2* Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel. auf diesem Gebiete wenigstens für die Städte den Untergang der alten Schärfen sozialer Trennung und zunächst auch recht— licher Scheidung der Stände gebracht, war demgemäß, fast dürfte man sagen unter dem römischen Begriff der Urbanität, eine führende Schicht freigeistiger und schließlich humanistischer Bildung erwachsen, so suchte man jetzt wieder die alten Kasten⸗ unterschiede hervor; und der Adel spaltete sich in eine Fülle von sozialen Nüancen, aus denen man am liebsten nicht bloß für das Konnubium, sondern auch für das Kommerzium ent⸗ scheidende Folgerungen gezogen hätte. So suchte vor allem die Reichsritterschaft den Grundsatz der Unebenbürtigkeit gegenüber dem Landadel aufrechtzuerhalten; und zu dem sozialen Zug hatten hierauf wohl auch noch materielle Beweggründe Einfluß: durch das Verlangen einer Zahl von acht oder gar sechzehn reichsritterlichen Ahnen wollte man sich der Domherrnstellen, der Stammgüter u. dgl. versichern. Am verhängnisvollsten aber wirkte der wiederbelebte Kasten⸗ geist auf das gegenseitige Verhältnis der allgemeinen großen Stände. Denn hier wurden die sozialen Motive durch politische unterstützt. Es ist bekannt, daß jeder Fortschritt des National—⸗ bewußtseins die Standesunterschiede ausgleicht. Denn wahre Vaterlandsliebe kann nur fühlen, wer, wenn auch im be— scheidensten Sinne, zum Herrschen und Mittun berufen ist; wohlabgestufte politische Rechte innerhalb einer Nation be— seitigen die trennenden Gefühle der Stände. Bei diesem Zu—⸗ sammenhange läßt sich denken, in welchem Grade der tiefe Verfall des Nationalbewußtseins nach dem Dreißigjährigen Kriege auch sozial verhängnisvoll geworden sein muß: sogar das Gefühl des gemeinsamen Blutes kann man. in einzelnen Außerungen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ver— missen. Am schwersten traf diese Entwicklung natürlich die Bauern. Gewiß waren für sie, nach dem Verfalle der alten Freiheit, schon die Revolutionsjahre 1524 und 1525 wenigstens in den Gebieten des alten Mutterlandes von trauriger Wirkung ge— wesen; wie teilweis bereits im 15. Jahrhundert so sprach man