Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 51 soziale Achtung errungen hat, und daß man sich noch heute in Deutschland Wissenschaft nur schwer anders als berufsmäßig hetrieben vorstellen kann und im allgemeinen Bildungsideal die Momente gelehrter Bildung noch ständig festhält. Erst die gewaltige Entfaltung eines neuen Bürgertums seit der Mitte des 18. Jahrhunderts hat hier angefangen, einigen Wandel zu schaffen: bis durch die Bildung des neuesten deutschen B—rger⸗ tums seit 1870 und 1880 die alte Konstruktion in Gefahr geraten ist, zu zerfallen. In diesen Wechseln aber trat ein Stand, der im Mittel—⸗ alter durchaus der erste gewesen war, immer mehr zurück: der der Geistlichkeit. Schon das erste große Bürgertum und der Humanismus hatten ihn im 185. Jahrhundert und in den An— fängen des 16. Jahrhunderts zu überholen gedroht; aber noch einmal war die Gefahr mit der Besiegung der feindlichen Kräfte durch die Reformation vorübergegangen: noch immer hatten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts protestan⸗ tische Geistlichkeit und katholischer Klerus geherrscht. Jetzt da⸗ gegen änderte sich, wenigstens auf protestantischem Gebiete, die Lage. Mit dem Adel und dem Fürstentum trat das Laientum wieder hervor: wie einst im 12. Jahrhundert wurde die Keclesia von neuem von der Frou Werlt überholt. Die neuen Bildungsideale waren ihren einheimischen wie fremden Be— standteilen nach durchaus weltlich; und mehr: sie standen der Kirche nicht einmal feindlich, sondern beinahe gleichgültig zegenüber. Jetzt konnte Karl Ludwig von der Pfalz über dem Grabe seiner Geliebten eine Kirche zum paritätischen Gebrauche der drei christlichen Bekenntnisse erbauen lassen und der lutherische Protestant Leibniz im Dienste des Mainzer Erzbischofs tehen sowie des Konvertiten Johann Friedrich von Hannover. Gerade diese Indifferenz gegenüber den Konfessionen und zum guten Teile gegenüber speziell kirchlichen JInteressen über— haupt sicherte der neuen adligen Bildung die Einheit, die durch konfessionelle Rücksichten so leicht hätte gestört werden können, und gewährleistete ihr mit diejenige Summe von Macht, „*