376 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. ein Wunderbares in Frage komme, daß Außerungen starker Phantasie eine Rolle spielten. So sagte zum Beispiel Brei⸗— tinger, die Dichtung sei „künstliche Nachahmung der Reden und Aussprüche solcher Personen, die sich himmlischer Erscheinungen und prophetischer Eingebungen rühmen“. Und weiterhin die Anschauung, daß es sich bei der Dichtung nicht bloß um an— genehme Belehrung handle — obwohl man an anderen Stellen wieder ganz an der Lehrhaftigkeit der Poesie festhielt und darum die Fabel als deren höchste Gattung pries —, sondern an erster Stelle um eine Erregung des Gemütes: und daß deshalb die Mittel der Dichtkunst nicht mit Gottsched in den äußerlichen syntaktischen und rhythmischen Regeln zu suchen, sondern aus der Kenntnisnahme der tieferen poetischen Wir⸗ kungen zu entwickeln seien. Wie es Bodmer in der Vorrede zu Breitingers „Dichtkunst“ ausdrückte: „Die Regeln sind nicht eine bloße Frucht des Eigensinns oder blinden Zufalls, sondern sie sind entstanden aus der Achtsamkeit auf dasjenige, was eine gewisse beständige Wirkung auf das Gemüt getan hatte, aus dem Nachdenken, warum die Stücke, so belustigten, diese Wirkung notwendigerweise tun mußten.“ Indem nun die Schweizer diesen an sich widerspruchsvollen Standpunkt einnahmen, hatten sie sich damit doch zugleich, insoweit sie von Gottsched abwichen, den Alten genähert: denn die Alten hatten in den Höhezeiten ihrer Dichtung, die für eine griechische Renaissance zunächst in Frage kamen, in den homerischen Epen und den Dramen des Sophokles etwa, so verschieden diese auch untereinander sein mochten, doch mindestens das eine mit dem Standpunkt der Schweizer gemeinsam, daß sie den theoretischen Forderungen der Gottschedschen Dichtkunst gänzlich fernstanden. Und so ist es verständlich, wenn sich die Schweizer schon früh neben den für sie maßgebenden Engländern auch auf die Alten, vor allem auf Homer, zu berufen begannen, und wenn bereits aus den jüngeren Jahren Bodmers die Vorschrift herstammt, man solle die Alten suchen, denn dann finde man die Natur. War dies die Lage und war auf Grund derselben bereits eine reiche Poesie voll von Motiven freilich vielfach noch äußerlicher