to Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel. gemacht: man suchte den Garten zum Gesellschaftsraum um— zubilden, und mit „der Untertanen sauer beigebrachtem Schweiß“ wurden zwischen Sträuche und Bäume, zwischen Weiher und Kaskaden Pavillons und Buenretiros, Belvederes und Glorietten, Arenen und Theater gebaut. Und mit all dem gallischen Wesen zogen auch gallische Sitten ein; „Alamodekleider, Ala— modesinnen,“ hieß es da mit Logau, „wie sich's wandelt außen, wandelt sich's auch innen.“ Die Maitressenwirtschaft steigerte sich schamlos von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; Gräfinnen und Fürstinnen ließen sich von gefälligen Malern halbnackt und nackt als Venus in Wolken oder als jagende Diana ver— wigen. Freilich gelang das alles keineswegs mit französischer Grazie, wenn man auch nicht mehr, wie einstens nach Moscherosch die Alten, die Nase und das Messer an dem Ärmel wischte; im Grunde blieb auch hier der Charakter deutsch, und die Franzosen hatten gut spotten über die tölpelhaften princes d'Allemagne. Auch gingen nur wenige Höfe in dem bunten Tand der Festlichkeiten und Schaustellungen gänzlich auf, wenngleich ein wöchentlich zweimaliger Maskenball während des Winters selbst an geistlichen Höfen gewöhnlich wurde; vielmehr blieb des Lebens ernster Sinn dennoch zumeist gewahrt. Fast immer aber erhielt dies Leben auch bei ernsterer Fuhrung etwas vom Charakter des ästhetischen Spiels oder mindestens des Kunst⸗ werks: fern fühlte man sich der Menge, glücklich empfand man sich als Bewohner einer besonderen Welt: ästhetischer Optimismus war es, der schließlich die Höfe beherrschte. Und er ist gewiß die Wurzel vieles Guten geworden; aus ihm lebte eine neue Frauenwelt empor mit reichem geistigem Interesse, eine Sophie von Hannover, Sophie Charlotte von Preußen, später eine Marie Antonie von Sachsen; und Wissenschaft und Kunst erhielten reiche Impulse. Aber er hat zugleich auch entnerot. In der Kunst sammelte und begünstigte man mehr, als man förderte, in der Literatur wollte man umschmeichelt sein, in den Wissenschaften nicht viel mehr als kenntnislos repräsentieren; im besten Falle war man bieder, aber tatenlos, im schlimmeren