122 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel. Sehr natürlich aber, daß diese Auffassung des Wunders, durch welche das Hereintreten des Übernatürlichen in die Ge— schichte trotz allem für jeden Augenblick prinzipiell zugelassen wurde, nun auch verhinderte, grundsätzlich ein Kausalnetz über die ganze Fläche des Geschehenden auszubreiten. Und so ver— blieb Mosheim, wie seine weltlichen Vorgänger, auf dem Ge— biete des Pragmas bei der bloßen, noch nicht einmal regel— mäßig gehandhabten pragmatischen Verknüpfung der Einzel— handlungen. Die Möglichkeit, unter Beibehaltung der Zulassung des Übernatürlichen gleichwohl größere Tatsachenreihen unter einem Begriff zusammenzufassen, die späterhin in der Lchre von den historischen Ideen durchgebildet wurde, hat Mosheim noch nicht gekannt; doch ist es bezeichnend, daß sich bei ihm schon ein leises Hindrängen zu ihr bemerken läßt. Wenn aber nun die Kirchengeschichte sich schon leise der Methode des allgemeinen Geschichtsbetriebes einzuordnen begann, so versteht sich, daß sich die alte christliche Geschichtsphilo— sophie erst recht eine jüngere rationalistische Schwester ihr zur Seite gefallen lassen mußte. Und dieser erschien dann die gesamte Menschheitsgeschichte natürlich als eine geradlinig fortschreitende Vervollkommnung der Vernunft, wobei das Ziel, die schließ— lich zu erreichende Vollkommenheit, verschieden gedacht wurde: bald als höchste Bildung, Kultur oder Zivilisation, bald als höchste Glückseligkeit, Güte oder Humanität. Es waren im Grunde nur Bezeichnungen desselben Zieles von verschiedenen Standpunkten aus; und immer wurde das Streben der Ge— schichtsentwicklung nach ihm zu als Auswirkung eines selbst⸗ bewußten Gottes oder einer metaphysischen Naturabsicht betrachtet. Von diesen Kräften wurden dann der Theorie nach die großen Individuen zur Durchführung der geschichtlichen Zwecke in die Welt gesetzt. So ist denn auch dieser Geschichtsphilosophie die Geschichte noch ganz das Werk großer Individuen: ja recht eigent— lich als individualistisch kann man sie betrachten. Und diese Individuen sind vor allem die der politischen Geschichte: Fürsten, Staatsmänner, Feldherren. Kulturzeitalter, nach denen sich die Persönlichkeit innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft irgendwie