Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel. ziehung ein besonderer Typ des homme de la cour, des galanthommoe aus, der allgemein ward. Da ging es über die Anstandslehre und das Tanzen und Reiten hinaus zur Er— lernung des Parlierens und Antichambrierens, und dem per⸗ fekten Pariser Benehmen und französischen Sprechen wurde inhaltlich eine Füllung von ein wenig Naturwissenschaft, einer Dosis Staats- und Kameralwissenschaft, sowie einigen Kenntnissen in der Rechts- und Staatenhistorie, in der Genealogie und Heraldik, auch in der Geographie gegeben. War die mit dieser Bildung ausgestattete adlige Person dann noch auf Reisen ge— wesen, hatte sie bei dieser Gelegenheit gar den Umgang be— kannterer Ministres und Ambassadeurs genossen, so war sie allen Anforderungen des Hof- und Staatslebens gewachsen. Es ist die Bildung, die etwa mit der zweiten Generation nach dem großen Kriege begann, und die für unsere adligen Kreise etwa ein Jahrhundert, wenn nicht länger, wenn auch in mannigfachen Abwandlungen als maßgebend gegolten hat. Was bedeutete sie nun und was das an sie anschließende Hof-, Militär— und Verwaltungsleben für den einzelnen, was für den Stand, was für das Volk als Ganzes? Gewiß hatte die neue französische Bildung im Zeitalter Ludwigs XIV. in sich etwas Majestätisches, Wuürdiges. In den Innenräumen der Paläste, in denen sie heimisch war, herrschte eine imponierende Pracht: wuchtende Decken, Säle von überwältigenden Verhältnissen. Und in diesen Räumen aus— gesprochen prunkenden Stils bewegte sich auch eine stilisierte Gesellschaft von gehaltener Gravität: hohe Absätze, wallende Perücke, Spitzen, seidene Röcke, Schmuck und Edelstein auch beim männlichen Geschlecht. Und selbst als nach dem Tode Ludwigs XIV. die Würde der Grazie, der Ernst der Heiter— keit, die gemessene Haltung nicht selten der Ausgelassenheit zu weichen begann, durfte noch immer von einer sehr einheitlichen and in sich gefesteten Kultur gesprochen werden; noch trennten zwei Menschalter diese Zeiten von der Revolution. Und war der Untergrund dieser Gesellschaft wie schon der Gesellschaft unter der Regierung Ludwigs XIV. sittlich vielfach angefault,