30 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel. Zeitalter folgerichtig und reich zu entfalten begann, der In— duktion, verdankt? Keineswegs! Gewiß nahmen die induk— tiven Elemente in dem Beweisverfahren immer mehr zu; Kepler vor allem macht in dieser Richtung Epoche. Aber da— neben bleiben deduktive Elemente bestehen, in der Form ein— facher Axiome, wie jenes des Koppernikus von der Einfachheit der Natur, später wenigstens in der fsortwährenden Ver— allgemeinerung des induktiv gesicherten Wissens bis zur Auf— stellung neuer Probleme auf dem Wege der Mathematik, deren deduktiver Charakter den Zeitgenossen als gänzlich zweifellos feststand. So läßt sich wohl sagen, daß die Induktion, nun— mehr als eines der beiden denkbaren Beweismomente an— erkannt, rasche und inhaltreiche Fortschritte gemacht habe, aber die Deduktion verharrte neben ihr als gleichberechtigt, ja über— legen; und die höchste Gewißheit schien da gegeben, wo Erfahrung und reine Deduktion übereinstimmten: Newton hat in seinen Prinzipien der Naturphilosophie die erkenntnistheoretischen Er— fahrungen seines Zeitalters ausdrücklich in diesem Satze zu— sammengefaßt. War das nun der Standpunkt der wissenschaftlichen Praxis, die mithin in ihrem Beweisverfahren fortwährend zwischen induktiven und deduktiven Momenten unter besonderer und noch entscheidender Hochachtung des deduktiven hin und her ging, so trat grundsätzlich doch immer mehr die wichtige Frage auf, wie man sich denn das Verhältnis von Induktion und Deduktion an sich, rein erkenntnistheoretisch also, zu denken habe. Wollte man in dieser Hinsicht etwa auf der enthusiastischen Lösung eines Nikolaus von Kues verharren, der ihr gegenseitiges Über— eintreffen in einer mystischen Verzückung gelehrt hatte? Oder hatte man den Eindruck, daß man sich mit einer solchen Lehre zurück auf den verlassenen Standpunkt des Pandynamismus begebe? Verließ man ihn aber, welche andere theoretische Lösung erschien dann denkbar? Es war der Punkt, in dem die Praxis der Naturwissen⸗ schaft überging in die Denkoperationen der Philosophie. Aber die Philosophie hat sich der Frage keineswegs klar und in zentraler Betrachtung genähert. Vielmehr wurde für sie der