28 — Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel. n diese Sprache je länger je mehr auf den verschiedensten Ge— bieten als Ausdrucksmittel überhaupt eingeführt: in der Diplomatie, in der Kriegskunst, teilweise in den Wissenschaften, trotz des Lateins, und schließlich in der höheren schriftlichen Unterhaltung überhaupt. Namentlich die Briefsprache des Adels wurde seit Mitte des 17. Jahrhunderts ganz allgemein französisch; um 1700 ging das auch auf bürgerliche Kreise über, und 1730 konnte die Kulmus an Gottsched schreiben: „Meine Lehrmeister haben mich versichert, es sey nichts ge— meiner, als deutsche Briefe, alle wohlgesittete Leute schreiben Französisch.“ In den bürgerlichen Kreisen ist dieser Brauch dann seit den dreißiger und vierziger Jahren des 18. Jahr⸗ hunderts langsam zurückgegangen; in den adligen hat er noch tief bis ins 19. Jahrhundert hinein fortgewährt. Solche Vorgänge bedeuteten natürlich nichts anderes als eine gewisse Französierung deutschen Denkens und Empfindens, deutschen Lebens überhaupt. Kein Wunder daher, wenn sie von einem vollen Import aller großen Kulturerrungenschaften Frankreichs begleitet waren; erstaunlich höchstens, daß dieser Import doch erst verhältnismäßig spät einsetzte. Entscheidend ist hier etwa' das Jahr 1680. Um diese Zeit begann neben dem französischen Bildungsideal im all— gemeinen zunächst der französische Baustil einzudringen, doch geschah das noch im Wettbewerb mit den Ausläufern des palladiesken Stils der nördlichen Niederlande; und im Süden begegnete dem französischen Barock noch ein nicht minder aus— geprägtes italienisches Barocco. Erst nachdem der französische Stil seit etwa 1700 Holland erobert hatte, wurde seine Herr⸗ schaft auch auf deutschem Gebiete allgemeiner. Und zu gleicher Zeit drang denn auch der Stil der französischen Dichtung ein; als gutes Deutsch: „Ein cavalier ist, welcher ein gut courage hat; maintenirt sein état und réputation und giebt einen polirten cour tisanen ab.“ Biedermann 2, 1, 51 Anm. »**). Und die Poetiken müssen vor Sätzen warnen wie dem folgenden: „Wenn sie wollen dahin sehen, werden sie mir erweisen den größten Gefallen.“ Borinski, Poetik, 5. 348, Anm. 5.