18 Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel. 1600 vor allem in Norddeutschland Fuß gefaßt, und ihr folgte nicht ganz ein Menschenalter später der gewaltige Einfluß der Malerei, die nun schon längst zur führenden Kunst geworden war; und schließlich wurde auch die holländische Plastik in der Aus— bildung, die sie nach ursprünglichem Realismus unter dem Einflusse einer palladiesken Baukunst erhalten hatte, in Deutsch— land, vornehmlich im Norden, hochgeschätzt. Parallel aber mit dieser Machtentfaltung der bildenden Kunst ging die der Poesie; die Theorie der Renaissancedichtung wurde während der ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts in Deutschland wenigstens zum Teil von Holland aus eingeführt; und neben Quellin den AÄlteren, Jakob van Kampen und Rembrandt, die großen Lehrmeister der Bildner, Baumeister und Maler, stellte sich das dichterische Vorbild Vondels. Es war die Zeit, in der auch die Philologie und Altertumswissenschaft und etwas später die Naturwissenschaften und die Philosophie Hollands in Deutschland zu wirken begannen. Jetzt drang das natürliche Denken von hier aus ins Binnenland, die naturwissenschaftlichen Kenntnisse der holländischen Festungsingenieure und die Unter— suchungen eines Stevinus verbreiteten sich, in Fragen des Handels begann man in Deutschland statt nach Venedig nach Amsterdam, in Fragen des Gewerbes statt nach Mailand nach Leiden zu blicken; die Naturrechtslehre des Grotius nahm die Geister ein, und das Denken des Descartes befruchtete wie Holland und Frankreich so auch das innere Deutschland. Es war eine unvergleichliche Stellung des niederländischen Nordens, die sich für die Kunst durchweg bis zum letzten Viertel des 17. Jahrhunderts und teilweise noch länger erhielt, und die auf wissenschaftlichem Gebiete im allgemeinen bis ins 18. Jahr⸗ hundert währte; damals wirkten in Holland noch die ersten Philologen und Staatsmänner, Naturgelehrten und Mediziner, und noch Haller ist nach Leiden gezogen, um zu Boerhaaves Füßen zu sitzen. Allein der Haupteinfluß auf die binnendeutsche Kultur war inzwischen, etwa seit den siebziger Jahren des 17. Jahr⸗ hunderts, auf die Franzosen übergegangen. Es war eine Folge