334 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. noch eben denkbaren individualistischen Tonempfinden, wie er denn schon d ramatisierende und konzertierende Elemente und damit die Schilderung und die Wirkung durch die Gegensätze kannte. Das gilt von den einfachen Sätzen seiner Choralkunst, soweit sie die Liedform beibehalten, wie von den wunderbaren mehr⸗ stimmigen Tonsätzen derselben Kunst mit eingeflochtenem Cantus sirmus, als deren Perle das „O Lamm Gottes, un— schuldig“ in der „Matthäuspassion“ angesehen werden kann; das gilt auch von seinen Kantaten und den großen Sätzen beider Passionen. Aber bei aller Freiheit hält Bach da, wo er sich am vollsten nach Phantasie wie Kunst gibt, doch fest an der indi— viduell durchgebildeten Mehrheit selbständiger Stimmen, am polyphon gebundenen Satze: die Freiheit der einzelnen Stimmen— führung ordnet sich noch dem allgemeinen musikalischen Gedanken unter, wie das religiös-pietistische Leben der Zeit dem Dogma⸗— tismus: die thematische Arbeit innerhalb der gebundenen Sätze bleibt, ist sie auch persönlich im höchsten Grade subjektiviert und durchgeistigt. So steht Bach an der Grenze der Zeiten; sieht er in jenen wunderbaren, meist kleineren Tonstücken freien Satzes schon in das Land der Zukunft, so bleibt er doch vor allem der Meister der höchsten Vollendung eines Stiles, der in seinen einfachsten Anfängen noch zurückschaut bis in die Zeit der ersten, halb mathematisch, halb musikalisch gedachten Tongewebe des 12. und 13. Jahrhunderts. II. Nicht so klar und so einfach wie in der Musik war der Verlauf der leisen Regungen eines neuen Lebens in der Dichtung. Denn weit mehr als dort spielten hier die Mächte der Vergangenheit herein. Nicht nur daß die poetische Lehre und Praxis sich den Anforderungen der ratio— nalen Elemente des individualistischen Zeitalters ganz anders angepaßt hatte als die Musik, daß ferner die Renaissance des