310 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. Übersieht man aber Weises Wirksamkeit im ganzen, so wird man sie immerhin als vorwärts deutend einschätzen müssen: er zuerst hat, weit mehr als die Hofpoeten und Canitz, den Weg zum Verständig-Graziösen des Rokokos eingeschlagen und sich damit den Franzosen genähert. Freilich, bei allem Anklang, den seine Dichtungen fanden, doch noch nicht ohne Widerspruch. Noch währten zu seiner Zeit wenigstens im pro⸗ testantischen Deutschland niederländische Einwirkungen fort, und in Leipzig insbesondere hat der Historiker Johann Burkard Menke (als Dichter Philander von der Linde) noch in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts nach den Lehren Morhofs! gedichtet und in diesem Sinne 1722 eine „Deutschübende Gesell⸗ schaft“ gestiftet. Inzwischen war aber die Lehre der Franzosen erst recht entwickelt worden; und die Theorien Boileaus und seiner Nach⸗ folger wurden auch in Deutschland bekannter. Die französische Bewegung auf diesem Gebiete kann mit jener deutschen späterer Zeit verglichen werden, die von Lessing ausging. In beiden Fällen ertoönte der Ruf nach Vervollstän⸗ digung und damit in gewissem Sinne der Ruf: Los von der Antike, insofern diese in einer früheren Renaissance verwirklicht schien. Aber in Frankreich wurde dieser Ruf viel kräftiger und darum auch folgenreicher ausgestoßen. Da wollte man nichts mehr wissen von der Überschwenglichkeit des Barocks und bon dem Enthusiasmus der humanistischen Renaissance, den Zeiten üblen Geschmackes, die man merkwürdigerweise als Periode des art gothique charakterisierte. Vielmehr suchte man, dem Triumphzuge des Intellektualismus folgend, eine neue Renaissance, die selbst über den Alten stehen sollte, eine Renaissance der bloßen Vernunft, des bon gout, der bienscanceo, der temperierten Affekte. Und auf dem Wege zu ihr nahm man wohl den Rat der Alten zu Hilfe, freilich nicht des pathetischen Plato und des pedantischen Aristoteles, wohl aber Horazens, allenfalls auch des Eurivides. So ergab sich S. oben S. 258.