Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel. Kulturen, wie sie so aus sehr verschiedenen Anlässen, wenn auch auf Grund vornehmlich nur weniger großer und tiefliegender Ursachen eintrat, war nun zunächst eine allgemeine Erscheinung für die Nationen der abendländischen Welt überhaupt: sie alle haben mehr oder weniger eine Renaissance gehabt; und sie alle haben Elemente ihrer besonderen Kultur mitlebenden Ge— nossinnen übermittelt. So hat die französische Literatur der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wohl die deutsche beein— flußt; aber sie selbst stand wieder unter den Einwirkungen des italienischen Marinismus und insbesondere auch der italienischen Dramatik, wie die von ihr beeinflußte deutsche Dichtung wiederum für die skandinavischen Völker Bedeutung gewann. Allein im ganzen — und das ist der für die deutsche Geschichte dieser Zeit wie noch teilweise der Gegenwart entscheidende Zug — ist Deutschland bei weitem mehr befruchtet worden, als es befruchtet hat; es weist in der internationalen Bewegung dieser Jahrhunderte die Eigenschaften mehr eines empfangenden als eines schöpferischen Organismus auf, und seine tiefere Entwicklung ergeht sich daher in Erscheinungen, die oft genug vom geraden Wege abführen und mithin einen zunächst sehr oerzwickten, ja bisweilen geradezu verworrenen Eindruck hinter— lassen. Die Tatsache dieser passiven Haltung war schon um die Wende des 16. Jahrhunderts bekannt genug; es ist die Zeit, da zeitgenössische Stimmen zusehends von einer „neuen Welt“ der Gegenwart als einer fremden zu sprechen begimmen. Und ODlorinius deutet das Wort anfangs des 17. Jahrhunderts in der Vorrede zu seiner Ethographia mundi oder Be— schreibung der heutigen neuen Welt in folgenden Sätzen: „Wann heutiges Tages alte betagte Leute zusammmen kommen und von allerley Weltsachen, die sie zum Theil augen— scheinlich gesehen, zum Theil glaubwürdig von andern gehoͤret haben, zu discurriren anfangen, do felt gemeiniglich unter andern auch vor der itzige status Mundi, wie es jetzunds in Teutschen Landen an woribus und sitten, Religion, Kleidung und gantzen Leben eine große merkliche verenderung genommen,