzen lebte die deutsche Industrie von dem Gelde, das sie
durch die fremden Besteller verdiente. Unter dem besseren
Kaufmann aber und neben dem ehrsamen Kramhändler machte
sich, ohne rasch unterdrückt werden zu können, ein furchtbar
entartetes Hausiererwesen breit: Siebmacher, Glas⸗, Kupfer⸗,
Olitäten⸗ und Tabulettkrämer, vielfach Deutsche, teilweise aber
auch Ausländer: Italiener, Böhmen, Schotten, nur selten ehr⸗
liche Gesichter, oft Vagabunden.
Gewiß blieb nun trotz alledem noch hier und da etwas
von einstigem Glanze und auch von alter Tüchtigkeit bestehen;
so vor allem in einigen süddeutschen, nicht den Grenzen zu nahe
gelegenen Städten, besonders in Nürnberg. Hier blühte nach
wie vor eine gewisse Industrie des Luxus gleich den heutigen
Irticles de Paris, das „Nürnberger Werk“; und ihre Er⸗
zeugnisse gingen durch die ganze Welt. Und auch die Waffen⸗
industrie und der Waffenhandel hörten nicht ganz auf; vor
allem die steirische Eisenindustrie blieb bedeutend und ihre
Produkte füllten in alter Weise die hohen Räume des venezia—
nischen Fondaco.
Allein viel hatte das alles doch nicht zu bedeuten, und
ein großer internationaler Zug vor allem wohnte auch diesem
Verkehr nur in sehr mäßigen Grenzen inne. Im ganzen war
der Weltverkehr von Deutschland, soweit es aktiv am Handel
teilnahm, abgelenkt; und nur einige Binnenmärkte blühten auf,
sei es als Zentren geschlossener Verkehrsgebiete, wie zumeist die
Haupt⸗ und Residenzstädte der neuen Territorialstaaten, sei es
        <pb n="376" />
        362 Achtzehntes Buch. Erstes Kapitel.

auch als Vermittlungspunkte dieser Verkehrsgebiete, wie Frank⸗
furt a. M. und, zugleich für den ausländischen Osten und Eng—
land mit von Bedeutung, Leipzig und Breslau. Charakteristisch
aber ist, daß zu diesen lokalen Zentren mit bloßem Zwischen⸗
handel auch die Rheinstädte gehörten, so neben Frankfurt
auch Köln und Straßburg: Holland hatte den Rhein für den
internationalen Verkehr so gut wie gesperrt, und Deutschland
war damit der letzten großen Verkehrsstraße beraubt, die zur
Freiheit und Größe des Welthandels führte.
Es war der Punkt der gesamten wirtschaftlichen Entwick—
lung, an dem sich vielleicht am deutlichsten zeigt, wie arm
Deutschland zugleich an politischer Macht geworden war. Denn
welches auch nur einigermaßen kräftige Staatswesen hätte sich
einen so offenen Eingriff eines Nachbarstaates gefallen lassen,
der räumlich weit kleiner war als es selbst und noch zu
Menschengedenken nichts als einen Teil nur der eigenen Macht
und des eigenen Umfangs gebildet hatte?
        <pb n="377" />
        Zweites Kapitel.
Politische Cage nach dem Dreißigiãhrigen Kriege.

Der Westfälische Friede hatte das europäische Übergewicht
Frankreichs und Schwedens noch nicht zu einem abschließenden
Ausdruck gebracht. War Schweden durch reiche Länder in
Deutschland entschädigt worden, so hob diese Tatsache doch das
durch ein Menschenalter von Kämpfen entwickelte und betätigte
kriegerische Bedürfnis der Nation keineswegs auf: sie war jetzt
auf neue militärische Expeditionen in allen ihren Lebensbedürf⸗
nissen angewiesen; ihre politischen Organe wie ihre soziale
Struktur waren zu der eines Angriffsstaates umgebildet. So
war von dieser Seite her keine Ruhe zu erwarten.
In Frankreich lagen die Dinge bis auf einen gewissen
Grad umgekehrt, aber für Deutschland nicht besser. Die Fran⸗
zosen hatten sich in den Kämpfen des Dreißigjährigen Krieges
aͤls alles andere denn als ein kriegsgewohntes Volk erwiesen.
Es war das auch im Friedensschlusse infofern zum Ausdruck
gelangt, als ihr Gewinn — wenn er auch mit den schwersten
Dpfern des Reiches erkauft ward — doch im Verhältnis zu
ihren Anstrengungen und der Ausstattung Schwedens gering
war. Indes bestand doch die Tatsache, daß Frankreich nun⸗
mehr das an Machtmitteln reichste Land des Kontinents war
und immer mehr ward; und auch seine kriegerischen Lorbeeren
begannen in den Wechselfällen des weitergeführten Krieges gegen
Spanien nochmals zu ergrünen. Als dieser dann durch den
Pyrenäischen Frieden des Jahres 1689 abgeschlossen wurde,
        <pb n="378" />
        364 Achtzehntes Buch. Zweites Kapitel.

war Frankreich zweifelsohne die führende Macht Westeuropas:
und es lag auf der Hand, daß es jetzt Gewinne nachfordern
würde, die einzuheimsen ihm der Westfälische Friede noch nicht
gestattet hatte.
So drohten von Südwest und Nordost, von den großen
führenden Mächten des letzten Abschnittes des Dreißigjährigen
Krieges, dem Reiche auch fürderhin schwere Gefahren: der
Krieg hallte gleichsam in ihnen nach: ihre Befürchtung und
ihr Eintritt hat fast noch die ganze zweite Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts beherrscht; und nur in der energischen Sammlung
Osterreichs während der Türkenkämpfe der achtziger und neun—
ziger Jahre, sowie in der langsamen inneren Kräftigung
wichtiger Territorien im Reiche, vor allem Brandenburgs,
zeigten sich Spuren wahrhaft eigenständigen und fortschreitenden
volitischen Lebens.
Unmittelbar nach dem Friedensschlusse aber sah es im
Reiche überhaupt keineswegs danach aus, als ob nun all' Fehd'
ein Ende hätte. Schon die vorhandenen großen Soldheere auf⸗
zulösen, ergab sich als eine schwere Aufgabe, an deren Be—
wältigung man gelegentlich fast verzweifelte. Auch wenn sie von
französischen oder schwedischen Generälen geführt wurden, be—
standen sie doch zum großen Teile aus Deutschen: Deutsche vor
allem hatten sich gegen Deutsche in den letzten Jahren des Krieges
geschlagen und vom Kriege gelebt. Wohin jetzt diese verwilderten
Elemente verbannen? Es ist der Vorschlag gemacht worden, sie
systematisch zur Besiedlung des verödeten Landes heranzuziehen,
mit ihnen zu „populieren“, wie einst verlassene Gebiete des
Römerreichs durch Veteranen bevölkert worden waren. Schließlich
gelang es wenigstens, sie abzudanken, freilich unter Kosten, die
dem Reiche das Opfer vieler Millionen auflegten.
Und stand denn auch im übrigen die Ausführung der
Friedensbedingungen so gänzlich fest? Hatte man sich nicht
schließlich mehr aus Erschöpfung denn aus Friedensliebe ver⸗
tragen? Die Protestanten klagten über den Ausschluß ster—
reichs aus der allgemeinen Pflicht religiöser Duldung im
Reiche; die Katholiken fürchteten die Durchführung jener
        <pb n="379" />
        Politische Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 365

Restitutionen, für die das Jahr 1624 als Normaljahr vor⸗
geschrieben war. Es bedurfte aller Anstrengung der schwedisch—
protestantischen Politik, ja des schwedischen Heeres unter seinem
Generalissimus Karl Gustav von Pfalz⸗Zweibrücken, dem nach⸗
maligen Schwedenkönig, um sie zur Nachgiebigkeit zu veranlassen;
erst der Friedensexekutions⸗Hauptabschied vom 26. Juni 1650
besiegelte diese; und erst damals feierte man an vielen vor⸗
sichtigen Orten im Reiche das Dankfest für den Frieden, der
wwei Jahre zuvor verkündet worden war.
Gleichwohl blieb die Luft im Reiche trüb, und trotz
allem drohte Sturm von den auswärtigen Mächten. Wie der
doppelten Ungewißheit begegnen? Die Territorialherren hatten
jetzt freilich das Recht der Souveränität, aber damit hatten
sie auch sich „selbsten zu salvieren“; selbstherrlich, aber klein,
hatten sie um so mehr um ihr Schicksal besorgt zu sein. Sie
konnten ihre Zukunft nur retten durch gegenseitiges Bündnis.
Und so begannen alsbald nach dem Friedensschlusse im Reiche
die lebhaftesten Bundnisbewegungen, sich gegenseitig durch—
schlingend, durchdringend: ein wüster Knäuel bald aufrichtiger,
bald hinterhaltiger Verhandlungen, entgegengesetzter Absichten.
schließlich geringer Erfolge.
Zunächst fanden sich die Stände des oberrheinischen, dann
auch des kurrheinischen Kreises in besonderen Verteidigungs⸗
bünden zusammen; diese galten vor allem dem Schutze gegen die
bedrohlichen Einlagerungen des landflüchtigen Herzogs Karl
von Lothringen, der das Rheinland allenthalben brandschatzte,
bis er von den Franzosen beseitigt ward. Es war eine Be—
wegung, die noch nicht uüber die gesetzmäßige Bezirkseinteilung
des Reiches hinweggriff. Aber hald entwickelten sich auch reichs⸗
gesetzlich nicht gegebene und nicht zugelassene Brennpunkte weiterer
Bündnisbestrebungen; vor allem verhandelten die drei braun⸗
schweigischen Höfe miteinander; und, mit ihnen schlossen sich im
Jahre 1652 das schwedische Bremen⸗Verden und Hessen⸗Kassel
in der sogenannten Hildesheimer Allianz zusammen.
Es waren Bestrebungen, die vor allem dem Schutze der
eigenen Lande, weniger höheren politischen Zwecken galten. Diese
        <pb n="380" />
        366 Achtzehntes Buch. Zweites RKapitel.

dagegen nahm der westfälische Graf Georg Friedrich von Waldeck,
damals der kühne Leiter der brandenburgischen Politik, in seine
Ziele auf. Sein Kurfürst Führer der protestantischen Fürsten—
partei im Reiche, ja darüber hinaus Haupt eines interkonfessio—
nellen Fürstenwiderstandes gegen das Haus Habsburg: das war
sein großer, in glänzenden Denkschriften entwickelter Plan. Die
wirklichen Ergebnisse wurden freilich so kühnem Wollen in keiner
Weise gerecht. Mit Kursachsen und Kurpfalz, den früheren
Trägern der protestantischen Oppositionsideen im Reiche, konnte
der junge Rival Brandenburg schwerlich ergebnisreiche Ver—
handlungen führen; Braunschweig, das aufstrebende Haus des
westlichen Norddeutschlands, wurde nur schwer und unzureichend
gewonnen; und der zeitweis Brandenburg wohlwollende, ja
befreundete Kurfürst Maximilian Heinrich von Köln, zugleich
Bischof von Lüttich und Hildesheim, ein bayrischer Prinz,
—000—
westens bei, der sich auf Anregung des Bischofs von Münster
gebildet hatte, und dessen Mitglieder wenigstens teilweise Branden⸗
burg feindlich gesinnt waren. So halfen auch Subsidienverhand⸗
lungen mit Frankreich nichts: die brandenburgischen Absichten
blieben unverwirklicht.
Einen gewissen Erfolg hatten schließlich nur erneute
Bundesbestrebungen am Rhein, deren Mittelpunkt der patrio—
tische Kurfürst Johann Philipp von Mainz war; wir werden
ihnen noch später in der Erzählung der Schicksale der Rhein—
lande begegnen.
So viel aber war nach allem etwa um das Jahr 1658 klar:
wohin man nur im Reiche sah, da machten die Fürsten von
ihrer neuen Souveränität in diplomatischen Verhandlungen den
weitherzigsten Gebrauch. Gewiß war nun diese Haltung nicht
neu; schon das 16. Jahrhundert hatte den Schmalkaldischen
Bund, die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts die Union und
die Liga entstehen sehen. Aber doch war man sich im wesent⸗
lichen wenigstens des Außerordentlichen, wenn nicht des Un—
gesetzlichen dieser Vereinigungen bewußt gewesen. Jetzt dagegen
erschienen sie völlig berechtigt, und auch die kleinsten Fürsten
        <pb n="381" />
        Politische Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 367
beteiligten sich an ihnen aufs lebhafteste. Hatten nicht im
Dreißigiährigen Kriege eine Landgräfin von Hessen-Kassel, ein
Herzog von Weimar fast entscheidende Rollen gespielt? Nichts
schien auch dem geringsten unter diesen Fürsten minderen Maßes
unerreichbar, und für nicht wenige ward auswärtige Politik
zur Sucht abenteuerlicher Betätigung.
Es war ein Gefühl des Uberschwangs gleichsam nun end⸗
lich legitimierter Selbständigkeit, das durch diese Welt der
Fürsten ging. Jetzt war man frei, souverän: wo waren gegen⸗
uͤber der fürstlichen Libertät die anderen Stände des Reiches
geblieben? Die Reichsritterschaft war nunmehr im wesentlichen
auf den Südwesten des Reiches beschränkt; in Norddeutschland, in
Hsterreich, in Bayern war der Adel mit wenigen Ausnahmen
landsässig gemacht worden. And auch in ihrem eigensten Ver⸗
breitungsgebiete saß sie trotz ihres im Jahre 1577 geschlossenen,
1650 erneuerten Gesamtbundes keineswegs sicher. Von allen
Seiten her strebten die Fürsten ihre Einverleibung in benach⸗
barte Länder an; besonders die pfälzischen Kurfürsten gingen
in dieser Absicht energisch vor; und mit Muhe vermochte der
Kaiser sie zu erhalten, so viel er auch für sie eintrat, wohl⸗
hekannt mit den Sympathien, deren er gerade in ihren Kreisen
genoß. Denn an wen anders sollten die Reichsritter sich anschließen
Ils an den Kaiser? Er schirmte die katholischen Fürstentümer,
deren Kapitularstellen die nachgeborene Jugend der rRitterschaft
umwarb; er entnahm ihren Reihen reisige Krieger und gelegent⸗
lich auch noch Beamte und Heerführer; er war es, der ihre
exemte Stellung zur Aufrechterhaltung kaiserlicher Rechte auf
dem alten Reichsboden Süddeutschlands gelegentlich aufbot.
Freilich: diese exemte Stellung hat der Reichsritterschaft auf
die Dauer wenig genützt. Keiner Pflicht gegen das Reich,
weder der der Steuer noch der des Kriegsdienstes, es sei denn
bei Aufforderung des Kaisers in höchster Not, unterworfen, aber
auch keines Rechtes, am wenigsten dessen der Mitwirkung im
Reichstage, gewiß, ist sie schließlich das Aschenbrödel der Nation
geworden, ein verkümmerter Stand einseitigster und örtlichster
Interessen — alles andere als ein wirklicher Adel des Reiches.
        <pb n="382" />
        368 J Achtzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Aber auch gegenüber dem Bürgertum der großen Städte
gewannen die Fürsten jetzt vollends das Übergewicht. Wir
wissen, wie sehr die Entwicklung der Großstädte durch die all—
gemeinen wirtschaftlichen Vorgänge seit der ersten Hälfte des
16. Jahrhunderts unterbunden worden war!. Nun ging ihnen
vielfach auch noch die letzte Errungenschaft früherer Blütezeiten
verloren, die Freiheit. Zwar gab es Städte, die sich selbst jetzt
noch schon bestehender landesherrlicher Einwirkung zu entziehen
suchten und tapfer für eine erst zu erringende Selbständigkeit
kämpften: so in Westfalen allein schon Herford, Minden und
Osnabrück. Im ganzen aber war die Lage umgekehrt. Wo
große Städte, sei es unter dem vollen Titel der Reichsfreiheit
oder unter dem Anspruche tatsächlich bestehender Autonomie,
—
tige Landesherren gegen sie vor; und fast stets endete der un—
gleiche Kampf mit der festeren Einverleibung der Städte in
die siegreichen Territorien. So ist Münster 1661 an das Bis—
tum gleichen Namens gefallen, Erfurt 1664 an Mainz, Magde—
burg 1666 an Brandenburg, Braunschweig 1671 an Wolfen⸗
büttel; und hielten sich an der Nordsee die alten Hansestädte
Bremen und Hamburg gegen die Angriffe Schwedens und Däne—
marks unter sauren Mühen noch eben aufrecht, so hatten sie
es doch wesentlich dem Umstande zu danken, daß ihre Feinde
gegeneinander in offenem Wettbewerb, als Ausländer galten
oder Ausländer waren, daß die Niederlande für sie ein—
traten, weil sie am Nordseestrande dänisches und schwedisches
Regiment scheuten, und daß vor allem die benachbarten deutschen
Fürsten keinen der Nordlandskönige als Sieger wünschten; zum
Schutze Bremens gegen Schweden haben im Jahre 1666 die
Generalstaaten, König Friedrich von Dänemark, der Große Kur⸗
fürst und die Herzöge von Braunschweig einen ausdrücklichen
Bund geschlossen.
Noch weniger aber als in Norddeutschland behielt in Süd⸗
deutschland das Bürgertum seine alte Bedeutung. Zwar kam

Bgl. Bd. VI, S. 12 ff.
        <pb n="383" />
        Politische Lage nach dem Dreißigjahrigen Kriege. 369

es hier zu keinen beachtenswerten Einverleibungen; das gegen—
seitige Verhältnis zwischen Fürsten und Städten war dazu
von alters her zu konsolidiert, und selbst Reichsstädte wie Jsny
und Bopfingen, Buchau am Federsee und Zell am Harmersbach
konnten alle Herrlichkeiten ihrer Souveränität späteren Zeiten
vererben. Aber die politische Bedeutung war auch den größeren
Städten verloren gegangen. Gewiß hielt sich Nürnberg,
reich mit Landgebieten ausgestattet, noch auf beachtenswerter
Höhe; auch Köln, Frankfurt und Straßburg mochten noch ge—
nannt werden, während Augsburg sich nur schwer von den
Schlägen des großen Krieges erholte: indes auf dem Reichs—
tage hatten sie, trotzdem sie mit den anderen Reichsstädten neben
Kurfürsten und Fürsten ein besonderes Kollegium ausmachten,
ihre politische Bedeutung so gut wie ganz verloren!. Eines
der zahlreichen Sedimente der Reichsverfassung, wurden sie
in die künftigen Zeiten mit hinübergenommen rein auf den
Rechtsgrund hin, daß sie nun einmal da waren; davon, daß
sie gegenüber dem steigenden Absolutismus der Fürsten etwa
die Rechte des Bürgertums genügend vertreten hätten, war
nicht die Rede.
So war denn das Reich jetzt im ganzen ein aus kaiserlich⸗
monarchischer Vorzeit herausgewachsener, von ihr noch vielfach,
doch wesentlich nur äußerlich abhängiger Bund von Fürsten.
Dabei waren die Machtmittel der einzelnen Fürsten weit davon
entfernt, einander gleich zu sein. Hatten sich die Kraftäußerungen
einer ganzen Anzahl fürstlicher Geschlechter im 16. Jahrhundert
noch eben die Wage gehalten, so erschienen jetzt von Jahrzehnt
zu Jahrzehnt deutlicher die Umrisse eines anders gearteten Zu⸗
standes, indem unter den gesteigerten Ansprüchen des politischen
Absolutismus und der geldwirtschaftlichen Entwicklung stärkere
Konzentrationen von Machtmitteln nötig wurden und auftraten,

Der Reichstag vom Jahre 1658 überließ der Städtekurie das votum
deécisivum, das ihr noch der Westfälische Friede zugesprochen hatte (IPO.
Art. 8, 8 H, nur insofern, als es immer erst eingeholt werden sollte,
wenn die beiden oberen Kurien sich schon über ein gemeinsames Votum
geeinigt hatten.
Lamvrecht. Deutsche Geschichte. VI.
        <pb n="384" />
        370 Achtzehntes Buch. Zweites Lapitel.

wie sie nur noch wenige, erste Fürstengeschlechter unter lang⸗
samer Unterdrückung der anderen aufzubringen vermochten.
Daher traten die kleinen Fürstengeschlechter zurück; in
den Vordergrund schoben sich die ausgedehnteren Mächte des
Nordens und Ostens, namentlich der Kolonisationsgebiete, deren
ausgedehntes Areal, einst in extensivster Weise eingenommen
und benutzt, nun intensiverer Beherrschung unterworfen ward
und damit schon an sich den kleinen westlichen, schon seit langer
Zeit intensiver ausgebeuteten Territorien überlegen auftrat!.
Dementsprechend ging den alten zentralen Reichsgebieten
Südwestdeutschlands die Führung, die für sie schon im 16. Jahr⸗
hundert zweifelhaft geworden war, nun vollends verloren. Hier,
am Rhein und in Schwaben, in Hessen und am Main, blühten
die Institutionen der Reichskreisverfassung, in ihr lebten die
kleineren Fürstenhäuser ziemlich gleich mächtig wie in einer
Miniaturnachbildung der alten Reichsverfassung dahin. Zwar
hatte die hessische Familie noch während des Dreißigjährigen
Krieges sich zu höherer Bedeutung herausgehoben, nun aber
hatte eben der Friedensschluß dieses Krieges die alte Vierteilung
ihres Landes, wie sie seit Philipp dem Großmütigen eingetreten
war, bestätigt, und namentlich die Trennung von Hessen⸗Kassel
und Hessen-Darmstadt war unverbrüchlich geworden. Nicht
minder trat Württemberg geschwächt aus den Wirren des
Dreißigjährigen Krieges, die ihm bei einem Haare völlige Auf⸗
teilung und Zerschlagung gebracht hätten; in die Fäden einer
landständischen Verfassung eingesponnen, die von den guten
Anfängen des Jahres 1514 ab immer sonderbarer hinter der
allgemeinen politischen Bewegung zurückblieb, hat es bis zum
19. Jahrhundert nur eine geringe Rolle gespielt. Freilich
hedeulete das die politische Lahmlegung des schwäbis chen Stammes,
wie schon der friesische durch politische Zweiteilung zwischen
Generalstaaten und Reich, der alemannische durch entsprechende
Zweiteilung zwischen Reich und Eidgenossenschaft, der fränkische
ind thüringische durch die unendliche Zersplitterung des Reichs⸗

—J

Val. hierzu Bd. IV2, S. 14f.
        <pb n="385" />
        Politische Lage nach dem Dreißigiährigen Kriege. 371

territoriums lahmgelegt worden waren: nur bayrische und
allenfalls niedersächsische Stammesart hat sich der territorialen
Ausgestaltung Deutschlands seit dem 16. Jahrhundert un—
versehrter eingeordnet.
Im übrigen befand sich in den Gegenden der alten Reichs⸗
zentren, wie sie unter dem zermalmenden und zerkleinernden
Verlaufe der Reichsentwicklung besonders gelitten hatten, nur
noch ein größeres Land: die Pfalz. Aber auch dies war jetzt, nach
den schweren Schicksalen des Winterkönigs, auf die Gegenden
am Rhein beschränkt, und zahlreiche Nebenlinien, die Neuburgische,
die Sulzbachische, die Zweibrückener waren ihm entsprossen. Aber
noch ließ sich ein Teil des verlorenen alten Glanzes wieder⸗
herstellen, als Karl Ludwig, der älteste Sohn des Winter—
königs, in den zerfallenen Prachtbau Heidelbergs einzog und,
seit Kindesbeinen vperbannt, zum ersten Male das Land
seiner Väter verständnisvollen Blickes schaute. Bald schuf sein
frohsinniger Mut und sein praktischer Verstand es in der Tat
wieder zu einem Garten Deutschlands um, — bis es Molacs
rauhe Scharen von neuem zertraten.
Um wie viel sicherer walteten demgegenüber die großen Ge⸗
schlechter des Ostens! Zwar stand auch hier Brandenburg in
der Bresche gegen Schweden und Polen, und Hsterreich auf der
Wacht gegen den Türken; und eben in diesen auswärtigen Be—
ziehungen nach Osten hin wuchsen diese beiden Mächte über die
politischen Zusammenhänge des alten Reiches hinaus. Aber von
ihnen nach Osten zu teilweis gedeckt und nach Westen zu nicht
unmittelbar von Frankreich in Anspruch genommen lebten die
bayrischen Wittelsbacher, die sächsischen Albertiner und die einst⸗
weilen noch vielgeteilten braunschweigisch⸗lüneburgischen Welfen
dahin, jedes dieser Häuser für seine Umaebungq maßgebend, ja
herrschend.
Von ihnen blieb Bayern die spezifisch katholische Macht
bis zu dem Grade, daß es sogar den dauernden territorialen
Gegensatz zu dem benachbarten Hsterreich benutzte, um sich als
besonderen Träger katholischer Ideen auszuspielen, während
die ehedem protestantische Oberpfalz von seinen Herrschern noch
24*
        <pb n="386" />
        372 Achtzehntes Buch. Zweites Kapitel.

im 17. Jahrhundert völlig dem Katholizismus gewonnen ward.
In ähnlicher Weise vertrat Sachsen das spezifische Luthertum.
Allein geschwächt durch Zulassung dreier Sonderlinien zu
Weißenfels, Zeitz und Merseburg, zudem unter den Konse⸗
quenzen seiner unglücklichen Politik während des Dreißigjährigen
Krieges nun keineswegs mehr Vertreter freierer protestantischer
Strömungen und Bedürfnisse, konnte es schon als eine kon⸗—
servative Macht zählen, deren altes Ansehen nur noch mühsam
durch historisch erworbene Ansprüche gedeckt wurde.
Im Gegensatze hierzu ward Brandenburg von Tag zu Tage
mehr die aufstrebende protestantische Macht; wir werden davon
später noch Genaueres zu hören haben. Und neben ihm traten
die Welfen auf den Plan. In kraftvollster, übersäftiger Aus—
bildung von Seitenlinien hatten sie sich während des späteren
Mittelalters und im 16. Jahrhundert zersplittert; jetzt hatten
Hausverträge der Jahre 1688 und 1686 wenigstens nicht mehr
als eine Dreiteilung ihres Landes noch zugelassen; und weitere
Reduktionen schienen in Aussicht. Und schon hatten die Welfen
auch in geistiger Beziehung eine besondere Stellung einzunehmen
hegonnen. Wie einst am Hofe des lustigen Herzogs Welf
die Fahrenden gezecht und gesungen hatten, wie in der Pfalz
Heinrichs des Löwen deutsche Dichtung gepflegt worden war,
so fanden jetzt geistige Interessen seitens der Nachkommen er⸗
neute Pflege; und eine freiere Strömung als die des kirchlichen
Protestantismus verbürate der Wissenschaft eine voraussetzungs⸗
lose Stätte.
Über all diesem reichen Leben aber, das sich auch in
mannigfach abweichenden politischen Strebungen äußerte, standen
nun Kaiser und Reich. Konnten sie es noch einheitlich gestalten,
zinden, zusammenhalten?

II.
Der Kaiser hatte kaum noch volle monarchische Rechte.
Er belehnte zwar formell noch alle Stände des Reiches.
Aber bei diesem Akte war selbst die alte Feierlichkeit schon
        <pb n="387" />
        Politische Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 373

geschwunden; statt daß er den persönlich anwesenden Fürsten
noch Fahne und Zepter übergab, hatte er sich damit zu be⸗
gnügen, deren Gesandten zum Kusse auf den Knauf des Lehns-⸗
schwertes zuzulassen.
Der Kaiser vertrat auch das Reich noch nach außen, aber
in Kriegserklärung und Vertragsabschluß war er von einem
Reichstag abhängig, den er zwar zu berufen hatte, aber, so⸗
lange es anging, nicht berief: denn während der Tagungen
desselben pflegten weitere, noch vorhandene Reste kaiserlicher
Initiative verloren zu gehen, — bis schließlich als wichtigster
nur noch das Veto gegen Reichstagsbeschlüsse übrigblieb.
Und wenn der Kaiser die Rechte, welche ihm im inneren
Bezirke des Reiches noch geblieben waren, nun wenigstens noch
selbständig hätte ausüben können! Aber hier traten ihm die
Kurfürsten in fortdauernder Erweiterung ihrer Rechte durch die
Wahlkapitulationen entgegen. Er hatte s chließlich ihre Zustimmung
nachzusuchen zu Bündnissen und kriegerischen Unternehmungen,
zur Erhebung von Steuern, zur Erteilung von Münz- und
Zollprivilegien, zur Veräußerung von Reichsgütern und Reichs⸗
gefällen, zur Wiederverleihung heimgefallener Lehen, die „etwas
Merkliches ertrugen“, sowie zur Ausschreibung von Reichs⸗
tagen; ja er hatte sie überhaupt zur Beratung aller wichtigen
Reichsangelegenheiten hinzuzuziehen und mußte ihre Berechtigung
anerkennen, sich zur Beratung solcher Angelegenheiten allein und
ohne seine Zustimmung zu versammeln. Und damit noch nicht
genug war es ein beständiges Streben des Reichstages und
namentlich der auf die „Präeminenz“ der Kurfürsten eifersüchtigen
Reichsfürsten, sich nun auch ihrerseits in den Besitz der kurfürst⸗
lichen Aufsichts⸗ und Zustimmungsrechte gegenüber dem Kaiser
zu bringen, und in den westfälischen Friedensverhandlungen
wie nach diesen waren in dieser Richtung nicht unwesentliche
Fortschritte gemacht worden.
Hätte nun dem Kaiser gegenüber diesem dauernden und
immer wachsenden Andrang wenigstens eine feste und regel⸗
mäßige Vollstreckungsgewalt für das ihm gebliebene Maß von
Rechten zugestanden! Aber davon war mit keinem Worte die
        <pb n="388" />
        374 Achtzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Rede. Längst war die Fülle einstiger kaiserlicher Lokalbeamter
bis auf traurige Reste verweht. Und mehr: auch die zentralen
Verwaltungsämter des Reiches wurden, mit Ausnahme der
eigentlichen, politisch unbedeutenden Reichshofstellen nicht mehr
vom Kaiser besetzt.
Gewiß gab es noch einen mächtigen Stock reichsständischer Be⸗
amter, der sich aus den Reformbestrebungen zur Zeit Marimilians J.
erhalten und entwickelt hatte. Da kamen die Räte des Reichs⸗
kammergerichts in Betracht, da waren die Reichsschatzmeister,
soweit sie noch bestanden, und die Reichsgeneräle. Aber sie alle
wurden von den Ständen ernannt! Und sogar die Verfügung
über die Besetzung der alten, unmittelbaren Reichskanzlei des
Mittelalters war dem Kaiser verloren gegangen!; seit etwa
1570 war sie in die Hände des Mainzer Kurfürsten in seiner
Eigenschaft als Erzkanzler geglitten. Das bedeutete nicht
weniger, als daß alle Verfügungen, die der Kaiser traf, sinte⸗
malen sie der Reichskanzlei als einziger Ausfertigungsbehörde
unterbreitet werden mußten, der Beglaubigung kurmainzischer
Angestellter bedurften.
Nun war zwar von den Kaisern als Gegengewicht gegen
diese ständische Ausweidung ihrer Verwaltungsrechte seit
Maximilian J. der Hofrat zu Wien entwickelt worden. Aber
anfangs als oberste Justiz- und Verwaltungsbehörde für das
Reich wie die österreichischen Erblande gedacht, später, unter
Ferdinand J., in der Tat zu einer Art Reichsministerium, wenn
auch wesentlich nur zum Zwecke der Beratung der kaiserlichen
Person, entwickelt, hatte er sich mit seinen Funktionen bald
auf die Rechtspflege zurückgezogen: schon seit den sechziger
Jahren des 16. Jahrhunderts bildete er mehr eine mit dem
Reichskammergericht konkurrierende Gerichtsinstanz als ein
Ministerium. Gewiß war er damit für den Kaiser noch immer
eine Behörde von höchster Bedeutung, und gewiß unterzog sich
anderseits bald eine andere Behörde, die am österreichischen
Hofe seit dem 15. Jahrhundert langsam aus unregelmäßigen

56.
IVsa, S. 51,
Vgal. Bd.
        <pb n="389" />
        Politische Lage nach dem Dreißigjahrigen Kriege. 375
Anfängen entwickelt worden war, der Geheime Rat, den zen—
tralen Verwaltungsaufgaben. Aber war denn zu der Zeit, da
diese Verschiebung eintrat, uüberhaupt noch viel von eigentlichen
Verwaltungsfunktionen einer kaiserlichen Zentralbehörde die Rede?
Soweit diese regelmäßig und periodisch waren, erschöpften sie
sich fast in der Ernennung der Notarii publici, in der Ver—
leihung von Titeln und Standeserhöhungen, sowie in einigen
administrativen Einwirkungen auf die Frankfurter Messe. Im
ubrigen bewegte sich, was noch vom alten regelmäßigen Lebens⸗
pulsschlage des Reiches übriggeblieben war, vielmehr auf dem
Gebiete der Gesetzgebung und führte vor das Forum des
Reichstags.
Der Reichstag aber — welch Bild kläglichen Unvermögens
und zaudernder Entschlußlosigkeit! — Wenn Oxenstierna schon
vom ganzen Reiche in gut schwedischem Patriotismus behauptet
hatte, es sei eine confusio divinitus conservata, so ist man
versucht, dies Wort in seinem bitteren Hohne vor allem auf den
Reichstag der zweiten Halfte des 17. Jahrhunderts und des
18. Jahrhunderts anzuwenden. Wie die Fursten nicht mehr, gleich
ihren Ahnen vor alters, zum Hofe des Kaisers kamen in der Pflicht
festlicher Repräsentation, so erschienen sie seit 1663 auch nicht
mehr auf dem Reichstage: dieser begann daher zu einem Ge⸗
sandtenkongreß herabzusinken, auf dem der Kaiser durch einen
Prinzipalkommissarius fürstlicher Abkunft und einen gelehrten
Konkommissarius, die Fürsten aber bald kollektiv, bald einzeln
durch Räte vertreten waren, die niemals ohne Instruktionen
und Relationen von und nach Hause bes chließen konnten. Was das
bedeutete bei schlechten Verkehrsverbindungen und 100 Stimmen
in der Kurie der Reichsfürsten, sowie 37 Mitgliedern in der
der Städte, das braucht nicht erst gesagt zu werden.
Endlos schleppten sich die Erörterungen, durch eine schlechte
Geschäftsordnung noch des weiteren aufgehalten, dahin; das
Wichtigste wurden schließlich Rangstreitigkeiten der Gesandten;
brennende Fragen wurden so gut wie nie rechtzeitig erledigt.
So begreift es sich, wenn dem Reichstage unvermerkt, und
ohne Vrotest fast seinerseits, ein gesetzgeberisches Recht nach
        <pb n="390" />
        376 Achtzehntes Buch. Zweites Kapitel.

dem andern zugunsten der viel lebhafteren Gesetzgebung der
Territorien, ja sogar zugunsten des regeren Lebens der einzelnen
ständischen Vertretungen der Reichskreise verloren ging.
Vor allem galt dies für das ganze Gebiet der Kultur—
bestrebungen des modernen Staates, wie es dem alten Reiche
noch des 14. und 15. Jahrhunderts fast völlig fremd gewesen,
wohl aber mit dem Eintritte der Neuzeit von ihm bebaut
worden war. Da haͤtten sich Kaiser und Reichstag noch im
16. Jahrhundert sehr lebhaft mit einer Fülle von ihnen er⸗
lassener Polizeiordnungen beteiligt; sie hatten ferner Luxus—
gesetze beraten und eine bedeutende wirtschaftliche Gesetzgebung
ins Auge gefaßt; sie hatten endlich auch das kirchlich-religiöse
wie überhaupt die geistigen Gebiete nicht minder berührt wie
die der körperlichen Wohlfahrt. Aber mit dem 17. Jahrhundert
erschlaffte diese Gesetzgebung: selbst die Regelung des Münz-—
wesens, dieses wesentlichsten aller Einheitsbedürfnisse einer Nation
in den Zeiten der Geldwirtschaft, entzog sich ihr allmählich,
und das 18. Jahrhundert hat auf diesen Gebieten nur noch
wenige Reichsgesetze gesehen, — die Territorien waren allent⸗
halben zu Erben des Reiches geworden.
Aber auch auf dem Gebiete der altstaatlichen Funktionen
des Mittelalters, im Gerichts- und Heerwesen, wurde die Initia—
tive des Reiches immer schwächer. Die Reformperiode Kaiser
Maximilians J. hatte hier bei allem Mißgeschick ihres Verlaufes
dennoch als Grundlage jedes weiteren Fortschrittes den Aus—
blick auf zwei wichtige Institutionen, wenn auch noch nicht
oöllig gesichert, hinterlassen: auf die Kreiseinteilung des Reiches
und auf die Anfänge geregelter Reichsfinanzen.
Die Reichsfinanzen waren ursprünglich auf die direkte
Steuer des gemeinen Pfennigs gegründet worden; auch hatte
man Anläufe gemacht, in einer Zollgesetzgebung indirekte
Einnahmen zu entwickeln. Beides war um so notwendiger
erschienen, als alle früher so reichen unmittelbaren Finanzquellen
des Reiches aus Domänen und nutzbaren Hoheitsrechten rettungs—
los zu versiegen begonnen hatten. Aber leider war man von
diesen guten Anfängen bald abgekommen. An deren Stelle
        <pb n="391" />
        Politische Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 377
war ein unglückliches und, weil bald ungerecht verteilt, auch
lastendes System von Matrikularbeiträgen getreten.
Und wenn nun noch alle Reichsstände eine durch Mehr—
heit der Stimmen beschlossene Umlage als für sich bindend an—
erkannt hätten! Aber davon war, wenigstens nach dem West⸗
fälischen Frieden, unter der Einwirkung der jungen Souveränität
der Territorien, nicht mehr die Rede. Ein Beschluß des Lüne—
burger Kreistages vom Jahre 1652 erklärte es „natürlicher
Freiheit ganz zuwider“, „daß einer durch sein Votum verordnen
könne, was ein andrer geben solle“!, und dieser Anschauung
schloß sich, namentlich unter der Einwirkung Brandenburgs,
der Reichstag des Jahres 1653 an. Seitdem bedurfte, obwohl
der Kaiser dies immer wieder bestritt, jeder Beschluß des
Reichstags in Steuersachen grundsätzlich nicht nur der „pluralitas
 votorum“, sondern der Stimmeneinheit. Natürlich war
es unter diesen Umständen völlig unmöglich, eine kräftige Reichs⸗
politik wie nach außen so nach innen zu entfalten.
Namentlich verbot es sich damit auch von selber, die neu—
geschaffene Kreiseinteilung des Reiches in dem an sich schon
uͤbermaͤßig großen Umfang ihrer Kreise — es gab nur deren
zehn? — mit frisch pulsierendem, dem Reichsgedanken unter⸗
geordneten Leben zu erfüllen.
Gewiß fand sich namentlich in den Kreisen, in denen
zahlreiche kleine Reichsstände ohne zu starkes Übergewicht einiger
größeren beieinander saßen, eine nicht unbedeutende autonome
Regsamkeit ein, so namentlich im Südwesten und überhaupt
am Rheine; die Fragen des Landfriedens und der Polizei im
weitesten Sinne des Wortes wurden gemeinsam geregelt; in
besonderen Kreistagen besprach man sich und beschloß zum
Wohle des Landes; und an die Spitze des Bezirks trat ein
Kreishauptmann oder Kreisdirektor mit einem Verwaltungs—
personal zugeordneter Räte. 3

1 Kohler J, 78, zit. Erdmannsdörfer 1, 165 Anm. 1.
eNämlich den österreichischen, burgundischen, kurrheinischen Kur—
mainz, Kurtrier, Kurkoln, Kurpfalz), obersächsischen, fränkischen, bayrischen,
schwäbischen, oberrheinischen, niederrheinisch⸗westfälischen, niederfächsischen.
        <pb n="392" />
        378 Achtzehntes Buch. Zweites Kapitel.

Aber das Reich drang nur noch schwer in diese Zirkel
ein. Denn wie sollte es sich hier ohne Finanzen Organe der
Aufsicht und Mitwirkung schaffen? Schon in der Gerichts⸗
verfassung wurden unter dem Reichskammergericht keine weiteren
kaiferlichen Gerichte, etwa je ein Landgericht für jeden Kreis,
entwickelt; konnte doch selbst am Reichskammergericht der gesetz⸗
liche Bestand an Räten aus Mangel an Gelde fast niemals
erreicht werden, obgleich für dieses Gericht in dem sog. Kammer⸗
zielern eine besondere Matrikularumlage vorzugsweise rigorosen
Charakters begründet worden war. Natürlich war da die
Folge, daß selbst das Kammergericht, trotz einer wesentlichen
Erleichterung seiner Arbeit in Sachen der Revisionen, wie sie
im Jahre 1653 durchgesetzt wurde, doch bald von Resten starrte:
bis zu Bergen erhoben sich die Akten unaufgearbeiteter Prozesse.
Freilich sollte auch hier eine zum November 1654 einberufene
Kommission Abhilfe schaffen. Aber erst im Mai 1767 trat sie
zusammen, um nach zehnjährigem Bemühen ihren Auftrag als
mausführbar zurückzureichen. Wie hätte da gar an eine Er⸗
breiterung der kaiserlichen Rechtspflege nach unten gedacht
werden sollen!
Gewiß war unter diesen Umständen auch für die Heeres⸗
verfassung des Reiches nicht viel zu erwarten. Nachdem die
Aufstellung zeitweiliger Reichssöldner auf Grund der Ein—
nahmen aus dem gemeinen Pfennig zur Zeit Maximilians J.
ebenso gescheitert war wie die Bestallung eines kaiserlichen
miles perpetuus nach dem Dreißigjährigen Kriege, hätte man
wenigstens erwarten können, daß die Kreiseinteilung zur Grund⸗
lage einer kontingentierten Wehrverfassung werde gemacht werden.
Einstweilen geschah aber nichts dergleichen. Vielmehr sollte
das Heer, wenn notwendig, noch ganz nach den längst ver⸗
alteten Prinzipien des Lehnsstaates aufgebracht werden. Dem⸗
nach erfolgte bei drohender Gefahr ein kaiserlicher Befehl zum
Sammeln, übrigens nicht ohne zahlreiche Versäumnisse der Be⸗
fohlenen und dementsprechende kaiserliche Hortatorien und Ex⸗
zitatorien, und dann kamen die Kontingente der Reichsstände,
jsedes einzeln und für sich, jedes also mit eigener Ver⸗
        <pb n="393" />
        Politische Lage nach dem Dreißigjährigen Kriege. 379
pflegung, Bewaffnung, Einteilung, kunterbunt durcheinander
zusammen. Das Ganze ergab dann den betrüblichen, noch
heute im Gedächtnis der Nation fortlebenden Typ der Reichs⸗
armee.
Nun gelangte man allerdings unter den schweren Schlägen
der ersten Franzosenkriege der zweiten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts einigermaßen über dieses Chaos hinaus. Nach der
Keichsdefensionalverfassung des Jahres 1681 wurden die Kreise
zur Grundlage der Heeresverfassung in der Weise gemacht, daß
sich die Kontingente der Reichsstände jedes einzelnen Kreises im
Sinne von besonderen Korps unter der Führung von Kreis⸗
obersten zu sammeln hatten. Doch blieb im übrigen die Selb⸗
ständigkeit und somit auch Buntscheckigkeit der einzelnen Kon⸗
tingente unberührt, nur hier und da wurde sie dadurch
ermäßigt, daß kleinere Reichsstände mit größeren Nachbarn,
die einen miles perpetuus zu halten begannen, den sog.
armierten Ständen, Subsidienverträge abschlossen, wonach die
armierten Stände die Kontingente der kleineren gegen Zahlung
miteinstellten.
Aber auch in dieser Ausbildung blieb das Reichsheer eine
höchst schwerfällige, nur zu Verteidigungszwecken und sogar
kaum zu diesen recht brauchbare Waffe; selbst die bedeutendsten
Feldherren, ein Ludwig von Baden und Eugen von Savoyen,
haben mit ihm nichts Förderliches auszurichten gewußt. Wie
bie Heeresverfassung auf deutschem Boden vielleicht in höherem
Grade als sonstwo immer Abbild der Gesamtlage der Ver⸗
fassung, ja der ganzen geschichtlichen Haltung der Nation ge⸗
wesen ist, so sprach es fich während des 17. Jahrhunderts
schon in jedem ihrer Soldaten aus, daß die Zukunft Deutsch⸗
lands nicht mehr an das Reich, sondern an die Einzelstaaten,
nicht mehr an den Kaiser, sondern an die Fürsten geknüpft war.
Es war eine Erkenntnis, die in radikalster Form, nicht ohne
besondere Betonung schwedischer Interessen und ohne in—
grimmigen Haß gegen Hsterreich, Chemnitz (Hippolithus
a Lapido) schon im Jahre 1640 in seinem pseudonymen Buche
De ratione status in Imperio nostro Romano-Germanico“
        <pb n="394" />
        380 — Achtzehntes Buch. Zweites Kapitel.

vorgetragen hatte!: das Kaisertum sei zu beseitigen und mit
ihm der Einfluß des Hauses Habsburg, dieser familia fatalis
Germaniae; nur auf den Fürsten beruhe die Zukunft Deutsch⸗
lands. Tiefer und in mehr geschichtlicher Auffassung hat dann
siebenundzwanzig Jahre später Samuel Pufendorf unter der
Maske eines in Deutschland wohnenden italienischen Edel—
mannes Severinus de Mozambano in seinem Buche „De statu
Imperii Germaniei* die gleichen Ansichten vorgetragen. Auch
ihm erscheint das Reich als staatliches Ganzes nicht mehr halt⸗
bar, auf eine wie ruhmvolle Vergangenheit es auch zurück—
schaue; keiner der herkömmlichen und der reinen Staatsformen
—
ot monstro simile corpus. Denmnoch will Pufendorf es nicht
radikal verurteilen: glänzend habe es durch lange Jahrhunderte
hin dem Ruhme der Nation und dem Frieden Europas gedient;
sei es nunmehr verfallen, so müsse in seiner völligen Durch⸗
bildung zum Bundesstaat eine neue Grundlage künftig besseren
Daseins gesucht werden.

Vgl. zu dieser Schrift auch unten S. 894; über Pufendorf S. 395 f.
        <pb n="395" />
        Drittes Kapitel.

Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Ab—⸗
solutismus, vornehmlich in Deutschland.

Der Absolutismus des 16. bis 18. Jahrhunderts und vor
allem der des 17. und 16. Jahrhunderts entnahm seine innere
Berechtigung sehr allgemein auftretenden Erscheinungen der
europäischen Kultur. Der steigenden Bevölkerung, dem inten⸗
siveren Verkehr, dem erweiterten geistigen Horizonte genügten
die bisherigen politischen Verfassungsformen nicht mehr, denn
sie waren lokaler Art: gebunden an Geschlecht, Gemeinde,
Staͤdt und Landschaft.
Das galt auch für Deutschland. Hier hätte allerdings die
alte Monarchie jetzt eben recht eigentlich zum ersten Male einen
innersten und wahrsten Grund ihres Bestehens finden können.
Aber von ihren alten Gewalten und Rechten bestanden nur
noch Trümmer, und diese wurden in der Hand von Fürsten,
wie es Karl V. und die späteren Habsburger waren, ihrer
natürlichen Aufgabe, die Nation zu zentralisieren, dadurch ent⸗
zogen, daß man sie von neuem für universalistische oder
wenigstens gutenteils auch außerdeutsche Zwecke mißbrauchte.
Dnrauf fand aber die Tendenz aͤuf Bildung größerer
politischer Körper als die bestehenden, wie sie ein Haupt⸗
bedürfnis der ganzen steigenden Kultur war, auf deutschem
Boden nirgends mehr einen unmittelbaren Anhalt zu ihrer
Durchführung als bei den sonst vorhandenen monarchischen Ge⸗
        <pb n="396" />
        382

Achtzehntes Buch. Drittes Kapitel.

walten. Zwar wurde sie im Grunde mehr durch das Bürger⸗
tum getragen: aber dieses fand die politische Form für ihre
Verwirklichung nicht in sich. Denn diese Form, vom Bürger⸗
tum entwickelt, hätte nur eine republikanische sein können.
Republiken aber eignen sich zur eigentlichen Begründung großer
Staaten nur in der Form des Bundesstaates, und diese Form
war noch unbekannt und wurde für die Bedürfnisse des 17.
und 18. Jahrhunderts nur an einer Stelle aus ganz be⸗
sonderen Gründen mühsam, aber hier nun in der Tat bürger—
lich und republikanisch entwickelt, in den Niederlanden.
Im übrigen fiel dagegen die Aufgabe der Begründung
größerer Staaten, wie sie die steigende wirtschaftliche und geistige
Kultur forderte, allenthalben den Monarchen, in Deutschland
den Fürsten zu. Dabei lag es zwar in der Natur der Sache,
daß diese sie mit Hilfe des Bürgertums entwickeln mußten:
weshalb denn der Abschluß der Bewegung überall ein auf⸗
geklärter, bürgerlicher Absolutismus und, diesem sich schließlich
entwindend, eine bürgerlich⸗konstitutionelle Monarchie war.
Allein zunächst erwies sich das Bürgertum doch noch zu un⸗
gelenk, zu zerstreut und von den alten führenden, in besonderen
politischen Ständen organisierten aristokratischen Schichten des
Laienadels und des Klerus zu sehr überdeckt, um alsbald er⸗
folgreich mit eintreten zu können. Die Folge davon war, daß
die Fürsten der Aufgabe in erster Stelle von sich aus gerecht
werden mußten: und die Folge hiervon wieder war der fürst⸗
liche Absolutismus.
Sind dies die einfachsten und größesten Linien der Ent—
wicklung, so sind diese doch gerade auf deutschem Boden
wiederum nur mit mannigfachen Störungen in Erscheinung
getreten. Zwar die erste Stufe: die Entwicklung des Terri⸗
lorialstaates des 14. bis 16. Jahrhunderts, haben wir im
ganzen wie die übrigen Nationen durchgemacht. Gewiß ist der
italienische Territorialstaat, hervorgehend aus städtischer Tyrannis
und darum mit bürgerlichen und städtischen Mitteln arbeitend,
eine vorgeschrittenere Erscheinung gewesen als der deutsche
Landesstaat noch des 16. Jahrhunderts, und diesseit der Alpen
        <pb n="397" />
        Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Absolutismus. 383

bietet auch der burgundische Staat, ebenfalls ein Staat reicher
städtischer Entwicklung, eine den italienischen Staaten ähnliche
Erscheinung. Aber im ganzen war die Entwicklung der deutschen
Landesstaaten des 16. Jahrhunderts, war die Durchbildung des
sogenannten patriarchalischen Absolutismus auf deutschem Boden
noch normal.
Allein jenseits dieser Epoche und schon in ihren Schluß—
jahren beginnen die besonderen Erscheinungen. Sie beruhen
im wesentlichsten darauf, daß das deutsche Bürgertum aus uns
schon bekannten Gründen heillos verfiel und damit die innerste
Nötigung zur Entwicklung einer großen absoluten Monarchie
— rasch steigende Geldwirtschaft, Einheit des Geisteslebens und
des materiellen Verkehrs großer nationaler Gebiete — hinweg⸗
fiel. Statt dessen blieb nur das einseitige, an sich nicht mehr
genügend fundierte Bestreben der fürstlichen Gewalten übrig,
Staaten absoluter Regierungsgewalt zu begründen. Gewiß lag
auch dies im Interesse der Nation: künstlich von oben her
mußten, war es mit dem Ganzen nicht möglich, so wenigstens
ihre Teile zusammengehalten werden; und mit allen Mitteln
absolut fürstlicher Gewoalt mußte ein neuer Bürgerstand be—
günstigt und geschaffen werden, um, anknüpfend an die letzten
großen Zeiten des 16. Jahrhunderts, eine neue, modernere
Höhe von Staat und Kuliur zu gewinnen. Aber zu einer
natürlichen, raschen Einigung der ganzen Nation unter der
Führung einer einzigen, dem Absolutismus zustrebenden Dynastie,
wie in Frankreich, konnte es nicht mehr kommen: der konse⸗
quentesten und raschesten Entwicklung war das Herz aus—
gebrochen.
Und weil dies der Fall war, so konnte auch die Theorie
der neuen Staatsform nicht eigentlich auf deutschem Boden
entwickelt werden, sondern nur auf dem Boden derjenigen
Staaten, die eine günstigere Entwicklung erlebten. Diese
Staaten aber wiederum konnten nur diejenigen sein, deren
nnere Konsolidation auf dem Wege steigenden Verkehrs unter
der Begünstigung des Welthandels besonders rasche Fortschritte
machte, — die Weststaaten: Spanien, Frankreich, England und
        <pb n="398" />
        384 Achtzehntes Buch. Drittes Kapitel.

auch, obwohl sie republikanisch waren, die Niederlande, insofern
das Denken der niederländischen Gelehrten aus den Vorgängen
der heimischen Kultur her den Argumenten der monarchischen
Vertreter staatlicher Zentralisation leichter zugänglich wurde.
In der Tat haben Deutsche und Italiener, die Völker
jenes Mitteleuropas, das seit den großen Entdeckungen dem
Weltverkehr immer mehr entzogen wurde, nur die Theorie des
absolutistischen Territoriums, nicht aber die des absolutistischen
Großstaates entwickelt. So entstand auf deutschem Boden die
Staatslehre der Reformatoren mit ihrer Anschauung des Fürsten
als einer patriarchalisch-absoluten christlichen Obrigkeit, in
Italien dagegen die weit moderner, geldwirtschaftlicher, städtischer
gefaßte Lehre Macchiavells, — jene Lehre, welche die absolute
Gewalt aus sich heraus zu begreifen sucht, welche, grundsätzlich
fürstlichen Verbrechern von der monumentalen Größe eines
Ghismondo Malatesta oder Cesare Borgia nicht völlig abhold,
jene Vereinigung von Kraft und Talent, die als virtu vom
Fürsten verlangt wird, sogar mit scelleratezza für verträglich
anfieht und darum, kirchlich ungebunden, als Vorstufe für die
absolute Konstruktion der Fürstengewalten in späteren Zeiten
betrachtet werden konnte.
Vor allem aber kommt als sozusagen praktischer und
paradigmatischer Ausgangspunkt der großen absolutistischen
Theorien doch jenes Dreigestirn von Herrschern in Betracht,
die Baco von Verulam als die drei Magier ihrer Zeit be—
zeichnet hat: Ludwig XI. von Frankreich, Heinrich VIII. von
England und Ferdinand von Aragon. Und von besonders her—
oorragender Bedeutung wurden dann später wiederum die fran—
zösischen Herrscher: denn in Frankreich vor allem trat der Über⸗
gang von dem naiven Absolutismus eines Herrschers wie
Ludwig XI. zu dem bewußten eines Ludwigs XIV. offen zu—
tage. Es sind Unterschiede wie zwischen den Tagen eines
Augustus, der noch im Bürgergewand einherschritt, und der
Zeit eines Justinian, der den Kaiser als 26600 ονοσ
(nov. 105 6. 4) bezeichnete. Gewiß wird auch in Frankreich
die Bewegung äußerlich durch die Religionskriege unterbrochen.
        <pb n="399" />
        Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Absolutismus. 385

Allein innerlich waren die Prämissen des Kommenden schon
mit den Zeiten Ludwigs XI. und Franz' J. gegeben: sie lagen
in eigenartigen sozialen Verschiebungen vor, die sich vom 14.
zum 16. Jahrhundert vollzogen hatten, Verschiebungen, auf die
hier nicht genauer eingegangen werden kann. Schon gegen Ende
der Regierung Franz' J. hörte darum der venezianische Bot⸗
schafter Cavalli aus dem Munde klarsehender Franzosen das
Urteil: „Unsere Könige nannten sich ehedem reges Francorum,
jetzt dürfen sie sich roges sorvorum nennen,“ und bereits Kaiser
Maximilian J. hat gesagt, der König von Frankreich sei ein
König über Tiere, denn niemand wage ihm zu widersprechen.
Auf der in diesen Worten nicht sehr schmeichelhaft charakteri⸗
sierten sozialen Grundlage erhob sich das französische Königtum
frei seit Heinrich IV. Dieser König hat die Etats généraux
trotz eines bei der Thronbesteigung gegebenen Versprechens nie
berufen; nach 1614 tagten sie überhaupt nie mehr; und die
Provinzialstände in den wenigen Landesteilen, wo man sie
noch berief, hatten fast jede Bedeutung verloren. Das Pariser
Parlament endlich, das an Stelle der Etats géenéraux noch
schüchtern gewissen Anschauungen des Landes Ausdruck zu
geben versucht hatte, wurde durch das Einregistrierungsedikt
Richelieus vom Februar 1641 zum Schweigen verurteilt.
Inzwischen aber hatte Montchrétien schon längst dem Könige
zugerufen: „La disposition de tous les mouvements de vos
sujets doit dépendre de votre seule raison, comme d'une
loj vivante.“ und Richelieu hatte der königlichen Gewalt das
göttliche Prädikat zugeschrieben, daß ihr Wollen Vollbringen
fei (auquel le vouloir est faire); ja man sprach jetzt schon
hon Gott und dem König als leurs majestés divine et
humaine. Das Königtum war also nicht mehr ein Recht, ge⸗
schweige denn eine Pflicht: es war ein Dogma.
Die volle Höhe innerer Durchbildung erreichte dieses absolute
französische Königtum dann freilich erst unter Ludwig XIV.; und
in dessen Zeit wurde der tatsächliche Ausbau vornehmlich durch
die großen Gesetze Colberts aus den Jahren 1667—1673 ge—
kennzeichnet: durch die ordonnance civile vom Jahre 1667:
Lamprecht, Deutiche Geschichte. VI. 25
        <pb n="400" />
        386 Achtzehntes Buch. Drittes Lapitel.

durch das édit général sur les eaux et les foreêts von 1669;
durch die ordonnance criminelle von 1670 und durch die
ordonnance de commereceé des Jahres 16738.
Inzwischen aber hatte der französische Absolutismus längst
in Ländern, die einer Frankreich ähnlichen Entwicklung unter⸗
lagen, als die am frühesten reife unter verwandten notwendigen
Erscheinungen Schule zu machen begonnen; während er in den
englischen Revolutionen des 17. Jahrhunderts schließlich zu
Falle kam, fand er eine förmliche Aufnahme in Dänemark (1661),
feierte er unter Karl XIJ. in Schweden gegen Ende des 17. Jahr⸗
hunderts einen Triumph, der den Ruin des Landes unter
Karl XII. zur Folge hatte, trugen ihn endlich die Bourbonen
nach Spanien, wo das Dekret vom 29. Juni 1707 seinen
Einzug für fast ein Jahrhundert bezeichnete.

II.

Es war die Zeit, in der die wissenschaftliche Anschauung
der Staatsdinge, wie sie seit dem 16. Jahrhundert notwendiges
Erfordernis eines höher gestiegenen Geisteslebens geworden war,
schon längst auch eine Lehre des neuen Absolutismus entwickelt
hatte. Für diese Lehre aber kam einerseits die Erscheinung der
absoluten Monarchie als solche in Betracht: ihr entnahm die
Theorie, nicht selten steigernd und in die Zukunft weisend, das
äußere Bild absoluter königlicher Gewalt; anderseits aber war
für sie auch die mit dem Charakter des herrschenden Geistes—
lebens gegebene Auffassung vom Staate überhaupt maßgebend:
ihr entnahm sie die tiefere Begründung der monarchischen
Forderungen.
Nun war schon seit dem 16. Jahrhundert langsam eine ganz
andere Anschauung des Staates in Entwicklung begriffen, als sie
das Mittelalter gekannt hatte. Dem Mittelalter war der Staat
im Grunde immer eine lebendige Körperschaft gewesen: ur—
sprünglich eine militärische, ein Heer, und zugleich eine Körper—
schaft sum Schutze des Rechts, dann, in den Stadtstaaten, die sich
seit dem 12. und 18. Jahrhundert entfaltet hatten, zugleich auch
        <pb n="401" />
        Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Absolutismus. 387

eine Körperschaft zur Pflege der öffentlichen Wohlfahrt. Dem—
entsprechend war die Anschauung des Staats organisch gewesen:
der einzelne Buürger, das Individuum erschien im Staate
nicht als eine für sich stehende Potenz von immer derselben Art
und Konstruktion, sondern als ein je nach der Funktion, die er
zu erfüllen hatte, in sehr verschiedener Weise in Anspruch ge—
lommenes und ausgestattetes dienendes Glied der Gesellschaft.
Jedermann hatte daher bis zu einem gewissen Grade zum Staate
Beamtenstellung.
Demgegenuber ließ nun die geistige Emanzipation der
Individuen im 16. Jahrhundert allmählich eine ganz andere
Anschauung erwachsen. Dieser Zeit erschien jede Einzelperson
als etwas für sich Stehendes, mit dem Recht auf ein eigenes,
für sich bleibendes Dasein; sie kannte also im Grunde nicht
das Individuum als dcον robrix ν, sie wußte nichts von
dem tieferen Begriffe der Gesellschaft; menschliche Gemeinschaften
erschienen ihr nur als mechanische, ungegliederte, nicht aber als
organische, gegliederte Summationen von Individuen. Dem—
entsprechend wurde der Staat als durch einen Urvertrag der
Individuen entstanden gedacht: diese seien zusammengetreten
und hätten zur Förderung ihres Wohles einen Kontrakt auf
Begründung eines staatlichen Vereins abgeschlossen unter der
Bedingung einer möglichst geringen Beschränkung ihrer indivi⸗
duellen Freiheit. Aus einem solchen Vertrage sei dann die
Staatssouveränität hervorgegangen, d. h. das unbedingte, weil
dem Staate mit freiem Willen aller Individuen übertragene
Recht, den einzelnen Personen in gewissen Grenzen zu be⸗
fehlen und zu verbieten.
Und nun fragte es sich nur noch, an welchen konkreten
Träger man diese Souveränität des Staates knüpfen sollte.
Da schienen sich an sich drei solcher Träger darzubieten: die
Gesamtheit aller Individuen: dann kam man zur Demokratie;
oder eine Mehrheit besonders weiser Individuen: dann war
die aristokratische Staatsform gegeben; oder endlich ein In—
dividuum: was unmittelbar auf den Absolutismus hinwies.
Ließen sich aber schließlich alle diese drei Möglichkeiten aus dem
25 *
        <pb n="402" />
        388

Achtzehntes Buch. Drittes Kapitel.

System entwickeln, so war es doch schon an sich klar, daß dem
rein individualistischen Denken des 16. und 17. Jahrhunderts
die Monarchie am meisten entsprechen mußte: denn wie konnte
eine Mehrheit oder gar die Gesamtheit Garantien guter Re—
gierung bieten, da sie nach Anschauung der Zeit doch nichts
war als eine vertragsmäßig geeinte und zusammengehaltene,
aber durch Verzicht auf den Urvertrag jeden Augenblick wieder
auflösbare mechanische Summe von Individuen? So siegte denn
von den möglichen Konstruktionen zunächst die der Monarchie:
und damit wurde dieser, mit der vollen Übertragung aller
Souveränitätsrechte, der Staat von Anbeginn theoretisch ein⸗—
verleibt. In der Tat ist dies der Kernvorgang des staats—
politischen Denkens des 16. bis 18. Jahrhunderts gewesen, so
sehr auch hervorragende Staatsrechtslehrer wie Grotius und
Pufendorf, insbesondere freilich deutsche Denker, eine Restriktion
des dürren Grundgedankens versucht haben.
Drängte sich aber so statt der organischen eine mechanische
Staatsanschauung auf, so mußte gleichzeitig, trotz alles Preises
eines Königtums von Gottes Gnaden, im Grunde der Gedanke
einer Verankerung des Staates in transzendenten Mächten, etwa
in den Fundamenten des Offenbarungsglaubens, verloren geben.
Wirklich war dies, wenn auch langsam, der Fall.
Im Mittelalter hatte die Anschauung geherrscht, daß der
Staat, als wichtigste weltliche Körperschaft, Ausfluß sei des
Rechtes; das Recht aber stamme von Gott: und darum stehe
das Recht über dem Staate. Demgemäß hatte es für jede
Staatsgewalt ewig wahre und bindende Rechtsschranken ge—
geben, jenseits deren Herrscherrecht und Untertanenpflicht hinweg⸗
fielen: der König hatte keineswegs über dem Recht gestanden,
und die Untertanen hatten in gewissen Fällen das Recht des
Widerstandes geübt. Hier erklärt sich auch der das ganze
Mittelalter hindurch währende Gedanke der Wahlmonarchie, da der
König keineswegs in seiner Macht als auf unmittelbar tran⸗
szendente Kräfte einseitig gestützt, als theokratisch gedacht wurde.
Diese Auffassung brachte es weiter mit sich, daß man zweierlei
Recht unterschied: das positive, staatlich gesetzte Recht und das
        <pb n="403" />
        Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Absolutismus. 389

allgemeine, natürliche Recht, in dem nach dem Denken des
Mittelalters namentlich zwei große Rechtsgedanken wurzelten,
nämlich der des Eigentums und der der bindenden Kraft der
Verträge. Dieses allgemeine natürliche Recht nun galt als
Ausstrahlung eines für den Staat transzendenten Prinzips,
galt als göttliche Offenbarung. Als solche aber zerfiel es wieder
in zwei Teile, nämlich das unmittelbar von der Bibel und in
der Entfaltung der Kirche geoffenbarte Recht und das commune
jus gentium, das gemeine Völkerrecht, das von Gott der mensch⸗
lichen Vernunft für irdische Zwecke eingepflanzt sei und aus
ihr hervorgehe.
Von diesen Rechten gab man jetzt, mit dem Durchdringen
der neuen individualistischen Staatsanschauung seit dem Über—
gange zur Neuzeit, zunächst das unmittelbar geoffenbarte Recht
staatstheoretisch einfach auf: das sei geistliches Recht und habe
mit dem Staate nichts zu tun. Das mittelbar geoffenbarte
natürliche Recht dagegen konnte man nach dem Glauben des
Zeitalters, der an Gott als an dem letzten Quell alles Rechtes
unbedingt festhielt, nicht so einfach von Gott ab- und aus dem
Staate ausscheiden: und war es nicht auch im höchsten Grade
brauchbar, um der Theorie von der Entstehung des Staates
durch Vertrag einen positiven Inhalt in der Eigentumsordnung
und eine wirkliche Kraft durch den bindenden Charakter des
Vertrages zu geben? Doch wußte man das transzendente
Element auch hier immer mehr auszuscheiden: das natürliche
Recht erschien schließlich als ein Produkt der Vernunft, und Gott
kam nur noch als seine entferntere Ursache in Betracht, insofern
er den Menschen mit der Vernunft begabt habe.
Indem aber auf diese Weise der Staat der Theorien des
16. bis 18. Jahrhunderts entgöttlicht und auf die Vertrags—
lehre gestellt war, und indem weiterhin für die genauere Dar⸗
legung der Konsequenzen der Vertragstheorie die demokratische
und die aristokratische Ausgestaltung der Souveränität aus—
geschieden erschienen, war die Grundlage zur Entwicklung einer
Lehre des monarchischen Absolutismus gelegt. Denn was stand
der Entfaltung dieser grundsätzlich noch entgegen, wenn der
        <pb n="404" />
        390 Achtzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Monarch souverän und in der Ausübung seiner Souveränität
an keine transzendente Macht, vielmehr an nichts mehr als
an die etwaigen Bestimmungen eines völlig illusorischen, nur in
der Theorie angenommenen Urvertrags gebunden schien? Nur
materielle Hindernisse konnten seine Gewalt noch begrenzen:
und diese hinwegzuräumen waren die Monarchen ebenso be—
flissen, wie ihnen für dies Vorhaben der allgemeine Gang der
wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung entgegenkam.
Und auch auf geistigem Gebiete, soweit dessen Felder nicht
unmittelbar von der Staatstheorie selbst berührt wurden, waren
große Strömungen dem Absolutismus günstig und widerstrebende
Mächte bald machtlos. Teile der Staatsauffassung des Mittel⸗
alters wurden energischer nur von der alten Kirche, und hier
wieder besonders von den Jesuiten, einem Mariana, Suarez,
Bellarmin, Santarelli verteidigt: aber es geschah einseitig in
der Lehre vom Recht der Empörung, ja des Tyrannenmords,
falls der Staat in die kirchlichen Sphären des Glaubens und
Gewissens eingreife. Erfolg hatten diese Ausführungen auf
die Dauer ebensowenig wie die viel zahmere Lehre lutherischer
Geistlicher, daß öffentliche Verletzung des Glaubens und Ge—
wissens seitens der Obrigkeit die Pflichten zwischen Untertan
und Obrigkeit iure naturaé aufhebe.
Und wenn neben solchen konservativ-kirchlichen Strömungen
die Stände auch hier und da theoretisch gegen die steigende
Fürstenmacht vorgingen, so hatte das um so weniger Erfolg,
als auch sie sich bei ihren Betrachtungen zumeist gar nicht mehr
auf ein transzendentes, sondern ihrer Meinung nach sehr „ver⸗
nünftiges“, rationales Naturrecht stützten. In diesem Sinne
erklärte z. B. Braunschweig-Wolfenbüttel auf dem Reichstage
des Jahres 1653: Steuern seien „gegen die Natur einer Staats—
gesellschaft, da man sich nur in der Hoffnung, das Seine zu
behalten, in bürgerliche Verbindungen eingelassen hat“.
Eine mächtige Förderung dagegen erwuchs der absolutistischen
Staatsidee aus dem immer stärkeren Durchdringen der Gedanken
des römischen Rechtes: gerade aus ihrem auflösenden Ein—
wirken ging im einzelnen vielfach das individualistische Staats—
        <pb n="405" />
        Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Absolutismus. 391

bürgertum zunächst in der Knechtsgestalt allgemeiner reiner
Untertanschaft unter einem unbeschränkten Herrscher hervor.
Indem nun so die neue Staatsanschauung von den tat⸗
— machtvoll getragen wurde und auch von
der Konstellation benachbarter geistiger Bewegungen Nutzen zog,
drang sie gewaltig vor und kristallisierte sich bald in immer
klareren, entschiedeneren, ausschließlicheren Theorien. Dabei ist
selbstverständlich, daß sie von den Gedankengängen der Staats⸗
lehre der Reformatoren gängzlich absah, wie diese, noch auf tran⸗
szendenten Gedanken beruhend, den christlich-patriarchalischen
Absolutismus der deutschen Fürsten des 16. Jahrhunderts be⸗
gründet und gefördert hatten, während sie anderseits in den
religiös indifferenten, ja heidnischen Lehren Macchiavells eine
werlvolle Vorarbeit begrüßte. Macchiavellis Tat in dieser Hin⸗
sicht ist es gewesen, daß er, in den Augen seiner Zeitgenossen
noch ein großer Frevler, gelehrt hatte, der Fürst stehe nicht
unter dem Gesetze, der Staat sei nicht unter dem Recht, sondern
umgekehrt: der Souverän sei bei der Begründung und Er⸗
haltung des öffentlichen Wohls um des höheren Zwecks willen
hbon Recht und Sittengesetz enthunden. Doch hat diese Lehre
mit ihrer unmittelbaren Verweisung des Fürsten aus dem
Sittengesetz auf die Staatsraison, aus den höchsten Prinzipien
auf die unmittelbarste Nützlichkeit der Einzelhandlung, in ihrem
Radikalismus den glühenden Wünschen eines italienischen
patriotischen Herzens entsprungen, jenseits der Alpen zunächst
wenig Einfluß gehabt. Anders stand es dagegen mit den Lehren
des Franzosen Bodinus (1530 - 1596). Bodinus ist der erste
gewesen, der den Begriff der Souveränität des Staates über
die im Mittelalter bestehenden Vorstellungen hinaus gesteigert
hat. Er nahm dem Begriff zunächst an sich jede Beschränkung,
kannte ferner als mögliches Subjekt der Souvperänität nur
einen einheitlichen, sei es Idwiduellen, sei es kollektiven Herrscher
an, erklärte demgemäß die drei Staatsformen der absoluten
Demokratie, der absoluten Aristokratie und der absoluten
Monarchie als die einzig möglichen und zeichnete unter ihnen
dieder die absolute Monarchie besonders aus. Nur vor dem
        <pb n="406" />
        Z323Ablcchtzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Privatrecht machte die absolutistische Begriffswelt des Bodinus
noch Halt: trotz des römischen Satzes „Princeps legibus
solutus est‘ binden Verträge nach ihm auch den Souverän,
und namentlich persönliche Freiheit und Eigentum sollen auch von
ihm als unverletzlich behandelt werden. Der Souveränitäts—
begriff des Bodinus aber ist dann von den unmittelbaren Vor⸗
kämpfern der absoluten Monarchie alsbald willig aufgenommen
worden. Gregorius Tholosanus (1586) führt ihn mit geringen
Ermäßigungen durch; v. Barclay (1600) verwertet ihn im
Kampfe gegen die widerstrebenden Lehren der Kirche. In
Deutschland speziell findet er bei Vultejus (Iurisprudentia
Romana, 1590) und anderen Eingang und wird namentlich
von Bornitz (1607 und 1614) mit logischer Schärfe ausgebaut.
Freilich stand dann in Deutschland der eingehenderen Ent—⸗
wicklung der absolutistischen Theorie so, wie sie schon Bodinus
vertreten hatte, das Verhältnis von Kaiser und fürstlichen Reichs⸗
ständen hindernd entgegen. Mochten die Publizisten immerhin
den Kaifser einstimmig als den wahren Monarchen erklären, so
mußten sie doch gleichzeitig den Begriff der Souveränität teil—
bar denken, um den Fürsten gerecht zu werden. Das aber schob
sie wieder auf den mittelalterlichen Begriff der Souveränität
zurück und trennte sie von Bodinus, der gerade durch Ver—
einheitlichung dieses Begriffes zu seiner Theorie des staatlichen
Abfolutismus gelangt war. Das Deutsche Reich wurde dem—
gemäß von der gewöhnlichen Meinung schon vor dem Dreißig⸗
jährigen Kriege für einen aus Monarchie und Aristokratie ge—
mischten Staatskörper erklärt, wobei immer entschiedener eine
wirkliche Teilung der Souveränität unter mehrere, nur in ihrer
Verbindung vollsouveräne Subjekte festgestellt ward: so von
Clapmarus 1605, Gerhard 1608, König 1622 u. a. m.
Aber auch außerhalb Deutschlands wurde die Lehre des
Bodinus vom absoluten Staat und in ihm wieder von der
absoluten Monarchie doch nicht ohne weiteres angenommen.
Namentlich war es Hugo Grotius (158351645; Mare
liberum 1609, De iure belli ac pacis 1625), der die Lehre
Bodins von der absoluten Souveränität dahin abschwächte,
        <pb n="407" />
        Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Absolutismus. 393

daß erstens alle Akte, die der Souverän als Privatperson unter⸗
nähme, dem gewöhnlichen positiven Recht unterliegen sollten,
und daß zweitens über die allgemeine Rechtsmaterie der Inhalt der
leges fundamentales zu setzen sei. Denn diese leges fundamentales
 seien in Wahrheit keine Gesetze, sondern Verträge,
die beim Eingehen des Staatsvertrags abgeschlossen seien. An
diese Verträge sei mithin der Souverän auch nach dem Ver⸗
tragsrecht des Bodinus gebunden.
Von Bodinus bis auf Thomas Hobbes (15888— 1679;
Leviathan 1651) wurden der Souveränitätsbegriff eigentlich
nirgends gesteigert, eher geschwächt. Hobbes aber erhöhte dann
diesen Begriff in einer Weise, die nicht mehr übertroffen werden
konnte. Er verlegte den Unterwerfungsvertrag der Untertanen
unter den Herrscher bereits in den ersten Vereinigungsvertrag der
aus dem Naturzustande des Krieges aller gegen alle flüchtenden
Individuen und setzte an die Stelle des Vertrags zwischen Volk
und Herrscher den Vertrag eines jeden mit jedem. Nur für einen
Augenblick wird vermöge dieser Willenseinigung die Menge zur
Person, um sofort in demselben Akte vermöge der unvermeid—
lichen Veräußerung alles Willens und aller Persönlichkeit an
den Herrscher als Person wiederum zu sterben. Im konsti⸗
tuierten Staate geht damit alle Persönlichkeit des Volkes ohne
jeden Rückstand in der Persönlichkeit des Herrschers, sei es des
monarchischen oder des polyarchischen, auf; und die Einzelnen
sind der ihrem Begriffe nach absoluten Herrschergewalt gegenüber
vollkommen rechtlos. Dementsprechend erklärt Hobbes die
„Souveränität für das der Staatsgewalt, und zwar ihr allein,
verbliebene Recht des Naturzustandes auf alles, und ihren In—
haber für den sterblichen Gott (Deus mortalis)“. Und die
damit geschaffene Herrschergewalt, allumfassend, unumschränkt,
nderantwortlich, saugt dann alles in sich auf: Persönlichkeit,
Eigentum, Recht, Gewissen und Religion der Untertanen,
kennt keinen anderen Richter mehr als sich selbst und ist
durch kein Gesetz, keinen Vertrag und keine Pflicht ge—
bunden.
Diese Lehre fand nun außerhalb Deutschlands weithin An⸗
        <pb n="408" />
        394 Achtzehntes Buch. Drittes Kapitel.

klang, gleichviel, ob man die Begründung der Souveränität
nach wie vor von einem Urvertrag ableitete oder aber nun,
unter veränderter Wiederbelebung älterer Theorien, ihren Ur—
sprung auf Gott zurückführte. So wurde sie von Salmasius
gegen Milton ins Feld geführt, von Spinoza seinem System
eingefügt, von Bossuet zur Paraphrase des Wortes L'état
c'est moi benutzt und von vielen anderen Politikern ohne
selbständige Zutat vorgetragen. In Deutschland dagegen
brachte die noch vor der ersten politischen Abhandlung von
Hobbes erschienene Schrift des Philipp Boguslaus von Chemnitz
(Hippolithus a Lapide, De ratione status in Impeério nostro
Romano-Germanico, 1640) eine gewaltige Bewegung in einem
der Rezeption dieser Theorie zunächst nicht günstigen Sinne
hervor. Gestützt auf die Souveränitätslehre des Bodinus
unternahm Hippolithus den Nachweis, daß der Kaiser im Grunde
nichts als der Vorsteher einer aristokratischen Fürstenrepublik sei:
die majestas individua, die summa et absoluta potestas
sei daher nicht bei ihm, sondern vielmehr bei den Ständen zu
suchen; sei doch der Kaiser absetzbar, einem Richter unterworfen,
ohne gesetzgebende Gewalt, ohne ius sacrorum, ohne völker—
rechtliche Souveränität, ohne suprema iurisdictio, ohne Be⸗
steuerungsrecht, ohne Beamtenhoheit, ohne Münzrecht, und
höchstens in seiner ratio administrandi könnten schwache
Spuren eines monarchischen Elementes gefunden werden. So
sei er nur „Direktor“ des Corpus der Stände als einer aristo⸗
kratischen Universitas. Dieser Universitas freilich nun die volle
Souveränität im Sinne etwa eines Hobbes zuzuschreiben, er—
schien selbst den wenigen unbedingten Anhängern, welche die
Schrift des Hippolithus fand, bedenklich.
Und so brach die Schrift des Hippolithus in ihrer all—
gemeineren Wirkung schließlich nur einer auch sonst schon ge⸗
ußerten Auffassung Bahn, wonach das Reich als eine gemischte
Staatsform zu betrachten sei. In dieser Richtung gelangte
die Theorie dann zu der bald auch amtlich als zutreffend be—
trachteten Annahme, daß die Souveränität vom Kaiser als
impérans und den Reichsständen als coimperantes eigentlich
        <pb n="409" />
        Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Absolutismus. 395

5

8
5

zu gesamter Hand besessen werde. So haben z. B. Cellarius,
Conring 1666, Vitriarius 1686 gelehrt.
Es war eine Theorie, die im Grunde für die Annahme
einer absoluten monarchischen Gewalt wenig günstig wirkte.
Und in dieser Richtung ihres Einflusses wurde sie noch unter⸗
stützt einmal durch die praktisch⸗politische Literatur, die, wie
der Teutsche Fürstenstaat von Veit Ludwig von Seckendorf (16585),
die Kunst des Herrschens vom Standpunkte des sittlichen
Charakters des Fürstenamts her lehrte, und anderseits von
der Philosophie Leibnizens, welche die Relativität aller Begriffe,
also auch des Begriffs der Souveränität betonte.
Indes diese Theorien wirkten doch im ganzen mehr negativ.
Positiv dagegen wurde der Souveränitätsbegriff auf deutschem
Boden vornehmlich von Pufendorf (1632- 1694; De iure
naturao et gentium 1672) fortgebildet. Pufendorf schloß sich
für das Reich in seiner Schrift Sevorinus de Mozambano De
ctatu Imperii Germanici (1667) zunächst der für dieses Staats⸗
gebilde, wie wir wissen, schon bestehenden Lehre von der Teilung
der obersten Gewalt an. Aber eben darum erklärte er es für
ein irregulare aliquod corpus et monstro simile, ein
Mittelding zwischen einer zerfallenden Monarchie und einem
sich bildenden Staatenbund uͤnd entwickelte von diesem Stand⸗
punkte aus eine Anzahl von Reformvorschlägen. Zugleich aber
fand er, indem er den Reichsständen den Weg zur künftigen Sou⸗
veränität freizumachen suchte, im Anschluß an Grotius und
zum Teil im Kampfe mit Hobbes für diese die Form des
späteren aufgeklärten Absolutismus. Gewiß hat nach ihm der
Herrscher in jeder Staatsform eine höchste, straflose, unverant—
wortliche, von jedem positiven Gesetz entbundene, für die Unter⸗
tanen schlechthin heilige und unverletzliche Gewalt. Allein
gleichwohl kann die Herrschergewalt verfassungsmäßige Be⸗
schränkungen vertragen, z. B. in der Richtung, daß der Herrscher
für gewisse Akte die Zustimmung des Volkes oder einer
Deputiertenversammlung einholen muß: damit brauche eine
Teilung der Gewalten noch nicht gegeben zu sein. Und vor
len hält Pufendorf den Souverän für innerlich und sittlich
        <pb n="410" />
        396 Achtzehntes Buch. Drittes Kapitel.

gebunden: ein Gedanke, mit dem er einerseits auf die patri⸗
archalisch-absolutistischen Lehren der Reformation zurückgreift,
wenn er auch an Stelle des transzendenten ethischen Prinzips
ein immanentes setzt, und mit dem er anderseits die deutsche
aufgeklärte Monarchie noch vollkommener vorbereitet.
Pufendorfs Lehre hat in Deutschland bis über die Mitte
des 18. Jahrhunderts hinaus geherrscht: ihm schlossen sich
Thomasius, Gundling, J. K. Boehmer, Heineccius mittelbar
oder unmittelbar an; und auch unter den katholischen Staats⸗
rechtslehrern fand seine Theorie Anklang, wie sie denn auch den
ungezählten natürlichen Systemen des allgemeinen Staatsrechts
zugrunde lag, die im 18. Jahrhundert noch sonst erschienen,
und deren Höhepunkt erst um 1790 erreicht ward.

Wie verlief aber nun unter dieser Entwicklung der heimischen
Theorien die praktische Ausgestaltung der absolutistischen An⸗
schauungen in Deutschland? Nach dem Gehörten bedarf es
kaum noch der Bemerkung, daß die hier zu erwähnenden Vor—⸗
gänge längst nicht zu einer so schroffen Auffassung der absoluten
Monarchie führten, wie sie sich in England oder Frankreich
ausbildete, mögen auch einige kleine Tyrannen Deutschlands
in wunderlichem Übermut hier und da englische und vor allem
französische Vorbilder erreicht und übertroffen haben.
Zunächst war gerade in Deutschland schon früher eine
andere Entwicklung des absolutistischen Ideals eingetreten, die
keineswegs schon im Begriffe war, unterzugehen, sondern noch
lange, bis tief ins 18. Jahrhundert nachwirkte: das 16. Jahr⸗
hundert hatte die Idee des christlich-patriarchalischen Absolutis⸗
mus gefaßt. Freilich war diese Idee nicht in dem Grade zu
einer reinen Doktrin entwickelt worden, wie dies später mit
der Idee des weststaatlichen Absolutismus der Fall gewesen ist:
dazu fehlte einmal die innerste und notwendigste aller Voraus—
setzungen, der volle Sieg des Individualismus und damit der
Theorie vom Gesellschaftsvertrag; außerdem aber trat das

III.
        <pb n="411" />
        Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Absolutismus. 397

r

2
—

reformatorische Ideal in sehr verschiedenen Verkörperungen zu—
tage, die nicht leicht auf den gemeinsamen Nenner gleichsam
einer geschlossenen Theorie gebracht werden konnten, da den
Regierungen der einzelnen Territorien des 16. Jahrhunderts
noch ganz das klare Bewußtsein jener Solidarität der Strebungen
und Interessen fehlte, das die modernen Staaten seit den re—
volutionären Bewegungen des 18. Jahrhunderts kennzeichnet.
Dennoch währte dieser patriarchalische Absolutismus überall
in den Köpfen der deutschen Fürsten noch der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts lebendig fort, und er wurde auch durch die
Wehen des Dreißigjährigen Krieges und seine Folgen noch
keineswegs beseitigt, so sehr sich auch in dieser Zeit die tatsäch⸗
lichen Grundlagen der fürstlichen Gewalt schon verschoben hatten.
Im übrigen traten diese Veränderungen zum ersten Male
in den Bestimmungen des Westfälischen Friedens klar und
übersichtlich zutage. Im französischen Entwurfe des Friedens
war das neue Recht der deutschen Fürsten mit dem Worte
zouveraineté bezeichnet worden; der lateinische Text des
Friedens selbst sprach dann vom ius territorii et superioritatis.
 Was man darunter nun zunächst verstehen sollte, war
im Grunde nicht leicht zu sagen. Denn noch waren die Grund⸗
lagen des erworbenen Rechtes im einzelnen mehr in Privilegien
zu suchen als in Rechten, die etwa systematisch aus einem
theoretisch schon gewonnenen Begriffe der Souveränität ab⸗
geleitet gewesen wären. Indes ergaben doch auch die Privi⸗
legien als Kernpunkt die Gerichtshoheit, damit verbunden das
Gesetzgebungsrecht und das Recht der Vertretung der Unter⸗
tanen gegenüber dem Reiche. Im allgemeinen sagte man daher
wohl: „Jeder Herr ist Kaiser in seinem Lande,“ ohne damit
ausschließen zu wollen, daß dies territoriale Kaisertum doch
immer noch als vom Reiche lehnbar gedacht werden müsse.
Allein mit dem fortschreitenden Zerfalle des Reiches schon im
17. Jahrhundert klärte sich dann die Auffassung immer mehr
zugunsten noch größerer Selbständigkeit der Territorien. Ein
entscheidendes Moment nach außen hin kann man dabei darin
Abliden, daß das Bündnisrecht der Fürsten, das nach den
        <pb n="412" />
        398 Achtzehntes Buch. Drittes Kapitel.

Bestimmungen des Westfälischen Friedens noch Kriege gegen
Kaiser und Reich, sowie der deutschen Staaten untereinander
untersagt hatte, zusehends lässiger ausgelegt wurde. Zwar blieb
in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts der Grundsatz des
Westfälischen Friedens wenigstens für die größten Beziehungen
im Reiche noch gewahrt. Als aber im 18. Jahrhundert Bayern
im Spanischen Erbfolgekrieg auf die Seite Frankreichs getreten
war, war auch diese Stufe der Entwicklung überschritten; und
das Verbot des Westfälischen Friedens hat später weder den
Osterreichischen Erbfolgekrieg noch die beiden Schlesischen Kriege,
noch den Siebenjährigen Krieg verhindert.
Wurde man aber so nach außen hin schließlich jeder Fessel
ledig, wie hätte man sich da im Innern noch vom Reiche gängeln
lassen sollen! Im 18. Jahrhundert stirbt die noch im 16. Jahr⸗
hundert so rege Reichsgesetzgebung zusehends ab; und in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kann Pütter als geltendes
Recht den Satz aufstellen, daß „alles dasjenige, dessen rechtliche
Wirkung sich nur innerhalb der Grenzen eines Landes äußert,
in eines jeden Reichsstandes Landeshoheit begriffen sei“; und
daß ferner „alles, was seit der Zeit, als die Landeshoheit zu
ihrer Vollkommenheit gediehen, erst neu in Gang gekommen ist
oder künftig noch erdacht werden mag, ohnehin für die Landes—
hoheit gehöre“.
So stand denn der freien Entwicklung eines territorialen
Absolutismus seit dem Westfälischen Frieden von Reichs wegen
je länger je weniger ein Hindernis entgegen. Und dem—
entsprechend gelangten die inzwischen entwickelten fremden
Theorien, wie sie in Hobbes' Leviathan (1651) gipfelten, all—⸗
mählich auch in Deutschland zu Ansehen. Freilich: volle An⸗
wendung fand irgendeine dieser Theorien bis etwa gegen Mitte
des 18. Jahrhunderts dennoch nicht; und die Lehren, die dann
zu stärkerem Einfluß gelangten, waren nicht mehr die der Ab—
solutisten des 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.
Der Grund dafür, daß die fremden Theorien schließlich
zumeist doch nur in den abgeschwächten Formen etwa der
Pufendorfschen Lehre aufgenommen wurden, lag darin, daß
        <pb n="413" />
        Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Absolutismus. 399
die Fürsten noch immer unter dem stärksten Nachhall der re—
formatorisch⸗patriarchalischen Anschauungen blieben; und sie
blieben unter ihm, weil sie sich noch immer nicht so sehr als
Souveräne eines moderner entwickelten Staates denn als
Haushalter und Grundherren eines mittelalterlichen Territoriums
empfanden: wie denn in der Tat die meisten Territorien infolge
des Ruines und Zurückbleibens der Wirtschaftsentwicklung seit
der Mitte des 16. Jahrhunderts noch bis zum Ausgange des
18. Jahrhunderts starke Reste mittelalterlichen wirtschaftlichen
und sozialen Lebens aufgewiesen haben. Daher denn auch noch
die vielen persönlichen Schrullen selbst bei den gewissenhaftesten
Fürsten: die langen Kerle z. B. Friedrich Wilhelms J. von
Preußen, sowie die großen Ausgaben anderer für Feste, Bauten,
Sammlungen, wie z. B. bei den sächsischen Fürsten: beides auf
Grund eines Herrschergefühls, das noch nicht von vollstem Staats⸗
gefühle durchtränkt ist. Auch die Tatsache, daß sich für wichtige
Verwaltungsänderungen unter dem Großen Kurfürsten (und
noch mehr unter Friedrich Wilhelm 1.) keine aktenmäßigen
Belege vorfinden, kann hierhergezogen werden; diese Ver—⸗
änderungen beruhten eben ganz auf der persönlich haus⸗
hälterischen Initiative der Fürsten. Freilich mochten viele
dieser Erscheinungen auch mit durch die Ansicht veranlaßt
werden, aͤußerer Glanz erhöhe die Fürstenwürde und mit ihr
die Bedeutung des Landes. Allein daneben stand doch noch
ein entschieden persönliches Moment: der Fürst fühlte sich
noch nicht völlig im Dienste und Banne einer systematisch ent⸗
wickelten Staatssouveränität. So ist es namentlich bei Friedrich
Wilhelm J. noch deutlich genug, daß er sich zwar dem Staate
aufopferte, aber auch ihm gleichsetzte: die Staatstheorie schwebte
noch nicht über seinem Haupte. Nun ist gewiß in Deutsch⸗
land ein Rest dieser Auffassung der absoluten Monarchie
immer bestehen geblieben. Die Ers cheinung ist darin begründet,
daß eben die Souveränität Attribut einer Person war. Im
uübrigen aber bahnte sich doch seit den Zeiten Friedrichs des
Großen eine Anderung der Auffassung an. Die Worte des
Großen Kurfürsten: „die gesturus sum principatum, ut
        <pb n="414" />
        400 Achtzehntes Buch. Drittes Kapitel.

sciam, rem populi esse, non meam privatam,“ gelangten
ungleich reiner und ernster zur Anwendung.
Charakteristisch für die nun beginnende Anerkennung der
taatlichen Souveränität als eines über der konkreten Herrscher—
gewalt stehenden allgemeinen Ideals ist die Hinneigung der
Fürsten zur Philosophie. Bekannt sind in dieser Hinsicht die
Worte Friedrichs des Großen an Wolf vom Jahre 1740:
„Es kommt den Philosophen zu, Lehrer der Welt und Leiter
der Fürsten zu sein. Sie müssen konsequent denken, und uns
kommt es zu, konsequent zu handeln. Sie müssen erfinden,
wir ausführen.“ Und Joseph II. konnte gar im Erscheinungs—
jahre der Kritik der reinen Vernunft (1781) schreiben: „Seit—
dem ich den Thron bestieg und das erste Diadem der Welt
trage, habe ich die Philosophie zur Gesetzgeberin meines Reiches
gemacht; sterreich wird infolge ihrer Logik eine andere Ge—
stalt bekommen.“
Sahen sich nun aber die Fürsten dieser Zeit, und als
frühester unter ihnen vor allem Friedrich der Große, in der
Philosophie um, so fanden sie inzwischen die Hobbessche Lehre
in Deutschland von Thomasius, Leibniz, Pufendorf, bei aller
Polemik gegen Hobbes im einzelnen, doch schließlich im ganzen
angenommen und von Wolf noch viel unselbständiger und ent—
scheidender popularisiert. Im Anschluß an diese Lage formu—⸗
lierte daher Friedrich der Große seine staatliche Auffassung.
Er ist schon 17838 in den „Betrachtungen über die gegenwärtige
Lage Europas“ Anhänger der Vertragstheorie, die er später
in Rousseausche Worte kleidet; und in seinem Antimacchiavell
bezeichnet er die Fürsten ihrer Einsetzung nach als Richter. Er
kennt mithin nicht, ja verwirft geradezu jede Theorie vom über⸗
irdischen Ursprunge des Königtums. Anderseits kennt er aber
eine Verantwortlichkeit des Herrschers nur vor sich und Gott
and hält an der Erblichkeit der Fürstenwürde als an dem am
wenigsten schlechten Auskunftmittel zur Fortpflanzung und
ständigen Sicherung der Souveränität fest. Er will daher
nichts wissen vom Rechte des Volkes, den Fürsten zur Verant—
wortung zu ziehen, und nichts von einer Teilung der Gewalten.
        <pb n="415" />
        Allgemeiner Verlauf der Durchbildung des Absolutismus. 401

Und erst von dieser Grundlage aus kommt er zu der bekannten
Formel, daß der Fürst der erste Diener des Staates sei. Es
var im Grunde die höchste Ausbildung des Absolutismus
und jedenfalls eine höhere, als sie der Regel nach bisher auf
deutschem Boden gegolten hatte. Denn unter der Form nicht
mehr eines persönlichen Rechts, sondern vielmehr eines sach—
lichen Mandates konnte der Fürst als premier serviteur de
'état von den Untertanen nunmehr alles verlangen. Dazu
waren in dieser Zeit auch fast alle Hemmnisse des früheren,
noch höfischen Absolutismus gefallen: Etikette, gewaltiger Hof⸗
staat, Kollegialsystem der Beamten. Alles konnte daher da,
wo Friedrichs Grundsätze durchgeführt wurden, der verfassungs⸗
mäßigen Konstruktion nach auf zwei Augen stehen — und stand
es tatsächlich in dem durchgebildeten Staate Friedrichs des
Großen. Aber die Lehren des großen Königs machten Schule,
und staatsrechtlich betrachtet erschien der deutsche Fürst der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Zeitgenossen über⸗
haupt wie ein binnenweltlicher Gott bis auf dessen wirklichste
Eigenschaften: Allmacht in den Zwangsmitteln, Allgegenwart
sm Beamtentum, Allwissenheit durch Akten und Archive und
vielleicht das Schlimmste von allem — Allgüte gegen jeder⸗
mann: bis zu dem Grade, daß der alte Erfahrungssatz Benesicia
 non obtruduntur gänzlich vergessen ward. Es ist eine
Zeit, die in ihrer vollen Höhe vielleicht am bezeichnendsten
durch die Verse über Wesen und Wirken des Herrschers ein⸗
geleitet wird, mit denen Klopstock, keineswegs ein Schmeichler,
im Jahre 1750 seine Messiade dem König Friedrich V. von
Dänemark widmete:
„Lange sinnt er ihm nach, welch ein Gedank' es ist:
Gott nachahmen und selbst Schöpfer des Glückes sein
Vieler Tausend! Er hat eilend die Höh' erreicht,
Und er entschließt sich, wie Gott zu sein!“
Dabei bedarf der Herrscher im Grunde auch nicht einmal
des Ruhmes des Sängers;
„Denn er wandelt allein, ohne der Muse Lied
Sichres Weas zur Unsterblichkeit.“

Lamprecht, Deutiche Geschichte. VI.
        <pb n="416" />
        Viertes Kapitel.

Die Entwicklung der souveränen Territorien bis
ins 18. Jahrhundert.

Aus den Ausführungen des vorigen Kapitels ergibt sich
schon, daß die Entwicklung des absolutistischen Staates in
Deutschland gegenüber den Westmächten um mehr als ein Jahr⸗
hundert zurückgeblieben ist. Erst nach 1650 begann auf deutschem
Zoden langsam und unvollkommener als im Westen die Ver—
schmelzung der verschiedenen Landesteile zu einer dynastischen
Einheit, die Unterdrückung der korporativen Selbständigkeit im
zffentlichen Leben, die Herstellung eines größeren freien Marktes
und die rationelle Entwicklung der Produktion im Innern,
sowie die Durchführung eines Geldsteuersystems und die Er—
richtung stehender Heere und, auf diese beiden letzteren Maß—
regeln gegründet, die systematische Entfaltung einer größeren
auswärtigen Politik.
Indem man aber die soeben angeführten Maßregeln der
Fremdstaaten, wie sie später auch in Deutschlaud zur Be—
gründung des Absolutismus angewandt worden sind, mustert,
exrkennt man aus ihnen zugleich, was in Dutschland die
raschere Durchbildung des absolutistischen Stau'es vornehmlich
gehindert hat. Es war an erster Stelle der Rückgang der
Geldwirtschaft im Verlaufe des 16. Jahrhunderts: er ließ es
nicht zu jener Entfaltung absolutistischer Machtmittel, der
Finanzen und des Heeres vor allem, kommen, die Voraussetzung
der Durchführung absolutistischer Regierung waren, und er
        <pb n="417" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 403

verhinderte die Entwicklung der Grundlagen bürgerlichen Lebens
und Verkehrs, auf die hin an eine rasche Unifikation des
Lebens bisher verschiedenartiger Territorien an erster Stelle
hätte gedacht werden können.
Dazu kamen freilich noch andere Gründe. Einmal die
Tatsache, daß in Deutschland über den Territorien, zunächst
verhältnismäßig wenig umfangreichen Trägern der absolu⸗
tistischen Entwicklung, doch noch das Reich stand. Und immer—
hin besaßen auch im 17. Jahrhundert noch die Kaiser ab und
zu die Illusion, daß es ihnen möglich sein werde, von sich aus
einen deutschen Reichsabsolutismus zu begründen. Der Ge⸗
danke war freilich selbst zu den Zeiten Karls V. schon märchenhaft
gewesen; aber doch kam es von diesem Gesichtspunkte aus im
77. Jahrhundert noch zu gelegentlichen Reibungen zwischen
Reich und Territorien. In der zweiten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts wurde das Reich freilich daneben schon, wie wir noch
sehen werden, zugunsten der Entwicklung des territorialen
osterreichischen Absolutismus mit großem Eriolge in Anspruch
genommen.
Weiter haben auch die Reformation und der Dreißigjährige
Krieg, die in diesem Gedankengange zusammen genannt werden
müssen, zweifelsohne die Entfaltung des neuen Staates auf⸗
gehalten. Den deutlichen Beweis dafür liefert Frankreich; hier
unterbrachen die Religionskriege ebenfalls die ruhige staatliche
Entwicklung. Auf deutschem Boden hat schon die fortwährende,
großenteils durch den Gegensatz der Konfessionen bedingte, in
schweren Gegensätzen verlaufende politische Spannung des
16. Jahrhunderts die ruhige Arbeit an den in Bildung be—
griffenen Staatsterritorien vielfach gehindert; der Dreißigjährige
Krieg hat sie dann für längere Zeit geradezu aufgehoben.
So war man denn um 1630 nicht bloß äußerlich ohn—
mächtig; man war auch schon in der inneren politischen
Bildung gegenüber wenigstens den westlichen Nationen Europas
im Nachteil. Und es bedurfte darum um so mehr aller An—
strengung, um das Versäumte, teilweis nach dem Vorbilde der
Fremde, nachzuholen.

83*
        <pb n="418" />
        404

Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Zunächst galt es da, den Abschluß jener vereinzelt schon
im 14. Jahrhundert einsetzenden Hauspolitik zu erringen, die
auf Herstellung der dynastischen Einheit des Staatsterritoriums
gerichtet war. Hier sehen wir, daß man in den meisten Terri⸗
torien vor allem von wirklichen Landteilungen an gleichberechtigte
Erben grundsätzlich abzusehen beginnt: statt dessen geht man,
auch in kleineren Territorien, fast durchweg und grundsätzlich
zur Primogeniturordnung über. Damit aber nicht genug: man
entwickelt auch die Konsequenzen dieser Ordnung; ein besonderes
Hausrecht der Fürsten entsteht und schlägt sich zur Regelung
der Erbfolge, der Sekundogenituren, der Apanagen, des Wittums,
der Vormundschaften und Mißheiraten in einer fast unüber—
sehbaren Reihe von einzelnen Haus-, Ehe- und Erbverträgen
sowie in letztwilligen Verfügungen nieder.
Vor allem aber kam es doch darauf an, das zusammen⸗
gebrachte Land nun auch innerlich zu konsolidieren. Und da
konnten zwei Aufgaben vornehmlich angegriffen werden. Die
eine lief darauf hinaus, innerhalb eines gegebenen kleineren,
—ED—— noch
borhandenen halbstaatlichen Gewalten, wie sie sich in den Ständen
zu einer mit der Fürstengewalt rivalisierenden Macht entwickelt
hatten, zu unterdrücken. Es war eine Aufgabe, die sich fast in
jedem, auch dem kleinsten Fürstenstaat darbot. Die zweite
Aufgabe, ganz anderer Art, bestand darin, Konglomerate
kleinerer historischer Territorien, die allmählich zu einem einzigen
großen Territorium äußerlich herangewachsen waren, nun auch,
durch Aufhebung der Sonderstellung der einzelnen Teile, zu
einer inneren Einheit zu verschmelzen. Es war ein Ziel, das
sich nur in den größeren Territorialstaaten, in Bayern und
Sachsen etwa, vor allem aber in Brandenburg⸗Preußen und
Osterreich darbot. Um es zu erreichen, bedurfte es natürlich
vielfach auch einer energischen Politik gegen die Stände der
einzelnen Landesteile, doch war diese ebendarum hier oft
etwas anders gefärbt und verwickelter als da, wo es sich inner⸗
halb eines kleinen Territoriums bloß um den Machtkampf
zwischen einem einzigen Ständesystem und dem Fürsten handelte.
        <pb n="419" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 405

Nur von diesem letzteren soll im folgenden die Rede
sein; was Osterreich und Brandenburg⸗Preußen betrifft, so
wird deren Entwicklung später gesondert zur Darstellung ge⸗
langen: schon deshalb, weil sich aus beiden Territorien die
großen Staatensysteme entwickelt haben, deren Rivalität und
Kampf seit dem 18. Jahrhundert die äußeren Geschicke der
Nation beherrscht hat.
Freilich kam es auch innerhalb des engeren Bereiches, der
hier betrachtet werden soll, keineswegs überall zu einem Kampfe
zwischen Fürsten und Ständen. Am allerwenigsten war das
zunächst in den zahlreichen geistlichen Territorien der Fall.
Hier fiel einmal das erbliche Interesse der weltlichen Fürsten⸗
häuser hinweg. Außerdem aber wurde hier ja der Fürst von
einem Kapitel oder Konvent irgendwelcher Art gewählt. Es
ließ sich ihm also eine Wahlkapitulation vorschreiben. Und
diese lautete, da die Kapitels⸗ oder Konventsherren sich ziemlich
regelmäßig zum guten Teile aus den Ständen des Landes
rekrutierten, jedenfalls aber als adlig mit diesen gemeinsame
Interessen hatten, natürlich stets auf solche Verstärkungen der
siändischen Gewalt, daß die Fursten nach der Wahl kaum gegen
sie vorgehen konnten.
Die geistlichen Fürstentümer und damit ein guter Teil des
Reichs blieben also von den ständischen Kämpfen im all—
gemeinen unberührt; und wenn in ihnen gleichwohl die Fürsten
wenigstens im 18. Jahrhundert vielfach unbeschränkter geboten
als früher, so taten sie es nur unter den Reflexen der all⸗
gemeinen öffentlichen Meinung, die inzwischen durch die innere
Entwicklung gerade der wichtigsten weltlichen Territorien an
ein mehr absolutistisches Auftreten der Fürsten überhaupt ge—
wöhnt worden war.
Aber auch in den weltlichen Territorien blieben die Stände
hier und da kräftig genug: mit Grund da, wo sie es ver⸗
ftanden, aus der bloßen Vertretung ihrer Sonderinteressen
herauszutreten, in der energischen Wahrung der allgemeinen
Interessen des Landes mit den Fürsten zusammenzutreffen und
zugleich jene im Laufe des 18. Jahrhunderts immer mächtiger
        <pb n="420" />
        406. AEchtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

anschwellende öffentliche Meinung zu befriedigen, die mit zu—
nehmender Kraft und Entschiedenheit die friedliche Wohlfahrts—
pflege des Landes forderte. Diese Lage ergab sich im ganzen
vor allem in Sachsen, in Braunschweig, in Hessen, in Württem⸗
berg und in Mecklenburg, — darum haben sich in diesen
Territorien die Stände gehalten; in Mecklenburg bekanntlich bis
auf den heutigen Tag.
Von besonderem Interesse innerhalb dieser Gruppe von
Territorien ist aber die Entwicklung in Württemberg und
Sachsen gewesen.
In Württemberg war das charakteristische, daß das
Bürgertum schon vom 16. Jahrhundert her unter den Ständen
eine so große Rolle spielte, daß hierdurch allein die Über—
führung des Territoriums in geldwirtschaftliche Verhältnisse
und damit der Fortschritt gemäß der immanenten Entwicklungs⸗
linie gewährleistet ward. Dies Übergewicht der Städte kam
daher, daß der Adel zumeist nicht frei war und die Prälaten
lutherisch und damit politisch unbedeutend geworden waren.
Zudem saß in der kritischen Zeit, als der Kampf zwischen
Fürst und Ständen hätte ausbrechen müssen, lange Jahre hin—
durch ein unfähiger Regent, Eberhard III. (bis 1674), auf
dem Throne des Landes. Übrigens verhinderte die gunstige
Zusammensetzung der Stände nicht ihre oligarchische Ver—
knöcherung; in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wenn
nicht früher trat diese offen zutage, und nun machten sich auch
starke absolutistische Neigungen der Herrscher bemerklich.
Sachsen hatte unter Kurfürst August in der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts einen überaus kräftigen Anlauf zum
patriarchalischen Absolutismus erlebt. Aber seitdem waren
unter den Johann Georgen des 17. Jahrhunderts Rückschritte ge—
macht worden. Der enge Anschluß des Herrscherhauses an ein
lebloses, verknöchertes Luthertum führte zur Konnivenz gegen
die „Libertät“ des Adels, der in seinen Interessen aufs engste
mit diesem Luthertum verknüpft war. Da dieser Adel aber zu—
gleich alle landständischen Einrichtungen verkörperte und be—
herrschte, so wuchsen nunmehr die Stände wieder zu neuer
        <pb n="421" />
        Die Entwicklung der souveränen Cerritorien bis ins 18. Jahrh. 407

Macht heran, — bis ihre Geduld auch hier im 18. Jahr⸗
hundert durch den leichtlebigen Absolutismus Augusts des
Starken auf härteste Proben gestellt ward.
Im übrigen aber kam es an zahlreichen Stellen des Reiches
spätestens seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zum
Kampfe mit den Staͤnden, und dieser Kampf führte zumeist noch
vor Abschluß des Jahrhunderts zur Vernichtung der wichtigsten
ständischen Freiheiten.
Hier und da waren freilich diese Kämpfe, in einzelnen
Phasen schon seit dem 14. Jahrhundert nicht selten, bereits im
16. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
systematisch aufgenommen worden; und in diesem Falle hatten
sie sich vielfach mit den konfessionellen Gegensätzen verquickt.
Denn fast überall waren im 16. Jahrhundert die Stände
Träger der neuen Lehre gewesen und hatten diese zur Er—
weiterung ihrer Freiheit zu benutzen gesucht. Dabei ergab sich,
daß das konfessionelle Moment in dem Kampfe zwischen Ständen
und Fürsten besonders da eine Rolle spielte, wo die Fürsten
katholisch blieben: in Bayern also und vor allem in Hsterreich.
In der Tat werden wir später sehen, wie es eine der ver⸗
hängnisvollsten Tatsachen der österreichischen Geschichte ist, daß
die Habsburger den Kampf gegen die Stände mit der Gegen⸗
reformation verquickten. Aber auch in den Territorien der
neuen Lehre haben konfessionelle Elemente vielfach in den
Kampf zwischen Fürst und Ständen hineingespielt, namentlich
sobald es sich um den Gegensatz zwischen lutherisch und re⸗
formiert handelte. In Braudenburg z. B. bedeutete der Uber⸗
tritt Johann Sigismunds zur reformierten Kirche (25. Dez.
1618) einen Akt der Verselbständigung der staatlichen Gewalten
gegenüber der engen Verbindung der Stände der lutherischen
Orthodorie!.
Wichtigere Hilfsmittel zum Kampfe gegen die Stände als
die Kirchen bot indes in der zweiten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts noch das Reich; denn die Fürsten wußten seine ver—

Ranke, Preuß. Gesch. S.W. 25. 26, S. 189.
        <pb n="422" />
        108 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

alteten Einrichtungen geschickt zur Knechtung ihrer Territorial⸗
stände in Anspruch zu nehmen. Im wesentlichen ging man
dabei von der äußeren Reichssicherheit, also von einem militärischen
Gesichtspunkte aus, benutzte ihn aber sofort, um aus ihm schwere
finanzielle Verpflichtungen der Landstände und damit wo möglich
die Durchbrechung ihres Palladiums, des Steuerbewilligungs⸗
rechts, zu erreichen.
In dieser Richtung war schon ein Paragraph des Jüngsten
Reichstagsabschiedes (J. R. A. 1654 8 180) von schwerwiegender
Bedeutung; er stellte den Grundsatz auf, daß die Stände und
Untertanen der einzelnen Territorien niemals die „nötigen“
Kosten für Landesverteidigungszwecke verweigern dürften. Andert⸗
halb Jahrzehnte später aber ging man weiter. Im Jahre 1679
wurde von der Mehrheit der Reichsstände ein Gutachten be—
schlossen, welches den genannten Paragraphen dahin auszudehnen
beabsichtigte, daß die einfache Verpflichtung der Landstände zur
Bewilligung von Kriegs- und Militärkosten auch für alle Zwecke
von fürstlichen Bündnissen ausgesprochen werde, soweit diese
Bundnisse nicht den Bestimmungen des Westfälischen Friedens
zuwiderliefen. Es wäre die volle Emanzipation der auswärtigen
Politik wie der Militärverwaltung der Fürsten von dem Ein—
fluß der Landstände gewesen. Da hat denn allerdings der
Kaiser aus guten Gründen das Gutachten nicht bestätigt. Indes
die Fürsten wußten sich zu helfen: gerade die wichtigsten unter
ihnen, wie Bayern, Brandenburg, Köln, schlossen wenige Wochen
später ein ewiges Bündnis zu wechselseitigem Beistand gegen
alle Versuche ihrer Landstände und Untertanen, sich den an sie
gestellten militärischen Ansprüchen gewaltsam zu widersetzen.
Das Bündnis ist nie wirksam geworden; die Stände waren
genügend eingeschüchtert. Es war die Zeit, da sich die Lehre
des Hippolithus a Lapide und Pufendorfs in die Praxis
umzusetzen begann: die superioritas territorialis bringe es
mit sich, daß in casu neécessitatis die Privilegien der Stände
zessierten.
Aber freilich hatten um diese Zeit die Stände auch schon
vieler Orten eine Entwicklung genommen, die sie aus inneren
        <pb n="423" />
        Die Entwicklung der souperänen Territorien bis ins 18. Jahrh. 409

Gründen ihrem Verfall zuführte. Schon die Reformation hatte
ihre Einheit häufig gestört: wie sollte ein lutherischer weltlicher
Adel sich mit einer halb oder ganz katholischen Prälatenbank
verständigen? Aber jetzt wurden die Motive zur Uneinigkeit
stärker und zugleich weniger idealistisch; der Egoismus begann
zu entzweien.
Namentlich die Frage der Steuerprivilegien der einzelnen
Ständegruppen ward da zum Zankapfel; steuerten z. B. die
Städte, so beanspruchten die Ritler meistens die Freiheit. Das
gab dann Anlaß zu verbitternden Prozessen und zu einem
parteiischen Betrieb der Geschäfte: die öffentliche Auffassung
der landständischen Pflichten ging verloren, und an ihre Stelle
trat wie vordem eine private.
Natürlich kam diese Richtung der Entwicklung den fürst⸗
lichen Absichten eben erst recht entgegen: mit allen Mitteln
suchten sie sie zu begünstigen und dann aus ihr ihnen genehme
Konsequenzen zu ziehen; und namentlich darauf kam es ihnen
hierbei an, die Slande als nur noch privatrechtlich privilegierte
Korporationen von der Basis der Verfassung überhaupt hinweg—
zudrängen.
In der Tat gelang dies vielfach: in den größesten Terri⸗—
torien wie in den kleinsten. Allerdings konnten sich die württem⸗
bergischen Stände noch 1730 ausdrücklich als „corpus repraesentativum
 des gesamten lieben Vaterlands“ bezeichnen. Aber
das war eine Ausnahme. Im ganzen waren die Stände
um diese Zeit zu Körperschaften zuͤsammengeschrumpft, denen
der Genuß gewisser Rechte zustand, die aber eine wichtigere
offentliche Stellung nicht mehr besaßen: und es konnte im
18. Jahrhundert Streit darüber entstehen, ob den Landständen
jemals eine Landesvertretung zugestanden habe oder nicht. Die
Stände von Reuß-Gera aber, die gegen Ende des Jahrhunderts
noch einmal den Ausdruck gebrauchten, sie seien „Repräsentanten
des ganzen reußischen Volkes“, zogen sich mit dieser Außerung
einen fiskalischen Prozeß zu.
        <pb n="424" />
        410

Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

II.

Durch welche eigenen, dem Fursten im Innern zugänglichen
Mittel konnte nun aber die ursprüngliche Mitregierung der
Stände beseitigt und die fürstliche Macht zum Absolutismus
erweitert werden? Als unmittelbare Hebel der fürstlichen Ge—
walt boten sich hier Zivilverwaltung und Heerwesen, die beiden
großen Zweige staatlicher Erekutive, dar; und sie konnten
in langsamem Auswirken zugunsten einer positiven Politik
innerer Wohlfahrt geistigen und materiellen Charakters wie
auch negativ zur Unterdrückung der ständischen Gewalt benutzt
werden. Und wie waren sie in Bewegung zu setzen?
Der Machtfaktor, auf den man hier im Grunde stieß,
war schließlich wirtschaftlicher Natur: im Mittelalter war es der
Grund und Boden und das Eigen an ihm gewesen, jetzt war
es das Geld. Klare, reichliche Finanzen: in ihnen lag am
Ende der Quellpunkt fürstlicher Macht. Und diese Finanzen
mußten, aus mittelalterlicher Überlieferung her noch vielfach
naturalwirtschaftlichen Charakters, jetzt ins Geldwirtschaftliche
übertragen, sie mußten aus der alten Form naturalwirtschaftlicher
Erträge dezentralisierter Erhebung in die neue Form geldwirt—
schaftlicher Besteuerung zentralisierter Erhebungsart umgesetzt
werden.
Eine überaus schwere Aufgabe, mit deren Lösung man
gelegentlich und leise schon im 13. Jahrhundert begonnen hatte,
die aber auch im 16. Jahrhundert noch keineswegs selbst nur
annähernd vollendet worden war. Denn abgesehen von den
ungeheuren technischen Schwierigkeiten — es galt nicht die Be—
gründung eines neuen Systems, sondern die Überführung eines
alten in die vollständig abweichend gearteten Formen eines
neuen —: grade auf dem Gebiete der Finanzen traten sich auch
Stände und Fürst besonders entschieden gegenüber. Denn es
handelte sich nicht bloß um Umformung, es handelte sich bei
den vermehrten Staatszwecken, die das Territorium schon des
15. und 16. Jahrhunderts zu verfolgen begann, zugleich auch
um Vermehrung der Einnahmen. Und hier hatten die Stände
        <pb n="425" />
        Die Entwicklung der sonveränen CTerritorien bis ins 18. Jahrh. 411

mitzusprechen und haben dies fast überall im 16. Jahrhundert
noch sehr merklich getan.
Erst der Verlauf der volkswirtschaftlichen Entwicklung des
16. Jahrhunderts und der Zeit des Dreißigjährigen Krieges
brachte darum in dieser Hinsicht stärkere Fortschritte.
Zunächst sanken durch die Preisrevolution des 16. und
17. Jahrhunderts die alten, sich gleichbleibenden, zum großen
Teil durch Konversion naturalwirtschaftlicher Zinsen entstandenen
öffentlichen Geldgefälle außerordentlich in ihrem Werte: diese
alte Finanzquelle also ging zurück.
Nicht minder aber war das mit den naturalwirtschaftlich
gebliebenen Domanialeinkünften der Fall. Denn zumeist waren
die Domänen während des Krieges geplündert oder wenigstens
verschuldet und ihre Gefälle wohl gar verloren worden; wo sie
aͤber in leidlichem Zustande den Krieg überdauert hatten, da
wurde ihr Wert durch den rapiden Preisfall der landwirtschaft⸗
lichen Erzeugnisse dennoch schwer beeinträchtigt.
Das alles machte neue fürstliche Einnahmequellen unbedingt
nötig; und es handelte sich hier um eine Zwangslage, der
gegenüber auch die Stände die Augen nicht verschließen konnten.
Dazu kamen dann noch außerordentliche, im Verhältnis
zu den bisherigen Einnahmen neue finanzielle Anforderungen
für Kulturzwecke, für Heereshaltung und für Verzinsung und
Abtragung der größeren Schuldenlasten, die wenigstens während
des Krieges fast nirgends vermeidbar gewesen waren.
Auch hier konnten sich die Stände der Notwendigkeit der
Bewilligung schwerlich entziehen; um so weniger, als die Zu⸗
nahme der Volkswirtschaft nach dem Kriege, die stärkere Ent—
faltung der Technik und des Verkehrswesens sowie der raschere
Umlauf der Werte auch langsam eine größere Belastung zu ge⸗
statten schienen und sich gleichzeitig von diesen wirtschaftlichen
Fortschritten her die Aufgabe ergab, die alte Steuertechnik zu⸗
gunsten einer besseren, neueren zu beseitigen.
So kam es denn dazu, daß fast überall mindestens die in
den Nöten des Dreißigjährigen Krieges höher gebrachte Steuer⸗
last bestehen blieb. Indem dies aber geschah, und indem man
        <pb n="426" />
        412 J Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

zugleich in den Ausgaben auch noch weiterschritt, erhielten die
direkten Steuern, die erst im Laufe des Krieges wegen Ver—
sagens der indirekten stärker entwickelt worden waren, nun erst
in größerer Ausdehnung ein volles Recht finanziellen Daseins.
Und da man sie nun in ungewohnter Höhe forderte, wurden
sie, wegen des stärkeren Druckes, immer sorgsamer und gerechter
veranlagt: und hierdurch namentlich die Steuerprivilegien der
Stände angegriffen und stärker beschnitten, wenn man es auch
noch nicht zu einer völlig allgemeinen und gleichmäßigen Auf⸗
— —— erhielt das
Steuerwesen und mit ihm die Finanz immerhin schon einen
rein öffentlichen, sozusagen staatsbürgerlichen Charakter: eine
wirklich staatliche Steuerwirtschaft setzte ein.
Allein es ergab sich doch bald, daß der Grundsatz gerechter
Veranlagung grade bei direkter Besteuerung sehr schwer durch—
zuführen war: denn wie wollte man hier dem Grundherrn
wehren, die Steuer auf den Bauer abzuwälzen? Grade vom
staatlichen Standpunkte empfahl sich daher in den schon etwas
weiter entwickelten Territorien von neuem die Betonung der
indirekten Besteuerung als der immerhin noch gerechteren. Und
so sehen wir denn, wie seit den letzten Zeiten des 17. Jahr⸗
hunderts überall wieder die indirekte Besteuerung, namentlich
in der Form der Akzise, gepflegt wird; und diese Neigung hielt
noch durch das ganze 18. Jahrhundert an, da die für sie maß⸗
gebenden Motive im ganzen noch fortbestanden.
Freilich tritt nun die soeben geschilderte Entwicklung keines—
— ä—
nur in den Territorien, wo sie bemerkbar wird, mit zähester
Konsequenz verfolgt worden wäre. Und was schlimmer war:
schließlich ging in fast allen Territorien mit Ausnahme von
Preußen und Hsterreich das Steuerwesen im Laufe des 18. Jahr⸗
hunderts wiederum zurück: die Territorien erwiesen sich im
allgemeinen schon als zu klein, um die neueren steuerlichen Fort⸗
schritte aufnehmen zu können, wie sie sich nunmehr aus der
stärkeren Hebung großterritorialen Verkehrs und weiter ent—
wickelter sozialer Schichtung ergaben.
        <pb n="427" />
        Die Entwicklung der souveränen Cerritorien bis ins 18. Jahrh. 418

Bezeichnend ist, daß sich unter den jetzt zurückbleibenden
Territorien auch Bayern befand. Noch im 17. Jahrhundert
hatte es sich durch eine klare und glänzende Finanzverwaltung
ausgezeichnet; jetzt aber erschien es schließlich durch hohe direkte
Steuern in der Form vom Vielfachen ganz veralteter Einzel⸗
steuern charakterisiert, die die unteren Klassen und besonders die
Bauern trafen, und hatte nur wenig indirekte Steuern, von
denen die bedeutendste, der Bieraufschlag, wiederum über⸗
wiegend nur die unteren Klassen belastete.
Überschaut man aber die Entwicklung der deutschen Terri⸗
torialfinanzen dieser Zeit im ganzen, so besteht kein Zweifel
darüber, daß sich in ihnen nach Veranlagung wie Ertragshöhe
seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ein wichtiger Fortschritt
vollzog: und es ist nach früher Ausgeführtem klar, daß er bei
richtigem Gebrauche der Erträge vor allem der Entwicklung der
fürstlichen Verwaltung und des fürstlichen Heerwesens zugute
kommen mußte.
Da ist es nun für die Verwaltung bezeichnend, daß sich
der Aufschwung im allgemeinen zuerst in der Zentralverwaltung
zeigte, nicht in den unteren Instanzen. Grund hierfür mochte
zunächst sein, daß schon seit dem 16. Jahrhundert der Zentral⸗
verwaltung besondere Aufmerksamkeit gewidmet worden war,
da diese der Person des Fürsten am naͤchsten stand. Aber ein
Weiteres kam hinzu. Die Lokalverwaltung des späteren Mittel⸗
alters war an sich recht wohlgeordnet, sobald der Fürst nicht
mehr gezwungen war, Pfandrechte auf irgend einen Amtsbezirk
zuzulassen und damit die eigene Schöpfung der lokalen Ad⸗
ministration zu stören. Dieser Augenblick aber war ein⸗
getreten von der Zeit an, da die Finanzen zentralisiert und
mehr geldwirtschaftlich berwaltet wurden: denn von da ab
besaß der Fürst Kredit auf das ganze Land und hrauchte nicht
mehr nur einzelne Teile der Einnahmen desselben zu verpfänden.
In diesem Punkte hatte also die Entwicklung des Finanzwesens
in sich und fast unbemerkt dem System der mittelalterlichen
Lokalverwaltung erst zu vollem Leben verholfen. In dem Be—
streben aber, die Lokalverwaltung etwa über das bisher beab—
        <pb n="428" />
        114

Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

sichtigte Maß der Leistungsfähigkeit hinauszuheben, würden die
Fürsten alsbald in schwere Zwiste mit den immer noch be—
stehenden halbstaatlichen Lokalmächten, den Städten und Grund—
herren, geraten sein: denn Städte und Grundherren waren zu—
gleich die Stände des Landes. Die Fürsten hatten also in
dem Augenblicke, da sie gegen die zentralen politischen Rechte
der Stände angingen, allen Anlaß, wenigstens deren niedrigere,
lokale, politische Rechte einstweilen noch klug zu schonen.
So waren es denn aus allen diesen Gründen die Zentral—
verwaltungen und daneben noch die Mittelinstanzen, wo es
deren gab, denen die Sorgen der Fürsten der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts und der folgenden Jahrzehnte galten.
Im ganzen kam es dabei nur darauf an, Anfänge aus—⸗
zugestalten, die sich schon seit dem 16. Jahrhundert in allen
größeren Territorien gebildet hatten. Zumeist gab es seitdem
für jedes Territorium ein kollegialisches Regiment, ein collegium
regiminis, das, aus einer Anzahl von Räten bestehend, unter
oberster Aufsicht des Fürsten die Landesgeschäfte besorgte. Und
mehr: überall hatte schon in diesen Kollegien ein mehr oder
minder weitgehender und im Einzelfall sehr verschiedenartiger
Prozeß der Differenzierung begonnen; eine Anzahl von Sonder⸗
kollegien, Geheimer Rat, Hofgericht, Rentkammer, Kirchenrat
oder Konsistorium, hatten sich, bald mehr bald minder deutlich
geschieden und verselbständigt, gebildet, und eine dem entsprechende
Teilung der Geschäfte machte immer größere Fortschritte.
Diesen Vorgang zunehmender Arbeitsteilung begleiteten
nun die Fürsten der neuen absolutistischen Zeit in eingehender
Förderung weiter; und dem Grundsatze immer zunehmender
Arbeitsteilung fügten sie den erneuter Arbeitsvereinigung hinzu.
Das Ergebnis war in den besten Fällen eine Gliederung der
Zentralbehörde in einzelne Teilbehörden, über denen dann
wiederum eine oberste zusammenfassende Stelle, zumeist unter ein—
gehender Teilnahme des Fürsten selber, arbeitete. Eine andere
Lösung, die Gipfelung der Geschäfte in der Person eines ein—
zigen Premierministers, die sich in Frankreich und England so
häufig fand, blieb in Deutschland selten; und eigentlich gab es
        <pb n="429" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 415

dafür nur ein freilich auch besonders unzulängliches Beispiel,
das des Grafen Brühl in Sachsen: denn wer wollte den
Grafen, ganz abgesehen von der verschiedenen Bedeutung der
beiderseitigen Staatswesen, auch nur entfernt etwa mit einem
Mazarin, geschweige denn einem Richelien vergleichen.
Blieb so die Organisation der Oberbehörden fast durchaus
in den seit dem 16. Jahrhundert eingeschlagenen Wegen, und
wurde vor allem das Prinzip der Kollegialität für die Einzel⸗
behörde gern aufrechterhalten, so kam es um so mehr darauf
an, die Qualität der Beamten zu verbessern, die Verwaltung
ruhiger, gleichmäßiger und vor allem intensiver, durchgreifender
zu gestalten. Und auf diesem Gebiete begann nun eine un⸗
aͤbläͤssige, stille Arbeit: hier hat Preußen seine Lorbeeren ver⸗
dient: den Charakter der hochstehenden deutschen Bureaukratie
schon der zweiten Halfte des 18. Jahrhunderts, noch mehr des
19. Jahrhunderts galt es zu entwickeln.
Da ergab sich denn freilich anfangs als nötig, daß die Be⸗
amten noch wie bisher ganz in der Hand des Fürsten blieben: nichts
waren als seine Werkzeuge, seine ihm völlig willigen Diener.
Der Gedanke des öffentlichen Charakters der Beamtenwelt trat
also noch zurück und noch mehr die Absicht, ihn etwa gegen
Willkür der vorgesetzten Behörde oder gar des Fürsten sicher⸗
zustellen. Es sind Forderungen erst des staatsbürgerlichen
Lebens des 19. Jahrhunderts. Zwar wird für gewisse Be—
amte, die sich aus den Geschlechtern der Stände zu rekrutieren
pflegten oder gar von den Ständen dem Fürsten präsentiert
wurden, der Grundsatz der Unentlaßbarkeit, außer bei schweren
Verfehlungen, vereinzelt schon im 17. Jahrhundert erzwungen.
Aber im ganzen waren die Fürsten einer solchen Lösung ab⸗
geneigt, und die Fälle ihrer Anwendung blieben vereinzelt. Und
so konnte denn noch im Jahre 1654 der Jurist Mevius den
Beamtenvertrag unter das römisch⸗rechtliche Schema des jeder⸗
zeit widerruflichen Mandates bringen. Das 18. Jahrhundert
Per blieb im ganzen bei dieser Meinung, wenn sie jetzt auch,
namentlich von dem hallischen Juristen Böhmer (1716), recht—
lich schärfer als von Mevius gefaßt wurde.
        <pb n="430" />
        16 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

So erschienen denn auch die Beamten des 18. Jahrhunderts
noch durchaus als persönliche Bediente des Fürsten; und ein un—
bedingtes fürstliches Verfügungsrecht über Personen und Familien
von Beamten galt als selbstverständlich. Demgemäß mußten z. B.
in Württemberg noch im Jahre 1736 alle Kanzleiverwandten
mit Frauen und Töchtern auf den herzoglichen Karnevalsredouten
erscheinen bei Strafe vierteljährlichen Gehaltsabzuges; und in
Berlin zwang Friedrich Wilhelm J. seine Beamten und Hof—⸗
diener zur Bebauung der heutigen Friedrichstadt auf ihre
Kosten. Nun begreift es sich, daß eine solche Auffassung, zu—
mal in den Zeiten vollster Durchbildung des Absolutismus, zu
schweren Karikaturen des Beamtenwesens führen konnte. So
hatte z. B. ein Fürst Oettingen-Wallerstein die Liebhaberei,
wie Friedrich Wilhelm J. von Preußen seine Gardisten, so
seine Hofräte nur aus langen Leuten, nicht unter sechs Fuß
Größe, zu nehmen. Im ganzen aber war die peremptorische
Auffassung doch ein Segen und hat nirgends zu besseren Er—
gebnissen geführt als da, wo streng und freilich zugleich auch
würdig nach ihr gehandelt wurde. Am meisten war das viel—
leicht der Fall in dem Preußen Friedrich Wilhelms J. Friedrich
Wilhelm war gewiß weit davon entfernt, ein sogenanntes Recht
des Beamten anzuerkennen. Er betrachtete vielmehr die Be—
stallung mit einem preußischen Amt als eine besondere Gnade
für den Untertan und hielt sich demgemäß für berechtigt, die
Gehälter zusammenzustreichen, wie es ihm notwendig schien;
er entließ weiter ohne Angabe von Gründen, versetzte, wie
er wollte, und erklärte den Wunsch eines Beamten, lieber
entlassen als versetzt zu werden, für eine mit Festung zu
bestrafende Rebellion. Aber anderseits sorgte er auch für die
„Reputation“ des königlichen Dienstes und gab durch eigene
Arbeit das Beispiel strengster Ehrenhaftigkeit und entschiedenster
Pflichterfüllung. Unter diesen Umständen mußte es in Preußen
wie in verwandter Weise auch sonst, wenn nicht zur Ausbildung
eines eigentlichen festen Beamtenrechts, so doch um so mehr
zur Ausbildung einer Beamtendisziplin und eines Korpsgeistes
der Beamten kommen.
        <pb n="431" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 417

Notwendig hierfür wie für die volle Ausnützbarkeit der
Beamten durch die Fürsten war allerdings noch, daß alle Einflüsse
von außen her ferngehalten wurden, die die Beamtenwelt Dritten
— E
sonders die Tatsache, daß tüchtige Männer namentlich der
höheren Stellen mehreren Fürsten zugleich dienten. Es war ein
Zustand, der im 18. Jahrhundert immer mehr verschwand; in
Preußen wurde er 1718 geradezu als unzulässig erklärt. Und
in derselben Richtung lag es, wenn im 17. Jahrhundert die
Stände für manche hohe Beamtenstellen noch das Präsentationsrecht
 von Kandidaten besaßen: eine namentlich in den öster⸗
reichischen Ländern vorkommende Sitte. Auch sie wurde ab—
geschafft. Nicht minder fällt das sogenannte Indigenat in diesen
Zusammenhang, wonach hier und da der Anspruch auftrat,
daß die Beamtenstellen in einem bestimmten Terrritorium nur
mit Eingeborenen des Landes und zwar meistens des Adels be⸗
setzt werden dürften. Indigenat und Adelsanspruch sind ganz
allgemein, vor allem aber doch wiederum in Preußen, bekämpft
worden, und Friedrich Wilhelm J. verwandte die einzelnen Be—
amten im Gegenteil mit Vorliebe außerhalb ihrer engeren
Heimat.
Wurde durch all diese und verwandte Scheidemittel die
volle Hingabe der Beamten an Fürst und Staat erst eingeführt,
so traten positive Maßregeln hinzu, um sie nun auch zu
ständiger und treuer Dauer zu veranlassen. Hierhin rechnete
es, daß die Gehälter pünktlich gezahlt und auskömmlich, ja
bei hohen Stellen reich und überreich bemessen wurden: der
Glanz der Monarchie sollte auch auf deren erste Diener hinüber⸗
strahlen. Dieser Sicherstellung des äußeren Lebens entsprach
danun das Verbot des Privaterwerbs für gewisse, des Geschenk⸗
nehmens für alle Beamte; und erhöht wurde sie durch die
Aussicht auf besondere Belohnungen bei vorzüglichem Dienste.
An den Dienst selbst aber wurden die Beamten ganz
anders als früher durch besondere Erziehung und andere Maß—
regeln gefesselt. Nicht nur, daß hier und da schon eine gewisse
technische Vorbildung gefordert und erreicht ward, daß ferner
Lamprecht. Deutsche Geschichte. VI. 27
        <pb n="432" />
        118 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

ein mehr oder minder reguläres Aufsteigen die Kenntnis der
unteren Dienststufen in den oberen verbürgte: durch Vereidigung
und Kaution, durch besondere Amtsinstruktionen, durch genaue
Beaufsichtigung seitens der Vorgesetzten und Anlegung von
Führungslisten, durch unbedingte Residenzpflicht und genaue
Sitzungs⸗ und Reiseordnungen, durch das Prinzip der kollegia⸗
lischen Behandlung und die Bindung aller Geschäftsführung
an die von der Regierung genehmigten Etats wurde der Beamte
so an Pflicht und Tätigkeit seines Amtes gefesselt, daß er
erst jetzt zum wahren Berufsbeamten im modernen Sinne des
Wortes zu erwachsen begann.
Wo aber die Verwaltung in beharrlichem Ernste den
eben erwähnten Zielen zugeführt wurde, war das Ergebnis
ausgezeichnet, und das galt nicht bloß für große Staaten,
sondern ebenso für kleine. So erlebte z. B. schon die zweite
Hälfte des 17. Jahrhunderts eine besonders treffliche Ver—
waltung in den Ländern der drei welfischen Herzöͤge. Und den
welfischen Fürstentümern folgten bald auch andere, bis im
18. Jahrhundert Preußen die Blüte des Beamtenstandes der
absoluten Monarchie gezeitigt hat.
Indem sich aber der Beamtenstand, zunächst in den oberen
Amtern, zusehends hob und damit eine intensivere Wirkung
der gesamten Verwaltungsmaschine nach unten zu eintrat,
kam es im 18. Jahrhundert auch zu einer Belebung und Er—
weiterung der Lokalverwaltung. Und zwar einmal in der
Richtung auf eine Zerstörung der alten Selbstverwaltung der
urzeitlichen und karolingisch-kaiserzeitlichen Verfassung, die in
der ländlichen Gemeindeselbstverwaltung und der Handhabung
hier und da erhaltener Volksgerichte noch immer fortwährte.
Die Reste dieser Verwaltung, meist nur noch in trümmerhafter
Gestalt erhalten, gehörten vornehmlich dem Mutterlande an.
Sie störten die neueren Bildungen namentlich, soweit es sich
um die Gerichtsverfassung handelte; und da ging man denn
gegen die alten Volksgerichte und besonders die Hochgerichte,
soweit sie noch selbständig waren, energisch vor. Am er—
barmungslosesten vielleicht in den kleinerent Territorien. wo
        <pb n="433" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 419

an Stelle der zerstreuten Reste einer ungenügenden Strafjustiz
häufig sehr willkürliche neue Einrichtungen mit noch willkür—
licherer Begründung gesetzt wurden. Als im Fürstentum
Stablo-⸗Malmedy das altgermanische Hochgericht vor einem
neuen absolutistischen Staatsrat Verwahrung einlegte wegen
Schmälerung seiner Zuständigkeiten und dabei bemerkte, der
Staatsrat sei an sich eine Neuerung, erwiderte der geistlich ge—
bildete Fürstabt Johann IV., Ernst Fürst von Löwenstein:
„que l'ancienneté ne faisait rion dans l'affaire, comme
los bêtes pour avoir été créées avant lhomme ne sond
pourtant pas au-dessus de lui“. Und neben wie mit der
alten Gerichtsverfassung gingen vielfach auch die noch be—
stehenden Reste der alten Schöffenkollegien des Mittelalters
verloren: sie waren dem absolutistischen Staate schon wegen
des demokratischen Elementes, das ihre Institution barg, zu⸗
wider. Besonders entschieden hat sich Preußen ihrer entledigt;
in Kleve-Mark wurden 1699 zuerst die Amtleute angewiesen,
die Tätigkeit der noch bestehenden Schöffengerichte zu über—
wachen; dann schob Friedrich Wilhelm J. 1718 dieselben Amt⸗
leute unmittelbar in die Rechtsprechung ein; und 1753 wurden
die alten Gerichte zugunsten neuer Kollegialgerichte mit berufs—
mäßigen Richtern kurzweg aufgehoben. Ähnliches geschah in
Moers im Jahre 1771. In Hannover dagegen und in manchen
anderen Ländern ging man glimpflicher vor. Überall aber
empfand man die Unvereinbarkeit der selbständigen Stellung
der alten Volksgerichte mit der neueren Behördenorganisation
des absoluten Staates und suchte sie deshalb aufzuheben:
höchstens in der Strafrechtspflege haben sich hier und da ver—
kümmerte Schöffenkollegien noch länger erhalten.
Klar aber war, daß mit dem Verdrängen der Schöffen⸗
kollegien in den Untergerichten durch den Einzelrichter zugleich
an Stelle des Rechts, das die Schöffen nach alter deutscher Weise
aus sich gewiesen hatten, die Anwendung eines objektiv kodi⸗—
fizierten Rechts treten mußte, und daß hiermit zuerst in die
Massen der Begriff eines absolut zwingenden Gesetzes ohne
Mitleid und Billigkeit, kurz einer formalen Autorität getragen
27*
        <pb n="434" />
        t20

Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

wurde. Dies um so mehr, als das neue Recht, nach dem nun⸗
mehr die Einzelrichter urteilten, zumeist römischen Ursprungs
war. Die höchste Geltung des römischen Rechts in Deutschland
 fällt darum mit der höchsten Ausbildung des absoluten
Staates zusammen: schon gegen Ende des 18. und nicht erst
im Verlaufe des 19. Jahrhunderts beginnt sich die Hochflut
des rechtlichen Romanismus wiederum zu verlaufen.
Inzwischen aber hatte die Schädigung und Beseitigung der
Reste der ursprünglichen Gerichtsverfassung eine weitere Folge
gehabt: bei der innigen Verquickung derselben mit der Selbst—
verwaltung der Gemeinden war auch diese geschädigt worden;
ihre Beamten waren unter staatliche Aufsicht, wenn nicht in
noch weitere Abhängigkeit gebracht worden, und ihre Rechte
wurden beschnitten. Und bei der Beseitigung der urzeitlichen
Verwaltungsreste hielt die fürstliche Lokalverwaltung noch nicht
inne; in ihrem Bestreben, jeden ihr widersprechenden Fremd⸗
körper im Staate zu beseitigen, zog sie vielmehr auch gegen
die Wirtschaftsverwaltung der Gemeinden, insofern diese Mark—
genossenschaften waren, sowie gegen die autonomen Verwaltungen
von Genossenschaften mittelalterlichen Rechtes überhaupt zu Felde.
Ferne Ziele einer allgemeinen Liquidation des mittelalterlichen
Staats- und Rechtslebens tauchten hier auf, die erst der
moderne Staat des 19. Jahrhunderts völlig gesichtet und schließ⸗
lich nahezu erreicht hat.
Aber nicht allein gegen die mittelalterliche Autonomie der
Gemeinden und Körperschaften wandten sich die fürstlichen Ver—
waltungen; nicht minder begannen sie jetzt auch gegen die
mittelalterlichen Reste autoritärer Bildungen, gegen Grund—
herren und Städte vorzugehen. Es ist die zweite Richtung,
in der sie immer entschiedener tätig wurden. Handelte es sich
hier zunächst um die Zerstörung derjenigen Verwaltungen,
welche Grundherren und Städte als Stände gemeinsam be—
gründet hatten, insbesondere um die Vernichtung ihrer be—
sonderen Finanzverwaltung, so ergab sich daneben noch ein
neues Ziel nach anderer Richtung. Die Grundherren, insofern
sie Patrimonialgerichtsherren waren, die Städte, insofern sie
        <pb n="435" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 42]

sich einer besonderen Ratsgerichtsbarkeit erfreuten, dieser Rechte
zugunsten einer einheitlichen und einzigen fürstlichen Rechts—
autorität zu entkleiden: darauf kam es an. Und so wurden
zunächst Aufsichtsrechte über die halbstaatlichen Funktionen von
Grundherren und Städten, bald aber auch Eingriffsrechte ent—
wickelt: und kein Zweifel konnte darüber bestehen, daß die Ent—
faltung des absolutistischen Staates an sich auf die völlige
Unterdrückung dieser Rechte hindrängte.
Demgemäß sehen wir denn die neue landesfürstliche Ver—
waltung im 18. Jahrhundert schließlich im Begriffe, alle
Trümmer früherer Verwaltungssysteme in ihrem Sinne um—
zugestalten oder noch lieber sieghaft zu beseitigen: die Gerichts—
und Gemeindeverwaltung der Urzeit wie der karolingischen
Kaiserzeit; die Verwaltung der naturalwirtschaftlichen wie der
späteren Grundherrschaft; die städtische Selbstverwaltung der
primitiven Geldwirtschaft und die ständische Verwaltung des
14. und 15. Jahrhunderts. Und nichts konnte ihr im Grunde
völlig widerstehen: dem Prinzipe nach stand sie schließlich allein
da, und durch sie regierte der Monarch absolut nach innen.
Daneben aber hatte derselbe Fürst auch schon zum Schutze
nach außen wie innen ein weiteres Instrument seines Willens
von bis dahin unbekannter Sicherheit und Schneidigkeit ent—
wickelt: das Heer.

III.
Das absolutistische Fürstentum des 17. und 18. Jahr—
hunderts, das sich der Entwicklung eines Heerwesens in seinem
Sinne zuwandte, fand für seinen Organisationstrieb keine
Tabula rasa mehr vor: drei große Heeresverfassungen hatte die
deutsche Entwicklung schon vor ihm in geschichtlich erkennbaren
Zeiten hervorgebracht.
Da war in den Urzeiten jeder wehrhaft gewesen, ein
Krieger, Richter und voller Geschlechtsgenosse zugleich; von
einem Prinzip des Volksheeres hätte man sprechen können;
und noch waren im Landgeschrei und im Landesaufgebot des
        <pb n="436" />
        122

Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

ausgehenden Mittelalters und selbst späterer Jahrhunderte Reste
dieser ältesten Verfassung erhalten.
Dem Volksheer aber war seit der deutschen Kaiserzeit das
Ritterheer gefolgt, ein Erzeugnis der Naturalwirtschaft in dem
fortgeschrittenen Stadium, da neben den minder besitzenden
Landmann und den vollhäbigen Bauer der landreiche Edel—
herr getreten war mit dem Rechte und der Pflicht des militärischen
Schutzes. Und auch von dieser Heeresverfassung waren noch
jenseits des Mittelalters Reste vorhanden in Lehnspferden und
ritterlichem Aufgebot.
Im ganzen aber war auch das Ritterheer schon von einer
neuen Art des Heeres, dem Söldnerheere, verdrängt worden.
Voraussetzung für die Entwicklung größerer Söldnerheere ist
der Eiutritt geldwirtschaftlicher Zeiten: denn erst in diesen
läßt sich eine größere Masse von Kriegern in Sold und Lohn
halten, und vor allem: erst dann ist die Bevölkerung dicht
genug, um zahlreiche Söldner zu stellen, und die soziale Be⸗
wegung genügend stark, um die nötige Zahl jener Deklassierten
zu liefern, die ihre Haut im niederen Kriegsdienst zu Markte
zu tragen bereit sind. Daher sind denn in Deutschland die
Blütetage der Stauferherrscher in der Tat die Zeiten gewesen,
in denen die ersten Soldtruppen auftauchten. Freilich: stark an
Zahl waren diese frühen Servanten noch nicht; und auch das
Fürstentum des 14. bis 16. Jahrhunderts bedurfte, wenigstens in
Deutschland, erst einer geringen besoldeten Polizeimacht, sei es
für den Wagenberitt beim Geleitswesen, sei es für den Land—
beritt zu territorialer Sicherung. Zu wirklichen Soldheeren
aber konnte es erst kommen, als die Staaten größer und darum
die Kriege gewaltiger geworden waren. Und hiermit ging vom
15. bis zum 17. Jahrhundert endgültig die Verdrängung der
aristokratischen Reitertruppe erst durch den Spieß oder den
langen Stoßdegen des deutschen oder spanischen Landsknechts,
dann durch das Feuergewehr des Arkebusiers Hand in Hand:
auch dies Moment, die Tatsache, daß der Krieger je länger je
mehr zugunsten einer menschlichen Stoß- und Schießmaschine
verschwand, hat die Entwicklung der Söldnerheere gefördert.
        <pb n="437" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 428

Wichtig aber ist es, die Durchbildung der neuen Sold—
truppe im einzelnen zu verfolgen; denn zahlreiche Phasen hat
sie schließlich durchlaufen. In einer Periode der Fruhzeit finden
wir neben den vereinzelten Soldtruppen der Kaiser namentlich
auf italischen Kriegsschauplätzen das Söldnerwesen auf den
landesherrlichen Burgen der Heimat: wenige Reisige und Fuß⸗
gänger jeweils zusammen zu defensiven und polizeilichen Zwecken.
Es war eine Stufe der Entwicklung, die in den Städten, den
größten gleichsam aller Burgen, eine besondere Organisations⸗
höhe erreichen mußte. Und zugleich verquickte fich hier dies
tärker gegliederte Söldnerwesen mit einer modern⸗bürgerlichen
Abwandlung des alten Volksaufgebotes, wie sie, namentlich in
den Städten an den Grenzen des Reiches, zu einer lebhaften
Entwicklung der Bürgerwehrpflicht auf der taktisch⸗genossen⸗
schaftlichen Grundlage erst des Zunftwesens, dann besonderer
politischer Gliederungen der Bürger und besonderer Schieß⸗
genossenschaften führte.
Indes die klassis che Entwicklungsform des deutschen Söldner⸗
tums, das Landsknechtswesen, ging nicht aus diesen Zusammen⸗
—V— Vielmehr bildete es sich vornehmlich in denjenigen
deripherischen Teilen des Reiches aus, in denen sich besonders
archaische Verhältnisse gehalten hatten und doch Deklassierte genug
zu finden waren, wie namentlich in der Schweiz, und zwar hervor
aus einer höchst eigenartigen Verquickung früherer und späterer
mittelalterlicher Verfassungselemente. Als grundlegend kann
angesehen werden, daß sich in diesen Gegenden, soweit sie vor⸗
ugsweise bäuerliche Bevölkerung aufwiesen, noch viel von dem
Wesen des alten Volksheeres, so vor allem auch dessen taktische
Einheit, der Gewalthaufen im Geviert mit langen Spießen
in der Front und in den Flanken, erhalten hatte. Indem nun
dieser Gewalthaufen, ursprünglich ein Konglomerat freier Volks⸗
genossen, von Söldnern gebildet wurde, mußte sein sittlicher
Zusammenhang, der ursprünglich durch das gemeinsame Ge⸗
schlechtsbewußtsein, dann durch das gemeinsame Völkerschafts—
ud Stammesbewußtsein der Teilnehmer gewährleistet worden
var, durch ein anderes sittliches Motiv gesichert werden. Es
        <pb n="438" />
        424

Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

fand sich in dem Gedanken der spätmittelalterlichen Genossen—
schaft gemeinsamen Berufes. Jeder dieser Gewalthaufen, dieser
Fähnlein, wie sie nun hießen, junge und alte Leute, Weiber
und Kinder, bildete eine kriegerische Schwurgenossenschaft. Er
trat ins Leben, indem innerhalb des gebildeten Ringes der
Krieger jeder einzelne der Genossenschaft Treue schwor, und indem
die ganze Genossenschaft einen Führer als Hauptmann erkor
oder anerkannte, nachdem dieser um diese Anerkennung und um
Gehorsam gebeten hatte. Darauf erfolgte durch Verlesung des
Artikelbriefes die Verkündigung der Verfassung und des Kriegs—
rechtes des Fähnleins, sowie die Bestellung der untergeordneten
gemeinen Amter: des Fouriers, des Weibels, des sogenannten
Führers, eines meist alten Kriegsmannes, der im Malefizgericht
als Pflichtverteidiger des angeklagten Landsknechtes aufzutreten
hatte, und des Profossen, des öffentlichen Anklägers. Waren
diese ÄAmter besetzt, so war das Fähnlein konstituiert; das
„Regiment aufgerichtet“. Entsprechend dieser Ordnung bildete
das Fähnlein eine spätmittelalterliche Genossenschaft, war eine
Kriegs- und Gerichtsgemeinde für sich. Besonders altertüm—
lich aber mutete in ihm noch die Gerichtsverfassung an — wie
ein letzer Rest und Nachhall volksrechtlicher Verfassung alt⸗
fränkischer Zeiten. Nach der Vorfahren Weise wurde das Ge—
richt gehalten am nüchternen Morgen bei bedeckter Bank unter
Umfrage im Ring der Knechte: und der ganze Umstand er—
kannte noch über Verletzung der Artikel. Nach gesprochenem
Urteile bedankte sich der Fähndrich, als symbolischer Vertreter
der Ehre des Fähnleins, bei dem gemeinen Knecht, daß er
kehrhaft Regiment gestärkt habe. Und dann erfolgte, ebenfalls
noch durch die Gemeinde, die Vollstreckung der Strafe. Der
Verurteilte, der Spießruten laufen mußte, bat die Gemeinde
um Verzeihung; war er gerichtet, so kniete der gemeine Knecht
zum Gebete nieder und umzog dreimal schweigend den Leichnam.
Worauf das Fähnlein, das vorher verkehrt und verhüllt in die
Erde gesteckt war, wieder entrollt wurde: gesühnt war die Schuld,
wiederhergestellt die Ehre der Gemeinde.
        <pb n="439" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 425

Es sind die schönen Zeiten des „frommen“, des „ehr—
lichen“ Landsknechts. Und noch spät heißt es von ihm!:

Wer sich zum Kriegsmann werben läßt,
Soll fromm sein, redlich und faustfest:
Er soll nichts fürchten als nur Gott
Und nach ihm seines Herrn Gebot;
Er soll sich uben Tag und Nacht,
Bis daß er werd' zum Mann gemacht
Und lerne aus Erfahrung wohl,
Wie man dem Feind begegnen foll.
Und wie spiegelt ein anderer Vers derselben Ermahnung noch
den alten fröhlichen Fatalismus des deutschen Kriegers wider:
Du mußt Gott und dem Vaterland
Zu Schutz und Ehren tun Beistand
ünd dich oft ducken, hucken, schmiegen,
Oft wenig schlafen, übel liegen,
Oft hungern, dürsten, schwitzen, frieren,
Bald was gewinnen, bald verlieren,
Und allenthalben des Unfalls dein
Und deines Glücks gewärtig sein.

Aber auch der Verfall des gemeinen Knechts tritt uns aus
diesen Versen der dreißigjährigen Kriegszeit schon in Forderungen
voll herber Vorwürfe entgegen:
Sobald er nun zu einem Pfand
Hat Geld empfangen auf die Hand,
So soll er lassen alle Sachen
Und sich in Eil zum Haufen machen.
Er soll nicht ziehen auf die garde
Nach der diebischen Laufer Art,
Noch von einem Dorf zum andern laufen,
Hühner stehlen und Brot verkaufen.

Wie war es nun zu diesem Ruin gekommen? Die ganze
Einrichtung des Fähnleins war ursprünglich auf eine gleich—
artige Herkunft der Genossen berechnet: Bauer und allenfalls
Handwerksgesell sollten in ihm zusammenstehen, darüber als

B. Ringwald, Die lautere Wahrheit, wie sich ein weltlicher und
geistlicher Kriegsmann in seinem Beruf verhalten soll; abgedruckt u. a.
uch in Philanders von Sittewald „Wunderliche und wahrhaftige Gesichte“.
        <pb n="440" />
        426 — Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Hauptmann ein edler Herr, Adlige vielleicht auch noch als
Doppelsöldner im ersten Gliede: das war der ursprüngliche Ge⸗
danke. Und in dieser Zusammensetzung sollte das Fähnlein
autonom sein, sich selbst regieren, einem Herrn höchstens auf
drei Monate zuschwören und größeren Verbänden sich fern⸗
halten, es sei denn der Unterordnung unter einen obersten
dauptmann. Das alles entsprach seiner seelischen Anlage, und
so haben an erster Stelle die Schweizer in den großen Zeiten
des Reislaufes gedient, von Nancy an bis Marignano.
Allein bald wurde der Halt der alten Organisation ge—
bhrochen. Es war schon eine Abweichung vom schöpferischen
Grunde der ersten Entstehung, wenn Kaiser Mar J., dem die
Schweizer bei dem alten Hasse der Eidgenossen gegen das Haus
Habsburg nicht dienen wollten, nun nach Analogie der Schweizer
kaiserliche, fürstliche Landsknechte aufstellte und eindrillte. Als
dann gar die großen Kriege der Zeiten Karls V. und Franz' J.
— D— Deutschland die Türken⸗
kriege namentlich der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
folgten, und als demgemäß überall, bei im allgemeinen steigender
Geldwirtschaft, den deutschen Landsknechten und schweizerischen
Hellebardieren ähnliche Fußtruppen entstanden — dort die
Spanier mit dem langen Stoßdegen, hier die Janitscharen —:
da verloren sich die deutschegenossenschaftlichen Eigentümlich⸗
keiten in dem allgemeinen Gedränge, und die ursprüngliche
Institution erschien langsam als mittelalterlich und unzeitgemäß.
Dazu kam, daß auf deutschem Boden mit zurückgehender Volks⸗
wirtschaft die Rekrutierung schlechter wurde: neben den Bauern
und Handwerker trat der Taugenichts aus besserer Familie,
der Sohn des herabgekommenen Edelmanns, schließlich der
dandstreicher schlechthin: und sie alle in massenhaftem An⸗
—00 schneit und
leucht es zu, wie die Fliegen im Sommer,“ heißt es schon im
16. Jahrhundert. Und bei alledem wurde das Brot immer
trauriger und unsicherer; nichts mehr von dem alten nationalen
Stolze; jedem fremden Herrn lief man zu, denn in den fried—
licheren Zeiten der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war
        <pb n="441" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 427

man froh, wo auch immer dienen zu können: anderen Falles konnte
man wohl heute in Beute schwelgen, um morgen am Hunger⸗
tuche zu nagen.
Trotzdem war mit den Söldnern dieser Zeit, wurden sie
gut gehalten und geführt, noch Treffliches zu leisten. Noch gegen
Ende des 16. Jahrhunderts zeigte der Statthalter von Fries⸗
land, Wilhelm Ludwig von Nassau, in den nordniederländischen
Kriegsläuften, wessen sie fähig waren, wenn man sie, in echter
Renaissancestimmung den Vorschriften der Römer folgend, zu
einer stetig zusammenhaltenden Feldtruppe eindrillte. Und selbst
bei den Verbesserungen der Velagerungstechnik, die derselbe
Wilhelm Ludwig nach den Vorschlägen des großen Mathe⸗
natikers Stevinus ausführte, hat sich der alte Söldner noch
bewährt.
Den eigentlichen Verfall brachte erst der Dreißigjährige
Krieg. Denn den sittlichen Versuchungen dieser Zeit erwiesen
sich die alten Söldner aͤllerdings nicht mehr gewachsen. Sie
berrohten in Plünderungen und wurden zugleich feige: wie
erfolgreich traten ihnen alsbald Gustav Adolfs schwedische
Bauernsoöhne entgegen! — sie entfremdeten sich völlig der bürger⸗
lichen Gesellschaft, und mit ihrem Troß von Weibern, Buben,
Dieben, Hehlern, Wucherern, Falschspielern — auf 3000 Mann
Kriegsvolk rechnete man etwa 4000 Begleiter und Begleiterinnen ⸗
hildeten sie eine fürchterliche und gemeingefährliche Welt für sich.
Gleichwohl haben alle diese Umstände ihren Charakter noch
aicht so sehr umgestaltet wie innere Wandlungen der Organi⸗
jation, die schon seit langem begonnen hatten.
Die Heere waren in den letzten Menschenaltern immer
größer geworden, und damit hatte die taktische Einheit des
Fähnleins als einziger Heeresrahmen längst nicht mehr genügt.
So waren schon früh mehrere Fähnlein zu einem Regiment
usammengefaßt worden, und die Würde des Obersten war ent⸗
standen. Aber bald griff man auch darüber hinaus, und über
die Obersten trat der General und über die Generäle der
Generalissimus.
Was hatte das nun für das Heer an sich zu bedeuten?
        <pb n="442" />
        —

Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Man muß sich hier erinnern, daß sich ein Fähnlein zumeist in
der Weise bildete, daß ein Haufe frommer Knechte einem be—
kannten Hauptmann zulief: einem Hauptmann, der unter
anderem auch dafür bekannt war, daß er guten Sold aus—
zudingen und ehrlich zu zahlen wußte. So war denn der
Hauptmann zugleich zum finanziellen Unternehmer seines Fähn⸗
leins geworden.
Nun war aber der Hauptmann trotzdem immer auch per—
sönlich und greifbar Führer seines Kontingentes geblieben;
seine finanzielle Tätigkeit hatte seine in erster Linie militärischen
Figenschaften und Funktionen nicht eigentlich verdunkelt. Wie
aber, wenn jetzt über den Hauptmann der Oberst und über
diesen der General und der Generalissimus getreten waren?
Wurden diese, der eigentlichen Truppe, dem gemeinen Manne
weit ferner stehend und doch, genau wie bisher der Haupt-—
mann, zugleich Brotherren ihrer Truppe und somit auch Brot—
—RD—
zu militärisch-wirtschaftlichen Unternehmern als zu Feldherren?
Es war eine Wandlung, die sich im Laufe des Dreißigjährigen
Krieges zwar nicht ganz vollzog, aber gar nicht selten ein—
zutreten drohte. Jedenfalls wurde damit die Kriegführung
eine Art des wirtschaftlichen Erwerbs, und General sein hieß
reich werden. Indem sich so das Kriegswesen mit „Finanzerei
und Kaufmannschaft“ verquickte, kauften die neuen Generäle
den alten Adel aus ihren Landsitzen aus und nahmen von den
Fürsten die besten Domänen in Zahlung: es wuchs ein neuer
kriegerischer Adel heran, der erst in dem Militäradel Napolons J.
eine Art von Gegenstück gefunden hat. So hat es, freilich ein
besonders schlimmes Beispiel, ein Graf Koenigsmark getrieben;
er hatte blutarm angefangen und hinterließ eine Jahresrente
von damaligen 130000 Talern. Aber auch das gräflich
Trekasche Vermögen wurde auf 4 Millionen Gulden geschätzt.
Und das Vermögen Wallensteins, das bei seiner Katastrophe
beschlagnahmt wurde, betrug 86611183 Gulden; davon gingen
freilich etwa 1700 000 Gulden anerkannter Schuldforderungen
ab, aber es kamen auch aus nicht taxierten Posten noch mehrere
        <pb n="443" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 429

Millionen hinzu. Im ganzen darf man sagen, daß während
des großen Krieges, zumal die Generale ihren Raub auch teil⸗
weis in auswärtigen Banken und Handelsgeschäften anlegten,
im Heere ein großer Teil des mobilen nationalen Vermögens
zirkulierte.
Hatte nun der gemeine Söldner von alledem einen wesent—
lichen Vorteil? Keineswegs! Solange die Zahlung seines
Soldes nur vom Hauptmann abgehangen hatte, war sie im
allgemeinen leichter zu erreichen gewesen als jetzt von der
Feldkasse eines fern übergeordneten militärischen Unternehmers,
der sich General nannte: und immer lauter erhob sich daher
die Klage über Soldprellerei, immer stärker wuchs die fast
bdon niemand unterdrückte Lust am Brennen und Plündern.
Kein Segen, ein Fluch vielmehr für den Söldner war die
Skonomisierung und Rationalisierung des Heerwesens: seine
IAlten Lebensformen, das Treuherzige, persönlich Enge seiner
alten kriegerischen Genossenschaft gingen darüber zugrunde.
Wie aber litten unter dieser Wendung gar die eigentlichen
Kriegsherren, die Fürsten! Hatten sie denn jetzt die für sie
geworbene Truppe im Grunde noch in der Hand? Mit nichten;
nicht einmal der Kaiser war seiner Söldner sicher, wie der
Sturz Wallensteins beweist. Die Truppe sah sich zunächst von
dem Inhaber der Kriegskasse abhängig, und dieser war der
General oder der Generalissimus. So erwuchsen die Generäle
zleichsam zu selbständig kriegführenden Gewalten, und es war
Holitisch mit ihnen zu rechnen, Hie wiederum Wallensteins Glück
und Fall aufs deutlichste dartut.
Dies ist, wie man sieht, der Punkt, in dem sich die bisherige
Entwicklung der deutschen Heeresverfassung am empfindlichsten
mit den steigenden Souveränitätsansprüchen der Territorialherren
berührte. Was können die Fürsten tun, um die Selbständigkeit
der Heerführer zu unterdrücken und sich eine militärische Gewalt
zu sichern? das war eine der drängendsten Fragen, die nach
dem endlichen Friedensschluß auftauchten.
Für den Auf—⸗ und Ausbau territorialer Kriegsgewalten
kamen nach dem bisher Ausgeführten folgende Voraussetzungen
        <pb n="444" />
        430
in Betracht. Erstens: das alte Landesaufgebot der Urzeit. Es
ließ sich höchstens noch zur Verteidigung verwenden. Wollte man
es weiterhin ausbauen, so stieß man bald auf das ihm zugrunde
liegende Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht; und dies ließ sich
einstweilen ebensowenig praktisch verwirklichen, wie es, ein
ursprünglich demokratischer Gedanke, der Entfaltung absolu—
tistischer Souveränität günstig zu sein schien. Daher ist es
denn selbst zur Aufbietung der alten Landeswehr nur selten
gekommen, und die Aufgebote blieben fast durchweg ohne ständige
Organisation und Stellung. Zweitens: das alte feudal-ritterliche
Heerwesen. Es konnte fast noch weniger in Betracht kommen.
Es hatte während des großen Krieges so gut wie ganz versagt.
Die Ritter waren im Osten und namentlich im Nordosten zu
Krautjunkern entartet und im Westen verarmt oder überreich
geworden; soweit sie noch kriegerische Neigungen hatten, lebten
sie vielfach als Abenteurer in fremdherrlichen Diensten.
So kam eigentlich nur das dritte und jüngste deutsche
Heerwesen, das der Söldner, wenigstens zunächst und an erster
Stelle für die Territorialherren in Betracht. Aber wir wissen,
welche Schwierigkeiten auch für seine territoriale Verfassung
zu überwinden waren.
Die erste Aufgabe der Fürsten mußte es sein, die vorhandenen
Söldner wieder an sich heranzuziehen und das bestehende Sold—
wesen allmählich zur Ausbildung wirklich fürstlicher Söldnerheere
auszunutzen. Es war eine Aufgabe, die nur erledigt werden
konnte, wenn es gelang, die Löhnung ständig zu zahlen — also
den sogenannten miles perpetuus zu schaffen — und hierzu
das nötige Geld flüssig zu machen. Im Grunde also zunächst
ein finanzielles Problem! Die Fürsten haben schon früh um 1650
diesen Charakter der Frage erkannt. Aber ermöglichte diese Lage
noch allen Territorialherren eine gleich günstige Löäsung? Die
weniger mächtigen Fürsten mußten sich alsbald sagen, daß sie mit
den schwachen Kräften ihrer Territorien höchstens in gemeinsamen
Verbänden zur Aufstellung eines miless perpetuus würden ge—
langen können; nur den kräftigeren Landesherren war ein Fort⸗
schritt in der unweigerlich gegebenen Richtung möglich. Es ist

Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.
        <pb n="445" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 431

ein Unterschied, der die großen Territorien von Jahr zu Jahr
mehr von den kleineren abhob; und nur den großen war es ver⸗
gönnt, die ganze in dieser Richtung noch mogliche territoriale
Entwicklung des 17. und 18. Jahrhunderts voll zu erleben.
In den größeren Territorien aber gelang es in der
Tat, die Anfänge des miles perpetuus zu begründen. Die
alten Söldner wurden in fürstliche ständige Zahlung genommen;
das Soldheer wurde staatliches Werkzeug; den Ständen und
anderen Landeseingesessenen urde es untersagt, ihrerseits noch
Söldner zu halten; auch die Befestigungen, die Zeughäuser, die
Geschütze wurden staatliches Monopol oder wenigstens, soweit
sie im Besitze von Untertanen blieben, fürstlicher Verfügung
imterworfen. Als oberster Herr des Heeres in Krieg und
Frieden erschien demgemäß der Souverän; und unter ihm
wurden die Offiziere aus privatrechtlichen Unternehmern zu einer
bestimmten, sich besonders entwickelnden Klasse dauernd unter⸗
stellter Beamter. Es geschah dies anfangs auf dem Wege der
Kapitulation, durch die Oberste zur Bildung eines Regiments unter
Verpflichtung dauernden Gehorsams gegen den Souverän berufen
wurden, während ihnen die Ernennung der Regimentsoffiziere
noch freigelassen wurde. Später wurde dann diese Ernennung
ebenfalls vom Souverän als oberstem Kriegsherrn beansprucht
und zugleich die Summe der verschiedenen Regimentskapitulationen
durch eine wachsende fürstliche Militärgesetzgebung ersetzt.
Damit schwanden natürlich auch all die alten genossen⸗
schaftlich-demokratis chen Formen der Kriegsverfassung des Fähn⸗
seins. An deren Stelle trat vielmehr eine monarchische Ver⸗
fassung; die Leute wurden dem Landesherrn zu Treue und
striktem Gehorsam eidlich verpflichtet, sie standen zu ihm im Ver⸗
hältnis der Subordination, und der Wille der Landesherren
gelangte an sie durch das feste Kommando der von oben her ge⸗
haltenen Offiziere. Mit dem Charakter dieser neuen Organi⸗
sfation erwies sich dann auch die alte Gerichtsverfassung des
Fähnleins als schlechthin unverträglich; an Stelle des autonomen
Artikelbriefs traten fürstliche Kriegsartikel, an Stelle des Urteils
des Umstandes der Spruch eines fürstlichen Auditeurs.
        <pb n="446" />
        82

Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Und diese inneren Umwandlungen wurden von äußeren be—
gleitet. Einheitliche Bekleidung und Bewaffnung trat immer
entschiedener auf, und die uniformierten Regimenter wurden
nach gleichartigen Prinzipien gedrillt und taktisch verwendet
und so auch in den Einzelheiten des Berufes allmählich mit
gleicher Tradition und Durchbildung wie im ganzen mit dem—
selben Geiste erfüllt: so erwuchsen die alten Söldnerheere all—
mählich zu wirklichen Landesarmeen, wurden wichtige Glieder
in der Organisation des absolutistischen Staates.
Nun hat sich dieser soeben in seinen typischen Vorgängen
geschilderte Prozeß an verschiedenen Stellen natürlich vielfach
abweichend und auch verschieden rasch vollzogen. Doch kann
man sagen, daß um die Wende des dritten Viertels des
17. Jahrhunderts in den größeren Staaten überall entscheidende
Anfänge des Neuen vorhanden waren; und für die weitere
Durchbildung hat dann die Neuordnung der Reichskriegsoerfassung
 im Jahre 1681 vielfachen Anstoß gegeben. So wird
—
setzen können; der damalige Kurfürst Johann Georg III. (16080
bis 1691) sprach es deutlich aus, er wolle „ein gewisses Regi—
ment mit seinen Truppen vornehmen und diese Truppen in
gewisse Regimenter setzen“. In Bayern sind festere Formen
etwa seit Max Emanuel, insbesondere seit 1680, wahrnehmbar.
Was aber Österreich und Preußen angeht, so war hier schon
in den ersten Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Kriege
biel geschehen; die Vollendung brachten dann hier die Türken—
kriege unter Prinz Eugen, dort die harten Regierungsjahre
Friedrich Wilhelms J.
Im ganzen stand die deutsche Entwicklung mit alledem
hinter der fremden nicht allzusehr zurück: denn selbst die fran—
zösische Armee als absolutes Machtwerkzeug der Monarchie ist
eigentlich erst in den späteren Zeiten Ludwigs XIV. entstanden:
166 000 Mann zu Fuß und fast 40000 zu Roß bei einer Be⸗
oölkerung von etwa 15 Millionen Seelen.
Allein konnte bei solchen Ziffern, denen man sich doch
auch bei den deutschen Großmächten ungefähr näherte, wenn
        <pb n="447" />
        Die Entwicklung der souveränen TCerritorien bis ins 18. Jahrh. 433

sie auch keineswegs erreicht wurden, der Grundsatz der
Werbung und Löhnung aufrechterhalten werden? Offenbar
schon aus finanziellen Gründen um so weniger, je mehr man
die Heere vergrößerte. Hierzu aber gab der Verlauf der
europäischen Politik in dem Jahrhundert nach dem Westfälischen
Frieden allen Anlaß.
Sollte aber das Prinzip der freien Werbung, des Kriegs—
dienstes auf Lohn, durch ein anderes ersetzt werden, so konnte
es grundsätzlich nur das des Kriegsdienstes im Zwange sein:
und dieses ließ sich dann unter dem Ausdrucke der allgemeinen
Wehrpflicht in Zusammenhang bringen mit der ursprünglichen
Wehrhaftigkeit und der allgemeinen Kriegspflicht früherer Zeiten.
Es war eine Wendung, die in den Staat der Neuzeit mit
seinem gefährlichen zentrifugalen Individualismus ein starkes
zentripetales Prinzip ursprünglich niederer Kultur brachte; und
zur Durchführung dieses Prinzips bedurfte es einer absoluten
Gewalt, wie sie gerade dem 18. Jahrhundert in seiner Monarchie
zur Verfügung stand.
Indes ist der Übergang doch nicht einfach erfolgt und
das altneue Prinzip wohl nur an einer Stelle, nämlich in
Brandenburg-Preußen, ganz entschieden ausgesprochen, aber
auch da nur überaus lückenhaft und nicht auf die Dauer
durchgeführt worden. Im allgemeinen aber trat vielmehr ein
Prinzip der Heeresbildung auf, das zwischen Sold und all—
zemeinem Dienstzwang die Mitte hielt: das Prinzip der Kon—
kription.
Die Konfkription bestand darin, daß man die Werbung
nicht mehr frei vornahm, sondern im Anschluß an die Be—
völkerung des Territoriums in irgend einer Weise organisierte.
Diese Form ist als solche ziemlich alt; in Österreich reicht sie,
wie in Frankreich, schon bis in das letzte Viertel des 17. Jahr⸗
—
skription im allgemeinen doch erst um die Wende des 17. Jahr—
hunderts auf. Dabei konnte nun die Art, wie man sie zur
Ausführung brachte, sehr verschieden sein. Man konnte sich
. B., wie es teilweis in Osterreich geschah, auf das alte
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI. 28
        <pb n="448" />
        434 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Landesaufgebot stützen und dessen Kontingente ganz oder aus⸗
gelost als Miliz in sogenannten Landesregimentern zu organi⸗
sieren suchen. Oder aber man konnte den Ständen, welche
die Kosten für die Werbung und Löhnung gewisser Heeresteile
aufzubringen hatten, überlassen, statt dessen zu Zwangs⸗
werbungen in ihren Gebieten zu schreiten.
Wie immer man aber auch verfuhr: stets trug die Konskrip—
tion, ein eigentlich prinziploses Verfahren, etwas Gewaltsames
an sich und führte darum zu den mannigfachsten Schwierigkeiten
und Klagen. Diese hat die absolute Monarchie in sich nicht zu
überwinden gewußt. Konsequente Vertreter derselben, wie
Friedrich der Große, gingen darum, soweit sie das vermochten,
zum alten Soldsystem zurück. Denn sobald sie vorwärtszu—
schreiten suchten zu einem vollen System der Konfkription, das
nur ein solches der allgemeinen Wehrpflicht sein konnte, gerieten
sie in die Gefahr, ein eminent demokratisches Prinzip zur Grund⸗
lage einer ganz anders gemeinten Herrschaft zu machen. Denn
lag es in der Macht selbst des absolutesten aller Monarchen,
seinen Untertanen die lastendste aller staatlichen Pflichten auf⸗
zuerlegen, ohne ihnen auf die Dauer zugleich staatliche Rechte
zu gewähren? Erst die schwerste Not hat in Deutschland den
Durchbruch zum System der allgemeinen Wehrpflicht gebracht
und mit ihm die Emanzipation der unteren Stände.

IV.
1. Das mittelalterliche Königtum hatte in sich merk—
würdige Widersprüche von Macht und Schwäche vereint: durch
Gesetze wenig beschränkt, war es dennoch ohne starke Exekutive
geblieben. Es war eine Lage, deren Gründe schon Mariana!
erkannt hat: ein sicheres Anzeichen, daß sich seit seiner Zeit die
Dinge geändert hatten oder zu ändern begannen.
In der Tat stand jetzt das Königtum ganz anders da als
einstens. Seit der Durchbildung des miles perpetuus und

t De rege et régiminis institutione J, 2. 1598.
        <pb n="449" />
        Die Entwicklung der souveränen Cerritorien bis ins 18 Jahrh. 485

des neueren Beamtentums war der Lehnsstaat, das Erzeugnis
der Unfähigkeit des Königtums, seine Rechte im Lande wirksam
zu machen, überwunden; langsam erhielt darum im 18. Jahr—
hundert das Lehnsrecht, soweit es bestehen blieb, privatrecht⸗
lichen Charakter, wenn nicht gar schon, wie in Preußen, die
Staatslehen gegen Umwandlung der auf ihnen ruhenden Lasten
in einen festen Kanon allodifiziert wurden: — und heute ist
auf deutschem Boden das Lehnswesen zu vollerem öffentlichen
Rechte erhalten nur noch in Mecklenburg.
Im ganzen aber war schon um die Wende des 17. Jahr⸗
hunderts klar, daß es neben der Monarchie eigentlich keine
einzige große noch lebensfähige Kollektivkraft in deutschen Landen
mehr gab; vermöge seiner militärisch-zivilen Vollstreckungsgewalt
zersetzte die absolute Monarchie, was sich davon noch vorfand,
und versuchte die Untertanen vereinzelt zu halten und un—
mündig.
Anderseits war der symbolische Ausdruck des Herrscher—
tums nunmehr ins ungeahnte und maßlose gesteigert. Es ist
eine Richtung des Staatslebens, die vor allem die Mittel der
Kunst in Anspruch nahm; in der Geschichte des Barocks und
Rokokos muß von ihnen eingehend die Rede sein. Aber auch
das Leben des Herrschers selbst wurde in den Dienst dieser
Symbolik gezwungen; eine strenge Etikette sorgte für sein
würdiges Auftreten und ein unendlich durchgebildetes Zeremoniell
für die Haltung des Hofes, der ihn umgab. Jetzt erst gewann
das spanische Zeremoniell, wie es sich seit König Philipp III.
besonders entwickelt hatte, breiteren Eingang in Deutschland,
und begriff man, daß die Etikette ein Korrelat des Despotismus
sei. Jetzt erst nahten die Zeiten, da ein Heldengedicht ganz
selbstverständlich nur ein Gedicht zu Ehren eines Fürsten be—
zeichnen konnte, da die fürstlichen Genealogien die erste Rolle
in der Geschichte, das fürstliche Privatrecht fast den wichtigsten
Platz im Völkerrecht einnahm.
Und diese fürstliche Wurde und Allmacht ergoß sich nun
in ungehinderten Strömen über das Land. Denn jetzt war
den Ständen die gesetzgeberische Initiative so gut wie verloren
98 *
        <pb n="450" />
        436 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

zgegangen, zumal sie fast nirgends grundrechtlich festgestanden
hatte, und neben der Gesetzgebung hatte sich außerdem ein
fürstliches Verordnungsrecht entwickelt, das bis zur Ver—
wischung jedes Unterschiedes zwischen Gesetz und Verordnung
erweitert wurde.
War nun aber diese fürstliche Allmacht in ihrer Aus—
wirkung nicht doch wenigstens an die inneren Gesetze ihres
Daseins, Werdens und Wollens gebunden?
Der Absolutismus war an sich nur eine Form des Staates
und der Regierung: er bedeutete als solche prinzipiell den
Alleinwillen des Herrschers. Der Inhalt aber, der diesem
fürstlichen Alleinwillen gegeben wurde, konnte sich nur aus
den tiefsten Kulturbedürfnissen der Zeit herleiten, wenn anders
er siegen sollte. Die Kulturbedürfnisse vom staatlichen Gesichts—
ounkte richtig zu erfassen und energisch durchzuführen, wurde
damit zur Hauptaufgabe absolutistischer Herrscher.

2. Da war nun die erste Anforderung vom Gesichtspunkte
des Staates her, daß sich der Staat zur Förderung der großen
wirtschaftlichen und sozialen Lebensziele der Zeit einen starken
Einfluß auf die bestehenden und die sich entwickelnden Grund—
lagen der Güterverteilung sicherte. Einen solchen Einfluß sucht
zu jeder Zeit jeder starke Staat zu erringen und zu wahren;
andernfalls würde er sich zur Leistungsunfähigkeit verdammt
sehen. Darum haͤtte z. B. der mittelalterliche Staat Grund—
eigen im höchsten Grade erstrebt und besessen: denn in natural⸗
wirtschaftlichen Zeiten ist Grundbesitz (neben der Disposition
über fremde Arbeit, die sich in dieser Zeit an den Grund und
Boden knüpft: Grundholde) das vornehmlichste Machtmittel.
Jetzt lagen die Fragen auf diesem Gebiete anders; die Geld—
wirtschaft hatte die Naturalwirtschaft abgelöst, und an die
Stelle der Verfügung über Grund und Boden und ländliche
Arbeit war die Verfügung über bewegliches Kapital und länd⸗
liche wie vornehmlich industrielle Arbeit der Volksgenossen ge—
treten. Sie vor allem mußte darum der neue geldwirtschaftlich—
absolutistische Staat anstreben.
        <pb n="451" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 437

Es ist ein Zug aller Staatenentwicklung seit dem 16. Jahr⸗
hundert, der den Zeitgenossen sehr wohl schon bekannt war.
So war man z. B. in Deutschland schon seit dem 17. Jahr—
hundert darüber ganz gut unterrichtet, daß die Überlegenheit
her Westmächte, namentlich Frankreichs, von der stärkeren
geldwirtschaftlichen Entwicklung und deren Ausnutzung durch
den Staat herkomme. Die Ursache der französischen Macht
lag z. B. nach Wassenbergs Aurifodina Gallica (1672) nur
in den vielen Millionen des französischen Staatseinkommens, —
alles andere, vor allem Krieger, habe Deutschland besser. Und
es war der Zug, der deshalb allen staatswirtschaftlichen Systemen
der Zeit zugrunde lag; es war der Zug des Merkantilismus.
Indem man nun aber der Frage, das bewegliche Kapital
dem Staate dienstbar zu machen, nähertrat, bewegte man sich zu—
gleich in der Linie einer Entwicklung vorwärts, die von jeher
wie auf die politische und rechtliche so auf die wirtschaftliche
Autarkie jeder selbständigen Verbindung menschlicher Gesell—
schaft in Deutschland hingewiesen hatte.
Schon in der öältesten deutschen Körperschaft, die wir dies—
seits der Bildung der Familie und der reinen Geschlechter kennen,
in der Hundertschaft, werden gleichzeitig Zwecke des inneren
Friedens, der Unabhängigkeit nach außen und der Befriedigung
wirtschaftlicher Bedürfnisse gemeinsam verfolgt: die Hundertschaft
hildete wie einen Friedens- und Rechtsstaat so einen Wirt—
schaftsstaat im kleinsten. Ganz dasselbe war natürlich mit der
ländlichen Gemeinde der Fall, die aus der Hundertschaft hervor⸗
ging, und ganz dasselbe mit der aus dieser erwachsenden mittel⸗
alterlichen Stadt. Wie das Dorf als Standort der Natural⸗
wirtschaft so war die Stadt als Standort einer ersten Periode
der Geldwirtschaft ein autonomer Körper dieser Wirtschafts—
form: sie regelte die Wirtschaft innerhalb ihrer Mauern nach
ihrem Ermessen und führte eine Wirtschaftspolitik nach außen
als geschlossenes Ganzes, gleich einem modernen Staat, schloß
Handelsverträge ab, führte Zollkriege, trat großen Wirtschaftsvereinigungen
 bei usw.
Jetzt war nun das Territorium, der sich bildende Landes—
        <pb n="452" />
        438 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

staat, an die Stelle der Stadt getreten: hatte er sich doch die
größte Anzahl der Städte unterworfen, wie er über das platte
Land waltete, und traten doch die Reichsstädte, auch weiterhin
noch Vertreter der mittelalterlichen Stadtautarkie, verhältnis—
mäßig hinter der Bedeutung der Landstädte immer mehr zurück.
War es da nicht selbstverständlich, daß auch der neue Landes—
staat sich als Wirtschaftsstaat zugleich zu fühlen begann und
als ein geschlossener Wirtschaftsbezirk mit eigenem Wirtschafts—
leben im Innern und eigener Wirtschaftspolitik nach außen
auftrat?

Ebendies geschah; und eben hiermit kombinierte sich das Be—
streben nach Beherrschung des beweglichen Kapitals und erhielt
dadurch zugleich seinen Inhalt. Merkantilismus im Sinne
einer rationalen landesstaatlichen Wirtschaftspolitik: das wurde
die Losung.
Der Merkantilismus als praktisches System wie als
theoretische Lehre ist indes nicht zuerst in Deutschland erwachsen:
aus dem schon wiederholt hervorgehobenen Grunde, weil die
Staatsform, von der er ausging, sich im Auslande früher ent⸗
wickelt hatte als bei uns. Wohl aber ist die Disposition, die
Tendenz, ihn durchzubilden, ein reines Erzeugnis auch der
deutschen Entwicklung. Während in Deutschland die wirtschaft⸗
lichen Studien noch durchaus bedingt waren durch den Inhalt
der Bibel und der klassischen Autoren, so daß jede ökonomische
Untersuchung an das Alte und Neue Testament anknüpfte
und Plato wie Cicero, vor allem aber Aristoteles wohl oder
übel für dringende Fragen der wirtschaftlichen Gegenwart, etwa
Münzkalamitäten oder Zollfragen, Gründe und Beweise liefern
mußten, hatten sich, zunächst in Italien, in dem Lande, wo man
den Staat schon früh als Kunstwerk ansah, bereits längst die
Anfänge des Merkantilismus entwickelt. Weitere Durchbildung
fanden sie dann weniger in Frankreich, wo noch Staats- und
Wirtschaftslehrer wie Tholosanus (7 1597) im wesentlichen auf
den Alten fußten, behaglich, anekdotisch, mit moralischen Ge—
sichtspunkten, ohne scharfe Definitionen und Beweise aus der
Gegenwart her, und nur bei Bodinus (f7 1596) einigermaßen
        <pb n="453" />
        Die Entwicklung der souveränen Cerritorien bis ins 18. Jahrh. 439

die Forderungen einer modernen Handelstheorie auftauchten,
als im praktischen England. Hier war es Th. Mun, ein Zeit⸗
genosse des ersten großen englischen praktischen Merkantilisten,
Cromwell, der in seinem Buche Treasure by foreign trade or
sue balance of our trade is the rule of our Treasure (1664)
die wesentlichsten Theorien des Merkantilismus zum ersten Male
aufstellte. Erbreitert aber wurde die Theorie dann wesentlich
in Frankreich, das in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
auf diesem Gebiete die Führung übernahm; und von Bedeutung
war hier für die Anfänge namentlich Colberts Denkschrift über
den Zolltarif des Jahres 1664.
Nach Deutschland drang die neue Lehre als ein theoretisches
System wesentlich erst seit dem Westfälischen Frieden, und
zwar in dem nun laut erschallenden Rufe nach einer guten
Polizei, einer guten inneren Politik. Der Aufstellung dessen,
was zu einer solchen Polizei gehöre, —
listen dann über ein Jahrhundert gewidmet, bis sie schließlich
bei dem aufgeklärten Staatsideal anlangten, wie es Christian
Wolff in dem Mandarinentum und der Vielregiererei Chinas
verwirklicht sah: dem Ideal guten Berufs und guter Bezahlung,
guten Handels und guter Bevölkerung, guter Sitten und guten
Wandels, kurz, der allgemeinen Tugendhaftigkeit.
Die ursprünglichen Ziele aber waren noch andere; sie waren
vornehmlich fiskalischer und politischer Natur, und lassen sich
etwa auf folgende Gedankenreihen zurückführen: Oberster Grund⸗
satz müsse es sein, daß das Land reich werde, um der Staats⸗
gewalt möglichst viel Reichtum zur Verfügung zu stellen. Dabei
komme der Hauptsache nach Reichtum an beweglichem Kapital in
Betracht, ja, nach der extremsten Auffassung, gradezu Reichtum
an Gelb. Wie könne man nun diesen Zustand herbeiführen?
Die Mittel wurden teils auf dem Gebiete der äußeren,
teils auf dem der inneren Politik gesucht; und als Voraus—
setzung für die Wirksamkeit beider Arten galt, daß das Land
ein nach außen möglichst geschlossenes, im Innern möglichst
gleichförmiges Wirtschaftsgebiet bilde: denn nur so habe der
Fürst das Land für eine rationelle Politik sicher in der Hand.
        <pb n="454" />
        140 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Der äußeren Politik schrieb man im übrigen vor allem
die Mittel zu, eine günstige Handelsbilanz herbeizuführen, deren
Aktivsaldo man als reinen Zuwachs des Landesreichtums ansah.
Da handelte es sich zunächst darum, daß die Ausfuhr von Edel⸗
metallen um jeden Preis gehindert, die Einfuhr um jeden Preis
befördert werde. Aber auch Waren galten als bares Geld:
darum sollte die Einfuhr fremder Waren, die man dem Aus—
land bezahlen muß, insbesondere fertiger Fabrikate, tunlichst
unterbunden, die Ausfuhr eigener Waren aber, die Geld ins
Land bringt, in jeder Weise beguünstigt werden. Für diese Zwecke
gute Ausfuhrländer zur Verfügung zu haben, und zwar womöglich
solche, welche zugleich die Rohprodukte zur Verarbeitung recht
billig lieferten, erschien darum von höchster Wichtigkeit. Beim
Abschluß von Handelsverträgen galt es deshalb als die zu
lösende Aufgabe, bei eigenem Schutzzoll das fremde Land der
eigenen Ware möglichst offenzuhalten; vor allem aber kam
der Erwerb von Kolonien in Betracht, von denen man die
Waren des Auslandes gänzlich fernzuhalten versuchen könne.
Aus diesen Grundsätzen ergaben sich als Maßregeln der
auswärtigen Politik Schutzzollsystem und Ausfuhrprämien für
die inländische Produktion, hohe Einfuhrzölle und Einfuhr—
verbote für die ausländischen Erzeugnisse, ferner ein möglichst
kluges System der Handelsverträge auf dieser Basis und eine
restriktive Kolonialpolitik.
Allein um alle diese Maßregeln recht wirksam zu machen,
wie zur weiteren, selbständigen, autonomen Erhöhung des
Landesreichtums bedurfte es der Ergänzung der äußeren Politik
durch ein ebenso überlegtes System innerer Maßnahmen. Da
mußte zunächst der Markt im Lande so viel wie möglich dem
eigenen Handel gewahrt werden, denn fremder Wettbewerb
würde den Gewinn ins Ausland tragen; und zugleich war der
innere Handel durch Wegräumung aller Hindernisse so gewinn—
bringend als möglich zu gestalten. Vor allem aber mußte die
Industrie gefördert werden, da sie am einfachsten, raschesten und
stärksten neue Werte erzeuge. Dazu gehörte denn nicht bloß, daß
neue Industriezweige eingefuͤhrt und alte direkt begünstigt wurden;
        <pb n="455" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 441]

der Staat hatte vielmehr auch dafür zu sorgen, daß die Waren
gut und wohlfeil seien, um infolgedessen im Auslande wie im
Inlande zahlreiche Abnehmer zu finden. Es waren Grundsätze,
die ein ganz verwickeltes System einzelner Maßregeln herauf⸗
führten: eingehende Sorge für gute Verkehrswege, gutes Münzsystem,
 billiges Transportwesen; Errichtung von Staatsfabriken
und von Gewerbeschulen; Beschaffung von guten Lehrern und
Vorbildern aus dem Ausland; Prämien, Vorschüsse und Steuer—
nachlässe für junge Privatindustrien; eine Politik, die auf
die verschiedenartigste Weise Lebensmittel und Löhne der
Arbeiter billig zu halten suchte: in manchen Städten das gerade
Gegenteil unserer heutigen Sozialpolitik; ferner eine Politik,
die durch Begründung von Banken, durch Zinstaxen und Wucher⸗
gesetze das Kapital billig zur Verfügung stellte; endlich der Erlaß
direkter staatlicher Vorschriften (sog. Reglements) für die in—
dustriellen Produktionsprozesse und den Vertrieb der Waren.
—
gedachtes System in der Tat der Vermehrung des Geldreichtums im
Lande und des mobilen Kapitals zur Verfügung der Staatsgewalt
in hohem Grade zugute kommen mußte. Weniger Beziehungen
dagegen hatte diese Politik zu dem alten naturalwirtschaftlichen
Machtmittel, zum Grund und Boden. Sie sah diesen gefesselt
durch ein fast ein Jahrtausend altes naturalwirtschaftliches
Recht, das sie nicht zu lösen vermochte, ohne den Adel, auf
dessen soziale Hilfe sie angewiesen war, aufs schwerste zu be—
drücken, wenn nicht zu vernichten. Und sie bedurfte für ihre
Machtstellung einer Wirtschaftspolitik des Grundes und Bodens
nicht. Nur nach drei Richtungen eigentlich kamen die Menschen,
die sich von ihm nährten, für sie in Betracht: als Steuerzahler,
als Träger kriegerischer Leistungsfähigkeit und als Inhaber
industrieller Faustkraft. Als Steuerzahler durfte man den
Bauer mindestens nicht aussterben lassen; für den Beruf des
künftigen Soldaten und des billigen Arbeiters der Industrie er—
schien sogar eine Vermehrung der ländlichen Bevölkerung
wünschenswert. Im ganzen beschränkte sich damit das Interesse
des Staates an der ländlichen Bevölkerung auf diese Sorge
        <pb n="456" />
        132
cx

Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

der Massenerhaltung und Massenerzeugung: wie man sich aus⸗
drückte, auf die Frage der Peuplierung des platten Landes.
Aber vamit kam man natürlich nicht zu einer sozialen Agrar—
politik, sondern nur zu einer Ackerbaupolitik mit der Absicht,
die Gesichtspunkte der Bevölkerungspolitik zu sichern. Der
Hauptnachdruck blieb unter diesen Umständen auf die Förderung
der geldwirtschaftlichen Zustände gelegt. Und hier kam denn
der Merkantilismus in der Tat indirekt auch zu einer sehr
vesentlichen sozialen Wirkung: zur Förderung, ja teilweis
geradezu zur Begründung eines neuen, territorialen Bürgertums.
Von ihm, als einem Gegenstande ganz besonderer und jüngerer
Bedeutung, wird an anderer Stelle die Rede sein!.
War das die verzweifelte Lage wie im 18. so auch schon
im 17. Jahrhundert, so begreift man wohl, wie freiere Geister
und energischere Naturen zur Hebung des heimischen Verkehrs
uber die engen Schranken nicht bloß des Territoriums, sondern
auch des Vaterlandes hinaussahen in den freien Weltverkehr
und an ihm teilzunehmen wünschten, um auf diese Weise viel⸗
leicht die gordische Verknotung der kleinen heimatlichen Inter⸗
essen zu durchhauen. Es sind höchst merkwürdige Bestrebungen,
die uns da entgegentreten, besonders dann, wenn sie sich, unter
dem anregenden Vorbilde vor allem der Niederlande, in den
Bahnen der damals seitens aller großen merkantilistischen
Staaten eingeschlagenen Kolonialpolitik bewegen.
Dem damit angedeuteten oder wenigstens einem verwandten
Ideenzusammenhang hat vielleicht niemand ein regeres theore⸗
sisches und praktisches Interesse abgewonnen, ja ist in ihm mit
einem größeren Teil seiner Perfönlichkeit aufgegangen als
Johann Joachim Becher (geboren 1685 zu Speier, gestorben
lsös2 in London). Becher war eigentlich Chemiker; in seiner
oublizistischen Tätigkeit aber, wenn diese auch teilweis nach
inderen Seiten hin gewandt war, kann man ihn wohl am besten
mit Friedrich List, dem großen praktischen Nationalökonomen
des 19. Zahrhunderts, vergleichen.

In den ersten Teilen des achten Bandes (Buch XXI).
        <pb n="457" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 443

3

—

—1

h

n

J

Im Jahre 1668 erschien von Becher der „Politische
Discurs von den eigentlichen Ursachen des Auf- und Ab—
nehmens der Städte, Länder und Republiken, in spécie wie
ein Land volkreich und nahrhaft zu machen“ usw. Wie der
Titel schon zeigt, waren hier die Probleme des Merkantilismus
ganz allgemein angeschlagen; aber einen besonders hervor⸗
ragenden Platz nahmen in dem Buche doch Großhandels- und
Kolonialpläne ein. Und das Vorbild in dieser Hinsicht gab,
wie für so viele deutsche wirtschaftspolitische Maßregeln der
Zeit, Holland. „Der Effect weist, daß in Deutschland beinahe
kein Handel und Wandel mehr sei, alle Negotien darinnen zu
Grund gehen, kein Geld bald mehr unter Großen noch Kleinen
zu finden; hingegen sehe man Holland an, wie es reich ist und
wie reicher es noch täglich wird, so nimmermehr geschehen
würde, wenn es das Meer so fürchten thäte, als wie unsere
hochdeutsche Nation.“ „Wohlan denn, tapfere Deutsche, machet,
daß man in der Mappe neben Neuspanien, Neufrankreich, Neu—
england auch ins künftige Neudeutschland finde; es fehlet euch
so wenig an Verstand und Resolution, solche Sachen zu thun,
Ils andern Nationen; ja ihr habt alles dieses, was dazu von
nöthen ist; ihr seid Soldaten und Bauern, wachsam und arbeit⸗
sam, fleißig und unverdrossen.“ Gewiß waren alles dies klare
und richtige Bemerkungen: allein Becher übersah, daß in
Deutschland Kapital für ausländische und überseeische Unter—
nehmungen nicht vorhanden war und ein großes staatliches
Leben fehlte, welches das wagende Kapital hätte stützen können.
Unter diesen Umständen konnten die von ihm und anderen an⸗
geregten Bestrebungen schließlich nur auf die Bezeichnung von
großen Liebhabereien Anspruch machen.
Es war eine Erfahrung, die man in Deutschland schon
hor dem Auftreten Bechers an verschiedenen Stellen gemacht
hatte. So hatte schon im Beginn der dreißiger Jahre des
17. Jahrhunderts, mitten unter den Wehen des Dreißigjährigen
Krieges, der Hamburger Kaufmann Brüggemann dem Herzog
Friedrich III. von Schleswig⸗Holstein einen Plan vorgelegt,
durch geeignete Maßregeln den Seidenhandel mit Ostindien
        <pb n="458" />
        444 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

zum Vorteil der deutschen Ostseeländer auf den Landweg
über Rußland zu leiten. Im Jahre 1633 war dann vom
Herzog zu diesem Zwecke eine Gesandtschaft nach Rußland
und Persien geschickt worden, welche jahrelang unterwegs
blieb: bis sie im August 1637 in Ispahan ankam. Allein
als sie im Jahre 1689 wieder in Gottorp, der Residenz ihres
Landesherrn, eintraf, mußte man sich doch gestehen, daß mit
bdielen Mühen und Kosten eigentlich nichts erreicht war; und
für die deutsche Entwicklung ist die Erpedition schließlich
wichtiger geworden durch die prächtigen Dichtungen Paul
Flemmings, die auf ihr entstanden, als durch den Verfolg
ihrer eigentlichen Ziele.
Nicht glücklicher waren Pläne, die zur selben Zeit etwa
der Kurfürst Georg Wilhelm von Brandenburg zur Gründung
einer ostindischen Handelskompanie und der Herzog Jakob von
Kurland zur Herstellung von Handels- und Kolonialbeziehungen
bis zum Stillen Ozean hin verfolgten; und auch die ersten
Versuche des Großen Kurfürsten in verwandter Richtung (1658)
blieben ohne Ergebnis.
Immerhin aber waren doch für Pläne dieser Art die Aus—
sichten günstiger, wenn sie von Brandenburg ausgingen. Denn
rechnet man mit der Tatsache, daß die Herrschaft über die
Nordsee infolge der erlahmenden Initiative schließlich sogar
Hamburgs wesentlich den Engländern und Holländern zu—
gefallen war, so daß von deutschen Küsten für überseeische
Unternehmungen, abgesehen von der österreichischen Adria, vor—
nehmlich nur noch die Ostseeländer in Betracht kamen, so war
hier Brandenburg zentraler gelegen als Schleswig-Holstein oder
Kurland, hatte auf Grund eben dieser Lage schon im Mittel⸗
alter dem Meere zugestrebt und war jetzt zudem allein von
allen deutschen Ostseeländern mächtig genug, um an Teilnahme
am Dominium maris baltici, als der Voraussetzung für jedes
dauernde Gedeihen überseeischer Herrschaft, denken zu können.
Es ist deshalb völlig verständlich, daß der Große Kurfürst nach
dem Frieden von Oliva, im Jahre 1660, Ratschlägen des ehe—
maligen holländischen Admirals Gijsels van Lier, schon früher
        <pb n="459" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 445

seines maritimen Beraters, Gehör lieh, die auf Begründung
einer ostindischen Handelskompanie ausgingen. Freilich hatten
diese Pläne zunächst eine viel größere als allein brandenburgische
Perspektive. Es war die Absicht, mit ihnen die holländische
Handelsuübermacht überhaupt zu brechen, wie sie vornehmlich
auf dem Verkehr mit Ostindien und dem Vertriebe der ost—
indischen Erzeugnisse in Europa beruhte. Und dazu sollte nicht
nur Brandenburg als Ostseemacht in Anspruch genommen
werden, sondern es sollten neben anderen deutschen Ländern
auch Hsterreich und Spanien als Mittelmeer⸗ und teilweis
Weltmeermächte mithelfen. Es waren Pläne, die sich an—
scheinend grade durch den Rücktritt des Großen Kurfürsten zer⸗
schlagen haben. Indes war durch sie der Gedanke kolonialer und
uüberfeeischer Handelsmacht doch auch im inneren Deutschland
stärker als bisher angeregt worden, um so mehr, als Colbert,
beunruhigt durch das große deutsche Projekt und vor allem die
Teilnahme Spaniens daran, auch von französischer Seite deutschen
Fürsten, die teilweis schon an diesem ersten Projekt mitbeteiligt
gewesen waren, so vor allem dem Kurfürsten Johann Philipp
don Mainz, den Vorschlag eines binnendeutsch⸗-französischen
Handels⸗ und Kolonialunternehmens in Guyana, wenn auch
erfolglos, gemacht hatte. Unter diesen Umständen suchte dann
Becher, der 1664, noch vor dem Erscheinen seines Diskurses,
als Hofmedikus mit dem Auftrag, zugleich in „Handlungs—
und Kameralsachen“ tätig zu sein, in bayrische Dienste ge—
relen war, Bahern für eine Kolonie am Essequibo Guyana)
mit holländischer Hilfe und, nachdem dies Projekt sich zer⸗
schlagen hatte, für eine mit englischer Hilfe irgendwo anders zu
errichtende Kolonie zu gewinnen. Natürlich blieben auch diese
Absichten in der Luft, genau so wie andere Pläne des unruhigen
Mannes, die er, seit 1666 in Osterreich angestellt, dem Kaiser
für die Errichtung einer „oste und westindischen Kompanie“
vortrug.
Die Ursache, an der alle diese Projekte schließlich scheiterten,
war im Grunde dieselbe: die Entlegenheit der Mächte, die sie
unternehmen sollten, vom Meere und das Fehlen einer staat—
        <pb n="460" />
        446 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

lichen Marine, eines politischen Schutzes auf See und über
See. Die Folge war, daß man fremden Schutz, fremde Vor—⸗
mundschaft suchen mußte. Diese war aber nur von seiten der
seemächtigen Staaten, Hollands, Englands, Frankreichs, zu
erlangen. Sollten sich diese aber freiwillig einen Konkurrenten
großziehen? Nur besondere Umsiände, das Ausspielen dieser
Mächte gegeneinander etwa, wie es in dem Projekt des Jahres
1660 ein wenig beabsichtigt war, hätten hier helfen können.
Aber die Gunst dieser Umstände blieb aus, und so ließ sich der
Versuch, zu günstigen Ergebnissen zu gelangen, höchstens da
noch einmal wagen, wo die Möglichkeit der Begründung einer
territorialen Flotte vorlag, in Brandenburg!.
Und da ist es der Große Kurfürst gewesen, der diesen
Versuch noch einmal, wenngleich nicht mit durchschlagendem, so
doch mit besserem Erfolge als alle seine Vorgänger, gemacht hat.
Charakteristisch ist es für diesen letzten Versuch, daß er nicht
eigentlich von kommerziellen Beweggründen ausging, sondern
durch staatliche Notwendigkeiten, Notwendigkeiten der äußeren
Politik veranlaßt wurde: so daß hier das Element staatlichen
Schutzes alsbald ausreichend motiviert schien.
Der im Jahre 1675 ausbrechende Krieg veranlaßte näm—
lich den Großen Kurfürsten, gegen Feinde, deren er auch auf
dem Wasserwege habhaft werden konnte, gegen Schweden und
Frankreich, eine Kaperflotte ins Leben zu rufen. Er bediente
sich hierzu der Mittel eines kaufmännischen Konsortiums, an
dessen Spitze der holländische Reeder Benjamin Raule aus
Middelburg stand; der von diesem Konsortium zusammen—
gebrachten und mit Holländern bemannten Flottille verlieh er
Kaperbriefe gegen Anteil am Prisengewinn. Es war ein sehr
vorteilhaftes Geschäft; darum wurde es auch nach dem Frieden
von St. Germain (1679) noch einige Zeit gegen Spanien fort—
gesetzt, dem gegenüber der Große Kurfürst Forderungen an rück—
ständigen Subsidiengeldern hatte.

Hsterreich hatte nur Triest: eine zu unbedeutende und auch etwas
entlegene Basis.
        <pb n="461" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 447

Als aber diese Beschäftigung der Flotte aufzuhören
begann, während Friedrich Wilhelm doch das Bedürfnis
empfinden mußte, noch nach wie vor mit einer gewissen Macht
auf See vertreten zu sein, traten für die Erhaltung der Flotte
kommerzielle Pläne in den Vordergrund, die Raule schon 1676,
kurz nach seinem Eintritt in das Verhältnis zu Kurbranden⸗
burg, angeregt hatte. Es handelte sich um Fahrten nach der
Küste von Guinea, Handel mit den dortigen Eingeborenen, und
Beteiligung an dem Sklavenhandel von der Goldküste nach
Amerika. Der Große Kurfürst ging jetzt auf diese Pläne ein;
freilich zunächst nur in der Form, daß er einem holländischen
Konsortium unter Raules Vorsitz das Recht zur Führung der
brandenburgischen Flagge und zum Genuß der daraus folgen⸗
den Vorteile verlieh; jede finanzielle Beteiligung dagegen lehnte
er ab. In dieser Form, unter brandenburgischer Autorität,
aber mit holländischem Kapital, ging darum im Herbst 1680
die erste Expedition, aus zwei größeren Schiffen bestehend, ab.
Es gelang ihr, trotz des Widerstandes der Holländer, wenn auch
mit Verlust eines Schiffes, sich zwischen Axim und dem Kap
DTres Puntas festzusetzen; finanziell ertragreich freilich war sie
nicht. In Brandenburg aber schritt man jetzt, nach der Rück—
kehr des übriggebliebenen Schiffes, im Jahre 1682 zur Be—
gründung einer afrikanischen Handelskompanie, an der sich
auch der Große Kurfürst beteiligte. Freilich: als Grundkapital
waren nur 50000 Reichstaler in Aussicht genommen, und der
Anteil des Kurfürsten betrug nur 8000 Reichstaler, der des
Kurprinzen 2000; Raule dagegen war mit 24 000 Reichstalern
beteiligt. Trotzdem gingen die Dinge zunächst vorwärts; eine
neue Expedition begründete 1683 das Fort Groß⸗Friedrichs⸗
burg, 1684 wurde die Insel Arguin besetzt, und es gelang
auch, als Stützpunkt für den amerikanischen Sklavenhandel
von der dänischen Regierung eine Station auf der Insel
St. Thomas zu erwerben. Der Gewinn aber war nicht un⸗
bedeutend.
Trotzdem kam man auf die Dauer nicht vorwärts. Das
heimische Kapital war den großen Risiken des überseeischen
        <pb n="462" />
        148 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Handels nicht gewachsen, und diese konnten um so weniger
vermieden werden, als die Holländer dem neuen Wettbewerb
mit anhaltendem Widerstand entgegentraten. Zwar wurde der
Sitz der Kompanie 1688 von Pillau nach Emden verlegt, um
die Fahrten abzukürzen und ein kaufkräftigeres heimisches
Hinterland zu erlangen; zugleich schossen die ostfriesischen
Stände 24000 Reichstaler als Einlage in die Kompanie ein,
wie ein Jahr darauf der Kurfürst Maximilian Heinrich von
Köln die gleiche Summe. Allein alle diese Mittelchen halfen
nichts; dauernd fehlte dem Unternehmen das Blut des Kapitales.
Was half es da, daß einige brandenburgische Geheimräte und
Militärs ein paar tausend Taler zubrachten? Schon beim
Tode des Großen Kurfürsten (1688) war es klar, daß das
Unternehmen unheilbar krankte. Unter König Friedrich J. ist
es dann weiter zurückgegangen; Friedrich Wilhelm J. aber hat
es 1721 für eine geringe Summe liquidiert: da er dies „Com⸗
merzien-Wesen jedesmal und von aller Zeit her als eine
Chimere angesehen“, wolle er keinen Taler weiter darauf ver—⸗
wenden, auch seine Unterschrift nicht mehr dafür hergeben.
Trauriger Abschluß großer Pläne! Aber es konnte nicht
anders sein; erst im Laufe des 18. Jahrhunderts hat das
Bürgertum in emsiger Sparsamkeit die Kapitalien angesammelt,
die eine fürstliche Handelspolitik in großem Stile ermöglichen
konnten. Brandenburg-Preußen aber hatte mindestens in diesem
einen Punkte schon im 17. Jahrhundert gezeigt, daß die kühne
Initiative seiner Fürsten zum Vorangehen und damit zur Vor—
herrschaft in Deutschland berufen war.

3. Waren die merkantilistischen Ziele in sich geschlossen
und traten sie den deutschen Fürsten in ziemlicher Reinheit
in dem Beispiele der Handels- und Gewerbepolitik der west—
lichen Nachbarn, namentlich Frankreichs, entgegen, so zeigte
sich doch bald, daß ihre Durchführung in Deutschland den
größten Schwierigkeiten unterlag. Und diese Schwierigkeiten
ließen sich schließlich alle auf einen großen, schon einmal ge—
        <pb n="463" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 449

streiften Unterschied zwischen der Entwicklung der westlichen
Nationen und der des deutschen Volkes zurückführen. Im Westen
hatten monarchische Gewalten mit ihrem Ehrgeiz erobernder
Ausbreitung und steigende Geldwirtschaft mit ihrer natürlichen
Tendenz auf Großräumigkeit des Verkehrsgebiets Hand in Hand
gearbeitet, um ausgedehnte nationale Staaten zu schaffen; in
Deutschland war eine auf geldwirtschaftliche Tendenzen gestützte
Politik von vornherein nicht eigentlich mehr vom Reiche betrieben
worden, sondern von den Fürsten: die Fürsten hatten sich seit
dem 18. Jahrhundert der indirekten Einnahmen geldwirtschaft⸗
lichen Charakters aus Zoll und Geleit, aus Akzise und Verkehrs⸗
abgabe bemächtigt; die Fürsten hatten geldwirtschaftliche direkte
Steuern entwickelt; die Fursten hatten Städte gebaut und den
Bürgerstand begünstigt, nicht das Reich. Darum waren die
national verbindenden Tendenzen der Geldwirtschaft nicht mehr
dem Reiche zugute gekommen; jene heilsame Verknüpfung der
Interessen nationaler Staatsgewalt und nationalen Bürger⸗
fums war auf deutschem Boden nicht erstanden. So fehlte
denn jetzt der Einheitsstaat, der zugleich ein einheitlicher Wirt⸗
schaftskörper gewesen wäre; die Durchführung des merkan⸗
tilistischen Systems fiel den Territorien für ihren jeweils ge—
ringen Raum zu: und sie entbehrte deshalb ihrer notwendigsten
Voraussetzung, der Weiträumigkeit, und zugleich ihrer innersten
Kraft, der einheitlichen Auspannung nicht bloß stets geringer
territorialer, sondern auch der gesamten nationalen Kraft in
einheitlicher Richtung.
Unter diesen Umständen war klar, daß die Territorien bei
aller Anstrengung ihrer Fürsten nur sehr langsam und sehr
unvollkommen eine volle Auswirkung grade der größten merkan⸗
tilistischen Tendenzen erleben konnten, und daß schließlich nur
die größten Exemplare unter ihnen, Preußen und Hsterreich,
zugleich über den eigentlichen territorialen Typ hinwegtretend,
Bilder eines vollendeteren Merkantilismus bieten konnten.
Nirgends aber machten sich diese Schwierigkeiten mehr
geltend wie auf dem Gebiete der Handelspolitik: denn grade
für ihre Durchführung war Weiträumigkeit unumgängliche Vor—
Lamprecht, Deutiche Geschichte. VI. 29
        <pb n="464" />
        450 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

aussetzung. Was hier erreicht wurde, war daher selbst auf dem
Gebiete der inneren Handelspolitik unvollkommen und verdankte
erst langem Ringen seine Entstehung.
Vor allem standen hier jeder territorialen Auswirkung
einer inneren Handelspolitik die alten Rechte der Städte ent—
gegen. Diese Städte, auch die kleinsten, erst recht noch die
größten, insofern sie Landstädte auch schon im Mittelalter gewesen
waren, hatten sich zu eigenen Wirtschaftskörpern gegenüber dem
olatten Lande abgeschlossen; und dieser Prozeß hatte in einer
Fulle von Rechten Ausdruck gefunden: in dem Recht alleinigen
Gewerbebetriebs in der Stadt, in dem Recht ursprünglich
alleinigen Marktes, in dem Stapelrecht, das alle Waren, welche
die in einer Stadt mündenden Straßen passierten, zur Verkaufs⸗
auslage in dieser zwang, in dem Straßenzwang, einem Ausfluß
des Marktmonopols und des Stapelrechts, das alles Kaufmanns⸗
gut zur Benutzung bestimmter, auf bestimmte Städte mündender
Straßen nötigte, in dem Meilenrecht, das Märkte in der Um—
gegend einer Stadt bis auf einen Umkreis von 15 und mehr
Meilen nicht zuließ, u. dgl. m.
War es nun möglich, alle diese Rechte auf einmal um—
zustoßen? Es war schon deshalb ausgeschlossen, weil sich mit
diesen städtischen Privilegien vielfach nicht zu entbehrende
landesherrliche Finanzrechte verbanden: mit dem Straßenzwang
und dem Meilenrecht das Geleit, mit dem Stapelrecht der
Zoll u. s. w. Außerdem aber gab es außer den städtischen
Handelsprivilegien auch noch grundherrliche, wenn sie auch meist
nur in dem Recht gewisser Verkehrsbelastungen bestanden.
Konnte sie der Landesherr einfach kassieren, um die Straßen
dem freien Verkehr zu übergeben? Es hätte einen erbitterten
Kampf gegen den Adel bedeutet, dessen leidlichen Wohlwollens
der Fürst noch bedurfte. So blieb denn selbst Hsterreich mit
einer Masse grundherrlicher Mauten bedeckt, die es sogar auf
den Hauptstraßen nicht vor der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
abzulösen gelang. In Sachsen aber hatten z. B. die Burg⸗
zrafen von Dohna als Besitzer von Königsbrück ein Geleitsrecht
nach Dresden, das zum großen Leidwesen der Kurfürsten bis
        <pb n="465" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 451

in unsere Periode hinein sogar in einer Zollerhebung an der
Elbbrücke zu Dresden Ausdruck fand!
Im ganzen mußte man unter diesen Umständen froh sein,
wenn die innere Befreiung des Territoriums langsam Fort⸗
schritte machte und vom Standpunkte der Handelspolitik aus
leise eine wirtschaftliche Gleichartigkeit und Gleichberechtigung
aller Einwohner wenigstens in einigen Grundzügen hervortrat.
So wurden z. B. die inneren Zölle immer niedriger, während es
seit Mitte des 17. Jahrhunderts immer mehr Brauch wurde, nach
außen ein System stetig erhöhter territorialer Grenzzölle her—
zuftellen. So gelang es weiterhin, wenigstens die Zulassung
des Produktenverkaufs auf dem platten Lande, und mindestens
für den Adel, durchzusetzen, sowie das Hausieren auf dem
platten Lande unter gewissen Vorsichtsmaßregeln freizustellen.
Auch der Verkauf ländlicher Erzeugnisse in der Stadt, etwa
unter staatlicher Kontrolle, wurde ermöglicht. Und der Abschluß
der einzelnen Städte gegeneinander wurde durch Oktroyierung
gegenseitiger Freizügigkeit gebrochen.
Zu diesen mehr gegen das Herkommen gewandten Maß⸗
regeln kamen dann andere, welche positiv und in die Zu⸗
kunft gerichtet auf die Herstellung eines in sich gleichartigen,
zugleich aber nach außen hin stärker geschlossenen Territorial—
ftaates hinausliefen. Schon das System der Grenzzölle wirkte
in diesem Sinne, noch mehr aber weitgehende Bevorzugungen
der einheimischen Kaufleute innerhalb der Territorialgrenzen
und die Entwicklung einer eigenen Ausfuhr- und Einfuhr⸗—
volitik.
Aber ließ sich denn dies Ideal eines in sich wirtschaftlich
geschlossenen Territorialstaates tatsächlich verwirklichen? Wir
haben schon gesehen, wie klein doch im Grunde diese Konzeption
war; und wie wurde sie zudem von dem immer mehr vorwärts⸗
flutenden Verkehre Tag für Tag vergewaltigt! Leipzig hatte
im Jahre 1681 ständige Postrouten über Dresden nach Prag,
nach Nürnberg, nach Frankfurt am Main, nach Hamburg, nach
Berlin und nach Breslau; von Basel fuhr man damals schon
längst regelmäßig nach Straßburg in zwei, nach Mainz in vier
29 *
        <pb n="466" />
        452 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Tagen; das Marktschiff von Mainz nach Köln ging nicht
minder regelmäßig auf dem Rheine im Verlauf von etwa
30 Stunden, wobei man jährlich auf etwa 200 Passagierschiffe
rechnen konnte neben den 18—1400 Lastschiffen; überall im
Reiche hatte sich der sog. Korrespondenzhandel ausgebildet, ein
Kommissionshandel, der auf gewerbsmäßiger Ausführung brief⸗
licher Aufträge beruhte; seit Anfang des 17. Jahrhunderts be⸗
gannen sogar schon immer mehr regelmäßige Zeitungen zu er⸗
scheinen: und dieser ganze Verkehr hätte sich an die tausend
territorialen Grenzen binden sollen?
Die Fürsten und allenfalls auch noch das Reich mußten
versuchen, diesen großräumigen Bedürfnissen auch über die
Grenzen der Territorien hin gerecht zu werden. Es geschah;
aber sehr bezeichnend ist, in welchen Richtungen und wie man
einigermaßen vorwärtsgelangte.
Schon von alters her, seit stärker anhebender Geldwirt—
schaft, war man nicht mehr in der Lage gewesen, die territoriale
und regionale Ausgestaltung des Münzwesens aufrechtzuerhalten,
die sich im früheren Mittelalter gebildet hatte; in der ersten
Hälfte des 14. Jahrhunderts waren als interterritoriales und
nterurbanes Geld die Florentiner Gulden und ihre Nach—
ahmungen aufgetaucht; ihnen war seit 1386 durch Vereinbarung
der vier rheinischen Kurfürsten für Westdeutschland der rhei⸗
nische Gulden und ein ähnliches Geld auch in dem Verkehrs⸗
gebiete der Donau gefolgt. War damit eine Entwicklung des
Geldwesens gegeben gewesen, die sich zwar ohne Mithilfe des
Reiches vollzogen hatte, aber dem Handel einigermaßen genügte,
so war in diese Lage wiederum stärkere Ungewißheit gebracht
worden durch die Zunahme des Silbervorrats mit Schluß des
15. Jahrhunderts: ihr gegenüber ließ sich die Goldwährung
des alten großen Handelsgeldes nicht mehr aufrechthalten.
Das war denn der Augenblick gewesen, da sich das Reich
noch einmal direkt eingemischt hatte; wiederholte Reichsmünz⸗
ordnungen hatten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
und darüber hinaus eine Reichssilberwährung zu begründen
gesucht. Aber alle diese Versuche waren mißlungen: schließlich
        <pb n="467" />
        Die Entwicklung der souver änen Territorien bis ins 18. Jahrh. 453

waren seit der Ordnung von 1559 Norddeutschland wie der
Niederrhein wie Hsterreich ihre eigenen Wege gegangen, und
das Reich hatte allen Einfluß verloren; sogar ein letzter Ver⸗
such seitens desselben, das Münzrecht wenigstens auf die Reichs⸗
stände mit Bergwerken zu beschränken, war gescheitert.
Es ist bekannt, daß diesen Mißerfolgen ein voller Ruin des
deutschen Geldwesens folgte; 1621 -283 kamen die Jahre der
Kipper und Wipper. Aber noch um 1640 spürte man eigent⸗
lich keine Besserung: „Wer Geld ausgibt, der steigert es; wer
einnimmt, der verringert es; heut ist eine Münze gut, morgen ist
sie verrufen, übermorgen ist sie besser als sie das erste Mal je
gewesen, und so fort,“ meint einmal Moscherosch. Am Ende
gewöhnte man sich daran, in Deutschland und am Rhein für
größere Zahlungen fremde Münzen zu gebrauchen, die Laub⸗
saler und die Brabanter oder Krontaler; Osterreich ging seinen
eigenen Weg; im Norden fanden verschiedene Versuche zu einer
Münzeinigung zwischen Brandenburg und Sachsen statt, in deren
Verlauf Johann Georg III. im Jahre 1690 einmal einen
Leipziger Handelstaler durchzuführen suchte; sie blieben schließ—
lich erfolglos; und am Ende ging auch Preußen seinen Weg für
sich. Um 1750 war dann die Lage immerhin die, daß es
heben den fremden Münzen im Westen im Grunde nur zwei
deutsche Münzsysteme für den Handel gab, das österreichische
(1748, 20 Gulden aus einer Mark fein Silber), dem später
Bayern beitrat, und das preußische (1750, 14 Taler oder
21 Gulden auf die feine Mark), dem sich, infolge der furcht⸗
baren Münzdepravation während des Siebenjährigen Krieges
erst spät, viele norddeutsche Staaten angeschlossen haben.
Was war nach alledem das Ergebnis? Die kleinen Staaten
hatten sich zur Regelung des Münzwesens unfähig erwiesen;
das Reich war zurückgedrängt worden; die großen kompositen
Territorialstaaten, Osterreich und Preußen, hatten seit etwa
Mitte des 18. Jahrhunderts noch am ehesten den Sieg in den
Händen.
Nun läßt sich denken, daß das Resultat auf dem Gebiete
des Kredits, soweit die staatlich- fürstlichen Gewalten in Be—
        <pb n="468" />
        154 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

tracht kamen, kein anderes sein konnte. Charakteristisch war
hier an erster Stelle, daß Deutschland in der Flüssigmachung
von Mitteln auf dem Wege des Kredits, namentlich auch für
normale Staatszwecke, ganz außerordentlich zurückblieb. Schon
die großen deutschen Geldmächte des 16. Jahrhunderts haben
Geschäfte fast nur mit auswärtigen Mächten (wenigstens wenn
man Karl V. mit zu diesen rechnet) gemacht; das einzige
Papiergeld, das in dem Deutschland des 18. Jahrhunderts
kurfiert hat, war das der preußischen und der Wiener Zettel—
banken, sowie eine sehr mäßige Anzahl kursächsischer Kassen—
billette; einen ausgebildeten Fondsverkehr besaßen deutsche Börsen
überhaupt erst seit etwa 1817. Was wollte das besagen gegen
die verfeinerte Börsentechnik, wie sie in Amsterdam schon etwa
zwei Jahrhunderte, in London und Paris seit etwa einem
Jahrhundert bestanden, und gegen den großen Staatskredit, den
die Niederlande schon im 17. Jahrhundert und bald darauf auch
England entwickelt hatten!
Sollten aber bei dieser Lage die Fürsten nun dem privaten
Verkehr die Wege des Kredits haben bahnen helfen? Nur sehr
schwache Ansätze sind hierzu in Österreich seit Anfang, in
Preußen seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
— D0000———
kleineren Staaten haben sich überhaupt so gut wie nicht
geregt⸗
Versagten somit die mittleren und kleineren Territorien
mindestens bei allen Fragen einer heimischen Handelspolitik, die
über den regionalen Verkehr hinaus rein ins Nationale und in
gewissem Sinne auch noch über die Grenzen der Nation hinaus⸗
wiesen, so wurden sie auch näheren und mehr lokalen Aufgaben
nicht völlig gerecht.
Die einzige Ausnahme machten hier vielleicht die Terri—
torien, welche in ihren Grenzen eine der großen Meßstädte des
Binnenlandes bargen, etwa Frankfurt an der Oder oder auch
Naumburg oder Leipzig. Bei ihnen wirkten diese Meßstädte
ähnlich wie Freihäfen am Meer: für die Messen wurden die
meisten territorialen Verkehrshindernisse aufgehoben; man er—⸗
        <pb n="469" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 455

kannte an, daß in ihnen der Handel um seiner selbst willen
gefördert werden müsse; es entstand ein besonderes Meßrecht
fur den Wechselverkehr, den Wucher und die stärkere Aufrecht—
erhaltung des lokalen Friedens; es wurde in einem eigenen
Handelsgericht eine stärkere Justiz, in einer Bank (in Leipzig im
Zaneco dei Depositi, 1692) ein besonderes Institut für rasche
Bewältigung von Kauf und Verkauf geschaffen.
Aber wer sähe nicht, daß eine so weitgehende Entwicklung
der Meßfreiheit mit starker Ruckwirkung auf ein ganzes Terri—
torium schließlich doch nur für Leipzig, also in Kursachsen
stattgefunden hat? Hier herrschte in der Tat grundsätzlich
Handelsfreiheit; mit ganz geringen Ausnahmen gab es keine
starken Schutz⸗ oder gar Prohibitivzölle, und von den positiven
Maßregeln des Merkantilismus wurden nur die gepflegt, und
zwar schon seit Kurfürst August (zweite Hälfte des 16. Jahr⸗
hunderts), die auf die Hebung der heimischen Industrien ab—
zielten. Geschah dies also alles in Sachsen, so vermochte das
Land in dieser Hinsicht eben nicht als Typ der allgemeinen
serritorialen Entwicklung zu gelten; denn im allgemeinen ging
die Absicht keineswegs auf Freiheit des Handels, sondern auf
wirtschaftlichen Abschluß des Territoriums.
Ein Zugeständnis wurde den Territorien in dieser Hinsicht
eigentlich nur durch die zunehmende Verbesserung des Transport⸗
wesens und die Förderung des mit ihm in enger Verbindung
stehenden Straßenwesens eutrissen. Territorien, die von großen
Straßen, sei es Kunststraßen oder natürlichen Wasserstraßen,
durchschnitten wurden, konnten bei steigendem Verkehr doch
nicht umhin, wenigstens zur teilweisen gegenseitigen ffnung
ihrer Grenzen zu schreiten. Freilich wurde dies Zugeständnis
meist erst im 18. Jahrhundert gemacht; vorher versuchten die ein⸗
zelnen Territorien mit oft sehr strupellos gewählten Mitteln, sich
in die einseitige Verfügungsfreiheit uüber die betreffende Straße zu
bringen. Und weiter begründete das Transportwesen, vor allem in
der Form der Post, wenigstens für die größeren Territorien das
Bedürfnis einer über die Territorialgrenzen hinausreichenden
Verkehrs- und gelegentlich auch Handelspolitik. Maßgebend
        <pb n="470" />
        456 Alchtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

war hier zunächst der Gedanke, das Postregal wenigstens im
eigenen Lande in der Hand zu haben; er erklärt sich schon aus
dem staatlichen Bedürfnis nach Übersicht und nach rascher Ver⸗
bindung mit den lokalen Verwaltungsbehörden. Von hier aus
aber lag die weitere Absicht sehr nahe, die Post auch über die
Grenze des Territoriums hinauszuführen und damit eine Ver⸗
kehrspolitik interterritorialen Charakters zu entwickeln.
Nun war freilich die VPost keineswegs auf diesem Wege
entstanden.
Auf deutschem Boden war der Entfaltung eines leidlich
regelmäßigen gemeinwirtschaftlichen Verkehrs im Anschluß an
mittelalterliche Genossenschaften, wie Klöster, Gilden, Universi⸗—
täten, seit spätestens Mitte des 14. Jahrhunderts die Begrun⸗
dung städtischer Botenanstalten gefolgt, so in Augsburg, Nürn⸗
berg, Frankfurt, Köln. Diese Anfänge eines regelmäßigen
Verkehrs wurden dann seit dem 16. Jahrhundert uüberholt durch
eine speziell habsburgische Post, die aus dem Bedürfnis der
weithin herrschenden Fürsten dieses Hauses hervorging, von und
nach allen Seiten hin rasch Nachrichten zu empfangen und zu
geben; und dies Bedürfnis war groß genug, um eine regelmäßige
Nachrichtenvermittlung als nützlich erscheinen zu lassen: als
Kaiser Max am 23. April 1507 nach Villingen kam, gingen
Tags darauf „ob 800 Brieff hie uß in das Niderland und
nach Ungarland“.
Die ersten Linien dieser habsburgischen Post verliefen
seit Ende des 15. Jahrhunderts von Innsbruck nach den Nieder⸗
landen und nach Italien. Sie bestanden in Relaisstationen
(„Posten“), auf denen die fürstlichen Feldjäger stets frische
Pferde fanden. Hierüber hinaus führten dann im zweiten
Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts Franz und Bernhard Taxis
ein verbessertes System aus Italien in Deutschland ein; im
Jahre 1516 ging zum ersten Male eine allgemein benutzbare
reitende Post von Wien nach Brüssel. Die Taxissche Ein⸗
richtung verbreitete sich dann rasch weiter; das Haus betrieb
die Hauptlinien Prag bezw. Wien Mailand Madrid und
Brussel Paris Madrid wie eine immer größere Anzahl von
        <pb n="471" />
        Die Entwicklung der souveränen Territorien bis ins 18. Jahrh. 457

Zweiglinien in der Form eines ihm verliehenen Erblehens
nach Art eines jener großen kaufmännischen Familiengeschäfte
der Zeit; und bald saßen seine Angehörigen in Antwerpen,
Venedig, Trient⸗Bozen, Innsbruck, Neapel. Zugleich erweiterten
die Taxis den Dienst Aberall auf Privatbriefe, die ohne Ge⸗
währ mitbefördert wurden, bis, nach einer Krisis in den sieb⸗
ziger Jahren des 16. Jahrhunderts, die fast bis zum Bankerott
führte, vermutlich etwa seit zwei Jahrzehnten vor Abschluß
des 16. Jahrhunderts allmählich auch die Briefe von Privaten
gegen bestimmte Taxen und unter Aufftellung fester Kurse
und Zeiten wöchentlicher Ankunft und wöchentlichen Abgangs
verantwortlich mitbefördert wurden und damit die Tarissche
Post das zu werden begann, was wir jetzt unter Briefpost
verstehen.
Mit alledem wurde unter Anschluß der verbesserten alten
Botenanstalten der Haupthandelsstädte an die zentralen Linien
langsam ein förmliches, auf dem Rückgrat der Taxisschen
Post beruhendes System geschaffen, und in ihm drang die
Tarissche Post, gestützt auf ein angebliches Reichsmonopol, als
die bewegende allgemeine Gewalt immer weiter vor. Sie be⸗
gann auch kleinere Linien anzubauen; sie konkurrierte nament⸗
lich in Suddeutschland mit den alten städtischen Botenposten:
ihr Hauptsitz wurde Augsburg. Aber auch im Norden suchte
sie etwa konkurrierende Posten zu unterdrücken.
Gegen diesen Ausdehnungsprozeß sehen wir nun die Terri⸗
torien angehen, wãhrend sie bis dahin, solange sie von der
Tarisschen Post minder unmittelbar bedroht wurden, sich bei
dem Anschluß an deren Hauptlinien beruhigt hatten; in dieser
Weise hatte Württemberg seit 1569, Sachsen seit 1873, Ansbach
 seit 1889 mit der Taxisschen Post zusammengearbeitet.
Jetzt dagegen erhoben sich die größeren Territorien gegen die
Umstrickung und Durchfurchung durch die Tarissche Post:
Hessen⸗Kassel, Vraunschweig und Kurbrandenburg haben gegen
sie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts schwere Prozesse
geführt. Und damit nicht genug; während die reformierten
städtischen Botenanstalten als Anschlußverbindungen an die
        <pb n="472" />
        458 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Tarxissche Post zugrunde gingen, nahmen jetzt die größeren
Territorien ein Postregal für sich in Anspruch und begannen
die Ausbildung eigener Territorialposten, die sie auch über die
Grenze vorzuschieben versuchten. Es war, alles in allem be⸗
trachtet, noch der lebhafteste und am häufigsten gemachte Ver⸗
such der Territorialgewalten, mehr als territorialen Bedürfnissen
und Ansprüchen im Verkehrsleben zu genügen. Eine der
glänzendsten und frühesten Schöpfungen auf diesem Gebiete war
die 16538 begründete kurbrandenburgische Dragonerpost von
Kleve bis Memel; sie galt wegen ihrer besonderen Schnelligkeit
noch im Anfang des 18. Jahrhunderts als Mustereinrichtung.
Dem folgte dann im Norden und Nordosten auch sonst eine
Anzahl neuer Territorialposten, während im Süden und Süd—
westen im allgemeinen das Tarxissche System bestehen blieb.
Aber war nun mit diesen Durchbruchsbestrebungen, wie
sie nur an gewissen Stellen vereinzelt erfolgten, wirklich die
territoriale Geschlossenheit der einzelnen Staatsgebilde beseitigt
und damit einer kräftigeren Handelspolitik dieser selbst wie
dem allgemeinen nationalen Verkehrsbedürfnis machtvoll Bahn
gebrochen? Nur ein Vhantast hätte hier beiahend antworten
können.

In Wirklichkeit standen diese Territorien, große und kleine,
trotz der hinüber⸗ und herüberreichenden Verkehrsfäden sich
selbständig und handelspolitisch, soweit sie nachbarlich an⸗
einanderstießen, zumeist feindlich gegenüber; und nicht einmal
von jener allgemeinen politischen Solidarität war unter ihnen
die Rede, die in neueren demokratischen und revolutionären
Zeiten die Regierungen untereinander bis zu einem gewissen
Grade zu einen pflegt. Jedermann versuchte dem andern das
Wasser abzugraben; Wirtschaftskriege und Zollrepressalien waren
an der Tagesordnung, und namentlich große natürliche Straßen,
welche die Gebiete verschiedener Territorien durchschnitten,
waren Veranlassung ständigen Zankes. Dieser Zustand wurde
auch im Osten, dem Lande größerer Territorien und der in
Bildung und Ausgestaltung begriffenen Großstaaten Hsterreich
und Preußen, nicht viel erträglicher, da hier wo möglich nicht
        <pb n="473" />
        Die Entwicklung der souveränen Cerritorien bis ins 18. Jahrh. 459

bloß Länder, sondern auch Provinzen untereinander stritten.
Eher war am Rhein und im Westen überhaupt noch ein besserer
Zustand gewahrt oder in Aussicht, da hier die Kleinheit der
Staaten zu notgedrungenen Zugeständnissen an die Forderungen
des Verkehrs führte: wie hätten z. B. die 1400 bis 1500 reichs⸗
ritterschaftlichen Gebiete Handelsverbote aussprechen, Zölle auf⸗
legen, Monopole erteilen sollen?
Im ganzen freilich waren die Ergebnisse im Westen und
Osten gleich traurig; weder zu einem stärkeren Verkehr im
Innern noch etwa gar zu größerem Außenhandel ist man
fortgeschritten. So ist zunächst von Landesprodukten wohl
nur wenig ausgeführt worden, wenngleich es an einzelnen
Stellen wohl Export gab, 3. B. eine starke Viehausfuhr
nach Frankreich, eine gewisse Getreideausfuhr nach Holland
und England. Doch im allgemeinen wurde der Export
durch den Import wohl ausgeglichen. Von Produkten der
Hausindustrie setzte man weiterhin Metallwaren nach England
ab, und den Hauptgegenstand der Ausfuhr bildeten Leinenwaren;
hierin wird der Jahresexport von den besten Statistikern der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wohl zu hoch auf 60 bis
90 Millionen Mark berechnet. Was aber den inneren Aktiv⸗
handel anging, so war er so gering, daß noch in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts der Zinsfuß in den verschiedenen
Ländern der Nation ganz verschieden hoch stand; bei weitem
höher im Osten als im Westen; höher auch in industriellen
Ländern als in Gegenden vornehmlichen Ackerbaus!. Eine
Menge Geld blieb unter diesen Verhältnissen müßig im Kasten
liegen, statt produktiv verwendet zu werden. Als Friedrich
der Große, um dem abzuhelfen, bei der 1765 in Berlin er⸗
richteten Bank und deren Provinzialkontoren Depositenkassen
schuf, war der Zudrang so groß, daß man sich schon 1778
genstigt fand, den anfangs gewährten Zinsfuß von 3 vom
Hundert auf 2/2 herabzusetzen.
Indes sah man im Verlaufe des 18. Jahrhunderts wenigstens

1 Biedermann? 1, 286.
        <pb n="474" />
        160 Achtzehntes Buch. Viertes Kapitel.

schon allgemein, wo der Fehler zu suchen war. Man begann zu be⸗
dauern, daß der Handel nicht mehr, wie angeblich noch vor dem
Dreißigjährigen Kriege, als eine „Nationalsache“ betrachtet
werde. Dabei erwartete man freilich wenig oder nichts mehr
vom Kaiser. „Aber,“ so ruft ein Patriot wohl aus, „sollte denn
keine Fürstenhansa möglich sein, nachdem vor Jahrhunderten
schon eine Städtehansa wirklich gewesen ist?“ Es war die
richtige Stellung des Problems; es ist die Vorahnung der
Zollvereinspolitik des 19. Jahrhunderts. Doch ein anderer
Zeitgenosse antwortete dem Phantasten höhnend: „Eher werdet
Ihr einen Handelstraktat mit dem Kaiser von Fez und Marokko
und mit den Japanesen zustande bringen als einen dieser
Träume, bei so verschiedenem Interesse der vielen deutschen
Länder und Reichsstädte, je erfüllt sehen!“!

Bgl. Biedermann 2 J, 326-327.
        <pb n="475" />
        J. Personenregister.

Abrahama Sancta Clara 237.
Agricola, Rudolf 157.
Agrippavon Nettesheim, Cor—
nelius Heinrich 119.
Albert, Heinrich, Komponist 230.
Alberti, Leon Battista, Architek!
263290.
Albertus Magnus 130.
Aldegrever, onrin Künstler 262.
Alexäander, Grammaätiker 152.
Aelst, Pieter van 265.
Altdorfer, Albrecht, Maler 827
Anm.
Althus, Johannes 177.
Amati, Geigenbauerfamilie 220.
Amberger, Christoph, Maler 297
Ambrofius, bder heilige 307.
Amman, Jost, Künstler 262.
Antonelli, Baumeister 285.
Aristophanes 246.
Ariitoteles 26, 96, 119, 149, 170,
180 . 27, 380.
Arminius, Jakob 48, 186.
Arnisäus, Henning 172.
Arthois, Jacques di, Maler 310.
Aerkfzen, Pieter, Maler 314.
Aschylos 246.
Ast, Staatsrechtslehrer 385.
August, Kurfürst von Sachfen 85.
406, 455.
August der Starke (S Friedrich
August J.) Kurfürst von Sachsen,
sein Absolutismus 407.
Augustin, der heilige 32. 165.

A.

Bach, Johann Sebastian 209. 222.
330. 336
Baceo von Verulam 38, 884.
Saco, Koger 180, 14, 148. 180 f. 195.
Balde, Jakob 156.

B.

Baldung, Hans, Maler 294.
Barclay 392.
Baronius, Kardinal 167.
Baumgarten, Siegmund Jakob 88.
Bebel, Heinrich 158.
Becanus, hollaͤnd. Mediziner 233.
Becher, Johann Joachim 442 f., 445.
Beda Venerabilis 1665.
Beer, Georg, Architekt 268.
Beethoven, Ludwig van 222.
Beham, Barthel, Maler 262, 286.
—2* Hans Sebald, Maler 262
Beheim, Michel, Dichter 220.
Bekker, Balthasar 88f.
Bel, Simon van der 22.
Zellarmin, Robert, Jesuit 390
zellini, Giovanni, Maler 2092.
zen-Israel, Manasse 194.
zerchem, Nikolaas, Maler 8328.
zerlichingen, ooß von 100.
zernhardevon Clairvaur 169
zesold, Christian 94.
ethune, Ebrard von 152.
zeuningen van 71.
zeverning 71.
Bibliander, Theodor 48.
Bijns, Anna 282.
Bin Jakob, Künstler 262.
Birck, Sixt 245.
Blocke, Wilhelm van dem, Archi-—
tekt 288.
Bloemaert, Abraham, Maler 300.
Boͤdinus, Johannes 57, 177, 391 f.,
394, 488.
Dihsee— 8* 122, 128 ff.
Böhmer, Just Hennin urist
306. 6. ð Demt
Boerhaave, Hermann 202.
Boetius, Anicius Manlius Tor⸗
quatus Severinus 207.
Bolsec, Hieronymus 48.
Bonifatius 208.
        <pb n="476" />
        16e

Personenregister.

Bonitz 172.
Borgia, Cesare 884.
B — — itz, Jakob, Staatsrechtslehrer
Bosboom, Künstler 281.
Boffuet, Jacques Benigne 894.
Bourbon, Haus, sein Absolutis—
mus in Spanien 386.
Borberger, Hans, Maler 297.
Brederoo, Gerbrand Adrigenszoon
niederländ. Dichter 253, 255, 258
Brockes, Barthold Heinrich 106.
Brofsamer, Hans, Künstler 262.
Brouwer, Adrian, Maler 309.
Bruck, Jakob, Bildhauer 280.
Brüggemann, Hamburger Kauf—
mann 448.
Brue el, Jan, Maler 326 f.
Brueghel, Pieter (der Jüngere),
vIdhr 9 F ch
rühl, Heinri raf von, sächfi—
scher Kanzler 415.
Brülow, Kaspar, Dichter 246.
B 77 elleschi, Filippo, Architekt
Bruno, Giordano 119. — Einfluß
auf Spinoza 195.
Bruyn, Barthel, Maler 282, 297.
Buchanan, George, schottischer
Dichter 245.
Burgkmair, Hans, Maler 261.
Burman, Humanist 11, 161.

Chemnitz, Martin 87, 379.
C yzn nitz, Philipp Boguslaus von
Cherbury, Herbert von 186f.
Chillingworth 186.
Christian IV., König von Däne—
mark 14.
Chytraeus, David 156.
Clapmarus, Arnold 392.
Cock, Frans Banning, Schützen⸗
hauptmann 321.
Folbert, Jean Baptiste 75 ff., 8601,
385. — Denkschrift über den Zoll⸗
tarif von 1664 489. — Kolonial⸗
politik 445.
Colin, Alexander, Bildhauer 280.
Columella338.
Conring, Hermann 166, 895.
Coornhert, Dirck Volckertsen 48,
1857.
ynpgenis van Haarlem, Maler
Corneliszen, Cornelis, Maler 300.
Correggio, Antonio da, Maler
29179 8oi.
Coster, Samuel, niederländ. Dichter
20 ö
Cour, Peter de la 72.
Coxcie, Michiel, Maler 301.
Craeijer, Gaspar de, Maler 308.
Cranach, Lukas (der Altere)282, 294.
Cranach, Lukas (der Jüngere) 297.
C — uillon, Thomas, Komponist
Cromwell, Oliver 74, 489.
Crufius, Christian August 88.
Crufius, Martin 156.
Cues siehe Kues.

C.
Calvin, Johannes 29, 31, 45, 48 f.
173 f. i8
Camerarius, Joachim 157.
Camero, Professor in Saumur 49.
Campanella, Thomas 119.
Canisius, Peter 158.
Caravaggio, Michelangelo Ameri—
ghi da, Maler 294, 300.
Cario 87.
Cäfarius von Heisterbach 237.
Casaubonus, Isaak 159.
Cafelius, Johannes 156.
Castellio, Sebastian 48.
Cats, holländ. Dichter 2883, 259.
CKaus, Salomon de 287.
Cavalli, venezianischer Botschafter
in Frankreich 385.
Capalli, Fraucesco, Komponist 227.
Cellarius, Ehristoph i66, 805.
Teltes, Konrad 215.

2.

Decker, de, niederländ. Dichter 255.
Descartes, René 38, 89, 102, 137,
130 148ff, i47 187ff. 183 i86f.
203. — Einfluß a. Spinoza 195, 200.
Dietrich von Bern 241.
Dietterlein, Wendel 268.
Dijtk, Anton van, Maler 3608 f.
Dohna, Burggrafen zu 450.
Does, Hugo van der 20.
Dou, Gerard, Maler 325, 331.
Ducis, Benedikt 215, 217.
Dufay, Guillaume 212f.
Dürer, Albrecht 261f., 291, 298,
295, 327.
        <pb n="477" />
        Personenregister.

468

——8 III. von Württemberg
Eccard, Johannes, Komponist 218.
Eekhout, Maler 104.
Eggers, Künstler 281.
E ep hoit, Anton, Schmiedemeister
Elias, Nicolaus, Maler 314.
Elisabeth, Königin von England
Elsheimer, Adam, Maler 300, 826.
Epifcopius, Simon 49.
Erassmus von Rotterdam, Desi—
derius 25, 149, 158, 184. — sein
Denkmal in Rotterdam 278.
Estrades d', Gesandter 71.
duge „Prinz von Savoyen 379, 482.
Euklid 136, 141.
Euler, Leonhard 141.
Euripides 246.
Eusebius 165.
Everaerts, Jan Nicolai 251.
——
Eyck, Hubert van, Maler 292, 301
Eyck, Jan van, Maler 292, 301.

E.

Friedrich J. König von Preußen,
Rückgang der braändenburgischen
Flotte unter ihm 448.
Friedrich II. der Große, König
von Preußen 77, 459. — sein Heer⸗
wesen 434. — Anderung der Auf—
fassung vom Wesen des König—
ums doo fj.
Friedrich III., Herzog von Schles—
wig⸗Holftein 4483.
Friedrich Heinrich, Prinz von
Oranien 40.
Friedrich Wilhelm, der Große
Kurfürst 281, 899, 444. — Bund
von 1666 368. — seine Flotte 466ff.
Friedrich WilhelmIJ., König
von Preußen, sein Beamtentum
417, 419. — sein Heerwesen 482.
— seine Auffassung von seinem
Königtum 399, 416. — gibt die
eee Flotte auf 448
Frischlin, Nikodemus 156, 246.
Fugger, Familie 8.
Fürstenberg, Grafen von 267.
G.
Gabrieli, Andrea 221.
Gabrieli, Giovanni 221, 228.
Galilei, Galileo 12, 95, 97, 128 f.
134, 148, 147, 166, 187.
Gallus (GHändlh), Jakobus 218.
Gama, Vasco da 258.
Gntsen von St. Jans, Maler
g geg aeoer et
eorg Friedri raf von Wal⸗
——— e Viaf
Georg Wilhelm, Kurfürst von
Brandenburg 444.
Gerhard, Staatsrechtslehrer 392.
Gerhard, Huenn Bildhauer 280.
Berhard, Paul 216, 339.
Gesner, Konrad 157.
Gesner, Salomon 106.
Beuliner, Arnold 198.
Gijsels van Lier, holländischer
Admiral 444.
Biorgione da Castelfranco,
Maler 292, 297, 828.
Glareanus, Heinrich 157.
Boijen, Jan van, Maler 310, 828.
Goltzius, Hendrik, Maler 300.
Goltzius, Hubert 158.
Gomarus 49.

3*

ger 238.
Ferdinand J., deutscher Kaiser
285, 374.
Ferdinen von Arragon 884.
erdinand I. onzgga 215.
icinus, Marsilius 118.
ischart, Johann 242 ff.
lacius Illyricus 167.
lemming, Staatsrechtslehrer 177.
lemming, Paul 106, 44.
„loris, Frans, Maler 301.
Fourment, Helene, Gemahlin von
Rubens 308.
Franck, Sebastian 123 f., 175.
Franco von Köln 210.
Franz L., deutscher Kaiser, sein
Heer 426.
ranz J., König von Frankreich 385
riedrich J. VBarbarossa 212.
den J., König von Däne—
mark 368. — sein Grabdenkmal 280.
Friedrich V. König von Däne—
mark 401.
Friedrich V. von der Pfalz 226.
        <pb n="478" />
        464

Personenregister.

Bombert, Nikolaus, niederländ.
Musiker 212.
Bosfaert, Jan, Maler 261, 299.
Goethe, Wolfgang von 12, 64, 104,
iis Iss i i 239 860 836
Granvelle, Kardinal 271.
Graewinkel 21.
Gregor der Große, Papst 208.
Gronovius, Johann Friedrich 161.
Brotius, Hugo 20 ß“ 49, 58, 54
56, 177 ff., 186 f., 388, 892, 895.
Brünewald, Jörg, Dichter 220.
Grünewald, Mathias, Maler 294.
Gryphius, Andreas 341.
v . ling, Nikolaus Hieronymus
Bustav Adolf II., König von
Schweden 55, 859. — sein Heer 427.
Butenberg, Johann 7.
Haarlem, Cornelis van, Maler 320.
Hagedorn, Friedrich von 106.
5 — In auer, Künstler in Augsburg
5 I Steven van der 21.
* es 186.
Haller, Albrecht von 79, 106.
— Frans, Maler 300, 314 f.,
dammerschmidt, Andreas, Kom⸗—
ponist 280.
vin el, Georg Friedrich 187, 222,
Hans von Aachen, Maler 297.
Haren, Onno Zwier van 259.
Zaren, Willem, van 259.
Harsdörffer, Georg Philipp 108.
Haßler, Hans Leo, Komponist 218.
eemskerk, Merten van, Maler 300.
eineceius, Johann Gottlieb 396.
einrich der Löwe 872.
Heinrich VIII., König von Eng—
land 384.
heinrich IV., König von Frank—⸗
reich 385.
bngeich von Mügeln, Dichter
einrich IV. von Navarra 56.
Heinsius, Daniel 161, 257.
einz, Joseph, Maler 297.
—— Franc. Mercurius van
Helmont, Joh. Bapt. van 121.

Helst, Bartholomens van der,
Maler 315, 318 ff.
Ssemsterhuis, Tiberius 161.
»erder, Joh. Gottfried von 198.
Hieronymus, Bischof von Branden⸗
burg und Havelberg 165.
Hildebrand, Erzieher Dietrichs
von Bern 241.
Hippolithus aLapide 894, 408.
Zobbema, Meindert, Maler 829.
hobbes, Thomas 1485, 178. — Ein⸗
fluß auf Spinoza 195, 201. —
Iir Staatslehre 393, 395, 398,
ßofhaimer, Paul, oforganist
⸗ be i 28i. voforg
Holbein, Hans 261, 291, 288.
oll, Elias, Baumeister 286.
Holstenius, —A 157.
J zapfel, einrich, Baumeister
Holzschuher, Eucharius Karl—
Baumeister 286.
Honthoxst, Gexard van, Maler 300.
Hooft, Pieter Corneliszoon, nieder⸗
ländischer Dichter 71, 166, 283,
231 288.
Hoop, Hendrik 46.
ucbald von St. Amand 209.
Hume, David 145.
Zutten, eid von 149, 156.
z10 yghens, Constantijn, nieder⸗
ländischer Dicuer 238, 259.
Huysmans, Cornelis. Maler 310.

AIJ

Ildefons, der heilige 8306.
Innocenz VIII., Papst 87.
renäus 29.
saak, Heinrich 214, 216.
Fsidorus von Sevilla 165.

J.

Jakob, hegeg von Kurland 44.
J Mne itzer, Wenzel, Schmiedemeister
Jan, Professor der Theologie in
Wittenberg 166.
Janssen, Barend, Architekt 275.
Foachim 1II. von Branden—
burg 87
Johaunn Friedrich, Kurfürst von
Sachsen 238.
Johann Georg II., Kurfürst von
Sachfen 166.
        <pb n="479" />
        Personenregister.

465

Johann Georg III., Kurfürst von
Sachsen 453. — als Ordner des
Heerwesens 482.
Johann Philipp, Kurfürft von
Mainz 366, 445.
Johann Sigismund, Kurfürst
von Brandenburg, tritt zur re—
formierten Kirche über 407.
Jordaens, Jakob, Maler 308f.
Jofeph. II., deutscher Kaiser, seine
Auffafsung von den Herrscher⸗
pflichten 400.
Julius Aeennn 165.
Funius, Hadrian 161.

Labenwolff, Georg, Bildhauer 281.
Lagrange, Joseph Louis 141.
dambeckus, Peter 157.
Langenstein, Heinrich von 130.
Languet, Hubert 174
Laffsus, Roland de 215, 220.
Lastman, Pieter, Maler 315.
Leibniz, Gottfried Wilhelm von
—B———
sein Begriff von der Souveränität
395, 400.
Leicester, Robert Dudley Graf von
44, 47, 51.
Lemaire, Isaak 17, 70.
Lemaire, Jakob 17.
Leo X., Papst 31, 265.
Le ng, Gotthold Ephraim 88, 107,
Lipfius, Justus 150 f.. 176.
List, Friedrich, Nationalökonom 442.
Locher, Jakob 158.
Locke, John 56, 181.
Logau, Friedrich von 8350, 854, 358.
Löswenstein, Johann IV. Ernst
Fürft von, Fuͤrstabt von Stablo—
nedy 419.
Lud p er Bayer, sein Grabdenk—
mal 281.
Ludwig, Markgraf von Baden 379.
Ludwig XI., König von Frank—⸗
reich 884 f. IJ
udwig XIV., König von Frank⸗
reich 260, 278. — fein Absolutis⸗
mus 384 5 — sein Heer 432.
8 7 ig, Herzog von Württemberg
Zukas von Leiden, Maler 261. 299,
323 821.
uther, Martin 9, 25, 29, 31f.,
61f., 71, 88, 99 f. 128, 1685, 172 f.
180. 186 217, 280 248. -r
organisiert das Schulwesen 180.
— eine Sprache 282. — seine
Lieder 234. Einwirkung auf das
Schuldrama 2458 f.
M.
Macchiavelli, Nicold 57, 884, 891.
Magalhdes41.
Madatesta, Ghismondo 384.
Marcanton fiehe Raimondi, Marco
Antonio.

69

Kampen, Jakob van, Architekt 277
Kämpfer, Engelbert 10.
Kant, Immanuel 120, 124, 145.
Karl der Große 208.
Karl V., deutscher Kaiser 7, 158,
194, 215, 381, 454. — Streben
nach Abfsolutismus 408. — sein
Heer 426.
—DD—
Karl, Herzog von Lothringen 865.
Karl X. Gustav, König von
Schweden 3665.
Karl XI., König von Schweden 886
Karl XII., König von Schweden 386
Karl Ludwig, Kurfürst von der
Pfalz 371.
Keijfer, Thomas de, Maler 8328.
K rer Johann 87, 95, 97, 129,
Key, Lieven de, Architekt 275.
g ger, Hendrik de, Architekt 275,
Kiligan, niederländ. Gelehrter 252
Kircher, Athanasius 845.
Kleist, Ewald von 106.
Klock, Kaspar, Nationalbkonom 85.
Klopstock, Friedrich Gottlieb 401.
Kolumbus, Christoph 25.
König, Staatsrechtslehrer 392.
Koninxlo, Gilles van, Maler 325.
326 Anm.
Naernitus. Nikolaus 11, 97,
ie
Krul, niederländischer Dichter 255.
Kues, Nikolaus von 82, 122 f., 128,
——
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI.
        <pb n="480" />
        466

Personenregister.

Marckgraff 10.
Mariana, Juan, Jesuit 3090, 434.
Marnix, Philipp von, Herr von
Mont Sainte Adelgonde 232, 243.
Martyr, Petrus 48
Massijs, Jan, Maler 801.
M — ijs, Quentin, Maler 298, 801,
Maximilian J., deutscher Kaiser
10 α αν. 24ο 374 876 318
385. — sein Grabdenkmal 280.
— Postwesen unter ihm 456. —
stellt fürstliche Landsknechte an 426.
Max Emannel, Kurfürst, von
Baͤyern, als Ordner des Heer—
wefsens 432.
Maximilian Heinrich, Kurfürsi
von Köln 366, 448.
Mazarin 78, 415.
Merißner, Staatsrechtslehrer 177
Meifter, der, von 1480 328.
Melac, französ. Marschall 344, 371.
Melanchthon, Philipp 8, 30, 87f.
119, 149, 156, 180 f., 184 f. 189
— als Schöpfer der protestantischen
Universitäten 150.
Melissus, Paul Schede 156.
Mengs, Anton Raphael 295.
M J an, Mathäus, Kuvpferstecher
Metsu, Gabriel, Maler 326.
Mevius, David, Jurist 415.
Michelangelo 291, 294f., 2097.
80l, 308.
M, F eveld, Michiel Jansze, Maler
18.
Milton, John 56, 394.
Moltke, Hellmut Graf von 342.
Montchréôtien 888.
Monteverdi, Claudio 221, 227.
Mor, Antonis, Maler 317.
HRoritz, Prinz von Oranien, Graf
von Nassau 10, 50 ff., 55, 252.
Moritz, Kurfürst von Sachsen 152
M 0 erosch, Johann Michael 341
Moser, Karl Friedrich von 848
Moucheron, Balthasar de 17.
Mozart, Wolfgang Amadeus 222
Müßgeln, Di von, Dichter 219.
Maisller, Johann, aus Königsbers
(Regiomontanus) 87, 131.
Mun Th. 439.
Murner, Thomas 241.

Naogeorg, Thomas 245f.
Napoleon J. 348. — sein Militär—
adel 428.
N „Aert van der, Maler 328 Anm.
Neri, Filippo 224.
Newton 95, 129, 134, 140, 148.
Nicolai, Ph. 45.
Noort, Adam van, Maler 302.
Notker 208.
Noyen van, Architekten 271.

M.

O.
Obrecht, Jakob, niederländ. Mu—
siker 212.
Occam, Wilhelm von 181.
Occhino, Bernardino, italienischer
Reformator 30.
Okeghem, Jan, niederländ. Mu—
siker 212f.
Oldenbarneveld, Ratspensionär
g 40, . 30. 288
Oldendorp, Johannes 177.
Opitz, Martin 227.
Oramien, Haus 17. — oranische
Partei 76.
Origenes 29.
Orlando di Lasso siehe Laffus,
Roland de.
Orley, Barend van, Maler 301.
Ostade, Adrigen van, Maler 825.
Httingen-Wallerstein, Fürst
von 416.
Oudewater, Maler 326.
Oxenstierna, Axel, schwedischer
Staatsmann 375.

Paduano, Giovanni Maria, Archi—
tekt 285.
P 58 ina, Giovanni Pierluigi da
Palladio, Andrea, Architekt 276.
Palma, Jacopo, Maler 328.
P“aracelsus, Theophrastus Bom—
—
Parr, Jacopo, Architekt 285.
Paul III. Papst 11.
Pauli, Johaunes, Franziskaner
3877.
Paumann, Konrad 221.

V.
        <pb n="481" />
        Personenregister.

467

Pencz, Georg, Maler 262, 296f.
Ron vpon Reichenbach, Dichter
Peter der Große 18.
P g ? bach, Georg, Mathematiker
Philipp der Großmütige, Land—
graf von Hessen 370.
Phitipp M, König von Spanien
194.
hilipp III. König von Spanien,
sein Zeremoniell 485.
Pieterfen, Aert, Maler 314.
Pippin 208.
Pifo, Wilhelm 10.
Plato 80, 117 f. 132. —181.
Platter, Thomas 100.
Plautus 245 f., 253.
Plotin 118.
Poelenburgh, Cornelis van, Maler
30d, 8328
Post, Pieter, Architekt 277.
Pott, Franz 104. —
P — ur bus, Frans (der Altere), Maler
1*
Prafinus, Johannes 108.
Pres, Josquin de, niederländischer
Musiker 212.
Pufendorf, Samuel 172, 178, 880,
388. — sein Souveränikätsbegriff
395, 398, 400, 408.
Puͤtter, Staatsrechtslehrer 398.
Pythagoras 142.
Q.
Quellijn, Artus (der Altere) Archi—
tekt 279.

Rhodomanus, Laurentius 156.
Richelieu, Kardinal 415. — Edikt
von 1641 885.
Riebeeck, Jan van 22.
Rijckaert, vlämische Maler 309.
Rigg wald, Barthoͤlomäus, Dichter
Rinuccini, Komponist 227.
Robortello, Humanist 160.
Rollenhagen, Georg, Dichter 244.
Romand, Giulio, Maler 297.
Rombouts, Theodor, Maler 308,810.
Roorkopf, Wendel, Architekt 270.
Rosenmühler, Johannes, Kom—
ponist 230.
Roͤsenplüt, Hans, Dichter 248.
Rousseau, Jean Jacques 177.
Rubens, Peter Paul 112, 271 f.
zonff, z37.
Rückert, Friedrich, Dichter 242.
Rudolf II, deutscher Kaiser, sein
Reiterstandbild in Prag 280.
Ruhnken, David 161.
Ruisdael, Jatob van, Maler 329f.
Rumpf, aus Hanau 11.
Ruyter, Michel Adriaanszoon de,
Admixal 46. — sein Grabdenk⸗
mal 280.

S.
Sachs, Hans 107, 109, 238 ff. 247 ff.
26537. 8268 derse
Sachtleven, Maler 328 Anm.
Salmasius 71, 161, 394.
S u ovino, Andrea. Baumeister
8 *
Santarelli, Jesuit 390.
Saverij, Roeland, Maler 312.
Scaliger, Joseph Justus 157,
10 ff. 255.
ntain Alessandro, Komponist
Schärtlin, Sebastian 100.
Sde in, Joh. Hermann, Komponist
Schelling, Friedrich Wilhelm Jo—
seph von 89.
Schenck, Peter 106.
Schickentanz, Architekt 270.
Schickhardt Architekt 268.
S Zidler, Friedrich von 199, 260,
Schlüter, Andreas, Bildhauer 281.
Schönäus, Rektor in Haarlem 1583.
30 *

R.

Rabelais, Frangçois 242.
Raffael 268 ol ι,, 801.
Raimondi, Marco Antonio 286f.
Raule, Benjamin, holländ. Reeder
Asof.
— Jan van, Maler 318,
Regiomontanus, siehe Müller,
Johann, aus Königsberg.
Raiffenstuel, Hans, Vaumeister
Reambrandt 88, 112, 194, 800 ff.,
308, 311 ff, 388f.
Reuchlhin, Johann 119, 153, 2465.
Rheede van Drakestein, van 10.
        <pb n="482" />
        Personenregister.

Schöpper 108.
Schultens, Albert 161.
Schuppius, Balthasar 14.
Schurmann, Anna Maria van 69.
Schütz, Heinrich, Komponist 224
27 f., 86.
Sgwarz, Christoph, Künstler 280
Schweinichen, Hans von 100.
Schwenckfeld, Kaspar 123.
Scioppius, Kaspar 175.
Secorel, Jan van, Maler und Dom—
herr 299, 317, 320.
v tori, Adamo, Kupferstecher
Seckendorf, Veit Ludwig von 395.
Senera o, 188, 2842857.
Senfl, Ludwig 214f., 217.
Shakespeare 246.
Sitte, Artus, Hofbildhauer 281.
Sittewald, Philander von 3683,
357, 425.
Sleidan, Johann 166.
Sluter, Claus, Bildhauer 278.
Snijders, Frans, Maler 308.
Snijdincx, Paul, Architekt 271.
Solis, Virgil, Künstler 262.
Sophokles 246, 254.
Sozzini 30.
epaen ber Wolfhart 244.
Specklin, Daniel, Baumeister 286
Spee, Friedrich 88.
Spieghel, van den, Ratspensionär
Spinoza, Baruch GBenedikt) 56
8, 80f, Tos, I2 ug iosff.
— seine Staatsrechtslehre 394.
Sprenger 87. J
Steen, Jan, Maler 812, 325.
Steenwuͤnkel, Jan, Architekt 275
Stella, Paolo della, Architekt 285
Stevin, Simon 128, 148, 166,
233, 427.
Stieler 108.
Stimmer, Tobias, Maler 297.
Stoffler, Johanues, Astrolog 86.
Spheid ari, Antonio. ——
Strong, Viktor, Bildhauer 281.
Sturm, Jakobs.
Suarez, Jesuit 890.
Sweelinck, Peter, Orgelspieler 221.

Tacitus 258.
Tafsis, Maria Luise von 309.
Taris, Bernhard 456 f.
Taxis, Franz 456 f.
Telesio 119. J
d hevvse David (der Altere), Maler
Teniers, David (der Jüngere),
Maler 309 ff. 327.
Terentius 245.
Terentius Christianus 1668.
Theiß, Kaspar, Baumeister 286.
Theodofius, Kaiser 8307.
Tholofanus, Gregorius 392, 488.
— von Aquino 181f.
Thomasius, Christian 172, 178.
seine Staatsrechtslehre 396, 400.
Tilenius, Daniel 186.
Tizian 292, 308
Tr8ka, Graf, sein Vermögen 428.
Tritonius, Petrus 214.
Tromp, Admiral 54, 74. — sein
Grabdenkmal 280.
Tulp, niederländischer Arzt 322.

T.

u.

Aden, Lukas van, Maler 310.
UAdo, Erzbischof von Mainz 261.
Unger, Georg, Nürnberger Archi—
tekt 269.
Usselince 17, 28.
Uttmann, Barbara 266.

V.

Vadianus, Joachim 157.
Valckenaer, Ludwig Kaspar 161.
Veen, Otto van, Maler 302.
Velasquez, Maler 328.
Belde, Adriaen van der 259, 328
Anm.
Veldeke, Heinrich von 118, 250.
Vergil 258.
Ver ulst, Rombout, Architekt 279f.
Veronese, Paolo, Maler 3083.
V — p en, Ütrechter Künstlerfamilie
Vieco, Giovanni Battista 90.
Vigelius, Nikolaus 176.
VBingboons, Philipp, Architekt 277.
Bischer, Hermann, Kunstler 280.
        <pb n="483" />
        Sachregister.

Vischer, Peter, Künstler 280.
Vifscher, Roemer 255.
Vitriar ius, Staatsrechtslehrer 895.
Vitruvius Pollio 275.
Voltaire, François Marie Arouet
de 129.
Volz, Fa Humanist 248.
VBondel, Joost van den 69, 107
110, 194, 238, 250, 252, 254.
256 ff. 333.
Vos, Jan 255, 259.
Vos, Martin de 301.
Vo3, Paul de, Maler 308.
Vosfius, Gerhard 158, 161.
Vossfius, Isaak 194.
Vrancken, Maler 301.
Vredeman, Hans, Künstler 268.
Vriendt, Cornelis de, Architekt 271
Vries, Adriaen de, Künstler 280.
Bries, Vredeman de 106.
Vultejus, Staatsrechtslehrer 392.

Weigel, Valentin 124.
Wntide- Wilhelm, Baumeister
Weyer, niederländischer Arzt 88.
Wickram, Jörg, Schwankdichter 238.
Wildens, Jan, Maler 310.
Wilhelm J., Prinz von Oranien
17, 39, 41 27
Wilhelm II., Prinz von Oranien
—
Wilhelm III., König von Eng—
land, Prinz von Oranien 77.
Wishelm IV., Prinz von Oranien
79.
Wilhelm Ludwig von Nassau,
Statthalter von Friesland 427.
Willaert, Adrian, niederländischer
Musiker 212, 215.
Wimpheling, Jakob 245.
Wistertunanch. Johann Joachim
Winkler, Benedikt 177.
Witt, de, Brüder 71, 76.
Witt, Johan de 48, 74.
Witte, Pieter de, Künstler 281, 287.
—— Heinrich, Dichter
Wolff, Christian Freiherr von 88,
400, 489.
Wouwerman, Philipp, Maler 311.
Wyttenbach, Daniel 161.

W.
A Richard 118.
Walch, Johann Georg 88.
Walch, Sigismund, Baumeister 285
Walleustein (Waldstein), Albrecht
Graf von, Fürst von Friedland, sein
Sturz 200 — sein Vermögen 428.
Waelrant, Hubert 215.
Walther, Johann, Torgauer Kapellmeister
 217.
Walther von der Vogelweide
—*
Waert, Giaches de, Komponist 215.
Wassenberg, Eberhard 437.
Weiden, Roder van der, Maler 8327.

3.
ee Gerard, Maler 308.
wingli, Alrich 8, 29, 31, 45,
173, 182, 184.

469

II. Bachregister.

A.

Aberglaube 385.
Abonnement auf Zeitungen8.
Abfsolutismus 381 ff. — in
Dänemark 386. — in England
und Frankreich 396.
Abstraktion 91, 95, 136.

Adel nach dem Dreißigjährigen
Kriege 367. — im Heere 486,
428. — niederländischer 70.
Agenten für Zeitungen8.
Akademien 66, 149.
Akzise 412, 4498.
Alchimie 85, 86, 117.
Algebraische Symbolik 189.
        <pb n="484" />
        170

Sachregister.

Alkmaar 13, 50.
Allegorische Figuren 108.
Altcalvinisten 50.
u dorf bei Nürnberg, Universität
Altisten 220.
Amboina21.
Amerika 18, 28.
Amsterdam 24, 38, 46, 56, 78,
—————
318, 321. — Athenäum 151. —
Börse 454. — Dichtkunst 252, 256.
— Grabdenkmal de Ruyters 280.
— Handelsviertel 273. — Juden
1945 Lateinschulen 254. — vite⸗
rarische Akademie 286. — Malerei
300. — Musik 227. — Rathaus
27 . -TIheater 236. —
Vereinigung Nil volentibas arduum
 259.
Amtleute 419.
Analogiebildungen 80.
Analogieschluß 8iuff., 80 ff., 116,
130, 142.
Analyse, kausale 92.
Ansbach, Fürstentum, Postwesen 457.
— ——
iog, As 56, 258. ihr Ver⸗
hältnis zum Christentum 185. —
ihre Wirkung die Kunst 260,
263 f., 265 ff., 333.
Antwerpen' 17, 252. — Malerei
265, 801, 314. — Plantinsche
Druückerei 252. — Postwesen 457.
— Rathaus 271.
Arabeske 264.
Archäologie 160.
Archipel, malaiischer 75.
Architektur 112, 281, 260, 268.
— antike 264. — binnendeutsche
282 ff. — franzoösische 278. — ita—
lienische 271, 834. — niederlän—
dische 270 ff.
Arguin, Insel 447.
Arloso 113, 219, 225.
e 136,. 144, 146.
Arkebusiere 422.
Armierte Stände 379.
Artikelbriefe 424, 431.
Astrologie 35, 86, 117.
3 in den NRiederlanden
Atlantischer, Ozean 28.
Auditenure 431.

Augsburg 8. — Brunnen 280.
Einwohnerzahl 855. — Kunst
268, 266, 280, 283 f. — wirt⸗
schaftliche Lage nach dem Dreißig⸗
ahrigen Kriege 3866. — Postwesen
156 f. — Rathaus 286.
Augustinismus 382.
Ausfuhrprämien 440.
Autoritätsglaube 88, 84.
Axim, Stadt an der Goldküste 447.
Azoren 16.

Backhausteinstil der Renaif⸗—
fance 274 276 f., 279.
Balladen 251.
Ballett 227.
Barock 112, 114, 276. — in Flan⸗
dern 271f, 2718f. — in Italien
286. — im Dienst der Monarchie
485.
Bartholomäusnacht 48.
Basel, Postverkehr 451. — Spieß⸗
hof 286. — Universität 151.
Bassisten 220.
Batavia 24.
Bauernstand zur Zeit des Dreißig⸗
jährigen Krieges 348 ff.
Baͤukunst siehe Architektur.
Bayern 88. — Heerwesen seit Max
Emanuel 432. — nach dem Dreißig⸗
sähr. Kriege 371. — Münzwesen
158. — im Spanischen Erbfolge⸗
kriege 898. — stagtliche Entwick⸗
lung 404, 407 f. — Steuerwesen 418.
Beamtentum 410 ff.
Behutsamkeitspoeten 2859.
Berg, Herzogtum 154.
Zergen in Rorwegen 58.
Ferden op Zoom, Stadthaus 275.
Berldin 416. — Bank 454, 459.
Baukunst 288. — Gymnasium
3. Grauen Kloster 132. — Joachimshalsches
 Gymnasium 152. — Plastik
Postverkehr 451. — Schloß
Berufsleben, gelehrtes 66.
I 68f.
Sibelüberfetzung, lutherische 33.
Biersteuer 418.
Bildnerei siehe Plastik
Bildnismalerei 297.
Nodsraegn 100.
Biologie 92, 144.

B.
        <pb n="485" />
        Sachregister.

471

Blasinstrumente 220, 225.
Blumenmalexei 824.
Bodenleihe 68.
Böhmen, Kunst 285.
Bolognas.
Bolsward 37,
VBopfingen 369.
Bolenanstalten 4566,.
Bozen, Postverkehr 457,
Braͤbanler Taler 458.
Brandenbar g(Kurfürstentum, siehe
Preußen) 868. — bäuerliche Ver⸗
hältnisse 388. — Bauten 270. —
Iztt unter dem Großen Kurfürsten
6 ff·. — Zustand nach dem
Dreißigjährigen Kriege 364, 366
37i3775 — Haͤndel 4445
— Mtünzwesen 458. — Plastik
—A Postwefen 457 f. —
Schulen 182. 5, staatliche Ent—
wickelung 404 f.407f. — allgemeine
Wehrpflicht 488.
Branmntwein, französischer 357.
Brasilien 9, 23.
Vraunsberg, Collegium Hosianum
 154.
Braunschweig (GHerzogtum) 8090.
nach dem Dreißigjaͤhr. Kriege
365f., 871. — Postwesen 457. —
Schulen 152. — Schulordnungen
To1. staatliche Entwickelung 406.
Braunschweig Stadt) fällt an
Wolfenbüttel 368.
Breda, Athenäum 151. — Friede 74.
Zremen 8, 14, 78, 359, 365. -
nach dem Dreißigjaͤhr. Kriege 368.
Breslau 8. Bank 454. —
Handel 362. — Postverkehr 451.
Briefe 99, 456 ff.
Briefträger 8.
Briefverkehr 5, 46 ff.
Brieg, Schloß 2865.
Bromberg, Gymnasium 154.
Brügge 16. — Rathaus der Brügger
Freiheit 261. — Stadthaus 269.
Brufsel, Hauptkirche zu, St. Gu—
dula v01.“ Hauptplatz 272. —
Palast Granvelles 271. — Post—
wesen 456. — Stadthaus 269. —
Weberei 265.
Buchausam Federsee 369.
Buchhandel deutscher 286.
Buchsbaumplastik 100.
Burgenbau 284.

Bürgertum 442. — nach dem
Dreißigjährigen Kriege 355 ff.,
8382 . CVerhältnis zum Adel 368.
Bürgerwehr 428.
Burgund, Fürsten 278. — Staats—
form 3883.
Bursen 67.
Bynkershoek 85.

C.

Calvinissmus 36, 44 ff., 158 f.,
177, 185, 248.
Dantus firmus 208, 212.
Gapitaine geneéraal 40.
Ceylon 21, 24.
Charakterkomik, 254.
Themie 64, 92, 144, 147.
Chor 222, 229.
Choral 214, 216 ff. 280.
Chorknaben 220.
Christentum 26, 29, 121, 128,
127, 185.
Collégium regiminis 414.
Colombo 22.
Contracten yan Correspondentie
 42.

D.

Dänemark 14, 359, 368. — Ab—
solutismus 3886. — Juden 195.
— Kunst 267, 275. — Schul⸗
ordnungen 151. — Weberei 265.
Danzig, Artushof 288. — Handel
360. — hohes Tor 288.
Deduktion 122, 141, 148, 188 f.
Deduktive Philosophie 146.
Delagoabai 22.
Delft“ 21. — Grabdenkmal Wil⸗
helms des Schweigers 278. — Grab⸗
denkmal des Admirals Tromp 280.
— Kunst 318. — Stadthaus 275.
Delmenhorst, Grafschaft 359.
Deutscher Orden S.
Deutsch-Krone, Gymnasium 154.
Deventer 48.
Dialektik 152, 189.
Dichtkunst 98, 108f., 107 ff., 111f.,
230 ff.
Differentialrechnung 187, 140.
Dijon 278.
Discantus 208.
Dokkum 37.
        <pb n="486" />
        472

Sachregister.

Doelen chützenhäufer) 275, 320.
Doelenstücke 820 f., 324.
Dominium maris baltiei 44
Doppelsöldner 426.
Dordrecht 48, 52, 75f. — Athe—
näum 151.
Dragonerpost, kurbrandenbur—
gische 458.
Drama 107, 283, 286 ff., 244 ff.
— deutsches 248, 259. — helle
nisches 225 f. — kirchlich-politisches
252. — modernes 251. — musika
lisches 228, 259. — psychologischeẽ
254, 258. — sacrum 245.
Dramma per musicda 226 ff.
Dreckgeusen 50.
Dresden 450 f. — Handel 451
— Musit 227. — Schloß 270, 285
Duin, Schlacht bei 54.
Dünkirchen 5f.
Düsseldorf, Jefuitenkollegium 154.
— Stadtorchester 219.
Dyamit 137, 148. — mechanische

F.

Fähndriche 424.
Fähnlein 424, 427, 431.
Fahrende 219.
Familie 58 ff.
Fastnachtsspiel 247.
Fayencefabrikation 266.
eldmeßkunst 135.
estlied, geistliches 218.
Feuergewehre 422.
Flacianer 156.
Flamboyant, siehe Stile flamboyant.

Flandern 251. — Bauten 269 ff.,
274, 284. 287, 834. — Malerei 279,
292, 298, 800 f. — Musik 209.
Florenz, Musik 225. — Weberei 265.
Fondaco deéei Tedeschi in
Venedig 856, 361.
ormosa 22.
Fouriere 424.
raneker, Universität 151.
Frankenreich 208. F
Frankfurta.Main 8, 64, 8345, 369.
— Handel 362. — Messe 375.
— Postverkehr 451, 456.
Frankfurta.b. Oder, Handel 454.
— Universität 151.
Frankreich 18, 46, 72, 74 ff. —
Handel 360. — Heerwesen 482f.
— Humanismus 188. — staatliche
Entwicklung 3838, 403, 414. -
Vieheinfuhr 459. — im Westfäli—
schen Frieden 363f. — wirtschaft—
liche Entwickelung 487 ff.
Fraustadt, Gymnasium 154.
rechen, Steinzeugfabrikation 266.
Iderias dord⸗ dänisches Schloß
Freiberg (Sachsen), Grabdenkmal
der Wektiner 280.
Freiburg im Breisgau, Uni—
versität 154.
— 304, 317.
reskostil, italienischer 301.
—* e, Pyrenäischer, von 1659 363.
Friede, Westfälischer 75 f., 368 ff.,
373. — seine Wirkungen hinsicht⸗
lich des Absolutismus 397 f., 408.
Friedenssexekutions-Hauptabschied
 vom 26. Juni 1650 865.
Friens 37 f.
Frührenaifssance 280.

Edelsteinschleiferei in den
Niederlanden 48.
Eglentieren (zum wilden Rosenbaum)
 Rhetorikerkammer 252.
Eisenindustrie, steirische 861.
Ekloga oder Gespräch zweier Hirten
von Krieg und Frieden 854
Elsaß, Blüte des Mysteriums 247
Emden 18, 78, 448. — Rathaus 271.
Emmerich, Jesuitenkolleglum 154
Empirismus 127.
England 20, 38, 56, 72, 74 f., 78,
185 f. — Einwirkung auf Deutsch
lands Staatsform 383. — Getreide⸗
ausfuhr dahin 459. — Handel
347, 860, 439, 444f. — Juden 195
Kunst 275, 288. — staatliche
Entwicklung 414. — Staatskredit
454. — Textilindustrie 8350.
Enkhuizen 10, 21, 75, 273.
Epos 231, 241.
Erbfolgekrieg, Spanischer 78.
Erfurt fällt an Mainz 868.
Erkenntnistheorie i28ff.
Erzgebixge, VBauten 869 f.
Spitzenkloͤppelei 266
Etats gTénéeraux 385.
        <pb n="487" />
        Sachregister.

472

Juge 210 f.
unktion (mathematische) 139.
durstinngeeünnng 137, 140.
gAnen⸗ und Landesschulen

Boldküste 18.
Goldschmiede 262, 266.
Goldwahrung 482.
Görlitz 125. — Rathaus 270.
Gotite 268, 268 f. ör in
Nordfrankreich 288.
Grammatik 152.
Graudenz, Gymnasium 154.
Graz, Baukunst 2857
Greifswald, Aniversfität 151.
Griechen 28, 95, 244.
Brimma, Fürstenschule 152.
Vryntn gen 48, 75. — Universität
Groß-Friedrichsburg, Fort 447.
Groteske, nordische 264.
Grundherren, Beeinträchtigung
dyrr Verwaltung durch den Staat
Grundholde 683, 486.
Guayana 24.
Guinea 18.
Gulden, Florentiner 452. — rhei⸗
nische 458.
Gymnasium, humanistisches 66,
150, 158 ff.

G.
Gartenkunst 105f.
Geburtsrecht 62.
Gecommitéerden uit deée
Groenlandsche visserij28
Gedeéputéerdente veld 40.
Gegenreformation 174, 181. —
Tracht zur Zeit derselben 262.
Geheimer Rat 375, 414.
Geigenbaukunst 220.
negwtmen sahasten 146 ff.,
Gelbgießer 262.
Geldern 87.
Gemälde 261.
Generaladmiral 73.
Generäle 427 ff.
Generalisfimi 427, 429.
Generalitätslande 37.
Generalkapitän 785.
Generalstaaten 39,44. — Bund
von 1666 368.
Genrebilder, Genremalerei 823 ff.
Genreplastik, holländische 278.
Gent 16, 292, 302, 314. C Stadt
haus 269.
Genuas.
Geometrie 185, 144, 146.
Gerichtsverfafsung der Fähn—
424, 431. — des Mittelalters
419.
Gesangsmusik 220—
Geschichtswifsenschaft 161f.
Gesellenbrieflein b6.
Gesellschaftslied 2834.
Gefellschaftsvertrag 386.
Geusen 19, 56.
Gewerbe im Mittelalter 261.
Gibraltar 18.
Gießen, Universität 151.
Gilden in den Niederlanden 272.
Glarus 88.
Glasmalerei 3801.
G 9 ube an Autoritäten und Wunder
Gleichungen 187.
Goa 10.
Gobelins, Gobelinweberei 265.

H.
Haag, der 40, 50, 69, 75, 105, 272.
— der Busch 277. — Juͤden 194 f.
.Kunst 8318, 828. — Morißhaus
277. — Rathaus 271.
Haarlem 18, 88, 185, 2785, 314.
— Nalerei 300, 820. — Tulpen—
schwindel 71.
samburg 8, 14 f., 24, 78, 80.
— Handel 360, 444. — Humanismus
 157. — Juden 195. — nach
dem Dreißigsähr. Kriege 868
F Musik 2837. 259. — Poijtverkehr
1.
Handel im 16. Jahrhundert 359.
— im 17. Jahrhundert 458 ff.
Handwerk näch dem Dreißig—
jährigen Kriege 358.
Handwerksverfassung der
Niederlande 77.
Hannover 14, 359. — Beamten—
tum 419.
Hanse 72, 287, 360. — in Ruß⸗
land 360. — wird aus Schweden
verdrängt 359f.
Daresene 5.
arderwijk, Universität 151.
        <pb n="488" />
        174

Hartenfels, Schloß zu Torgau 270.
Zauptleute 424, 4288 f.
aufiererwesen 861, 451.
Zaufteinbauten in den Nieder⸗
landen 276.
Heerwesen 421ff. — altes feudal⸗
ritterliches 430.
Heidelberg 226, 811. - Schloß
—
—A—— 426.
elmstedt, Universität 151, 288.
Butgehn 263.
erford ch W8
Herzogenbu
duj Inp 370. staatliche Ent—
wicklung 406.
dessen-Kassel 365, 370. —
Postwesen 457. — staatliche Ent
wicklung 406.
Heren 87.
erenkrieg 88.
Hexrenwahn 85f.
F ildeshelm, Allianz von 1682 365.
— Dom 288.
dee ronmen 88.
ochgerichte 418 f.
ochdenaifsance 274, 286.
ofgericht 414.
Hofses (Golländische Häuser) 2765.
Hofmusiker 220.
ofrat 374.
of- und Kriegsdienst 63.
Irand «(fiehe Niederlande) 18, 88,
o e 233. —
Architektur 270ff. 284, 834. —
drama 254. — Getreideeinfuhr
Handel 360, 862 8ͤ
Malerei“ 814ff. —. Statthalter—
durde 75. — Texrtilindustrie 359.
— Wappen 72. — Welthandels
beziehungen 18.
— —
olzschnitt 100.
oorn 21.
Sorst, Schloß in Westfalen 287.
umanismus 25f., 29, 36, 45 f.,
ha, 84 89, 148 f. 152, 1556 ff.
Iss f, 170, 184, 240, 244 f. —
deutscher 1866. — italienischer 156.
— Wirkung in den Niederlanden
288 ff. 200
dundertschaft als kleinster Wirt⸗
schaftsstaat 437.
5ymnen 216.

Sachregister.

J.
Idealismus in der Malerei 296.
Identitätsphilofophie 809.
Idyll 106.
Inder der verbotenen Bücher 34.
Indigenat 417.
Indisidualismus 101, 103, 172,
79, i86, i98 306. — des 16. bis
18 Jahrhunderts 176, 188 190.
Induktion 88, off., 122, 141, 148.
Iudustrie nach‚ dem Dreißig⸗
jährigen Kriege 388. — Anfänge
hrer Begünstigung durch den Staat
Mo f. — Ausfuhr 459.
Infinitesimalmethode 140.
Ingolstadt, Universität —158.
Inaͤsbruck, Grabdenkmal Kaiser
Max' I. 280. — Hofkirche 286.
Runst 266, 286. — Postwesen
456 f. Aniversität 154.
Instrumentalisten. 220.
JIustrumentalmusik 218 ff.
Instrumente, musikalische 206,
219, 228.
Integralrechnung —187.
In teßgtien 141.
Inteklektualismus 99, 103,
109 f., 231.
Inventionen 226.
Isny 369.
Jtalien 1184. — Baukunst 282 ff.
Handel 347, 361. — Malerei
293 ff., 333. — Merkantilismus
8 RMusik 219, 221 . 226 f.
Postwesen 456. — Schmiede⸗
vn 267. als Territorialstaat

Fanitscharen 4826.
Fapan 10.
Fava 21.
Jena, Aniversität 151.
Jeperen, siehe Ypern.
Jefuiten 248, 288.
Jefnibenschulen I80, 153ff. 245.
Münchener 153.
Jesuitismus 181.
Joachimsthal, Gymnasium 152.
Juden 194f.
Jasich, Herzogtum 154.
Jurisprudenz 66, 68, 162, 168ff.
Fmische, Kehe Römisches Recht.
        <pb n="489" />
        Sachregister.

478

.

Qöln (Stadt) 8, 64. — Dom 298.
— Eymnafium 154. — Hone
362. — St. Marien im Kapitol
288. — Malerei 298. — Postwesen
1456. — Schiffverkehr 452. — Rat⸗
haus 287. ⸗ Schweifbuch“ 265. —
Stadtorchester 219.
Kolonialpolitikt 42ff.
Koloristen 296.
Kompanie, ostindische 89.
Kompaß 10.
Königsberg i. Pr., Universität 151.
Königsbrück 450.
Koniß, Gymnasium 154.
Konkoördienformel 31.
Konsistor ium 414.
Konfskription 433f.
Kontrapunkt 209f. 218, 216ff.,
221, 234.
Kontraremonstranten Off.
Konvente, geistliche, wählen die
geistlichen Fuͤrsten 405.
Konvikte 67.
Konzerte, geistliche 228.
Konzil von Trient 31f.
Kornbranntwein 357.
Korrespondenzbureaux 8.
Korrespondenzhandel 452.
Krieg, Dreißigjaͤhriger 74 f., 2605f.,
339 jf. — politische Lage nachher
363 ff. — hält die staatliche Ent—
wicklung Deutschlands auf 403f.
— wirtschaftliche Folgen 411. —
Wandlungen im Heerwesen 428.
sKrieg, zweiter niederländisch-eng—
lischer 75.
Krieg, franzöfisch-niederländischer,
von 1672 -1678 76. — — von
1688 1697 78.
Krieg, Siebenjähriger, Einfluß auf
das Münzwesen 453.
Kriegsartikel, Entstehung 431.
Krontaler 453.
Kunst, bildende 103f., 111f.
Künste, magische 87.
Kunstgewerbe 260ff. 334. — goti—
sches 263.
Kunsthandwerk 260ff. — nieder—
ländisches 261.
Kunstmufitk 28, 2085, 207, 211.
— weltliche 212, 214
Kunstweberei 265.
Kupferstiche 100, 261.
Kurland, Handel 444.

Kabbala 119.
amers van Rhétorica 2851f.
Kammer zur Direktion, des
moskowitischen Handels 28.
Kammerzieler 378.
Kannebäcerländchen bei Kob—
lenz 266.
Kanvn (mußsikalisch) 210.
Kantata 221.
Kantoreien 217.
—D —
der Luxemburger 232.
Kap der guken Hoffnung 28.
Kap Tres Puntas 447.
Kap Verde 18.
ea suaben 220.
apitel, geistliche, wählen die geist—
lichen Fürsten Vdee s
Kärnten, Baukunst 286.
Kartusche 265, 275.
Kafsenbillette 44.
Kastraten 220.
Kalechismus, Heidelberger 53.
Katholizismus 2off., 45, 167.
188, 243, 271.
Kaufalitätsbewußt,ein 180.
Kausalitätstrieb 140.
Keramik 264, 266.
Kipper und Wipper 433.
Kirche, ihr Interesse am Humanis⸗
mus 149.
Kirchenbauten Flanderns, 270
Ader Niederlande über—
haupt 278.
Kirchenlied 234.
Kirchenmusik 230. — vprotestan⸗
tische 227.
Kirchenrat 414.
Klavier 225.
Kleinarchitektur 261.
Klerikalseminare, 158.
Klerus als Schöpfer der
Schwankliteratur 237.
Keleve, Postverkehr 468. — Schöffen⸗
gerichte 419.
Knorpelwerk 265.
Koblenz 266. — Gymnasium 154
Kollegralgexichte 419.
Köllegium für den Levante—
handel 28. — iesmitiaes 150.
eüsn (Kurfurstentum) 856, 869. —
abjolutiftische Regungen 408.
        <pb n="490" />
        176

Sachregister.

Luthertum 209ff. 45, 182, 184.
8yrik 2831. — höfische 231.

*

Landesaufgebot 480, 484.
Landesschulordnungen 1851.
Landfchaftsmalerei 104, 825 ff.
834 310. — vlämische
Landshut GBayern), Schloß der
Herzöge von Bayern 285.
vond nochte 422 ff. — spanische
Landstädte, Wachstum ihrer Be⸗—
deutung 488. — wirtschaftliche
Entwickelung 450.
Landwehr, alte 480.
Landwirtschaft 459.
Laubtaler 4858.
Lausitz, Bauten 270.
Laute 225.
Leer 18.
Leeuwarden 50.
Lehns wesen, spätere Entwickelung
in Preußen und Mecklenburg 488
Lehrgedicht 106.
Leichenpredigten 100.
Leiden is, 18, 38, 77, 2785, 288.
— Philologen 254. — Stadthaus
269, 375. - Universität 151, 158,
160, 202.
Leinenwaren, Ausfuhr 459.
Seipzig 8, 65. — Banco dei depositi
 455. — Handel 362, 451,
454. — Handelstaler 458. —
g ndlorchener 219. — AUniversitä!
Levantehandel 18.
Libertiner 47.
Lied, geistliches 216.
Liedermeister 219.
Liegnitz, Schloß 288.
Liga 178, 366.
Zinearperspektive 290.
Linschoten 10.
diteratur, deutsche, nach der Re
formation 233.
Lochheimer Liederbuch 214.
Logik 144ff.
London, Vörse 454.
Lübeck 8, 24, 64. — Friede von
1570 360.
Dunburs. Kreisstag von 1652
Luftperfpektive 293, 295, 326 f.

Madrid, Postverkehr 456.
areeeee 214 ff., 218, 225.
Rlagdeburg fällt an Brandenburg
368. — Mittelschnle 151.
Magie 87, 117.
Malland, Postverkehr 46.
Htainz 64, 368. — Gymnasitum 154.
— Marktbrunnen 261. — Post⸗
verkehr 451f.
Malakka 21, 24.
Malefizgerichte 424.
te d i, Ais, 280ff. 288ff.
— holländische 278, 314 ff. —
italienische 293 ff. — niederlän⸗
dische 292f. 295, 297 ff. — nieder⸗
rheinische 298. — vlämische 279,
292, 298, 300 ff.
Mantua, Baukunst 285.
Nagburs in Hessen, Universität
Marignano 426.
Marionetten 253.
HRärkgenofsseuschaften 68.
Marktmonopol 450.
Hathematik 64, 92, 117, 182 ff.,
iso 186.
Maureskenstaaten 7.
Mauritius 20.
Mauten 450.
Mechanike64, 92, 127, 187, 148,
147, 162f.
Deowel 280, 288.
edlenburg, Kunst 280, 288. —
Sehnswesen 435. — Schulordnungen
151. staatliche Entwicklung 406.
Medizin 120.
Meilenrecht 450.
Meißen, Fürstenschule 152.
Maisterfang 231, 251.
Melk, Abtei 2865.
Memel, Postverkehr 458.
Hensuralgesang, Mensural-—
musitk 210 ff., 21.
Merkantilismus 437 ff. 4A2 f.,
449, 455.
Merseburg 372.
Messen 4854f.
Fictaphvfit 119, 125, 148, 147,
I88 f. -Descartes' 188. — der
Kirchenväter 165.

M.
        <pb n="491" />
        Sachregister.

477

Mind elburg 17, 254. — Athenäum
Miles perpotuus 430, 434.
HRilitärgefetzgebung, ihre An—
fänge 481.
Miliz 434.
HRinden in Westfalen 368.
Rittelschulen 151.
Molukken 21.
Htoömpelgard 286.
Hionarchomachen 174f.
Honodie 206, 208, 218, 218, 222,
225.
Mörs 419.
Mortlake (Surrey), Weberei 265.
Mosaik 267.
Moskau 18.
Motette 218, 228.
Mühlenindustrie in den Nieder—
landen 43.
München 286. — Baukunst 287.
gJesuitenkolleg 183. —, Kunft
2807. Michaelskirche 288, 286
Musik 227. — Weberei 265.
Münster in Westfalen 368.
Rünzwesen 876, 452 f.
Murano 292.
t ufit 108, 111, 118 f.. 205 ff. 211.
— im Gymnasium 152.
Muskatblumen 22.
Muskatnüffse 22.
hfterium 246. — dramatisches
228 f. — kirchliches 244.
Myystik 35, 116fff. 198, 196, 202 ff
Mythologie 82.

146. — pandynamistische 132. —
realistische 133f.
Naturwissenschaftliche Gesell—
schaften 66.
Naumburg a. S., Handel 454.
Navigationsakte« 74, 76.
Neapel, Postverkehr 457.
steu⸗Amsterdam 24.
eu⸗Niederland 23f.
seuptatonismus 89, 117 ff. 181.
Neuseeland 20.
Neutralisten 47.
New York 24.
Riederlande( . Holland) 13, 15ff.,
33, 36 ff., 68 ff. 94, 104 ff., 121,
127, 185 ff. 182. — Architektur
—V—
SFrama 250 ff. — Einwirkung
auf Deutschlands Staatsform 8384.
DgFlotte 40. — geistige Entwick⸗
lung 157 ff. — Handwerksverfassung
77. ⸗ Heer 40. — Kolonialpolitik
442. Ranst 268, 280 ff, 8333ff. —
Literatur 250 ff. — Malerei 292 f.,
295 ff. — Musik 209, 211. —
Mystik 193. — Philologie 161.
Postwesen 456. — Sprache 282f.
Staatskredit 454. — Zolle 40.
Niedersachsen 13.
Nieuwpoort 55.
Nominalismus 122.
Nordpolfahrten 18.
Norwegen, Kunst 267.
Notarii publici 375.
Rürnberg 8, 64, 369. — Bauten
269. — Fan humiel⸗ 247f. —
Gymnasium 151. — Handel 861.
— Kunst 263, 266 f. 280, 286.
— Postverkehr 451, 456. — Rat—
haus 286. — Hans Sachs 240.
Nürnberger Werk“ 361.
Nymwegen, —* von 76.

N.

Nancy 426.
Nantes, Edikt 77.
Natal 22.
Ratsonalbewußtsein 156.
Rationalökonomie 162.
Naturalismus 208.
Raturanfchauung, pandyna⸗
mistische 137.
Natarforschung, naturalistische
Naturphilosophie 8 ff. 123.
— theosophische 125.
Rg perecht 1354 f. 177, 179, 186,
Naturwisfenschaft 64, 119 ff.,
144. 146. 186. 202 f. — induktive

Olrant en, Architektur 269, 282,
284.
Obersachsen, Architektur 269, 282,
284, 334.
Obersten 427, 481.
Offenbarung, christliche 121.
Offenbarungsglaube s84, 89, 85,
——
177 ff. 186, 191, 203.

O.
        <pb n="492" />
        478
Ossbarunusstvaditivn 115,
Okkasionisten 193.
Oldenburg, Grafschaft 859.
Hliva, Friede von 1660 444.
lmalexrei 100, 316.
Iis Schloß 8o.
Dosterscher Handel 28.
Oper 226, 221.
Oppenheim 34.
Dratorium 223f., 228.
Orchester 118. — fürstliche 219.
Ordinarizeitung 98.
Orgel 221.
Orloogsflotte 17, 20.
Ornamente 268.
snabrück nach demDreißigjährigen
Kriege 8368.
Istende, 53, 105.
8fterreich, Beamtentum 417. —
Handel 449 f., 454. — Heerwesen
182f. — Kunst 286. — Münz—
wesen 458. — Postwesen 456. —
staatliche Entwicklung 404 f., 407.
Steuerwesen 4125 — Türken⸗
kriege 364, 371.
Ostfranken, Bauten 269.
Oftfriesland 18, 448.
Ostindien 53.
Ofstindische Handelskompanie
I19, 21, 444 s. - Seidenhandel 448.
Oudewater, Stadthaus 275.
Overijssel 37, 75.
Dze an, Atlantifcher 28

Sachregister.

sIgtitte — dem Dreißigiah
Pfalz nach dem Dreißigjährigen
Kriege 371. — Schulordnuugen 152.
Pfeifer 219.
vhilologie 156. — klassische 150.
in Frankreich 168. — in den
Niederlanden 161, 200.
Bhilofophie 182. — des 16. Jahr⸗
hunderts i42, 144. — des indivi⸗
dualistischen Zeitalters 188f. —
als Lehrfach 152.
nt 64, 892, 101, 148, 147.
Physiologie 92.
retis mußs 209, 285.
Jillau 48.
Rinken 38.
laftit 112f. 260, 278 ff. — nieder⸗
ländische 278 ff. — schwäbische 281.
Platonismus 118.
Plattenschmiede 266.
Zolyhistorie 94.
Zommern, Schulordnungen 151.
Pompeji 263.
Porträtmalerei 100. — hollän—
dische 317 f.
Portugal 19, 21.
Posen, Gymnasium 154.
Fofse 244, 247 ff., 258.
Host, reitende 456. — Taxissche 5.
wö f
Postregal 456, 458.
Postverkehr 85, 451, 455 ff.
Postwefen 5, 45 ff.
Prädestinationslehre 55.
onne dsium srusticum von 1588
Prag, Belvedere im Schloßgarten283.
Postverkehr 4681, 456. — Stand⸗
bild Rudolfs II. 280. — Univer⸗
sität 154.
Pragmatismus, 164, 168.
Zreußen (fiehe Brandenburg), Be—
amtentum 41i5 ff. — Handel 454.
Heerwesen 132 f. — Merkan⸗
tilismus 449. — Münzwesen 452.
—Schöffenkollegium 419. — staat⸗
liche Entwicklung 404 f. — Staats⸗
lehen 485. — Steuerwesen 412.
Profanbarock, vlämisches 272.
Profosse 424.
Frotestantismus, 31f., 128, 167.
— in Frankreich 186.
Psalmodieren 208.

BV.

Padua8.
Pädagogik 162.
Paletkten 289.
Palladiesker Stil No.
bandynamismus 30, 38, 86, 88,
— 5———
146, 166, 184, 189, 192, 194.
203, 207.
PanentheistischeTheologie128f.
Paupsychissmus 134.
Pantheismus 385, 119, 184. —
bei Spinoza 196f., 202.
Papsttum 31, 170.
Parabel 237.
Paris, Börse 454. — Postwesen
456. — Weberei 265.
Patrimonialgerichtsherren 420.
Peru 23.
        <pb n="493" />
        Sachregister.

479

Pfychologie 92107. 462 ff.
Stolemaisches Weltsyst em 129
Punto d'Araya 28.
Junto del Rey 23.
Pythagoräer 207.

Reichssstagsabschied, jüngster, von
1654 408.
Reislauf 426.
Relaisstationen 456.
Reliefs 278.
Religion im Gymnasium 152. —
natuͤrliche 186.
Remonstranten 850ff.
Renaifsance 108, 161, 216. — der
Architektur 46, 264, 268 ff. 283,
287, 334. — der bildenden Künste
149, 258 ff. 268 ff. — des Griechen⸗
tums 150. — der Malerei 261,
291, 299, 332 ff. — holländische
274. — italienische 273, 276 f.,
286, 317. — obersüchsische 284. —
Einwirkung auf die Musik 214, 226.
Rengaiffancedichtung 250, 260.
in den Niederlanden 255.
Renaissanceliteratur 46.
Rentkammer 414.
Reuß jüngerer Linie, Fürsten—
tum, Stände 409.
Rezitativ 1183, 219, 225.
Rhetorik 152.
Rijswijk 50.
Ringelrennen 226.
Rinkeln, Universität 151.
Ritterepen 2365.
Ritterromane 231.
Rokoko 290. — im Dienste der
Monarchie 485.
Rollwerk 265.
Rom 8. — Oollegium germanicum
153. — Weberei 265.
Romane 2835 f., 246. — französische
235. — spanische 236.
Romanischer Stil 282.
Römer 95, 244, 267.
Römerspuren, Suche darnach 158
Riwes Recht 149, 171, 176,
Rosenborg, dänisches Schloß 275.
Rosenkreuzergesellschaft 121.
Rostock, Universitaͤt 151.
Roktterdam 21. — Athenäum 151.
— Denkmal des Erasmus 278.
g⸗vandelsviertel 273. — Juden

O.
Quartett 214.

R.

Raad van State 389.
Radierungen 316.
Raeren, Steinzeugfabrikation 266.
Rathäuser Binnendeutschlands 284.
— Flanderns 270, 275.
Ratibnalismus 26,99, 102, 114,
1883, 192, 194, 197, 200, 202ff. 231.
Raum, Unterfsuchungen über den
Begriff 144 f.
Realismus 122, 182.
Rederijker 99, 108, 110, 251 ff.,
257 f. 860.
Refereinen 251.
Reformation 4. 20ff. 89, 102,
186 167, 172, 183, 191, 216, 288f.
239., 241, 340. — Einwirkung aus
den Humanismus 156, 2456. —
Einwirkung auf die Musik 214
—yhält die staatliche Entwickelung
Deutschlands auf 408f.
Reformierte Kirche 182f.
Regeldetri 186.
Regensburg 8, 241.
Regentenstücke 823f.
Regimenter 427, 431f
Rechsdefensionalverfassung
von 1681 379.
Reichsfinanzen seit Maximilian J.
376f.
Reichsgeneräle 874.
Reichsheer 378f.
Reichßkammergericht 314, 378.
Reichskanzlei 374.
ReichskriegsverfaffungNeu—
ordung im Jahre 1681 432.
Reichsmünzordnungen 452f.
Reichspost 5.
Reichsritterjchaft nach dem
Dreißigjührigen Kriege 367.
Reichsschahmeister 374.
Reichsstädle, Kunst 286. — treten
gegen die Landstädte zurück 438.
Reichstag 373, 375, 377.

Sacco di Roma31.
Sachsen GKurfürstentum), Architek—
tur 269, 282, 284 f. — Handel 450,

S.
        <pb n="494" />
        80

Sachregister.

455. — Heerwesen unter Johann
Georg III. 438. — nach dem
Dreißigjährigen Kriege 372. —
Munzwesen 41638 — Aufsfchwung
der Philologie 157. — Postwesen
457. - Schnlen 151. — staatliche
Entwickelung 404, 406 f., 415.
* —— Friede von 1679
Salzburg, Baukunst 286.
Sankt Thomas, Insel 447.
Satire 231, 288, 248.
Schäfergeschichten 286.
Schäferromane 166.
Schaufpiel 284, 247, 338.
Sngevieler 246 f. — englische
Schauspielkunst, englische 250.
Schausterrungen 226.
idene te 286.
Schießgenossenschaften 428.
Schildbürger 238.
,— Gymnasien 154. —
unst 280, 2886, 3288
Schleswig (tadt) 280.
Schleswig-Holstein, Schulord—
nungen 151.
Schmalkaldischer Bund 366.
Schmiedekunst 264, 266.
Schöffen 42.
Schöfsengerichte 419.
Schöffenkollegien des Mittel—
alters 419.
Scholaren 67.
Scholastik 183, 187, 170, 181, 281.
Schout 42.
Shreiner, Schreinerei siehe
Tischler, Tischlerei.
Schuldrama, deutsches 2416. —
lateinisches 244, 246, 250.
Schulhoheit, des Staates 65.
Schulkomödie 153, 245.
Schulpforta 152.
8 esen des 16. Jahrhunderts
—An 440.
Schuhßzolltarif, französischer von
1664 76.
Schwank 233, 236 ff., 248 f., 251,
258, 383. — biblischer 241.
Schweden 14, 8359, 868. — Ab⸗
solutismus 886. — Heer 427. —
ne d — im Westfälischen

Schweifbuch, Kölner 265.
Schweiz, Dichtkunst 246.— Söldner⸗
wesen 423, 426.
Schwurgenossenschaften, kriege—
rische 424.
Seccorezitativ 226.
Seeland 38, 41.
Sygdenhander mit Ostindien
Seildrehereien 273.
Selbstbiographien 100.
Senegal B.
Sequenz 208, 210, 212, 216.
S — burg, Steinzeugfabrikation
Silberschmiede 262, 266.
Silberwährung 42.
Simmern,Kirche 281.
Simpliciffimus Grimmels-—
haufens 350, 356.
Situgspiel, weltliches 224.
Sinnekens 108, 240.
innuspiel 251.
Sinnsprüche 251.
Zituationskomit 254.
S?andinavien, Kunst 288.
oldner 422 ff.
Sonata 221.
Spanien 18f., 23, 58, 446. —
Absolutismus 886. — Einwirkung
auf Dentschlands Staatsform 883.
Handel 8360, 448. — Heer 426.
Spansscher Erbfolgekrieg 308.
Speier 64. — Gymnasium 154.
Zpießruten laufen 424.
3pital in Kärnten 286.
Spitzbergen, 20.
Spißenfabrikation, 266.
S3pißenklöppelei 266.
Staatenbibel 232.
Staatsrat im Fürstentum Stablo⸗
Malmedy 419.
SnelaMarmedv Fürstentum
S Fyivaumein er, niederländische
dädte, Beeinträchtigung ihrer
Selbstverwaltung 4207f. — Be⸗
völkerung 3855. — wirtschaftliche
Lage nach dem Dreißigjährigen
Kriege 3583 f., 868, 480. — Rats⸗
gerichtsbarkeit 421.
Stadtmusiken 219.
Stadtorchester 219.
        <pb n="495" />
        Sachregister.

481

Stadtpfeifereien 219.
Stapelrecht 450.
Statik 137, 148.
——— e4 von Holland
5.
Stavoren 37.
Slteinzeugfabrikation, 266.
Stenern Jdach dem Dreißigjährigen
Kriege 410ff. — des Bauernstandes
393.
Stise flamboyant 270. —
fIeuri 270.
Stilllebenmalerei 324.
Stoa, Stoizismus 184f., 200.
Strafrechtspflege 419.
Straßburg 8, 38, 236, 369. —
Gymnasium 151. — Handel 362
Postverkehr 451. — altes Rat
haus 286. — Universität 151, 157
Straßenwesen 458.
Straßenzwang 450.
Stuttgart, Lüsthaus 268. —
Neuer Bau 268. — Pädagogium
152. — Stiftskirche 281.
Subjektivismus 199f, 222. —
in den Niederlanden 259.
Süddeutschland, Kunst 286.
Südtirol, Kunst 286.
Surinam 28f.
Symbolik, algebraische 139.
Symphonie 219, 222, 228.

Timmerman (Citel der nieder—
ländischen Stadtbaumeister) 273.
Tischler, Tischlerei 262, 264,
267.
Toleranz 32, 56.
Tongerlo, Abtei 261.
Tonwerkzeuge, musikalische 219.
Inrgen 227. — Schloß Hartenfels
Transportwefsen 455.
Tridentiner Konzil 181. — Be—
schluß betr. Klerikalseminare 153.
Trrent, Postverkehr 457.
Trier, Gymnasium 154.
Tripolis 18.
Trompeter 219.
Tübingen, Grabdenkmäler in der
Stiftsktirche 281. — Universität
Bu a7.
Tulpenschwindel, Haarlemer 71.
Türkenkriege 364, 432.
Turniere 286.
1.

Ulm 64.
Umstand (beim Gericht) 424, 431.
Ungarn, Post 456.
Unson 866.
Universalstaat und Universal—
kirche nach mittelalterlicher An—
schauung 169f.
niversitäten 65, 67, 140 ff. —
jesuitische 150, 153. — niederlän—
dische 194.
Anterricht, humanistischer 152.
Utrecht 37, 41, 40 f., 73. — Malerei
300. — früheres Rathaus 275.
— Universität 151.

uü

T.

Tabak 357.
Taktfystem, musikalisches 210.
Tanzreihen 222.
Technik nach dem Dreißigjährigen
Kriege 411.
Teleologie 97.
Tenoristen 220.
Teftament, Altes W, 182, 246.
— in der Schule 152.
Testament, Neues 29,485, 115. 167,
182, 246. in der Schule 152.
Textilindustrie 358.
Theater 107, 247.
Theismus 184, 202.
Theologie 66, 162, 168ff. —
etiste 123.
Theosophische Naturphilo—
sophie 125.
d eere 108.
Thüringen, Bauten 270.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VI.

V.
Valenciennes, Weberei 265.
Vandiemensland 20.
Variation (als Orgelkunstform)221.
Vedute 106.
Veere auf Walcheren 17, 158. —
Stadthaus 275.
Venedig 8, 71. — Fondaco dei
Tedeschi 356. — Kunst 276, 292.
295, 301. — Postwesen 457.
Verden 14, 359, 365.
Versailles, Friede von 79.
Versicherungsgesellschaften auf
gegenseitiges Lob 259.
Vlerschaar 282.
*1
        <pb n="496" />
        482

Villingen 456.
Vincenza, Architektur 276.
Viola 225.
òö 53, 282. 251. — Plastik
Vliesritter 2738.
Vlifsingen 158. — Rathaus 271,
275.
Völkerrecht 179.
Volksbücher 235.
— I3 418.
Volkskied, Volksmusik 205, 207,
210 2ö, Sis, 31284
Volkswirtschaft nach dem Dreißig
jährigen Kriege 411.
Vorpommern 359.
Vroedschappen 42ff., 49 ff.

W.
Waardgelders 40.
Wachsbossierung 100.
Waffenindustrie 861.
Waffenschmiede 266.
Walcheren 78, 158.
Wassergeusen 17.
Weberei 265.
Wehrpflicht, allgemeine 430, 433f.
Weibel 424.
Weihnachtsbaum 35.
Weißenfels 372.
Weißes Meer 18.
Welfen nach dem Dreißigiährigen
Kriege 371f.
Welfiuͤsche Länder (s. a, Braun—
schweig und Hannover), Beamten—
tum 418.
Welthandel 340, 346.
Weltfsystem, ptolemäisches 129.
Westfsalen, Baukunst 287.
Gymnasien 154.
Wettin lbertinische Linie) nach
dem Dreißigjährigen Kriege 371.

Sachregister.

Wiedertäufertum 128, 125, 184.
Wien 8, 130. — Altar des hailign
Ildefons 306. — Baukunst 2865.
Musik 227. — Postwesen 456.
— Universität 154.
Wismar 359. — Schloß 285, 288.
Wilttelsbach nach dem Dreißig—
jährigen Kriege 371.
Wiuttenberg 8. — Universität 150f.
Wochenzeitung, Straßburger 8
Wolfenbüttel 868.
Worms 64.
Wunderglaube 83ff., 116, 163f.
180.
Württemberg, Klosterschulen 152.
— nach dem Dreißigjährigen Kriege
370. — Postwesen 457. — Re⸗
naissancebauten 268. — Schul⸗
ordnungen 151. — staatliche Ent—
wickeluug 406, 409, 416.
Wüstungen 352.

V.
Ypern 16. — Weberei 265.

3.

Zaandam 18.
Fahl Gegriff) 145.
Fahlenmystik, pythagoräische 119.
seitanschauung 145.
eitungen bff.
eitz 372.
jell am Harmersbach 369.
ettelbanken 454.
zinngießer 262.
Zoltgesetzgebung seit Maxi—
milian I. 376.
33pfthauser in den Niederlanden
Zunftverfafsung 43, 261.
Zunftwesen als Grundlage der
Bürgerwehr 423.

Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel &amp;amp; Co, in Altenburg.
        <pb n="497" />
        Verlag von Hermann Henyfelder in Sreiburg im Breisgau.

Die
historische Ideenlehre

in

Deutschland.

Ein Beitrag

zur
Geschichte der Geisteswissenschaften, vornehmlich
der Geschichtswissenschaft
und ihrer Methoden
im 18. und 19. Jahrhundert.

Von

Dr. J. Goldfriedrich.

1902. XXII und 544 Seiten 80. 8 Mark.

—«SG G G ee» e — — O-—

Inhalt. 9—

Erlles Kapitel.
Einleitung.
Wissenschaft, Philosophie und VI.
Metaphysik. —
VII.
MVI. Plato. IA
ILII. Das Christentum. 3
IV. Leibniz. *
V. Vico.

Französische und englische Ge—
schichtschreibung des 18. Jahrh.
Wegelin.
Winckelmann.
Deutsche Kulturgeschicht⸗
schreibung und Geschichts—
philosophie.
        <pb n="498" />
        Bweiles Rapitel.
Die Begründung der historischen Ideenlehre.
J. Einleitung. V. Hegel.
II. Kant. VIJ. W. v. Humboldt.
III. Schelling. VII. Zusammenfassung.
IV. Fichte.

Drittes Rapitlel.
Die geschichtsmetaplystischen Epigonen.
Der Begriff der Idee. VIII. Die Auffindung der Ideen.
Die Universalidee. —. Steigender Einfluß der
Die Kultur. Ideen. Gesetz der historischen
Bestimmte Einzelideen. Relationen. Zeitgeist.
Die Idee in allgemeiner Ver⸗ Der geschichttche Maßstab.
wendung. Der Ideenwechsel.
VI. Die Idee in psychologische. Die Eminenz.
Bedeutung. Die Ideenkraft.
VII. Der Ursprung der Ideen. . Zusammensassung.

Vierkes Rapilel.
Tohæe.
Die Idee in der deskriptiven II. Lotzes Ideenlehre.
Kulturgeschichtschreibung.

J.

Fünftes Rapilel.
Tazarus und SBteintlhal.
J. Die Völkerpsychologie. III. Steinthal.
II. Lazarus. IV. J. B. Meyer.

Sechstes Rapitel.
Die Parwinistische Soziologie und Rulturgeschichtschweibung
und die ökonvmische Geschichtsauffalssung.
J. Einleitung. IV. Gumplowicz.
II. Lilienfeld. V. Die ökonomische Geschichts—
III. Schäffle. auffassung.

Siebentes Rapitel.
Die historische Adee in der Togik.
J. Die ältere Logik. III. Siawart.
II. Wundt.

Achtes Rapitel.
Jortigang der Rullurgeschichtschreibung und Bvzivlogie.
J. Tönnies. IV. Simmel.
II. Lippert. V. Ratzenhofer.
III. Grupp.
        <pb n="499" />
        Neunltes Rapilel.
Die Idre in der allgemeinen Geschichtschreibung.
J. Die ältere Historik. III. Der geschichtswissenschaftliche
II. Die neuere Historik. Streit: Karl e —
Behntes Rapitel.
Die jüngste Zeit.
J. Einleitung. IV.
II. Kautsky und Belfort-Bax. V.
III. Barth. VI.

Elftes Rapitel.
—A
VII.

J.
II.

IVI
IV.

V.

VI.

Die metaphysische Ideenlehre.
der Begriff der Idee und
seine methodologische, meta⸗
ohysische und psychologische
Verwendung.
Die Idee methodologisch.
Die Idee als psychische Ge—
samtrichtung.
Die Idee als psychischer
Einzelfaktor.
Ursprung und Entwicklungs⸗
prinzip der Ideen.

VIII.
1X.

V.

Das Verhältnis der Ideen
zum übrigen Kulturinhalt und
ihre geschichtliche Wirkung.
Masse und Eminenz.
Das Leben der Ideen und
ihr Verhältnis zueinander.
Rückblick auf die Geschichte
der historischen Ideenlehre
und ihre Auflösung in diszi—
plinarer Hinsicht.

Besprechungen.
Titerarisches Centralblatt 1908, Pr. 18.
Im vorliegenden Werke unternimmt es ein Philosoph, im Zusammen⸗
hange die historische Ideenlehre zu behandeln. Indem er (unberührt von
ben schroffen Gegensätzen der verschiedenen gegenwärtig einander befehdenden
Schulen) mit dem Ruͤstzeug eines in eigner philosophischer Denkarbeit ge—
schliffenen Begriffsapparats an sein Problem herantritt (es ist im letzten
Grunde eine kritische Erörterung der geschichtswissenschaftlichen Methode),
erhebt sich die Darstellung aus dem leidenschaftlichen Streite der Meinungen
heraus auf die Höhe ruhiger, sachlicher Diskussion ...
Der philosoͤphische Ausgangspunkt seiner Untersuchungen verleiht ihnen
das Gepräge selbständiger Eigenart.
Deutsche Titeraturzeitung 1904, Er. 1.
Der Verfasfer beherrscht den Stoff mit Uumfassender, tiefdrin gen—
der Kenntnis und analysiert die vielverschlungenen Elemente der Ideen—
lehre höchst lehrreich, charakterisiert sie überall in ihrer theoretischen wie
praktischen Bebeutung und verfolgt den Widerstreit zwischen den meta—
physischen und empirischen Gedankenreihen von System zu System mit
scharfer Kritik.
        <pb n="500" />
        Hvchschul· Nachrichten t904, Seite 114.
Das mit vieler Begriffsschärfe durchgeführte Buch gestaltet sich zu
einer umfassenden Geschichte der neueren Gefchichtsphilosophie, die sich keines⸗
wegs pedantisch auf, Deutschland beschränkt und nicht wenig Objektivität
dadurch beweist, daß kein neuerer zusammenfassender Autor, der sich mit
eigner Stellungnahme in Grundfragen der Historik vorgewagt oder sich
inst den vorhandenen Aufstellungen auseinandergefetzt hat, unberücksichtigt
bleibt. Wer irgend mit Geschichtsphilosophie oder geschichtlicher Methodik
auch nur flüchtige Berührung hat, dem wird Goldfriedrichs forg—
fältiges Werk unentbehrlich sein.
Mitteilungen aus der historischen Literatur 1908. Srite 129.
Die tüchtige Arbeit verdient die beste Empfehlung ...
Recht demkenswert erscheinen die den einzelnen Abschnitten zuletzt stets
beigegebenen Zusammenfassungen.

Neue freie Presse, Wien. 1902, 7. Dezember.
Ein inhaltsreiches, auf eingehenden Quellen beruhendes
Werk, welches für den Philosophen und, für den Historiker und Soziologen
don gleichem Interesse ist. Das Thema ist ein aktuelles, sowohl wegen der
Beziehung, die es zu den Streitfragen der modernen Historik aufweift, als
auch infolge des Umstandes, daß der Idealismus als philosophische Welt⸗
anschauung wieder Position zu faffen begonnen hat. Es führt uns die
mannigfachen Gestaltungen des Begriffs Idee“ in seiner geschichtsphilo⸗
sophischen Verwendung durch eine große Zahl von Forschern vor. Doch
bamit begnügt es sich nicht, sondern es gibt einen hisstorischen Exkurs über
die allgemeinsten Probleme der Geschichtsphilosophie überhaupt.
vwahresberichte über das höhere Schulwesen 19083, X, Seite 48.
Goldfriedrichs Buch ist eine Fundgrube des Wissens, eine Quelle
der Anregung, auf lange hinaus ein Ursprungsland unzähliger
Zi tat e.
Padagogische Monatslhefte, VIII. Jahrgang, Beft 12.
Goldfriedrich bereichert die Literatur um einen Juwel deutschen
Den kens: in seiner ehernen, unumstößlichen Konstruktion, seiner konsequenten
Syftematik und konzisen Ausdrucksweise bildet das Werk einen erfreulichen
Tunus des Standes unserer Wissenschaft.

Teipriger Zeitung (Wissenschaftl. Beilage). 1908, 26. Jebruar.
Das Werk bedeutet einen rechten Wegweiser auf labyrinthischem
Boden, wohl für jeden, der es liest, einen Zuwachs von Klarheit und
mfang seines geschichtsphilosophischen Wissens.
Tagliche Rundschau (Unkerhaltungsbeilage). 1902, 30. DPezember.
Goldfriedrich bietet mit seinem gelehrten Werk eine gediegene
Leistung dar ... Die gehaltvolle Arbeit bedeutet ein Programm von
ausgeprägter Eigenart: ein handliches Buch von einer wohltuenden Ge⸗
schlossenheit, in einer Darstellung von klassischer Vornehmheit....
Beson dere Anerkennung derdient die nahezu über den Parteien stehende
uhige Ausgeglichenheit und maßvolle Sachlichkeit.

— — — — — — —— — ——— ————
Piererische Hofbuchbdruckerei Stephan Geihel * Co in Altenburg.
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        X

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Die darstellenden und die bildenden Künste. 321

inges und frischesten Lebens leibend und lebend ent—
itritt.
Welch ein Gegensatz dieser Bilder zu der Mahlzeit der
erdamer Sankt-Jorisschützen vom Jahre 1648, dem Meister⸗
'e des Bartholomeus van der Helst! Dort viel Gemein—
hl, lustige Derbheit und die Wohligkeit der allerjovialsten
ae, hier gemessene Haltung und eine etwas trockene Vor⸗
nheit des Pinsels, die vor allem dem Einzelbildnis zum
te verhilft.
Mit der steigend patrizischen und darum immer vor—
neren Haltung der Schützengesellschaften war es den Dar—
llten anscheinend bald nicht mehr fein genug, sich beim
gen Mahle schildern zu lassen; das Holland der Mitte des
Jahrhunderts wünschte neue Vorwürfe, die sich mit den
derten Gesellschaftsbegriffen vertrugen. So hat schon Jan
Ravesteyn in seinen Doelenstücken aus den Jahren 1616
1618 die Haager Schützenoffiziere gemalt, wie sie nach
lichem Brauche vom Rate mit einem Becher Ehrenweins
iangen werden; die Residenz ging mit der feineren Auf—
ing voran.
Im Verlaufe der auf diese Weise freigewordenen Bahn
ann das berühmteste Doelenstück überhaupt entstanden, die
mannte Nachtwache Rembrandts, der Auszug der Amster⸗
er Schützenkompanie des Hauptmanns Frans Banning Cock.
echschreitet man im Amsterdamer Reichsmuseum den Ein—
g des ersten Stockwerks, so erhält man von dem in einen
il auslaufenden Hintergrunde her einen magischen Eindruck,
unwiderstehlich anzieht. Es ist das aus dem Rahmen der
Ahtwache heraus brennende Fackellicht. Tritt man dem
en Bilde näher, so sieht man in lebhafter Bewegung eine
nge Fußvolks aus einem Portale hervorquellen und eine
ife hinabschreiten zur Ordnung und Sammlung: Schützen,
mpeter, Fahnenträger, in der Mitte der Hauptmann, dem
tnant Befehle erteilend. Es ist ein durchaus dramatischer
Scgang, der aus dem Persönlichen heraus ins Typische ge—
en ist durch das alles verklärende, gruppierende, Wichtiges
JSamvrecht. Deutsche Geschichte. VI. n
—

2
*8
        <pb n="504" />
        <pb n="505" />
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