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        <title>Neuere Zeit</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Lamprecht</surname>
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        </author>
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        EIGETUE-—
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        Verlag von Hermann Henufelder in Sreiburg i. Br.

Gleichzeitig mit dem vorliegenden Bande verläßt die
Presse:
Moderne
Geschichtswissenschaft.
Fünf Vorträge

von

Dr. Karl Camprecht,
Professor an der Universität Leipzig.

Beschichtliche Entwicklung und gegenwärtiger Charakter der Ge—
schichtswissenschaft.
Der allgemeine Verlauf der deutschen Geschichte, psychologisch
betrachtet.

III. Der Üübergang zum seelischen Charakter der deutschen Gegenwart;
allgemeine Mechanik seelischer Üübergangszeiten.

IV. Sur Psychologie der Kulturzeitalter überhaupt.

V. Universalgeschichtliche Probleme vom sozialpsychologischen Stand⸗
punkte.

J.

Diese Schrift bietet zunächst eine Übersicht der Wandlungen
der Geschichtschreibung seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur
Gegenwart. Weiterhin verwendet der Verfasser eingehend die
historisch-psychologische Methode wie die Errungenschaften der
modernen pfychologischen Wissenschaft zu neuen Erklärungen
wichtiger Erscheinungen des allgemein geschichtlichen Verlaufes.

140 Seiten Oktav. Preis 2 Mark.
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        <pb n="5" />
        Deutsche Geschichte

Karl Lamprecht.

Der ganzen Reihe siebenter Band.

Erste Hälfte.

Erste und zweite Auflage.

Freiburg im Breisgau.
Verlag von hermann Hepfelder.
1905.
        <pb n="6" />
        Deutsche Geschichte

Karl Tamprecht.

Zweite Abteilung:
Neuere Seit.

Zeitalter des individuellen Seelenlebens.

Dritter Band.

Erste Hälfte.

Erste und zweite Auflage.

Ireiburg im Breisgau.
Verlag von hermann Hepfelder.
1905.
        <pb n="7" />
        Alle Rechte vorbehalten

P. *

2*
725
*
—
23
—
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—4
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        Vorwort.

Weit über ein Jahrzehnt zurückreichende Vorarbeiten machen
es mir möglich, in diesem Jahre außer dem sechsten Bande der
Deutschen Geschichte auch noch die erste Hälfte des siebenten
Bandes vorzulegen. Die Geschichte der deutschen Kultur erscheint
dadurch in der Darstellung des Hauptwerkes meiner Deutschen
Geschichte bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts fortgeführt:
his zu jener gewaltigen Scheide der Zeiten, welche das moderne
Zeitalter des Subjektivismus von dem nächstfrüheren des Indi—
bidualismus trennt. Hat nun erst die zweite Hälfte des siebenten
Bandes einmal die politische Geschichte der individualistischen
Zeit seit Mitte des 17. Jahrhunderts erzählt, so stehen der
Darstellung die Pforten der geistesgewaltigen Menschenalter der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der Wende des
18. Jahrhunderts zum 19. offen: Pforten, die der nationale
Historiker nur in ehrfürchtiger Scheu und in dem freudigen
Bangen überschreiten wird, ob es ihm auch gelingen werde,
diese Größe schöpferisch nachzuempfinden und in das neue Leben
geschichtlichen Vortrags zu bannen.
Weimar, Pfingsten 1904.
K. Lamprecht.
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        Inbhalt.

Seite
Neunzehntes Buch.
Erstes Kapitel. Abersicht der fremden Kullureinflüsse
vom 16. bis ins 18. Zahrhundert.

Allgemeine Grundlagen internationaler Dios—
mose im 16. bis 18. Jahrhundert....

Besondere Stellung Deutschlands und innerhalb Deutsch—
lands wiederum der Niederlande. Verioden der fremden
Finflüsse

II. Periode vornehmlich italienischen Einflusses.

Verhältnis des, nationalitalienischen Einflusses und
des Einflufses der Antike. Reihe der nationalitalienischen
Beeinflussungen auf dem Gebiete der bildenden Künste, der
Musik, der Wissenschaft; Verfall derselben. Kurze Skizze
des vorwiegend niederländischen Einfluffes.

lIJ. Periode vornehmlich französischen Einflusses.

Aufschwung der französischen Kultur im 16. Jahr—
hundert. Erste Ausbildung des Ideals des Weltmanns.
Einfluß auf Deutschland (Höfe und Adel). Weitere Zeiten
des Erblühens der französischen Kultur; Zeitalter Lud—
wigs XIV. Einwirkung dieser neuen Kultur auf deutschem
Boden: volkswirtschaftlich, sprachlich, kulturell. Die fran—
zöfische Kultur der Regence und ihre Bedeutung für
Deutschland,

Zweites Kapitel. Neue Ideale weltmännischer und
gekehrter Bildung; ihre Verbreitung in den führenden
szchichten der Zürsten. des Adess und des Rürgertums.

. Soziale Verschiebungen in Deutschland vom 16.
zum 18. Jahrhundert —

— 3810

10—19

19 — 30

3137
        <pb n="11" />
        VII

Inhalt.

Hervortreten der Fürsten und des Adels. Reaktionäres
gefellschaftliches Denken; Zunahme des sozialen Abstandes
der Stände.

Besonderer Charakter des Fürstenstandes und
des Adels in den nächsten Jahrzehnten nach
dem Dreißigjährigen Kriege ...

Eindringen des franzöfischen Einfluffes in den Fürsten—
stand, wachsender Luxus des Hoflebens, Einfluß der
Frauen, Umgestaltung der Lebensauffassung Übergang
des französischen Einflufses auf den Adel, galante Er—
ziehung. Bedeutung dieser Vorgänge für die Nation und
die führenden Stände.

Eintritt der besseren Kreife des Bürgertums
in die neue Bildung; gelehrte Tendenz der so—
zialen Entwicklung. ...

Weltmännische Haltung des Patriziats in den größten
Städten. Auffüllung des niederen Adels durch einen
dürgerlichen Amts- und Briefadel. Entwicklung des ge⸗
lehrten Charakters unserer Bildung. Zurücktreten der
Geistlichkeit aus der bisherigen führenden Stellung im
Bürgertum Die weltmännische Kultur im bürgerlichen
Gewande. Schäferspiel und Chinoiserie.

J

III.

Drittes Kapitel. Weitere Eulwicklung des
Intellektualismus: Höhezeit und Grenzen des ratio—
nalistischen Denkßens.
Allgemeines; äußerer Gang der Entwicklung.
Gelehrte Gesellschaften, wissenschaftliche Korrespondenzen
und Zeitschriften, zunehmende Arbeitsteilung, Polyhistorie
und Sammeleifer auf geisteswissenschaftlichem, Arbeits—
autonomie auf naturwissenschaftlichem Gebiete: Hypothese
und Empirie; Teleologie und Wunderglaube. Entwicklung
hristlich indifferenter, im Grunde unchristlicher Welt⸗
anschauungen auf der Grundlage vornehmlich naturwissen⸗
ichaftlichen Denkens.
Entwicklung der Naturwissenschaften vor—
nehmlich im 17. Jahrhundert: Mechanik und
Astronomie—

.

L

Seite

37—46

16—55

56267

67979
1. Entwicklung der Mechanik: Voraussetzungen
aus den Zeiten der Antike und des Mittelalters; Fortschritte
        <pb n="12" />
        Inhalt.

IX

Seite
von Lionardo über Stevin und Galilei; Newton; prak—
tische und erkenntnistheoretische Ergebnisse dieser Ent—
wicklung; Weiterbildung der Mechanik im 18. und
19. Jahrhundert.

2. Astronomie: Ergebnisse der Alten; Koppernikus;
Kepler und Newton; die Forschungen des 18. Jahr—
hunderts.

Erkenntnistheoretische Entwicklung und Meta—
vhysik; Leibniz.....

l. Entwicklung des Verhältnifses von In—
duktion und Deduktion in der Naturwifsfen—
schaft. Philosophische Untersuchungen zur Klarstellung
dieses Verhältnisses sowie Anfänge selbständiger er—
kenntnistheoretischer Forschung überhaupt:
Bacon, Hobbes, Locke. Verhältnis dieser Untersuchungen
zur Möglichkeit einer selbständigen Metaphysik.

2. Die Philosophie im inneren Deutsch—
land; Voraussetzungen des Denkens für Leibniz. Leibniz:
jeine Monadologie, ihre Begründung in dem Seelenleben
des Zeitalters und ihre über das Zeitalter hiuausweisenden
Bedanken. Pfychologisches und Erkenntnistheoretisches.
Ethik. Religionsphilosophie; Theodicee.

Rationalistischer Ausbau der Geisteswissen—
ichaften.. .

1. Allgemeine Einflüsse: Verhältnis der philo—
sophischen Entwicklung zur wissenschaftlichen, insbesondere
die Frage des Einflusses des Leibnizschen Systems auf den
zeitgenössischen Betrieb der Wissenschaften. Allgemeine
Entwicklung der Geisteswissenschaften bis zur Mitte des
17. Jahrhunderts. Bedeutung der Entwicklung der
Mathematik und Mechanik für die Geschichte der Geistes—
wissenschaften. Verhältnis der Geisteswissenschaften zur
Antike und zum christlichen Dogma. Versuche zur
Einigung der Bekenntnisse; Ergebnisse, Toleranz.

d2. Weitere Entfaltung der Geisteswissen—
schaften: Erziehungslehre, Staats- und Gesellschafts—
wissenschaften (Mationalökonomie, Naturrecht: Pufendorf,
Thomasius; Spinoza; Locke, Montesquieu; Friedrich der
Große), Geschichtswissenschaft (Pufendorf, Leibniz; J. J.

Moser; Mascow, Graf von Bünau; von Mosheim).
Schickfal des Humanismus und des kirchlichen Dogmas.

III.

V.

79 — 100

100 - 125
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        Inhalt.

Seite
Verbreitung des wissenschaftlich⸗rationalistischen Lebens in
Deutschland.

Biertes Kapitel. Aufklärung und Rietismus.
Die Aufklhärung als fozialpfychisches Element

Rückblick auf die rationale Entwicklung der wissen—⸗
schaftlichen Weltanschauung seit dem 16. Jahrhundert.
Beginn ihrer Popularisierung: Thomasius und Wolff.
Verbreitung der Aufklärung: Aniversitäten der pro—
westantifchen und katholischen Länder; moralische Wochen—
ichriften; geheime Gesellschaften (Freimaurer, Illumi—
naten).

IJ. Die Vollreife der Aufklärung ..

Die französische und englische Aufklärung. Die deutsche
Popularphilosophie; Mendelssohn. Einfluß der Auf—
klärung auf den christlichen Glauben und die Theologie:
erste Periode rationalistischer Bibelinterpretation (bis
etwa 1780), Versuche vernünftigen Beweises des Dogmas,
Versuche vernünftigen Beweises der Offenbarung, Ver—⸗
nunftkritik der Offenbarung, vernünftiges Hinausstreben
über die Offenbarung: Friedrich der Große, Reimarus,
Lefsing. Bedeutung der Aufklärung für das beginnende
Zeitalter des Subjektivismus.

Der eigentliche Pietismus.... . ..

Pietismus in der katholischen Kirche. Das reformierte
Dogma und der Pietismus. Pietismus und Luthertum.
Beschichte des protestantischen Pietismus in Deutschland:
Anfänge; Wirkungen der Mayfarth, Großgebaur,
Schuppius; Spener und Francke, Leipzig und Halle.
Innere Struktur und entwicklungsgeschichtliche Stellung
sowie Ausgaug des Pietismus.

III.

IV.

Zinzendorf; Herrnhut.

Lehren und Frömmigkeitspraxis der Herrnhuter;
Stellung zum lutherischen Bekenntnis und zum auf—
rauchenden Subjektivismus. Pietismus und Ratio—
aalismus (Aufklärung) in ihrem Zusammenwirken auf
oädagogischem Gebiete. Religiöse Vereinigungspunkte von
Pietismus und Rationalismus. Asthetisch- religiöse
Stimmung der spätindividualistischen Zeit.

126- 140

140 - 162

162 2175

176 — 185
        <pb n="14" />
        Inhalt.

XI

Seite

Zwanzigstes Buch.
Erstes Kapitel. Die bildenden Künste des Barodis
und des Rokoltos.
Die Architektur des Barocks in Deutschland 189—–199
Verlauf der Entwicklung der Renaissancearchitektur
bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Charakter des
Barocks im Gegensatze zur Renaifsance. Zusammenhänge
des italienischen Barocks mit dem deutschen; italienisches
Barock im deutschen Kirchenbau. Entwicklung des
Barockpalasts in Italien, sein Auftreten in Deutschland
Prag, Dresden). Holländische Spätrenaissance mit barocken
Elementen in Norddeutschland.
II. Das Rokoko in Frankreich.. . .—
Entstehung des Rokokos, seine Entwicklung vornehm—
lich im Palastbau (ältere barocke Elemente, Zusammen—
hang der tektonischen Umgestaltung mit den veränderten
Sitten, Wirkung dieser Umgestaltung auf die Behand—
lung des Lichts). Älteres und jüngeres Rokoko. Ver—
hältnis der Malerei zum Rokoko. Barock und Rokoko in
ihrer Steslung zum Problem der Wiedergabe des Lichts.
Die Baukunst des deutschen Rokokos; Bildnerei
und Malerei im 17. und 18. Jahrhundert; all—
gemeiner Charakter der Renaissancekunst ..
41. Einwirkung des französischen Rokokos
auf Deutschland; Palastbauten geistlicher und welt—
licher Fürsten. Eindringen französischer Meister und
Handwerker; Schicksal des deutschen Kunstgewerbes
(Delfter Fayence und binnendeutsche Porzellanfabrikation).
Allgemeines Verhältnis des deutschen Rokokos zum fran—
zöfischen. Entwicklungsgeschichtliche Stellung des Rokokos
iberhaupt.

4

III.

2. Die Plastik des Jahrhunderts nach dem
zroßen Kriege: barocke Plastik (Bernini — Schlüter);
Plastik des Rokokos.

3. Malerei: Nachahmung fremder Kunst in Wand—
und Tafelmalerei; bessere Tradition im Bildnis. Ratio—
galistische Auffassung der Kunst; allgemeines Schicksal der
Renaissance.
        <pb n="15" />
        XIII..

Inhalt.

Seite
Zweites Kapitel. Die Dichtung der Renaissance
in ihren unmittelbaren Abwandlungen.
Allgemeine Voraussetzungen der Renaissance—
dichtung....

Parallele Entwicklung der bildenden Künste und der
Dichtung: eine Barock- und eine Rotokoperiode der
diteratur. Unterschiede in der Entwicklung zwischen
Dichtung und Kunst. Zusammenhänge mit der Dichtung
des 16. Jahrhunderts: Kirchenlied, Volkslied. Verlust
der alten Form. Die neue Form der Renaissancedichtung:
Wandlungen der deutschen Metrik unter antikem, fran—
zösifchem und niederländischem Einfluß. Einführung der
Poetik der Renaissance: Martin Opitz und sein Buch von
der deutschen Poeterey.

.

II. Die Lyrik....

l. Vorstufe der Entwicklung: die Dichtung am
württembergischen und pfälzischen Hofe um 1600, sowie
in Hessen und Böhmen (Weckherlin, Werder, Hoeck);
die „Fruchtbringende Gesellschaft“ und verwandte Gefell—
ichaften; Opitz.

2. Erste volle Stufe: „Aufrichtige Tannengesell-
ichaft“, Pegnitzschäfer; der Neukatholizismus in der Dich—
tung (Spee, Angelus Silesius); mittel- und norddeutsche
Durchschnittsdichter; Fleming; Gerhard.

3. Zweite volle Stufe: Hofmann von Hofmanns—
valdau und Lohenstein und ihre Schulen. æ

4. Abklärung.

III. Satire und Drama. ...
1. Die Satire: Entwicklung des Komischen und
des Grotesken; Rückblick auf Fischart; Unfruchtbarkeit
der Weiterbildung; die Satire in Norddeutschland; Logau.

2. Das Drama: Fehlen einer nationalen Bühne
and deutschen Schaufspielkunst; die Engländer und ihr
Einfluß; Verhältnis zu den Renaissancebestrebungen;
Gryphius und Lohenstein; endgültiger Verfall.

IV. Der volkstümliche Roman . .. ...

1. Die Sprache und andere dichterische Mittel:

Entwicklung der Opitzschen Rhythmik und Metrik; Zurück—

227 -240

240 -258

258 -272

272 81]
        <pb n="16" />
        Inhalt.

XIII

Seite
bleiben der deutschen Grammatik; Verfall des Wort—
ichatzes unter der Einwirkung der Renaissance; Gegen—
virkungen durch den volkstümlichen Roman.

2. Der deutsche Roman in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Entwicklung
des spanischen Romans, insbesondere des Schelmenromans.
Moscherosch und Grimmelshausen. Verfall des volks—
tümlichen Romans.

Driltes Kapitel. Mustkäund Dichtung der
Renaissance im Zeichen beginnender Anterströmung
eines neuen Gemülslebens.

J.

Hamburg . . .

1. Doppelantlitz der feinbürgerlichen Kultur um 1700
Allgemeine Stellung Hamburgs innerhalb des
VBerlaufes dieser Kultur.

2. Die bildenden Künste in Hamburg um etwa
1650 bis 1750. Musik: zunehmende allgemeine Be—
deutung der Musik, ihre Stellung in den Zeiten des
orimitiven Subjektivismus. Die Oper: Entwicklung in
Italien und Frankreich; die erste deutsche Oper in Ham—
burg. Die große Kirchenkantate.

3. Dich kung: barocke Dichtung in Hamburg; Brockes
Hagedorn.

Leipzig . . .

II.
. Entwicklung Leipzigs. Die Verfassung unter
dem besonderen Einflusse der Messen. Lage um 1700.
Spezifischer Charakter des geistigen Lebens um diese Zeit
und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Notizen
über die Pflege der bildenden Kunst und der Musik.

2. Die Dichtung: Die Schule der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts (Christian Weise) und ihr Verhältnis
zu den niederländischen und französischen Theorien; die
franzöfische Lehre von der Dichtung um 1700; ihre Auf—⸗
nahme in Leipzig: Gottsched, seine Wirksamkeit ins—
besondere für das Theater; seine Lehre und die inneren
Gründe für deren Verfall.

282 301

301 316

III. Die Schweiz 316-824
1. Innere Entwicklung der Schweiz vom 16.
        <pb n="17" />
        XIV

Inhalt.

Seite
bis zum 18. Jahrhundert mit besonderer Rücksicht
auf die Folgen für die Entfaltung des Geisteslebens.

2. Geistiges Leben in Basel und Zürich. Ver—
hältnis zu Barock und Rokoko. Bodmer und Breitinger;
hr Kampf gegen Gottsched: Gottscheds Niederlage.

Viertes Kapitel. Weitere musikalische und
literarische Abergänge; Ausgang der Rhantaste⸗
tätigkeit des individualistischen Zeitalters.
Entwicklung der Musik bis zur Grenze des
Subjektivismus. .

Einfacher Charakter der musikalischen Entwicklung
Jegenüber dem der Dichtung; Durchbildung der mensch⸗
lichen Stimme wie der Musikwerkzeuge zur Wiedergabe
feinerer Schattierungen des Gefühls; neue musikalische
Formen; neue Theorie der Musik (Harmonielehre). Die
deutsche Musik der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts:
Händel und Johann Sebastian Bach.

325 334

II. Anfänge einer neuen, hellenischen Renaissance
Verfall der älteren klaffischen Studien und ihrer Ein—
wirkungen bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Verhältnis der Aufklärung zur Möglichkeit einer neuen
Rengaissance. Ausgang der neuen Renaissauce von der
Belehrsamkeit (Betrieb des Griechischen auf den Mittel—
schulen, neue Entwicklung einer griechischen Philologie von
England und Holland aus). Verbreitung der Bewegung
auf die deutschen Universitäten und Mittelschulen.
lII. Übergänge auf dem Gebiete der Dichtung. . . 3842-859
1. Übersicht über die an der weiteren Ent—
wicklung der Dichtung beteiligten Strö—
mungen in der Lyrik: die horazische Schule der neuen
Renaissance (Halle, Berlin: Pyra und Lange; Ramler);
die anakreontische Schule (Galle, Halberstadt: Uz, Götz,
Bleim, die Grenadierlieder): die Naturvoesie (von Kleist,
Besner).

334 —342

2. Versuche in Drama und Satire (Leipzig:
Johann Elias Schlegel, Rabener, Zachariäh. Grenzen
der ganzen Bewegung: Gellert.
        <pb n="18" />
        IV.

Inhalt.

Letzte Entwicklung der bildenden Künste unter
dem Einflusse des Individualismus und der
teuen Renagaissance ..
Architektur: archäologische Reisen und Entdeckungen;
Entwicklung der Architektur vom 16. zum 18. Jahr⸗
hundert und unter dem Einflufse der neuen Kenntnis der
Antike; Klassizismus in Frankreich und England; in
Dresden, Wien und Berlin. Malerei und Plastik: Oser,
Winkelmann, Mengs, Lessings „Laokoon“; Aussichten der
Malerei und Plaftik unter dem Einflusse der neuen
Renaiffance.

Die letzten Zeiten individualistischer Dicht—
kunst. ..

XV

Seite

359 3375

375—383
Bedeutung des Streites zwischen den Schweizern und
Bottsched für das Eindringen der Antike. Lessings
voetische, insbesondere dramaturgische Theorien in ihrer
ndividualistischen Bedingtheit und begrenzten Neigung
zu sfubjektivpistischer Auffassung. Lessings Dramen als
Erzeugnisse dieses theoretischen Bodens; besondere Stellung
der „Minna von Barnhelm“.
VI. Schlußbetrachtung . .. —X—
Gesamtverlauf insbesondere der letzten Periode des
ndividualistischen Zeitalters: Zersetzung durch das empor—
flutende Gemütsleben auf dem Gebiete der Religion, der
Weltanschauung, der Phantasietätigkeit. Fortleben ratio—
nalistischer Elemente im subjektivistischen Zeitalter: in
Kirche, Humanismus (Schnle), naturwissenschaftlichem
Denken und sozialem Dasein.

383 2396
        <pb n="19" />
        <pb n="20" />
        Neunzehntes Buch.

ßamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1.
        <pb n="21" />
        <pb n="22" />
        Erstes Kapitel.
übersicht der fremden KRultureinflũsse vom 16.
bis ins 18. Jahrhundert.

Das Zeitalter vom 16. bis zum 18. Jahrhundert umfaßt
die Periode stärkster Beeinflussung unserer nationalen Kultur
von außen her. Wie viele Einwirkungen der italienischen,
französischen, spanischen, englischen Kultur lassen sich nicht schon
vor dem Dreißigjährigen Kriege, ja bereits im ganzen Verlaufe
des 16. Jahrhunderts nachweisen. Und nicht genug damit,
daß sich überall Einflüsse lebender Kulturen geltendmachen:
zu der räumlichen kommt die zeitliche Rezeption, mochte man
aun auf die Antike zurückgreifen oder mochte man die eigene
Vergangenheit im Spiegelbilde modernen Verständnisses wieder⸗
erstehen lassen, wie es die Humanisten in der ersten Hälfte des
16. Jahrhunderts und Morhof und seine Nachfolger seit den
achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts getan haben.

Die Ursachen dieser gewaltigen Beeinflussungen sind mannig⸗
faltiger Art; doch lassen sich für die besondere Verflechtung
ihrer Einzelvorgänge einige allgemeine Grundlagen aufweisen.

Zunächst mußte, um zeitliche Rezeptionen aus der eigenen
Vergangenheit der Nation zu ermöglichen, das Gefühl des
geistigen Abstandes von dieser Vergangenheit gewonnen sein.
Es ist ein Motiv, das das nationale Seelenleben seit dem
        <pb n="23" />
        Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
15. Jahrhundert und seit der Reformation kennzeichnet; wurde
auch der wissenschaftliche Ausdruck des tiefen Gefühls, vom
Mittelalter grundsätzlich getrennt zu sein, in einer entsprechen—
den Periodisierung der Geschichte erst in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts gewonnen, so zog man doch die praktischen
Folgerungen dieses Gefühls schon viel früher: bereits die Ent—
wicklung des Humanismus und der Renaissance beruhen
auf ihm.

Die räumlichen Rezeptionen aus gleichzeitigen Kulturen
aber wurden vor allem durch die internationalen Verkehrs—
beziehungen, wie sie mit steigender Geldwirtschaft außerordent⸗
— DDDO
Beziehungen zunächst vornehmlich sachlicher Natur: Austausch
von Büchern, Kunstwerken, Waren, so trat doch bald ein ge—
steigerter persönlicher Verkehr hinzu. Mit der Wende des
16. Jahrhunderts kam zunächst für den deutschen Adel, dann
aber auch für die besseren Angehörigen des Bürgerstandes die
Sitte auf, zur Erweiterung der heimischen Erfahrung und zum
Abschluß der Jugendbildung eine längere Reise zu unternehmen,
die später so genannte Kavaliertour. Und fast ausnahmslos
führte diese in fremde Lande; in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts umfaßte sie bei voller Ausdehnung der Regel
nach die Niederlande, England, Frankreich und Italien. Es
war eine Einrichtung, die ohne weiteres zum Einfluß fremder
Kulturen in der Heimat führen mußte; begünstigt wurde sie
durch eine zahlreiche Literatur von Reisehandbüchern, die auch
an sich schon viel zur Kenntnis der Fremde beitrug. Dieser
Literatur ist dann in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
eine außerordentlich verbreitete und hochentwickelte Literatur
der praktischen Lehren der Kaufmannschaft und des Handels
gefolgt, die wiederum eine Steigerung des Verkehrs ebenso
bewies wie förderte.

Und zu der großen wirtschaftlichen Ursache der zunehmen⸗
den Durchdringung der westeuropäischen Kulturen traten andere.
Das wichtigste Lebensmotiv des 16. Jahrhunderts, das religiöse,
hedingte bestimmte internationale Zusammenhänge, die nicht
        <pb n="24" />
        Übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 5
auf den ursprünglichen Charakter ihrer Entstehung beschränkt
blieben: der katholische Süden Deutschlands ward ganz allgemein
auf engere Beziehungen zu Italien und Spanien hingewiesen,
der protestantische Norden pflegte den Verkehr mit den
Niederländern und den französischen Hugenotten. Außerdem
aber wurde der deutsche Boden längere Zeit hindurch zum
Zufluchtsort religiös Bedrängter; schon früh gelangten flüchtige
italienische Protestanten nach der Schweiz, Franzosen nach den
Rheinlanden; spanisch-protestantische Gemeinden gab es in
Genf, Basel, Frankfurt a. M.; und all diese Flüchtlinge be⸗
fruchteten die neue Heimat auch mit allgemeinen Kultur—
elementen der Länder, die sie verlassen hatten.

Hierzu kamen dann noch besondere politische und soziale
Wirkungen, um den Verkehr der Nationen zu erhöhen. Schon
das labile Gleichgewicht des europäischen politischen Konzerts
in dieser Zeit sorgte dafür: es hat spanischen Einflüssen seit
Mitte des 16., französischen seit Mitte des 17. Jahrhunderts
zum Siege verholfen; und so ist es kein Zufall, daß in
Deutschland bis nach 1600 die enge, steife, manieriert-zierliche
spanische Tracht getragen wurde, und daß sie, nach einer
allgemeinen Verwilderung während des Dreißjährigen Krieges,
in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erst durch die
französische Allongeperücke und die majestätische Kleidung des
Hofes Ludwigs XIV., dann durch den Haarbeutel und die
zierliche Tracht des französischen Rokokos abgelöst ward.
Diese Einflüsse aber wirkten. um so stärker, je mehr soziale
Entwicklung und politische Schicksale an den verschiedensten
Orten zur Ausbildung ähnlich charakterisierter Gesellschaften
unter der Herrschaft einer absoluten Monarchie führten. Das
wesentliche Moment ist dabei überall ber Übergang der führen⸗
den Schichten zu höfischen Lebensformen seit etwa der Mitte
des 17. Jahrhunderts; von nun ab begann es für die höfischen
Kreise auf längere Zeit mehr als jemals im Grunde nur eine
Literatur und nur eine bildende Kunst zu geben, wenn auch in
berschiedenen Sprachen und Formen künstlerischen Ausdrucks.

Die gegenseitige Durchdringung mit Elementen fremder
        <pb n="25" />
        Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Kulturen, wie sie so aus sehr verschiedenen Anlässen, wenn auch
auf Grund vornehmlich nur weniger großer und tiefliegender
Ursachen eintrat, war nun zunächst eine allgemeine Erscheinung
für die Nationen der abendländischen Welt überhaupt: sie alle
haben mehr oder weniger eine Renaissance gehabt; und sie alle
haben Elemente ihrer besonderen Kultur mitlebenden Ge—
nossinnen übermittelt. So hat die französische Literatur der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wohl die deutsche beein—
flußt; aber sie selbst stand wieder unter den Einwirkungen des
italienischen Marinismus und insbesondere auch der italienischen
Dramatik, wie die von ihr beeinflußte deutsche Dichtung
wiederum für die skandinavischen Völker Bedeutung gewann.
Allein im ganzen — und das ist der für die deutsche Geschichte
dieser Zeit wie noch teilweise der Gegenwart entscheidende
Zug — ist Deutschland bei weitem mehr befruchtet worden,
als es befruchtet hat; es weist in der internationalen Bewegung
dieser Jahrhunderte die Eigenschaften mehr eines empfangenden
als eines schöpferischen Organismus auf, und seine tiefere
Entwicklung ergeht sich daher in Erscheinungen, die oft genug
vom geraden Wege abführen und mithin einen zunächst sehr
oerzwickten, ja bisweilen geradezu verworrenen Eindruck hinter—
lassen.
Die Tatsache dieser passiven Haltung war schon um die
Wende des 16. Jahrhunderts bekannt genug; es ist die Zeit,
da zeitgenössische Stimmen zusehends von einer „neuen Welt“
der Gegenwart als einer fremden zu sprechen begimmen. Und
ODlorinius deutet das Wort anfangs des 17. Jahrhunderts
in der Vorrede zu seiner Ethographia mundi oder Be—
schreibung der heutigen neuen Welt in folgenden Sätzen:
„Wann heutiges Tages alte betagte Leute zusammmen
kommen und von allerley Weltsachen, die sie zum Theil augen—
scheinlich gesehen, zum Theil glaubwürdig von andern gehoͤret
haben, zu discurriren anfangen, do felt gemeiniglich unter
andern auch vor der itzige status Mundi, wie es jetzunds in
Teutschen Landen an woribus und sitten, Religion, Kleidung
und gantzen Leben eine große merkliche verenderung genommen,
        <pb n="26" />
        Übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 7
also dz so diejenigen, welche vor zwantzig Jahren Todes ver⸗
blichen, jetzige zeit wider von dem Todten aufstunden und jhre
Posteros und nachkömlinge sehen, dieselben garnicht kennen
würden, sondern meinen, das es eitel Frantzösische, Spanische,
Welsche, Engelische und andere Völcker weren, die doch auß jhrem
Vaterland nie mals kommen sein.“

Woher nun diese besonders ungünstige Stellung unserer
Nation in dem gewaltig anwachsenden Kulturaustausch der
abendländischen Völker schon im Beginn des 17. Jahrhunderts?

Es ist die Geschichte der letzten Jahrhunderte, ja wenn
man will die ganze uns bekannte geschichtliche Vergangenheit
der Nation, die sich in dieser Tatsache spiegelt. Von jeher
war das deutsche Land den Ländern romanischen Charakters
an Kulturelementen unterlegen gewesen; der Vorsprung, den
diese als ehemalige Teile des römischen Weltreichs wie in
ihrer schon bei Beginn der christlichen Ara vergleichsweise
höheren eigenen Kultur besaßen, ist vielfach erst im 18. und
19. Jahrhundert, und auch dann noch nicht ganz und auf allen
Gebieten, ausgeglichen worden. Neben diesem allgemeinen Zu—⸗
sammenhang aber, der im Mittelalter vor allem in der Auf⸗
nahme des französischen Ritterideals zum Ausdruck gelangt
war, hatten seit dem Zeitalter der Entdeckungen besondere Ur⸗
sachen schädlich gewirkt: wir wissen, wie seitdem besonders die
Anderungen im Welthandel das deutsche Bürgertum, seit
spätestens dem 15. Jahrhundert den Träger der deutschen
Kultur, verheerend getroffen hatten, und wie politische Ursachen,
besonders die strenge Behandlung der deutschen Großstädte
durch Karl V., hinzukamen, um seit den dreißiger und vier⸗
ziger Jahren des 16. Jahrhunderts ein Sinken der deutschen
Kultur herbeizuführen, das schon in der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts in wachsend pessimistischer Stimmung zutage
tritt. „O Dudeslant, Dudeslant,“ schrieb damals ein nieder—
deutscher Mann an den Rat zu Braunschweig, „ick fruchte,
dat Dudeslant eyne grote strafe avergan wart!.“ Diese

Steinhausen, G. d. d. Briefes 2, 1.
        <pb n="27" />
        Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Strafe kam im Dreißigjährigen Kriege. Das furchtbare Elend
dieser drei Jahrzehnte vollendete, was die unglückliche wirt—
schaftliche und politische Entwicklung des 16. Jahrhunderts
vorbereitet hatte; jetzt klagte man wohl herzzerreißend von dem
„calamitosen Zustand unsers lieben Vaterlandes“ und sprach
von Deutschland als der modernen Arabia deserta; und als
die von Millionen Lippen erschallende Bitte um Frieden endlich
erfüllt war, da zeigte sich ein Ruin in jeder Richtung der
Kultur, und der politische Zusammenhang erschien durch eine
Verfassung kompromittiert, welche Friedrich der Große mild als
„erlauchtz⸗Republik von Fürsten mit einem gewählten Ober—
haupt an der Spitze“, Hegel richtiger als „konstituierte Anarchie“
gekennzeichnet hat!.

Indes dies entsetzliche Ergebnis galt nicht in gleicher
Weise für allen deutschen Boden. Es ist eine fundamentale
Erscheinung der deutschen Geschichte, daß die atlantischen Ge—
biete sich dem Verfall, der Depression gleichsam der Kultur
im allgemeinen entzogen haben: so die Niederlande und an der
Nordseeküste im engeren Sinne besonders Hamburg. Hier
erhob sich, am stärksten und wichtigsten in den Niederlanden,
als einzige vollwichtige Fortsetzung der binnendeutschen bürger—
lichen Kultur des 14. bis 16. Jahrhunderts jene wunderbare
Blüte des Handels, der Kunst, der Wissenschaft, die vornehm—
lich das 17. Jahrhundert erfüllte, und die wir, soweit Hamburg
in Betracht kommt, in ihrem enger begrenzten Verlaufe noch ein—
gehender werden kennen lernen?.

Indem aber am Weltmeere das Niveau der Entwicklung
nicht sank, sondern in Erhebungsvorgängen verharrte, die den
früheren Verlauf der gemeindeutschen Entwicklung im ganzen
geradlinig fortsetzten, trat von diesen Stellen, und namentlich
von den Niederlanden her, eine so tiefe und gewaltige Be—
einflussung der zurückbleibenden deutschen Binnenkultur ein, wie

Vgl. dazu Bd. VI, S. 8339. J
2 S. unten im zweiten Kapitel dieses Buches Nr. III, 1. über die
Niederlande vgl. schon Bd. VI, S. 16 ff. 87 ff. 68 ff.
        <pb n="28" />
        übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 9
sie sonst kaum jemals im Verlaufe der deutschen Geschichte von
einem begrenzten Teile des Ganzen ausgegangen ist. Zu den
internationalen Kultureinflüssen gesellte sich also, in vollem und
oft siegreichem Wettbewerb mit diesen, eine niederländische,
olämische, holländische Einwirkung. Es ist die letzte große Leistung
der Niederlande für das gemeinsame Vaterland gewesen. Eben
in dem Aufschwung des 16. bis 18. Jahrhunderts entfernten
sie fich trotz alles alten Zusammenhangs von diesem so sehr,
daß sie seitdem den Weg einer besonderen Entwicklung ge—
gangen sind.

Für den Überblick der Beeinflussungen der deutschen Kultur
im Verlaufe des 16. bis 18. Jahrhunderts aber entsteht aus
dem Neben- und Durcheinander der fremden und der nieder—
ländischen Wirkungen eine um so größere Schwierigkeit der
Darstellung, als auch die niederländische Kultur wieder vielfach
von außen her, und zwar zunächst auch im Sinne und in der
Richtung der binnendeutschen Kultur, Anregungen empfangen
hat. In dem wirren und häufig fast unüberschaubar verflochtenen
Gewebe dieser Beziehungen läßt sich nur von dem Stand—
punkte aus einige Ordnung schaffen, daß man Zeitalter des
Überwiegens eines bestimmten Einflusses unterscheidet auf die
Gefahr hin, manchen untergeordneten Momenten nicht gänzlich
gerecht zu werden. Erscheint dieser Standpunkt als zulässig,
so wird man drei Perioden fremder Einflüsse unterscheiden
können: die eines vornehmlich italienischen bis etwa zum Jahre
1620, in einer Zeit, in der Deutschland, wenngleich geschwächt,
doch fremde Kulturelemente noch unter dem offenen Bestreben,
sie national umzubilden, aufnahm; dann eine Periode vor⸗
wiegend niederländischen Einflusses, eine Zwischenzeit gleichsam
zwischen der ersten und letzten Periode, schon früh, seit etwa
1580, beginnend und etwa ein Jahrhundert, ja länger, fort⸗
während; und endlich eine Periode vorwiegend französischen
Einflusses, deren Höhepunkt zwischen 1680 und 1720 liegt, zu
einer Zeit, da die deutsche Kultur kaum noch stark genug war,
sich die fremden Elemente in auch nur einigermaßen nationalen
Formen anzueignen. Sind damit italienische, niederländische
        <pb n="29" />
        10

Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
und französische Einwirkungen als die wesentlichsten bezeichnet,
so spielten daneben doch auch spanische und englische eine nicht
unbedeutende Rolle, die spanischen bis in die zweite Hälfte des
17. Jahrhunderts hinein, die englischen vornehmlich seit An—
fang des 18. Jahrhunderts. Den ersteren wird, wenn man
von der allgemeinen Bedeutung des spanisch charakterisierten
Jesuitismus und der Gegenreformation absieht, wenigstens
teilweise die Aufnahme der sogenannten Inventionen, der Vor⸗
läufer der Oper, seit etwa 1550, sowie im 17. Jahrhundert,
neben gewissen Einflüssen auf die vlämische Literatur seit etwa
1630, die Entwicklung der Schelmenromane verdankt; die letzteren
äußern sich im niederländischen Theater schon seit etwa 1580,
um ein Jahrzehnt später auch im binnendeutschen Theater,
schwellen dann aber erst seit etwa 1720 recht an, um auf dem
Gebiete der Philosophie und Dichtkunst fast während des
ganzen 18. Jahrhunderts und jedenfalls in der Übergangszeit des
individualistischen Zeitalters zum subjektivistischen auf bemerkens⸗
werter Höhe zu verharren.

II.
Versucht man ein Bild der italienischen Einflüsse im 16.
und in einem Teil des 17. Jahrhunderts zu entwerfen, so
entsteht die Schwierigkeit, sie gegenüber den unmittelbar antiken
Einwirkungen der Renaissance abzugrenzen. Diese Schwierig⸗
keit wird noch dadurch vermehrt, daß die Zeit selbst, wie noch
das ganze 17. und ein großer Teil des 18. Jahrhunderts,
unter dem Eindrucke stand, aus der Hand der Italiener in vielen
Dingen auch da die reine Antike empfangen zu haben, wo es
sich tatsächlich um Stücke der italienischen Kultur handelte, die
sehr selbständig, oft nur in äußerer Anlehnung an die Über—
lieferung der Römer und Griechen entwickelt worden waren.
Lebte doch dies ganze Zeitalter überhaupt des Glaubens, die
antike Kultur rein erneuert und — das war die Anschauung
wenigstens der späteren Geschlechter — vielfach übertroffen zu
haben; wie erstaunt war man da zum Beispiel im 18. Jahr⸗
        <pb n="30" />
        Übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 11
hundert, als die genauere Kenntnis griechischer Tempelreste wie
die Ausgrabungen zu Herculaneum und Pompei zeigten, daß
weder Barock noch Rokoko den vollen Charakter des Baustils
der Alten getroffen hatten!

Sind so die Schwierigkeiten groß, so läßt sich doch schon
auf Grund der ungleichmäßigen Bekanntschaft des 16. bis
18. Jahrhunderts mit den unmittelbaren Überlieferungen der
antiken Kultur die Behauptung rechtfertigen, daß die mittel—
zuropäischen Nationen eine wirklich antike Renaissance der
Hauptsache nach nur auf literarischem Gebiete, auf künstle—
rischem dagegen wesentlich nur eine Rezeption der italie—
nischen Renaissance erlebt haben. Denn während sie sich der
schriftlichen Tradition der Antike nicht minder erfreuten, wie
die Italiener, fehlte ihnen deren unmittelbares Verhältnis zur
monumentalen Überlieferung, und ward es von ihnen in Reisen
ihrer Künstler nach Italien aufgesucht, so schob sich zwischen
die direkte Aufnahme des antik-künstlerischen Geistes und den
Künstler doch immer der ungleich lebendigere Eindruck der
großen italienischen Kunst überwältigend ein. Daher waren
denn alle Rezeptionen auf dem Gebiete der Künste ungleich mehr
italienischen als antiken Charakters.

Umgekehrt stand es für die literarische Kultur im weitesten
Sinne des Wortes; hier überwog die Antike. Nur daß deren
Rezeption im inneren Deutschland und in den Niederlanden
unter verschiedenen Bedingungen vor sich ging. Der deutsche
Humanismus gewann Dasein und Kraft schon im 15. Jahr⸗
hundert; er war der Geburtshelfer der geistigen Strömungen,
welche die Reformation trugen; und er ging an der Resor
mation zugrunde. Er waͤr nur anfangs durchaus schön⸗
geistig; bald sah er sich in die ungeheure Bewegung der
Kirchenspaltung hineingerissen, um zu verstummen oder politisch
und kirchlich agitatorisch zu werden, und so endete er schließlich in
der klassischen Philologie als unscheinbarer Diener und Untertan
einer neuen theologischen Herrschaft. Dabei bewahrte er sich

S. dazu Bd. VI, S. 180 ff.
        <pb n="31" />
        12 Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
zwar seine eigene lateinische Literatur der Schuldramen und
dickbändigen lyrischen und epischen Poesien, aber er gewann
keinen irgendwie entscheidenden Einfluß auf die nationale
Literatur: keine Renaissance der deutschen Dichtung ist ihm
entsprossen.

Ganz anders der niederländische Humanismus. Er hatte
keine so unmittelbare Beziehung zur Reformation, wenn er
auch dem deutschen Humanismus der Reformationszeit in
Erasmus einen der größten Söhne des Landes geschenkt hatte.
Er war höchstens in gewissem Sinne mit das Erzeugnis der
vollendeten calvinistischen Reformation, und darum war er
auch ganz vornehmlich in den nördlichen Niederlanden zu
Hause. Im übrigen wurde er groß erst in der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts, als die Herrschaft des Protestantismus
im Norden fast schon entschieden war, und triumphierte, un⸗
gehindert vom Calvinismus, in der ersten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts. Und er beschränkte sich dabei, ein Erzeugnis der Laien⸗
kultur, keineswegs auf die gelehrte Welt, so sehr die philo—
logischen Methoden entwickelt wurden. Er ging vielmehr ins
Leben der nationalen Dichtung über: leise entstand, mit Vondel
als schöpferischem Haupt und Vossius wie Heinsius als Theo⸗
retikern, eine erste große nationale Renaissancedichtung diesseits
der Alpen, die für Binnendeutschland von größerem Einfluß
gewesen ist als jemals die Poesie der italienischen Renaissance.

Wenden wir uns aber den vornehmlich italienischen künstle⸗
rischen Einflüssen der Renaissance auf die Kultur des deutschen
Gesamtgebietes zu, so ist es nach dem Verlaufe der humanistisch⸗
literarischen Rezeption begreiflich, daß sie in Binnendeutschland,
getragen durch diese schon im 15. Jahrhundert einsetzende
Rezeption, früher und in längerer Dauer auftraten, während
sie in den Niederlanden zwar auch schon in den ersten beiden
Dritteln des 16. Jahrhunderts vorhanden waren, doch aber
erst im letzten Drittel des 16. und vornehmlich in der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts unter dem Eindrucke der großen
literarischen Renaissance eine erhöhte Bedeutung gewannen.
        <pb n="32" />
        Übersicht der fremden Lultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 18
Im 185. Jahrhundert hatte Deutschland und hatten ins—
besondere die Niederlande in dem weitn Reiche der bildenden
und darstellenden Künste ihrerseits Italien noch mehr befruchtet,
als von ihm empfangen: vlämische Bilder waren in Italien
weithin verbreitet und zieren noch heute die Museen und Biblio⸗
theken des Landes, und vlämische Musik ist noch tief bis
ins 16. Jahrhundert hinein in Italien erklungen. Aber mit
dem Beginn des 16. Jahrhunderts änderte sich das: unauf—
haltsam drang von nun ab die italienische Kunst nach
Norden.
Den Reigen führte die bildende Kunst und in ihr wieder⸗
um das Ornament und die gemalte Architektur und architek⸗
tonische Umrahmung. Beide gelangten schon um 1500 stärker
über die Alpen, und demgemäß nahm zunächst das Kunst—
gewerbe, namentlich auch die polygraphische Technik, die neuen
Formen auf. Ihnen folgte dann die Plastik nach, insofern sie
unselbständig verzierte und volle freie Schöpfungen vermied,
und dieser endlich die große Kunst der Malerei und Architektur.
Die Malerei fand dabei stärkere heimische Widerstände in
Binnendeutschland, wo damals die gewaltige Kunst eines Dürer
blühte, während die niederländische Kunst nach einer Höhezeit
ohnegleichen während des 15. Jahrhunderts eben im Nieder—
zange begriffen war; und so kann man die stärkeren italienischen
Einflüsse auf diesem Gebiete in den Niederlanden schon um
1520, in Binnendeutschland erst um 1530 studieren. Aber
freilich blieb dann in Binnendeutschland der italienische Ein—
luß maßgebend, bis er von dem niederländischen abgelöst
ward, während in Flandern und Holland von dem Augenblicke
ab, da die Malerei die führende Rolle in der deutschen bilden⸗
den Kunst zu gewinnen begann, seit etwa dem letzten Viertel
des 16. Jahrhunderts, der italienische Einfluß immer mehr
zurückgedrängt wurde; das letzte große Ereignis in seiner Ge—
schichte ist Rubens' Reise nach Jtalien (im Jahre 1600) ge⸗
wesen.

S. zu alledem Bd. VI, S. 297 ff.
        <pb n="33" />
        Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Anders verlief die Entwicklung für die Baukunst. Hier
steigerten sich die Einwirkungen im allgemeinen bis zu der Zeit,
da, etwa um 1680, die Malerei die führende Rolle an die
Architektur abgab: bis von da ab vornehmlich, ja bald fast aus—
schließlich französische Einflüsse einsetzten.

Am frübhesten erschien die italienische Architektur in
Binnendeutschland; es sind hier bauliche Denkmäler seit etwa
1515 vorhanden, wenn sie auch noch keine konstruktive Durch—
bildung im Sinne der Renaissance zeigen. Dann folgten seit
etwa 1530 Bauten italienischer Meister im Süden, namentlich
in Osterreich, und im ehemals slawischen Osten, und seit der
Mitte des Jahrhunderts gesellten sich zu ihnen zahlreiche
Renaissanceentwürfe einheimischer Meister in denselben Gegen—
den und auch an anderen Orten, vor allem in den Reichs—
städten. Und nun begann, zur selben Zeit etwa, eine
Renaissancearchitektur auch in den Niederlanden, wobei es im
Norden zu der stark abweichenden Ausbildung des Backhaustein⸗
stils kam. Und wie hier, so zeichnet sich Holland auch fürder—
hin in der Rezeption der wechselnden Stadien der italienischen
Architekturentwicklung bald durch Entschiedenheit, bald durch
Selbständigkeit der Aufnahme aus. Während in Binnen—
deutschland und Flandern im allgemeinen das italienische Barock,
das sich seit dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts ent—
wickelt hatte, nachgeahmt wurde, recht früh in Flandern, dann
seit etwa 1620 in sterreich, endlich seit etwa 1650 auch in
Mitteldeutschland, führte Holland, indem es auf Grund seiner
neu emporblühenden literarischen Renaissance die reineren Formen
der Antike bevorzugte, seit etwa 1680 die Bauweise des
Palladio ein, die sich dann von hier im Verlaufe der nächsten
zwei Menschenalter fast über das ganze protestantische Nord—
deutschland verbreitete.

Inzwischen aber war nach der Aufnahme der bildenden
Kunst auch die der Musik Italiens gefolgt. In Ode und
Madrigal zur Kunstmusik entwickelt, begann diese seit etwa 1560
die europäische Welt zu beherrschen, während die niederländische
        <pb n="34" />
        Übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 15
Musik um die Mitte des Jahrhunderts die letzte Zeit ihrer
Blüte erlebt hatte. Dem Madrigal und dem Oratoxium folgte
dann in Italien seit etwa 1600 die Entwicklung der Oper; und
um 1630 finden wir diese in Deutschland vorübergehend, seit
etwa 1660 in voller Ausbildung wieder.

Zur gleichen Zeit, da der Einfluß der Musik größere Aus—
dehnung gewann, setzten auch wissenschaftliche Einwirkungen von
Italien her ein: so solche der Ingenieurkunst, die schon lange
als die erste der Welt galt und allgemein angewandt wurde,
dann auch anderer naturwissenschaftlicher Disziplinen bis zu den
gewaltigen Entdeckungen Galileis; und dem Einfluß Campa⸗
nellas auf Descartes siellte sich später derienige Giordano Brunos
auf Spinoza zur Seite.

Aber läßt sich auf gelehrtem Gebiete eigentlich von Kultur—
einflüssen im gewöhnlichen Sinne des Wortes reden? Die
Wissenschaft ist eins, und es versteht sich von selbst, daß in
einem geographisch und geschichtlich so zusammenhängenden
Bereiche wie demjenigen West⸗ und Mitteleuropas ein ständiger
Austausch ihrer Errungenschaften stattfindet. Für Italien aber
zeigt die gegen das 17. Jahrhundert zunehmende Bedeutung
des Austausches gerade auf diesem Felde, um wie vieles das
Leben im Lande der Kunst ernster geworden war ; nicht mehr
so sehr die heiteren Gebilde der Phantasie — auch in der
Musik handelte es sich zum guten Teil schon um Kirchen⸗
musik — wie vielmehr die ernsten Schöpfungen hervorragender
Kraft des Verstandes erhielten seinen Ruhm in der Fremde.

In der Tat erschien Italien seit dem Sacco di Roma,
seit seiner Hispanisierung und der Gegenreformation sowie seit
dem Übergange des Welthandels an die atlantischen Küsten in
seinem Charakter wesentlich verändert. Vor allem war das
Rom des 17. Jahrhunderts nicht mehr die freie Renaissance⸗
stadt Julius? II. Und auch Venedig, das dem Deutschen des
16. Jahrhunderts noch so gern als das Paris seiner Tage
erschienen war, und das noch bis in die zweite Hälfte des
17. Jahrhunderts hinein von deutschen Fürsten — katholischen
        <pb n="35" />
        16 Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
wie protestantischen — gern besucht wurde, begann schon hippo—
kratische Züge zu zeigen; zudem lag es an den Grenzen des
Landes und bewahrte dem übrigen Italien gegenüber wie von
jeher, so jetzt erst recht stolzen Sinnes eine Sonderkultur, die
es allein geschaffen hatte.

Indem aber diese Wandlungen eintraten, verlor Italien
gerade nach den Seiten hin, für die es bisher maßgebend
gewesen war, einen großen Teil der Exportfähigkeit seiner
Kultur. Zwar herrschte italienischer Einfluß noch im Beginne
des 17. Jahrhunderts vornehmlich unter Deutschen, denen der
italienische Charakter der anmutendste und kongenialste der
romanischen Volkscharaktere ist; noch um 1610 bis 1620 gab
es in Binnendeutschland Fürstenhöfe, die einen ganz italienischen
Eindruck machten, und um dieselbe Zeit flackerte in der Tracht
noch einmal die italienische Mode als allgemein verbindlich auf.
Allein bald darauf sah man den großen Zusammenhang der
früheren italienischen Einwirkungen schwinden. Es blieb wohl
einzelnes erhalten: italienische Musik, italienische Baukunst sind
weiter gepflegt worden, und die italienische Malerei brachte es
später, seit dem Niedergange der großen niederländischen Kunst,
sogar noch einmal zu bewundernder Anerkennung. Aber von
einem italienisierenden Charakter der deutschen Kultur als
Ganzem konnte gleichwohl nicht mehr die Rede sein; Zeiten
dieser Art waren seit etwa 1620 unwiederbringlich dahin, und
niederländischer und bald französischer Einfluß haben seitdem
den italienischen überwogen. —

Die Geschichte der niederländischen Einflüsse kann hier kurz
gefaßt werden. Einheimischen Charakters, ist sie mit den
Schicksalen der Nation nach Ursprung wie Wirkung aufs
innigste verwebt und daher an mancher Stelle einer Dar—
stellung dieser Schicksale überhaupt schon verfolgt worden!.
Hier kann es sich daher nur um eine eng begrenzte chrono—
logische Umschau handeln.

Man ogl. in dieser Hinsicht namentlich schon Bd. VI, passim.
        <pb n="36" />
        Überficht der fremden Lultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 17
Der niederländische Einfluß war an sich nicht einheitlich;
volämische und nordniederländische Entwicklungen durchdrangen
sich in ihm und lösten sich vielfach untereinander ab. Die
Jahre 1500 bis 1580 etwa umschlossen, während der Norden
noch verhältnismäßig unbedeutend war, die letzte große Periode
einer vollständigen vlämischen Kultur; ihr gegenüber erschienen
die Zeiten eines Rubens nur noch in einseitiger Blüte ent⸗
wickelt. Freilich dauerten auch in ihnen vlämische Einflüsse
nach Binnendeutschland noch fort, wie sie denn keiner großen
Zeit auch des Mittelalters, weder dem 10. und 11., noch dem
12. und 183., noch endlich dem 15. Jahrhundert und eigentlich
auch keinem Jahrhundert der neueren Zeiten, bis hin auf
Gallait und Bièfve und Maeterlinck und van der Velde gefehlt
haben; doch bewegten sie sich immer ausschließlicher nur noch
auf dem Gebiete der bildenden Künste und kamen, wenigstens
von der ersten Hälfte des 16. bis zu der des 19. Jahr—
hunderts, vornehmlich nur noch dem katholischen Deutschland
zugute.

Inzwischen aber war eine weit gewaltigere niederländische
Kultur im Norden des Rheindeltas erwachsen; und in der
großen Anfangszeit der Jahre 1560 bis 1620 etwa hatte sie
sich bereits auf allen Gebieten geregt, um dann in den Zeiten
ihrer Höhe, von 1620 etwa bis 1660, ebenso allseitig weiter⸗
zugedeihen und, teils in den Formen einer ersten germanisch⸗
klassischen Renaissance, teils in denen einer Fortbildung von
Denken und Wissenschaft zu ersten selbständigen Systemen
moderner Geistesarbeit, das innere Deutschland ziemlich allseitig,
vornehmlich freilich in seinen nördlichen, protestantischen Ge—
bieten zu befruchten. J

Diesen allgemeinen Züůgen entsprechend läßt sich vlämischer
Einfluß in der Malerei während des ganzen 16. und 17. Jahr⸗
hunderts, in der Architektur seit etwa 1860 auf kürzere Zeit
am Rhein und im Nordosten, in der Plastik seit der Mitte des
16. Jahrhunderts bis in die dreißiger Jahre des 17. Jahr⸗
hunderts ziemlich allgemein wahrnehmen. Inzwischen aber
hatte die nordniederländische Kunst in der Architektur seit etwa

Lambrecht, Deutsche Geschichte Vuin 2
        <pb n="37" />
        18 Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
1600 vor allem in Norddeutschland Fuß gefaßt, und ihr folgte
nicht ganz ein Menschenalter später der gewaltige Einfluß der
Malerei, die nun schon längst zur führenden Kunst geworden war;
und schließlich wurde auch die holländische Plastik in der Aus—
bildung, die sie nach ursprünglichem Realismus unter dem
Einflusse einer palladiesken Baukunst erhalten hatte, in Deutsch—
land, vornehmlich im Norden, hochgeschätzt. Parallel aber mit
dieser Machtentfaltung der bildenden Kunst ging die der Poesie;
die Theorie der Renaissancedichtung wurde während der ersten
Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts in Deutschland wenigstens
zum Teil von Holland aus eingeführt; und neben Quellin den
AÄlteren, Jakob van Kampen und Rembrandt, die großen
Lehrmeister der Bildner, Baumeister und Maler, stellte sich
das dichterische Vorbild Vondels. Es war die Zeit, in der
auch die Philologie und Altertumswissenschaft und etwas später
die Naturwissenschaften und die Philosophie Hollands in
Deutschland zu wirken begannen. Jetzt drang das natürliche
Denken von hier aus ins Binnenland, die naturwissenschaftlichen
Kenntnisse der holländischen Festungsingenieure und die Unter—
suchungen eines Stevinus verbreiteten sich, in Fragen des
Handels begann man in Deutschland statt nach Venedig nach
Amsterdam, in Fragen des Gewerbes statt nach Mailand nach
Leiden zu blicken; die Naturrechtslehre des Grotius nahm die
Geister ein, und das Denken des Descartes befruchtete wie
Holland und Frankreich so auch das innere Deutschland. Es
war eine unvergleichliche Stellung des niederländischen Nordens,
die sich für die Kunst durchweg bis zum letzten Viertel des
17. Jahrhunderts und teilweise noch länger erhielt, und die
auf wissenschaftlichem Gebiete im allgemeinen bis ins 18. Jahr⸗
hundert währte; damals wirkten in Holland noch die ersten
Philologen und Staatsmänner, Naturgelehrten und Mediziner,
und noch Haller ist nach Leiden gezogen, um zu Boerhaaves
Füßen zu sitzen.

Allein der Haupteinfluß auf die binnendeutsche Kultur war
inzwischen, etwa seit den siebziger Jahren des 17. Jahr⸗
hunderts, auf die Franzosen übergegangen. Es war eine Folge
        <pb n="38" />
        übersicht der fremden Lultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrhh. —19
ebenso des politischen Übergewichts Frankreichs, wie einer schon
seit dem 16. Jahrhundert vorbereiteten glänzenden Entwicklung
der Kultur. Dabei ging der französifche Einfluß schließlich
weit mehr, als das bei anderen fremden Einwirkungen der
Fall gewesen war, über die bloße Einfuhr vereinzelter Kultur—⸗
elemente hinaus und erreichte schließlich fast die volle Auf⸗
nahme seiner Bildungsideale wenigstens im inneren Deutsch⸗
land.

III.
Die französische Kultur hatte in der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts eine Blüte erlebt, der gegenüber die Bil—
dungen des Zeitalters Ludwigs XIV. von einem gewissen
Standpunkte aus fast als ärmlich und konventionell bezeichnet
werden können. Sieht man auch vom Aufschwunge der Künste
und der Dichtung und dem vielgestalteten Leben auf religiös⸗
kirchlichem Gebiete ab, — welcher Reichtum großer Namen allein
der Wissenschaft! Da stehen neben den Philologen Stephanus,
Scaliger und Casaubonus die Juristen Budäus, Pithöus,
Hotomannus, Gothofredus, und die Philosophen und Welt—
weisen bilden von Ramus über Montaigne und Charron bis
auf Descartes eine Reihe fast ohnegleichen.

Allein diese Kultur, vornehmlich doch eine solche der
Geisteswissenschaften, hat nach außen nicht allzusehr und vor
allem nicht ihrem innersten Kerne nach eingewirkt, so stark
auch von ihr, wie sie wesentlich hugenottisch war, die cal—
vinistischen Niederlande beeinflußt wurden; gehörten doch Männer
wie Descartes oder Scaliger den Niederlanden mindestens
ebensosehr an als Frankreich. Vielmehr ging die Einwirkung
Frankreichs nach außen hin schon damals vornehmlich von einer
anderen Seite aus: sie war geknüpft an die Bildung eines neuen
gesellschaftlichen Lebensideals, des Ideals des Weltmanns, des
homme du mondo.

Die Ausbildung dieses Ideals führt an den Hof; und
vielleicht darf man es in dieser Luft bis in die Zeit und die
        <pb n="39" />
        20 Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Umgebung der burgundischen Fürsten des 15. Jahrhunderts
zurückverfolgen!. Seine ersten festen Wurzeln aber schlug es,
in Anlehnung wohl an das italienische Ideal des Gentiluomo,
am Hofe Ludwigs XI. und namentlich Ludwigs XII., unter
welchem Hof und Heer mehr als früher hervorzutreten begannen.
Selbständiger und wahrhaft französisch entfaltete es sich dann
in den glänzenden Festen des ritterlichen Königs Franz J. Und
seit den letzten Zeiten König Franzens begann es sich über Europa
zu verbreiten.

Für das anfängliche Verhältnis der deutschen Höfe zu
dieser Kultur und zu diesem neuen Ideal ist es bezeichnend, daß
unsere Fürsten noch in den dreißiger Jahren des 16. Jahr⸗
hunderts an den französischen Hof jeder in dem Deutsch seines
Landes schrieben; Franz hielt damals noch einen Dolmetscher,
der diese Schriftstücke erst ins Gemeindeutsche, dann ins Fran⸗
zösische zu übersetzen hatte. Im Jahre 1613 dagegen ver—
breiteten pfälzische Diplomaten in Deutschland eine Denkschrift
über den Reichstag zu Regensburg in französischer Sprache.
Die zwischen diesen Daten liegenden zweieinhalb Menschenalter
bilden die Zeit zunehmenden französischen Einflusses und ein—
dringender französischer Gesellschaftsideale zunächst an den
deutschen Höfen. Man beobachtet, wie zunächst der pfälzische
Hof, von dem aus schon im Jahre 1502 der Kronprinz Ludwig
zur Erziehung nach Paris gesandt worden war, französisch
wird; ihm folgen dann, zum Teil unter dem Einflusse der
französisch-burgundischen Hofhaltung Karls V., schüchtern
einige andere rheinische und süddeutsche Höfe. Darauf ver—
—D
fürstliche Räte französisch, und einzelne deutsche Fürsten be—
ginnen französisch zu korrespondieren, vornweg wiederum die
Pfälzer.

Es war die Zeit, da der Einfluß des französischen Cal—
vinismus dem des königlichen Hofes zur Seite trat; seiner

Bgl. hierzu und zum Folgenden Steinhaufen in Zeitschr. f. vergl.
Literaturgesch, N. F. 7, 349 ff.
        <pb n="40" />
        Übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 21
ersten Einführung in die Pfalz (1562) folgten die Siege in
Bremen, in Nassau, in Hessen, in Anhalt, in Brandenburg und
in den Herzogtümern der schlesischen Piasten; und überall
kamen sie der französischen Kultur zugute. Das um so mehr,
als sich der reformierten Konfession ganz allgemein zugleich der
Fortgang der Wissenschaften, wenigstens der Geisteswissen⸗
schaften, anschloß. Damals verfiel Wittenberg als Universität:
und der geistige Primat ging auf Heidelberg und Straßburg,
das 1621 Universität geworden war, über, auf Hochschulen und
Bildungszentren im Westen, an denen vielfach Franzosen lebten
und wirkten.

Gleichwohl blieb französische Bildung im 16. Jahrhundert,
neben den unvermeidlichen Überstrahlungen an den Grenzen,
besonders im Elsaß, Eigentum nur einer ganz bestimmten An—
zahl von Fürstenhöfen; um 1600 wurde sie besonders in
Württemberg und in der Pfalz, in Hessen und in Anhalt ge—⸗
pflegt. An diesen Höfen ging vor allem die Korrespondenz
nun ganz an die fremde Sprache über; die Prinzessin Elisabeth
von Hessen schrieb ihrem Vater schon als siebenjähriges Kind
französische Briefe. Allein neben diesen Höfen gab es doch,
und namentlich im Norden, noch eine weit überwiegende An⸗
zahl ganz oder fast ganz deutscher: so in Braunschweig, Sachsen,
Brandenburg und Pommern; und im Süuden und Südosten
hielt sich immer noch die Pflege des Italienischen. Wie sehr
selbst an den französischen Höfen noch Italienisch, bisweilen
auch Spanisch, gelegentlich, wie z. B. in der Pfalz, selbst
Englisch getrieben wurde, zeigt wohl kein Beispiel besser, als
das von Hessen. Hier begründete Moritz im Jahre 1599 zu
Marburg das 1618 nach Kassel verlegte Collegium Mauricianum
als eine Schule, in der neben den alten auch die romanischen
Sprachen gelehrt werden sollten, und fand in den bewegten
Jahren seiner Regierung noch Zeit, ein französisches Dictionnaire
zu verfassen, während seine Tochter Elifabeth einen Conta⸗
rinischen Schäferroman ins Deutsche und Lobwassersche Psalmen
ins Italienische übersetzte, sowie Madrigale und Kanzonen
dichtete nach der Weise Petrarcas. Man sieht: es lief bei
        <pb n="41" />
        22 Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
solchen Bestrebungen an manchen Höfen noch ein gut Stück
bürgerlicher Vielwisserei und eine gewisse Art gelehrter Viel—
geschäftigkeit mit unter, ein Zug, an den auch der Wiener
Kaiserhof erinnert: hier waren z. B. Kaiser Ferdinand II. und
die Erzherzöge Mitglieder italienischer Akademien, in denen
Generale wie Montecuculi italienische Dichter erklärten.

In der Natur der Sache aber lag es, daß diese fremde
Bildung, die im Herzen Deutschlands doch immer mehr fran—
zösisch wurde, nicht bloß auf die Höfe beschränkt blieb; den
Höfen folgte vielmehr, wenn auch zunächst nur in geringer
Zahl und in starkem Abstand, der Adel. Doch konnte schon
Fischart von seinem südwestdeutschen Standpunkte aus von
„unseren frantzösischen Hofleut“ reden; und seit dem letzten
Viertel des 16. Jahrhunderts halfen die „frantzösischen“
Fürsten der langsamen Bewegung durch Ritterakademien nach,
welche Beamte und Höflinge nach dem Muster des homme du
monde zu bilden hatten. So stiftete Friedrich III. von der
Pfalz 1575 die Akademie zu Selz, Friedrich von Württemberg
1598 das Kollegium zu Mömpelgard, Moritz von Hessen 1599
das Kollegium zu Marburg. Und diesen Bestrebungen kam
auch die Mode der Kavalierstour vornehmlich nach Frankreich
seit etwa Anfang des 17. Jahrhunderts zugute.

Im ganzen entsprach gleichwohl alledem noch lange Zeit hin—
durch kein allgemeiner Einfluß französischer Kultur. Noch immer
blieb namentlich von der Rezeption ausgeschlossen, was nicht in
genauerer Verbindung mit dem weltmännischen Lebensideale stand.
So hat vor allem, wie schon bemerkt, der Aufschwung der
französischen Wissenschaften in der zweiten Hälfte des 16. Jahr⸗
hunderts nur in den Niederlanden Eindruck gemacht, wenn auch
Deutsche seit etwa 15060 zahlreicher in Paris studierten; und
noch weniger kann man in dieser Zeit von einer Rezeption der
bildenden Künste Frankreichs für irgend einen Teil deutschen
Bodens reden. Viel wichtiger dagegen war für Deutschland
die französische Musik, wenigstens soweit sie religiös-calvinischen
Charakters war — doch wurden auch Gaillarden und verwandte
        <pb n="42" />
        Übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 28
„Frankreichische Gesenglein“ aufgenommen —, und vor allem
die Literatur. Die Literatur schon deshalb, weil sie wenigstens
zum Teil der Ausdruck des höfischen Lebensideals war. In
diesem Zusammenhange gelangte namentlich die längere fran—
zösische Erzählung mit eingestreuten lehrhaften Partien, der
Roman, in Deutschland zur Wirkung. Romane wurden be—
sonders seit den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts in
immer steigender Anzahl importiert. Die Amadisromane ge⸗
fielen dabei besonders2; enthielten sie doch in der Anwendung
auf die Romanfiguren das ganze Gesetzbuch französisch-höfischen
Anstandes; und 1597 konnte ein besonderes Werk erscheinen,
die „Schatzkammer schöner zierlicher Oratorien“ u. s. w., in
dem das gesellschaftlich Lehrhafte aus 24 solchen Amadis⸗
romanen in bequemem Auszug vorgetragen wurde. Was wollte
gegenüber der Wirkung solcher Bücher der Einfluß der ernsten
französischen Lyrik und der französierten Gesetze der italienischen
Renaissanceliteratur besagen? Erst spät, und dann zum Teil
unter niederländischer Vermittlung, find fie für Deutschland
wichtig geworden.

Und so darf man, was aus Frankreich im Verlaufe des
16. Jahrhunderts und auch noch vieler Jahrzehnte des
17. Jahrhunderts nach Deutschland gelangte, doch eigentlich
nur der Vorgeschichte der späteren allgewaltigen franzoͤsischen
Wirkungen zuzählen; längst hatte Frankreich Westeuropa, vor
allem England, ja auch Italien, wo man schon im 16. Jahr⸗
hundert gegen die französische Mode ankämpfte, aufs stärkste
beeinflußt, ehe es seine Herrschaft im deutschen Osten antrat.

Die Voraussetzungen für deren Entwicklung aber waren
doppelter Art: es bedurfte vorher des Verfalls der bürgerlichen
Führung der deutschen Kultur, die ihrem ganzen Wesen nach
dem Ideal des homme du monde fernstand, und damit des
Ubergangs dieser Führung auf die Fürsten, den Adel, die
Höfe; und es bedurfte eines höheren Aufschwunges des franzö—

S. Bd. VI, S. 283 ff.
        <pb n="43" />
        Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
sischen Gesellschaftsideals selber. Beides trat seit der Mitte
des 17. Jahrhunderts ein.

Während Deutschland die furchtbare Zeit des Dreißig—
jährigen Krieges erlebte und nur die Niederlande und teilweise
die Nordseeküste noch bessere Tage sahen, ging Frankreich der
Zeit seiner vollsten Blüte entgegen. Vor allem wurde jetzt
Paris mehr als je geistiger Mittelpunkt des Landes, eine Folge
des Aufschwungs der zentralisierenden Monarchie seit Ausgang
der Religionskriege. Um 1629 wurde die Einwohnerschaft der
Stadt schon auf 800 000 Seelen geschätzt; Straße auf Straße
wuchs empor; im Innern der Stadt bewegten sich 12000
Karossen; und der Faubourg St. Germain am linken Seine—
ufer begann mit seinen aneinandergereihten Palästen schon das
besondere Viertel der Vornehmen zu werden. Es war die Zeit,
da Richelieu die Nation beherrschte und, indem er mit un—
ermüdlichem Geschäftseifer und allgegenwärtigem Spürsinn ein
harmonisches Ideal französischen Lebens formte, seine Landsleute
im großen wie im kleinen zum Fortschritte zwang. Damals be—
gann die Sprache als nationales Kunstwerk begriffen zu werden;
ihr Schärfungsprozeß zu jener Geschliffenheit begann, die bald
zu einem Wunder der Welt wurde. Damals stellte Balzac im An⸗
schluß an die Klassizität Ciceros die Erfordernisse des akademischen
Stiles fest, und das Drama wurde durch Corneille und Racine
zu innerer Einheit und ideenreicher Geschlossenheit ausgebildet.
So stieg die Literatur über die Nachahmung der Spanier empor,
bis Boileau die Gesetze ihrer klassischen Renaissance vollendet
aussprach. Und gleichzeitig entzog sich die bildende Kunst der
Nachfolge der Italiener. Levau und Frangois Mansard gaben
der Architektur Ruhe, Einfachheit, klare Motive, kühle Ver—
ständigkeit; Nicolas Poussin und Simon Vouet gewannen aus
der nüchternen Abstraktion der Gesetze der italienischen Malerei
eine Erkenntnis, von der her sie unter Anlehnung an die Antike
einen neuen Stil schufen. Auch auf dem Gebiete der bildenden
Künste begann damit eine neue Renaissance, die Renaissance
der Franzosen.
        <pb n="44" />
        Übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 25
Und Hand in Hand mit ihr erwuchs als Voraussetzung
wie Folge ein verändertes gesellschaftliches Dasein der höheren
Schichten, des Adels vor allem und ves Hofes: Wohl ent—⸗
zückte den Adel im Sommer noch das Leben in Feld und
Wald, aber wenigstens der Winter wurde immer mehr in
stüdtischem Treiben zugebracht. So war er den schönen Künsten
und der Dichtung, aber auch der Kunst der gesellschaftlichen
List und Intrige geweiht. Und in dem geschlossenen Dasein
des städtischen Palastes begann die Frau zu herrschen, gewann
das Weibliche, das Intime Gewalt. Der Begriff des Salons
entwickelte sich, Esprit wurde zum Nerv der Unterhaltung, und
unzertrennlich verquickten sich Lebensernst und gesellige Heiter—
keit. Das Dasein erhielt den Charakter eines Kunstwerkes, wie
einst in den schönen Zeiten des Rittertums ; aber keineswegs
mehr trug es dabei den abenteuerlichen, ins Weite lockenden
Zug dieser längstvergangenen Zeit; ins Engere zog es sich; die
Feinheit der Durchbildung des Einzelnen ging über alles: keine
scharfe Eigenart, innere Vollendung vielmehr nach den Maßen
der gegebenen Verhältnisse war die Losung.

In die werdende Bildung dieses Lebens trat die Monarchie
des Sonnenkönigs ein. Was gesellschaftlich begonnen war, im
Sinne strengster höfischer Zentralisation ward es vollendet.
Nun wurde der Hof zum Mittelpunkt der aufgesammelten
geistigen Bestrebungen, zur Quelle des Geschmackes, zum Horte
der Wissenschaft. Aber dieser Hof war derselbe, der in ernstester
Arbeit die natürlichen Hilfsmittel des Landes entwickelte, In⸗
dustrien schuf und den Handel vermehrte, — und diese Monarchie
war die des großen Eroberers an fast allen Grenzen des Landes,
des Herren und Meisters der europäischen Politik.

Wahrlich, ein berückendes Bild allseitiger Größe! Wie
hätte es auf die deutschen Zeitgenossen nicht wirken sollen, die
Epigonen der trübseligen Geschlechter des Dreißigjährigen Krieges!
Völlig und in ieder Hinsicht wurde diese Kultur, wurde das
ihr zugrunde liegende Ideal von den deutschen Fürsten und
Adligen, jetzt den gesellschaftlich herrschenden Klassen, bewundert,
        <pb n="45" />
        26 Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
nachgeahmt und nacherlebt. Jetzt war es nicht mehr bloß der
pfälzische Hof, der unter dem trefflichen, jovialen Karl Ludwig,
dem Vater der Liselotte von Orleans, französischem Einfluß
Bahn brach: immer allgemeiner wurde die Nachahmung des
französischen Wesens; am braunschweigisch-hannoverschen Hofe
fand es bald darauf eine mächtige Stütze auch in Norddeutsch—
land, und die Vorboten der Zeit stellten sich ein, die der Anti—
macchiavell Friedrichs des Großen mit den Worten geschildert hat:
„Il n'y a pas jusq'au cadet d'une ligne apanagée, qui ne
s'imagine d'ôtre quelque chose de semblable à Louis XIV;
il bätit son Versailles, il a ses maitresses et entretient ses
armées.“
Dabei griffen, eben weil Hof und Adel die Nation sozial
beherrschten, die fremden Einflüsse allmählich beträchtlich tiefer.
Moscherosch spricht in seinen „Gesichten“ schon ganz allgemein
von den „neusüchtigen Teutschlingen“; wollte man deren Herz
öffnen, „man würde augenscheinlich befinden, das Funffachtheil
derselben Frantzösisch, Ein achtheil Spanisch, Ein achtheil Ita⸗
liänisch, Ein achtheil doch nicht wohl Teütsch daran solte gefunden
werden.“ Und an anderer Stelle meint er, den meisten Deutschen
gelte Paris als eine kleine Welt, als das Compendium orbis
terrarum, als abrégé du Monde.

War damit dem französischen Einfluß eine beinahe un—
begrenzte, wenn auch von Vaterlandsfreunden immer und
immer wieder beklagte Aufnahmefähigkeit gesichert, so ergoß sich
nunmehr die französische Kultur in allen ihren Bildungen durch
die gestürzten Schranken.

Zunächst trat da ein Zusammenhang auf, der sich in
keiner der früheren Rezeptionen auch nur annähernd so deutlich
gezeigt hatte. Diese waren durchschnittlich und vornehmlich
Aufnahmen geistiger Errungenschaften gewesen; der halb
kommunistische Charakter alles geistigen Eigentums hatte sich in
ihnen offenbart; recht eigentlich waren da die Gedanken zollfrei
gewesen. Jetzt trat neben den geistigen Import der materielle:
massenhaft wanderten französische Industrieartikel ins deutsche
Land; es war nicht mehr der gewohnte Handelsverkehr im
        <pb n="46" />
        Übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 27
Austausch von Platz zu Platz und von Land zu Land, es war
eine einseitige Überschwemmung mit französischen Fabrikaten.
Und wie wurden diese Fabrikate gekauft! „Die Uhren gehen
beßer,“ sagt Johann Jakob Becher in seinem politischen Dis⸗
kurs vom Jahre 1668, wann sie die Teutsche zu Pariß ge—
macht haben, als wann eben selbige Meister solche zu Augs—
burg gemacht hätten; dann die Luft allda ist besser darzu; ihre
Spiegel seind heller als die Venetianische; ihre Weiber Auff—⸗
sätz, Garnitur, Bänder, Ketten, Perlen, Schuh, Strümpffe,
endlich gar die Hemden seynd besser, wann sie die Frantzösische
Lufft ein wenig parfumirt hat (wie wohl ehe ich sie anlegen
thäte, den gutten Geruch erstlich mit Schwefelrauch, als wie
man den Briefen in der Pest thut, vertreiben wolte); man
fährt nicht wohl in den Kutschen, wann sie nicht die Frantzö⸗
sische Mode haben; der Frantzösische Hutstock schicket sich auf
alle Teutsche Köpfe“ u. s. w. Und er berechnet in seinem
patriotischen Schmerze, daß Deutschland an Frankreich jähr⸗
lich mindestens vier Millionen Taler für Industrieprodukte ver—
liere.

Über den Import materieller Güter hinaus ging aber noch
der Import von Sprachgut. War die deutsche Sprache schon
im 16. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts vornehmlich durch das Humanistenlatein verdorben
worden, so daß Klagen über Fremdwörter wie nicht minder
über die Latinisierung der Eigennamen schon früh erschollen waren
und bereits 1571 ein erstes Fremdwörterbuch hatte erscheinen
müssen, so trat jetzt eine förmliche Französierung des Deutschen
nach Satzbau wie Wortschatz ein; Lauremberg hat später geradezu
von „französischem Düdsch“ gesprochen; Lessing noch schreibt
in seiner Jugendzeit sein Deutsch nach nicht wenigen Regeln
der französischen Sprache und bedient sich selbst in der „Emilia
Galotti“ noch einer Sprache, die von Gallizismen wimmelt,
und selbst in der Sprache des jungen Schiller ist noch der
Einfluß des Französischen merkliche Vor allem aber Hurde

Schon zur Zeit des Westfälischen Friedens gilt ein Satz wie der folgende
        <pb n="47" />
        28 — Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel. n
diese Sprache je länger je mehr auf den verschiedensten Ge—
bieten als Ausdrucksmittel überhaupt eingeführt: in der
Diplomatie, in der Kriegskunst, teilweise in den Wissenschaften,
trotz des Lateins, und schließlich in der höheren schriftlichen
Unterhaltung überhaupt. Namentlich die Briefsprache des
Adels wurde seit Mitte des 17. Jahrhunderts ganz allgemein
französisch; um 1700 ging das auch auf bürgerliche Kreise
über, und 1730 konnte die Kulmus an Gottsched schreiben:
„Meine Lehrmeister haben mich versichert, es sey nichts ge—
meiner, als deutsche Briefe, alle wohlgesittete Leute schreiben
Französisch.“ In den bürgerlichen Kreisen ist dieser Brauch
dann seit den dreißiger und vierziger Jahren des 18. Jahr⸗
hunderts langsam zurückgegangen; in den adligen hat er noch
tief bis ins 19. Jahrhundert hinein fortgewährt.

Solche Vorgänge bedeuteten natürlich nichts anderes als
eine gewisse Französierung deutschen Denkens und Empfindens,
deutschen Lebens überhaupt. Kein Wunder daher, wenn sie
von einem vollen Import aller großen Kulturerrungenschaften
Frankreichs begleitet waren; erstaunlich höchstens, daß dieser
Import doch erst verhältnismäßig spät einsetzte.

Entscheidend ist hier etwa' das Jahr 1680. Um diese
Zeit begann neben dem französischen Bildungsideal im all—
gemeinen zunächst der französische Baustil einzudringen, doch
geschah das noch im Wettbewerb mit den Ausläufern des
palladiesken Stils der nördlichen Niederlande; und im Süden
begegnete dem französischen Barock noch ein nicht minder aus—
geprägtes italienisches Barocco. Erst nachdem der französische
Stil seit etwa 1700 Holland erobert hatte, wurde seine Herr⸗
schaft auch auf deutschem Gebiete allgemeiner. Und zu gleicher
Zeit drang denn auch der Stil der französischen Dichtung ein;

als gutes Deutsch: „Ein cavalier ist, welcher ein gut courage hat;
maintenirt sein état und réputation und giebt einen polirten cour
tisanen ab.“ Biedermann 2, 1, 51 Anm. »**). Und die Poetiken
müssen vor Sätzen warnen wie dem folgenden: „Wenn sie wollen dahin
sehen, werden sie mir erweisen den größten Gefallen.“ Borinski, Poetik,
5. 348, Anm. 5.
        <pb n="48" />
        übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 29
ein Canitz, Besser, Wernicke, Neukixch sind schon um 1700 seine
fast absoluten Vertreter gewesen.

Wahrend sich aber die schweren und massigen Einzelelemente
des Kulturzeitalters Ludwigs XIV. in Deutschland immerhin
nur langsam vorschoben, erlebte Frankreich selbst einen be—
deutungsvollen Umschwung seines inneren Daseins. Nach dem
Tode des großen Königs übernahm politisch der ehrgeizige und
sittenlose Herzog von Orleans ein Regiment, das seinen Aus—
druck in den wüsten Spekulationen Laws fand; und künstlerisch
trat an die Stelle der großen Architektur Manfards, Perraults,
Blondels und der ihr zugeordneten Künste in Malerei und
Bildnerei das Rokoko; man löste sich los vom Stile der Antike,
den man noch im Barock besonders versinnlicht zu haben glaubte,
und ging, angeblich über die Alten hinaus, den eigenen Weg
der Commodité, der Bienscance und der Convenance. Es ist
derselbe Zug nur praktischer Forderungen, der auch die Literatur
beherrschte: der klassische Stil der schwungvollen Dramen des
17. Jahrhunderts räumt den Platz; ein kleineres Geschlecht
rüttelt an den Gesetzen Boileaus und unternimmt es, neue, ein—
leuchtendere Prinzipien zu schaffen.

Der Stil der Roͤgence ist in Frankreich bald hart durch
das wachsende geistige UÜbergewicht Englands betroffen worden.
Der unabsehbare Aufs chwung des Inselreichs hatte seit dem revo⸗
lutionären Ringen des 17. Jahrhunderts einen Milton, Algernon
Sidney, Locke gezeitigt; jetzt begann man sie in Frankreich zu
würdigen: der englische Deismus mit der Dreiheit seiner Ideale,
Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, erschien als Allheilmittel gegen—
über der faden Frivolität der Beamten, des Hofes, des Staates,
und Voltaire ward zu seinem begeisterten Propheten.

Auf deutschem Boden hatte man inzwischen die Kunst der
Roͤgence aufgenommen; mehr als das französische Barock hat
sie seit etwa 1720 Epoche gemacht, wenn auch vornehmlich nur
im Profanbau mit dem Zubehör einer Malerei und Plastik, die
zur Architektur jetzt ganz in dienende Stellung gebracht worden
waren; der kirchliche Bau verharrte im Barock, und italienisches
Barock blieb in Osterreich selbst für Profanbauten gewöhnlich.
        <pb n="49" />
        zo

Neunzehntes Buch. Erstes Kapitel.
Minder vollständig war der Sieg der neuen französischen Kultur
auf geistigem Gebiete. Hier drang die englische Literatur, und
namentlich die englische Philosophie, immer stärker auf unmittel—
barem Wege ein, und französisches Denken ward nur insofern,
als es an das englische anschloß, in den freilich weitverbreiteten
Werken Voltaires, Montesquieus und anderer seit dem Ende der
— DDDDDDD

Damit bildete sich denn seit dem dritten und vierten
Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts in Deutschland ein Zustand
heran, in dem von einer ausschließlichen Einwirkung Frank⸗
reichs nicht mehr die Rede sein konnte. Gewiß wogen die
französischen Einflüsse auch jetzt noch ungemein schwer; noch
galten z. B. für die deutsche Dichtkunst die Regeln der franzö⸗
sischen Renaissance; noch hat man selbst jenseits der Mitte des
Jahrhunderts auf deutschen Bühnen mehr französische als
nationale Stücke aufgeführt; und auch in den bildenden Künsten
ist dem Zeitalter des französischen Rokokos noch ein Zeitalter
eines mindestens halb französisch charakterisierten Klassizismus
gefolgt. Allein auf allen diesen Gebieten stritt doch mit der
französischen Einwirkung schon der englische Einfluß, und
zwischen ihrem Ringen bahnte sich eine neue nationale Kultur
lebensfrisch einen Weg voll wunderbarer Verheißungen, bis
Lessing den westeuropäischen Kulturelementen in der Dichtung,
Winckelmann in den Künsten ein Halt gebot.
        <pb n="50" />
        Zweites Kapitel.
Neue Ideale weltmãnnischer und gelehrter Bildung;
ihre Verbreitung in den führenden Schichten der
Fürsten, des Adels und des Bürgertums.

Das neue Zeitalter, das um die Mitte des 18. Jahr⸗
hunderts anbrach, kann, wenigstens in seinen Anfängen, als das
Kulturzeitalter jenes neuen Standes der Bürger bezeichnet
werden, der sich in einem Jahrhundert härtester Arbeit seit
dem Ausgange des Dreißigjährigen Krieges wieder langsam zu
wirtschaftlicher Selbständigkeit herauszuarbeiten begonnen hatte,
um in dem folgenden Jahrhundert der sozialen Autonomie die
politische hinzuzufügen. Das ältere Zeitalter des 16. bis
18. Jahrhunderts dagegen war in den Zeiten, deren Betrach⸗
tung uns hier obliegt, seit dem Ausgange des großen Krieges,
ja schon vor dessen Beginn nicht mehr eine Periode steigender
bürgerlicher Kultur, sondern wachsender Herrschaft der Aristo⸗
kratie, der Fürsten und des Adels.

Es ist nicht nötig, hier der tiefsten Gründe dieses Um⸗
schwunges nochmals eingehend zu gedenken; man weiß, wie
vornehmlich eine gewaltige Wandlung der allgemeinen Verkehrs⸗
beziehungen, die Folge der großen Entdeckungen des 15. und
16. Jahrhunderts, der Anfänge der europäischen Eroberung des
Erdballs, das innere Deutschland aus seinen bisherigen inter⸗
nationalen Zusammenhängen herausriß, während nur die
Niederlande und die Nordseeküste im Gleise der hergebrachten
        <pb n="51" />
        32

Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Entwicklung verblieben, ja eine Beschleunigung über das bis—
herige Zeitmaß ihrer Entfaltung hinaus zu erleben begannen.
Das innere Deutschland aber verödete, und indem die leben—
digsten Impulse seiner wirtschaftlichen Fortschritte hinwegfielen,
sank zunächst seine materielle Kultur auf eine frühere Stufe
ihrer Geschichte zurück: der Verkehr nahm ab oder wenigstens
nicht in gesunder Weise zu, die Industrie, soweit sie Massen⸗
industrie war, entfaltete sich kaum, ländliche Interessen traten
in den Vordergrund. Es waren Veränderungen, die nicht ohne
soziale und politische Folgen bleiben konnten. Die Territorial—
staaten erschienen den Fürsten, entgegen einer schon etwas mehr
staatstheoretischen Auffassung um die Wende des 16. Jahrhunderts,
wiederum mehr als Domänen; nach Art großer Grundherren
verwalteten sie sie, trotz alles Merkantilismus, ja teilweise ge⸗
rade in Ausnutzung merkantilistischen Denkens. Der Adel, im
16. Jahrhundert auf geistigem Gebiete weit durch das Bürgertum
überholt, wagte sich wieder hervor: Bürger und Bauer begannen
zu sinken.

Wie wurde nun' diese Bewegung, wie sie seit spätestens
Mitte des 16. Jahrhunderts in ersten leisen Zügen, doch von
Jahrzehnt zu Jahrzehnt stärker anschwellend hervortrat, durch
die furchtbaren, ein Menschenalter andauernden Kriegszustände
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts beschleunigt! Wie
der Moment eines entsetzlichen Sturzes in Abgrundtiefe nach
längerem Gleiten auf schiefer Bahn erscheint der Dreißig⸗
jährige Krieg in der deutschen Geschichte. Erst diese Jahre
lähmten die produktive Arbeit des Bürgers und des Bauern
völlig, und erst ihre wilden Wirren ließen den Adel von neuem
entscheidend hervortreten. Und bedeutete die ganze Wendung
von einer bürgerlichen zu einer fürstlich-adligen Kultur, wie sie
sichim Verfolge dieser sozialen Verschiebung vollzog, an sich
schon einen Rückschritt und eine Abweichung von der geraden
Bahn hergebrachter Entwicklung, so versteht es sich, in wie
viel grelleres Licht dieser Rückschritt und diese Abweichung
durch die moralischen Folgen eines Kriegszustandes von drei
Jahrzehnten gesetzt werden mußten. In dieser Zeit war vor⸗—
        <pb n="52" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 38
nehmlich in den adligen Kreisen ein Geschlecht aufgewachsen,
das den Frieden nicht kannte und nicht wollte, das nur vom
Außerordentlichen gefesselt ward, dem nichts galt als das Recht
der Stärkeren. Gewaltsam und verlogen, verwildert und ego⸗
istisch, voller Laster und von brutalen Sitten, geistigen Intereffen
nur äußerlich zugewandt, trat es in jenen Frieden ein, den die
stilleren Häuflein frommer Seelen so lange herbeigebetet hatten.
Was konnte ihm dieser Friede sein? Wahrlich nicht eine Zeit
frischen Wettbewerbs und Fortschritts auf neuen Bahnen,
sondern eine Zeit nur unbehaglicher Erinnerung an die kriege⸗
rische Freiheit von ehedem. Und so lebte man auf vielen
adligen Schlössern und Burgen lange noch mehr der Vergangen⸗
heit als der Gegenwart, und die Sorge, den alten Stand zu
„maintenieren“, die alte „Reputation“ zu halten, wurde zum
Daseinszweck.

Aber auch in gewissen bürgerlichen Kreisen, wie unter den
besser denkenden Geschlechtern des Adels, zogen, wenn auch aus
anderen Grunden, verwandte Gefühle ein. Eine Zeit groß⸗
artiger Erweiterung der deutschen Kulturinteressen, das 15.
und 16. Jahrhundert, hatte man hinter sich. Eine Fülle von
Einrichtungen, Anschauungen, Lebensregeln war geschaffen
worden, die der Höhe dieser Kultur entsprachen. Jetzt empfand
man wohl, daß man nicht imstande war, diesen Kreis zu
erweitern. Aber festhalten wollte man seinen Umfang wenigstens
mit der Zähigkeit aller Verfallszeiten. Und so gelangten auch
die Wohlwollenden und Eifrigen vom Adel und von der
Bürgerschaft zu der Auffassung, daß vor allem der „Point
d'honneéur“ zu wahren sei, daß man seinen „Staat halten“
müsse.

Daher das Zeremoniöse und Konventionelle dieser Zeit
neben allem gewaltsam Ausbrechenden, der Philister⸗ und
Pedantenton bei allem Abenteurersinn, das Titelwesen und die
Etikette bei aller Brutalität. Und daher, das charakteristischste
Zeichen vielleicht des ganzen Zustandes, die kleinliche Scheidung
der Stände. Hatte die bürgerliche Entwicklung im späteren
Mittelalter und noch in den ersten Zeiten des 10 Jahrhunderts

Lamprecht, Deutsche Geichichte vn 1. 2
        <pb n="53" />
        2*

Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
auf diesem Gebiete wenigstens für die Städte den Untergang
der alten Schärfen sozialer Trennung und zunächst auch recht—
licher Scheidung der Stände gebracht, war demgemäß, fast
dürfte man sagen unter dem römischen Begriff der Urbanität,
eine führende Schicht freigeistiger und schließlich humanistischer
Bildung erwachsen, so suchte man jetzt wieder die alten Kasten⸗
unterschiede hervor; und der Adel spaltete sich in eine Fülle
von sozialen Nüancen, aus denen man am liebsten nicht bloß
für das Konnubium, sondern auch für das Kommerzium ent⸗
scheidende Folgerungen gezogen hätte. So suchte vor allem die
Reichsritterschaft den Grundsatz der Unebenbürtigkeit gegenüber
dem Landadel aufrechtzuerhalten; und zu dem sozialen Zug
hatten hierauf wohl auch noch materielle Beweggründe Einfluß:
durch das Verlangen einer Zahl von acht oder gar sechzehn
reichsritterlichen Ahnen wollte man sich der Domherrnstellen, der
Stammgüter u. dgl. versichern.

Am verhängnisvollsten aber wirkte der wiederbelebte Kasten⸗
geist auf das gegenseitige Verhältnis der allgemeinen großen
Stände. Denn hier wurden die sozialen Motive durch politische
unterstützt. Es ist bekannt, daß jeder Fortschritt des National—⸗
bewußtseins die Standesunterschiede ausgleicht. Denn wahre
Vaterlandsliebe kann nur fühlen, wer, wenn auch im be—
scheidensten Sinne, zum Herrschen und Mittun berufen ist;
wohlabgestufte politische Rechte innerhalb einer Nation be—
seitigen die trennenden Gefühle der Stände. Bei diesem Zu—⸗
sammenhange läßt sich denken, in welchem Grade der tiefe
Verfall des Nationalbewußtseins nach dem Dreißigjährigen
Kriege auch sozial verhängnisvoll geworden sein muß: sogar
das Gefühl des gemeinsamen Blutes kann man. in einzelnen
Außerungen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ver—
missen.

Am schwersten traf diese Entwicklung natürlich die Bauern.
Gewiß waren für sie, nach dem Verfalle der alten Freiheit,
schon die Revolutionsjahre 1524 und 1525 wenigstens in den
Gebieten des alten Mutterlandes von trauriger Wirkung ge—
wesen; wie teilweis bereits im 15. Jahrhundert so sprach man
        <pb n="54" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 35
nun erst recht von dem groben, hartsinnigen, rüdischen, gröb⸗
lichen, unbrauchsamen, unstetigen, gierigen, lüstigen, freßlichen
Bauern. Aber doch war dieser Bauer, vornehmlich in den
Kolonialgebieten, bis zum Dreißigjährigen Kriege nicht voller
Arbeitssklave geworden. Für Brandenburg liegen noch aus
der Zeit des Krieges zahlreiche Beschwerden des Adels darübe
vor, daß die Bauern schuldige Dienste zu leisten verweigert
haben, und der Adel hatte sich demgegenüber nicht aus eigener
Gewalt geholfen. Nach dem Kriege dagegen und den Scheußlich-
keiten seiner Soldateska vor allen gegenüber den Bauern sehen
wir das Landvolk in der öffentlichen Meinung so gut wie
rechtlos geworden: unendlich erweiterte sich bis um das Jahr
1700 und darüber hinaus der gesellschaftliche Abstand zwischen
Gutsherr und Gutsuntertan. Es ist charakteristisch, daß der
Ausdruck „das Mensch“, der im Mittelalter „weiblicher Dienst—
bote“ bedeutete, nun den Sinn von scortum annahm; die
Dienstboten aber waren zumeist bäuerlichen und vielfach unter⸗
tänigen Standes. Erst die vollentwickelte Aufklärung hat mit
diesen Zuständen aufzuräumen begonnen, und erst das Zeitalter
eines neuen Gefühlslebens hob Gesinnungen zutage, wie sie sich
in den Ratschlägen einer Mutter an ihre adlige Tochter vom
dahre 1794 aussprechen: „Deinen Leuten sei ganz Mutter;
wenn sie in der Not deiner bedürfen, so leiste ihnen mit willigem
Herzen Hilfe, denn was haben solche arme Geschöpfe sonst für
Trost als an ihrer Herrschaft, auch selbst wenn sie es nach beiner
Meinung nicht verdienen!“

Nicht minder scharf aber vollzog sich die Trennung des
Adligen vom Bürger. Und auch hier wuchs die Differenz, bis
sie in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine außer⸗
ordentliche Höhe erreichte. Damals waren die Bürgerlichen in den
Augen des Adels nur das „Volk“, deutlicher der „peuple?,
die „Plebs“, der „gemeine Mann“, die „Kanaille“. Man
unterschied sich nach Sprache und Tracht: es hatte das Aus—
sehen, als wohnten verschiedene Nationen gemischt unter⸗
einander, und schwerlich anders als „submissest“ nahte sich ein
Bürgerlicher einem „Herrn vom Stande“. Rechtlich aber war

Q*
        <pb n="55" />
        36 Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
das Konnubium so gut wie aufgehoben. Zwar hatten im 16.
und teilweis im 17. Jahrhundert Ehen zwischen Adligen und
Nichtadligen freien Standes noch als ebenbürtig gegolten, und
noch hatte in diesen Zeiten Ferdinand von Tirol die schöne
Welserin rechtsgültig geehelicht — wie übrigens noch Anfang
des 18. Jahrhunderts sich Leopold von Dessau ausnahmsweise
mit einer liebenswürdigen Apothekerstochter zu glücklicher Ehe
verband —, und das Mittelalter hatte gar nicht selten Liebe
und Heirat zwischen Ritter und „Goldschmieds Töchterlein“
gesehen. Aber im 18. Jahrhundert machte sich doch auf Grund
praktischer Vorgänge eine Theorie geltend, welche die Ehe schon
eines Adligen mit der „vilis et turpis persona“* selbst einer
Bürgerlichen unter Umständen als ungebührlich bezeichnete. Und
dem folgte dann teilweis wenigstens die Gesetzgebung. So kann
nach einem preußischen Edikte von 1789, dem sich später das
Allgemeine preußische Landrecht angeschlossen hat, ein Mann
von Adel mit Frauen aus dem Bauern⸗- oder geringeren
Bürgerstande keine Ehe zur rechten Hand eingehen ohne einen
Dispens, der auf die Bewilligung der drei nächsten Verwandten
vom Gerichte zu erteilen war. Es ist eine Bestimmung, die
erst durch ein Gesetz vom 22. Februar 1865 aufgehoben
worden ist. Aber freilich hatte schon lange vorher die zweite
Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der Kritik des sozialen Miß—
verhältnisses zwischen Adel und Bürgerstand begonnen; wie
schneidend geschieht das z. B. in Schillers „Kabale und Liebe“;
und zugleich war dem neuen Gefühlsleben dieser Zeit ein Be—
griff der Menschheit entsprossen, der den adligen Standeshoch—
mut der früheren Periode nur noch als wunderliche Ausnahme
zuließ.

Aber das Fürstentum und der Adel der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts war nicht mehr identisch mit dem der Jahre
unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Kriege. Die Entwicklungs—
richtungen, welche dem veränderten Gange der deutschen Sozial—
geschichte um diese Zeit, als Erzeugnisse vornehmlich gewaltiger
wirtschaftlicher und politischer Schicksale, innegewohnt hatten,
waren inzwischen unter der Einwirkung des allmählich immer
        <pb n="56" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 37
schärfer eindringenden französischen Einflusses verhängnisvoller
hervorgetreten als anfangs geahnt werden konnte.
II.
Betrachtet man das Wesen des niederen Adels um das
Jahr 1650, so findet man doch noch viele Züge, die an das
16. Jahrhundert erinnern. Noch immer vor allem ist dieser
Adel kriegerisch, wie er denn während der Kämpfe der dreißig
Jahre in befehlenden wie untergeordneten Stellungen seine
Haut tapfer zu Markte getragen hatte. Freilich: die prächtige
Gesinnung und die naive Freude am Kampfe, die das 16. Jahr⸗
hundert gekennzeichnet hatten, bestanden in dieser Stärke nicht
mehr. Man hatte viel mehr als früher gelernt und lernte immer
noch entschiedener, Kriegslust und Kriegstüchtigkeit gegen vollen
Beutel in alle Welt hinaustragen, im Kampf der Venezianer gegen
die Türken, in den Kriegen der niederländischen Republik gegen
Malayen und Inder; Pufendorf redet einmal von einer
per totam fere Europam venalem sanguinem circumferens.
Dennoch waren selbst hierin alte Wallungen adligen Blutes,
wenn auch in traurigem Abweichen von früheren Lebenszielen,
nicht zu verkennen. Und dem entsprach noch vielfach das Dasein
daheim. Noch hielt man es mit den quantitativen Luxus—
formen mittelalterlicher Naturalwirtschaft: unflätiges Essen,
Vollsaufen, wenig feine gesellschaftliche Formen, robuster Genuß
der Liebe. Das alles bei dürftigem Auskommen; Jagdbeute
erscheint da wohl als „der Armut bestes Kleinod“. So leben
ʒ. B. die märkischen Junker; noch finden sich unter ihnen Leute,
deren Väter das Handwerk der Buschklepper und Strauchdiebe
getrieben hatten, und sie selbst reiten wohl gelegentlich auch noch
bedrohlich aus, saufen sich in den Städten voll, fluchen auf das
Bürgerpack und schießen in der Nacht, daß die Einwohner für
die Strohdächer fürchten.

Und auch in den Kreisen der Fürsten finden sich um 1650
und einige Jahrzehnte später noch Spuren des alten Lebens
der Reformationszeit. Es gibt unter ihnen noch viele, die auf
        <pb n="57" />
        38 Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
gut patriarchalisch regieren im Sinne des Neuen Testamentes,
dessen Inhalt sie theologisch gelehrt oder wenigstens bibelfest
beherrschen: Männer, die vom französischen Alamodetum nichts
wissen wollen und ihm wo möglich ein ausgesprochenes Teutsch-
tum entgegensetzen. Und neben ihnen stehen noch Hausehren
alten Schlages, Frauen, die sich grober Etikettenverstöße wohl
noch mit einer Ohrfeige erwehren, originell, voll guten
Humors, nach Art der Liselotte von Orléans, die von Versailles
nach Hause schreibt: „Ich habe noch allzeit ein deutsches Herz
und Gemüte.“

Allein in die alten Züge mischen sich immer mehr neue.
Man treibt wohl noch zu Festeszeiten den alten Mummenschanz,
die Inventionen und Ringelstechen des 16. Jahrhunderts sind
noch nicht gänzlich abgekommen und werden durch feste Bankette
und ausschweifende Zechereien unterbrochen. Aber daneben
zeigt sich doch auch schon die Freude an Oper und Schauspiel
und an feinerer Repräsentation höfischen Wesens, hier und da
auch ein gesunder Sinn für die Freuden der Kunst und der
wissenschaftlichen Belehrung. Vor allem aber dringt langsam
das französische Herrscherbewußtsein als eine stetige Lebenszutat
in diese fürstlichen Kreise: man beginnt auf estime, auf
splendeur und lustre zu halten. Das um so mehr, als auch
die heimische Verfassungsentwicklung auf die Entfaltung der
absoluten Monarchie hindrängt, wenn man sich auch noch nicht
leicht zu der Gesinnung der Worte des Hamburger Komponisten
Matthison an den Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen verstieg:
„Wenn Gott nicht wäre, wer sollte billiger Gott sein, als Eure
Hochfürstliche Durchlaucht?“

So wuchs denn das Hofleben als Ausdruck der Steigerung
fürstlicher Macht ins breite, — und es wuchsen seine Kosten.
In Kursachsen hatte Christian II. (f 1611) den Hofaufwand
noch mit etwas über 83000 Gulden jährlich bestritten; schon
sein Nachfolger Johann Georg II. (7 1656) brauchte 400 000
Gulden. Was bedeuteten aber diese Summen gegenüber denen,
die im 18. Jahrhundert, etwa unter August dem Starken,
verschwendet wurden! Und diesen Ausgaben trat kein moralisches,
        <pb n="58" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 39
ja kein wirtschaftliches Bedenken entgegen. Im Gegenteil,
fürstliche Verschwendung lag in der Theorie des geltenden
Merkantilismus, und nur eine geringe Zahl von Zeitgenossen,
keineswegs die öffentliche Meinung der Zeit, hat sie beanstandet.
Denn wenn der Merkantilismus lehrte, daß es darauf an—
komme, aus geringem Rohmaterial vermöge intensivierter Arbeit
höhere Werte zu schaffen, so kamen dieser Forderung die fürst—
lichen Luxusindustrien der Gobelinwirkerei und Seidenweberei,
der Fayancen und später des Porzellans aufs beste nach; und
wenn er weiter aussprach, daß in ein Land vor allem viel Geld
kommen und in ihm erhalten bleiben müsse, so erschien es als
produktive Beschäftigung, wenn die Höfe Geld unter die Leute
zrachten.
So wirtschaftlich durch die Theorie gedeckt und darum
moralischer Bedenken frei, ergaben sich die Fürsten immer
wachsendem Luxus.

Es war zunächst noch ein Luxus alter Form: Essen, Trinken,
Jagen spielten ihre Rolle. So wurden 3z. B. die Reiherbeizen
erst recht wieder aufgenommen; an dem geistlichen Hof in Kur⸗
köln erhielten im 18. Jahrhundert ein Reihermeister und ein
Milanenmeister ein Gehalt von je 3338 Talern, während der
Obersthofmeister sich mit einer Einnahme von 2660 Talern
begnügen mußte. Aber zu diesen Elementen der heimischen
Vergangenheit brachte die französische Kultur auch gänzlich neue.
Vor allem — das allein bedeutete eine volle Umwälzung des
deutschen Hoflebens — den Einfluß der Frauen. Erst er hat
3z. B. dem französischen Baustil recht den Weg gebahnt. Denn
nun kamen für die neuen Bedürfnisse einer Gesellschaft durch—
aus beider Geschlechter, wo moͤglich unter einem Überwiegen des
schwächeren, ganz neue Raumbedürfnisse auf: die Bälle, die
Karnevals, die Maskeraden, die Aufzüge erforderten große und
prunkende Säle. Und als die Roͤgence in Frankreich eine Be—
wegung zur Befreiung von der strengen Etikette des Hofs Lud⸗
wigs XIV. brachte und mit ihr die Schäferspiele und Garten—
feste, da wurde auch diese Wendung in Deutschland mit—
        <pb n="59" />
        to

Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
gemacht: man suchte den Garten zum Gesellschaftsraum um—
zubilden, und mit „der Untertanen sauer beigebrachtem Schweiß“
wurden zwischen Sträuche und Bäume, zwischen Weiher und
Kaskaden Pavillons und Buenretiros, Belvederes und Glorietten,
Arenen und Theater gebaut. Und mit all dem gallischen
Wesen zogen auch gallische Sitten ein; „Alamodekleider, Ala—
modesinnen,“ hieß es da mit Logau, „wie sich's wandelt außen,
wandelt sich's auch innen.“ Die Maitressenwirtschaft steigerte
sich schamlos von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; Gräfinnen und
Fürstinnen ließen sich von gefälligen Malern halbnackt und
nackt als Venus in Wolken oder als jagende Diana ver—
wigen.

Freilich gelang das alles keineswegs mit französischer
Grazie, wenn man auch nicht mehr, wie einstens nach Moscherosch
die Alten, die Nase und das Messer an dem Ärmel wischte; im
Grunde blieb auch hier der Charakter deutsch, und die Franzosen
hatten gut spotten über die tölpelhaften princes d'Allemagne.
Auch gingen nur wenige Höfe in dem bunten Tand der
Festlichkeiten und Schaustellungen gänzlich auf, wenngleich ein
wöchentlich zweimaliger Maskenball während des Winters selbst
an geistlichen Höfen gewöhnlich wurde; vielmehr blieb des
Lebens ernster Sinn dennoch zumeist gewahrt. Fast immer
aber erhielt dies Leben auch bei ernsterer Fuhrung etwas vom
Charakter des ästhetischen Spiels oder mindestens des Kunst⸗
werks: fern fühlte man sich der Menge, glücklich empfand man
sich als Bewohner einer besonderen Welt: ästhetischer Optimismus
war es, der schließlich die Höfe beherrschte. Und er ist gewiß
die Wurzel vieles Guten geworden; aus ihm lebte eine neue
Frauenwelt empor mit reichem geistigem Interesse, eine Sophie
von Hannover, Sophie Charlotte von Preußen, später eine
Marie Antonie von Sachsen; und Wissenschaft und Kunst
erhielten reiche Impulse. Aber er hat zugleich auch entnerot.
In der Kunst sammelte und begünstigte man mehr, als man
förderte, in der Literatur wollte man umschmeichelt sein, in den
Wissenschaften nicht viel mehr als kenntnislos repräsentieren;
im besten Falle war man bieder, aber tatenlos, im schlimmeren
        <pb n="60" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 41
erlag man, blasiert, teilnahmlos, abgestanden, den Folgen einer
raffinierten Genußsucht.

Und wie der Fürst, so zumeist der Adel des Landes.
Denn das erweiterte Bedürfnis der Repräsentation wie die
zunehmende Intensität der Verwaltung zog, wenigstens in
kleineren Territorien, leicht den ganzen Adel in die Kreise des
Hofes und der Residenzstadt. Zudem lockten hier außer der
Nähe der hochfürstlichen Personen häufig bedeutende Einnahmen;
denn es lag im System eines Fürstentums, das sich aus dem
Erdbereich des Volkslebens immer mehr entfernte, daß es hoch
zahlte: die Gehälter der Minister und höheren Hofchargen
überschritten insgemein das Maß unserer heutigen Auf—⸗
wendungen, sogar in dem armen Preußen: Kolbe von Warten⸗
berg erhielt unter Friedrich J. bis zu 128000 Taler jährlich
und bei seiner Entlassung eine Pension von 24000 Talern;
welche Summen Graf Brühl aus Sachsen gezogen hat, läßt sich
aus seiner Lebensführung und der Größe und Ausstattung
jeines Dresdner Palastes ermessen.

Zudem hatten die Fürsten wenigstens hier und da den
Adel schon von alters für die Zwecke ihres Hofes und ihrer
Verwaltung noch besonders herangezogen. Das Mittel dazu
war die Begründung von Ritterakademien gewesen, so in der
Pfalz, in Hessen, in Württemberg. Jetzt nun, seit Ende des
17. Jahrhunderts, wurden diese Bestrebungen von neuem auf⸗
genommen, und ihnen sekundierte eine zahlreiche Literatur,
namentlich auch von Monatsschriften, deren Inhalt Aus—
einandersetzungen über das neue Lebensideal der Franzosen
darbot?. So bildete sich denn zunächst für die adlige Er—

In einem Fürstentum mittleren Schlages mit 70 000 Einwohnern
Leiningen) wurde eine „Zentraldienerfchaft“ von 50 Räten, 18 Sekretären,
54 Subalternen gezählt (Biedermann 1, 97 ff.). Dabei gab es auf deuischem—
Boden nahezu 2000 gesonderte Territorien.

UÜber die gesellschaftlichen Vorgänge an den Höfen berichteten vor—
nehmlich der ‚„Mercure galant“, der „Mercure historique“, das , Theatrum
Puropaeum“, das „Eroffnete Cobinec großer Herren“ u. s. w.
        <pb n="61" />
        Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
ziehung ein besonderer Typ des homme de la cour, des
galanthommoe aus, der allgemein ward. Da ging es über die
Anstandslehre und das Tanzen und Reiten hinaus zur Er—
lernung des Parlierens und Antichambrierens, und dem per⸗
fekten Pariser Benehmen und französischen Sprechen wurde
inhaltlich eine Füllung von ein wenig Naturwissenschaft, einer
Dosis Staats- und Kameralwissenschaft, sowie einigen Kenntnissen
in der Rechts- und Staatenhistorie, in der Genealogie und
Heraldik, auch in der Geographie gegeben. War die mit dieser
Bildung ausgestattete adlige Person dann noch auf Reisen ge—
wesen, hatte sie bei dieser Gelegenheit gar den Umgang be—
kannterer Ministres und Ambassadeurs genossen, so war sie
allen Anforderungen des Hof- und Staatslebens gewachsen.

Es ist die Bildung, die etwa mit der zweiten Generation
nach dem großen Kriege begann, und die für unsere adligen
Kreise etwa ein Jahrhundert, wenn nicht länger, wenn auch in
mannigfachen Abwandlungen als maßgebend gegolten hat. Was
bedeutete sie nun und was das an sie anschließende Hof-, Militär—
und Verwaltungsleben für den einzelnen, was für den Stand,
was für das Volk als Ganzes?

Gewiß hatte die neue französische Bildung im Zeitalter
Ludwigs XIV. in sich etwas Majestätisches, Wuürdiges. In
den Innenräumen der Paläste, in denen sie heimisch war,
herrschte eine imponierende Pracht: wuchtende Decken, Säle von
überwältigenden Verhältnissen. Und in diesen Räumen aus—
gesprochen prunkenden Stils bewegte sich auch eine stilisierte
Gesellschaft von gehaltener Gravität: hohe Absätze, wallende
Perücke, Spitzen, seidene Röcke, Schmuck und Edelstein auch
beim männlichen Geschlecht. Und selbst als nach dem Tode
Ludwigs XIV. die Würde der Grazie, der Ernst der Heiter—
keit, die gemessene Haltung nicht selten der Ausgelassenheit zu
weichen begann, durfte noch immer von einer sehr einheitlichen
and in sich gefesteten Kultur gesprochen werden; noch trennten
zwei Menschalter diese Zeiten von der Revolution. Und war
der Untergrund dieser Gesellschaft wie schon der Gesellschaft
unter der Regierung Ludwigs XIV. sittlich vielfach angefault,
        <pb n="62" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 43
so ist zu bedenken, daß die Empfindung dieser sittlichen Fäulnis
noch nicht weit verbreitet war, da sie nur im Zeitalter der
Auflösung alter, des Werdens neuer, kurz der Umbildung sitt⸗
licher Begriffe menschliche Gemeinschaften ganz zu ergreifen
pflegt: man lebte bei aller Künstelei noch naiv dahin und in⸗
sofern bedeutend.

Von allen diesen zunächst französischen Stimmungen war
auch in Deutschland viel vorhanden. Denn so gewiß man
französische Lebensformen aufnahm, so geschah es doch auf
Grund einer verwandten sozialen Entwicklung; aus eigenster
Wurzel her drängten die Schicksale der Nation zur absoluten
Monarchie und ihren Folgeerscheinungen; und so entbehrte die
Rezeption nicht jener inneren Motive, die sie erst vollends
klären.
Freilich: deshalb blieb die neue Kultur immer rezipiert
und darum wenigstens zum Teil künstlich. Und wie wollten
diese kleinen Potentaten, diese Höfchen und nochmals Deminutive
von Höfchen es der Kultur einer großen Nation und eines
großen Königs gleichtun? Zu dem an sich Gravitätischen schon
der französischen Kultur kam in Deutschland das Gemachte,
und der verhängnisvolle Schritt vom Erhaben- sein- wollenden
zum Lächerlichen ward oft genug getan. Zudem eignete sich
der deutsche Volksgeist nur wenig zur Herübernahme der fran⸗
zösischen Würde wie der französischen Grazie, geschweige denn
der Gauloiserie: plump, täppisch, barbarisch erscheinen auch uns
die nachgeahmten Feinheiten der Franzosen.

So war denn das Ergebnis schließlich wenig befriedigend.
Beruhte der gesellschaftliche Untergrund der ganzen Bewegung
auf einem schweren Verfall der eingeborenen wirtschaftlichen
und sozialen Entwicklung der Nation, und war diese an sich
schon ein Unglück, so wurde das Ganze durch einen wiederum
an sich schon künstlichen, zudem aber durch eine unzulängliche
Rezeption nochmals verkümstelten Oberbau geistiger Kultur wenig
gehoben. Wohin wir daher blicken, fast überall gewahren wir
am Ende Widerwärtiges, das uns abstößt.
        <pb n="63" />
        Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Zunächst war klar, daß die neue Bildung einen gesell⸗
schaftlich durchaus fremden Charakter trug. Ihr Inbegriff ist am
Ende die Kunst des Auftretens; die ihr Angehbrigen sind
Dekorationsstücke fürstlicher Hofhaltungen, im besseren Falle
Glieder einer in ihren oberen Teilen repräsentativ gestalteten
Staatsverwaltung. Und so unterliegen sie dem fortwährenden
Anlaß zu äußerlicher Selbstaufsicht; in ihr gehen sie gutenteils
auf: die Porträts dieser Zeit sind durchweg Repräsentations—
stücke und haben keine Spur von dem unbewußten Leben der
Bildnisse der Reformationszeit oder gar der großen Jahre der
Niederländer.

Es war ein Leben, das der Regel nach zu Schmeichelei
und Servilismus nach oben, zu Standeshochmut und Brutalität
nach unten erzog: die äußeren Prätensionen standen zum Gefühl
der inneren Leere gerade bei besseren Naturen in direktem Ver—
hältnis. Und diese furchtbare Kombination kam zu um so
vollerem Ausdruck, als sie durch die konventionellen Formen der
neuen Bildung nicht in dem wünschenswerten Maße verdeckt
ward. Wie glücklich waren doch demgegenüber die Angehörigen
der ritterlichen Kultur der Stauferzeit gewesen! Gewiß hatten
ihnen aus verwandten, wenn auch längst nicht gleich stark
wirkenden Gründen ähnliche Gefahren gedroht, wie den Höf—
lingen des 17. und teilweis des 18. Jahrhunderts. Allein in
einem Zeitalter gebundener Persönlichkeit daran gewöhnt, sich
den allgemeinen Formen des Lebens und der Gesellschaft unter—
zuordnen, waren sie nicht entfernt so leicht der Versuchung
anterlegen, die gesellschaftliche Tünche durch persönlichen Aus—
druck ihrer seelischen Stimmung zu ersetzen. Es ist, wenn ein
Vergleich zur genaueren Erklärung der eigenartigen Erscheinung
erlaubt ist, etwas Ahnliches wie der Unterschied des katholischen
Priesters, der objektiv in den festen Formen der Messe der
Verkündigung der christlichen Heilstatsachen gerecht wird, und
des protestantischen Predigers, der subjektiv in den persönlichen
Wendungen der geistlichen Rede diese Verkündigung zu voll—
ziehen hat. Diese Hofleute des 17. Jahrhunderts waren schon
Personen individuellen Denkens; die konventionelle Form deckte
        <pb n="64" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 45
sie nicht mehr; individuell mußten sie deshalb innerhalb dieser
hrer Stellung gerecht werden. Sie taten es prätentiös und
schmeichlexisch; sie verbargen die innere Leere durch äußerliche,
persönlich gefaßte Übertreibung. Früher und noch im 16. Jahr⸗
hundert hatte man leeres Geschwätz Narrenteiding genannt,
letzt hieß man es marque d'esprit. Es ist eine der Quellen
des Schwulstes, der die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts so
ingünstig kennzeichnet.

Und hinter der hohlen Form stand nur zu oft die ent—
sprechende hohle Gesinnung. Nichts tat man auf einfache
Art und ohne Umweg, und die Unnatur schien zur zweiten
Natur geworden. So erhielten die Höflinge für Draußen—
tehende den Charakter des Geckenhaften, Lächerlichen, der vor—
nehmlich aus dieser Zeit her ihrem Theatertyp noch heute an⸗
haftet; und mit dem mittelhochdeutschen Schranz: Spalte, ge⸗
schlitztes Kleid, Gigerl, wurde das Wort Hofschranze gebildet.
In ihren Kreisen aber ersetzten sie die frühere natürliche Offen⸗
heit, ja Derbheit des Adels durch verstecktes Wesen und
Höflichkeitsjargon, und der biedere Humor wich lüsterner Zote,
die Aufrichtigkeit faustdicker Schmeichelei, die Natürlichkeit
lindischer Geziertheit.

Die charakteristischsten Zeichen dieser seelischen Verfassung
ind lächerliches Zeremoniell, Titelsucht und Strebertum. So
war in den Briefen wohl zu beachten, ob es „besonders lieben“
oder „lieben besondern“, ob es „gnädigen“ oder „gnädigsten
Gruß“ oder „gnädigsten Gruß und wohlgeneigten Willen“, ob
es „die Herren und euch“ oder „euch alleine“ und so fort heißen
nüsse. Was aber die Titel anging, so war das der Punkt,
vo niemand seinen „Staat halten“ wollte. Die unteren
Adelsklassen drängten in den Titelbereich der oberen; die
Brafen wollten jetzt Hochgeboren, die Adligen Hochedelgeboren
sein. Weitaus am verderblichsten aber, ja geradezu als die
noralische Pest der Zeit wirkte das Strebertum.“ War die
Gefahr in dieser Richtung schon an sich groß in einer Periode,
da sich alle Lebenserscheinungen der Nation immer mehr in den
Territorien konzentrierten und hier wiederum je länger je mehr
        <pb n="65" />
        46 Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
an den Höfen, so kam zu alledem nun noch die sittlich ver—
dorbene Luft dieser Höfe, um einen Dunstkreis zu schaffen,
in dem rücksichtsloseste Anwendung der Ellbogengewalt ge—
wöhnlich war. „Heute zu Tage,“ heißt es in der „Schmiede
des Politischen Glücks“ von Bessel (1672), „suchen die
meisten durch Schmeicheley ihre Beförderung, von welchem
süßen Gifte die meisten Hof-Leute angesteckt seyn, und ist
vornehmlich an den Höfen im Schwange.“ Und dasselbe
Buch gibt allen Strebern die folgende allgemeine Anweisung:
„Wann ein junger Mensch sich nun endlich geschickt macht, Gott
und seinem Vaterlande zu dienen, alsdann muß er sich mög—
lichsten Fleißes bemühen, daß er bey Fürsten und Herrn be—
kannt werde, und bedacht seyn, wie er ihre Gnade erlangen
möge: hierdurch wird er ihm den Weg zu einem Dienste bahnen.
Es ist nicht mehr um dieselbe Zeit, da geschickte und gelehrte
Leute gesucht wurden, sondern man muß sich wissen wohl
herbeyzuthun und neben seinen Geschicklichkeiten sich um die Be—
förderung noch sauer werden lassen; wer das nicht thun will,
sondern auff seinen ordentlichen Beruff warten, der bleibt wol
sitzen, wofern Gottes Vorsehung nicht ein anders schicket.“

III.
Aber die Erscheinungen dieser neuen Kultur des Hoflebens,
wie sie bisher betrachtet worden sind, gehörten sehr bald und
teilweis von vornherein keineswegs bloß dem Adel an. Viel—
mehr war das vielleicht das folgenreichste an ihnen, daß sie
sich, bei dem Verfall der eigenständigen bürgerlichen Kultur,
rasch auf alle besseren Schichten des Bürgertums zu verbreiten
begannen. Und zwar in doppelter Weise. Entweder nahmen
hervorragende Angehörige des Bürgerstandes Hof-, Heeres⸗ und
Verwaltungsdienste an oder machten sich wenigstens für solchen
Dienst geschickt und traten damit in die Berufskreise des Adels,
—BDDDDDDD—
haltung der höfischen Kultur.
        <pb n="66" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 47
Von beiden Vorgängen ist der letztere erst verhältnismäßig
spät eingetreten und im Grunde wohl nur für das Patriziat einiger
großer Städte, Leipzigs und Hamburgs z. B., völlig charakte⸗
ristish. Von größerer sozialer, wenn auch nicht geistes—
geschichtlicher Bedeutung dagegen und von früherer Wirkung ist
der erste Vorgang: er führte geradezu zu einer Umgestaltung
des niederen Adels.

Der niedere Adel des Mittelalters, hervorgegangen aus
kriegerischem Dienst, ist im allgemeinen und besonders in Süd—
und Westdeutschland wohl noch bis ins 17. Jahrhundert ritter⸗
licher Lebensweise treugeblieben. Nach dem Dreißigjährigen
Kriege dagegen war der militärische Beruf für den Adligen im
allgemeinen und an sich, wenigstens in der Heimat, nicht mehr
charakteristisch. Juristisch betrachtet jedenfalls war der niedrige
Adel jetzt nur noch ein privilegierter Berufsstand mit dem Recht
auf das Familienwappen und dem Privileg für passive Lehns—
fähigkeit, das ihm, falls nicht der Landesherr Ausnahmen für
Bürgerliche zuließ, das Monopol des Erwerbs von Ritterqütern
eintrug.

Mit dieser Konstruktion seiner Rechte nun war der niedere
Adel ganz zu einem historischen Stande geworden, einem Über—
lebsel, das sich das Recht des Daseins durch eine neue Berufs⸗
wahl erst wieder erringen mußte. In dieser Richtung aber
war man schon seit langem vorgegangen, indem die Angehörigen
des Standes entweder aus bloßen Grundherren zu Gutsherren,
zu Landwirten von Beruf geworden oder aber in den Hof— und
Landesdienst eingetreten waren oder auch wohl beide Berufs—
arten gleichzeitig oder nacheinander miteinander verbanden.
Nun war aber klar, daß sie dabei ein Vorrecht nur für Ritter—
gutsbesitzer geltendmachen konnten: der Hof- und Landesdienst
war an sich ein freier Beruf, wenn auch eine gewisse Bevor—
zugung des Adels schon seit der Zeit seiner moderneren Ent⸗
wicklung im 14. und 15. Jahrhundert her bestand. Und so
konnten auch Bürgerliche in ihn eintreten und waren in
dieser Hinsicht von seher zugelassen worden: schon im 15. Jahr—
        <pb n="67" />
        48 Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
hundert hatten sich die meist bürgerlichen Doctores iuris zahl⸗
reich neben die Räte vom Adel gestellt.

Wie waren nun diese bürgerlichen Bestandteile vom Ge—
sichtspunkte des Standesrechtes aus zu behandeln? Es lag in
der Natur der Sache, daß sie dem Adel angeschlossen wurden.
So hatten sich die Doctores iuris schon früh des persönlichen
Adels erfreut. Und wenn diese Einordnung auch bald wieder
außer UÜbung gekommen war, so wurden doch jetzt, mit
steigender Bedeutung des Hof- und Staatslebens, die bürger⸗
lichen Bestandteile des höheren Beamten- und Offiziersstandes
dem alten Adel ganz im Sinne eines neuen niederen Berufs⸗
adels zugesellt; und als unterscheidendes Merkmal gegenüber
den bürgerlichen Klassen erhielten sie den Vorzug, daß ihr
Siegel den öffentlichen Siegeln gleichgestellt wurde, und die
Befreiung von den lokalen Statutarrechten in deren Wirkung
auf Familien- und Erbrecht; von Ort zu Ort versetzbar,
lebten sie in dieser Hinsicht nach Provinzial- oder Landes
recht.
Indem aber so eine neue Klasse gleichsam niederen Berufs—
adels geschaffen wurde, trat neben sie wie den älteren, aus der
Ministerialität hervorgegangenen niederen Adel gerade seit der
Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege weit zahlreicher als
früher noch eine dritte Klasse: die der Nobilitierten. Ur—
sprünglich hatte nur der Kaiser den Titularadel verliehen,
dann auch seine Hofpfalzgrafen, soweit sie die große Komitive
besaßen. Indem aber der Kaiser diese Eigenschaft Reichsständen
dauernd verlieh, führte es sich ein, daß die Reichsstände über—
haupt nobilitierten, und endlich taten das sogar Reichsstände
mit Besitzungen außerhalb des Reiches, wie der König von
Preußen. Diese Erweiterung des Nobilitierungsrechts führte
nun zum raschen Emporwachsen eines Titulaturadels, der
schließlich so ziemlich alle hervorragenderen Gelehrten und
Gebildeten umfaßte, mochten sie nun aus bürgerlichem oder
sogar auch aus bäuerlichem Stande hervorgegangen sein; und
gehörten diese nicht dem Titularadel an, so doch meist dem
        <pb n="68" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 49
neuen Beamtenadel. In beiderlei Sinn wohl hatte schon der
Stifter des Palmenordens, Fürst Ludwig von Anhalt⸗ Köthen
(1579 - 1650), ausführen können, die Gelehrten seien von wegen
der freien Künste auch edel. Nun wurde freilich dieser Zu⸗
sammenhang für die Teilnahme der bäuerlichen Kreise all⸗
mählich bestritten. Noch Colerus! hatte im Jahre 1607 den
Bauern raten können:
Tu deine Söhne erst probieren,
Ob einer Lust hat zum Studieren:
Dazu sollst du ihm helfen gern,
Dazu kein Geld noch Gut erfparn,
Denn oft ein armes Bauerkind
Zu großen hohen Ehren kömbt.
Im 18. Jahrhundert dagegen finden sich Vorschriften, daß
Kinder unbemittelter Eltern, vornehmlich von Bauern, zu den
gelehrten Studien nicht zugelassen werden sollen, es sei denn
bei besonders hoher Begabung. So verbot z. B. eine hessische
Verordnung von 1721, „Buürgern oder Bauern und herrschaft⸗
lichen Livreebedienten, ihre Kinder von den gemeinen Han⸗
tierungen ab und zum Studieren oder in dem Stande der so⸗
genannten Honoratioren zu erziehen, er habe denn vorher hin—⸗
längliche Attestate von deren Fähigkeiten beigebracht und gnädigste
Einwilligung dazu erhalten“. Es sind Versuche des gesteigerten
Absolutismus, den starren Kastencharakter der Stände vor—
nehmlich der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in dem
Augenblicke aufrechtzuerhalten, da, vermöge des Emporkommens
eines neuen Bürgerstandes, dessen letztes Stündlein zu schlagen
begann.

Allein einstweilen lag doch die merkwürdige Tendenz vor,
alles, was hervorragende Bildung und Gelehrsamkeit besaß, in
dieser oder jener Form, sei es als Berufsadel, sei es als
Titularadel, dem alten Stande des niederen Adels anzugliedern
oder einzuverleiben. Es ist eine Richtung, die der Kultur der

Calend. perpet. II, 7ff.; zit. Großmann S. 49.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1.
        <pb n="69" />
        30

Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Zeit einen steigend aristokratischen Charakter aufdrückte und,
bei dem bestehenden Zusammenhange zwischen Hofkultur und
Adelskultur, zum Wachstum des französischen Einflusses ständig
beitragen mußte: an Stelle der alten deutsch-bürgerlichen trat
eine französisch-deutsch-adlige Bildung.

Aber damit nicht genug. Der Wechsel bedeutete zugleich
eine Umformung des Begriffes und Umfanges der deutschen
Bildung von heute noch fortwirkender Dauer. Die ältere
deutsch-bürgerliche Bildung hatte keinen ausschließlichen Berufs—
charakter getragen; selbst auf humanistischem Boden hatten
neben den Berufsgelehrten deutsche Bürger, ein Peutinger, ein
Pirckheimer, geglänzt und geschaffen. Der Charakter der Bildung
war ähnlich gewesen wie etwa der der heutigen englischen
Kultur: im ganzen gleichmäßig von Berufs wie von nicht Be—
rufs wegen hatte man sich am Genusse wie an der Erzeugung
geistiger Güter beteiligt.

Aber nun war dies alte Bürgertum im Laufe des
—
hunderts vielfach fast zugrunde gegangen; und dennoch galt
es, den Stand der Bildung zu erhalten und wo möglich zu
mehren. Es war eine Aufgabe, die jetzt viel ausschließlicher
den gelehrten Berufen zufiel und, indem diese dem Adel an—
geschlossen wurden, fast durchaus aristokratischen Charakter er—
hielt. Das bedeutete nun sehr bald eine Ausschließlichkeit der
Bildung, wie sie weder Niederländer noch Franzosen noch gar
Engländer jemals gekannt haben: nur der höher Stehende,
wo möglich mit einem Berufe ausgestattete gelehrt Erzogene er—
schien als gebildet; an einen verhältnismäßig geringen Ve—
ttandteil der Nation von engen Lebensinteressen ging ein immer
enger umschriebenes Bildungsideal über. Es ist einer der
Gründe dafür, daß man in der ersten Hälfte des 18. Jahr—
hunderts die Literatur als schöne Wissenschaften bezeichnen
konnte, daß ein Literatenstand voraussetzungsloser Herkunft bei
uns erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat an—
fangen können zu gedeihen, daß sich die Presse nur mühsam
        <pb n="70" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 51
soziale Achtung errungen hat, und daß man sich noch heute in
Deutschland Wissenschaft nur schwer anders als berufsmäßig
hetrieben vorstellen kann und im allgemeinen Bildungsideal die
Momente gelehrter Bildung noch ständig festhält. Erst die
gewaltige Entfaltung eines neuen Bürgertums seit der Mitte
des 18. Jahrhunderts hat hier angefangen, einigen Wandel zu
schaffen: bis durch die Bildung des neuesten deutschen B—rger⸗
tums seit 1870 und 1880 die alte Konstruktion in Gefahr geraten
ist, zu zerfallen.

In diesen Wechseln aber trat ein Stand, der im Mittel—⸗
alter durchaus der erste gewesen war, immer mehr zurück: der
der Geistlichkeit. Schon das erste große Bürgertum und der
Humanismus hatten ihn im 185. Jahrhundert und in den An—
fängen des 16. Jahrhunderts zu überholen gedroht; aber noch
einmal war die Gefahr mit der Besiegung der feindlichen
Kräfte durch die Reformation vorübergegangen: noch immer
hatten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts protestan⸗
tische Geistlichkeit und katholischer Klerus geherrscht. Jetzt da⸗
gegen änderte sich, wenigstens auf protestantischem Gebiete, die
Lage. Mit dem Adel und dem Fürstentum trat das Laientum
wieder hervor: wie einst im 12. Jahrhundert wurde die
Keclesia von neuem von der Frou Werlt überholt. Die neuen
Bildungsideale waren ihren einheimischen wie fremden Be—
standteilen nach durchaus weltlich; und mehr: sie standen der
Kirche nicht einmal feindlich, sondern beinahe gleichgültig
zegenüber. Jetzt konnte Karl Ludwig von der Pfalz über dem
Grabe seiner Geliebten eine Kirche zum paritätischen Gebrauche
der drei christlichen Bekenntnisse erbauen lassen und der
lutherische Protestant Leibniz im Dienste des Mainzer Erzbischofs
tehen sowie des Konvertiten Johann Friedrich von Hannover.
Gerade diese Indifferenz gegenüber den Konfessionen und
zum guten Teile gegenüber speziell kirchlichen JInteressen über—
haupt sicherte der neuen adligen Bildung die Einheit, die
durch konfessionelle Rücksichten so leicht hätte gestört werden
können, und gewährleistete ihr mit diejenige Summe von Macht,

„*
        <pb n="71" />
        z2

Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
die es ihr gestattete, sich schließlich alle wichtigeren Vertreter der
ilteren bürgerlichen Bildung zu unterzwingen.

In der Tat zeigen die dem Adel angeschlossenen bürger—
lichen Kreise bald alle Vorteile, leider aber auch alle die großen
Schattenseiten der Erziehung des adligen Weltmanns. Sie
werden freier und würdevoller, später munterer und eleganter,
aber auch gemessener und pedantischer und ausgelassener und
frivoler als diese. Und sie bringen gewiß auf dieser Grund—
lage einen Pufendorf und Leibniz im 17., einen Hagedorn und
Gellert im 18. Jahrhundert hervor. Aber im ganzen über—
wiegen doch die schlimmeren Einflüsse: übertriebene Galanterie,
Strebertum, Schwulst wiederholen sich jetzt stärker in den
höfischen Kreisen der Bürgerlichen, ja bald darüber hinaus im
Bürgertum überhaupt. So weiß man sich nicht zu lassen vor
Titulaturen: ein simpler Liebhaber redet seinen Schatz wohl
mit „Hochedelgeborene, großehrenreiche Jungfrau“, „schönste
and hochtugendseligste Jungfrau“ an, unterschreibt als „meines
—VVD
übrigen, soweit die eigene Phantasie den Unsinn nicht hergibt,
den Inhalt seines Briefes aus galanten Romanen und galanten
Briefstellern zusammen. Und die Gelehrsamkeit gerät nicht
minder in Schwulst; der lateinische Stil wird dunkel; das
Muster bietet nicht mehr Cicero, sondern etwa Tacitus und die
geschraubte Sprache der afrikanischen Kirchenväter; dazu kommt
der unsägliche Prunk der Widmungen, in denen sich Schmeichelei
and Streberei ekelhaft vermischen: ein so prosaisches Ding wie
das „Steuerbuch“ des Nationalökonomen Kaspar Klock (4 1655)
ist schon von acht, sein „Schatzbuch“ gar von zwanzig Dichtern
lateinisch angesungen worden. Verhängnisvoller aber als der
Schwulst war auch in diesem Zusammenhange noch die Streberei,
die selbst ein Leibniz mit den schönen Worten umschreibt:
Hauptmittel, heutzutage vorwärtszukommen, sei der Erwerb
der Bekanntschaft und der Zuneigung großer Männer; mit
tausend kriechenden Grußschreiben, Dedikations⸗ und Widmungs⸗
briefen, Gratulationsepisteln und devotesten Suppliken und
Rekommendationen suchte man sich vorwärtszuschieben, obgleich
        <pb n="72" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 53
jedermann den Sinn dieses Geschreibsels einsah: „der Fuchs—
schwanz gucket doch herfür.“ Am bezeichnendsten endlich war
die egoistische, meist sehr plump aufs unmittelbar Sinnliche
gerichtete, in sich unwahre Galanterie gegenüber dem weib—
lichen Geschlecht. Die Wirkung schildert Christian Weise:
„Wenn die Weibsbilder ihr vierzehntes Jahr erreichen, so
werden sie allerwärts demütig bedient und schöne Gebieterin
genannt. Darum, weil sie hierdurch auf den Gedanken ge—
bracht werden, gleich als wären sie nur der Liebeshändel
wegen geboren, so fangen sie an, stutzen sich und meinen, ihr
ganzer Zierat bestehe in dem, daß sie den Mann an sich locken
können. So machen wir die gebrechlichen Werkzeuge, die Per⸗
sonen deterioris sexus zu großen Göttinnen, als wenn wir
ihnen die Herrschaft gleichsam durch unsere Huldigung bestätigen
wollten.“

Man sieht an diesen Worten: gegenüber dem Ideal einer
dem deutschen Charakter fremden Form der Galanterie fehlte
es nicht an Widerspruch. Viel energischer äußert ihn Tho—
masius: „Wie zertrampelt man sich vor dem Fenster, ob
man die Ehre haben könne, die Jungfrau oder an deren Statt
die Magd oder die Katze zu grüßen! Wie viel verliebte
Briefe, die man aus zehn Romanen zusammengesucht hat, und
die mit viel flammenden und mit Pfeilen durchschossenen
Herzen bemalet sind, werden da abgeschicket, gleich als ob
man des guten Kindes Affektion damit bombardieren wollte!“
Auch sonst fehlte es nicht an Reaktion gegen das neue
Lebensideal; aber da sie im Grunde nur aus den Kreisen der
Beteiligten hervorging, so blieb sie schließlich erfolglos, ja
verlief vielfach in den Denk- und Gefühlsformen der neuen
Bildung selbst. Nichts ist in dieser Hinsicht bezeichnender,
als der gesuchte schäferliche Naturalismus, jener bekannte Ver⸗
such, sich von ungesunder Unnatur auf dem ungesunderen
Wege ländlich-schäferlicher Allegorien zu befreien. Schon in
der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann das galante
Schäfertum alles zu durchdringen: bereits Spee hat in langen
Bedichten, für unseren Geschmack fast blasphemisch, Christus
        <pb n="73" />
        54

Neunzehntes Buch. Zweites Kapitel.
unter der Verkleidung eines alamodischen Schäfers gefeiert.
Zunehmend trat dann dieser gegenstandslose Widerspruch gegen
gekünstelte Pedanterie und geschraubtes Hofleben in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts auf; aber er reichte noch weit
ins 18. Jahrhundert hinein; in dieser Zeit hat Adriaen
von der Werff in seinen geleckten bukolischen Bildern, jenen
hochbusigen Schäferinnen im Atlashemd, noch in verhältnis—
mäßig deutsch gebliebener Malerei einen seiner besten künstle—
rischen Ausdrücke geschaffen; damals hat sich noch der alte
Goethe mit seiner Familie zur Zeit, da sein großer Sohn
noch ein Knabe war, im Schäferkostüm malen lassen. Und
erst Empfindsamkeit und Sturm und Drang haben dem Un—
wesen Abbruch getan. Aber selbst ein Günther erinnert sich
noch „der vorigen Zeiten und guten Freunde unter einem
Schäfergedichte“, und in der Landschaftsmalerei, der Por—
zellanplastik und dem musikalischen Liederspiele haben sich
Reste der alten Liebelei bis ins 19. Jahrhundert hinein ge—
rettet.
Inzwischen aber war in der ersten Hälfte des 18. Jahr—
hunderts eine noch viel wunderlichere Form der Selbstironie
und ungefährlichen Reaktion gegen das eigene Selbst auf—
getreten: die Chinoiserie. Bei ihr handelt es sich nicht um
eine Hochflut des Hinabtauchens in die Natur, sondern um
den Eintritt in die Vorstellungen einer Kultur, die man sich
als besonders hoch entwickelt und in sich beruhigt vor—
stellte. Denn den oberen Zehntausend erschien damals China,
das man teils durch die glänzende wissenschaftliche Literatur
der Jesuiten, mehr aber noch durch die Erzählungen und
Importe holländischer Kaufleute gründlichst glaubte kennen
gelernt zu haben, als das Land vollendeter Weisheit und
Güte. Dort, an den Wassern des abgewandten Ozeans, lebte
eine Nation gleichsam von Kong-fu-tses; bei ihnen war die
Vernunft, dieser der Natur entgegengesetzte Pol der Ent—
wicklung, verwirklicht und das Ideal der intellektualistischen
Kultur des 16. bis 18. Jahrhunderts mindestens nahe herbei—
        <pb n="74" />
        Neue Ideale weltmännischer und gelehrter Bildung. 55
gekommen. Wie sollte man darum dies Volk nicht geschätzt
haben, zumal der strenge Abschluß seiner Kasten so ganz eigenen
sozialen Idealen und die Erzeugnisse seiner Kunst so ganz der
emporstrebenden Formenwelt des Rokokos entsprachen? Und so
trat neben das Schäferleben die Chinoiserie, und der Kreis
der Möglichkeiten vollendete sich, in denen das höfische Ala—
modetum sich im eigenen Bereiche vermöge eigener Kraft zu
bessern suchte.
        <pb n="75" />
        Drittes Kapitel.
Weitere Entwicklung des Intellektualismus:
Höhezeit und Grenzen des rationalistischen Denkens.

Überschauen wir die gesellschaftliche Entwicklung des 17.
und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, soweit sie auf die
geistige unmittelbar Einfluß gewann, so kann das Ergebnis
weder als einfach noch als im Sinne klarer nationaler Ent—
wicklung besonders günstig bezeichnet werden.

Die Kultur des 16. Jahrhunderts und allenfalls auch noch
der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte eine vollkommen
ausgebildete und unzweifelhafte soziale Grundlage gehabt; sie
war eine Kultur des deutschen Bürgertums gewesen trotz
mancher anders gearteter Einflüsse benachbarter Nationen, ja
trotz der großen humanistischen Renaissance. Eines so ein⸗
heitlichen gesellschaftlichen Unterbaues erfreute sich die Kultur
des Jahrhunderts von 1650 bis 1750 nicht: sie war zwar
fürstlich-adlig charakterisiert, aber dieser Charakter erhielt durch
den langsamen Eintritt gewisser Kreise des Bürgertums in die
neue geistig-soziale Kombination eine besondere Schattierung,
die in keinem Jahrzehnt dieselbe blieb. Außerdem aber war
die neue Kultur so stark von außen her beeinflußt, daß es
schwer hält und nur beim Eintreten in die detaillierteste Dar—
stellung völlig möglich ist, die im einzelnen Falle vorhandene
Mischung verschiedener heimischer und fremder Elemente be—
friedigend darzustellen.
        <pb n="76" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 57
Dennoch läßt sich in der Flucht so mannigfaltiger Er—
scheinungen eine Tendenz erkennen, durch deren stetig zunehmende
Betonung die soziale Schichtung, soweit Teile von ihr als
führend in Betracht kamen, sich dem allgemeinen seelischen Ver⸗
laufe des Zeitalters, wie er seit dem 16. Jahrhundert gegeben
war, immer mehr annäherte. Es ist die Tendenz zur Durch—
bildung der gelehrten Berufe und zur Nobilitierung gleichsam
der Gelehrsamkeit auch in denjenigen führenden Berufen, die
als gelehrte ohne weiteres nicht zu bezeichnen waren. Es war
eine soziale Fortbildung gleichsam nach dem Prinzip intellek⸗
tualistischer Durchsäuerung; und so konnte es keinem Zweifel
— DD 00
tualisierung des Geisteslebens wesentlichsten Vorschub leisten mußte.

In der Tat kann man die Fortschritte des seelischen Lebens
der Nation vom 17. zum 18. Jahrhundert der Hauptsache nach
als eine Erweiterung der psychischen Kräfte nach der verstandes—
mäßigen Seite hin bezeichnen.

Welches aber waren nun die Vorgänge, in denen diese
Entwicklung sich abspielte? Eine Arena ungemein weittragen—
der und in sich verwickelter Beziehungen eröffnet sich unseren
Blicken; und wir werden zu ihrem tieferen Verständnisse gut
tun, deren Verhältnisse zunächst einmal mehr allgemein und
von außen her, nach ihrer noch halb sozialen Richtung hin
kennen zu lernen, ehe wir zum Kerne der Entwicklung vor—
dringen.

In den Anfängen des hier zu betrachtenden Zeitraumes,
die bis zum Beginne des 17. Jahrhunderts zurückreichen, war
das wissenschaftliche Denken noch nicht entfernt so diszipliniert,
wie heutzutage. Was die wissenschaftlich tätigen Köpfe damals
bei der Ausdehnung der bestehenden Erfahrung zu gegenseitiger
Unterstützung zunächst zusammenführte, waren daher nicht so
sehr bestimmte Probleme oder ein absolut verwandter metho—
discher Zug des Denkens, sondern weit mehr das allgemeine
Bedürfnis gemeinsamen Daseins in einer den Wissenschaften
zu⸗, dem Dogmatismus und der Scholastik abgewandten Welt⸗
anschauung, gleichviel, ob diese sich speziell politisch-national
        <pb n="77" />
        58 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
oder dichterisch oder im engeren Sinne des Wortes wissenschaftlich
äußerte. Die ersten Versuche, durch solch einen Zusammenschluß
und durch gemeinsames Arbeiten zur Ausdehnung der Erfahrung
zu gelangen, fanden daher in Vergesellschaftungen statt, die,
weil sie gemeinsame Lebensanschauung voraussetzten, eigentlich
noch die ganze Persönlichkeit in Anspruch nahmen und, weil
sie die ganze Person umfaßten, im Grunde auch noch einen
halb mittelalterlichen Charakter trugen.

Gemeinschaften dieser Art waren in Deutschland die nach
italienischem Muster, doch mit mancher Anlehnung an deutschen
Zunftbrauch begründeten Gesellschaften der sogenannten Natur—
philosophen: in ihnen fanden sich Anhänger der neu empor⸗
dringenden intellektualistischen Weltanschauung zusammen, bald
mit einer Neigung mehr zu den Naturwissenschaften, bald mit
besonderen geisteswissenschaftlichen Zielen, immer aber praktisch
gewandt und mit einem lebhaften Drange nach ernster Be—
tätigung persönlicher Sittlichkeit und Religiosität und mit einer
Vorliebe für das Nationale, insbesondere für die Bewahrung und
Besserung der deutschen Sprache. Die ältesten und wichtigsten
dieser Gesellschaften gehörten dabei geisteswissenschaftlichen, ja
teilweis noch vorwiegend dichterischen Bestrebungen an; und
sie umfaßten mit ihren Verbindungen, die sie gern mit dem
Schleier eines harmlosen Geheimnisses umgaben, namentlich
anfangs hohe, vor allem fürstliche Kreise. Hierher gehört in
gewissem Sinne schon die von Ludwig von Anhalt-Köthen mit
einigen Freunden im Jahre 1617 zu Weimar begründete
Deutsche Gesellschaft des Palmbaums“, auch „Fruchtbringende
Gesellschaft“ genannt, von der später, in der Geschichte der
Dichtung, noch mehr die Rede sein wird; ihr gehörten zuerst
acht Fürsten und Adlige an, und sie hatte als praktischen
Zweck vornehmlich auch die Betonung des Nationalen in den
aristokratischen Kreisen und hat, entsprechend ihrem Ursprungs—
orte, vornehmlich in Mitteldeutschland mit Ausnahme von Kur—
sachsen und in Brandenburg Fuß gefaßt. Durchaus in den
geschilderten Zusammenhang gehören dann das um 1620 von
Joachim Jungius zu Rostock gestiftete, Collegium philosophicum“
        <pb n="78" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 59
und weitere etwa gleichzeitig zu Danzig, Hamburg, Erfurt und
Nürnberg, sowie im Haag und in Amsterdam aufblühende Ge—
sellschaften, die sich namentlich die Pflege der Naturwissen⸗
schaften zum Ziele setzten. Aus späteren Jahren nahmen, zu—
meist unter Betonung mehr der literarischen Aufgaben, an ver—
wandten Zielen teil die „Aufrichtige Gesellschaft von der
Tanne“ in Straßburg, die von Philipp von Zesen und anderen
gegründete „Hamburgische Gesellschaft“ von 1648, der „Peg—
nesische Blumenorden“ zu Nürnberg, von Philipp Harsdörffer
1644 gestiftet, und eine von 1664 an bestehende alchimische
Rosenkreuzergesellschaft, deren Mitglied 1667 Leibniz geworden
ist, sowie der um 1660 blühende „Schwanenorden an der Elbe“,
eine Stiftung Johann Rists, des bekannten Dichters und Pfarrers
in Wedel bei Altona.

Diese ganze Bewegung, in deren einzelnen Mittelpunkten
noch eine ganze Summe von nach unseren Begriffen sehr ver⸗
schiedenartigen Zielen zugleich verfolgt wurde, machte dann seit
Schluß des 17. Jahrhunderts langsam einer anderen Strömung
Platz, die in den westeuropäischen Ländern schon viel lebhafter
um sich gegriffen hatte und auf Begründung von Akademien
als ausschließlichen Arbeitsvereinigungen zur Ausdehnung zu—
nächst der wissenschaftlichen Erfahrung gerichtet war. So war
in Paris schon im Jahre 1634 eine der Sprache im all—⸗
gemeinsten Sinne, der Grammatik, Rhetorik und Dichtkunst
gewidmete Akademie entstanden, während in London aus der
freieren Académia Londinensis im Jahre 1662 die Royal
dociety mit vornehmlich naturwissenschaftlichen Zielen hervor⸗
gegangen war; ihnen folgte im Jahre 1700, ein Ergebnis der
weitverzweigten Propaganda Leibnizens für den akademischen
Gedanken, die Berliner „Königliche Sozietät der Wissen⸗
schaften“, in der sich anfangs eine Anzahl Gelehrter zusammen⸗
fand, die bisher freien Gesellschaften angehört hatten; und die
Begründung der Berliner Akademie wurde dann für verwandte
Bestrebungen auf deutschem Boden überhaupt vorbildlich.

Inzwischen hatte sich neben der gelehrten Gesellschaft auch
der schriftliche Gedankenaustausch wissenschaftlichen Charakters
        <pb n="79" />
        30 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
zu einer festen Form gelehrter Betätigung entwickelt. Es ist
ein ähnlicher Vorgang, wie wir ihn auf dem Gebiete des poli—
tischen und kommerziellen Meinungsaustausches kennen gelernt
— ———
Zeitschrift. Dabei hat im 17. Jahrhundert der gelehrte Brief—
wechsel noch eine außerordentliche Ausdehnung gehabt: noch
Leibniz war einer der unermüdlichsten Briefschreiber; das Ver—
zeichnis seiner Korrespondenz in Hannover weist 1054 Namen
auf. Aber im ganzen begann doch seit etwa dem letzten Viertel
des 17. Jahrhunderts schon die gelehrte Zeitschrift die Korre—
spondenz zu entlasten und abzulösen; und mit der Offentlichkeit
der Erörterung und des Nachrichtendienstes trat zugleich eine
wesentliche Erhöhung der Sachlichkeit und eine zweckgemäße
Verschärfung des Urteils ein.

Indem nun aber die Wissenschaft sich auf diese Weise
eigene Heimstätten und Einrichtungen zu ihrer Vertiefung und
Ausdehnung schuf, wuchs zugleich, als wesentlichste Bürgschaft
größerer Zukunft, eine stärkere Arbeitsteilung der gelehrten
Forschung heran. Ein Mann wie Isaak Vossius (1618 -1689)
war noch hervorragender Philologe und Naturforscher zugleich
gewesen; und nicht selten wechselten zu seiner Zeit einzelne
Gelehrte bei der Vertretung eines Universitätslehrfaches noch
zwischen naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen
Fächern. Im 18. Jahrhundert dagegen wurde die Verbindung
weit voneinander abgelegener wissenschaftlicher Fächer schon
seltener; wenigstens die Gebiete der Naturwissenschaften und
Geisteswissenschaften erschienen im allgemeinen als getrennt;
und wenn in den Naturwissenschaften auch noch in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Professor Physices an den
Universitäten Vorlesungen von einem Umfange des Inhalts zu
halten pflegte, in den sich heutzutage vielleicht ein Dutzend von
ordentlichen Professoren der Naturwissenschaften teilt, so war
doch die Richtung auf Arbeitsteilung gerade auch auf diesem
Gebiete unverkennbar.

1 S. Bd. VI, S. 7 ff.
        <pb n="80" />
        Weitere Entwicklung des Intellektnalismus. J 61
Nicht ganz so günstig stand es auf dem Gebiete der
Geisteswissenschaften. Hier war an rationeller und intensiver
Arbeit noch verhältnismäßig wenig geleistet worden, und
darum erschöpfte sich alles im extensiven Heranschleppen eines
wüsten und im Grunde nur äußerlich geordneten Stoffes. Der
Sammeleifer, ja die Sammelwut war auf diesen Gebieten
allgemein; man gab die Geschichtschreiber der deutschen Vor—
zeit wie die klassischen Autoren fast Dutzende von Malen in
mehr oder minder umfassenden Sammlungen heraus; man
brachte Bücher, Briefe, Münzen, Antiquitäten, Gemälde und
Statuen zusammen, und nur wenn man bescheiden war, be—
gnügte man sich wohl auch mit einzelnen sogenannten raren
Stücken, wie etwa des seligen Herrn Dr. Martin Luthers
Originalbrillenfutter. Und dem zumeist unkritischen Sammel⸗
eifer entsprach eine unbehilfliche, im Grunde immer nur in rein
beschreibenden Kategorien der Darstellung aufgehende Poly—
historie, eine der Plagen geradezu des Zeitalters. So kam es
auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften bald dahin, daß
Vielwissen und Gelehrtsein als identisch galt; und erst das
folgende Zeitalter des Subjektivismus ist deutlicher und folgen—
reicher zu den wirklichen Problemen geisteswissenschaftlicher Er—
kenntnis vorgedrungen.

Auf naturwissenschaftlichem Gebiete dagegen vollzog man
klar und immer klarer den entscheidenden Schritt aus der An—
häufung der Erfahrung zu ihrer begrifflichen Beherrschung.
Und auf diesem Wege gelangte man bald zu den Anfängen einer
unverbrüchlichen und unabänderlichen Okonomie und Autonomie
des Denkens.

Von Bedeutung war es in dieser Hinsicht, daß man im
16. Jahrhundert einen vollen Rausch naturphilosophischer Be—
trachtung erlebt hatte!. Es ist der Anfang aller intensiveren
Naturbetrachtung überhaupt. Denn das menschliche Denken ist
nicht so geartet, daß es sich der Erkenntnis der Dinge zunächst
aus dem Einzelnen her näherte. Vielmehr werden die komplexen

1 S. Bd. VI, S. 1IGS ff.
        <pb n="81" />
        32 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Erscheinungen anfangs von der Oberfläche her im ganzen erfaßt
und ein besonders augenscheinlicher Faktor des Gesamtinhalts
oder auch eine Gruppe solcher für den Charakter und das Wesen
des Ganzen als maßgebend betrachtet und gleichsam ver—
antwortlich gemacht. In diesem Sinne hat alle Metaphysik
philosophiert, von den Eleaten bis auf Hegel und Hartmann.

Allein dieses Denken ist nicht in der Konstruktion der see—
lischen Fähigkeiten des Menschen unabänderlich gegeben. Es
ist vielnehr nur der Ausdruck des Unvermögens gewisser
Zeiten ungeheurer Stofferweiterung, auf eine intensivere, schon
das Detail betrachtende und vom Detail her das Ganze auf⸗
lösende Betrachtung so viel Muße und geistige Kraft zu ver—
wenden, als hierzu nötig ist — oder aber der Ausdruck des
Wunsches, in Zeiten, in denen dieser intensiv arbeitende Auf—
tröselungsprozeß aus dem Detail schon begonnen hat, aber noch
nicht vollendet ist, gleichwohl aus dem gefundenen Einzelnen
her in Richtlinien, die über die Erfahrung hinausgehen, bereits
das Ganze zu konstruieren. In beiden Fällen handelt es sich
um allgemeine, mehr oder minder passende, mehr oder minder
geniale Hypothesen, denen die Erfahrung als ein anderes
Produkt menschlichen Denkens und Forschens entgegentritt.
Dabei ist der ungeheure Wert solcher Hypothesen für die
Förderung auch der Erfahrung in keiner Weise zu verkennen:
Hypothesen und also auch Metaphysiken sind jedem fort—
schreitenden Empirismus unentbehrlich und entsprechen der einen
Seite untersuchenden Verfahrens auch gegenüber jeder Kleinig—
keit, das immer aus induktiven und deduktiven Elementen ge—
mischt ist. Gleichwohl bedeutete es einen wesentlichen Fort—
schritt der Erkenntnis, als neben den Versuch, dem Charakter
der Außewelt als einem Ganzen vornehmlich, ja fast allein
durch Hypothesen gerecht zu werden, der Versuch trat, sich des
Einzelnen dieser Erscheinungswelt zunächst auf naturwissen—
schaftlichem Wege rein empirisch zu bemächtigen.

Zu diesem Versuche war die Welt reif, als sich seit dem
15. und 16. Jahrhundert die Möglichkeit gelehrter Berufs—
stände und somit die für die Lösung notwendige Summe
        <pb n="82" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 63
geistiger Muße, sowie im Verlaufe des 17. Jahrhunderts die
soeben“ geschilderte soziale Entwicklung im Sinne einer all—
gemeinen Verschärfung der gelehrten Tendenzen ergeben hatte,
und als eine letzte, größte, scheinbar aus dem Vollsten gewonnene
Hypothese, die des Pandynamismus, sich dennoch als ungenügend
herauszustellen begann.

Freilich blieb daneben noch immer ein Moment bestehen,
das eine rein voraussetzungslose Betrachtung der anorganischen
Natur — und um diese als das anscheinend leichter zu lösende
Rätsel, nicht um Leben und Geist handelte es sich zunächst —
zu hindern schien: der christliche Offenbarungsglaube. Und er
kam mit einem Moment in Betracht, das auch sonst, aus all—
gemeinen Voraussetzungen her, aufs tiefste im Denken der Zeit
verankert war, dem teleologischen. Im ursprünglichen Bewußt-
sein spielt der Zweckbegriff eine ganz überwiegende Rolle,
—WVeDDODD0—
Kulturen alles Geschehene teleologisch, und zwar nach Analogie
menschlichen Tuns, beurteilt: hinter die Naturerscheinungen
treten die Götter. Es ist gleichsam die Einverleibung des
menschlichen Verstandes in die Natur: die Natur schafft zu
bestimmten, nach menschlichem Denken definierten Zwecken.
Mit dem christlichen Denken war diese Auffassung nun in der
Art in Verbindung getreten, daß man hinter der Natur den
Christengott in bestimmter Richtung schaffend sah und diese
Richtung vornehmlich dadurch bestimmt fand, daß alles Schaffen
dem Menschen als der Krone der Schöpfung zugute komme.
Es ist die Ansicht schon der Schöpfungsgeschichte der Genesis;
noch mehr hat sie in allen dogmatischen Fixierungen der christ⸗
lichen Lehre und auch noch in den physiko-theologischen
Systemen des 18. Jahrhunderts und darüber hinaus eine Rolle
gespielt.
Was widersprach nun in dieser Anschauung einem rein
empirischen Denken? Am unmittelbarsten doch wohl der

S. oben S. 48 ff.
        <pb n="83" />
        3

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.

anthropozentrische Standpunkt. Denn wie war reine Erkenntnis
möglich, bezog man von vornherein jedes Ding und jeden Vor—
gang auf menschliches Sein und wo möglich Wohlsein? Der
in diesem Sinne der Natur untergelegte Verstand mußte ver—
trieben werden. Sah man dagegen hinter dem Gesamt—
geschehen, das man in den nächsten, menschlichen Beziehungen
als zwecklos betrachtete, des weiteren noch einen einzigen, all—
mächtigen geistigen Trieb, so stand der Annahme eines
solchen Triebes eigentlich nichts entgegen, wenn sein Wirken
gesetzmäßig erschien und als solches erkannt wurde: denn sehr
wohl konnte sich dieser Trieb in ewigen, selbstgesetzten Normen
auswirken. Ausgeschlossen blieb allein die Willkür, blieb das
Wunder.

Nach alledem war klar, welcher Voraussetzungen ein neues,
cein empirisches Erkennen zunächst auf dem Gebiete der an—
organischen Natur, dann aber auch auf dem der Lebenswelt
und der seelischen Vorgänge bedurfte: des energischen Ein—
dringens in das Einzelne der Erscheinungen, der Abstraktion vom
anthropozentrischen Standpunkte, der Zulassung einer urgewal⸗
tigen, absoluten, göttlichen Triebkraft nur in dem Sinne gesetz-—
mäßiger Auswirkung.

Von diesen Voraussetzungen war die erste durch Schaffung
geistiger Muße und sozialer Achtung für die gelehrten Berufs—
arten erfüllt, die zweite wenigstens stark vorbereitet durch die
Verschiebung der Weltkenntnis seit dem Zeitalter der Ent—
deckungen und der Hypothese des Koppernikus, die dritte endlich
ihren allgemeinen Zügen nach durch den Pandynamismus des
16. Jahrhunderts näher gelegt, als früher, und in unmittel⸗
barem Widerspruch befindlich nur noch mit dem Wunderglauben
der Kirche, nicht dagegen mit dem Glauben an Gott. Es war
eine Lage, die immerhin schon die Entwicklung einer voraus—
setzungslosen mechanischen Naturwissenschaft zuließ; und wie
deren Anfänge denn in der Tat alsbald in den Forschungen
eines Stevinus, Galilei, Newton auftraten, wird binnen kurzem
zu erzählen sein.
        <pb n="84" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 65
Indem sich aber diese Wendung ergab, und indem sich zu—
zgleich das natürliche Denken auf dem Gebiete der praktischen
Geisteswissenschaften, wie es schon im 16. Jahrhundert stark
und stärker eingesetzt hatte, immer weiter verbreitete und für
das Recht und den Staat, für die Sitte und die Religion
Anschauungen zu schaffen bestrebt war, die der Zeit als
Korrelat zur mechanistischen Auffassung der Natur erschienen!,
je verbreiteter mithin die Denkweise eines ganz neuen natür—
lichen Systems wurde und je mehr sich auf seiner intellektua—
listischen Grundlage die einzelnen Disziplinen der Wissenschaft,
von verwandtem Geiste erfüllt, dem abgerundeten Ganzen einer
rationalen Universalwissenschaft zu nähern schienen: um so
mehr mußte der Gedanke nahetreten, auf diesen Errungenschaften
and dem Boden ihrer konvergierenden Entwicklung eine all—
gemeine Weltanschauung aufzubauen.

Es ist die geistige Grundlage der großen metaphysischen
Systeme des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Man sieht: sie brauchten nach Lage der Dinge noch nicht vom
Christentum abzugehen, wenn es nur rationalisiert und der
Wunder möglichst entkleidet wurde. Und in der Tat: wie noch
die ganze niederländische Literatur des 17. Jahrhunderts, die
fortgeschrittenste auf deutschem Boden, von kindlich-frommem
christlichem Sinne beherrscht war, und wie ein Althus, Grotius,
Kepler an den Hauptdogmen des Christentums festhielten, so
haben sich auch Descartes und Leibniz nicht antichristlich ver—
halten, wenn sie auch ihre tiefsten religiösen Geheimnisse in
stiller Brust bewahrten. Daß aber der neuen Philosophie ob⸗
jektiv gleichwohl eine gegen den Offenbarungsglauben gerichtete
Tendenz innewohnte, läßt sich nicht leugnen. Zwar hielt man
durchaus an der Bearbeitung des großen, von der Reformation
für das Christentum aufgestellten Gegensatzes, Gott und Indi—
viduum, fest: Individualität und Gottesbewußtsein irgendwie,
sei es mystisch, sei es rational, zu verknüpfen, blieb eines der
wesentlichsten Bedürfnisse. Aber war denn diese Formulierung

S. zum Teil schon Bd. VI, S. 146 ff.
Lamprecht. Deutsche Geschichte. VII. 1.
        <pb n="85" />
        86 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
so durchaus nur christlich-reformatorisch? War sie nicht viel—
mehr tiefstes Moment des Zeitbewußtseins überhaupt, das unter
anderm auch die neuen Formen des Christentums mit bestimmt
hatte? Und wenn diese neue Weltanschauung im Grunde den
Offenbarungscharakter des Christentums leugnen mußte, da sie
hei konsequentem Denken das Wunder schlechthin zu verwerfen
gezwungen war: hob sie damit nicht eigentlich dennoch das
Thristentum auf, mindestens in dem Sinne, in dem es bisher
berstanden worden war und noch von den meisten verstanden
wurde? Unvereinbar waren schließlich geschichtlich gegebenes
Christentum und neue Weltanschauung: wenn auch nicht in
unmittelbar scharfer Betonung, so doch dem Kerne nach traten
jetzt zum ersten Male zwiespältige Weltanschauungen die Herr—
schaft über die Geister der Nation an; neben das Christentum
stellte sich eine unchristliche Philosophie, und nur das gemein—
same Ausgehen von den Polen des Individuellen und des
Absoluten war es, das sie annoch vereinte.

Dabei war aber die neue Weltanschauung im Grunde weit
mehr von der Naturwissenschaft getragen als von den Geistes⸗
wissenschaften. Gewiß entnahm sie der Forschung der histo—
rischen Wissenschaften manchen Inhalt antiken Denkens, und
gewiß hatte sie auch Fühlung mit dem Naturrecht, der Natur—
religion und der Wissenschaft natürlicher Sitte. Indem diese
Wissenschaften indes sich auf die menschliche Vernunft als etwas
Natürliches bezogen und eben in der Natur selbst zu wurzeln
vorgaben, wenn sie sie auch auf rein intellektualistische Momente
reduzierten, verwiesen sie ihrerseits wiederum auf das Erkennen
der Natur als auch ihre Grundlage. Wie also hätte man bei
dieser Entwicklung einer allgemeinen Weltanschauung ein ge—
naueres Eingehen auf sie anders als einen Umweg betrachten
sollen? Weit mehr als Grundlage der Geisteswissenschaften
daher denn als ihre Folge erschien der Zeit das philosophische
Denken.

Indem aber die neue Weltanschauung so durchaus auf
rationalen, vornehmlich naturwissenschaftlichen Grundlagen er—
haut wurde, entsprach sie in jeder Hinsicht dem intellektualistischen
        <pb n="86" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 67
Grundzuge des Zeitalters, der so oft schon betont worden ist.
Gewiß trägt jede Metaphysik als Gedankendichtung in sich schon
ein ästhetisches, ja dichterisches Element, und dies findet sich
auch in den großen metaphysischen Systemen des 17. und
18. Jahrhunderts. Denmoch erscheinen sie verhältnismäßig
nüchtern gegenüber den Systemen eines Weigel oder Vöhme,
ines Fichte oder Schelling oder Hegel, von denen sie zeitlich
unmrahmt sind.

II.
1. Wir haben die Entwicklung des Intellektualismus im
Verlaufe des Jahrhunderts nach dem großen Kriege jetzt bis zu
seiner höchsten Höhe verfolgt: bis zur Bildung selbständiger
Weltanschauungen, in denen er am Ende aus Mangel an ab—
schließender Erfahrung — denn Wissen ist Stückwerk — in
sein Gegenteil, die Ahnung neuer und die phantasiereiche Vor—
stellung eines letzten Zusammenhanges, umschlug. Es war eins
der Momente, in deren Verlaufe schließlich dem rationalistischen
Ausgange des individualistischen Zeitalters der enthusiastische
Anfang eines höheren Seelenlebens folgen mußte; und früh
schon erhielt dies Moment in der Philosophie Leibnizens eine
höchst bezeichnende Ausprägung. Jetzt aber gilt es, den bisher
nur im allgemeinen skizzierten Weg der vollen Durchbildung
des individualistischen Intellektualismus im einzelnen zu durch—
messen. Und da bedarf es wohl kaum noch der näheren Aus—
führung, daß dieser Weg mit Erfolg nur von der Geschichte
der Naturwissenschaften aus eingeschlagen werden kann. Auf
diesem Gebiete aber wiederum handelt es sich an erster Stelle
um die Entwicklung der wissenschaftlichen Grundlage aller
modernen Naturwissenschaft, um die Entwicklung der Mechanik.

Da hatten sich nun schon die Alten der elementarsten
Theorien namentlich der Statik, der Lehre vom Gleichgewicht,
ziemlich eingehend bemächtigt; hier liegen vor allem die Ver—
dienste des Archimedes. Dagegen waren sie der Lehre von der
Bewegung der Körper, der Dynamik, ziemlich ferngeblieben.

5*
        <pb n="87" />
        8

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Allein ihre Kenntnisse, die dem Zeitalter des Humanismus auf
dem Wege der schriftlichen Überlieferung langsam wieder er⸗
schlossen wurden, blieben im 16. und 17. Jahrhundert ohne
tiefere Wirkung, weil die Art ihrer Tradition in rein deduk—
tiven Beweissätzen, wie sie dem Wesen der antiken Mathematik
entsprach, einen Einblick in die Vorgänge, welche zu den be⸗
haupteten Ergebnissen geführt hatten, fast völlig ausschloß.

Neben der wiedererwachenden Überlieferung der Alten aber
bestand im 16. und 17. Jahrhundert schon vom Mittelalter her
ein gewisses Maß praktischer mechanischer Kenntnisse, besonders
hinsichtlich der bei Bauten, Befestigungswerken und Schiffs-
arbeiten angewandten Mittel zur Bewegung schwerer Lasten;
doch waren diese Kenntnisse während des Mittelalters niemals
auf grundsätzliche Anschauungen zurückgeführt worden.

Im ganzen konnte man daher am Schlusse des 15. Jahr⸗
hunderts sagen, daß die Mechanik in den anderthalb Jahr—
tausenden seit Archimedes grundsätzliche Fortschritte nicht ge⸗
macht habe. Um diese Zeit aber begannen nun allenthalben
schüchterne Versuche, aus der praktischen Kenntnis zu den ihr
zugrunde liegenden Gesetzen vorzudringen und aus der Be⸗
obachtung eines Falles die Regel für tausend andere derselben
Art zu entwickeln. Zuerst taͤucht hier als richtunggebend der
erlauchte Name Lionardo da Vincis (14521519) auf;
Lionardo kannte schon das Bewegungsgesetz auf der schiefen
Ebene und hatte zutreffende Vorstellungen vom stetigen Wachsen
der Geschwindigkeiten beim Fallen der Körper. Allein was ihm
und verwandten Denkern im 16. Jahrhundert noch fehlte, das
war eine so genaue Beschreibung der Phänomene, daß es möglich
gewesen wäre, von den ihnen zugrunde liegenden Momenten in
einfachen Formeln zu reden.

Hier brachte erst das 17. Jahrhundert die Lösung. Im
Jahre 1605 erschienen die „ Hypomnemata mathematica“ des
niederländischen Mathematikers Simon Stevin, des hoch—
gemuten, schon für die Muttersprache als Gelehrtensprache
eintretenden Ingenieurs des Prinzen Moritz von Oranien: sie
leiteten das Gesetz der schiefen Ebene aus der Betrachtung einer
        <pb n="88" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 69
über sie gleitenden, in regelmäßigen Zwischenräumen mit Kugeln
versehenen Schnur ab. Außerdem aber beschrieb Stevin auch
schon den Satz vom Parallelogramm der Kräfte in seinen ein⸗
fachsten Anwendungsformen und stellte einige Gesetze der Hydro⸗
statik mit genügender Genauigkeit auf. Gleichwohl: was wollten
diese Arbeiten besagen gegenüber denen Galileis! Nach den
„Dialoghi intorno ai due massimi sistemi del mondo“, die
1682, ein Jahr vor dem Tode Stevins, erschienen, brachten die
„Discorsi“ des Jahres 16388 die Aufstellung der wichtigsten
dynamischen Grundlagen aller Mechanik.

Galilei war beim Falle von Körpern von induktiven Be—
obachtungen allgemeiner Art ausgegangen, die ihm, wie schon
Lionardo, die Vorstellung einer gleichförmig beschleunigten Be—
wegung dieser Körper erweckten. Aber er beruhigte sich bei dieser
ungefähren Vorstellung nicht. Er wünschte die Art dieser Bewegung
genauer beschreiben zu können. Und zu diesem Zwecke ging er
deduktiv von physikalisch-mathematischen Spekulationen aus vor.
Er glaubte in der Geschwindigkeit das Anzeichen einer Kraft
sehen zu dürfen, und so betrachtete er die Geschwindigkeits-
momente in der Fallbewegung als elementare AÄußerungen dieser
Kraft. Die Zeit aber während des Verlaufs der Bewegung
erschien ihm in ihrer Gleichmäßigkeit als diejenige Form der
Hinzufügung von Element zu Element, in der die einfachsten
Teilbetätigungen einer Kraft vor sich gehen müßten. Auf diese
Weise gelangte er zu einer Vorstellung, nach der die Wirkung
der Kraft in der Zeit durch die aufeinanderfolgende, den Zeit⸗
teilen proportionale Hervorbringung von Geschwindigkeiten ver⸗
gegenwärtigt wird!. Diese Vorstellung, in mathematische Form
übersetzt, ergab dann das Gesetz, daß die Fallräume wie die
Quadrate der Zeiten wachsen.

Mit dem Fallgesetz war das Grundelement für die weitere
Entwicklung der Dynamik gewonnen: vorausgesetzt, daß die Er—
wägungen Galileis den natürlichen Vorgängen wirklich gerecht
wurden. Das ließ sich natürlich nur induktiv durch Experimente

1 Dühring, Mechanik, S. 36.
        <pb n="89" />
        70

Neunzehntes Buch. Drittes RKapitel.
dartun, die beliebiger Wiederholung und Prüfung zugänglich
sein und stets den Beweis des Gesetzes erbringen mußten.
Galilei ist, nach vielen Schwierigkeiten, auch des experimentellen
Beweises Herr geworden.

Darauf ließ sich aus dem Fallgesetz her auch eine Anzahl
anderer Erscheinungen auf gesetzmäßige Vorgänge reduzieren und
aus diesem Gesetze ableiten: für das Gesetz der schiefen Ebene
wurde eine andere als die Stevinsche Beweisform versucht; die
einfachsten Gesetze der Pendelschwingungen wurden aufgestellt;
vor allem gelang die Bestimmung der Parabel des Wurfes.
Es waren Ergebnisse, die Galilei mit gerechtem Stolze er—
füllten. Man fühlt ihm nach, wenn man in den „Discorsi“
die Worte liest: „Einiges von geringerer Bedeutung ist bisher
angemerkt worden, wie z. B. daß die natürliche Bewegung der
herabfallenden schweren Körper fortwährend beschleunigt werde.
Nach welchem Verhältnis aber die Beschleunigung geschehe, ist
bisher nicht kundgegeben worden ... Auch hat man wohl be—
obachtet, daß die Geschosse der geworfenen Körper irgendeine
krumme Linie beschreiben; daß dieselbe jedoch eine Parabel sei,
hat niemand kundgetan. Die Richtigkeit dieser Sätze und
oieles andere Wissenswerte wird von mir bewiesen werden,
und es wird, was, wie ich glaube, höher anzuschlagen ist, der
Zugang zu einer höchst umfassenden und vorzüglichen Wissen—
schaft erschlossen werden, für welche diese unsere Arbeiten die
Elemente bilden müssen, und in welcher tiefer dringende Geister
das Verborgenere und Entlegenere bemeistern werden.“

In der Tat mochte dieser hohe Geist, dem die Enthüllung
der Natur mit ihrem scheinbar bunten Gewirre strebender
Kräfte an einer Stelle gelungen war, weit mehr Probleme
sehen, als er zu lösen die Möglichkeit fand. Den wesentlichsten
Grund dafür, daß er nicht weiter gelangte, hat man in der
Ausbildung der zeitgenössischen Mathematik zu suchen. Noch
waren die Infinitesimalrechnung wie überhaupt die Verfahren
nicht gefunden, welche gestattet hätten, das stetige Verhältnis
gewisser gleichförmiger Bewegungen zueinander auf den Aus—
druck einer einfachen mathematischen Formel zu bringen. Galilei
        <pb n="90" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 71
hat sich in Fällen, wo Beweis und gesetzmäßiger Ausdruck be—
stehender komplizierter Tatsachen mit den Methoden der höheren
Mathematik heute leicht zu erreichen sind, vielfach mit der
Heranziehung einfachster geometrischer Vorstellungen und Kon—
struktionen begnügen müssen, deren wissenschaftliche Kapazität
dann bei weiterer Spannung der Probleme versagte. So führt
sogar schon die Grundfrage des Fallgesetzes: was nämlich aus
riner Größe werde, die derartig wächst, daß die zuwachsenden
Elemente stets sofort der Grund neuen Wachstums werden,
schließlich zu Problemen, die nur mit den Verfahrungsweisen
der höheren Mathematik zu bearbeiten sind.

Unter diesen Umständen hat Galilei wohl die großen Ele—
mente der Mechanik aufgedeckt und auf eine Anzahl wichtigster
Grundannahmen zurückgeführt: auf das Beharrungsvermögen,
auf den Grundsatz der Zusammensetzung der Kräftewirkungen,
auf den Grundsatz endlich der Basierung des Gleichgewichts der
Kräfte auf die Gleichheit ihrer virtuellen Momente. Aber es
fehlten ihm auf diesem Gebiete gleichwohl noch der treffendste
Ausdruck und die klarste Anschauung, und der mathematische
Ausbau vieler Einzelprobleme konnte erst mit der mathe—
matischen Vertiefung der Folgezeit, vor allem durch die Er—
findung der Infinitesimal(Differential-)rechnung durch Newton
und Leibniz erreicht werden!, wenngleich auch jetzt noch die beste
Lösung und vor allem die Vereinfachung vieler Probleme dem 18.
und 19. Jahrhundert vorbehalten blieben.

Die Arbeit der auf Galilei zunächst folgenden Generationen
vollzog sich, insofern sie von allgemeiner Bedeutung geworden
ist, vornehmlich in zwei Richtungen. Einmal griff Newton
(1642 1727) das schon von Galilei bearbeitete Wurfproblem
auf. Galilei hatte die parabolische Wurfbahn aus der Kombi—
nation des Beharrungsvermögens des geworfenen Körpers und
der Schwerkraft erklärt; Newton erweiterte jetzt die Probleme,
die sich hier aufdrängten, zu einer allgemeinen Theorie der
krummlinigen Bewegungen und der sie erzeugenden Kräfte.

Vgl. dazu Bd. VI, S. 139 ff.
        <pb n="91" />
        72

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Diese Theorie ist durch die Anwendung, die Newton von ihr
zur Aufhellung der kosmischen Vorgänge machte, zu all—
gemeinster geschichtlicher Wichtigkeit gelangt. Anderseits aber
wurden die schwierigen Vorgänge weiter verfolgt, in denen
Bewegungen an ein statisches Element gebunden sind. Das
Hauptproblem war hier das des zusammengesetzten Pendels.
Seiner Lösung hat besonders der holländische Mathematiker
Huyghens (1629- 1695) große Mühe gewidmet. Sein „Horo-
logium oscillatorium“ (1678) stellte vor allem den Grundsatz
auf, daß der gemeinsame Schwerpunkt einer Gruppe von
Körpern, die unter dem Einfluß der Schwere um eine hori—
zontale Achse oszilliert, bis zu seiner ursprünglichen Höhe, aber
niemals weiter steige. Es ist der Kern des Prinzips der Er—
haltung der lebendigen Kraft, das Leibniz 1686 allgemeiner
formuliert hat, und aus dem schließlich, indem man es ganz
allgemein auf alle Kräfteerscheinungen der Natur übertrug, der
Satz von der Erhaltung der Energie hervorgegangen ist.
Außerdem aber waren die Untersuchungen von solchen Vor—
gängen, welche die Kombination statischer und dynamischer
Elemente aufweisen, überaus wichtig für die Erklärung und
den verständigen Bau vorhandener wie für die rationelle Er—
findung neuer Maschinen: es bedurfte ihres vollen Abschlusses
wie freilich zugleich gewisser sozialer Umwälzungen, ehe sich die
seit Mitte des 18. Jahrhunderts rasch steigende Maschinentechnik
des subjektivistischen Zeitalters entwickeln konnte!.

In der Entwicklung der mechanischen Wissenschaft aber
kam es nach der Lösung all der zahlreichen Einzelprobleme nun
vornehmlich noch darauf an, die Einzelprinzipien, für deren
jedes bisher ein besonderer Beweis und eine besondere Methode
der Anschauung bereit stand, auf eine gemeinsame Grund—
anschauung, einen gemeinsamen Nenner gleichsam zurück—
zuführen: die Ausbildung einer Fundamentaltheorie wurde
notwendig.

Bgl. dazu den Wirtschafts- und sozialgeschichtli Ergä —
zialgeschichtlichen Ergünzungs
        <pb n="92" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 73
Es lag in der Natur der Sache, daß diese Ausbildung
zunächst auf mathematischem Wege, vermöge der höheren Analysis,
versucht ward. Auf diesem Gebiete hat, unter erheblichster
Bereicherung der allgemeinen analytischen Methoden, mit am
frühesten der deutsche Mathematiker Euler gearbeitet; im Jahre
1736 erschien zu Petersburg feine „Mechanica sive motus
scientia analytice exposita“. Ihr folgte später d'Alemberts
„Traité de dynamique“ (1743); und ihren Abschluß fand diese
Richtung in dem formell höchst vollendeten Werke Lagranges,
der „Mécanique analytique“, die 1788 zuerst erschienen ist.
Lagrange brachte es, indem er das Gleichgewicht als einen
Grenzfall der Bewegung ansah, so weit, jedes statische Problem
auf ein dynamisches zurückzuführen, zugleich aber den Nachweis
der Ableitbarkeit aller Probleme aus dem Vrinzipe der virtuellen
Geschwindigkeiten zu versuchen.

Allein bei dem immer weitergreifenden Zurückgehen auf
die Grundbegriffe konnte es nicht fehlen, daß sich außer den
Mathematikern auch die Philosophen der einschlagenden Fragen
bemächtigten. Die Ergebnisse dieser Mitarbeit, die sich nament—
lich an den Leibnizschen Streit über die Art knüpfte, wie
eigentlich die Erhaltung der Kraft zu denken sei, waren schon
in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts an sich gering und
wurden später um so geringer, je mehr den Philosophen jene
mathematische Bildung zu fehlen begann, deren sie sich im
17. Jahrhundert noch fast ohne Ausnahme hatten rühmen
können.

Dennoch war das Eintreten der Philosophie in diese Er—
örterung von wesentlicher Bedeutung. Wenn nämlich schon die
weitere Entwicklung der Infinitesimalmethode über das bloße
Gebiet der empirischen Mechanik hinauszuweisen begann, so
wurde eine Richtung des Denkens in diesem Sinne durch die philo⸗
sophischen Untersuchungen über den Ursprung der Erfahrung, wie
sie durch Kant einen gewissen Abschluß erhielten, sehr be—
günstigt. In der Tat entwickelte sich, wie eine reine Mathe⸗
matik entstanden war!, eine reine Mechanik als Lehre von
S. Bd. VI. S. 146.
        <pb n="93" />
        Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
örtlich verschieden arrangierten Massen, an denen Kräfte, d. h.
Ursachen von Bewegungserscheinungen oder Bewegungshem—
mungen, als in bestimmten einfachen Entwicklungsformen wirkend
angenommen wurden. Es ist klar, daß mit dieser Umformung,
wie sie seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts langsam eintrat,
der Unterschied von Statik und Dynamik nicht minder weg—
zufallen begann, wie sich in dem parallelen Entwicklungsprozeß
der Mathematik der Unterschied zwischen Arithmetik und Geo—
metrie verflüchtigte: die Mechanik wurde gleich der Mathematik
eine allgemeine Größenlehre, doch unter der Voraussetzung
der Körperhaftigkeit, d. h. der Massigkeit und Schwere, dieser
Größen.

In dieser Entwicklung galt die Mechanik dann, wenigstens
insofern sie für das Gebiet der Wissenschaften in Betracht kam,
längere Zeit als eine eigentlich abgeschlossene Wissenschaft: bis
ihr vielleicht schon die Rotationstheorie Poinsots (1834), gewiß
aber die Wärmetheorie der zweiten Hälfte des 19. Jahr-⸗
hunderts ein neues Feld empirischer Anregungen und Aus—
sichten eröffnete.

2. Wie früher die Mathematik, so haben wir jetzt die
Mechanik in ihrer Entwicklung noch über das Zeitalter des
Individualismus hinaus verfolgt. Jetzt aber gilt es ins
17. Jahrhundert zurückzukehren und an den Wirkungen der
neuen Wissenschaft zu erkennen, was sie der Zeit denn im
Grunde war. Es ist das auf verschiedenen Gebieten möglich,
auch schon auf dem der Physik und allenfalls der Chemie.
Indes handelt es sich da doch erst um Anfänge, deren Trag-
weite nur im Zusammenhange mit späteren größeren Er—
scheinungen leicht zu ermessen ist. In einer Wissenschaft da—
gegen wurden noch im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts
die ungeheuren Folgen der Entwicklung der Mechanik völlig
klar und leicht verständlich gezogen: in der Astronomie. Wir
verfolgen diese Seite der Entwicklung hier um so lieber, da der
Verlauf der astronomischen Wissenschaft auch sonst mehr als
        <pb n="94" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 75
der irgendeiner anderen Disziplin tiefe Einblicke in den all—
gemeinen Fortschritt des Denkens während der Zeit vom 16.
bis zum 18. Jahrhundert gestattet. Das fundamentale Problem,
—
das des gegenseitigen Verhältnisses zwischen Deduktion und In—
duktion . Während das wissenschaftliche Denken des Mittelalters
zanz überwiegend deduktiv gewesen war, indem es von den christ⸗
lichen Offenbarungstatsachen als einem unverbrüchlich gegebenen
System der Metaphysik ausging und in der Richtung auf die
Induktion, entsprechend seinem geringen Erfahrungshorizonte,
fast nur den Analogieschluß kannte und im weitesten Sinne
anwandte, hatte das 15. Jahrhundert, dieses Jahrhundert ge⸗
waltigster Wende der Zeiten, bereits die leisere Fortbildung
zum solideren Induktionsschluß gebracht. Und im 16. Jahr⸗
hundert war dann das induktive Element in der ganzen Be—
deutung, die es für die moderne Erfahrungswissenschaft besitzt,
erkannt, ja gelegentlich recht enthusiastisch überschätzt worden.
Demgegenüber ist nun die eigentlich geschichtliche Frage die,
wie weit denn dieses neue Element in der wissenschaftlichen
Praxis zur Anwendung gelangte? Und diese Frage läßt sich
kaum auf irgendeinem Gebiete besser beantworten, als auf dem
der Geschichte der Astronomie.

Während des Mittelalters hatte die Astronomie irgend⸗
welche größere Fortschritte nicht gemacht; dagegen war sie gegen
Schluß dieses Zeitraums in der Form der Astrologie immer
mehr in die phantastische Weltanschauung des Pandynamismus,
dieser systematischen und letzten Durchbildung des selbständigen
nittelalterlichen Denkens? hineingezogen worden.

Um so mehr muß es auf den ersten Blick überraschen,
noch im vollen Verlaufe der Periode des Pandynamismus auf
astronomischem Gebiete der gewaltigsten, scheinbar nur ein⸗
gehendster Induktion möglichen Umwälzung zu begegnen: der
Aufstellung des koppernikanischen Weltsystems (1548), der Ab⸗

S. Bd. VI, S. 80 ff.
2 S. Bd. VI, S. 1265 ff.
        <pb n="95" />
        76 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
lösung der geozentrischen Vorstellung des Altertums und be—
sonders des Ptolemäus durch eine heliozentrische. Diese Über—
raschung verschwindet indes bei genauerer Betrachtung der
koppernikanischen Beweisformen. Koppernikus ist noch weit
davon entfernt, zu einer Zeit, da die systematische Entwicklung
der Induktion soeben erst begonnen hatte, ein vornehmlich in⸗
duktiv verfahrender Kopf zu sein. Induktionsbeweise hat er
nur für die Kugelgestalt der Erde erbracht, ferner für die Tat—
sache, daß die Erde nicht den Mittelpunkt der Planetenbahnen
bilden könne, und endlich dafür, daß die Größe der Erde im
Verhältnis zu ihrer Entfernung von den Fixsternen verschwindend
klein sein müsse. Im übrigen aber und grundsätzlich war seine
Methode durchaus noch deduktiv. Der Satz, von dem er aus—
ging, war der, daß die Einfachheit überall ein Zeichen reiner
Natur sei, daß aber die Natur nirgends anders als rationell
habe schaffen können. Es ist eine Auffassung im Grunde
teleologisch⸗rationalistischen Charakters, die für das ganze Zeit⸗
alter des Individualismus bezeichnend und auch heute noch keines—
wegs völlig verschwunden ist. Indem Koppernikus nun mit
diesem Axiom an das ptolemäische Weltsystem herantrat, fand
er, daß es nicht die einfachste mögliche Vermutung für das
Verständnis der bekannten Himmelserscheinungen darbiete, und
setzte an seine Stelle ein anderes, eben das der Heliozentrik.
Es war, hatte man sie einmal in der Hand, eine überaus
einfache Lösung, und auch ihre Darlegung leuchtete alsbald in
hohem Grade ein — eben weil sie deduktiv gewonnen war.
Man begreift daher, daß daraufhin die deduktive Methode in
der Astronomie noch ziemlich lange und verhältnismäßig stark
heibehalten wurde, wenn auch neben ihr, neue deduktive Schluß⸗
folgerungen vorbereitend, eine immer entschiedenere Induktion
zur Geltung gelangte. Ja die nächsten und wichtigsten Fort—
schritte sind doch schon im Grunde wesentlich induktiv gewonnen
worden. Während Tycho de Brahe durch Erweiterung der Be—
obachtungsmittel die einfache Beobachtung auf eine früher nicht
gekannte Höhe hob, verfuhr Kepler auch schon in der Auf—
stellung bestimmter astronomischer Gesetze wesentlich induktiv;
        <pb n="96" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 77
denn er entnahm die Gesetze der planetarischen Laufbahnen erst
nach sehr genauer Beobachtung den mannigfachen Berechnungen
der Möglichkeiten, die nach dem Charakter der beobachteten Er⸗
scheinungen in Betracht kamen.

Ein ganz entschiedener Umschwung aber zugunsten einer
wesentlich induktiven Methode begann doch erst durch die Ent—
wicklung der Dynamik einzutreten, die neben allen Berech⸗
nungen vornehmlich mit auf Experimenten beruht. Hatte
hier Galilei die Gesetze der irdischen Wurfparabel ge⸗
funden und die Entstehung der Kurve aus dem Ineinander⸗
wirken des Beharrungsvermögens des vorwärts getriebenen
Körpers und der Anziehungskraft der Erde erklärt, und hatte
weiter Huyghens die ersten Theorien der Zentralbewegung um
einen festen Punkt entwickelt, so lag es nahe genug, diese für
die irdische Welt aufgestellten Gesetze auch auf die kosmischen
Vorgänge anzuwenden. In der Tat hat auch schon Huyghens
in diesem Sinne gearbeitet. Allein ein Hindernis, das einen
raschen Fortschritt auszuschließen schien, trat doch noch ein,
trotz der Tatsache, daß schon Kepler die Gesetze der kosmischen
Kurven aufgestellt hatte. Wollte man nämlich ganz sicher
gehen, so mußte erst der Galileische Fall der Wurfparabel
verallgemeinert und in dieser verallgemeinerten Form mit der
Huyghensschen Theorie der Zentralbewegung in Zusammenhang
gebracht werden: mußte mit anderen Worten eine Theorie auf⸗
gestellt werden derjenigen krummlinigen Bewegungen, welche
entstehen, wenn sich die Beharrungsgeschwindigkeit irgendeines
Körpers mit den Wirkungen der Anziehungskraft, also den
Wirkungen des freien Falles kombiniert. Es war eine Auf⸗
gabe, die nur mit den Mitteln der Infinitefimalrechnung glatt
gelöft werden konnte. Und so hat sich denn ihrer erst einer
der Erfinder dieser Rechnung, Newton, mit Erfolg annehmen
können.

Im Jahre 1687 erschien Newtons Buch „Philosophiae
naturalis principia mathematica“. Es stellte die gewünschte
Theorie der krummlinigen Bewegungen auf; es entnahm den
Forschungen Keplers den Nachweis, daß diese krummlinigen
        <pb n="97" />
        78 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Bewegungen eben die der Himmelskörper seien: es übertrug
damit, übrigens einem schon bei Kepler, ja bei Koppernikus
hervortretenden Ideengang folgend, die Vorstellung von den
Wirkungen der Anziehungskraft der Erde auf das Welten—
system, begründete auf diese Weise den allgemeinen Begriff der
Schwerkraft und eröffnete so die weitesten Perspektiven auf eine
grundsätzliche Gleichheit kosmischer Bewegungen und kosmischer
Stoffe. Es erschütterte damit eigentlich auch schon das helio⸗
zentrische System des Koppernikus; denn dieses erschien nun
bereits als zu begrenzt: als eine Unendlichkeit von Welten, die
durch einfache Gesetze der Gravitation und Eigenbewegungen
zusammengehalten wurden, ergab sich das Weltall.

Welch ungeheure Veränderung des kosmischen Horizontes
im Verlaufe von noch nicht zwei Jahrhunderten! Wie schrumpfte
da der vom geozentrischen Horizont so abhängige anthropozentrische
Standpunkt vollends zusammen! Was war das Menschenkind
aoch, daß man seiner gedächte?

Als Newton hochbetagt im Jahre 1727 starb, begann seine
Lehre Gemeingut der europäischen Kultur zu werden; in wissen⸗
schaftlichen Kreisen trat Maupertuis (1698—1759), gegen Ende
seines Lebens Präsident der Berliner Akademie, als ihr Vor—
kämpfer auf, in den weiten Kreisen der Gebildeten Voltaire
(Lettres sur les Anglais, 1784; Plé ments de la philo-
sophie de Newton, 1740 und 1741).

Mit den Lehren Newtons schließt das ältere Zeitalter der
Astronomie. Das 18. Jahrhundert hat dann nur noch aus—⸗
gebaut, was es im vollsten Erblühen vorgefunden hatte, indem
es die Übereinstimmung zwischen der Rechnung und den bis—
herigen Beobachtungen vervollständigte — also Induktion und
Deduktion, beide als gleichberechtigt vorausgesetzt, einander
näherte — und namentlich die nachweisbaren Störungen be—
rechnete, die sich aus der Konkurrenz der einfachsten Gesetze
ergeben mußten. Auf diesem Gebiete liegen die Verdienste
Eulers und Clairauts, Laplaces und Lagranges, auch das des
deutschen Astronomen Tobias Mayer, der 1762 die Bewegungen
des Mondes der praktischen Ausnutzung des Seemanns zu—
        <pb n="98" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 79
gänglich gemacht hat. Erst im 19. Jahrhundert hat dann die
Astronomie durch die Entwicklung der Spektralanalyse und die
darauf begründete Astrophysik eine außerordentliche und grund⸗
sätzliche Erweiterung des Gebietes erfahren.
III.
1. Wenden wir uns jetzt noch einmal rückwärts und über⸗
sehen wir den Verlauf der naturwissenschaftlichen Forschung
zunächst bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, so werden wir
ohne weiteres der generell und entwicklungsgeschichtlich wichtigen
Frage zugeführt, zu welchen Fortschritten des Denkens er denn
im allgemeinen geführt habe.

Da ist denn zunächst klar, daß das naturwissenschaftliche
Denken je länger je mehr jeglichen Animismus, jeden Pan⸗
dynamismus im Sinne von persönlich wirkenden Kräften, jede
auch noch so entfernte Erinnerung an das Wunder abgelehnt
hat. Gerade den Wunderglauben als den charakteristischsten
Ausdruck des alten Pandynamismus aufs entschiedenste zu ver⸗
bannen, hat sie damals als eine ihrer wichtigsten Aufgaben
angesehen; die Schrift des Stevinus über das Gesetz der
schiefen Ebene trägt das Motto: „Wonder en is gheen
Monder“: auch was wunderbar erscheint, ist es nicht wirklich.

Gegenüber dem phantastischen, bloß deduktiven Denken
erhob damit die Naturwissenschaft den Satz: „Vere scire est
per causas scire“ zu ihrem Wahlspruch: erst die Aufdeckung
des kausalen Zusammenhanges befriedigte sie. Und indem sie
die Schwierigkeit erkannte, die im Vorhandensein etwa auch
anderer als rein physisch-kausaler Momente in den biologischen
Seiten des Naturreichs einstweilen zu liegen schien, wandte sie
sich vornehmlich den mechanischen und den hieran anschließenden
—EDDDD00 physikalischen und
astronomischen Problemen zu.

Allein wurden die außerordentlichen Ergebnisse, zu denen
sie auf diesem Gebiete gelangte, nun etwa ausschließlich der
neuen Art des Denkens, die sich erst im individualistischen
        <pb n="99" />
        30

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Zeitalter folgerichtig und reich zu entfalten begann, der In—
duktion, verdankt? Keineswegs! Gewiß nahmen die induk—
tiven Elemente in dem Beweisverfahren immer mehr zu;
Kepler vor allem macht in dieser Richtung Epoche. Aber da—
neben bleiben deduktive Elemente bestehen, in der Form ein—
facher Axiome, wie jenes des Koppernikus von der Einfachheit
der Natur, später wenigstens in der fsortwährenden Ver—
allgemeinerung des induktiv gesicherten Wissens bis zur Auf—
stellung neuer Probleme auf dem Wege der Mathematik, deren
deduktiver Charakter den Zeitgenossen als gänzlich zweifellos
feststand. So läßt sich wohl sagen, daß die Induktion, nun—
mehr als eines der beiden denkbaren Beweismomente an—
erkannt, rasche und inhaltreiche Fortschritte gemacht habe, aber
die Deduktion verharrte neben ihr als gleichberechtigt, ja über—
legen; und die höchste Gewißheit schien da gegeben, wo Erfahrung
und reine Deduktion übereinstimmten: Newton hat in seinen
Prinzipien der Naturphilosophie die erkenntnistheoretischen Er—
fahrungen seines Zeitalters ausdrücklich in diesem Satze zu—
sammengefaßt.

War das nun der Standpunkt der wissenschaftlichen Praxis,
die mithin in ihrem Beweisverfahren fortwährend zwischen
induktiven und deduktiven Momenten unter besonderer und noch
entscheidender Hochachtung des deduktiven hin und her ging, so
trat grundsätzlich doch immer mehr die wichtige Frage auf,
wie man sich denn das Verhältnis von Induktion und Deduktion
an sich, rein erkenntnistheoretisch also, zu denken habe. Wollte
man in dieser Hinsicht etwa auf der enthusiastischen Lösung
eines Nikolaus von Kues verharren, der ihr gegenseitiges Über—
eintreffen in einer mystischen Verzückung gelehrt hatte? Oder
hatte man den Eindruck, daß man sich mit einer solchen Lehre
zurück auf den verlassenen Standpunkt des Pandynamismus
begebe? Verließ man ihn aber, welche andere theoretische
Lösung erschien dann denkbar?

Es war der Punkt, in dem die Praxis der Naturwissen⸗
schaft überging in die Denkoperationen der Philosophie. Aber
die Philosophie hat sich der Frage keineswegs klar und in
zentraler Betrachtung genähert. Vielmehr wurde für sie der
        <pb n="100" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 81
Gegensatz zwischen Induktion und Deduktion zunächst nur
genau in derselben Weise wirksam wie für die Naturwissen⸗
schaften und auch die Mathematik, deren deduktive Methode im
Laufe des 17. Jahrhunderts zur halb induktionsmäßigen,
genetisch verfahrenden höheren Analysis umgebildet worden
war!: sie wurde ihrer Materie selbst nach gleichsam unbewußt
und objektiv aus den treibenden seelischen Kräften des Zeit—
alters heraus von der induktiven Methode ergriffen. Es ge—
schah, indem rein empirische Untersuchungen über den mensch—
lichen Verstand aufgenommen wurden, indem mithin neben die
Metaphysik selbständig die zunächst noch unter sich eng ver—
quickten Anfänge der modernen Psychologie und Erkenntnis—
theorie traten; und die Heimat dieser ersten Versuche war
England.

Wie glücklich hat sich nicht England gegenüber Deutsch-—
land vom 16. Jahrhundert ab entwickelt! Wirtschaftlich schritt
es, durch die Gunst der Weltlage sogar noch mehr gehoben als
Holland, von Geschlecht zu Geschlecht fort bis zu einem Reich—
tum der Gegenwart, der seine Söhne gleichwohl nicht ver—
weichlicht, da die Grundbedingungen des Daseins im harten
Kampfe mit fremden Weltteilen täglich neu errungen und ge—
sichert werden müssen. Geistig pflückte es all die Früchte der
Reformation, die der mittlerweile entwicklungsgeschichtlich so
zurückgebliebenen Heimat eines Luther zu genießen nicht ver⸗
gönnt war. Denn aus den zunehmend günstigeren materiellen
Verhältnissen erhob sich eine Freiheit des Denkens, die sich schon
seit dem Ende des 16. Jahrhunderts zur voraussetzungslosen
Betrachtung der Welt aufschwang, indem sie den Glauben, die
religiöse Uberzeugung der besonderen, Beweisen unzugänglichen
Domäne des Gemütes zuzuweisen begann. Und als dann mit
dem 17. Jahrhundert das Zeitalter der großen Revolution über
das Land hingefahren war, um allem stillen Denken zeitweis
ein Ziel zu setzen: da war doch als sein wertvollster Nieder⸗
schlag eine gesellschaftliche Ordnung der Dinge geblieben, welche

1S. Bd. VI, S. 187 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1.
        <pb n="101" />
        2

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
die kontinentalen Errungenschaften der großen französischen
Revolution vorwegnahm, und zwar nicht in schroff⸗-systematischer,
sondern in praktisch-politischer Formulierung.

Wie hätte unter diesen Umständen das Land nicht auch
früher geistiger Emanzipation entgegengehen sollen? In Eng—
land sind zuerst die Gedanken der Aufklärung und des Kon—
stitutionalismus gedacht worden.

Auf philosophischem Gebiete aber kam zu alledem die aus—
gesprochene praktische Begabung des Volkes, um die Frage nach
der Voraussetzung alles Erkennens, nach dem Wesen unseres
Denkens, schon früh zu einer besonders brennenden zu machen.
Indem man sie aber ergriff, geschah das zunächst grade von
dem Punkte aus, in dem der wesentliche Fortschritt des Denkens
seit dem Zeitalter des Individualismus gelegen hatte, nämlich
oom Gesichtspunkte des Problems, den Charakter und den er—
kenntnistheoretischen Wert der Induktion festzustellen.

Den entscheidenden Anfang auf diesem Gebiete machte das
„Novum organum“ Lord Bacons vom Jahre 1620. Man
hat wohl früher gemeint, Lord Bacon habe die Induktion „er—
funden“. Es ist, wie wenn man — was bekanntlich seitens
der älteren Geschichtswissenschaft auch geschehen — Kaiser Karl
dem Großen die „Erfindung“ der Dreifelderwirtschaft zuschreiben
wollte. Die Entwicklung der Induktion aus dem Analogie—
schluß bedeutet die Entwicklung des modernen Denkens; sie
vollzieht sich in unzähligen kleinsten Etappen; und praktisch
hatte schon Lionardo, wie vor ihm der Kardinal von Kues,
eine richtige Vorstellung von ihr als einer Methode begründeteren
Wissens gehabt. Aber Bacon bleibt das Verdienst, die Be—
deutung der neuen Methode erst vollkommen grundsätzlich er—
kannt — freilich zugleich auch enthusiastisch übertrieben zu haben.
Er stellte bis ins kleinste hinein — doch mehr im Sinne der
induktiv-vergleichenden als der induktiv⸗experimentellen Methode
— die Bedingungen fest, unter denen sie sich zu vollziehen habe;
er forderte dabei, einem Irrtum des Aristoteles folgend, eine
absolute Induktion, die alle Fälle der zu beweisenden Er—
scheinung umfassen sollte, wie sie doch niemals möglich sein
        <pb n="102" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 83
wird; und indem er so die Induktion einer nirgends ab—
geschlossenen Erfahrung entreißen und einer absoluten zuführen
zu können glaubte, sah er in ihr die Verkündigerin nicht bloß
begrenzter empirischer, sondern absoluter uud notwendiger
Wahrheiten und erhoffte von ihrer energischen Anwendung
den vollständigen Abschluß und die unverbrüchliche Sicherheit
des Wissens.

Es sind Erwartungen einer merkwürdig positiv gewandten
Phantasie, die wo möglich keinerlei Deduktion bestehen lassen
wollte; es ist der übertriebene Optimismus einer ersten syste—
matischen Einsicht in den spezifischen Charakter des modernen
Denkens. Bacon hat mit seiner Lehre lange Zeit hindurch
Bewunderung gefunden; auf die Entwicklung der praktischen
Induktion in den einzelnen Wissenschaften gewirkt hat er wenig
oder gar nicht.

Aber auf Bacon folgte Hobbes (1588—1679). Hobbes,
von Descartes angeregt!, zeigte in seinen in den vierziger und
fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts veröffentlichten Schriften,
daß ein vollendeter Beweis niemals bloß induktiven Charakters
sein könne, daß sich mit ihm vielmehr deduktive Elemente ver—
einigen müßten: erst so sei den Beweismomenten der Charakter
des Allgemeinen und Notwendigen gesichert. Die Deduktion
aber hielt er für vollendet, wenn es gelänge, die Wirkungen,
die uns die Erfahrung der Induktion zeigt, auf ihre Ursachen
so weit zurückzuführen, daß die Einsicht in den kausalen Zu—
sammenhang des natürlichen Geschehens vollkommen hergestellt sei.
Auf diesem Wege kam Hobbes zum Begriffe der Kausalität als
eines für die Deduktion entscheidenden Momentes.

Sag nun aber die Kausalität in den Dingen selbst? War
sie ein objektives Moment, das die Verbindung der Erscheinungen
durch Ursache und Wirkung herbeiführte? Oder war sie nicht
dielmehr nur eine subjektive Art unseres Denkens? Hobbes
begriff, daß solche Fragen eine Untersuchung über die Art not—
wendig machten, wie wir zum Denken und vor dem Denken

Vgl. dazu Bd. VI, S. 190 ff.
        <pb n="103" />
        34

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
zum Vorstellen gelangen. Und da proklamierte er nun die
subjektivistische Auffassung aller Wahrnehmungstätigkeit: wir
kennen nicht die Dinge selbst, sondern nur unsere Vorstellungen
von ihnen. Es ist der Fundamentalsatz der nun beginnenden
erkenntnistheoretischen Forschung; oft genug schon vor Hobbes
geahnt und auch ausgesprochen, ist er doch erst seit ihm Grund—
lage unablässig fortschreitender Untersuchung über die Natur
unserer intellektuellen Funktionen geworden.

Was war aber mit alledem erreicht? Untersuchungen
über den erkenntnistheoretischen Charakter der Induktion hatten
zu den Fragen der Erkennistheorie überhaupt geführt: alsbald
war das schwierige Problem des Zusammenhangs zwischen
induktiven und deduktiven, empirischen und apriorischen Ele⸗
menten auf diesem Gebiete aufgetreten; und schon war begriffen,
daß seine Lösung nicht in irgendwelchen mystischen, meta—
physischen Annahmen etwa nach der Weise des Kardinals
oon Kues gefunden werden könne, sondern nur in rein empi⸗
rischer Untersuchung der menschlichen Verstandestätigkeit.

Den damit gewiesenen Weg ist der dritte große englische
Denker dieser Zeit gegangen, Locke (1632 1704); sein „Essay
concerning human understanding“ ist im Jahre 1690 er—
schienen.
Locke glaubte dem Problem, in welchen Grenzen der Mensch
überhaupt erkenntnisfähig sei, direkt zu Leibe zu gehen, indem er
dem Ursprunge der menschlichen Vorstellungen nachging. Und
da fand er denn einen Hauptunterschied: die Vorstellungen
schienen ihm ihrem Ursprunge nach entweder einfach zu sein
oder zusammengesetzt. Einfache Vorstellungen waren ihm die⸗
jenigen, in denen wir unsere eigenen seelischen Zustände er—
fahren, Vorstellungen mithin, die gar keinen anderen Inhalt
als diese Zustände haben; und ihre Wahrnehmung nannte
Locke Reflexion. Zusammengesetzt aber erschienen ihm Vor—
stellungen, die uns durch sinnliche Wahrnehmung, durch Sen—
sation aus der verworrenen Außenwelt vermittelt werden, und
deren Zerlegung und Ordnung erst durch die reflektierende
Tätigkeit erfolgt.
        <pb n="104" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 85
Es ist der erste, noch überaus ursprüngliche Zerlegungs—
versuch dessen, was Descartes als Selbstbewußtsein bezeichnet
hatte, der vornehmlich intellektuell gedachten Psyche des 16.
bis 18. Jahrhunderts. Ein für das Zeitalter gefährliches
Verfangen! Denn da diese Psyche in sich gleichartig und
einheitlich, nämlich eben im Grunde rein intellektuell vor—
gestellt wurde, so konnte ein erstes Unternehmen, diese Einheit
zu untersuchen und das heißt zu sprengen, einen Schritt über
das Zeitalter selbst hinaus bedeuten, hinein in die Auffassung
der kommenden, subjektivistischen Zeit, der die Anschauung der
Seele als eines Zusammengesetzten, in ewiger Aktualität Be—
findlichen früh geläufig ward.

Allein Locke war weit entfernt, aus seiner Lehre Folge—
rungen in dieser Richtung zu ziehen. Für ihn ergab sich, nach
dem geistigen Charakter seines Zeitalters, nur die Aufgabe,
aus den gefundenen Unterschieden her den Weg des Erkennens
zu beleuchten. Und da war für ihn ebensowenig wie schon
früher für Descartes ein Zweifel, daß die Sicherheit des
inneren Erfahrens, der einfachen Vorstellungen eine weit höhere,
ja eigentlich die einzig wirkliche sei. Die Wahrnehmungen der
äußeren Sinne unterlagen nach ihm dagegen all den Täuschungen,
die Hobbes, ja teilweis schon Descartes aufgedeckt hatte; sie
standen ihm unter den nur menschlichen Kategorien des Raumes
und der Zeit; sie waren ihm nur Zustände der erfahrenden
Seele: wer wußte, inwiefern sie dem Wesen der Dinge entsprachen?
Eine Zuflucht gegenüber ihrer Sicherheit aber bot die innere
Erfahrung: sie allein gewährt ein richtiges Abbild der Welt;
daran darf man nicht zweifeln, oder man verfällt dem ödesten
Skeptizismus.

Mrun hat Locke allerdings den Inhalt dieser inneren Er⸗
fahrung und die Möglichkeiten seiner Entstehung anders vor⸗
gestellt und konstruiert als Descartes; er machte in dieser Hin—
sicht einer diesseitigen Auffassung der Dinge schon einige Zu—
geständnisse. Aber im ganzen ist es nach dem bisher Aus—
geführten klar, daß er, soweit es sich um die Frage der In—
duktion und Deduktion handelte. doch auf dem Standpunkte des
        <pb n="105" />
        36 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Descartes verharrte. Wie konnte es auch anders sein? Ein
Zeitalter, das unter den seelischen Eigenschaften das intellektuelle
Element je länger, um so ausschließlicher betonte, bedurfte zu
seiner Metaphysik erkenntnistheoretischer Anschauungen, in denen
dem deduktiven Element noch ein möglichst weiter Spielraum
erhalten blieb. Das deduktive Element aber war bei Locke im
Bereiche der einfachen Vorstellungen zu suchen.

Nicht die Philosophie hat mithin im 16. bis 18. Jahr⸗
hundert dem induktiven Denken nund damit der rationellen
Empirie zu größerem Durchbruch verholfen, sondern im Grunde
doch vor allem die Naturwissenschaft. Gewiß konnte sich auch
die Philosophie dem induktiven Denken so wenig entziehen,
wie sogar die Mathematik: sie nahm die erkenntnistheoretischen
Untersuchungen auf. Allein indem sie sie für die Aufgabe
einer elementaren Zerlegung der Verstandestätigkeit durch—
zuführen suchte, kehrte sie selbst bei dem fortgeschrittensten
Denker des 17. Jahrhunderts auf diesem Gebiete, bei Locke,
auf einer höheren Stufe der Darlegung alsbald und möglichst
pollkommen wieder zu der alten, rein deduktiven Methode etwa
des Descartes zurück. Es geschah ihr wie der Mathematik:
während auf den mehr hilfswissenschaftlichen Gebieten dieser
beiden höchsten Integrationen der Wissenschaften, in der
Analysis wie in der psychologischen Fundamentierung der Er—
kenntnistheorie, Zugeständnisse an die Induktion gemacht wurden,
berharrte man für den Oberbau noch in der Annahme absoluter
Grundlagen und demgemäß in der Methode reiner Deduktion.
Es war eine geistige Haltung, die gegenüber dem 16. Jahr⸗—
hundert gewiß einen Fortschritt bedeutete, anderseits aber dem
Verfahren der Naturwissenschaften gegenüber noch konservativ
genug war, um noch ein letztes großes rein deduktives System
der Metaphysik mit dem allgemein zugegebenen Anspruch auf
objektive Gültigkeit zuzulassen. Dieses System war ein deutsches,
und sein Autor war Leibniz.
        <pb n="106" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 87
2. Betrachtet man die großen Gegensätze der Methoden
des Erkennens, wie sie für das 17. bis 18. Jahrhundert mit
den Worten „Induktion“ und „Deduktion“ bezeichnet werden
konnten, unter anderem Gesichtspunkte, so fallen sie mit dem
Gegensatze von Empirismus und Rationalismus zusammen,
und bestimmt man den Begriff des Rationalismus in diesem
Zusammenhange seinem Gehalte für das individualistische Zeit⸗
alter nach genauer, so bedeutet er Abhängigkeit des deduktiven
Denkens von dem sozialgeschichtlich aufs tiefste gegebenen und
alles beherrschenden metaphysischen Gegensatze von Selbstbewußt⸗
sein und Gottesbewußtsein, und Abhängigkeit namentlich vom
Gottesbewußtsein als dem in diesem Gegensatze überwiegenden
Momente.

Aus diesen Zusammenhängen begreift sich, daß die Meta—
ohysik des Zeitalters entweder vom Empirischen ausgehen
konnte und dann, bei der Unvollkommenheit noch der bestehen⸗
den Induktion, die eigentlich erst die mechanischen Beziehungen
der anorganischen Natur eingehender erschlossen hatte, im
Materialismus enden mußte: das ist der Weg, den schon
Bacon mit dem metaphysischen Ausbau einer Atomlehre gezeigt
hatte, der in den materialistischen Neigungen der englischen
Philosophie immer und immer wieder sichtbar wurde, und der
gegen Schluß des Zeitalters in Frankreich geradezu zu materia—
listischen Systemen geführt hat. Oder aber man zog rein
deduktiv des rationalistischen Weges, der den Vorteil bot, daß
er bei dem entschiedenen Gottesbewußtsein der Zeit und einer
immerhin starken, wenn auch nicht klaren Psychologie des
Selbstbewußtseins zu sehr ausgesprochenen und charakteristischen
Systembildungen spiritualistischen Charakters führen mußte:
dann ergab sich die Metaphysik eines Spinoza und Male—
branche.

Ließ sich nicht aber auch eine Vereinigung jener großen
Gegensätze des Materialismus und Spiritualismus, der Empirie
und Ratio eben auf dem Grunde des gegenseitigen Verhält—
nisses denken, in dem, etwa in der zweiten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts, Induktion und Deduktion zueinander standen, derart,
        <pb n="107" />
        38

Veunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
daß bei aller Anerkennung der Wichtigkeit des deduktiven Ele—
mentes im einzelnen dessen Gesamtergebnisse von da ab, wo
die Möglichkeit induktiven Schlusses aufzuhören begann, unter
die Direktive und den Schutz gleichsam einer höheren rationalen
Deduktion genommen wurden? Es war eine Integration
gleichsam der bisher entwickelten, noch in teilweis unklaren,
weil unbewußten Gegensätzen zueinander stehenden Zeitformen
des Denkens und seines Gehaltes; und es mußte zugleich, da
diese Gegensätze schon zu der höchsten innerhalb des Individua⸗
lismus denkbaren Entwicklung gelangt waren, der Abschluß der
individualistischen Metaphysik überhaupt sein.

Dem binnenländischen Deutschland war es vorbehalten,
den Denker hervorzubringen, der dieser Integration, soweit sie
möglich war, Herr wurde.

Das innere Deutschland hatte an der Entwicklung der
erkenntnistheoretischen Forschungen bisher so gut wie gar nicht
und an der praktischen Förderung der Denkmethoden wenig teil⸗
genommen. Gewiß hatte es philosophische Köpfe erzeugt, wie
Johann Christoph Sturm (16335— 1798) oder Friedrich Wil⸗
helm Stosch („Concordia rationis et fidei“, 1692) oder Pan⸗
kratius Wolff („Cogitationes medico-legales“, 1697). Aber
bei dem allgemeinen Tiefstande des Geisteslebens ihrer Um⸗
gebung war es begreiflich gewesen, daß diese sich selten rein
erkenntnistheoretischen Fragen oder auch nur größeren wissen⸗
schaftlichen Problemen zuwandten; es hatte genügen müssen,
wenn sie nur das Verständnis, gelegentlich auch den Weiter⸗
bau oder die Kritik der großen metaphysischen Systeme des
Westens zu förden suchten. Unter diesen Umständen begreift
es sich denn auch, daß ihr Einfluß gering war: im ganzen lebte
man im inneren Deutschland aphilosophisch und den allgemeinen
spiritualistischen Voraussetzungen der christlichen Lehre getreu
dahin.
Aber grade diese Kombination ergab eine passende Umwelt
für den Philosophen einer Synthese der mechanisch⸗empirischen
und rational⸗spiritualistischen Weltanschauungselemente der Zeit
        <pb n="108" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 89
unter den Auspizien christlichen Gottesbewußtseins, denn sie bot
dieses Gottesbewußtsein als fundamentales Element ohne weiteres,
und sie präjudizierte, nach dieser Richtung hin jedes Ausbaues
völlig bar, in keiner Weise irgendeiner Stellungnahme zu den
positiven Errungenschaften des naturwissenschaftlichen Empi—
rismus. Der Philosoph dieser Synthese aber war Leibniz.
Gottfried Wilhelm Leibniz ist als Sohn eines Leipziger
Universitätsprofessors am 21. Juni 1646 geboren worden.
Frühreif habilitierte er sich in Leipzig, gab aber die akademische
Laufbahn bald auf und trat 1668 in die politischen Dienste
des Mainzer Kurfürsten Joseph Philipp von Schönborn. Von
hier aus lernte er Paris und London kennen, überall schon
gefeiert und weiter lernend, übrigens zeitweis mit dem Ent—
schluß, sich dauernd in Paris niederzulassen. Doch nahm er
schließlich, einem Rufe des Herzogs von Hannover folgend,
eine Stelle als Rat-Bibliothekar an diesem Hofe an. Und hier
entfaltete er nun seine von jeher unglaublich vielseitige Tätig—
keit zu höchstem Gelingen. Er erfand und veröffentlichte 1684
die Differentialrechuung, er war als Chemiker in der Dar—
stellung des Phosphors tätig, er machte seine geognostischen
Kenntnisse dem Bergbau des Herzogtums dienstbar. Er begann
als Historiker eine kritische Geschichte des Welfenhauses und
gab als Jurist große Sammelwerke heraus. Er war endlich als
politischer Publizist wie praktischer Staatsmann tätig und er—
eiferte sich aufs lebhafteste für eine allgemeine Vereinigung der
christlichen Bekenntnisse. Gegen Ende des Jahrhunderts am
Welfenhofe nicht mehr in alter Weise gelitten, übertrug er
einen großen Teil seiner Tätigkeit nach Berlin, wo er eine
philosophische Schülerin, die geistreiche hannöversche Prinzessin
Charlotte, als Gemahlin des letzten kurfürstlichen und ersten könig⸗
lichen Hohenzollern wiederfand. So kam es im Jahre 1700
zur Begründung der Berliner Akademie der Wissenschaften,
deren erster Präsident Leibniz wurde. Und von diesem festen
Punke aus zur Begründung der Petersburger Akademie der
Wissenschaften, sowie zu Versuchen, auch in Wien und
        <pb n="109" />
        Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Dresden wissenschaftliche Gesellschaften zu begründen!. Es
waren Leibnizens letzte große Errungenschaften. Nach allen
Seiten tätig, hatte er doch grade von der Stelle aus, wo er
am meisten gewirkt hatte, von Hannover und dem hannoversch⸗
englischen Königshause her, schwere Zurücksetzungen zu erfahren, die
teilweis mit dem unglückseligen Prioritätsstreit zusammenhingen,
den er mit Newton wegen der Erfindung der Differential⸗
rechnung führte; und äußeren Ehrungen nicht unzugänglich, daher
durch deren Vorenthaltung schwer gekränkt, ist er am 14. No—
dember 1716 zu Hannover gestorben.

Auf dem Gebiete der Philosophie verdankt das Denken
Leibhnizens, wie schon ausgeführt, seinen Ursprung dem Be—
dürfnisse, sich in den großen Gegensätzen der herrschenden
metaphysischen Systeme zurechtzufinden und durch eine neue
Hypothese wo möglich deren Widerspruch zugunsten einer höheren
Einheit zu beseitigen. Dementsprechend geht Leibniz von vorn⸗
herein nicht auf neue oder gesichertere Methoden der Erkenntnis
aus, sondern begnügt sich zunächst und im wesentlichen mit der
Anwendung der bekannten.

Auf dem Gebiete der Metaphysik aber sprang zu seiner
Zeit besonders jener soeben geschilderte Gegensatz zwischen
Materialismus und Spiritualismus und zwischen Empirismus
and Rationalismus in die Augen: von der rationalistischen
Philosophie des Descartes war man einerseits zur Verflüch—
tigung aller Wirkungsfähigkeit der Substanz in Gott fort⸗
geschritten, während vom Empirismus und von der Erweiterung
der mechanischen Naturerklärung her anderseits die Gefahr einer
oollständigen Entgottung der Materie drohte.

Beiden Anschauungen gegenüber griff Leibniz auf einen
oermittelnden Gedanken, auf den aristotelischen Begriff der
Entelechie zurück; wie er sich selbst als eine Persönlichkeit von
unvergleichlicher Lebendigkeit fühlte, so erschien ihm die Welt
in ihren unendlich verschiedenartigen Wesensgründen als ein

Vgl. dazu oben S. 858 ff.
        <pb n="110" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 91
System von Kräften, die sich in der Form von Sondersubstanzen
auswirken. Jede beseelte immaterielle Substanz der Welt, jede
Monade eine Kraft: das ist darum der Grundgedanke seiner
Lehre. War die cartesianische Seele ein mit der Eigenschaft
des Denkens begabtes materielles Atom gewesen, das mit
körperlichen Substanzen sogar in mechanischen Wechselwirkungen
stehen sollte, so vergeistigte jetzt Leibniz in seiner Monade diese
Materie, und der zentrale Begriff der Monade wurde die Kraft.
Kraft aber, als Grundfunktion des immateriellen Lebens, hieß
ihm Vorstellung. Die Monaden bestehen darum, indem sie den
Trieb des Vorsiellens besitzen. Wie aber können sie für sich diesen in
dem Sinne ausüben, daß jener einheitliche Zusammenhang der
Dinge zustande kommt, den wir alle, und jeder in wesentlich
gleicher Weise, vor uns sehen? Offenbar nur dadurch, daß
sede Monade in sich das Ganze außer sich vorstellt, daß sie ein
Spiegel ist der Welt. Indem so alle Monaden nur in sich
leben, aber zugleich alle dasselbe leben, scheint es, als ob sie
stetig aufeinander wirkten. Diese unbeeinflußte Koexistenz der
Monaden in ewigem Einklang ist freilich an sich nicht weiter
zu erklären; sie weist vielmehr zurück auf eine einmalige ur⸗
anfängliche harmonische Regelung und damit auf einen Gott
als den Setzer dieser prästabilierten Harmonie.
Trägt nun aber auch jede Monade in ihren Vorstellungen
das Ganze der Welt in sich, so kommt doch nicht jeder Monade
dies Weltganze zum Bewußtsein. Vielmehr in unendlicher
Stufenfolge, wie sie die Mannigfaltigkeit der Dinge aufweist,
erstreckt sich das Bewußtsein des Vorgestellten vom kleinsten
Umfang und der geringsten Deutlichkeit bei tiefstehenden
Monaden bis hinauf zur vollendetsten Ausdehnung und eminen⸗
testen Klarheit der Vorstellung in der Zentralmonade, in Gott.
Die tieferstehenden Monaden aber, in denen das Bewußtsein
ihrer Vorstellungen kaum oder gar nicht lebt, bilden das, was
man Materie zu nennen pflegt; sie sind bewußteren Monaden
zu gewissen Systemen angegliedert, indem diese sie in sich klarer
und deutlicher vorstellen: so werden sie mit den bewußteren
Monaden durch ein substantielles Band geeinigt und erscheinen
        <pb n="111" />
        —

Neunzehutes Buch. Drittes Kapitel.
als Körper. Jeder Körper ist mithin ein Organismus. Und
einer dieser Organismen wiederum ist der Mensch. Der
Mensch steht daher als ein Subjekt teils bewußter, teils
unbewußter Vorstellungen unter den Wirkungen der prä—
stabilierten Harmonie; er ist in seinem Willen determiniert; er
ist eingereiht in eine unendlich vom Tiefsten zum Höchsten sich
entfaltende Welt von Monaden und monadischen Systemen; er
steht mit seinem Sein unter dem Gesetze des ununterbrochenen
Zusammenhanges alles Seienden.

Halten wir hier zum Zwecke der Orientierung einen Augen—
blick inne, so ist zunächst klar, daß der Ausgangspunkt des
metaphysischen Nachdenkens bei Leibniz ganz in seiner Zeit ge—
legen war. Er will einerseits allerdings hinaus über die
Gegensätze, die sich in der Entwicklung der Philosophie seit
Bacon und Descartes ausgebildet hatten. Aber er steht mit
diesem Bestreben anderseits doch zugleich wieder unter den
tiefsten geistigen Lebensbedingungen seiner Zeit. Seine Monaden
sind Individuen nach dem Persönlichkeitsbegriffe seines Zeit—
alters, — nicht Summationen ständig aktueller geistiger Funk—
tionen, sondern für sich stehende, „fensterlose“, allein in sich
lebende, ohne gegenseitige Beeinflussungsfähigkeit gedachte und
darum nur mit Vorstellungs-, nicht mit Willensleben aus—
gestattete Kräfte, — nicht Organismen im Sinne eines Zoon
politikon, sondern in gegenseitiger Absperrung lebende indi—
oiduale Mikrokosmen. Darum verlangt es nach ihm der Be—
zriff der Substantialität, „daß jede Substanz etwas in sich
Einheitliches und Abgeschlossenes sei, welches keinerlei Be—
stimmung von den übrigen Substanzen in der Äußerung seiner
Kraftwirkung erfährt.“ Darum gewinnt er auch, entgegen
überwiegenden Konsequenzen seines Systems, schließlich durch
ein intrikates Gewirr von Folgerungen die Unsterblichkeit der
Individualseele, freilich zugleich unter der notwendigen An—
nahme ihrer Präexistenz.

Hier also, in der Auffassung der Monade und ebenso in
dem Aufbau der allgemeinen Bedingungen, unter denen die
Monade lebt, soweit in deren Konstruktion sich deutlich rationale
        <pb n="112" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 93
wie empirische Elemente des philosophischen Gottesbewußtseins
erkennen lassen, hält sich Leibniz durchaus imerhalb der
Schranken des Individualismus.

Anderseits aber: wie weit greift er doch schon über seine
Zeit, ja sein Zeitalter hinaus, ein Prophet subjektivistischer Zu—
kunft! Er schränkt das Prinzip der mechanischen Naturerklärung,
diese fast am meisten bewunderte Errungenschaft des 17. Jahr⸗
hunderts, ein, wenn er es auch nicht aufhebt; er behauptet die
Existenz eines unbewußten Seelenlebens, durchbricht somit die
reguläre Voraussetzung aller Philosophie des 16. bis 18. Jahr⸗
hunderts, daß der menschliche Geist nur so viel in sich berge,
als er wisse, und entwickelt so eins der wichtigsten Fermente
der späteren subjektivistischen Psychologie; er ordnet den Menschen
in das Ganze der Natur ein und bedroht damit wenigstens
nach gewissen Richtungen hin die anthropozentrische Stellung,
die auch noch der spätere und späteste Individualismus ihm
anwies; er kennt überhaupt schon wie für das Einzelne der
Welt den Begriff des Organismus so für ihr Ganzes den
Begriff der Entwicklung, wenn auch ohne spezielle Betonung
der Begriffsnüance des zeitlichen Auseinanderhervorgehens, und
arbeitet in dieser Hinsicht den ebenfalls noch unvollkommenen
Entwicklungsbegriffen der Identitätsphilosophie des subjek—
tivischen Zeitalters ebenso gewaltig vor wie den noch moderneren,
an sich auch noch keineswegs vollendeten Entwicklungsbegriffen
Darwins und der von diesem angeregten Denker. —

Leibniz hat sein System niemals rein ausgearbeitet. Nur
auf äußere Anlässe hin hat er gelegentlich einen Bau nach
weiterem Aufrisse versucht; viele seiner wichtigsten Ideen hat
er gelegentlich in Briefen und Unterredungen zuerst geltend
gemacht, wenn nicht gar zuerst geschaffen. Sein System pul⸗
sierte in ihm; nicht widerspruchslos gewiß, aber um so
lebendiger. Und so war es notwendig, daß auch seine Meinung
über die Methode und Sicherheit begrifflichen Denkens, daß
auch seine Erkenntnistheorie von ihm beeinflußt wurde. Es
war der umgekehrte Weg gegenüber dem von der englischen
        <pb n="113" />
        Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Philosophie des Zeitalters sonst eingeschlagenen, an sich gewiß
auch nicht der methodisch richtigere.

Erkenntnistheoretisch fand Leibniz zwei große Denkrich—
tungen der cartesianischen und der baconischen Philosophie un—
versöhnt nebeneinander vor: den mathematischen Rationalismus
Descartes', der die Wirklichkeit denkend durch logische Ab—
leitungen aus dem obersten Satze des menschlichen Selbst—
bewußtseins begreifen wollte, wie dieses entwicklungsgeschichtlich
ein Korrelat des Gottesbewußtseins und ein Erzeugnis des
Individualismus war, — und den Empirismus Bacons mit
seinem Ausgang von einer Erfahrung, die noch als durch reine
Induktion erreichbar gedacht wurde.

Leibniz verschrieb sich, seinem metaphysischen Standpunkte
entsprechend und von diesem her orientiert, keinem dieser Prin—
zipien; und sein konziliatorischer Geist war von vornherein
von ihrer beiderseitigen Notwendigkeit gleich überzeugt. So
forderte er mit Descartes die Zurückführung aller zu beweisen—
den Sätze wenn nicht auf einen, so doch auf wenige höchste
Sätze. Anderseits aber verschloß er sich den empiristischen
Theorien nicht. Nur glaubte er beweisen zu können, daß die Er—
fahrungserkenntnis schließlich nach den Prinzipien des Ratio—
nalismus beurteilt werden müsse. Es ist ein Gang des
Denkens, der, durch die Entwicklung der englischen Philosophie
präformiert und auch teilweis beeinflußt, schließlich zu Kant
hinüberleitet.

Leibniz nahm nämlich im einzelnen, entsprechend der Vor—
stellung von einem doppelten Ursprung des menschlichen Wissens
aus Empirie und vernünftigem Denken, zwei Gruppen von
Wahrheiten an: die ewigen oder metaphysischen Wahrheiten,
welche der Methode Descartes', und die tatsächlichen Wahr—
heiten, welche der Methode Bacons verdankt werden. Von
ihnen beruhte ihm der Charakter der ewigen Wahrheiten
darauf, daß sie bis zur Einsicht in die Unmöglichkeit des
Gegenteils demonstriert werden könnten, so z. B. der Satz, daß
die Summe der Winkel eines Dreiecks gleich zwei rechten
Winkeln sei: ihr Prinzip ist der Satz des Widerspruchs. Die
        <pb n="114" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. —R
tatsächlichen Wahrheiten dagegen, empirisch abgeleitet, beruhen
ihm auf dem Nachweis kausalen Zusammenhanges mit anderen
Tatsachen: ihr Prinzip ist mithin das des zureichenden
Grundes.

Indes dieser Unterschied gilt nun nach Leibniz nur für
uns Sterbliche, nicht dagegen auch für die Gottheit, die viel—
mehr imstande sein müsse, eine unendliche Analysis aus—
zuführen, in deren Verlauf sich auch die vollkommene logische
Notwendigkeit und damit ewige Wahrheit der tatsächlichen
Wahrheiten ergäbe. Damit haben denn also auch die tat—
sächlichen Wahrheiten schließlich und an sich den Wert einer
unbedingten Notwendigkeit; nur uns sterblichen Menschen
heinen sie zunächst bloß bedingt notwendig und damit zu—
fällig.
Es ist, wie man sieht, schließlich doch die Auflösung aller
empirischen Erfahrung in Denknotwendigkeiten: es ist am Ende
der Sieg noch des Rationalismus und des Individualismus.
Denn die ewigen Wahrheiten wiederum sind ja nur insofern
unbedingt notwendig, als sie gedacht werden müssen, und zwar
innerhalb des Rahmens der obersten intellektualistischen Postu⸗
—DD—
also eine begriffliche, und sie werden zu Wirklichkeiten nur
durch Hypostasierung der zu der Zeit gegebenen Formen des
Denkens.

Aber in diese Auffassung der Dinge griffen nun bei
Leibniz doch wiederum erkenntnistheoretische Erwägungen ein,
die von neuem an seine metaphysische Gedankenwelt an—
knüpften. Und da erfolgte schließlich eine letzte Lösung des
erkenntnistheoretischen Problems, die weit über die rationalistische
Gedankenwelt des Individualismus hinausgeht.

Seibniz identifizierte nämlich die Welt der sinnlichen Er⸗
fahrung mit den unbewußten Vorstellungen des menschlichen
Monadensystems, die Welt der ewigen Wahrheiten dagegen mit
denjenigen klaren und deutlichen Begriffen, die sich in der
menschlichen Zentralmonade, der Seele, vorfänden: die Zwischen⸗
stellung also, die in seinem metaphysischen System der Mensch
        <pb n="115" />
        9

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
zwischen der allbewußten Gottheit und der unbewußten Materie
einnahm, benutzte er zur Projektion der Doppelrichtung, in der
sich ihm bisher die erkenntnistheoretischen Probleme entwickelt
hatten, auf die menschliche Seele.

Damit war für diese Doppelrichtung eine Unterlage ge⸗
wonnen, welche deren Auflösung in eine höhere pfychologische
Einheit gestattete. Der vollkommenere Zustand einer Monade
vor der anderen bestand nach dem metaphysischen Gedankengange
Leibnizens darin, daß sie von der unbewußten Vorstellungswelt,
die zunächst ihr Leben ausmachte, sich verhältnismäßig mehr zu
klarem und deutlichem Bewußtsein brachte, wie Leibniz es
nannte: mehr apperzipierte, als die andere. Danach mußte die
menschliche Vervollkommnung darin ihren Ausdruck finden, daß
ein Teil der zunächst in uns unbewußten Vorstellungswelt
apperzipiert zu werden begann. Geschah das nun zum ersten
Male, gleichsam in erster Potenz, so erhoben sich nach Leibniz
aus dem Unbewußten die sinnlichen Erfahrungen: es ist die
Erkenntnistätigkeit des Empirismus. Geschah es darauf noch⸗
mals in erhöhter Potenz, so entstanden die ewigen Wahrheiten:
es ist das rationelle Erkennen. So waren also Rationalismus
und Empirismus dem höheren Begriffe monadischer Apperzeption
unterstellt, und es fragte sich nun bloß noch, durch welche
Mittel denn die höhere, die rationale Apperzeption zustande
komme.
Hier liegen nun bei Leibniz die Beobachtungen vor, die
sein Denken unmittelbar dem Kants annähern. Er fand näm—
lich, daß die Beziehungsbegriffe, welche die Zusammenziehung
empirischer Erfahrungen unter dem Begriffe ewiger Wahrheiten
gestatten, Substantialität und Kausalität, nicht den Dingen
selbst innewohnen könnten, sondern vielmehr Kategorien des
intensiveren Vorstellungslebens der menschlichen Monade, mit-⸗
hin menschliche Vorstellungen sein müßten. Wie er es aus—⸗
drückte: der Lockesche Satz: „Nihil est in intellectu, quod non
fuerit in sensu“ sei falsch, er erhalte denn den Zusatz: „nisi
intellectus ipse“.
        <pb n="116" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 97
Leibniz hat diese Lehren, die zugleich den Begriff der
Vervollkommnung der menschlichen Monade enthielten, also eine
degrenzt evolutionistische Tendenz in sich trugen, in ganzer Reife
nur in den „Nouveaux essais“ vorgetragen, in jenem seiner
Werke, das erst im Jahre 1765 erschienen ist. Sie sind
mithin seinen Zeitgenossen und deren nächsten Nachfahren un—
bekannt geblieben, während sie sich in der Zeit, in der sie
publiziert wurden, aufs engste mit den Darstellungen Kants
über die Gesetze des Intellekts berührten, die in der Dissertation
von 1770 veröffentlicht worden sind. Für sein Zeitalter da—
gegen blieb Leibniz als Erkenntnistheoretiker der bewunderte
größte Vertreter eines vorwiegend noch rationalistischen und
individualistischen Denkens.

Ganz in dieser Richtung liegen auch die Wirkungen, welche
die Philosophie Leibnizens auf den wichtigen Gebieten der Ethik
aund der Religionsphilosophie zunächst ausübte.

In der Ethik war für Leibniz nach der ganzen geistigen
Hdaltung des individualistischen Zeitalters die Vorstellung und
das Selbstbewußtsein, nicht der Wille, die bestimmende Kraft.
Frei ist, wer vernünftig ist, tüchtig, wer klare und deutliche
Erkenntnis hat; Weisheit und Tugend fallen zusammen. Denn
indem ein aufgeklärter Geist sieht, daß das eigene Wohl in
dem Wohle aller beschlossen liegt, entwickelt er aus dieser
Betrachtung her den Trieb, den Egoismus zu unterdrücken und
die Menschen zu lieben ohne Unterschied. So wird Leibniz
zum Apostel des liebenswürdigen, aber, weil vom Willen nur
sekundär befruchtet, untätigen kosmopolitischen Humanitäts-
ideals der vollendeten Aufklärung des 18. Jahrhunderts.

Nicht minder gewaltig war Leibnizens Einfluß auf dem
Gebiete philosophischer Betrachtung der Religion; und grade
auf diesem Gebiete, das zugleich die Auseinandersetzung mit
dem Christentum bringen mußte, bewegten sich wie die Ge—
danken seines Zeitalters so auch die seinigen am liebsten. Hier
war nun für ihn, wie für seine ganze Zeit, die Vereinbarkeit der
religiösen Wahrheit, welche dem Christentum zugrunde lag, mit

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. J.
        <pb n="117" />
        38 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
dem vernünftigen Denken, das heißt dem geläuterten Selbst—
bewußtsein des individualen Menschen, oberstes Gesetz: Gott
und Unsterblichkeit der Seele galt es vernunftgemäß zu be—
weisen; ein Erfolg auf diesem Gebiete erschien als höchstes Ziel
aller Wissenschaft und vornehmlich der Philosophie. Wir wissen,
inwiefern Leibniz dieser Aufgabe für die Unsterblichkeit gerecht
zu werden suchte. Als Gegenstück zu seinen Bestrebungen auf
diesem Gebiete führte er aber auch alle bislang für das Dasein
Gottes aufgestellten Beweise noch genauer aus, vornehmlich den
— V
schmeichelnden Nuancen seiner Theorie von der prästabilierten
Harmonie der Welt bedachte. Damit aber war für ihn als
rationalistischen Philosophen das religiöse Interesse eigentlich
auch erschöpft; die Aufklärung über Gott und Unsterblichkeit
ist ihm an sich die Religion; indem die Menschenmonade Gott
und ihre eigene Welt deutlich erkennt, folgt für sie daraus ohne
weiteres die Liebe wie zum eigenen Geschlecht so zu Gott im
Sinne eines dankbaren Gefühls gegenüber der Weltordnung;
und Leibniz wäre nicht ein Sohn zugleich der pietistischen Zeit
gewesen, wenn er nicht das dürre Gerüst dieser Konstruktion
mit innigem Empfinden schließlich sinnvoll umkleidet hätte.

Aber anderseits bedurfte es doch einer Klärung der Ver—
hältnisse dieser Vernunftreligion zu den überlieferten religiösen
Anschauungen. Leibniz ist grade dieser Frage mit regstem Ge—
fühle nachgegangen. Da war es nun zunächst leicht, die
Offenbarungstatsachen des Christentums der religiösen Auf—
klärung einzuordnen. Ihre Wunder und ihre persönlichen
Traditionen erschienen geschichtlich wohlbeglaubigt, sie standen
nicht in Widerspruch mit den metaphysischen Tatsachen des
Gottesdaseins und der Unsterblichkeit; und wurden sie von
Leugnern als widernatürlich gekennzeichnet, so fand Leibniz von
seinem monadischen System aus leicht die Möglichkeit, sie viel—
mehr als nur übernatürlich zu bezeichnen.

Doch erschien ihm dabei trotzdem das geschichtliche Christen⸗
tum gegenüber den erhabenen Gegebenheiten der Aufklärungs—
religion als zufällige Wahrheit und darum als untergeordnet;
        <pb n="118" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 99
und eben von diesem Standpunkte aus hat er sein eifrigstes
Bemühen an einen Ausgleich der ihm indifferent erscheinenden
Idenhen der verschiedenen Bekenntnisse des Christentums
gesetzt.

Nur mit einer Tatsache der christlichen wie aller großen
Religionen wußte er sich von diesem Standpunkte aus nicht
Wzufinden: mit dem Heilsbedürfnis. Was hatte eine intellek—
tualistische Lösung der religiösen Fragen vom Standpunkte des
souveränen menschlichen Selbstbewußtseins aus, vorausgesetzt,
daß sie den Gottesbegriff gewonnen hatte, mit der Erlösung der
sündigen Menschenseele zu tun? Wie war überhaupt für sie
das Dasein des Bösen verständlich? Sie mußte optimistischen
Charakters sein.

Aber gleichwohl drängte sich das Problem des Bösen auf,
und sein Dasein bedurfte der Rechtfertigung. Leibniz wäre
der letzte gewesen, der sich der Beantwortung dieser Frage
hätte entziehen wollen; in immer wiederholten Lehren einer aus⸗
ührlichen Theodicee ist er ihr nahegetreten. Er führte da aus:
Im Grunde gebe es kein Übel in der Welt, sondern nur Un—
vollkommenheit: die niedere Monade mit einem weniger
ausgebreiteten Bewußtseinskreise erscheine unvollkommener als
die höher organisierte. Diese Unvollkommenheit sei mithin
metaphysisch begründet. Vom metaphysischen Standpunkte aus
aber handle es sich nicht um die Einzelmonade, sondern nur
um das monadische System als Ganzes: jede individuelle Be—
trachtung zeige unter allen Umstünden Mängel, die sich vielleicht
eben als universale Vorteile herauszustellen imstande seien;
allein die Frage also, ob dies ganze System als solches voll⸗
ommen sei, könne aufgeworfen werden. Diese Frage aber
trägt Leibniz kein Bedenken mit der Behauptung zu beant⸗
worten, daß die bestehende Welt als die unter allen möglichen
Welten befste zu betrachten sei. Und für diese Behauptung
erbietet er auch den Beweis. Er knüpft dabei an an den Gegen⸗
satz von Universalismus und Indibidualismus. Das End—

liche, das Individuelle sei an sich, eben weil es endlich sei,
notwendig unvollkommen. Da nun die Welt aus endlichen
        <pb n="119" />
        100 Neunzehntes Bnuch. Drittes Kapitel.
Wesen bestehe, so müsse sie, wie auch immer sie gestaltet sei,
notwendig Unvollkommenheiten bergen. Seien nun aber ver—⸗
schiedene, wenn auch immer unvollkommene Welten denkmöglich,
so folge aus der Allweisheit und Allgüte Gottes, daß durch
diesen nur diejenige dieser möglichen Welten verwirklicht worden
sein könne, die die verhältnismäßig beste sei.

Es ist ein Beweis, der sich durchweg auf intellektualistischem
Gebiete bewegt, der auf Denkmöglichkeiten hinausläuft und
aus deren Hypostasierung die Wirklichkeit hervorgehen läßt.
Es ist ein Beweis spezifisch rationalistischen Denkens. Hier,
auf dem für das zeitgenössische Empfinden vielleicht dring—
lichsten Gebiete philosophischer Aufklärung zeigt sich Leibniz
noch einmal' als ein Denker durchaus nur eben seiner Zeit.
Grade auf religiösem Gebiete bleibt ihm das Individuum
die Monas, die abgeschlossene Einheit, die starr in und
mit dem All geschaffen ist, und die bei aller intellektualen
Liebe zu einem weltschöpferischen Wesen dennoch nicht Hilfe noch
Trost gegenüber einem als metaphysisch unabweislich be—
trachteten Gefühl der Unvollkommenheit finden kann, sondern
sich damit zu begnügen hat, die relativen Vollkommenheiten der
hesten aller möglichen Welten enthusiastisch zu betrachten.

IV.
l. War nun alsbald ein bedeutender Einfluß des Leibniz—
schen Denkens als eines Ganzen auf den Einzelbetrieb der
Wissenschaften zu erwarten? Nur jemand, der mit der Ge—
schichte der Wissenschaften weniger vertraut ist, könnte es er—
warten.

Die Naturwissenschaften hatten in der Zeit, da sich lang—
sam eine weiter verbreitete Vorstellung der Gesamtauffassung
—DD—
aischen Entwicklung schon hinter sich; insofern sie aber noch
weiter blühten, waren sie weit davon entfernt, sich durch die
Bedenken und Einwände Leibnizens von dem einmal betretenen
Wege mechanischer Interpretation abschrecken zu lassen. Ja
        <pb n="120" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. —101
wie vielen der kleineren Arbeiter, die schon in irgendeinem
Spezialgebiete tätig waren, mochte es gegenwärtig sein, daß sie
in der Ausuübung ihrer Methode überhaupt von irgendeinem
der großen Denker jüngst verflossener Zeit abhängig sein
müßten! Glauben doch noch heute die Mikrologen, gänzlich
boraussetzungslos exakt zu sein, während grade sie, ohne
weitere Ansicht, Aussicht und Umsicht, besonders eng gefesselt
an dem Gängelbande irgendeines Theoretikers dahinzuwandeln
pflegen. Die einzelnen tüchtigen Arbeiter aber, die in der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts, bei abflauender allgemeiner Be—
wegung, in den Naturwissenschaften tätig waren, bewegten sich
bewußt noch immer in den von Descartes etwa und Newton
eingefahrenen Geleisen; und selbst Kant hat sich in seinen
naturwissenschaftlichen Schriften noch stark von Newton be—
einflußt gezeigt.

Naturwissenschaftlich wirksam wurden die Ideen Leibnizens
erst in einem ganz anderen Zusammenhange. „Mich dünkt,“
äußerte Herder später in seinen „Ideen“, „wir gehen einer
neuen Welt von Kenntnissen entgegen, wenn sich die Beobach—
tungen, die Boyle, Boerhave, Hales, Gravesand, Franklin,
Priestley, Black, Crawford, Wilson, Achard u. a. über Hitze
und Kälte, Elektrizität und Luftarten, samt anderen chemischen
Wesen, und ihren Einflüssen ins Erd- und Pflanzenreich, in
Tiere und Menschen gemacht haben, zu einem Natursystem
sammeln werden.“ In der Zeit, da Herder diese Worte
schrieb, war eine solche Sammlung schon stark im Werke, und
eben Herder hat nicht wenig an ihr teilgenommen. Denn die—
jenigen, welche mit dieser neuen Synthese begannen, waren,
odom Standpunkte beruflichen Betriebes gerechnet, Laien;
Goethe unter anderen gehörte zu ihnen; ihr erster Vollender
aber in mannigfachem Sinne war Schelling, und erst nach
diesem ist die sogenannte Naturphilosophie, die sich in der bisher
geschilderten Art seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts ent⸗
wickelt hatte, von Fachleuten aufgenommen und etwa zwei
Jahrzehnte betrieben worden. Innerhalb dieser Naturphilosophie
sind nun auch Gedanken und Anregungen Leibnizens vielfach
        <pb n="121" />
        102 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
außerordentlich fruchtbar geworden. Aber verdankten sie das
dem Ganzen des Systems, innerhalb dessen sie standen?
Keineswegs! Die Ideen, welche aufgenommen wurden, waren
eben jene, die aus dem Systeme hinaus auf eine sozial—
psychisch höhere Zukunft hinwiesen, die Idee der Kontinuität
zum Beispiel und die der Entwicklung: d. h. Ideen, welche das
subjektivistische Zeitalter psychologisch notwendig aus sich hätte
entwickeln müssen, nun aber schon bei Leibniz einigermaßen
oräformiert vorzufinden besonders erfreut war.

Aber auch auf die Geisteswissenschaften hat das System
Leibnizens nicht unmittelbar eingewirkt, von wie außerordent⸗
licher Bedeutung es auch hier später, im subjektivistischen Zeit—
alter, und wiederum vom Standpunkte seiner gedanklichen
Protuberanzen in dieses hinein, geworden ist. Wie eine Ein—
wirkung seiner rationalen und darum schlechthin zeitgemäßen
Elemente auf zeitgenössisch-geisteswissenschaftlichem Gebiete hätte
verlaufen können, läßt sich freilich immerhin aus einzelnen
oraktischen Beispielen ermessen. So z. B. auf dem Gebiete der
Sprache. Hier brachte es die bei Leibniz ausgeprägte ratio—
nalistische Vorstellung, daß das Wesentliche in der Welt die
durch Worte bezeichneten Begriffe oder Ideen seien, mit sich,
daß man diese Begriffe oder Ideen für im Grunde bei allen
Menschen identisch hielt: verschieden seien nur die sprachlichen
Zeichen. Und von diesem Standpunkte aus kam schon Leibniz
selbst zu der praktischen Forderung wo möglich nur einer
Sprache: gäbe es diese, so gewänne das Menschengeschlecht ein
Drittel seiner Lebenszeit, das es jetzt auf Spracherlernung ver—
wenden müsse.
Allein auch von der ausgesprochenen und spontanen Auf—
aahme solcher klar durchdachter und ausgefeilter philosophisch—
rationaler Elemente waren die Geisteswissenschaften der Zeit
Leibnizens noch weit entfernt. Will man diesen Standpunkt
verstehen, so muß man bedenken, mit welcher Belastung aus
einer langen Vergangenheit her, mit welchem Gepäck gleichsam
der Jahrhunderte die Geisteswissenschaften nach Eintritt der
        <pb n="122" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 103
Freiheiten individualistischen Denkens des Weges unkundig ihren
Marsch in eine unsichere Zukunft angetreten hatten.

Im Mittelalter war die Kirche Quelle und Behüterin zu⸗
gleich der Erkenntnis gewesen. Dementsprechend war die
Hauptaufgabe der mittelalterlichen Wissenschaft, wenn wir
unter diesen Umständen von einer solchen sprechen wollen, die
gewesen, etwa noch streitige Fragen auf Grund anerkannter
Wahrheiten zu entscheiden. Und Mittel zur Entscheidung war
dabei die Erörterung gewesen, sei es in Schriften, sei es in
mündlicher Disputation, woher sich die große Bedeutung der
letzteren ohne weiteres erklärt: es war wie ein Rechtsstreit, in
dem auf Grund einer untrüglichen Kodifikation Urteil gefällt
vwerden kann.

Dieser glückselige Zustand hatte natürlich aufgehört, so—
bald sich irgendwie stärkere Regungen selbständigen individuellen
Denkens zahlreicher, als Anfang schon einer sozialpsychischen
Erscheinung, eingestellt hatten. Es war bereits zur Zeit der
entschiedeneren Entwicklung des Nominalismus geschehen. Nun
zerriß die Einheit zwischen Religion und Erkenntnis: und
Friede zwischen Dogma und Wissenschaft konnte von diesem
Augenblicke an gerechnet erst dann wieder eintreten, wenn es
zum Gemeingut des Denkens geworden war, daß die Funktionen
des Erkenntnisvermögens außerhalb des Glaubensbereiches der
Religion lägen.

Aber trat dieser Moment so bald ein? Erst das Zeitalter
des Subjektivismus hat ihn bringen können, aus Gründen und
Zusammenhängen heraus, die wir später genauer kennen lernen
werden; vom 15. bis zum 18. Jahrhundert aber machte die
Religion, machten die Bekenntnisse noch entschiedenen Anspruch
auf die Beherrschung des Denkens. Und während es ihnen
gegenüber den Naturwissenschaften weniger gelang, diesen An⸗
—XD—
Gebieten bewegten, für die es ein von kirchlicher Seite her ent—
vickeltes kanonisches Wissen nicht gab, fügten sich die Geistes—
wissenschaften, mit ihrem Stoffe fast ganz im Bereiche kirchlichen
Denkens gelegen, zumeist noch ihrem Befehle. Natürlich mußte
        <pb n="123" />
        104 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
das einen fortwährenden Vorrang, wenn nicht gar eine weitere
ungebrochene Herrschaft der Theologie bedeuten.

In dieser Hinsicht ist es zunächst für das innere Deutsch-
land bezeichnend, daß nach dem Dreißigjährigen Kriege unter
den Universitäten des protestantischen Nordens — und dieser
fast allein kommt für die Geschichte der Wissenschaften in Be—
tracht — anfangs Helmstedt führend war und danach, in den
ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, Halle. Beide noch
infolge ihres Verhältnisses zur Theologie: von Helmstedt ging
damals durch Georg Calixt und seine Schüler eine erste neue
Regung kraftvoller Betätigung auf kirchlichem Gebiete aus; in
Halle gaben die Pietisten den Ton an, neben ihnen freilich der
Rationalismus, der aber schließlich dem Pietismus zu weichen hatte.
Und erst Göttingen, 1734 gegründet, war eine von der Herr⸗
schaft der Theologie ganz freie Universität; erst seit Mitte des
18. Jahrhunderts, mit dem Eintritte subjektivistischer Strö—
mungen, hat eben diese Universität die Führung in der Ent—
wicklung der deutschen Geisteswissenschaften angetreten.

Vorher aber, seit dem 16. Jahrhundert, hatten sich unter
den soeben geschilderten Verhältnissen fast nur auf reformiertem
Boden, und hier wieder vornehmlich nur in den Niederlandeu,
die Bedingungen ergeben, unter denen, bei allmählicher Befreiung
aus dem Gäugelbande des christlichen Dogmas, eine zeitgemäße
Richtung auf die selbständige Entwicklung der Geisteswissen—
schaften und damit bei deren vielfach noch praktischem Charakter
auf die Begründung einer natürlichen Religion, eines natür—
lichen Rechts, einer natürlichen Sittenlehre genommen werden
konnten. Dabei waren es gleichsam noch unbewußte Be⸗
strebungen gewesen; es war die naive Emanzipationszeit
moderner Geisteswissenschaft. Unklar vielfach und gärend
waren daher die einzelnen Erscheinungen charakterisiert ge—
wesen; es hatte sich geltend gemacht, daß ein einheitliches,
etwa gar schon psychologisches Prinzip der Reduktion für die

S. Bd. VI, S. 6s ff.
        <pb n="124" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 105
Geisteswissenschaften noch längst nicht gefunden war. Und
so hatten sich höhere geisteswissenschaftliche Bestrebungen vor—
nehmlich im Praktischen erschöpft: Erziehungslehre, Um—
hildung der Konfessionsverhältnisse, Neuordnung des Staats—
wesens waren langsam in den Horizont ihrer Betätigung ge—
treten 1.
Zudem waren aber auch für sie die Prinzipien nicht völlig
schon aus eigener Kraft des individualistischen Zeitalters ge—
wonnen worden. Vielmehr war es die Antike mit ihren philo—
sophischen, namentlich stoischen Überlieferungen gewesen, die den
Grundgedanken einer natürlichen, d. h. vom Dogma freien
Wissenschaft darbot und seine Auswirkung auf den wichtigsten
praktischen Gebieten mächtig förderte. War dies nun anfangs
gewiß ein Vorteil, so ließ sich doch nicht verkennen, daß sich
aus dieser Unterstützung leicht eine neue Herrschaft, eine
Vormundschaft zur Seite des Dogmas entwickeln konnte und
zegen Schluß des 16. Jahrhunderts schon teilweis entwickelt
hatte.
In diese Verhältnisse hinein brachte nun die erste Hälfte
des 17. Jahrhunderts wenigstens auf niederländischem Boden
wesentliche Wandlungen. Um diese Zeit hatte, ganz abgesehen
von Dogma und Antike, der autonome Intellekt als die leitende
seelische Funktion des Zeitalters wenigstens auf einem Gebiete
tatsächlich schon die Herrschaft anzutreten begonnen: auf dem
der Mathematik und der Mechanik. Und von hier übertrug
mnan nun den Verstand als oberstes Werkzeug der Forschung
entschiedener als bisher auch auf das Geistesleben; und indem
man dies tat, erschien sehr bald auch das Geistesleben selbst
als wesentlich, wenn nicht ausschließlich intellektuell. Es war
eine Auffassung, die seit Descartes systematisch und meta—
physisch gewendet vorlag: Begrenzung des individualen
Seelenlebens rein auf sich selbst, Scheidung desselben von
allem inneren Zusammenhang mit der Außenwelt mittels des
Merkmals der Einheit, diese Einheit aber vorhanden nur in der

Val. Bd. VI, S. 168 ff.
        <pb n="125" />
        106 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Funktion des Verstandes: das sind die klaren und gemein—
verständlichen Prinzipien, unter deren Herrschaft sich von nun
ab die Geisteswissenschaften ein Jahrhundert hindurch entwickelt
haben.

Waren aber damit die Geisteswissenschaften auch da, wo
sie sich an sich äußerlich ungestört aus sich selbst entwickeln
konnten, wirklich schon auf sich selbst gestellt? Keineswegs!
Auch hier hatten die schützenden und bevormundenden Mächte
der bisherigen geisteswissenschaftlichen Entwicklung noch nicht
ihren Aufgaben und Ansprüchen entsagt, geschweige denn
daß sie zugrunde gegangen wären. Dogma und Antike be—
ttanden noch, und nur langsam konnten sie aus ihrer einflußreichen
Stellung verdrängt werden.

Verhältnismäßig noch am leichtesten gelang das begreiflicher—
weise mit der Antike. Der alte Humanismus als Gesamtprinzip
der Lebensführung war eigentlich schon durch die Reformation ge—
brochen worden, wenigstens für die lutherischen Lande. Zwar
hatte Luther niemals vergessen, daß er seinen Glauben philologischem
Forschen in der Bibel verdankte, und so hat er im großen und
ganzen nie den Standpunkt einer gewissen Ausgleichung theo—
logischer und philologischer Interessen verlassen. Allein nach seinem
Tode wurde seine Lehre immer antirationalistischer und damit
antihumanistischer dogmatisiert; die Konkordienformel vom Jahre
1580 bezeichnet etwa den Abschluß dieser Bewegung. Damit
wurden denn auch die humanistischen Studien immer mehr ver—⸗
dächtigt; es galt als gar schwer zu erkennen, was bei den heid⸗
nischen Skribenten dem Christentum entgegen sei, „dieweil das
Gift so heimlich darin verborgen steckt und oftmals einen
Schein herrlicher Tugenden von sich gibt“!, und so erklärten
die Weiseren unter den Theologen alle „heidnischen“ Bücher
kurzweg als bedenklich. Freilich: war mit alledem einer freien
Geisteswissenschaft Bahn gebrochen? Verdrängt war die Antike,
aber zugunsten um so ausschließlicherer Herrschaft des Dogmas.

iStatius Büscher bei Paulsen, Gel. Unterr, S. 304, Anm.
        <pb n="126" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 107
Da stand es am Ende in den reformierten Gebieten noch
besser. Hier, vornehmlich in den Niederlanden, blühte die
klassische Philologie noch das ganze 17. Jahrhundert hindurch?
und hielt dem Dogma den Widerpart. Aber grade hier erhob
sich dann der junge Rationalismus frisch und sieghaft gegen
die Antike, nachdem er das weite Eroberungsgebiet der Natur—
wissenschaften überschaut hatte. Wie Bacon den Menschen den
Rat gegeben hatte, die Augen aufzumachen, wenn sie etwas von
den Dingen erfahren wollten, und nicht die Bücher, so hat
Descartes wohl auf ein Skelett gezeigt und gesagt: „Das sind
meine Bücher!“ Eine allgemeine Verachtung dessen, was
Herder später einmal das „blinde Herkommen“ genannt hat,
und darunter vor allem der Antike, trat ein auf lange Zeiten,
und noch Haller, der sonst den Alten schon wieder näher
tand, sang:
O Meßkunst, Zaum der Phantasie!
Wer dir will folgen, irret nie;
Wer ohne dich will gehn, der gleitet.

Aber dieser zunächst naturwissenschaftliche Rationalismus
hatte den Vorteil, sich nicht nur gegen die Antike zu wenden,
sondern zugleich auch wenn nicht gegen das Dogma, so doch
gegen die Theologie. Gewiß hatte die Theologie schon durch
ihre innerliche dogmatische Verknöcherung inzwischen selbst den
Anspruch darauf verwirkt, noch weiter Königin der Wissen—
schaften zu heißen: um vom Katholizismus zu schweigen, so
war innerhalb des Protestantismus eine Scholastik empor—⸗
gewuchert schlimmer fast als die des 14. und 18. Jahr⸗
hunderts; man stritt sich um subtile Probleme, wie die, ob
Christus auch im verklärten Leibe allgegenwärtig sei, oder ob
der Mensch sein Heil, falls es ihm beliebt, zurückstoßen könne,
u. dgl.; an einigen Universitäten wurden eigens Professuren für
protestantische Polemik errichtet; die einfache philologische
Erklärung der biblischen Bücher verfiel; in den Vorlesungs—

Bgl. Bd. VI, S. 57 ff.
        <pb n="127" />
        108 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
verzeichnissen der Universität Jena z. B. sind für die Jahre
1656, 1688, 1689, 1690, 1695 keine exegetischen Kollegia an—
gekündigt. Und dieser Ruin war nicht bloß in den Gebieten
des Luthertums eingetreten, sondern nicht minder in denen des
reformierten Bekenntnisses. Aber die rationalistische Richtung,
aun immer mehr auch in die geisteswissenschaftlichen Probleme
eintretend, begnügte sich nicht mit der Feststellung des Ruins.
Sie sah vielmehr in ihm mindestens einen der wichtigsten Be—
weise für die Erscheinung, daß, entsprechend der rationalistischen
Tendenz auf eine einzige, natürliche Religion, der Unterschied
wenigstens der Konfessionen, wenn nicht gar der Religionen
hinfällig geworden sei, und sie zog daraus die praktische
Folgerung, zunächst auf eine Vereinigung wenigstens der Kon—
fessionen hinzuarbeiten.

Man sieht alsbald, wie sehr diese Absicht von der Tendenz
der Religionsgespräche verschieden war, jener Versuche des
16. Jahrhunderts, die sich freilich auch noch durch das 17. Jahr⸗
hundert hinzogen, zwischen Katholiken und Protestanten eine
Einigung in dem Sinne herzustellen, daß den Protestanten der
Rücktritt in die alte allgemeine Kirche ermöglicht werde. Hier
handelte es sich nicht um Reunionsbestrebungen, sondern um
einen Ausgleich der Bekenntnisse in einer höheren, über allen
Bekenntnissen stehenden, mehr oder minder rational gedachten
Anschauung.

Praktische Versuche eines solchen Ausgleichs begannen nun
schon sehr früh im reformierten Gebiete, in den Niederlanden,
in Frankreich. In Utrecht hielt um die Wende des 16. Jahr⸗
hunderts Hubert Duifhuis, Pfarrer zu St. Jakob, in seiner
Kirche zweierlei Gottesdienst, katholischen und reformierten;
wenn er das Ite, missa est gesprochen hatte, machten die
Katholiken den Reformierten Platz, die nun ihren Gesang an⸗
stimmten: „Erheb das Herz, tu auf den Mund“!. Und zur
selben Zeit etwa schrieb Bodinus sein „Heptaplomeres“ be—
titeltes Gespräch, das die Verwandtschaft aller Religionen zu

Dilthey, Archiv V. S. 493 4.
        <pb n="128" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 109
erweisen vorhatte: denn in allen fände sich monotheistischer
Glaube, ein sittliches Bewußtsein im Sinne der Zehn Gebote,
Bewußtsein der Freiheit, der Unsterblichkeit und der jenseitigen
Vergeltung. So bilden denn nach Bodinus alle Religionen
zusammen eine friedliche Familie, in der jeder die Besonder—
heiten der Einzelreligion durch die Heiligkeit seines Wandels
zu rechtfertigen habe: und ihnen allen zugrunde liege die uni⸗
dersale Idee eines natürlich gegebenen Theismus.

Wie nun hier, auf reformiertem Boden, vom Gedanken
HRer natürlichen Religion aus vor allem die Einheit der christ—
lichen Konfessionen, ja aller Religionen betont worden war in
der praktischen Absicht, diese Einheit womöglich tatsächlich
Jerbeizuführen, so wurde dieser Gedanke auch im Innern
Deutschlands verfolgt und bildete da die bewegende Kraft
einer Strömung, die von der zweiten Hälfte des 16. bis zu
den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts immer mehr
anschwoll. Und wie mußte er, ganz abgesehen von dem all—
gemeinen geistigen Hintergrund, aus dem er hervortrat, weitere
Verbreitung und Zustimmung finden in einem Zeitalter und in
Ländern, in denen noch das Beil des Henkers auf ketzerische
Köpfe herniederfiel, und die vor allem der Ruhe und des Friedens
Gottes bedurften nach dem unaufhörlichen Drange des gewal—
nigsten aller Religionskriege!

Die Bestrebungen im inneren Deutschland wurden in ge—
wissem Sinne zunächst eingeleitet durch die im Westfälischen
Frieden, freilich noch im Geiste des 16. Jahrhunderts, aus—
gedrückte Erwartung, es werde dem staatlichen und bürger⸗
lichen Frieden auch eine Wiedervereinigung der Konfessionen
folgen. Dann wurden sie, soweit Katholizismus und Luther⸗
tum in Betracht kam, von dem Kurfürst-Erzbischof von Mainz
Johann Philipp von Schönborn in den Jahren 1661 bis 1678
aufgenommen: und nachdem Papst Innozenz XI. von 1675
bis 1679 eine Reunion der Protestanten im alten katholisch—
propagandistischen Sinne versucht hatte, vertrat schließlich
Leibniz diese Sache, wobei ihm im Jahre 1684 tatsäch—
lich zunächst auf dem Gebiete diplomatischer Verhandlungen
        <pb n="129" />
        110

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
ein Erfolg zu winken schien, als ein Wechsel der politischen Kon⸗
sttellation alles, und nun für immer, wieder ins Ungewisse
stellte. Nicht minder scheiterten Verhandlungen wegen einer
Vereinigung zwischen Lutherischen und Reformierten, die sich
gegen Ende des 17. Jahrhunderts über ein Jahrzehnt hin—
zogen, wie verwandte, weniger hartnäckige Versuche noch in den
heiden ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts.

Gleichwohl war, ganz allgemein betrachtet, das Ergebnis
dieser Bemühungen nicht gering. Zunächst war der Gedanke,
daß die katholische Kirche die Mutter aller Konfessionen sei,
die darum zu ihr heimzukehren hätten, im Laufe der Einigungs⸗
versuche ganz zurückgetreten: gleichberechtigt standen jetzt die
Konfessionen in der Meinung der Zeitgenossen nebeneinander.
Des weiteren aber ergab sich, da sich diese Gleichberechtigung
nicht mehr aus der Welt schaffen ließ, aus der Tatsache an
sich und somit nicht mehr allein vom rationalen Standpunkte
aus der Grundsatz der Toleranz, der religiösen Duldung.
Nun hat es zwar noch geraume Zeit gedauert, ehe dieser
Grundsatz auch wirklich zur Lebensmaxime selbst nur der edleren
Geister wurde! — man weiß, wie sich noch Paul Gerhardt
gegenüber den Toleranzbefehlen des Großen Kurfürsten ge⸗
sträubt hat —: allein ein Anfang der Duldung war doch ge—
funden. Und schon war diese zunächst vom Rationalismus aus—
gegangene Strömung von einer anderen Seite her ziemlich un—
erwarteterweise gestärkt und begünstigt worden. Der Pietismus,
von dem später genauer zu reden sein wird, jene Frömmigkeits-
bewegung, die gern Kirchenstreit und kirchliche Formalien auf—
gab und übersah zugunsten der Unmittelbarkeit des religiösen
Erlebnisses, konnte, selbst auf kirchliche Duldung angewiesen,
der alten Intoleranz keinen Geschmack abgewinnen: leise schon
streckte er sich jenem Ideal der Duldung des subjektivistischen
Zeitalters entgegen, in dem wissenschaftliches Denken und reli—
giöses Erlebnis grundsätzlich voneinander geschieden wurden.

Val. dazu auch Bd. VI, S. 55 ff.
        <pb n="130" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 111
Fassen wir nun alle diese Momente zusammen: die gemein⸗
same Stellungnahme von Rationalismus und Pietismus gegen
das eifernde Kirchentum, das Aufkommen der Toleranz, die
indauernden Versuche der Kirchenvereinigung, den Verfall end⸗
lich der orthodoxen Theologie, so begreift sich, daß jetzt wie
von der Antike, so auch vom Christentum in seiner herrschenden
Ausgestaltung wenigstens einiger, wenn auch schon keineswegs
vpöllig freier Raum gelassen werden mußte für eine selbständigere
Entfaltung der Geisteswissenschaften, insofern sie auf dem Ver—
iunftprinzip bestanden.

2. Es lag aber in der Natur der inzwischen vielfach ver—
änderten allgemeinen Verhältnisse, daß auf dieser höheren Fort—
bildungsstufe der Geisteswissenschaften keineswegs alle die An—
fänge natürlicher Auffassung, die schon der früheren Periode
des 16. Jahrhunderts namentlich in den Niederlanden, verdankt
wurden!, nun in gleicher Weise weiter gepflegt wurden. Zu—
aächst traten von den Bestrebungen auf ein natürliches
Religionssystem hin, auf ein Naturrecht in Staat und Gesell⸗
schaft und eine natürliche Sittenlehre die ersten und die letzten
mehr oder minder zurück. Sehr begreiflich: die Tendenz zur
Begründung einer natürlichen Religion hatte im 16. Jahr—
hundert dem freieren Betriebe der Geisteswissenschaften erst Zu—
gang eröffnen müssen; jetzt war eine solche Aufgabe nicht mehr
zu erfüllen, während man gleichzeitig zum Kampfe gegen das
dogmatische Christentum als solches noch nicht weit genug ge—
kräftigt schien; und die Sittenlehre war noch viel zu sehr mit
der Theologie verknüpft, als daß sie ohne Fortführung der
natürlichen Religionswissenschaft allein hätte in Frage kommen
können. Religion und Sitte traten daher in dem Jahrhundert
nach dem großen Kriege im wissenschaftlichen Betriebe mehr in
den Hinterarund, um dann freilich nach dieser Zeit, seit

Bal. Bd. VI. S. 168 ff.
        <pb n="131" />
        112 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
spätestens der Mitte des 18. Jahrhunderts, nach dem Siege
der Aufklärungswissenschaften auf den anderen Gebieten um so
lebhafter wieder gepflegt zu werden: seit dieser Zeit bildete die
Auseinandersetzung mit ihnen die Hauptaufgabe und zugleich
das höchste und letzte Ziel des rationalen wissenschaftlichen Be—
triebes.
Das alles schloß freilich nicht aus, daß der im besonderen
Sinne praktische Teil der ethischen und theologischen Wissen—
schaften, die Erziehungslehre, dennoch eifrig gepflegt wurde.
Und hier setzten sich denn in der Tat die rationalen Prinzipien
in energischen Fortschritten gegen die Antike, langsamer gegen
die Theologie schließlich durch. Das war um so wichtiger, als
sich Melanchthon, der Praeceptor Germaniae des 16. Jahr⸗
hunderts, um die elementaren Fragen der Erziehung eigentlich
wenig gekümmert hatte. Er hatte in seiner akademischen Lehr⸗
tätigkeit gelebt und gewebt; man hat das Wort von ihm,
außer der Universität sei überhaupt kein Leben. Jetzt dagegen
erkannte man bei näherem und intensiverem Zusehen die Be—
deutung des elementaren Unterrichts für das Schicksal der
Nation und begann in dieser Richtung zu denken und zu
wirken. Die frühesten erlauchten Namen, die auf diesem Ge—
biete begegnen, sind die des genialen Wolfgang Ratichius
(1571 - 1685) und des Johann Amos Comenius (1592 - 1671).
Theoretiker und Praktiker zugleich, fanden beide bei Fürstinnen
und Fürsten ihrer Zeit Wohlwollen und Unterstützung, Ratichius
in Anhalt, Thüringen, Hessen und in der Pfalz, Comenius vor—
nehmlich in Thüringen; Herzog Ernst der Fromme von Gotha
(1601 - 1675) war einer der ersten Fürsten, der comenianische
Erziehungsgrundsätze in seinem Lande einführte.

Die rationalistischen Pädagogen wandten sich nun zwar
nicht unmittelbar gegen alles, was das Leben antirationalistisch
noch band, gegen Dogma vornehmlich und Humanismus. Sie
hielten z. B. vom Humanismus durchaus wenigstens noch das
Latein fest: ja dies sollte sogar als Sprache der Wissenschaft
noch allgemeiner verbreitet und deshalb nach einer möglichst
        <pb n="132" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 113
einfachen Methode gelernt werden. Aber fern standen sie doch
jeder humanistischen Begeisterung; das Wort „Ratio vicit,
vetustas cessit* findet sich als Motto der Lehrbücher des
Ratichius; die alten Sprachen sollten nur noch als Mittel zu
nationalen und vernünftigen Zwecken dienen. Und diese
Zwecke wurden zwar vorläufig noch nicht in Widerspruch zum
Luthertum, zum neuen Evangelium gesetzt; Amos Comenius
selbst ist letzter Bischof der mährischen Brüder gewesen; sein
Hauptwerk, die „Didactica magna“, ist biblisch fromm und
wütet mit dem Fanatismus eines mittelalterlichen Asketen
—0
liert sich doch, soweit das in der elementaren Pädagogik
möglich ist, die religiöse und die speziell christlich-konfessionelle
Färbung. Schon die auf Ratichius und Comenius folgende
Generation der Neuerer ist von ihr nicht mehr gleich ab—
hängig; bereits Balthasar Schuppius, der Hamburger Pfarrer,
sucht vielmehr den Zusammenhang mit den höfischen Bildungs-
idealen; er will die Erziehung des „Weltmanns“. Und mit
dieser Tendenz etwa hat die Strömung dann neben einer
neuen pietistisch-pädagogischen Richtung fortgedauert, bis sie
am Ende der Tage der Aufklärung durch Basedow und seine
Anhänger noch einmal, aber schon unter mancher Veränderung
durch neuere Ingredienzien, stärker und vor allem lauter her⸗
vortrat.
Im übrigen aber galt, wie gesagt, für die Entwicklung
der Geisteswissenschaften von etwa 1650 bis 1750 eine ver—
hältnismäßig geringe Beachtung der Theologie und der empi—
rischen Ethik. In den Vordergrund trat damit ohne weiteres
die Ausbildung einer rationalen Staats- und Gesellschafts-
wissenschaft. Und hier war der Gang der Dinge der, daß,
wenn auch noch unter großem Lärm der Theologen, je
länger je mehr die rein weltlichen und deduktiven Elemente in
den Vordergrund traten. Es ist daher bezeichnend, daß die
Nationalökonomie, diejenige Gesellschaftswissenschaft, die anfangs
nur schwer ohne starke Anwendung der induktiven Methode

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII, 1. 2
        <pb n="133" />
        114 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
gedeihen kann, in keiner Weise weitergebildet wurde, ja, soweit
sie bisher bestanden hatte, vielmehr zugrunde ging. Hatte im
16. Jahrhundert die theoretische Weisheit auf diesem Gebiete
vornehmlich in der Wiederholung der Lehren der Alten und in der
Heranziehung biblischer Meinungen und Beispiele bestanden —
wie denn von den Monopolien selten gesprochen wurde, ohne
des ägyptischen Kornhauses Josephs zu gedenken —, so sank
man jetzt noch unter dieses Niveau. Eine unglaubliche Ver—
wilderung des Denkens trat namentlich während des Dreißig—
jährigen Krieges und nach diesem zutage. Wie tief steht z. B.
ein Maximilian Faust mit seinen „Consilia pro acrario civili“
(1641) oder ein Gottlieb Warmund mit seinem „Geldmangel
in Deutschland“ (1664) unter den Gedanken der unmittelbaren
Vorfahren, eines Bornitz etwa oder Besold! Man arbeitet
gänzlich unsystematisch und unhistorisch und ist dabei von wider—
lichster Eitelkeit erfüllt und von charlatanistischer Reklame. Erst
in unmittelbarer Beziehung zur staatlichen Praxis hat sich die
deutsche Nationalökonomie später zu den Anfängen einer wahren
Wissenschaft entwickelt.

Um so mehr war es der allgemeinen Staatswissenschaft
gegeben, rationale Lehren in deduktiver Entwicklung vor—⸗
zutragen!. Sie konnte damit unmittelbar an die großen Er—
rungenschaften des Hugo Grotius anknüpfen, freilich ohne sich
zu verhehlen, daß diese noch in mancher Hinsicht zu läutern
waren. Gewiß hatte Grotius bereits, wie vor ihm schon dem
Keime nach Nikolaus Hemming (1566) und Benedikt Winkler
(16149), das Recht aus der eingeborenen sittlichen Natur des
Menschen und zugleich aus dem menschlichen Geselligkeitstriebe
abgeleitet. Aber dabei war diese sittliche Natur doch nicht
konsequent als von der göttlichen Offenbarung unbeeinflußt
festgehalten worden. Grotius selbst tritt gelegentlich dem Ge—
danken recht nahe, daß das Naturrecht im Grunde ein Rest der
Sündlosigkeit des Menschen vor dem Sündenfalle sei, und sein
Völkerrecht ist noch ebenso durch rationale Gründe wie durch

Vgl. zum Folgenden Bd. VI, S. 177 ff.
        <pb n="134" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 115
* Betonung von Forderungen des christlichen Glaubens ge—
ützt.

Demgegenüber machte erst Pufendorf reinen Tisch. Und
zugleich drang mit ihm eigentlich erst recht die Idee des
Naturrechts in die einflußreichen Kreise des inneren Deutsch—
lands. Im Jahre 1632 zu Flöha in Sachsen geboren, 1661
nach ernster Beschäftigung mit der neuen Wissenschaft des
Grotius als Lehrer des Natur- und Völkerrechts nach Heidel—
berg in die erste für dies Fach begründete deutsche Professur
berufen, 1670 nach Lund übergesiedelt, von wo aus er 1672
sein wichtigstes naturrechtliches Werk, „De iure naturae et
gentium libri octo“, erscheinen ließ, 1686 nach Berlin berufen,
um brandenburgische Geschichte unter dem Großen Kurfürsten
und dessen Nachfolger zu schreiben, viele Jahre hindurch in
literarischem Streit mit schwedischen, sächsischen, thüringischen
Vertretern älterer Auffassungen, konnte er schon lange vor
seinem 1694 erfolgten Tode als derjenige Vertreter der natur—
rechtlichen Ideen gelten, der das von Grotius überkommene
System völlig aus dem Banne der Theologie befreit und die
Anerkennung dieser Befreiung endgültig erzwungen hatte.

Das System selbst freilich hat er so wenig wie sein Mit—
kämpfer Christian Thomasius, der seit 1681 in Leipzig Vor⸗
lesungen im Sinne von Grotius und Pufendorf hielt, wesent⸗
lich fortgebildet oder erweitert, wenn er auch hier und da Ge—
danken von Hobbes aufgenommen hat, der mittlerweile die erste
Staats- und Rechtsphilosophie entwickelt hatte, die völlig auf
den Grundlagen der mechanistisch-rationalistischen Philosophie
des Descartes beruhte!.

Für den deutschen und auf deutschem Boden, wie er nun—
mehr einer von christlichen Bestimmungswerten freien Naturrechts—
lehre bedurfte, kam dann freilich nicht so sehr die Rechtsphilosophie
des Hobbes, wie diejenige Spinozas? und vor allem Lockes?

S. dazu Bd. VI, S. 187 ff., auch oben S. 83 ff.
S. BbovI, S. ꝛon ff.
3 S. oben S. 84ff.
        <pb n="135" />
        116

WNeunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
in Frage. Spinoza, dessen naturrechtliche Lehren in dem
„Tractatus theologico-politicus‘s vom Jahre 1670 und in dem
unvollendeten, nach seinem Tode im Jahre 1677 heraus—
gegebenen „Tractatus politicus“ niedergelegt sind, ging für
die Begründung des Rechtes von der Triebkraft der Selbst⸗
liebe aus: Recht ist, was jeder will und kann. Der Zustand,
der durch die durcheinander laufenden Strebungen und Kräfte
entsteht, ist nach Spinoza im staatlichen Leben nur so weit
beschränkt, als es die Sicherheit der Personen und des Eigen—
tums erheischt, und insoweit die Vorteile, welche der einzelne
oder die Mehrheit aus der Gemeinschaft schöpft, größer sind als
die, welche durch die Staatenbildung aufgegeben werden. Aus
diesen allgemeinen Sätzen folgert Spinoza dann als Staats-—
form eine aristokratische Republik mit dem Grunde und Boden
als Staatseigen und einer Miliz als militärischer Gewalt bei
ewigem Frieden nach außen, und im einzelnen für das Leben
im Staate Freiheit der Person (wenn auch mit Bedenken wegen
der Sklaverei), ferner ziemlich unumschränkte Freiheit der
Religion, Freizügigkeit, Redefreiheit, akademische Lehrfreiheit
und Freiheit des Genusses von Erwerb und Eigentum. Man
ieht, es ist das Idealbild eines Staates, der schwerlich
rgendwo zu verwirklichen war, und für dessen Programm sich
äußere Anknüpfungen auf deutschem Boden nirgends, es sei
denn höchstens in den Niederlanden, gefunden hätten. Die
Anschauungen Spinozas sind daher ohne weitreichende Wirkung
geblieben.

Ganz anders das System von Locke. Ist Locke der Voll⸗
ender der alten naturrechtlichen Vertragstheorie, wonach der
Staat aus der gegenseitigen Vereinbarung freier menschlicher
Individuen hervorgegangen ist, so ist er doch weit davon ent⸗
fernt, für die Entstehung dieses Staates die Normen, wie man
bisher getan hatte, paradiesesfernen Urzeiten oder rein ab—
trakter Betrachtung zu entnehmen; sein Denken erscheint viel⸗
mehr angeregt durch die englischen Ereignisse des Jahres 1689,
in denen man wirklich einen Staat gleichsam durch Vertrag
zwischen Fürst und Untertanen hatte entstehen sehen, sowie
        <pb n="136" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 117
durch die Vorgänge im fernen Amerika, wo sich eine neue Ge—
sellschaft auf jungfräulichem Boden ihre Rechtsbegriffe selbst zu
schaffen schien. Indem sich sein Denken so der Zeit und ihren
Ereignissen und Bedürfnissen enger anschloß, ist es von größter
Bedeutung für die staatswissenschaftlichen Anschauungen des
ausgehenden rationalistischen Zeitalters geworden.

Nach Deutschland wurden Lockes Gedanken vornehmlich auf
zweierlei Weise gebracht. Einmal unmittelbar durch die staats—
wissenschaftlichen Werke der jungen Universität Göttingen, die mit
ihrer Verteidigung des Lockeschen Systems ebenso zugunsten der
englischen Umwälzung des Jahres 1689 kämpfte, wie die Schule
der jungen Universität Halle auf Grund der Lehren von Pufen—
—VV0
aber mittelbar durch Montesquieu, der in seinem „Esprit des
lois“ vom Jahre 1749 die englische Verfassung von 1689
auf Grund wesentlich der Anschauungen Lockes als das Ideal
seglicher Staatsform pries.

Aber schon lange vor Montesquieu hatten diese An—
schauungen in Deutschland Wurzel gefaßt, und wenn sich auf
Grund ihrer Aufnahme und ihres Durchdenkens keine Literatur
von allgemeiner Bedeutung erhob, so war das nur die Folge
des gänzlich unpolitischen Charakters der gebildeten deutschen
Gesellschaft während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Wo die Lehren aber zufällig auf einen politischen Kopf trafen,
da wurden sie auch in dieser Zeit mit einem Feuer auf—
genommen, dessen Lebendigkeit am besten den vollen Sieg der
naturrechtlichen Theorien dartut. Und nichts erbringt wohl den
Beweis für diesen Zusammenhang besser, als der Charakter der
Anschauungen Friedrichs des Großen.

Schon im Antimacchiavell Friedrichs findet sich der Satz:
„Es scheint mir, daß, wenn es eine Regierungsweise gibt, deren
Weisheit man in unsern Tagen als Muster aufstellen kann, es
die englische sei; dort ist das Parlament der Schiedsrichter des
Volkes und des Königs, und der König hat alle Macht, gut, aber
keine, böse zu handeln.“ Dem entspricht es, wenn Friedrich zeit
seines Lebens, den Lehren der Vertragstheorie folgend, die
        <pb n="137" />
        118 Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Berechtigung einer verfassungsmäßigen Volksvertretung offen an⸗
erkannt hat: die konstitutionelle Lehre bedurfte für ihn kaum
noch des Ausbaues.

Aber freilich stimmte mit diesen Anschauungen des Königs,
wie wir in einem späteren Kapitel sehen werden, seine Praxis
durchaus nicht überein. Je mehr sich nach dem Westfälischen
Frieden die Souveränität der deutschen Landesstaaten aus—
gebildet hatte, und je entschiedener man den Zeiten des auf—
geklärten Despotismus nähergekommen war, um so mehr trennten
sich auf deutschem Boden Staatslehre und Staatskunst, indem
sich, vielfach übrigens vom Naturrecht befruchtet, ein an—
gewandtes Staats- und Verwaltungsrecht der absoluten Mon—
archie entfaltete, in dem zwar auch das Verhältnis von Fürst
und Volk, aber mit Rücksicht auf die andrängenden konkreten
Bedürfnisse ganz anders als im konstitutionellen Staate geregelt
erschien. Es war die Richtung der Ideen, der Friedrich der
Große in der Praxis folgte.

Wissenschaftlich aber wurde dieser Umschlag von einer sehr
merkwürdigen Erscheinung begleitet: die Geschichtswissenschaft,
bisher antiquarische Sammlerin oder Nacherzählerin der fast
wahllosen Überlieferung, erhielt mit eins den bisher vermißten
Mittelpunkt einer bestimmten Auffassung. Indem nämlich die
Staatswissenschaft gegen die bisherigen philosophischen Aus—
führungen des Naturrechts durch konkretes Eingehen auf die
bestehenden, geschichtlich gewordenen Zustände einwirkte, nahm
sie gleichwohl zu deren Erkenntnis die systematischen Gedanken
der Rechtsphilosophie mit und kam dadurch zu einem Begreifen
und Aussondern des eigentlich politisch Wertvollen, zu einem
abgerundeten, systematisch-konkreten Staatsbegriff. Und indem
nun die Geschichtswissenschaft diesen Begriff herübernahm,
wurde ihr das eigentlich Wichtige in der Masse des Geschehenen
die Staatsgeschichte: und um die Staatsgeschichte, freilich noch
vornehmlich im Sinne einer Geschichte der Staatsmänner und
Kriegshelden, begann sich damit zum ersten Male die geschicht—
liche Auffassung zu konzentrieren. Dabei ergab sich gegenüber
den früheren Leistungen einer unklaren Polyhistorie alsbald ein
        <pb n="138" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 119
Aufschwung der geschichtlichen Betrachtung und ein Steigen der
historiographischen, wenngleich immer noch schwerfällig⸗gelehrt
charakterisierten Tätigkeit.

Die alte theologisch-universalistische Einteilung der Ge—
schichte nach den Weltaltern Daniels wurde verlassen und die
bisher mehr naiv befolgte nationale Abgrenzung des geschicht-
lichen Stoffes mit strenger Rücksicht auf den Staat durch—
geführt: an die Stelle der Bücher über die vier Monarchien trat
die europäische Staatengeschichte, mochte sie nun „teutsche
Kayser- und Reichshistorie“ sein oder die Geschichte der einzelnen
außerdeutschen Staaten und innerdeutschen Länder. Und mit
der Begrenzung des Stoffes auf die rein politische und allen—
falls noch roh verfassungsgeschichtliche Seite des historischen
Lebens wurde zugleich eine intensivere Betrachtung dieses einen
Teiles verbunden. Man begann jetzt „pragmatisch“ darzustellen,
man glaubte die Aufgabe des Geschichtschreibers erst dann ge—
löst, wenn nicht bloß die politischen Taten und Greignisse be—
schrieben, sondern auch ihre innere Verbindung in der Klar—
legung der Motive der handelnden Personen ans Licht gebracht
waren. Es war eine Entwicklung, die zwar noch nicht den
tieferen entwicklungsgeschichtlichen Sinn der Geschichte erschloß,
e doch einen wertvollen Fortschritt zu dessen Entdeckung be—
eutete.
Die ersten großen Meister der pragmatischen Staaten⸗—
geschichte in diesem Sinne sind naturgemäß Männer gewesen,
die der naturrechtlichen Bewegung angehörten oder dieser
wenigstens nahestanden: so Pufendorf in seiner „Einleitung zu
der Historie der vornehmsten Reiche und Staaten, so jetziger
Zeit in Europa sich finden“ und in seinen Spezialdarstellungen
der neueren schwedischen und brandenburgischen Geschichte, und
Leibniz, der größeste vielleicht dieser Reihe, deutscher Terri⸗
torial- und Landeshistoriker zugleich, dessen Verdienste leider,
da sein hervorragendstes Werk, die Reichsgeschichte, erst im
19. Jahrhundert gedruckt worden ist, der weiteren Entwicklung
der deutschen Geschichtswissenschaft nur teilweis zugute ge—
kommen sind.
        <pb n="139" />
        —120 — Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Aber auch nach dem Absterben der Geschlechter, denen
Leibniz und Pufendorf angehörten, blieb die Durchführung der
neueren geschichtlichen Auffassung noch teilweis Juristen an—
vertraut; an den Universitäten wurde in der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts die Professur der Geschichte gern mit der
des Staatsrechts verbunden; Hofhistoriographen waren meist
Juristen, und der Jurist Johann Jakob Moser schrieb damals
seine vielen Bände deutscher Territorialstaatsgeschichte: aus
dieser Richtung ist dann die geschichtliche Durchforschung der
alten Reichsverhältnisse, zugleich noch praktischen Zwecken
dienend, im Verlaufe des 18. Jahrhunderts zu hoher Blüte ge—
langt.
Aber daneben griffen doch jetzt auch Gelehrte, die vor—
nehmlich Historiker waren, in die Bewegung ein; und es bildete
sich innerhalb der wirklich ernsten Forschung eine Art Arbeits-
teilung aus, indem diese, im Unterschied von den meist mit
späteren Zeiten beschäftigten Juristen, die Reichs- und National—⸗
geschichte der älteren Zeit in Angriff nahmen. Hierzu hatte
schon Leibniz den Anfang gemacht; ihm folgten sodann die
Reichsgeschichten des Leipziger Professors Mascow, noch eines
Juristen, der aber schon rein historisch arbeitete (zuerst die „Ge—
schichte der Teutschen bis zu Anfang der Fränkischen Monarchie“,
1726), und des sächsischen Staatsmanns Grafen von Bünau,
dessen „Genaue und umständliche teutsche Kayser- und Reichs—
historie“ 1728 1743 erschienen ist.

Und schon griff die neue Auffassung auch auf jene Ge—
schichtschreibung über, deren besondere Bedürfnisse und An—
schauungen so lange alles geschichtliche Denken beherrscht hatten,
auf die Kirchengeschichte. Die Kirchengeschichte als eigentlich ge—
schichtliche Disziplin, nicht mehr im Dienste der Polemik und
Apologetik, wie zu den Zeiten der Zenturiatoren und des Flacius'
Oatalogus testium veritatis], ist eigentlich erst eine Schöpfung
der Zeit um 1700 und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

S. Bd. VI, S. 167.
        <pb n="140" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 121
Da hatte vor allem der Kirchenhistoriker des Pietismus, Gott—
fried Arnold, den Bruch mit der Polemik gefordert, zuerst in
seiner Gießener Rede „De corrupto historiarum studio* vom
Jahre 1697; in der Ausführung seiner „Unparteiischen Kirchen—
und Ketzerhistorie“ (seit 16999 hat er sich dann allerdings
keineswegs frei von Parteinahme gezeigt. Nach ihm aber hat noch
um vieles mehr der größte Kirchenhistoriker der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts, der 1755 als Kanzler der Universität Göttingen
gestorbene von Mosheim, Polemik und bewußte Parteinahme offen
aus der Kirchengeschichte verbannen wollen. Freilich war er
deshalb dogmatisch keineswegs weitherzig; fest stand er vielmehr
zu jedem Titel der lutherischen Lehre, und dogmatisch⸗pole⸗
mischen Schwierigkeiten der kirchengeschichtlichen Darstellung
entzog er sich nur dadurch, daß er die Entstehung eines kirch—
lichen Dogmas niemals und nirgends zum Gegenstande seiner
Untersuchung gemacht hat. Dementsprechend stand ihm denn auch
die auflösende und zersetzende Kritik der späteren Aufklärung
noch völlig fern; treugläubig hielt er es noch mit der vollen
Infpirationslehre. Aber gleichwohl sind bei ihm schon Spuren
freierer Auffassung vorhanden; durch Hindeutungen auf den
Anteil, den die Philosophie an der Bildung der Kirchenlehre
gehabt, ist der Weg in das Innere dogmengeschichtlicher Unter⸗
suchungen bereits halb eröffnet; und der zahllosen Menge über⸗
lieferter Wunder wird das Bedürfnis nach deren Begrenzung ent⸗
gegengestellt. Namentlich der letztere Punkt ist von Bedeutung.
Wie noch ein Leibniz vor ihm und fast alle Zeitgenossen mittleren
Ausmaßes mit ihm hält Mosheim an der Möglichkeit über—
natürlicher Eingriffe in das menschliche Geschehen noch durch⸗
aus fest; aber er stellt daneben den Satz auf, daß Gott nur
durch solche Personen Wunder verrichten könne, die in göttlicher
und religiöser Hinsicht dieser Gnade wert seien. Damit fallen
denn für ihn als guten Lutherischen fast alle mittelalterlichen
und neuzeitlichen Wunder hinweg; er beseitigt sie einfach nach
den Normen des lutherischen Dogmas; für die Psychologie
der Legendenbildung dagegen hat er noch nicht das geringste
Verständnis.
        <pb n="141" />
        122

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Sehr natürlich aber, daß diese Auffassung des Wunders,
durch welche das Hereintreten des Übernatürlichen in die Ge—
schichte trotz allem für jeden Augenblick prinzipiell zugelassen
wurde, nun auch verhinderte, grundsätzlich ein Kausalnetz über
die ganze Fläche des Geschehenden auszubreiten. Und so ver—
blieb Mosheim, wie seine weltlichen Vorgänger, auf dem Ge—
biete des Pragmas bei der bloßen, noch nicht einmal regel—
mäßig gehandhabten pragmatischen Verknüpfung der Einzel—
handlungen. Die Möglichkeit, unter Beibehaltung der Zulassung
des Übernatürlichen gleichwohl größere Tatsachenreihen unter
einem Begriff zusammenzufassen, die späterhin in der Lchre von
den historischen Ideen durchgebildet wurde, hat Mosheim noch
nicht gekannt; doch ist es bezeichnend, daß sich bei ihm schon
ein leises Hindrängen zu ihr bemerken läßt.

Wenn aber nun die Kirchengeschichte sich schon leise der
Methode des allgemeinen Geschichtsbetriebes einzuordnen begann,
so versteht sich, daß sich die alte christliche Geschichtsphilo—
sophie erst recht eine jüngere rationalistische Schwester ihr zur Seite
gefallen lassen mußte. Und dieser erschien dann die gesamte
Menschheitsgeschichte natürlich als eine geradlinig fortschreitende
Vervollkommnung der Vernunft, wobei das Ziel, die schließ—
lich zu erreichende Vollkommenheit, verschieden gedacht wurde:
bald als höchste Bildung, Kultur oder Zivilisation, bald als
höchste Glückseligkeit, Güte oder Humanität. Es waren im
Grunde nur Bezeichnungen desselben Zieles von verschiedenen
Standpunkten aus; und immer wurde das Streben der Ge—
schichtsentwicklung nach ihm zu als Auswirkung eines selbst⸗
bewußten Gottes oder einer metaphysischen Naturabsicht betrachtet.
Von diesen Kräften wurden dann der Theorie nach die großen
Individuen zur Durchführung der geschichtlichen Zwecke in die
Welt gesetzt. So ist denn auch dieser Geschichtsphilosophie die
Geschichte noch ganz das Werk großer Individuen: ja recht eigent—
lich als individualistisch kann man sie betrachten. Und diese
Individuen sind vor allem die der politischen Geschichte: Fürsten,
Staatsmänner, Feldherren. Kulturzeitalter, nach denen sich die
Persönlichkeit innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft irgendwie
        <pb n="142" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 123
typisch abwandele, sind noch gänzlich unbekannt; und insofern
sind, nach heutigen Begriffen, alle handelnden Personen eigentlich
geschichtslos: sie sind eben zu allen Zeiten im Grunde die
gleichen. Darum können sie denn auch von ihren Handlungen
aus in jeder Hinsicht dem Urteil der Gegenwart unterworfen
werden: und eine moralisierende Geschichtsbetrachtung von höchster
Kühnheit des Absprechens ist die Folge.

Nun liegt auf der Hand, wie sehr diese ganze Konzeption
noch von der modernen, der Konzeption des subjektivistischen
Zeitalters, abweicht: uns erscheint sie als das Erzeugnis einer
Zeit überhaupt unhistorischen Denkens. Gleichwohl bedeutete
sie für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts einen Fort—
schritt. Und dem Fortschritte der Methode lief ein Fort—
schritt auch der Darstellung parallel. Diese neue Historie wollte
nicht bloß der Gelehrsamkeit, sondern auch der Kunst an—⸗
gehören; Mascow, Bünau und Mosheim haben, ohne in der
früheren Geschichtschreibung viel Vorbilder zu finden, auch schon
deutsch geschrieben, und unverkennbar ist bei ihnen die Rücksicht
auf Schönheit und Würde der Sprache.

Und das war überhaupt die Wandlung, die sich lang—
sam im Betriebe der Geisteswissenschaften zu vollziehen be—
gann: die rationale Bewegung, im Naturrecht, später auch
in der Geschichtswissenschaft am intensivsten erfaßt, erweiterte
sich einerseits über alle Wissenschaften, und begann anderseits,
künstlerischen Motiven immer näher tretend, die große Masse
der Gebildeten überhaupt als Zuhörerkreis ins Auge zu fassen.

Von dieser letzteren Richtung, der Popularisierung des
vollendeten Rationalismus, der Aufklärung, und ihrer Ge—
schichte wird in dem folgenden Abschnitte die Rede sein. Hier
verfolgen wir den Vorgang nur noch nach der ersten Richtung
ein wenig weiter.

Da sehen wir denn unter seiner Wirkung zunächst die
Autorität des klassischen Altertums immer mehr verblassen.
Es ist eine Bewegung, die die allerweitesten Kreise zieht; so
emanzipiert sich zum Beispiel unter ihrem Fortschritte die
Medizin endlich von den Vorschriften des Hippokrates und
        <pb n="143" />
        124

Neunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Galen: die empirische Beobachtung tritt auf, das Mikroskop
erhält Anwendung, Theatra anatomica und botanische Gärten
werden begründet, Anatomie und Physiologie beginnen zu er—
blühen.

Mit der Autorität der Antike stürzt aber auch immer
mehr die bisher unbeschränkte und unbezweifelte Herrschaft der
kirchlichen Dogmatik. Noch Ende des 17. Jahrhunderts hatte
allerdings der Magistereid in Helmstedt und Leipzig zur Ver—
teidigung und Fortpflanzung der aristotelischen Philosophie, und
das hieß des aus Aristoteles zurechtgezimmerten Stützwerks der
kirchlichen Dogmatik, verpflichtet. Aber in derselben Zeit hatte
man anderswo bereits das Bedürfnis gehabt, den Weg Gottes
im Verlaufe des Natur- und Geschichtslebens zu rechtfertigen:
schon hatte Bossuet in seinem „‚Discours sur l'histoire uni—
verselle“ (1681), einem auch in Deutschland vielgelesenen
Buche, alles, was Gott getan, geprüft, um es gut zu finden,
und bald sollte Leibnizens Rechtfertigung Gottes (Theodicee,
1710) erscheinen. Und wenn Haller später singt:

Die Welt ist selbst gemacht zu ihrer Bürger Glücke.

Ein allgemeines Wohl beseelet die Natur,

Und alles trägt des höchsten Gutes Spur, —
so setzt das einen menschlichen Standpunkt gegenüber der gött—
lichen Offenbarung und deren dogmatischer Feststellung voraus,
der noch der ersten, ja der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
schwerlich bereits zugänglich gewesen sein würde.

Indem aber der rationale Gedanke zunächst in den Wissen—
schaften aus der theologischen und humanistischen Umhüllung
immer siegreicher hervortrat, begann er sich zugleich überall neue
Hilfsmittel und Werkzeuge seiner Durchführung zu verschaffen.
Die Universitäten fingen an, langsam zu Trägerinnen dieses neuen
Lebens zu werden, dessen Anfänge keineswegs von ihnen aus—
gegangen waren; gelehrte Gesellschaften wurden gestiftet, und
besondere literarische und gelehrte Veröffentlichungen, Akta,
Annalen, Novellen u. dergl. erschienen, vorweg an den Uni—
versitäten Leipzig und Halle.

Die Verkörperung dieser Bestrebungen aber war in früherer
Zeit und lange Jahre hindurch Leibniz. Mit unglaublicher
        <pb n="144" />
        Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 125
Kraft und unermüdlichem Fleiße schmiedete er Plan um Plan zur
Förderung rationaler wissenschaftlicher Bestrebungen und trug
diese Pläne den Fürsten, von denen er alles Heil erwartete, vor:
zur Organisation der wissenschaftlichen Studien in Gesellschaften,
zur Kodifikation des vorhandenen Wissens und der vorhandenen
Fertigkeiten, zur Vereinigung der Religionsgemeinschaften, zur
Bekehrung der Heiden, ja zur neuen politischen Organisation
Deutschlands und Europas. Erreicht hat er freilich nur wenig;
von seinen langgehegten Plänen einer Akademiebildung zum
Beispiel brachte nur die Denkschrift über die Begründung
einer Berliner Akademie (vom Jahre 1700) Erfolg. In
gleicher Weise aber verkörperte Leibniz auch den Inhalt der
anderen gelehrten Bestrebungen seiner Zeit: in einer Person war
er Naturforscher, Historiker, Jurist. Und in diesem Sinne darf
man wohl sagen, daß auch sein gesamtes Denken und seine
Philosophie, in seinen Handlungen verkörpert, schon seinem
Zeitalter zugute gekommen sind.
        <pb n="145" />
        Viertes Kapitel.
Aufklärung und Pietismus.

Übersehen wir an dieser Stelle nunmehr in geschwinder
Vergegenwärtigung den vollen Verlauf der Entwicklung des
Intellektualismus vom Beginn des individualistischen Zeitalters
hin bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, so läßt sich
etwa folgendes sagen.

Das Jahrhundert nach der Reformation hatte in Deutsch-
land zum ersten Male das Erwachen eines selbständigen Lebens
auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften gesehen: neben die
Denktätigkeit innerhalb der Schranken und im Schatten der
Kirche und des Humanismus hatte sich ein freies Aufmerken
und Urteilen über die seelischen Vorgänge, ein „natürliches“
wissenschaftliches Streben zu stellen begonnen; und sein Er—
gebnis war eine erste Vorstellung von einer natürlichen Reli—
gion, einem natürlichen Recht, einer natürlichen, nicht mehr
von Religion und Christentum durchaus abhängigen Sittlich—
keit gewesen. Es war eine Entfaltung freigewordenen indi⸗
vidualistischen Geistes, die sich namentlich an die Kreise der
reformierten Kirche in Frankreich, England, und auf deutschem
Gebiete vor allem in den nördlichen Niederlanden knüpfte.

Dieser Bewegung folgte, während sie für Deutschlaud zum
großen Teile in den Fluten des Dreißigjährigen Krieges unter⸗
tauchte, eben um diese Zeit, von Italien und den Niederlanden
ausgehend, im inneren Deutschland aber fast nur durch einen
        <pb n="146" />
        Aufklärung und Pietismus.

127
großen Forscher, Kepler, vertreten, der erste gewaltige Aufschwung
der Naturwissenschaften, vornehmlich der Mathematik und
Mechanik. Es war der Sieg des Verstandes gegenüber dem
unbelebten Teile der Welt.

Indem von nun ab beide Strömungen, die geisteswissen⸗
schaftliche und die naturwissenschaftliche, der rationalen Er—
fassung ihrer Gebiete zugewandt, nebeneinander standen, war
zum ersten Male, wenn auch noch in unvollkommener Weise,
der Moment für die Durchbildung einer individualistischen
Weltanschauung, die nicht mehr aufs stärkste von den fremden
Mächten der Kirche und des Humanismus abhängig war, oder
wenigstens einer sie vorbereitenden Philosophie gegeben: das
System des Descartes trat auf.

Aber inzwischen gingen die rationalen wissenschaftlichen
Bestrebungen auf dem Gebiete des Geisteslebens wie der Natur
weiter; ein Gebiet nach dem andern ward von ihnen ergriffen,
eine intensivere Auffassung nach der anderen gewonnen; neue
Forschungsmittel und Anstalten neuer Stuüdien bildeten sich: ge⸗
lehrte Gesellschaften und Akademien, Sammelwerke und Zeit—
schriften; man ging der Vollendung der rationalen Wissenschaft
des individualistischen Zeitalters entgegen. Und die Studien,
anfangs auf den äußersten Westen beschränkt, hatten wenigstens
schon auch das binnenländische protestantische Deutschland zum
großen Teile ergriffen.

Aus den Feuern dieser fortschreitenden neuen Bildung ging
schließlich die Leibnizsche Philosophie hervor: eine höhere Inter—
pretation des rationalistischen Geistes, als die des Descartes,
ja ein Abschluß, der mit nicht wenigen Gedankenfackeln halb
subjektivistischen Charakters schon hinwegwies über dieses Zeit⸗
alter der Wissenschaft, hineinführte in das Denken der zweiten
bälfte des 18. Jahrhunderts.

Zugleich aber erbreiterte sich nun auch die geistige Grund⸗
lage diefes wissenschaftlichen Betriebes. Wie er, sich nach oben
zuspitzend, eine besondere Weltanschauung erzeugt hatte, so er—
weckte er, immer mehr ins Leichtverständliche getrieben, in den
führenden Schichten der Nation den Sinn für Reflexe dieser
        <pb n="147" />
        28

Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Weltanschauung nach unten. Die Zeit der Popularisierung der
rationalistischen Wissenschaft und der rationalistischen Philosophie,
die Zeit der Aufklärung begann.

Die Wirkungen der Aufklärung haben sich schöpferisch bis
etwa gegen den Schluß des 18. Jahrhunderts, wenn nicht
länger, erstreckt; erzieherisch bestehen sie noch heute fort. So⸗
weit sie aber seit den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts
noch zu schaffen waren und nicht bloß sich geltend zu machen
brauchten, lassen sich zwei Perioden ihrer Durchbildung unter⸗
scheiden, die sich im ganzen und großen mit den beiden Hälften
des 18. Jahrhunderts decken, jedenfalls sich ziemlich genau
um die Mitte dieses Jahrhunderts scheiden: man kann die erste
als die des Thomasianischen und Wolffschen Einflusses, die
—
deutschen Popularphilosophen, vornehmlich Mendelssohns, be—
zeichnen.
Zunächst kam es natürlich darauf an, die Ergebnisse des
Denkens von Leibniz, soweit sie dem allgemeinen neueren
Fassungsvermögen entsprachen — und das hieß in einer teilweis
noch recht wesentlichen Reduktion auf Descartes — dem Denken
der Gebildeten der Nation zuzuführen. Diese Aufgabe war um
so wichtiger, als Leibniz, wie wir wissen, seine Gedanken viel⸗
fach nur aphoristisch ausgeführt hatte und die Form, in der
er dies tat, die leichte Diktion seiner oft an sehr vornehme
Personen gerichteten „feuilles volantes‘ in keiner Weise dem
schulmäßigen Ernste entsprach, den das philosophisch inter—
essierte, ja überhaupt das geistig solide deutsche Publikum der
Zeit noch von Werken, die Eindruck machen sollten, verlangte.
Denn das, was durch die neue rationalistische Weltanschauung
in den gebildeten Kreisen verdrängt werden sollte, war die alt—
einheimische Weisheit der Aristoteles-Häuser: so hießen die
bom Organon noch beherrschten, zunächst protestantischen Semi⸗—
nare, in denen die Melanchthonische Scholastik nach wie vor
gelehrt wurde. Hierzu bedurfte es gleicher, also ebenfalls
schulmäßiger Waffen. Diese mit viel Geschick aus Leibnizens
zerstreuten Ausführungen herauskonstruiert zu haben, zugleich
        <pb n="148" />
        Aufklärung und Pietismus.

129
unter Anpassung an das Durchschnittsdenken der Zeit, wie es
in ihm selbsi verkörpert war, ist das große Verdienst Christian
Wolffs. Vor ihm aber ging ein Prophet her, der vom all⸗
gemeinen Standpunkte der rationalistischen Wissenschaften und
zugleich in starker Anlehnung an Leibniz den Weg mit dem
Werkzeuge etwas leichterer und lesbarerer Schriften glücklich be—
reitete: Christian Thomasius.

Beide, Wolff wie Thomasius, gingen in gewissem Sinne
von Leipzig aus, das wir später als eines der Zentren, wenn
nicht das Hauptzentrum der literarischen Bewegung dieser Zeit
kennen lernen werden; beide hat die in diesem wie in anderen
Fällen unduldsame Universität Leipzig, die in den Anfängen
der hier geschilderten Bewegung noch auf seiten der theologischen
Scholastik stand, an das aufstrebende Halle, die früheste aus⸗
gesprochene Pflanzstätte des Neuen, verloren.

Thomasius, der Sohn eines Leipziger Philosophieprofessors,
hat von 1655-1728 gelebt. Zunächst der begeisterte Verkünder
des neuen wissenschaftlichen Lebens auf dem Gebiete der Juris-
prudenz, doch auch schon fruh der Philosophie zugewandt, ver⸗
trat er mutig deren Sache in der reabktionären Luft der
Leipziger Universität. Er suchte da zunächst das Latein aus
den Vorlesungen zu verdrängen, nachdem eine deutsche wissen⸗
schaftliche Prosa für das Recht schon im 18., für die Natur—
wissenschaft schon im 14. Jahrhundert ausgebildet worden war;
im Jahre 1688 lud er in einem deutschen Programm zu
deutschen Vorlesungen ein üüber die Aphorismen des Gracian,
eines weltklugen spanischen Jesuiten. Bald darauf reichte er,
nach diesem „unerhörten Greuel“, den ersten Teil seiner Ver⸗
nunftlehre, ebenfalls in deutscher Sprache, der philosophischen
Fakultät zur vorschriftsmäßigen Zensur ein. Damit nicht
genug, gab er auch noch seit demselben Jahre 1688 die erste
deutsch geschriebene Monatsschrift heraus, die „Scherz— und
ernsthaften, vernünftigen und einfältigen Gedanken über aller—
hand lustige und nützliche Büucher und Fragen“. Das war für
Leipzig schon überwältigend; als Thomasius dann gar noch den

Zamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 1
        <pb n="149" />
        130 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Dresdner Hof mit einigem Spott bedachte, wurde ein Verhafts—
befehl gegen ihn erwirkt, und er mußte nach Halle fliehen
(1690). Halle war, zum Ersatz für den bis dahin vielfach in
der Stadt residierenden Hof von Magdeburg, nach dem Anfall
des alten Erzbistums an Brandenburg (1680) mit einer adligen
Bildungsanstalt bedacht worden. Diese wurde nun von Tho—
masius für seine Neuerungen benutzt; zugleich suchten die Theo—
logen, um das kursächsische Wittenberg auszuscheiden, in Halle
eine eigene theologische Fakultät zu erhalten, und namentlich
Spener verwandte sich in dieser Richtung. Es waren die Be—⸗
strebungen, die 194 zur Begründung der Universität Halle geführt
haben. In Halle hat dann Thomasius den Rest seines Lebens
verbracht, nach wie vor die Lehren der Leibnizschen Weltanschauung
gemeinverständlich verkündigend.

Im ganzen tat er das nun in einer philosophisch ziemlich
rohen Form, aber in lesbarem Deutsch; und so begann damit
jenes Überströmen der philosophischen Gedanken des Ratio—
nalismus in die schöne Literatur, das noch um die Wende des
18. Jahrhunderts, ja darüber hinaus eine Eigentümlichkeit des
deutschen Schrifttums geblieben ist. Thomasius brachte dabei
schon fast alle praktischen Seiten der Leibnizschen Lehren an
das Publikum: die Unterscheidung zwischen geoffenbarter Reli⸗
gion und Vernunftreligion und die Ansätze eines noch un—
entwickelten Deismus; die Vorstellung, daß die Vernunfttätig—
keit alle übrigen Geistestätigkeiten des Menschen beherrsche und daß
mithin Tugend Weisheit sei; die deterministische Willenslehre;
endlich und vor allem die Überzeugung, daß die Vernunft im
Kampfe gegen Vorurteil und geschichtlich Gewordenes siegen
müsse und siegen werde.

Was aber Thomasius den gebildeten Männern seiner Zeit
vorgetragen hatte, das lehrte bald darauf, ebenfalls in Halle,
Christian Wolff noch viel eindringlicher und systematischer die
heranwachsende studentische Jugend. Wolff, 1679 zu Breslau
geboren, wurde im Jahre 1706 Professor der Mathematik in
Halle, hielt aber vor allem mit außerordentlichem Erfolge
deutsche philosophische Vorlesungen. Das Hauptergebnis seines
        <pb n="150" />
        Aufklärung und Pietismus.

181
Lebens war schon gesichert, als er infolge mannigfaltiger,
namentlich pietistischer Umtriebe im Jahre 1723 von König
Friedrich Wilhelm J. des Landes verwiesen wurde und sich
nach Marburg zurückziehen mußte. Zudem ward er von Fried⸗
rich dem Großen bald nach dem Thronwechsel nach Halle
zurückberufen. Dort ist er, im erneuten Besitze der Professur
und eines außerordentlichen akademischen Ansehens, im Jahre
1754 gestorben.

Wolff ist, im wesentlichen auf dem Boden der Ideen
Leibnizens, der philosophische Schulmeister der Nation ge—
worden: dem Denken folgte ein für das Ganze der Nation
fast nicht minder notwendiges Verarbeiten des Gedachten.
Nicht als ob Wolff ein blinder Nachbeter Leibnizscher Lehren
gewesen wäre. Vielfach noch Descartes folgend, teilweis auch
dessen Lehren eigenartig weiter entwickelnd, streifte er dem
Denken Leibnizens ab, was seiner klaren, etwas hausbackenen
Art nicht mundete und wofür er instinktiv ein Aufnahme—
vermögen bei der Masse seiner Schüler nicht voraussetzte; nament—
lich die Metaphysik Leibnizens hat unter dieser Behandlung zu
leiden gehabt: ihr sind die Idee der prästabilierten Harmonie,
sowie die Vorstellungen von der Beseeltheit des Alls, von den
Monaden als Kräften und von der unbewußten Vorstellungs⸗
tätigkeit der Seele in der Art, wie Leibniz sie gedacht hatte,
so gut wie verloren gegangen. Fiel gleichzeitig Leibnizens
spätere Erkenntnistheorie, wie sie in den „Nouveaux essais“
aus seinem metaphysischen Systeme her entwickelt war, schon
aus dem Grunde hinweg, weil diese Essays erst in den sech—
ziger Jahren des 18. Jahrhunderts gedruckt wurden, so ist
dieser von Wolff nicht verschuldete Verlust besonders groß,
denn die entwicklungsgeschichtlich wichtige Seite des philo—
sophischen Denkens ist ja vornehmlich die erkenntnistheoretische,
während die metaphysischen Systeme nur den Reflex zeigen, den
der jeweilige Charakter des Zeitalters mit den jeweils ent—
wickelten erkenntnistheoretischen Mitteln durch Personen, die
für konstruierendes Denken besonders begabt sind, auf die Nebel
des Welträtsels fallen läßt. Von größerer praktischer Wichtig—

9 *
        <pb n="151" />
        132 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
keit pflegen daher nur die Ausläufer dieser Systeme in Ethik,
Politik, Religionsphilosophie zu sein: und auf diesen Gebieten
hat allerdings auch das Leibnizsche metaphysische System aufs
unmittelbarste und zäheste in den Breiten der Nation nach—
gewirkt. Denn grade diese Gebiete ergriff Wolff und spann
hier Leibnizens Ideen zu jenem ausführlichen und platten
Kanon der Aufklärung aus, der zu den Zeiten Friedrich Wil—
helms J. und auch vielfach noch Friedrichs des Großen
männiglich als der Weisheit Schluß aufs leichteste einging.

Die Vollkommenheit des Individuums, des für sich leben—
den Einzelmenschen war demnach das höchste Ziel, und da ihm
die Seele, in einer außerordentlichen Verkürzung der Leib—
nizschen Monadenlehre, als vorstellende Substanz etwa im
Sinne Descartes' erschien, so glaubte er diese Vollkommenheit
in der ausschließlichen Ausbildung der Verstandeskräfte zur
Klarheit und Deutlichkeit ihrer Vorstellungen allein gewähr—
—D0DD
auch von der Ethik gefordert; und Ausbildung wiederum des
Verstandes galt nicht minder als wichtigstes Ziel zur Ent—
wicklung richtiger religiöser Vorstellungen. Dabei wußte sich
Wolff zunächst klug von der Diskussion des Lehrinhalts der
offenbarten Religionen, des Christentums vor allem, fern—
zuhalten, indem er sich überzeugt fand, daß dieser mit den
Prinzipien der Vernunftreligion im Grunde zusammenfalle: und
in der Tat hat sein System wenigstens der protestantischen
Kirche des 18. Jahrhunderts als unverdächtig gegolten und
darum für die Ausbildung der jungen Theologen den melanchtho—
nischen Scholastizismus wirklich abgelöst.

Im Grunde aber stand Wolff die Vernunftreligion über
aller Erörterung; und in der Darlegung ihrer Prinzipien be—
wegte er sich mit Vorliebe in den Gedanken der Leibnizschen
Theodicee. Nur daß er auch hier das scharfsinnige und zu—
gleich erhabene System seines Gewährsmannes dem Niveau
nach tiefer legte und ein wenig verwässerte. Nicht als die beste
aller Welten schlechthin hat Gott diese Welt ins Dasein ge—
rufen, sondern als die für den Menschen beste. Ihm soll sie
        <pb n="152" />
        Aufklärung und Pietismus.

138
vor allem nützlich sein, ihn erfreuen, ihm dienen. Und dieser
enge anthropozentrische Gedanke wurde von Wolff, noch mehr
aber von seinen Schülern mit einer des Mittelalters würdigen
Naivität durchgeführt: mit Recht haben die Nachmittagspredigt⸗
gedanken auf diesem Gebiete den Spott Voltaires und Mau—
pertuis' herausgefordert.

Wie sollte nun Wolff bei solcher Betrachtungsweise be—
sonders schöpferischen Sinn für Gedanken über Staat und
Gesellschaft, überhaupt menschliche Kosmen gehabt haben!
Auch hier blieb er im Grunde ganz im Ideenkreise des engsten
Individualismus. So ist ihm der Staat nur eine Anstalt,
die die äußeren Vorbedingungen möglichst vollkommener Aus—
bildung des einzelnen Individuums zu schaffen hat; und die
Gesellschaft erscheint ihm nicht als ein Organismus, sondern
als eine sozialpsychisch folgenlose Summe von Einzelpersonen.

Es waren aber Anschauungen, die der politischen Stimmung
der Nation im Zeitalter des erblühenden aufgeklärten Abso—
lutismus vollkommen entsprachen. Und es waren sittliche und
religiöse Betrachtungen, die um so eher auf fruchtbaren Boden
fielen, als sie die Vereinbarkeit der Offenbarung und der Ver—
nunfttätigkeit, für viele schon den Gegenstand banger Zweifel,
von neuem zu beweisen schienen. Und alle diese Lehren trug
Wolff in einer Form vor, die heute trocken und pedantisch er—
scheinen mag, die aber den Zeitgenossen überaus mundete.
Wie Soldaten der Zopfzeit marschieren die zahllosen Para—
graphen seiner dicken Bände auf; und wie jene in Bataillone
und Regimenter, so waren diese wiederum hübsch in Abschnitte,
Kapitel und Bücher zusammengefaßt; sehr ausführliche Sach—
register vermittelten außer genauen Kapitelüberschriften noch
weiter den Inhalt: man konnte weder irregehen noch straucheln.
Und auch der Text war nicht immer langweilig und umständ⸗
lich: denn unter allen Umständen war auf jene platte Sauber—
keit des Denkens und jenen unpersönlichen, jeder Periode an
sich eignen Zeitstil der Sprache gehalten, die der Menge als höchste
Vereinigung von Korrektheit und Tiefe erscheinen.
        <pb n="153" />
        Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
So erklärt sich denn der außerordentliche Einfluß Wolffs
und seiner Schüler, deren man noch bei seinen Lebzeiten mehr
als hundert zählte; Mirabeau hat von ihnen gesagt: üs
forméèrent ceux qui ont formé par leurs éerits le reste de
Allemagne. Denn diese Schüler überschwemmten nicht
minder wie ihr Meister die deutsche Welt mit Lehrbüchern und
nahmen Universitätskatheder ein: bis in die sechziger Jahre des
18. Jahrhunderts blieb daher Wolffs Lehre fast unerschüttert,
zumal sie das Glück hatte, durch die inzwischen einbrechende
Aufklärungsliteratur der Franzosen und Engländer, die ihr
zwar nicht wesensgleich, doch aber immerhin verwandt war,
mmer und immer wieder gestützt und nicht selten auch ver—
cieft zu werden.

Man versteht, wie, bei dem allgemeinen Charakter des
Zeitalters, unter der Einwirkung der angeführten Momente die
Periode einer ersten, durch tausend Mittel und Werkzeuge
durchgeführten Popularisierung des Rationalismus heraufkam.
In den Vordergrund traten dabei anfangs noch die Universi⸗
täten, insofern sie Träger der Bewegung zu werden begannen,
sobald sich neben dem Aufschwunge der Naturwissenschaft der
Aufschwung rationalistischer Geisteswissenschaften mit nicht mehr
zu leugnender Deutlichkeit eingestellt hatte. Den Anfang machte
dabei, wie schon erzählt, die Universität Halle. Neben Halle
aber begann, seit etwa dem ersten Jahrzehnt des 18. Jahr⸗
hunderts, auch — Leipzig der neuen Richtung zu dienen: jenes
Leipzig, das Thomasius und Leibniz von sich gestoßen hatte;
und speziell für die Universität hieß es jetzt: adora, quod in-
eendisti! Ja bald wurde, unter Führung Gottscheds, der seit
1734 seiner amtlichen Stellung nach Professor der Logik und
Metaphysik, und das heißt der Wolffschen Philosophie, war,
und Gellerts, der seit 1744 an der Universität lehrte, eben
Leipzig geradezu zur Hochburg der Aufklärung: hier ist die
aufklärerische Dichtung entstanden, hier das neue, anfangs noch
aufklärerische Theater, hier der aufklärerische Geschmack über—
haupt; mit in diesem Zusammenhange wurde die Stadt zu
        <pb n="154" />
        Aufklärung und Pietismus.

138
dem Klein-Paris, das seine Leute bildete!. Leipzig aber trat
schließlich noch die 1734 begründete neue Universität Göttingen
zur Seite und wurde in gewissen Richtungen, namentlich mehr
ausschließlicher Gelehrsamkeit, fuͤhrend, während Halle inzwis chen
pietistischen Einflüssen unterlegen war. Der Göttinger Geist
speziell kann durch nichts besser charakterisiert werden, als durch
die Worte, in denen der erste Prorektor der Universität, der
geistig vielfach angeregte Freiherr von Münchhausen, die Rich—
sung der theologischen Fakultät bezeichnete: diese Fakultät sei
weder mit solchen Maͤnnern zu besetzen, deren Lehren zum
Atheismus oder Naturalismus leiten oder auch die Articulos
fundamentales religionis evangelicae anfechten, noch auch
mit solchen, welche ein evangelisches Papsttum behaupten, ihr
ganzes System anderen aufdringen, diejenigen, so in gewissen
das Fundamentum sidei nicht konzernierenden quaestionibus
mit ihnen kein gleiches Sentiment führen, verketzern und die
Lãbertatem conscientias samt der Toleran; als unleidlich an⸗
sehen, wodurch nichts als unnötiger Streit und innerliche Un⸗
ruhe zu entstehen pflege.

Nachdem aber die Aufklärung auf den damals wichtigsten
mitteldeutschen Universttäten Fuß gefaßt hatte, erstarkte sie auch
im protestantischen Suüden; Erlangen und das 1734 und 1748
nen begründete Tübingen wurden hier ihre Zentren.

Schwieriger verlief die Bewegung im Bereiche der Bildungs⸗
anstalten des katholischen Deutschlands. Hier war ihr noch tief
bis ins 18. Jahrhundert hinein der Weg durch die Lehr⸗
methode der Jesuiten versperrt, die Mittel- wie Hochschulen
noch immer beherrschte. Und auch da, wo dieser Methode,
die unter dem zunehmenden Reichtum des Ordens immer lässiger
geworden und schließlich ganz veraltet war, katholischer Wett⸗
bewerb entgegentrat, wie seitens der Piaristen, war damit der
Sache der Aufklärung noch nicht gedient. Denn auch die

b Leipzi te i i pitel dieses
i zig noch Genaueres unten im zweiten Ka

u ber 91.

uches, III. 2.
        <pb n="155" />
        186 Neunzehntes Buch. vViertes Kapitel.
Gegner der Jesuiten wollten von Aufklärung nichts wissen; zudem
erreichten sie Erfolge zunächst nur im Mittelschulwesen. So
konnte ein Bruch mit dem alten Wesen eigentlich nur vom
Staate ausgehen. Und hier läßt sich seit etwa der Mitte des
Jahrhunderts vor allem in Österreich im Zusammenhange mit
den großen inneren Reformen Maria Theresias überhaupt eine
entschiedene Tätigkeit wahrnehmen. Dabei handelte es sich,
nachdem im Jahre 1752 zunächst eine allgemeine neue Ordnung
der humanistischen und philosophischen Studien aufgestellt
worden war, vor allem um die Reorganisation der Wiener
Universität. An ihr hatten bisher die Jesuiten etwa zwei
Drittel des Lehrkörpers eingenommen, während das letzte
Drittel den Augustinern, Minoriten und Weltgeistlichen vor—
behalten gewesen war: und Hand in Hand mit dieser Auf—⸗
teilung war der tiefste Verfall der Wissenschaft eingetreten;
namentlich Jurisprudenz und Medizin hatten zu leiden gehabt.
Jetzt setzte der Leibarzt der Kaiserin, Gerhard van Swieten
(1700- 1773), ein Holländer, der 1745 von Leiden gekommen
war, zunächst eine Reorganisation der medizinischen Fakultät
durch; dann wurden auch die übrigen Fakultäten gebessert.
Und mit der Reform zogen die Wissenschaften der Aufklärung
ein: Geschichte, Naturrecht, Cameralia, von denen namentlich
die letzteren durch Joseph von Sonnenfels (seit 1763) ausgezeichnet
pertreten waren.

Damit aber nicht genug; die Universitätsreform war von
einer solchen des Mittelschulunterrichts begleitet: auch hier
wurden Geographie, Arithmetik und deutsche Sprache zu Lehr⸗
fächern erhoben. Ähnlich wie in Österreich aber verlief die Ent—
wicklung auch in Bayern, wo unter Maxrimilian Joseph
(1745- 1777), eben unter dem Eindringen der Aufklärung,
zum ersten Male seit langer Zeit die Absperrung von dem
geistigen Leben des übrigen Deutschlands wenigstens teil—
weis fiel. Und auch hier begann das neue Leben mit einer
Universitätsreform; sie wurde seit 1746 von Johann Adam
von Ickstadt, dem früheren Lehrer des Kurfürsten, durch—
geführt.
        <pb n="156" />
        Aufklärung und Pietismus.

137
Das Ergebnis dieser Vorgänge in den katholischen Ländern
war am Ende doch das Eindringen der Aufklärung zunächst
wenigstens an den Universitäten und teilweis auch an den
Mittelschulen seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein Er—
gebnis von großer Bedeutung. Es ist das erste Mal fast seit
der Reformationszeit, daß jetzt ein und dieselbe geistige Be—
wegung alle Deutschen gleichmäßig zu erfassen beginnt: eine
stärkere geistige Einheit der Nation wird wiederum angebahnt,
und zwar im bewußten Gegensatze zu dem trennenden Momente
der Konfessionen.

Die Universitäten waren dabei zunächst, wie so oft in
späterer und gelegentlich auch in früherer Zeit, ohne eigentlich
eigene Initiative lediglich Gefäße der neuen Geistesströmung
gewesen. Aber bald traten neben sie, die zunächst nur auf
Wissenschaft und Jugend wirkten, auch andere Mittel zur Ver—
breitung der Aufklärung. Das wichtigste von ihnen waren
wohl die sogenannten moralischen Wochenschriften.
Diie moralischen Wochenschriften sind keine deutsche Er—
scheinung; sie sind Nachahmung englischer Vorbilder. In Eng—
land hatte die freie Entfaltung des oberen Bürgertums, wie
sie, eine Frucht der Ereignisse um 1689, in den ersten Jahr⸗
zehnten des 18. Jahrhunderts, unter dem Regiment der
Königin Anna vornehmlich, eintrat, das Bedürfnis der Aus—
sprache über tausend gesellschaftliche und menschliche Dinge,
namentlich über sittliche Fragen, zur Entstehung der Wochen⸗
schriften geführt: seit 1709 erschienen rasch hintereinander
„Tatler*“, „Spectator“ und „Guardian“.

In Deutschland fand dies Beispiel, sieht man von Tho—
masius' ähnlichem früheren Versuche ab, erst seit dem Jahre
1721 Nachahmung. In diesem Jahre gaben zuerst in Zürich,
auf schweizerischem Boden, in der Athmosphäre eines freieren
Bürgertums, das durch die unglückliche soziale Entwicklung der
letzten deutschen Jahrhunderte weniger gestört worden war!?,

Vg darüber Genaueres unten im weiten Ka itel dieses Buches
In v z pi —
        <pb n="157" />
        138 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Bodmer und Breitinger ihre „Discurse der Mahlern“, kleine
Sittengemälde vielfach aktuellen Inhalts, heraus. Dauerhafter
als dies bald wieder eingehende Unternehmen erwies sich eine
andere Wochenschrift, die seit 1724 an der zweiten vom all⸗
gemeinen Verfall des deutschen Bürgertums verschont gebliebenen
Stelle erschien, in Hamburg!. Es war der „Patriot“, der
wichtige Fragen „der Rechts- und Sittenlehre, der Staats—
und Handlungskunst“ besprechen wollte; er erreichte schon im
ersten Jahre einen Absatz von 5000 Exemplaren. Und nun
folgte den peripherisch gelegenen Großstädten das städtische
Zentrum des damals emporblühenden geistigen Lebens nach,
Leipzig. Hier gab Gottsched seit 1725 zunächst für das
Frauenzimmer ein Blatt heraus, „Die vernünftigen Tadle—
rinnen“, dann folgte, mit allgemeineren Tendenzen, 1728 sein
Biedermann“. Und von nun ab schwoll der Erguß der
Wochenschriften fast ins Unglaubliche an; bald platt, bald
witzig, im ganzen recht spießbürgerlich, wurden in ihnen die
Probleme der Aufklärung, namentlich der aufklärerischen Er—
ziehung, behandelt; ein im Jahre 1761 veröffentlichtes Ver—
zeichnis der bis dahin erschienenen Zeitschriften umfaßt mit
Einschluß der Übersetzungen nicht weniger als 182 Nummern?.

Inzwischen aber war der Aufklärung noch eine andere
Form gegenseitiger Mitteilung dienstbar gemacht worden, die
für das 18. Jahrhundert besonders bezeichnend ist: die geheime
Gesellschaft. In Zeiten werdender Mündigkeit kräftiger Gesell—
schaftsmassen, die noch nicht zum politischen Leben herangezogen

Zu Hamburg vgl. a. a. O. III, J.

Neben den Zeitschriften kommen auch schon die Leihbibliotheken in
Betracht, deren Anfänge bis etwa 1700 zurückreichen. Voll entwickelt ist
indes dieses Mittel der Popularisierung doch wohl erst in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts; wenigstens werden Leihbibliotheken selbst
für Leipzig in dieser Zeit noch als etwas Besonderes beschrieben (s. Galantes
beipzig 1768], S. 270.. Den Inhalt bildeten (nach der Schilderung
a. a. O.) Bücher über „moralische, satyrische, politische, historische, aben⸗
teuerliche Schriften, Heldengedichte, Liebesbegebenheiten u. dgl.“. „Einige,
dahin ich alle verliebte Mährchen und Liebesgeschichten rechne, sind meisten—
teils mit Vorsicht zu lesen.“
        <pb n="158" />
        Aufklärung und Pietismus. 139
sind oder wohl gar künstlich von diesem ferngehalten werden,
wird die Geheimbuündelei immer entstehen und ihre verführe—
rischen Reize entfalten. Aber es bezeichnet den Unterschied der
romanischen und germanischen Völker, daß solche Verbindungen
bei jenen fast regelmäßig den Charakter der Verschwörung an⸗
genommen haben, während sie bei diesen etwas Konventikel-
haftes zu haben pflegen, in dessen Bereiche der ursprüngliche
Zweck felten überschritten wird und das Moment bloßer sozial⸗
osychischer und geselliger Stimmung überwiegt.

So charakterifierte geheime Gesellschaften kamen nun auch
in Deutschland in den Jahren der fortschreitenden Aufklärung
in Aufnahme. Es war vor allem der Freimaurerbund; er ver—
breitete sich 1741 über Hamburg und Berlin nach Leipzig, wo
es noch im Verlaufe des 18. Jahrhunderts zur Gründung von
aicht weniger als vier Logen kam; 1742 wurde auch in Frank—
furt am Main eine Loge, hier unter direktem englischen Ein—
lusse, gegründet. Von den um die Mitte des 19. Jahrhunderts
noch bestehenden Logen stammten im ganzen nicht weniger als
18 aus den Jahren 1740 — 1760, und 60 reichten bis auf die
Jahrzehnte von 17604 1780 zurück. Neben dem Freimaurer⸗
orden aber entstand dann Ende der siebziger Jahre außer
inderen kleineren Bildungen auch noch der Orden der Illumi⸗
aaten, längere Zeit Gegenstand der Aufregung in Liebe und
daß, bis ihn Bayern in ziemlich willkürlicher Weise unter—
drückt hat.

Diese Orden, namentlich der der Freimaurer, haben
nun mit großem Ernste die Ideale der Aufklärung gepflegt:
den heutigen Beobachter der Art, in welcher dies geschah, be⸗
schleicht freilich gelegentlich etwas von dem Gefühl, das den
modernen Zuschauer durch die priesterlichen Szenen der „Zauber⸗
flöte“ hin mit ihren grotesken Selbstverständlichkeiten begleitet.
Indes im 18. Jahrhundert, und namentlich noch bis über dessen
Mitte hinaus, waren all diese Plattheiten noch Weisheit, an
zeren Aufsuchen und Bewahren sich ein gesellschaftlich und
bolitisch noch fast unmündiges Bürgertum zu bewußteren Daseins-
formen erhob.
        <pb n="159" />
        140 Neunzehntes Buch. vViertes Kapitel.
Dabei darf man sich die Wirkung dieser ersten Stufe
der Aufklärung, die wir bisher verfolgt haben, doch nicht
zu stark vorstellen. Mendelssohn, einer der führenden Köpfe
der zweiten Stufe, schildert sie einmal mit den Worten:
„Einige Anhänger Wolffs haben die tiefsinnigsten Wahrheiten
aus seiner Philosophie leicht, faßlich und, so Gott will, auch
schön abgehandelt. Was war die Wirkung davon? Man hat
in allen artigen Gesellschaften von Monaden, vom Satz des
zureichenden Grundes gesprochen; es waren Modeworte, die
man aus Galanterie kennen mußte. Man trug Wahrheiten im
Munde, davon weder Geist noch Herz durchdrungen war; um
die Beweise der angenommenen Sätze bekümmerte man sich
wenig; die Wahrheit selbst ward durch die Art, wie man sie
annahm, zum Vorurteil.“ Nun ist diese Schilderung gewißlich
nicht unparteiisch, wie schon ihr leicht ironischer Ton zeigt;
bei weitem mehr, als Mendelssohn hier zugeben will, war erreicht
worden. Aber trotzdem läßt sich sagen, daß völlig durch—
schlagende und auf Menschenalter fortwirkende Erfolge doch
erst von einer zweiten Stufe der Aufklärung errungen worden
sind.

II.
Gehen wir jetzt zur Schilderung dieser zweiten Stufe über,
so bedarf es von vornherein der Erklärung, daß sie ohne die
Geschichte der englischen und französischen Parallelentwicklungen
nicht zu verstehen ist: noch einmal laufen in einer großen
geistigen Bewegung auf deutschem Boden die Erscheinungen
eigenen Fortschrittes und fremder Einflüsse so stark und so
lange durcheinander, daß das schließliche Ergebnis nur von der
eingehenden Kenntnis auch der von außen her mitwirkenden
Kräfte her gewürdigt werden kann.

Von den fremden Aufklärungsliteraturen ist in Deutsch—
land zuerst die französische, erst später auch die englische be—
kannt geworden. Unter sich aber stehen die entscheidenden Vor—
gänge des rationalistischen Denkens bei den beiden westlichen
        <pb n="160" />
        Aufklärung und Pietismus. 141
Nationen in dem Zusammenhange, daß England, das an den
gewaltigen Gedankenapparat Lockes anknüpfen konnte, ideen—
bildend voranging, während Frankreich, wenn auch teilweis ge—
danklich umbildend, so doch vor allem nur popularisierend und
formvollendend erst folgte.

In England war auf die großen, geistig freien Zeiten der
Elisabeth ein steiferer klassizistischer Ton gefolgt, aus dessen
einförmigem Verhallen erst die Revolution erlöste, indem sie
das bürgerlich⸗religiöse Element zur führenden Stellung erhob.
Zwar kam dann noch ein Gegenschlag unter Karl II., und ein
nicht unbedenklicher Import französisch-romanischen Wesens der
leichtfertigen Art erfolgte. Allein schließlich siegte doch, in
glorreicher Revolution und niederländischer Invasion, das ger—
manische Element, und indem es sich in Formen auswirkte,
die zugleich auf das Verständnis der bürgerlichen Mittel⸗
klassen berechnet waren, kamen die Zeiten der englischen Auf⸗
klärung herauf.

Dabei wurde zunächst, von Locke aus weitergreifend, wenn
auch vielfach mit ihm in Widerspruch, der Graf von Shaftes—
bury (1671.51718) zum wichtigsten Lehrer der moralischen und
religiösen Anschauungen. Eine feine ästhetische Natur, für die
Alten schwärmend, ein Vorläufer in gewissem Sinne des er—
neuerten Hellenismus des 18. Jahrhunderts, sah er in der
Sittlichkeit vor allem die Harmonie des menschlichen Wesens
in seinen egoistischen und altruistischen Neigungen und lehrte
demgemäß eine Ethik eudämonistischen Charakters. Für die
Begründung der sittlichen Neigungen der Menschen aber glaubte
er einen besonderen moralischen Sinn annehmen zu müssen:
ebenso wie er die religiösen Neigungen auf einen besonderen
religiösen Sinn zurückführte. Die Folge war denn freilich
auch für die Religion dieselbe wie für die Moral: wie dort
an Stelle der göttlichen Gebote eine Naturmoral, eine Moral⸗
philosophie getreten war, so stellte sich hier der kirchlichen Dog—
matik im Deismus eine Naturreligion, eine Philosophie freien
Gottesglaubens gegenüber.
        <pb n="161" />
        142 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Deistische Gedanken sind in England schon vor Shaftes⸗
bury zu größerer Vollkommenheit entwickelt worden; aber erst
infolge seiner feingeschriebenen Essays, einer der Zierden der
englischen Prosaliteratur dieses Zeitalters, fanden sie weitere
Verbreitung. Freilich blieb auch jetzt die deistische Lehre in
England der Hauptsache nach ein Besitz der oberen Zehntausend,
des höchsten Bürgertums und des Adels, die sie entwickelt
hatten; mit jener Zähigkeit aristokratischer Zurückhaltung, die
noch heute die Nation auszeichnet, verschlossen diese Kreise den
unteren Klassen ein angebliches Gift, das sie für sich selbst als
Lebensbedürfnis errungen hatten.

So konnte sich der englische Deismus hinter dem sozialen
Panzer der gebildeten Klassen ziemlich frei entfalten. Er übte
an den positiven Dogmen des Christentums eine schonungslose
Kritik; er erkannte die Vernunft ohne Rückhalt als Richterin
auch des religiösen Lebens an, und er schritt, teilweis schon
bei Shaftesbury, vor allem aber später zu einer Betrachtung
aller positiven Religionen fort, die von deren Offenbarungen
schließlich wenig mehr übrig ließ, als den Glauben des so—
genannten moralischen Christentums, die Überzeugungen vom
Dasein Gottes und der Unsterblichkeit der Menschenseele, Über—
zeugungen, deren rationale Ableitung aus dem menschlichen
Verstande namentlich seit dem physikotheologischen Beweise
Newtons für das Dasein Gottes als gesichert galt.

In dieser kahlen Form, anfangs noch belebt durch den
Newtonschen Enthusiasmus für diese Welt als ein Kunstwerk
Gottes, noch nicht herabgestimmt zu der kalten, verstandes—
mäßigen Nüchternheit der vierziger und fünfziger Jahre, ist der
englische Deismus auf Frankreich übergegangen.

In Frankreich hatte man in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts zahlreiche englische Denker persönlich kennen
gelernt; das Land Corneilles, Racines und Moliores galt noch
immer als das Heim wie der Mathematik so der Philosophie.
Seit dem Tode Ludwigs XIV. etwa wurde das anders. Jetzt
war England das Land der Denker, der abstrakt-theoretischen
wie der praktisch-konkreten; und Franzosen wanderten vielfach
        <pb n="162" />
        Aufklärung und Pietismus.

143
nach London, um neueste Weisheit zu hören. In diesem Zu—
sammenhang wurde der englische Deismus nach Frankreich
übertragen, und zwar nicht auf einzelne Köpfe, als Lehre,
als Stimmung auf Varis, auf die Gebildeten des
olkes.
Griffen hier seine Lehren gewaltig um sich, so trug dazu
freilich bei, daß diese in Bayle einen vorbereitenden Denker
von unerbittlicher Schärfe und in Voltaire einen Propheten
von hinreißender Beredsamkeit besaßen. Pierre Bayle hatte
1695 1697 die beiden Bände seines Dictionnaire historique et
critique, des ersten Universallexikons, erscheinen lassen: die
Arbeit eines unendlich belesenen und fleißigen Polyhistors.
Aber nicht aus der reichen Gelehrsamkeit dieses Buches erklärt
fich seine Wirkung. Viel bedeutsamer ist der Geist, in dem
diese vorgetragen wird. Bayle, in jungen Jahren aufs innigste
religiss bewegt und von Konfession zu Konfession schwankend,
vertrat schließlich den Gedanken, daß zwischen Offenbarung und
Vernunfterkenntnis eine unüberbrückbare Kluft gähne. Und zu
diesem Zwecke bewies er die Widervernünftigkeit der Dogmen.
Nun war er selbst zwar trotzdem überzeugter Christ und voll
des tertullianischen Geistes: Oredo quia absurdum. Wie aber
sollte diese Gesinnung die Lösung des Durchschnittes jener Ge—
bildeten werden, für welche die Lehre vom Primat der Vernunft
der Inbegriff des Zeitalters war? Die Widervernünftigkeit der
Doqmen bedeutete ihnen nichts als deren Absurdität.

In diese skeptischen Stimmungen drang nun der englische
Deismus. Und Voltaire verkündete ihn! Voltaire (1694 bis
1778) hatte die Jahre 1726 bis 1729 in halb freiwilliger
Verbannung zu London gelebt; hier sättigte er sich mit den
Gedanken der großen Engländer, Newtons, Lockes, Shaftesburys,
und bildete sie unter mancher Ausscheidung zu dem Ganzen um,
das er trotz späteren Andrängens von Sensualismus und Materia⸗
lismus stets als Kern seines Lebens festgehalten, ja immer mehr
ausgebildet hat, zu einem im tiefsten Grunde, trotz aller Wider⸗
wärtigkeiten seiner persönlichen Beanlagung, doch überzeugungs⸗
treuen religiös-moralischen Deismus.
        <pb n="163" />
        Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Voltaire, der in seiner Sprache ein fortreißendes und
triumphverheißendes wie ein vergiftendes und zernichtendes
Werkzeug fast ohne gleichen sein eigen nannte, ist von Zeit—
genossen und Nachwelt oft mißkannt worden. Vor allem in
Deutschland; denn grade gelegentlich seines Berliner Aufent⸗
halts traten alle Schwächen seines impulsiven Charakters aufs
unangenehmste hervor. Aber auch Frankreich hat ihn lange
von sich gestoßen; einsam hatte er seit 1755 in seinem Land⸗
hause Ferney bei Genf zu leben, wenn auch unendlich wirksam
und bei den vorwärtsschauenden Parteien seines Vaterlandes
mungesehen: bis die allzu freudigen Aufregungen seiner späten
Rückkehr nach Paris (1778) ihm den Tod gaben.

Voltaire war kein selbständiger Denker. Aber er war ein
aunvergleichlicher Popularisator. Trotz aller Frivolität und
Spottsucht im Grunde von tiefem Ernste, ist er bei jedem An—
laß für einen reinlichen Deismus, der zugleich die Grundlage
seiner sittlichen Anschauungen war, eingetreten mit allen Mitteln
glühender Beredsamkeit, ruhigen Zuredens, schneidenden Be—⸗
weises; und das Ergebnis war, daß er weiten Kreisen seiner
Nation bis auf die Gegenwart hin seine Überzeugungen bei—
zrachte.
Auch auf Deutschland hat er gewaltig gewirkt. Und hier
verband sich nun der Einfluß seiner vielgelesenen Bücher mit
dem der Wolffschen Philosophie, sowie bald auch der unmittel—
baren Kenntnis der englischen Aufklärung, vor allem aber mit
einer weiteren Entwicklung der einheimischen Aufklärung, wie
sie in der sogenannten Popularphilosophie vornehmlich der sech—
ziger bis achtziger Jahre hervorbrach.

Will man sich die Bedeutung dieser neuen Philosophie
anschaulich machen, so genügt es freilich noch weniger als für
die erste Stufe der deutschen philosophischen Aufklärung, sich
nur die Namen und Leistungen der Autoren zu vergegen—
wärtigen, die innerhalb dieser Strömung schufen. Geschieht es
allein, wie die Gefahr hierfür bei einer zusammenfassenden
Darstellung naheliegt, so wird die Vorstellung viel zu dünn
und ärmlich, während sie von den farbenreichen Elementen einer
        <pb n="164" />
        Aufklärung und Pietismus.

145
großen sozialpsychischen Strömung getragen sein sollte. Es
wäre ähnlich, wie wenn man irgendeine große Erfindung, etwa
die des Buchdruckes oder des Pulvers, nur mit dem Namen
der angeblichen oder auch forschungsmäßig sichergestellten Er—
finder verknüpfen wollte. Vielmehr, wie eine Erfindung ihre
umwälzende Wirkung erst dadurch übt, daß ihre Anwendbarkeit
auf große Verhältnisse vermittelst eines immer vielseitigeren
Gebrauches ihres Prinzipes durch mindestens eine Generation
hin festgestellt und durchgebildet wird, so werden auch die
Lehren der führenden Aufklärer, sowie der hinter ihnen stehen⸗
den großen Denker und Forscher des 16. bis 18. Jahrhunderts
erst dadurch geschichtlich so unendlich wichtig und damit zu
dem, was man Aufklärung im eigentlichen Sinne heißt, daß
sie von Tausenden und Abertausenden in ihrem Werte für
Leben und Tod geprüft und in der hierfür nötigen Art und
Weise abgeändert, sowie in dieser abgeänderten Form ins
Leben — und das heißt in die Geschichte — eingeführt
werden.

Träger aber der neueren deutschen Popularphilosophie der
zweiten Stufe, sie schaffend und sie vom Westen her aufnehmend und
umbildend, ist das junge Geschlecht gewesen, das nach den Tagen
der Zeitgenossen Wolffs unter den gewaltigen Einwirkungen des
Siebenjährigen Krieges groß wurde: ernste und gehaltene Leute,
voll des reichen Gemütes schon der empfindsamen Periode und
der Sturmes- und Drangeszeit, die nicht mit dem ausgeprägten
basse jesuitisch erzogener Franzosen, sondern von freierer pro⸗
testantischer Grundlage aus den Kampf für ein „vernünftiges“
Leben und dessen große Ideale: Gott, Freiheit und Unsterblich—
keit, aufnahmen. Aber freilich klebte ihrem Wesen noch etwas
bon der gesellschaftlichen und vor allem politischen Unerzogen⸗
heit des deutschen Bürgertums an: fast niemals lassen sie poli⸗
tische Wünsche laut werden; in dem engeren Kreise der
bürgerlichen und Familienmoral ist ihre Wirksamkeit beschlossen.
Den Durchschnittstyp etwa dieser Aufklärer, die vor allem
im Staate Friedrichs des Großen zu Hause waren, ver—⸗
anschaulicht niemand besser, als der nüchterne, betriebsame,

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 10
        <pb n="165" />
        146 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
zähe, aber freilich auch dünkelhafte, philiströse und geschwätzige,
für seine etwas strohernen Ideale mit draufgängerischem Mute
eintretende Berliner Christoph Friedrich Nicolai (1733 - 1811),
Schriftsteller und Buchhändler zugleich und als Schriftsteller
wiederum zugleich Kritiker, Philosoph und Dichter. Er hat,
von der „Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien
Künste“ an, die seit Ostern 1757 erschien, die meisten der
großen Zeitschriften und Sammelwerke herausgegeben, hier
wieder oft Verleger und Redakteur zugleich, die, der uns be—
kannten Gruppe der moralischen Wochenschriften angehörig und
sie weiter fortführend, wenigstens in Norddeutschland die Auf—
Aärung in die weitesten Kreise getragen haben, darunter
namentlich die „Allgemeine deutsche Bibliothek“, die von Ostern
1765 auf ein halbes Jahrhundert hin, bis zum Jahre 1808,
die Aufklärung über alle Fächer des Wissens verbreitet hat, ein
freilich sehr minderwertiges Gegenstück zur Enzyklopädie der
Diderot und d'Alembert. Daneben aber ist er auch als
Schriftsteller selbständig für die Aufklärung eingetreten in dem
satirischen Roman „Sebaldus Nothanker“ (1773), der die Ge—
schichte eines rationalistischen Dorfpfarrers und seiner Leiden
— B
licher Tendenz, aber eben darum zunächst mit großem Enthu—
siasmus aufgenommen; um ihn her bildete sich bald eine
Janze Literatur von Übersetzungen und Nachahmungen, Ver—
teidigungen und Gegenschriften.

Den höchsten Schwung dagegen innerhalb der Gruppe der
Popularphilosophen nimmt neben Garve, dem frühverstorbenen
Verfasser der begeisterten Abhandlung „Vom Tode fürs Vater—
land“, Moses Mendelssohn, der Freund Lessings und Nicolais,
der erste Vertreter des jüdischen Namens in der deutschen
Literatur und insofern selbst ein lebendiger Zeuge aufkläre—
rischer Duldsamkeit. Er war 1729 in Dessau geboren, doch
gehörte sein schriftstellerisches Leben ganz Berlin an, dem Orte
seiner geschäftlichen Tätigkeit in der Verwaltung der Seiden—
fabrik eines Glaubensgenossen. Anfangs bettelarm, seit den
fünfziger Jahren äußerlich sorgenfrei gestellt, trat er mit den
        <pb n="166" />
        Aufklärung und Pietismus. 147
„Philosophischen Gesprächen“ des Jahres 1755 und den ihnen
rasch folgenden „Briefen über die Empfindungen“ verhältnis—
mäßig früh in die ästhetische und moralische Bewegung, und
alsbald in der Richtung, die ihn sein ganzes Leben gekenn—
zeichnet hat: als Schüler der Wolffschen Philosophie und der
englischen Aufklärung, unter starkem Widerwillen gegen die
Franzosen und die ihm frivol erscheinende Seite ihres Denkens.
Die Franzosen philosophieren mit dem Witz, die Engländer
mit der Empfindung,“ hat er einmal an Lessing geschrieben.
So ist es ihm mit zu danken, wenn die deutsche Aufklärung
sich, freilich zugleich eingeborenem Wesen folgend, nicht den
zersetzenden Wirkungen des französischen Materialismus hingab,
sondern ihrem ursprünglichen, positiven Charakter, den deistischen
Idealen vernunftgemäßer Erkenntnis Gottes und freien Un—
sterblichkeitsglaubens in gemütvoller Emphase treu blieb. Und
diese Ideale in erhebender Sprache, wenngleich ein wenig in
predigendem, gelegentlich sogar larmohyantem Tone zum Aus—
druck zu bringen, war recht eigentlich Mendelssohns Gabe; von
Plato vornehmlich hat er für Richtung und Stil seiner
Schriften gelernt; und noch heute wird man vielleicht gern
einige Abschnitte seines ,Phädon“ (1767) oder seiner „Morgen—
tunden“ (1785) zu einfacher Erbauung lesen. Denn darin eben
liegt die Bedeutung ihres Verfassers, daß er den trockenen
Formeln Wolffs und der teilweis beißenden Kritik fremder
Aufklärung die Richtung aufs Positive, aufs seelisch Gehalt—
bolle gab und damit eine Wirkung ausübte, die die deistischen
Ideale bis in die Tiefen des Gemütes auch der unteren Klassen
kragen konnte und trug. So ist der Kern eines einfachen, vom
Besonderen der christlichen Offenbarung absehenden Gottes—
dlaubens und zugleich der Gedanke der Verschiedenheit von
Religion und Weltlichkeit, von Staat und Kirche, die positive
Seite der Toleranz, wohl von niemand der Nation während des
18. Jahrhunderts näher gebracht worden; und glücklich konnte
Mendelssohn im Jahre 1786 von seinem Lebenswerke scheiden.
Allein war es denn nun möglich, daß diese ganze auf⸗
klärerische Richtung sich immer weiter ausbreitete, ohne schließlich
10*
        <pb n="167" />
        148 Neunzehntes Buch. vViertes Kapitel.
in ausgesprochenen Gegensatz zum Kirchentum, zum Dogma zu
treten? Und mußte sie nicht bestrebt sein, dies Dogma, diese
Kirche selbst, ihre Nebenbuhlerin, einzunehmen und zu be—
herrschen? Es bezeichnet den Umschwung der Zeiten vom
16. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, daß die
Theologie, im Mittelalter die Mutter und Pflegerin des
vissenschaftlichen Denkens, im 16. Jahrhundert noch die weit
überlegene Gegnerin des jetzt ihrer Aufsicht entwachsenden, der
Vernunft allein zustrebenden Kindes, nun selbst eine ratio—
nalistische Periode erlebte, ja daß die neue Weltanschauung teil⸗
weise selbst über die freieste rationalistische Auslegung der
Offenbarung hinausging.

Die ersten leisen Anfänge einer rationalistischen Theologie im
Unterschiede von der Orthodoxie sind sehr alt. Möglich wurde
eine kritisch-rationale Theologie von dem Augenblicke an, da für
den Glauben der Rechtsgrund der Dogmen nicht mehr maßgebend
erscheinen konnte und das Verhältnis des Menschen zu Gott in
die religiös-sittliche Innerlichkeit des einzelnen gelegt zu werden
begann: d. h. seit der Reformation. Dementsprechend läßt sich
schon in Erasmus' Buche „De libero arbitrio* (1524)3 eine
Grundlage rationalistischen Denkens wahrnehmen: es finden
sich „souveräne Reflexe des Verstandes über den Glaubens—
inhalt“, der zu diesem Zwecke in einzelne, der forschenden Ab⸗
sicht bequeme Kapitel, Gott, Christus, Mensch, freier Wille u. s. w.,
zerlegt und somit seines lebensvollen Glaubenszusammenhanges
beraubt wird. Dazu kommen weiterhin im frühen 16. Jahr⸗
hundert schon einige mehr exoterische Seiten des Rationalismus:
der Beginn der historischen Kritik des neutestamentlichen Kanons,
wie sie außer Erasmus namentlich Agrippa von Nettesheim
pflegte, und daraus abgeleitet die Anzweiflung der Zuverlässig—
keit des dogmatischen Extraktes aus diesem Kanon. Allein
deshalb ist doch im Zeitalter der Reformation noch keineswegs
schon eine eingehende rationalistische Theologie entwickelt
vorden. Vielmehr war der Verlauf der Dinge ein anderer.

Val. Bd. VI.2 S. 308 f., Vs S. 820.
        <pb n="168" />
        Aufklärung und Pietismus.

149
Da auch die neue Kirche der Dogmen bedurfte, so begann die
protestantische Theologie sich weniger kritisch auszubilden, als
vielmehr einen rein positiven, stützenden Ausbau gewisser
Dogmen zu versuchen, zu denen man keineswegs bloß auf
— DD ———

Diese Dogmen wurden nun für beide neuen Konfessionen
abgeschlossen in der Konkordienformel (1577) und in den
Satzungen der Dordrechter Synode (1618/19). Damit war
denn neben den zarten Anfängen des Rationalismus zugleich
die spekulative Theologie in den mystischen Formen der Täufer,
der Denck, Franck und ihrer Nachfolger, wie endlich auch
die im späteren 16. Jahrhundert auf romanischem Boden er—
wachsene erzessiv rationalistische Theologie der Sozzinis und
ihrer theologischen Genossen in gleicher Weise aus der Kirche
verdrängt. Gesiegt hatten Flacius und Chemnitz, Gomarus
und seine Genossen!.

Dies war nicht lange nach der Zeit, da die katholische
Kirche im Tridentinum (1445—683) den Abschluß auch ihrer
dogmatischen Bewegung erreicht hatte.

Abber der Unterschied im Charakter des Errungenen war
doch für die katholische Kirche und die protestantischen Kon⸗
fessionen beträchtlich. In der katholischen Kirche war der
Sieg der Orthodoxie vollständig. Denn hier wurde die von
der Kirche einmal gegebene Auslegung unter den Begriff
der Tradition, d. h. der in der Kirche fortwirkenden göttlichen
Dffenbarung, gestellt, der gegenüber es wie bisher nur Unter⸗
werfung geben konnte; hatte es doch schon Augustin aus—
gesprochen: „Ego vero evangelio non crederem, nisi me
datholicae ecclesiae commoveret auctoritas.“ In den evan⸗
gelischen Kirchen dagegen blieb trotz allem die Notwendigkeit
der biblischen Kritik und Auslegungskunst bestehen. Und je
mehr sich nun die orthodoxen Systeme zu festen Gebilden ver—
härteten, um so mehr wurde grade diese wissenschaftliche Seite
des theologischen Betriebes immer intensiver entwickelt; und

Dilthey, Archiv VI, 60.
        <pb n="169" />
        159 Neunzehntes Buch. vViertes Kapitel.
mit ihrer Entwicklung fand sie immer mehr an der orthodoxen
Lösung der religiösen Probleme auszusetzen.

Gegenüber dieser hartnäckigen Tendenz blieb der Ortho—
doxie schließlich nur ein Mittel übrig: sie mußte mit den
gleichen Waffen wie die Gegner den Beweis des Geistes und
der Kraft erbringen. Die Orthodoxie begann daher erst jetzt
recht die biblische Auslegungskunst zu entwickeln, und eben
bon ihren Vertretern rühren dann die ersten Grundzüge einer
Auslegungswissenschaft überhaupt her. Sie sind von Flacius
in seiner 1567 veröffentlichten „Clavis aurea“ dargelegt
worden, sie erscheinen dann wesentlich im flacianischen Geiste
bvon Franz in seinem „Tractatus theologicus“ (1619) und
von Glassius in seiner „Philologia sacra“* (1628) festgehalten,
und sie blieben im ganzen und großen unverändert im zünf—
tigen Betriebe bis auf die Theologie der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts, bis auf Baumgarten und Semler, ja bis fast
auf die Zeiten Schleiermachers.

Aber gegenüber dieser anfangs gewiß noch zeitgemäßen,
päter jedoch um so mehr zurückbleibenden orthodoxen Inter—
oretationskunst machte sich nun immer mehr eine unabhängige
Exegese geltend. Schon Erasmus hatte ihr in gewissem Sinne
auf der früher berührten Grundlage gehuldigt, und jedenfalls
hatte er schon den Grundsatz aufgestellt, daß zum besseren
Verständnis vor allem die Lehren Christi von den übrigen Be⸗
standteilen des Neuen Testamentes getrennt zu betrachten seien.
Daneben hatte er zur Kritik der Bibel, insofern diese durch
dogmatische Interpretation für einzelne Stellen dauernd ver—
klausuliert und von der Kirche gleichsam monopolisiert worden
war, den gesunden sittlichen Menschenverstand als zulässigen
Hebel der Interpretation herangezogen.

Es sind lange die wesentlichen Hilfsmittel der unabhängigen
Interpretation der Bibel geblieben, und sie haben schon im
Verlaufe des 16. Jahrhunderts zur Kritik der Dogmen von
der Dreieinigkeit und der Gottheit Christi, der Rechtfertigungs⸗
und der Opferlehre wie des Dogmas von der Gnadenwahl ge⸗
ührt, bis seit etwa Mitte des 17. Jahrhunderts vom Stand—
        <pb n="170" />
        Aufklärung und Pietismus.

151

bunkte der mittlerweile entwickelten Naturwissenschaften die
Kritik der Wunder hinzukam und damit die Kritik vornehmlich
des Pentateuchs und der Evangelien in dieser Richtung ein—
setzte. Zuerst aber wurden diese Hilfsmittel von dem fort⸗—
geschrittenen italienischen und südfranzösischen Protestantismus
aufgenommen: auf diesem Grunde entstand der unstet von
Ztalien nach Genf und Graubünden flüchtende, schließlich in
Polen Ruhe findende Socinianismus. Erst etwas später er—
langte daun dieselbe Auffassung in den Niederlanden bei den
Arminianern Heimatsrecht, vor allem bei Hugo Grotius, dessen
Apologie des Christentums sich ganz in diesen Geleisen bewegt.
—0 Zusammenhang der
Dogmen auch der evangelischen Kirchen angegriffen und grade
in seinen zentralen Punkten, der Opfer- und Rechtfertigungs⸗
lehre zum Beispiel, aufgelöst.

So konnte es denn nicht ausbleiben, daß auch diese Vor⸗
zänge wiederum, daß mithin die ganze Entwicklung der pro⸗—
eestantischen Bibelauffassung und damit der protestantischen
Theologie überhaupt im Grunde doch dem universellen Deismus
und der Ausbildung einer Disposition auf die Vorstellung einer
natürlichen Religion hin Vorschub leisteten. In der Tat war
dieser Gedankenzusammenhang wenigstens in den Gegenden des
reformierten Bekenntnisses seit dem Ende des 16. Jahrhunderts
ingeregt; und er erhielt vor allem in den Niederlanden im
Sinne eines philologisch vermittelten Stoicismus Pflege.

Wahrend aber diefe Bewegungen eintraten und sich immer
mehr vertieften, verschob sich im Verlaufe des 17. Jahr—
hunderts, unter dem Scheitern der konfessionellen Unions⸗
bestrebungen, immer mehr überhaupt das Kampffeld zwischen
Orthodoxie und Rationalismus. Gs handelte sich nicht mehr
um den Gegensatz zwischen starrem Festhalten am Dogma und
freierer Interpretation der Bibel nach den Grundsätzen einer
dernünftigen Interpretationskunst, worin lange Zeit hindurch
hauptsächlich der Unterschied zwischen Orthodoxie und beginnendem

S. oben S. 108 ff.
        <pb n="171" />
        152 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Rationalismus bestanden hatte, sondern es begann sich jetzt, da
inzwischen der philosophische Begriff der natürlichen Religion
entwickelt worden war, vielmehr um den Gegensatz zwischen
Vernunft und Offenbarung, zwischen Denken und Glauben
üͤberhaupt zu handeln. Nichts ist in dieser Hinsicht vielleicht
harakteristischer, als daß man schon, wenn auch erst in der
weiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, von dem ersten Systeme
zeiner rationalistischen Philosophie, dem des Descartes, in ge⸗
wissen Kreisen eine Vernichtung der reformierten Lehre be⸗
fürchtete: unde hoc periculi praesto est, ut Religio Refor-
mata plane evadat Philosophica et deéficiat a vbuis prin-
eipiis:,. Wie verbreitet allerdings schon in den letzten Jahr⸗
zehnten des 17. Jahrhunderts das bloß philosophisch-religiöse
Bedürfnis war, wird durch nichts besser bewiesen, als durch
den zunehmenden Drang, das Dasein Gottes mit neuen, ratio⸗
nalen Gründen, namentlich den physikotheologischen Newtons,
zu beweisen und Theodiceen zu verfassen; und ganz zutage
krat es dann seit etwa dem vierten Jahrzehnt des 18. Jahr—
hunderts und noch mehr seit dem Einströmen der radikaleren
Aufklärung der westlichen Nationen; namentlich die englische
Aufklärung, die Aufklärung eines freien evangelisch-reformierten
und zugleich stammverwandten Volkes hat hier gewaltig ein—
gewirkt.

Dies um so mehr, als die aufklärerische Auseinander—
setzung mit der Theologie voll nur auf protestantischem Boden
eingetreten ist. Zwar haben wir gesehen, wie sich die auf—
klärerische Strömung, wenngleich verspätet, auch in den katho—
lischen Ländern Bahn brach, aber ihre gegnerische Stellung
speziell gegenüber dem Katholizismus beschränkte sich hier an—
fangs auf den Versuch, nur gallikanische Freiheiten der Kirche,
nicht schon Freiheiten vom Dogma zu erwerben, einen Versuch,
der, literarisch von dem Trierer Weihbischof von Hontheim
Febronius) in seinem Buche „De statu écolesiae et legitima

Horn, Hist. écel. et pol. (Dugd. Batav. 1687), zit. Erdmanns—
dörffer 2, 148 Anm. 1.
        <pb n="172" />
        Aufklärung und Pietis mus. 153
potestate Romani pontificis“ (1768) eingeleitet, bei der welt⸗
lich-geistlichen Doppelstellung der deutschen Bischöfe mit Aus—
nahme derjenigen sterreichs unmittelbar in die Politik hinein—
führte und dort gescheitert ist. Weiterhin ist dann wohl auch
der Versuch gemacht worden, das religiöse Leben der Laien
und die Bildung des Klerus zeitgemäßer, und das heißt auf—
klärerischer, zu gestalten. Und auf diesem Gebiete wurde
schließlich nicht wenig erreicht: die Reformen ziehen sich aus
den Zeiten Maria Theresias und der letzten teilweis trefflichen
reichsfürstlichen Bischöfe, eines Franz Ludwig von Erthal von
Würzburg und Bamberg, eines Emmerich Joseph von Mainz,
eines Maximilian von Köln, bis tief ins 19. Jahrhundert
hinein, wo sie jene lebensvolle Nachblüte der praktischen Auf—
klärung unter Dalberg, Wessenberg, Michael Sailer und
Ladislaus Pyrker gezeitigt haben, die erst der aufkommende
Klerikalismus des 19. Jahrhunderts zerstörte!. Indes diese
Entwicklung, an sich und namentlich für die Geschichte der
deutschen katholischen Kirche des 19. Jahrhunderts von großer
Bedeutung, verlief doch nicht in den vordersten Wellen der
geistigen Strömung.

Hier wurde vielmehr fast ausschließlich die protestantische,
und zwar, bei dem Erstarren des Geisteslebens der Nieder⸗
lande im 18. Jahrhundert, vornehmlich wiederum die lutherische
Kirche des inneren Deutschlands getroffen. Und indem sich
hier die Aufklärung nunmehr dem Christentum als eine eben⸗
bürtige Macht entgegenzusetzen begann, wurden verschiedene
Stadien einer immer mehr lösenden, schließlich scheinbar zer⸗
setzenden Entwicklung durchlaufen, freilich in dem Sinne, daß
sie teilweis gleichzeitig nebeneinander bestanden und auch vielfach
Mischrichtungen zwischen ihnen vorkamen.

Zunächst — und das war die konservativste Auffassung —
hielt man am Dogma noch völlig fest, setzte dasselbe gleich mit
der Offenbarung, ließ also die entgegengesetzte Auffassung schon
der älteren rationalistischen Theologie nicht zu, und suchte für

S. dazu einstweilen Ergänzungsband II, 2, S. 97 ff.
        <pb n="173" />
        154 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
das Bekenntnis in seinem ganzen Umfang Vernunftbeweise. Es
ist eine Stellungnahme, die sich wohl in der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts noch findet; als ihr einflußreichster Vertreter
kann vielleicht der Hallesche Theologieprofessor Baumgarten
1706-1757), ein Bruder des Begründers der Ästhetik, be—
zeichnet werden. Allein sie war damals schon veraltet und ist
später von keinem Kopfe mehr festgehalten worden, der etwas
hedeutet hat.
Daneben ergab sich eine zweite Position: man hielt wohl
am Ganzen der Offenbarung fest, betrachtete aber das Kom—
vendium derselben als abweichend von dem Inhalt der Dog—
matik, und zwar unter Zugeständnissen an eine rationalistische
Erklärung der Offenbarung. Es war eine Haltung, die nament⸗
lich Wunder und übernatürliche Geheimnisse, oft zugunsten
überaus platter und zugleich unwahrscheinlicher Auslegungen
der Bibelterte, ausschloß. Auch sie hatte in den Anfängen
schon im 17. Jahrhundert bestanden; aber jetzt trat sie immer
kühner hervor; und unter ihren Anhängern befanden sich
namentlich weltmännische Theologen: so eine nicht geringe
Anzahl von Hofpredigern.

Nun war es aber klar, daß sich im Verlaufe dieser Richtung
sehr verschiedene Grade der Interpretation entwickeln konnten,
da ein objektives Prinzip derselben nur in der mensch—
lichen Vernunft gegeben war. Und da lag es denn in der
Natur der Dinge, daß man immer kühner wurde: bis man auf
einem anscheinend schon völlig subjektivistischen Standpunkt der
Exegese angelangt war. Der große Hallesche Theologe Semler
(1725- 1791) ist es gewesen, der zuerst diesen entscheidenden
Schritt vollzog. Er führte aus, daß jeder Christ, wie er seine
zigne Persönlichkeit und Entwicklung habe, so auch ein Recht
auf seine eigene Religion, seine Privatreligion besitze. Und er
stützte diese Behauptung durch den mittlerweile ganz in den
Zeitgeist übergegangenen aufklärerischen Satz, daß das Wesen
und der Endzweck der Religion lediglich die Moral, mithin die
Ausbildung der eigenen freien Persönlichkeit sei.
        <pb n="174" />
        Aufklärung und Pietismus.

155
Nun braucht nicht ausgeführt zu werden, daß diese Sätze,
jetzt ebenso klar und verständlich behauptet, wie sie einst von
den Schwarmgeistern der Reformationszeit enthusiastisch und
dunkel vorgebracht worden waren, in Wirklichkeit über das
individualistische Zeitalter hinausführen in eine Zeit, da auch
auf religiösem Gebiete, obwohl innerhalb der weitesten
Grenzen des Christentums, vollste Freiheit subiektiver Durch—
bildung in Sicht gelangt.

Indem aber Semler auch forschend die Konsequenzen
seiner Anschauung zog, wurde er — es war nicht anders
möglich — zum historischen Theologen. Denn wenn die sub—⸗
ektivistische Interpretation der Offenbarung zugelassen wurde,
so konnte deren jeweilige objektive Geltung nur in der Er—⸗
kenntnis des historischen Verlaufs ihres Einflusses gesucht und
festgestellt werden. Von diesem Standpunkte aus begann
Semler die Entstehung des biblischen Kanons selbst zu unter—
suchen und machte auch Anläufe zu einem vertieften Ver—
ständnis der Kirchengeschichte. Zu statten kam ihm hierbei,
daß man inzwischen angefangen hatte, die ersten Grundsätze
einer realen, historischen Exegese der biblischen Schriften zu
entwickeln. In der ganzen ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
allerdings war die biblische Exegese der Hauptsache nach noch
in der Erläuterung der Schrift nach den Normen des Dogmas
verlaufen; aber daneben begann sich doch langsam, mit dem
Erwachen des geschichtlichen Sinnes überhaupt!, zwischen
Dogmatik und biblischer Hermeneutik die biblische Theologie
zum Verständnis des eigentlichen Wortsinnes einzuschieben.
Zuerst war das in den reformierten Kreisen Hollands, der
Schweiz und Englands geschehen, dann war die Bewegung
auch in Deutschland von Baumgarten, dem Vorgänger Semlers
in Halle, sowie von Ernesti und Michaelis aufgenommen worden.
An diese Bewegung also knüpfte Semler an.

Indes: sollten die Laien — und teilweis auch rücksichtslos
fühne Theologen — bei dem schließlich doch auch noch von

S. oben S. 118 ff.
        <pb n="175" />
        156 Neunzehntes Buch vViertes Kapitel.
Semler eingenommenen, wenn auch ins Freieste entwickelten
christlichen Standpunkt stehen bleiben? Leuchtete nicht ein, daß
die Aufklärung neben der Frage: Offenbarung oder Dogma
schon längst die weitere: Naturreligion oder Offenbarung —
und damit in der zeitgemäßesten Beantwortung dieser Alter—
native die Position: Naturreligion über der Offenbarung
zuließ?
Zwar die große Menge der Gebildeten stellte die Alter—
native überhaupt nicht so scharf. Sie begnügte sich mit dem
Abblassen der Offenbarung fast bis zum ausschließlichen Be—
griffs- und Pflichtenbestand der natürlichen Religion und hielt
sich trotzdem noch für durchaus christlich. Es ist der Stand⸗
punkt, der in den Sätzen Garves gezeichnet ist: „Die Wahr—
heiten, die in der Tat den ganzen Körper unserer Dogmatik
ausmachen, sind die Wahrheit von dem Dasein Gottes als
eines verständigen und moralischen Wesens, die Wahrheit
von der Unsterblichkeit der Seele, wodurch allein unser
Streben nach Vollkommenheit einen erreichbaren Zweck erhält,
und endlich die Wahrheit, daß nur durch die moralische Ver—
besserung die Gnade Gottes erhalten und der Zustand nach
diesem Leben glücklich werden könne.“ Allein konsequenten
Köpfen und starken Persönlichkeiten genügte dieser Kompromiß-
standpunkt nicht. Und die Zahl solcher Persönlichkeiten war
immerhin schon groß genug; Georg Forster konnte späterhin in
diesem Sinne einmal gradezu sagen: „Man hat endlich auf—
gehört, in guter Gesellschaft von den Zänkereien der Pfäfflein
zu sprechen“; und von Senckenberg, dem Stifter des bekannten
Frankfurter Institutes, wird die Äußerung angeführt, er wisse
Gott näher zu finden, als bei den Pfaffen und in der Kirche,
nämlich im Geist, im Herzen und in der Tugend. Wirklich
religiss veranlagte Denker aber beruhigten sich natürlich nicht
mit solchen allgemeinen Äußerungen; sie griffen durch und
kamen in erster Linie zu schärfsten Motivierungen jeglicher Ab—
urteilung des Christentums, darauf auch schon zu den An—
fängen eines rein subjektiven Glaubens. So passierte zum
Beispiel Friedrich der Große kritisch alle Stufen der Aufklärung,
        <pb n="176" />
        Aufklärung und Pietismus.

187
insofern sie noch mit dem Christentum Fühlung hielt; dann
aber ging er hierüber wie über den Deismus Voltaires noch
hinaus bis zur Verzichtleistung auf den Glauben an die persön⸗
liche Unsterblichkeit: vom Christentum hat er schließlich nur noch
die Sittenlehre festgehalten.

Desselben Weges etwa wie Friedrich, nur unter eingehen—
der Auseinandersetzung mit der Bibel, ist dann auch der scharfe
Hamburger Denker Reimarus (1694-1768) gezogen, der
wichtigste Vertreter dieser letzten Stufe rein rationalistischer
Entwicklung. Reimarus, der sich durch mehrere deistisch ge—
haltene Abhandlungen bekannt gemacht hat, zog die letzten
Konsequenzen seiner Weltanschauung in dem Werke „Apologie
oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“, das
in seiner ersten Fassung wohl schon in den vierziger Jahren
des 18. Jahrhunderts entstand. Es wurde nur handschriftlich
unter seinen Freunden verbreitet; als Lessing in den Jahren
1774 bis 1778 die Kühnheit hatte, Bruchstücke davon zu ver—
öffentlichen („Wolfenbüttler Fragmente“), erregten diese Stürme
des Entsetzens; und erst David Friedrich Strauß hat im Jahre
1862 das Ganze genauer bekannt gemacht.

Reimarus mißt in seinem Buche die Offenbarung an der
Vernunftreligion, und er findet sie unwahr, insofern sie nicht
den Ansprüchen genüge, welche die Vernunft an eine wahre
Offenbarung Gottes zu stellen habe. Darum enthalte sie nicht
eine höhere oder auch nur eine zweite Religion neben der Ver—
aunftreligion, sondern nichts als ein verwerfenswertes System
on Irrtümern.

Aber dem stand ja die volle und im ganzen so klare
biblische Überlieferung gegenüber! Reimarus war nicht im—
stande, ihre Authentizität kritisch zu beseitigen: er nahm sie als
wohl verbürgt an. Bei dieser Auffassung blieb ihm nichts übrig,
als sie zu einer ungeheuerlichen Fälschung schon der christlichen
Urzeit, der Väter also und der Apostel zu stempeln, einer Fäl—
schung, die zur Täuschung des Volkes, zur Ablenkung seines
Blickes von den vernünftigen Wahrheiten erfolgt sei.
        <pb n="177" />
        —158 VNeunzehntes Buch. Viertes Kapitel.

Es ist ein zutreffender Schluß wie der rationalistischen
Bibelkritik so des Rationalismus und der Aufklärung über—
haupt. Nachdem die Vernunft die geistige' Alleinherrschaft des
18. Jahrhunderts angetreten hatte, mußte jede andere Autorität
und damit auch das Denken und Empfinden anderer Zeitalter und
also am Ende auch dessen Tradition, soweit sie sich der zeit—
genössischen Vernunft nicht unterordnen ließ, geleugnet, d. h.
gedankenhaft vernichtet werden. Es geschah schließlich, nach
dem Sturze aller anderen Autoritäten, auch gegenüber der er—
habensten, gegenüber dem Christentum. Es ist der Paroxysmus
einer Entwicklung, in deren Wandlungen das Prinzip des
absoluten, antisozialen Individualismus folgerichtig zum Aus—
leben gelangte. Es ist aber zugleich ein Vorgang, in dem
für die weiterdenkenden Zeitgenossen die letzte Schranke des
religiösen Individualismus hinweggeräumt und der Zugang zu
einem neuen Zeitalter eröffnet wurde.

In dies Zeitalter hat Lessing, der geistig fortgeschrittenste
aller Zeitgenossen seiner engeren geschichtlichen Periode, einen
tiefen, entsagungsvollen Blick getan.

Lessing ist, wie alle besseren Denker seiner Zeit, von dem
Versuche ausgegangen, Dogma und Offenbarung rational zu
begreifen, die Theodicee auszudehnen zu einer Rechtfertigung
des Inhalts der biblischen Bücher, christlichen Glauben zur
Vernunft zu erheben. Aber schon verhältnismäßig früh ver—⸗
zweifelte er an der Möglichkeit, dies fertigzubringen: und
so brach er entschlossen mit der Offenbarung und stellte den
Satz auf, daß jeder Mensch seine Religion sich nach dem Maße
seiner Vernunft schaffen müsse — freilich auch zu schaffen ver—
oflichtet sei.
Es ist der Kernpunkt einer neuen geistigen Haltung, der
Haltung des künftigen subjektivistischen Zeitalters. Aber wie
dieser Standpunkt bei Semler noch mit der Bedingung auf—
tritt, daß die neue persönliche Haltung im Anschluß an die
Offenbarung zu gewinnen sei, so lehnt sich, wenngleich schon
anendlich viel freier und ohne irgendein Gefühl der Ver—
        <pb n="178" />
        Aufklärung und Pietismus. 159
pflichtung, Lessing an Spinoza an. In den ersten sechziger
Jahren des 18. Jahrhunderts lernte er ihn kennen: und von
nun ab sehen wir ihn in freiem Ringen nach den Brenn⸗
vunkten einer pantheistischen Weltanschauung. Er ist nicht
mehr im Zweifel, daß Gott als bewußte, außer und über der
Welt stehende selbständige Persönlichkeit nicht gedacht werden
könne. Er verneint die Freiheit des Willens. „ßZwang und Not—
wendigkeit, nach welcher die Vorstellung der Besten wirkt, wie
diel willkommener sind sie mir als die kahle Vermögenheit,
unter den nämlichen Umständen bald so, bald anders handeln zu
können! Ich danke dem Schöpfer, daß ich muß, das Beste
muß. Wenn ich selbst in diesen Schranken so viele Fehltritte
noch tue, was würde geschehen, wenn ich mir ganz allein über—
lassen wäre? Einer blinden Kraft überlassen wäre, die sich
nach keinem Gesetze richtet und mich darum nicht minder dem
Zufall unterwirft, weil dieser Zufall sein Spiel nicht mit mir
selbst hat?“
Und wie er die Kernpunkte einer neuen Weltanschauung

ergreift, einer monistischen Weltanschauung des Subjektivismus
im Gegensatz zu dem christlichen Dualismus auch noch jeder
Aufklärung, so fühlt er sich, echt subjektivistisch, in dem ein—
fachen Glauben an diese Hauptpunkte sicher: er denkt nicht
daran, aus ihnen ein ausgeklügeltes System zu entwickeln.
Vielmehr, soweit sein Denken weiter schweift, wird er, dieser
Sohn doch noch des vollen Aufklärungszeitalters, bereits historisch.
Die Probleme der Weltanschauung lösen sich ihm auf in die
tiefsten Fragen einer ins Unendliche zurückreichenden, ins Unend—
liche vorwärtstastenden Entwicklung.
Die Gedanken steigen langsam in ihm auf, die er 1780,
ein Jahr vor seinem Tode, in der kleinen Schrift über die
Erziehung des Menschengeschlechtes niedergelegt hat. Die Ge—
schichte erscheint ihm nun in all ihren Tiefen als ein Ent—
wicklungsvorgang des sittlichen Bewußtseins: unmittelbar an
die Probleme des späteren 19. Jahrhunderts reicht sein pro—
vhetischer Blick.
        <pb n="179" />
        160 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Gewiß läßt sich auch diesen höchsten Ausführungen Lessings
gegenüber noch eine Interpretation vornehmen und bis zu einem
gewissen Grade rechtfertigen, die im besonderen die rationalistische
Seite an ihnen betont. Kein Zweifel, daß auch hier noch
gelegentlich Reste jenes Autoritätsglaubens hervorschauen, den
Lessing, der Schüler des Aristoteles, nie ganz verleugnet hat,
und der doch ganz unverträglich ist mit dem voll entfalteten
Geistesleben des Subjektivismus. Und unbedingt richtig, daß
die Erziehung des Menschengeschlechts bei Lessing der Form
nach auf eine geschichtliche Teleologie in rationalistischer Fassung
hinausläuft. Dennoch überwiegen im tiefsten schon subjek—
tivistische Neigungen; und eben von ihnen aus ersehnt der
Dichter eine höchste Stufe der „Aufklärung und Reinigkeit“.
Oder sollte sie nicht kommen? „Nie? Nie? Laß mich diese
Lösung nicht denken, Allgütiger! Nein, sie wird kommen, sie
wird gewiß kommen, die Zeit der Vollendung. Sie wird
gewiß kommen, die Zeit eines neuen, ewigen Evangeliums.“

Konnte Lessing von dieser Überzeugung aus, die der Auf—⸗
klärung seiner Zeit schließlich fast diametral gegenüberstand,
noch ein innerliches Verhältnis zu der platt rationalistischen
Verballhornung des Christentums zu seinen Füßen haben? Er
hat diese Aufklärung schließlich gehaßt. Und das waren
Empfindungen, die am Ende der Orthodorxie zugute kamen.
Gewiß haͤtte Lessing mit dogmatischer Rechtgläubigkeit innerlich
nichts mehr zu tun. Aber eben indem dies der Fall war, in⸗
dem er diesem System weltenfern stand, wußte er es richtig
einzuschätzen, und der Großartigkeit seiner früheren Leistungen
gehörte sein historisches Interesse, ja wir dürfen sagen seine
historische Sympathie. Und so konnte er in einem berühmten
Briefe an seinen Bruder schreiben: „Und was ist sie anders,
unsere neumodische Theologie, gegen die Orthodoxie, als Mist⸗
jauche gegen unreines Wasser? Darin sind wir einig, daß
unser altes Religionssystem falsch ist; aber das möchte ich nicht
mit Dir sagen, daß es ein Flickwerk von Stümpern und Halb⸗
philosophen sei. Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem
sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geübt hätte
        <pb n="180" />
        Aufklärung und Pietismus.

161
als an ihm; Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist
das Religionssystem, welches man jetzt an Stelle des alten setzen
will; und mit weit mehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie,
als sich das alte anmaßte.“

Es ist ganz der Standpunkt, den die ersten großen Aus—
bruchserscheinungen der neuen subjektivistischen Welt, Empfindsam—
samkeit und Sturm und Drang, zur Orthodorxie eingenommen
haben; es ist derselbe Standpunkt, der im 19. Jahrhundert,
unter dem Absterben der alten Welt der Aufklärung und dem
immer stärkeren Durchdringen des Subjektivismus, die Er—
holung der evangelischen Orthodoxie wie namentlich die Ent—
tehung des katholischen Klerikalismus gestattet hat. Und so
stehen wir bei Lessing an den Toren einer alten, an der sich
öffnenden Pforte einer neuen Zeit.

Blicken wir aber von diesem Punkte, dieser weithin leuchten⸗
den Zeitscheide vorwärts und rückwärts, so dürfen wir nicht
berkennen, daß noch Menschenalter vergingen, ehe auch nur der
gebildete Teil der Nation in das Land einzog, das Lessing,
ein sehnsuchtsvoller Moses, am Abend seines Lebens geschaut
und verkündet hat. Wie lange war es um 1750 her gewesen
— und geschah es nicht der Regel nach noch? —, daß der
schlichte Kaufmann, einer der Typen jener Gesellschaftsschicht,
die sich eben anschickte, zum Träger der geistigen Entwicklung
zu werden, seine Frachtbriefe im alten fromm-orthodoxen Sinn
mit den Worten: „Im Namen Gottes geladen“ begann und
mit den Worten schloß: „Damit geleite es Gott der Vater, der
Sohn und der heilige Geist! Amen.“ Und wie lange mußte
es noch dauern, ehe dieser Heerbann den Marsch auch nur zu
jener Aufklärung vollzog, die die Generäle seit etwa zwei Menschen⸗
altern verkündeten! Noch die ganze erste Hälfte des 19. Jahr⸗
hunderts bis zu den vierziger Jahren ist von der Entwicklung
der Aufklärung selbst noch sehr hochstehender Gesellschaftsschichten
angefüllt; noch Schelling und Hegel haben rationale Abfindungen
mit der christlichen Offenbarung gesucht; und noch heute
herrscht der Geist der Aufklärung in kleinbürgerlichen Kreisen.
So war die Aufklärung vorläufig und auf lange noch

Lamprecht, Deutsche Geschichte VM. 1. —11
        <pb n="181" />
        162 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
die modernste siegende Macht; und mit vollem Grunde konnte
selbst ein Lessing im Sinne seiner Zeit noch ausrufen: „Luther,
du hast uns von dem Joch der Tradition erlöst; wer erlöst uns
von dem unerträglicheren Joch des Buchstabens?“

Werfen wir aber von der aufklärenden Kritik und von
dem, was an ihr neu war, einen prüfenden Blick rückwärts in
die Vergangenheit, so ist klar, daß sie eben in ihrem Eindringen
in die Theologie, in dem Durchsäuern des alten Systems der
Orthodoxie mit ihren Gedanken die Löserin gewesen ist von
dieser Vergangenheit: nicht minder wie im Übergange von der
mittelalterlichen Gebundenheit zum Individualismus des 16.
bis 18. Jahrhunderts hat sich der Übergang von diesem
Individualismus zu dem entwicklungsgeschichtlich nächsten Zeit—
alter des Subjektivismus am tiefsten, unmittelbarsten und ent—
schiedensten auf religiösem Gebiete vollzogen.
III.
Ehe sich indes in der Rationalisierung des Christentums
als einer Vorstufe zu dessen Subjektivierung der vielgewundene
Übergang von dem Zeitalter eines älteren Seelenlebens zu dem
der jüngsten Zeit auf religiösem Gebiete vollzog — ein Über—
gang, der durch die wasserlosen Wüsten einer rein gedanklichen
Behandlung religiöser Fragen führte —, hatte sich teilweis
schon vor der eigentlichen Aufklärung und dann vielfach parallel
mit ihr verlaufend in religiös stark empfindenden Gemütern
immer lauter und lauter der Ruf nach Quellen frischen Wassers
erhoben. Wenn dieser Übergang Menschenalter dauerte wie
einstmals der Übergang zur Reformation, sollten auch Menschen—
alter unter ihm religiös geschädigt werden? Stark und stärker
brach unter der trostlosen Decke einer zunehmenden Verstandes⸗
kultur die Macht des Gemütes hervor und äußerte sich
ahnungsvoll in neuen Formen der Frömmigkeit: erst in der Zer⸗
streuung und in unzusammenhängender Gruppenbildung der
Adepten, dann immer geschlossener und kompakter in einer ein⸗
zigen großen Bewegung, der Bewegung des Pietismus.
        <pb n="182" />
        Aufklärung und Pietismus. 103
Eine pietistische Neigung im weiteren Sinne des Wortes
durchzieht alle Bekenntnisse des voll entwickelten individualistischen
Zeitalters etwa vom Beginne des 17. Jahrhunderts ab: denn
alle Kirchen hatten um diese Zeit zunächst in sich ein rationales
Element aufgenommen, indem sie gegenüber der Religion des
Gemütes nur zu sehr die Entwicklung der Verstandesseite der
Religion in Dogma und Orthodoxie betont hatten.

Am wenigsten war das verhältnismäßig noch in der katho—
lischen Kirche geschehen. Gewiß war hier die Religion, insofern
sie inneres Erlebnis ist, schon längst zu Vorstellungen und Be—
griffen formuliert worden und im Dogma gleichsam verkalkt;
und das Dogma, im Mittelalter wesentlich Gegenstand des
Gehorsams, war seit dem Tridentinum und unter dem Ein—
lusse des Protestantismus mehr als bisher zum Gegenstand
innerlich unverbrüchlichen Glaubens geworden. Und zugleich
hatte sich an dem mittelalterlichen Verfassungsleben der Kirche,
insofern es ein energisches Gemeindeleben ausschloß, wenig ge—
ändert. Grund also genug für einzelne fromme Seelen, sich
unbefriedigt zu fühlen und einer Religion des Herzens auf
eigenem Wege nachzugehen. Darum fehlten auch der katho—
lischen Kirche pietistische Erscheinungen nicht: der fromme
Dichter Spee, dessen Dichtungen weithin Verbreitung fanden,
der exzentrische Johannes Silesius!, auch Pater Martin von
Kochem sind hier zu nennen. Indes im ganzen birgt die katho—
lische Kirche doch für so einsam Suchende im Schoße ihrer Ver—
fassung seit alters Sicherheitsvorrichtungen: Klöster, Ein—
siedeleien, sakramentale Beruhigungsmittel, endlich die Tradi⸗
tionen einer immerhin kirchlich gebliebenen Mystik; dazu hul—
digte sie in ihrem Kulte dem Intellektualismus höchstens in der
maskierten Form des Schwulstes, hielt aber im übrigen an
breiten Empfindungsgrundlagen fest, so daß fromme Seelen
von geringerer Kraft religiösen Lebens schon in ihrem Kult
allein Beruhigung finden konnten. Und so waren denn
pietistische Strömungen auf katholischem Boden nur gering
1 S. über beide Genaueres unten im zwanzigsten Buche, im zweiten
Kapitel II, 2.
112*
        <pb n="183" />
        164 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
entwickelt, und zahlreiche Übertritte frommsinniger Protestanten
bezeugten, daß dem religiösen Bedürfnisse im Schoße der alten
Kirche besser genügt wurde, als in dem der neuen.

Unter den protestantischen Kirchen aber hat wiederum die
Entwicklung des Luthertums dem Pietismus weit mehr Nahrung
geboten als die des reformierten Bekenntnisses. Schon die Tat—⸗
sache, daß die reformierte Konfession sich weit später zu absolut
fester Form abschloß, und ihr selbst dann noch gegenüber dem
Luthertum freierer Charakter waren hier wohl von Einfluß:
sie ließen der Frömmigkeit besseren Lauf und setzten religiösen
Skrupeln lässigere Schranken. Von durchschlagender Bedeutung
aber war wohl der Unterschied auf dem Gebiete der Kirchen—
verfassung. Jede in ihrer Verfassung und in ihrem Gemeinde⸗
dienste lebendige Kirche gewährt dem Gläubigen ein Doppeltes:
sittlich-religiösen Halt und Befriedigung fromm-religiöser Ge—
fühle. Von ihnen ist aber der sittliche Halt nur durch die
Institution der Kirche und ihr kräftiges Leben gewährleistet:
denn Sittlichkeit ist Erzeugnis gemeinsamen Daseins. Fällt
daher das. Gemeindeleben hinweg oder beginnt es zu verdorren,
so leidet die eine, die sittliche Seite der Religiosität, und die
andere, die des frommen Dranges nach oben, unter Umständen die
spekulative, wird überwiegen. Damit tritt denn die Absonde—
rung eben der Frommen von der Kirche und mit ihr die Er—⸗
scheinung der Askese, der Mystik, des Pietismus ein. Ein
kräftiges Gemeindeleben wird mithin die pietistis ch-separatistische
Frömmigkeit zurücktreten lassen, ein schwaches wird sie be—
günstigen. Nun unterliegt es aber keinem Zweifel, daß schon
im 17. Jahrhundert die reformierte Kirche der lutherischen an
Innigkeit und innerem Zusammenhange des Gemeindelebens
üͤberlegen war; und vor allem in dem Augenblicke, da sie sich
dogmatisch abschloß, zur Zeit der Dordrechter Synode, hatte sie
sich diesen Schatz zu wahren gewußt: sogar zum Hausgottesdienst
enthalten die Akten dieser Synode eine besondere Mahnung.
Und so hat sich der Intellektualismus des Zeitalters dem
reformierten Bekenntnis weit weniger zerstörend bemerklich ge—
macht als dem lutherischen, obwohl dieses seiner Natur nach
        <pb n="184" />
        Aufklärung und Pietismus.

165
zu ihm besonders hinneigte und grade auf dem Gebiete seiner
geographischen Verbreitung die wichtigsten Fortschritte der in—
tellektualistischen Wissenschaft gemacht wurden. Dem ent—
sprechend gab es auch in der reformierten Kirche wohl eine
Anzahl pietistischer Erscheinungen: Neander, Tersteegen: — zu
einer großen geistigen Strömung aber erwuchs der Pietismus
aus der allgemein verbreiteten Anlage heraus doch vornehmlich
nur auf dem Boden des Luthertums. Denn nur in der
lutherischen Kirche traf im 17. Jahrhundert der volle Sieg
einer orthodoxen und in sich verstandesmäßig gewordenen
Schultheologie bei völligem Zurücktreten der Schrift hinter die
Kirchenlehre mit dem unausgebildeten Zustande einer stagnieren⸗
den Kirchenverfassung bei Cäsaropapismus und abgestorbenem
Gemeindeleben zu jener Mischung zusammen, welche die ersten
Anfänge zur Bildung einer pietistischen Religion des Herzens
begünstigen mußte.

Beruhte damit der erste Anfang wie die spätere besonders
starke Entwicklung pietistischer Strömungen im Bereiche der
lutherischen Kirche zunächst auf dieser religiösen Schwäche des
Luthertums, welche eben für eine individuelle, ja schließlich
fast subjektive Religion des Herzens einen besonders günstigen
Nährboden abgab, so läßt fich nicht verkennen, daß eben in
diesem Entwicklungsprozesse das Luthertum wieder, in gemüt—
voll verjüngter Gestalt, an die Spitze der Entwicklung der
protestantischen Bekenntnisse, ja an die religiös führende Stelle
in der geistigen Entwicklung der neuen Zeit seit etwa 1750
überhaupt gelangt ist. Und faßt man den Begriff der luthe⸗
rischen Kirche etwas weit, etwa in dem Sinne des Schauplatzes
religiöser Bewegungen des größten Teils der binnendeutschen
protestantischen Bevölkerung überhaupt, so läßt fich sogar
sagen, daß eben in der Entfaltung des Pietismus das refor—⸗
mierte Bekenntnis den geistigen Primat, den es während des
individualistisch-intellektualistischen Zeitalters besessen hatte, an
das Luterthum zugunsten eines religiösen Primates während des
subjektivistischen Zeitalters verloren hat. Es ist einer der
wichtigen Vorgänge, der zugleich die geistige Hegemonie der
        <pb n="185" />
        166 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Niederlande beseitigte, indem er die literarisch-philosophische
Vorherrschaft des protestantischen Norddeutschlands herbeiführte,
und insofern einer der definitiven Trennungsvorgänge der nieder⸗
ländischen Nation von der deutschen.

Die pietistische Strömung aber, wo sie auch auftauchte,
ist ihren allgemeinen Veranlassungen entsprechend nirgends die
Schöpfung eines einzelnen Mannes und einer besonderen Stunde
gewesen. Besonders auch nicht innerhalb des Luthertums.
Vielmehr hat eine große Anzahl von Erscheinungen schon vor⸗
bereitend auf den Pietismus hingewiesen, und als eine als—
bald sehr weit und mannigfaltig verbreitete Strömung ist er
darauf ans Tageslicht getreten.

Schon die mystischen Theologen und die philosophischen
Mystiker des 16. Jahrhunderts finden wenigstens in den Vor—
hallen des Pietismus einen Platz, insofern sie für ihre Zeit
orthodoxen und rationalistischen Neigungen gegenüber denjenigen
Bedürfnissen gerecht wurden, welche später der Pietismus befrie—
digte. Weiter hinein aber in die Entstehung der Gemütsdisposition
des Pietismus führen schon die Wandlungen, die sich im evan⸗
gelischen Kirchenliede mit dem einsetzenden 17. Jahrhundert ziem⸗
lich allgemein vollzogen!. Um diese Zeit etwa verschwand aus
ihm das objektive und sittlich feste Frömmigkeitsgefühl der noch
lebendig tätigen, betenden, zagenden, jubilierenden Gemeinde,
und an die Stelle trat der persönliche Ton des einzelnen, der
sein Herz Gott im stillen öffnet und individuelle Gefühle ver⸗
lauten läßt. So haben schon die Lieder Paul Gerhardts viel
von diesem neuen Charakter, wenn er auch, vornehmlich freilich
in Nachahmungen und Übersetzungen älterer Gemeindekirchen—
lieder, noch den objektiven Zug zu treffen weiß. Und neben der
subjektiveren Dichtung regt sich eine noch subjektivere Musik, die
— D
licher Gott in seine frommen Stimmungen Einzug hält?. Wie
dacken in dieser Hinsicht nicht die neuen Vassionsmusiken der

1 S. Bd. VI, S. 234 f.
2 S. Bd. VI. S. 227 4.
        <pb n="186" />
        Aufklärung und Pietismus.

167
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, zum Beispiel Schützens
„Sieben Worte am Kreuze“!

Und schon suchte die in diesen Seitenhallen gleichsam der
—— auftauchende Stim⸗
mung einer mehr persönlichen Frömmigkeit auch für ihre zen⸗
tralen Herzensbedürfnisse unmittelbare Befriedigung, indem sie
zunächst den breiten literarischen Strom mittelalterlich-kontem⸗
plativer Frömmigkeit von neuem in die Gegenwart lenkte.
Seit Anfang des 17. Jahrhunderts wurde Tauler wieder ge⸗
lesen; und die Theologia Deutsch, auch die Schriften des hei—
ligen Bernhard und aunderer Mystiker wurden in Mittel- und
Norddeutschland weithin verbreitet. Ihnen folgte dann der
Erguß einer selbständigen Erbauungsliteratur noch vor dem
großen Kriege. Weitaus der bedeutendste unter den neuen
Erbauungstheologen war dabei Johann Arndt aus Ballenstedt am
Harze (1655—2 1621); sein „Wahres Christentum“ ist in den
Jahren 1606— 1609 erschienen. Arndt hat seine Ziele einmal
selbst in folgender Weise dargelegt: „Erstlich habe ich die Ge⸗
müter der Studenten und Prediger wollen zurückziehen von der
gar zu disputier- und streitsüchtigen Theologie, daraus fast
wieder eine theologia scholastica geworden ist; zum andern
habe ich mir vorgenommen, die Christgläubigen von dem toten
Glauben ab und zu dem fruchtbringenden anzuführen; drittens
— Theorie zur wirklichen
UÜbung des Glaubens und der Gottseligkeit zu bringen; und
viertens zu zeigen, was das rechte christliche Leben sei, welches
mit dem wahren Glauben übereinstimmt, und was das bedeutet,
wenn der Apostel sagt: ich lebe, doch nun nicht ich, sondern
Christus lebet in mir.“

Absichten wie diese konnten, falls die kirchlichen Verhält⸗
nisse für fie nicht ungünstig waren, vor allem während des
Dreißigjährigen Krieges und wenig nachher auf empfängliche
Gemüter rechnen. Denn jetzt bestand jene dumpfe Verzweif⸗
lung an den Aufgaben des nationalen Kulturlebens, aus der
man wohl allen Ursprung des asketischen Supranaturalismus
überhaupt hat ableiten wollen. Und in der Tat erhielt das
        <pb n="187" />
        168 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
fromme Andachtsbuch Arndts erst in der Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts größere Verbreitung: eine ganze Literatur in seinem
Beiste schoß jetzt empor.

Aber zugleich hatte sich über die milden Generationen
dieser quietistisch- andächtigen Naturen bereits ein neues Ge—
schlecht gebreitet, das mit der hohen Stimme des Pathos
Anderung und Einkehr forderte. Da ließ der 1642 gestorbene
Dichter des Liedes „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“, Mey—
fart, die eschatologische Posaune ertönen, da weissagte der
Rostocker Prediger Großgebaur (f 1661) in seiner „Wächter—
timme aus dem verwüsteten Zion“ eine neue Reformation,
und Balthasar Schuppius (7 1661), der freimütige Hauptpastor
von Hamburg, griff mit unerschrockenen Predigten dem einzelnen
ins Herz.

So war die Zeit erfüllt, um so mehr, als sich jetzt neben
einer dogmatisch-intellektualistischen Kirche immer mehr der reine
Rationalismus der Wissenschaft und freien Weltanschauung gegen
jede Frömmigkeit zu erheben schien: und Spener wurde zum Be—
gründer des eigentlichen Pietismus. Spener war ein Elsässer; er
ist 1635 zu Rappoltsweiler geboren. Sein Jugendleben führte ihn
nach Straßburg, Basel, Genf und auch nach Württemberg: luthe—
risches, reformiertes und in Württemberg ein im Ausgleich refor—
mierter und lutherischer Tendenzen verlaufendes Kirchentum wurde
ihm bekannt, wie er zu Genf nicht minder von waldensischer Askese
berührt ward. So war denn sein Blick geweitet und seine Er—
fahrung befruchtet, als er im Jahre 1066 einem Rufe als
Pfarrer nach Frankfurt a. M. folgte: mitten hinein in eine
Stadt, die als Muster lutherischer Vernachlässigung des Ge—
meindelebens gelten konnte. Und hier nun entzündete sich sein
frommes Herz. Im Jahre 1675 erschienen, zunächst als Vor—
rede zu einer Ausgabe der Arndtschen „Postille“, dann selbständig
seine „Pia desideria oder herzliches Verlangen nach gott—
gefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche“, in denen
er vor allem die Einführung von frommen Privatversamm-—
lungen zur Bibelerklärung, ferner die Pflege des allgemeinen

Priestertums im Hausgottesdienste und tätiges Christentum,
        <pb n="188" />
        Aufklärung und Pietismus.

169
sowie gottseliges Leben und wirksame, verinnerlichte Predigt-
weise der Pfarrer forderte. Es war ein Programm, das er
selbst schon längst, vor allem durch Abhaltung von collegia
pietatis, befolgt hatte: die Schrift gab nicht Vorschläge, son—
dern Erfahrungen. Und so wirkte sie weithin wie eine Er—
lösung. Vieler Orten, in den Kreisen des Adels wie in denen
des besseren Bürgertums, wurden Andachtsübungen und Haus—
zottesdienst eingerichtet; und an der Universität Leipzig ent⸗
wickelte sich seit 1886 unter der energischen Einwirkung Carp⸗
ovs der Pietismus geradezu zu einer theologischen Richtung:
m Sommer 1689, kurz nach Thomasius' Auftreten und vor
seiner Vertreibung, las Francke hier während der Hundstags—
ferien vor dreihundert Zuhörern ein Collegium biblicum über
den zweiten Brief an Timotheus. Es war eine Entwicklung,
die um so entschiedeneren Fortschritt versprach, als Spener in⸗
zwischen als Oberhofprediger nach Dresden gekommen war und
von dort auf die Leipziger Universität in pietistischem Sinne
einwirkte. Allein das Gegenteil des Erwarteten trat ein; in
Leipzig empfand man den Einfluß Franckes als unangenehm,
und während die collegia pieètatis in Orten, die weit weniger
zur Führung im geistigen Leben berufen waren, in Augsburg,
Rotenburg, Schweinfurt, Wertheim, Darmstadt, Essen, empor—⸗
hlühten, mußte Francke, nach erbitterten Kampfe mit der
jächsischen Orthodoxie, im Jahre 1690 Leipzig verlassen. Er
ging erst nach Erfurt, dann nach Halle: hier, an der jung
nufstrebenden Universität, liefen gegen Ende des 17. Jahrhunderts
die Hauptströmungen des Pietismus und Rationalismus zu—
sammen.
Inzwischen aber hatten sich pietistische Konventikel durch
das ganze Reich verbreitet; um 1700 konnte man 82 größere
Städte nennen, in denen sie eine Macht waren; auch in Leipzig
blieben die Frommen nach Franckes Weggang beisammen in
gläubigem Gebete. Vor allem aber war die lutherische Kirche
nun zum vollen Ausgangspunkte der Bewegung geworden;
darum traten Mittel- und Norddeutschland besonders hervor
        <pb n="189" />
        70 Neunzehntes Buch. Viertes Rapitel.
und flutete die Strömung über die südgermanischen Grenzen
hinaus nach den Ostseeprovinzen, nach Schweden und Dänemark.

Indem aber so die Bewegung allgemein ward, trat das
speziell theologisch-pastorale Element in ihr immer mehr zurück:
wie denn die Zeit der Entwicklung des weltmännischen Bildungs⸗
deals überhaupt eine Emanzipation des Laienlebens von der
Beistlichkeit brachte. So wurden schon um 1677 gelegentlich
Collegia biblica ohne Beteiligung von Geistlichen abgehalten,
und bald übernahmen an nicht wenigen Orten sogenannte
schöne Seelen aus dem Laienstande die Führung. Damit ver—
banden sich dann früh unmittelbar kirchenfeindliche Erscheinungen:
Enthaltung vom Abendmahl, Ausmalung der kirchlichen Zustände
der Gegenwart als der des Babels der Offenbarung und der—
gleichen; und schon 1682 war es daraufhin in Frankfurt,
einem der Ursprungsorte der Bewegung, zur Separation von
der Kirche und danach, wie von nun ab nicht selten, zur Aus—
wanderung der separatistischen Elemente, diesmal nach Penn—
sylvanien, gekommen. Vergebens, daß Spener bereits 1684 in
riner besonderen Schrift seine Stimme gegen diese Gefahr er—
hob; sie blieb gleichwohl bestehen und führte, namentlich in dem
bon jeher dem Sektierertum zugeneigten Schwaben, zu mancher
unglückseligen Gemeindebildung. Denn mit der Verkündigung
einzelner dogmatischer Abweichungen vom Landeskirchentum
verknüpfte sich nicht selten die Aufnahme chiliastisch-enthusiastischer
Elemente; Personen wie die Asseburg traten auf, die sich in⸗
spiriert glaubten; und sittliche Entgleisungen vervollständigten
das Bild einer trüben Gärung, die etwa um 1700 ihren Höhe—
ounkt erreichte.

Dazu kam, daß es, wie stets in solchen Fällen, auch an
Einzelpersonen nicht fehlte, die trotzig eigene Wege radikalen
Denkens und Empfindens wandelten. Zu diesen gehörten z. B.
der schon genannte Gießener Theologe Gottfried Arnold (1666
bis 1714), der Verfasser der „Unparteiischen Kirchen- und Ketzer⸗
histories1, und der noch radikalere Johann Konrad Dippel

S. oben S. 121.
        <pb n="190" />
        Aufklärung und Pietismus.

171
(1673 1734), der die christliche Seligkeit auch der Juden,
Türken, Heiden lehrte, wenn sie der Welt abstürben.

Im ganzen aber bildeten sich doch nur zwei Richtungen
aus, die sich in der Entwicklung der Mittel zur Befriedigung
frommen Sinnes stärker unterschieden, und die nach den Namen
Speners und Franckes genannt werden können.

Bei Spener und in den Kreisen, die ihm anhingen,
herrschte eigentlich nur das Bedürfnis, sich des alten Heils der
lutherischen Kirche durch stärkere Gemütserregungen in un—
mittelbarer Teilhaberschaft bewußt zu werden. Und als Mittel
zur Erreichung dieses Zieles diente eigentlich nur eine besonders
tändige und innige, bisweilen sogar dringliche und von laut
ich äußernder Inbrunst erfüllte Gebetspraxis; insbesondere
wurde das Bittgebet um alle möglichen Dinge intensiv ge—
pflegt. So war zum Beispiel die Schwäbin Beate Sturm eine
besonders starke Beterin. Sie betete für sich und andere;
tundenlang drang sie auf Gott ein mit „Dreistigkeit“n und
suchte ihn ihrem Willen gefügig zu machen, ihn mit Betteln,
Schreien, Ringen gewissermaßen zu ermüden. Natürlich ver—
band sich mit dem Gebete der feste Glaube, erhört zu werden.
Und darum brachte das Gebet erfahrungsmäßig einen Zustand
besonderer Freudigkeit und Herzensruhe; in vereinzelten Fällen
erwies sich das Gefühl, des Gebetes Gewährung zu erhalten,
als so stark, daß der Betende für diese Gewährung sein Leben
würde zum Pfande gesetzt haben. Dieser Gebetsgewißheit
entsprach dann ein unerschütterlicher Vorsehungsglaube auch für
die kleinen Ereignisse des Lebens. Und natürlich auch ein
ausgesprochener Wunderglaube: doch unter dem Einflusse des
Rationalismus, dessen wissenschaftlichen Ergebnissen die Pietisten
sich keineswegs entgegenzutreten gezwungen sahen, charakte—
ristischerweise weniger ein Glaube an Wunder, durch welche
die Kausalität der äußeren, insbesondere anorganischen Natur
aufgehoben wurde, als an solche, in denen die Lenkung

Ritschl 8, 22 ff.
        <pb n="191" />
        172 Neunzehntes Buch. Viertes RKapitel.
von Menschenseelen durch unmittelbar göttliches Eingreifen, also
eine Aufhebnng der psychischen Kausalität, in Frage kam.
Diese Frömmigkeitsmittel und zugleich Frömmigkeits—
iußerungen Speners und der Seinigen wurden nun durch Francke
schärfer präzisiert. Francke gehörte zu den Frommen, die in einem
einmaligen starken Bekehrungserlebnis Heilsgewißheit erlangen;
im Jahre 1687 war er zu Lüneburg, seiner „geistlichen Geburts—
stadt“, des rechten Weges gewiß geworden. Er verlangte da—
her, daß auch seine Anhänger ein solches Erlebnis aufwiesen,
den „Durchbruch“; und darum wurde dies Moment neben der
ebenfalls gepflegten Gebetspraxis das eigentlich Charakteristische
des sogenannten Halleschen akademischen Pietismus. Erstrebt
aber wurde der Durchbruch in der Disziplin eines Bußkampfes,
die vor allem in ständig wiederholtem peinlichen Durchforschen
des Innern bestand. Es war eine harte Form geistlicher
UÜbung, die bis zu körperlicher Auflösung führen konnte;
Semlers älterer Bruder, dem der Durchbruch schwer fiel und
der ihn gleichwohl erlangen wollte, hat ganze Nächte durch—
vinselt und ist schließlich an seiner Bußpraxis gestorben.

Übersieht man aber die Frömmigkeitsmittel des Pietismus,
so entdeckt man bald: das Gebet ist eine verfeinerte Form
der mittelalterlichen Askese, der Bußkampf eine verinnerlichte
Form der Kontemplation. Damit ist die entwicklungsgeschicht—
liche Stellung der Bewegung ohne weiteres gegeben; es handelt
sich um Formen einer ausgeprägt individualistischen Frömmig—
keit. Und man erfährt noch zum Überflusse, daß auf indi—
viduelles Gebet gedrungen wird, und daß der Bußkampf rein
persönlich, ohne Gebrauch der Anleitungen des Mittelalters zu
objektiv gebundener Kontemplation, nur durch eine auf das eigene
Innere gerichtete Betrachtung geführt werden soll.

Innerhalb des Individualismus aber wiederum wird die
geschichtliche Stellung des Pietismus am deutlichsten aus seiner
Stellung gegenüber den bestehenden Kirchen. Und da hielt man
aun im allgemeinen noch am Luthertum fest, wenngleich dessen
Reformbedürftigkeit verkündet wurde. Aber man sah in ihm
nur die beste, nicht die einzig mögliche der Kirchen; Spener
        <pb n="192" />
        Aufklärung und Pietismus.

173

hat schon in seine Frankfurter Konventikel auch Reformierte
aufgenommen.

Und dieser Haltung gegenüber der Kirche lief eine gleich
freie parallel gegenüber der Lehre und der Heiligen Schrift.
Man erkannte in den biblischen Büchern Wertunterschiede an.
Man stellte den individuellen Heilsweg über die Glaubenssätze.
Von rationalistischer Kritik befruchtet oder wenigstens mit be—
einflußt, hatte man eine gewisse Abneigung gegen systematische
Theologie überhaupt und verhielt sich ziemlich indifferent gegen
dogmatisches Christentum. So wenigstens Spener, der gesagt
hat: „Das Reich Gottes ist nicht gebannt in die Rinamauern
unserer Kirche.“

Nun besteht kein Zweifel, daß eine solche geistige Haltung
zunächst mit dem Umstand zusammenhing, daß es, sozial be—
trachtet, aristokratische Schichten waren, deren Angehörige sich
im Pietismus zusammenfanden: geistig hochentwickelte Bürger
und Adlige. Zugleich aber ist klar, daß diese Haltung leise
iüber den Individualismus hinauszuweisen begann hinein in ein
subiektivistisches Christentum.

Dennoch läßt sich von einer allgemein subjektivistischen
Haltung noch keineswegs reden. Von deren vollen Zügen fehlt
zum Beispiel gänzlich das persönliche Verhältnis und deshalb
die Liebe zur Natur: Spener ist in Dresden ein ganzes Jahr
lang nicht zum Stadttor hinausgekommen, und in seiner neun⸗
jährigen Berliner Tätigkeit hat er seinen Propsteigarten nur
zweimal besucht. Nicht minder bezeichnend ist der vollständige
Mangel an Liebe zu menschlicher Gesellschaft und Geselligkeit;
Franckes „Dreißig Regeln zur Beratung des Gewissens und
zuter Ordnung in der Konversation oder Gesellschaft“ schätzen
Geselligkeit nur in der Form christlichen Gedankenaustausches;
zanz allgemein gelten ludi fortanae, saltationes und ludi
heatrales als ein Greuel vor dem Herrn; den Kindern des
Halleschen Waisenhauses ist Ballspielen, Schneeballen, Baden
und Betreten des Eises unbedingt verboten, da sie „ihre wahre
Freude und süße Herzenslust an ihrem freundlichen und hold⸗
seligen Heilande finden“ sollen; auch erlaubte Scherze sind
        <pb n="193" />
        74 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
schon an sich anstößig; Verkehr mit Frauen gilt von vornherein
als verdächtig, denn in ihm könne man „unmöglich Gott
schauen“; und bei einzelnen Radikalen, wie Arnold, steigert sich
die Abkehr von der „Welt“ bis zum Gedanken der Ehelosigkeit
oder der jungfräulichen Ehe. Ein drittes Merkmal endlich,
das den Pietismus innerlich vom Subjektivismus trennt, ist
die Tatsache, daß die Erkenntnis als solche nicht geschätzt
wird. Oder wie sich Francke ausdrückt: „Alle zu den Füßen
Gamaliels erlernte Wissenschaft ist als Dreck zu achten gegen
die überschwengliche Erkenntnis Jesu Christi, unseres HErren.“
Unter diesen Umständen war der Pietismus noch nicht
entwicklungsgeschichtlich dazu bestimmt, bis an, geschweige denn
in die vollen Weiten des subjektivistischen Zeitallers zu führen.
Sewiß erstreckten sich unmittelbare Ausläufer seiner Frömmig⸗
keit noch vielfach bis in die neuere Zeit. Die Zusammenhänge
zwischen Empfindsamkeit und Pietismus sind bekannt; am
lebendigsten und in besonderer Wichtigkeit traten sie vielleicht
bei Klopstock hervor; und in Württemberg hat pietistisches
Gemütsleben, formaler Verknöcherung und äußerlicher Extra—
vaganz schließlich gleich fern, noch bis tief ins 19. Jahr⸗
hundert fortgewährt. Im allgemeinen aber war, was von
reinem Pietismus um die Mitte des 18. Jahrhunderts noch
bestand, nicht der Art, daß es ein frisch einsetzendes, die Ge—
währ langer Dauer in sich tragendes Gemütsleben hätte an⸗
ziehen können. Wie wenig das selbst da möglich erschien, wo
der Pietismus noch in seiner reinsten Gestalt erhalten und fort⸗
gebildet war, zeigt nach einigen Seiten hin typisch das Ver⸗
hältnis Goethes zum Fräulein von Klettenberg. Aber der
eigentliche, der Pietismus der Durchschnittsseelen war längst
nicht mehr der des Fräuleins von Klettenberg. Bereits im
ersten Viertel des 18. Jahrhunderts war, zunächst für die An—
hänger des Theologen Buddeus in Jena, mit Recht der Name
Mucker (von germ. muk heimlich tun, verwandt mit meuchel -)
aufgekommen: schon wurden die écclesiolae in écelesia Speners
zu Konventikeln im schlimmen Sinne des Wortes. Und gleich⸗
zeitig hörte man auch sonst von zunehmender Vorliebe für
        <pb n="194" />
        Aufklärung und Pietismus.

178
allerlei schwärmerische Absonderlichkeiten, von Abnahme des
kirchlichen Bewußtseins, von Separatismus und Mystizismus. Es
war eine Richtung, die wohl hier und da aufgestaut und bei
—00
keit nochmals zu besonderen, an sich bedeutenden Wirkungen
zusammengefaßt werden konnte. Im ganzen aber kam es, eben wegen
der formalen Bindung des Heilswegs und der Heilsmittel und in—
folge des hierdurch bedingten raschen Verfalls, zu keiner glücklichen
Durchdringung altpietistischer Frömmigkeit und neuentwickelten
Gefühlslebens: die wenigen Versuche in dieser Richtung sind
unerquicklich und überspannt. So die Gemeinde der „Geschwister
Christi“ des exzentrischen Lavater, der übrigens, wenngleich als
klarste und sympathischste Gestalt, auch die Klettenberg angehörte.
Wie aber stellte sich Lavater unter all den an eingebildeten
Seelenleiden kranken Frauen des Kreises zu dem Fräulein! „Ich
muß noch schreiben,“ heißt es in einem seiner Briefe von ihr,
„an Goethe und eine himmlische Seele, Goethes Freundin, die
sich Cordata unterschreibt und der Sabbat meiner Reise ist. —
D Bruder! welche Seelen gibt's! Wie bin ich Schwätzer,
Heuchler, Greuel gegen Cordata!“ Welch widerliche Mischung
süßlicher Empfindelei und weinerlicher Frömmigkeit? Oder will
man schließlich in dem Treiben am Hofe Friedrich Wilhelms II.
noch ein Wiederaufleben des alten Pietismus sehen? Der König
war alles andere als fromm, sondern nur eine dem Mystischen,
Geheimnisvollen, Abenteuerlichen zugeneigte Natur, dem Aben⸗
teuerlichen auch in der Form des Pietismus.

Diejenige Frömmigkeitsbewegung des ausgehenden Indivi—
dualismus, die weit eher, wenn auch in engeren Kreisen, zum
Subjektivismus herüber vermittelt hat — Novalis wie Schleier⸗
—
die darum entwicklungsgeschichtlich besonders lehrreich ist, war
das Herrnhutertum.
        <pb n="195" />
        176 Neunzehntes Buch. vViertes Kapitel.

IV.
Der Graf Zinzendorf ist vom Pietismus ausgegangen; in
seinem elterlichen Hause herrschte Speners Geist; er selbst ist auf
dem Pädagogium zu Halle erzogen worden. Schon in Halle stiftete
er unter seinen Mitschülern einen Erbauungskreis: so tief war
hm das religiöse Bedürfnis eingeboren und die Neigung, andere
religiös zu leiten. Nachdem er sich auf sein Gut Berthelsdorf
in der Lausitz zurückgezogen hatte, gründete er hier zunächst den
Vierbrüderbund, ein Konventikel, mit zwei benachbarten Geist—
lichen und einem adligen Freunde. Die nächste Gründung war
die der Herrnhuter Brüdergemeine (1722, Statuten von 1727):
eines großen Konventikels mit teilweis besonderen Formen. Den
Anlaß gaben ausgewanderte mährische Brüder, die Zinzendorf
auf seinem Gebiete aufnahm, sowie andere Sektierer, Pietisten,
Separatisten, Schwenckfeldianer, die sich den Brüdern alsbald zu⸗
Jesellten. Die Gemeine hatte ihre religiösen Privatvers ammlungen
und eine private Laienverwaltung im Ältestenamte; dem gemein⸗
samen kultischen Handeln diente die Singstunde, die von Zinzendorf
oder einem Vertreter geleitet wurde. In ihr wechselten Gesang
und erbauliche Rede. Dabei konnte an geeigneter Stelle jedes
Bemeindemitglied mit einem passenden Liede einfallen: so wurde
der alte Liederschatz der mährischen Brüder erhalten und wieder
lebendig gemacht. Es konnte aber auch improvisiert werden,
und die Lieder Zinzendorfs versteht man erst recht, wenn man
bedenkt, daß die meisten von ihnen als solche Improvisationen
entstanden sind. Im übrigen aber bedeutete die Gemeinde—
bildung durchaus keine Kirchenbildung; Zinzendorf und die Ge—

meine gingen beim Pfarrer von Berthelsdorf zum Abendmahl
und erkannten ihn als ihren Parochus an.

Freilich noch viel weniger bestand ein ängstlicher Zu—
sammenhang mit dem Luthertum. Die Bekenntnisse als Träger
des Dogmatismus standen den Herrnhutern überhaupt fern.
Zinzendorf hat gemeint, es sei gleich, ob eine Seele reformiert,
lutherisch oder katholisch sei, wenn sie nur dem Heiland zu
        <pb n="196" />
        Aufklärung und Pietismus. 177
Füßen falle. Dies zu tun galt den Brüdern freilich als selbst—
oerständlich, und insofern empfanden sie ihre Gemeine doch als
die wahre Kirche.

Aber die Kirchen- oder die Gemeinebildung ist für Zinzen—
dorf und seine Anhänger überhaupt ein Moment zweiter
Ordnung; und mit Recht hat man sagen können — und darin
stimmen so verschiedene Beurteiler wie Ritschl und Joseph
Theodor Müller überein —, daß sogar für Zinzendorf selber
die Gründung der Brüdergemeine mehr Zufall, nämlich Aus—
luß seiner stark altruistischen Anlage, als Konsequenz innersten
religiösen Bedürfnisses gewesen sei. Dieses innerste Bedürfnis
führte vielmehr auf eine rein persönliche, schon stark sub—
jektivistische und als halb subjektivistische Anfangsform
enthusiastische Frömmigkeit.

Wie sehr sie der Kern des Neuen war, zeigt schon der
rein persönlich-sinnliche Zug der Verehrung, wie er z. B. bei
Novalis wiederkehrt, vor allem der Person Christi. Gewiß
hatte diese Saite schon im Pietismus angeklungen. Aber voll
ertönte sie erst bei den Herrnhutern. Und nicht immer in reinem
oder wenigstens geschmackvollem Lobe Gottes. Wie schön war
doch von der alten Kirche das Bild des Hohen Liedes von der
Taube, die sich im schützenden Felsenrisse birgt, auf die Seele ge—
deutet worden, die sich vor Satans Krallen in die Wundenmale
des Herrn flüchtet. Wenn aber dies Bild in der Gemeine und
vor allem bei Zinzendorf zu einem förmlichen Kultus der Seiten—
wunde Anlaß gab, wenn da von „Wundenwürmelein“ und „Kreuz⸗
ustvögelein“ die Rede war, so gibt es im Himmel und auf Erden
keinen Geschmack, der so ekelhafte Exzesse nicht verdammen müßte.

Viel erfreulicher und klarer äußerte sich der durch—
schimmernde Subjektivismus auf dem Gebiete der Lehre.
Hier war er, soweit er erkenntnistheoretisch begründet war,
wesentlich ein Produkt des Einflusses weit entwickelter auf—
lärerischer Lehren, namentlich des Deismus Leibnizens. Äußer—
lich allerdings hielt Zinzendorf am Augsburgischen Bekenntnisse
est. Allein innerlich stand seine Religion nur auf dem Be—
kenntnisse von Jesus. „Ein Katechismus für die ganze Welt,

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 12
        <pb n="197" />
        178 Neunzehntes Buch. Viertes LKapitel.
für alle Menschen, der christgemäß sein soll, muß allein von
Jesu Christo handeln, der aller Welt Gott ist.“

Christus aber, so in den Vordergrund gestellt, wurde so gewiß
wie göttlich, so gewiß auch rein subjektiv schon als menschlicher
Seelenfreund gedacht. Und das führte innerlich bereits zu einer
leisen Historisierung der Heilstatsachen: der Vermenschlichungs⸗
prozeß des Göttlichen wurde zum eigentlichen Inhalte des
Evangeliums; es war ein „coup de madtre der heiligen Drei—
einigkeit, daß unser Schöpfer ein Mensch worden ist“, und die
Andacht wurde zu einer Anbetung der „heiligen Menschheit“
des Erlösers.
Natürlich war die Folge einer solchen Bibelerklärung die
immanente Deutung des Dogmas. Vor allem fiel da der alte
schwere Begriff der Erbsünde; übrig blieb nur die Erkenntnis,
daß der Mensch besser sein könne, als er jetzt ist. Zu diesem
Besserwerden verhilft nun der Heiland. Und das Besserwerden
mündet in Glückseligkeit: denn „nicht darin besteht das Wesen
des Christentums, daß man fromm sei, sondern daß man glück⸗
elig sei“: untergeordnet ist die Genugtuungslehre der Refor—
mation dem Glückseligkeitsideal der Aufklärung.

Natürlich ging die Tendenz der Lehrentwicklung, die mit
solchen Ansichten begann, grundsätzlich über die krennenden
Unterschiede der Bekenntnisse hinweg; sie bedeutete die „In⸗
thronisierung des Lammes für Christen, Juden und Heiden“ und
ließ sich in jeder christlichen Konfession durchführen.

Konnten nun Zinzendorf und seine Gemeine unter diesen
Umständen an den alten Frömmigkeitsmitteln des Pietismus
Befallen finden, namentlich soweit sie mit Franckes Bußkampf
zusammenhingen? Mit der Verwerfung der Sündenschafts⸗
und Genugtuungslehre hatte mindestens der Bußkampf seinen
Lohn dahin. Statt dessen suchte man, um zu Christus zu ge⸗
langen, einfach den innigsten, ja persönlichen Verkehr mit ihm.
Zinzendorf erzählt in dieser Hinsicht schon aus seiner Uni⸗
versitätszeit: „Alles machte ich mit meinem Heiland aus, was
mir wichtig war. Wenn ich bei dem Tanzmeister eine künst⸗
        <pb n="198" />
        Aufklärung und Pietismus. 179
liche Lektion oder bei dem Bereiter eine schwere Schule lernen
sollte, so nahm ich den Heiland zu Hilfe.“ Dieser Verkehr er—
wies sich dabei als von übernatürlicher Gewalt; er zog wie ein
Magnet an, wurde wohl auch durch ein plötzliches religiöses
Erlebnis gewonnen oder wenigstens in seiner Wirksamkeit er—
höht: „Wenn man, als ein Sünder, dem Heilande das erste
Mal zu Füßen fällt, da fühlt man nichts als Liebe, Gnade,
Heiligkeit und Erlösung. Das ist ein solcher geheimnisvoller
Moment der Freiheit, da man mit Liebestränen zu tun hat,
die uns keine Freude wehren.“ „Die Liebe Gottes kann einem
Herzen, welches darauf Achtung gibt, in einem Augenblicke
mehr wirken, als alle Sittenlehre nimmermehr ausrichten kann.“
Also zu einem „Durchbruch“ konnte es auch hier, im Bereiche
der Herrnhuter Frömmigkeit kommen. Aber es ist nur ein
Durchbruch des Bewußtseins „der Gotteskindschaft von Jugend
auf“. Und diesen Durchbruch hat Zinzendorf in der Tat an
'iich selbst erlebt: am 19. Juni 1729. Und gewiß gibt es nun
auch eine Disziplin auf ihn hin, so wie auch Mittel zur Er—
haltung der damit erreichten Höhe frommen Bewußtseins zur
Verfügung stehen. „Die Heiligung muß so hoch getrieben
werden, sobald man Gnade und Kraft hat, daß eine Seele
nicht mehr weiß, was haben, sein, fühlen, faulenzen wollen
für ein Ding ist.“ Und da werden denn allerdings noch
Sakramentswirkungen stark mit zu Hilfe gezogen: da „muß man
in das innigste Sehnen nach dem ewigen Gut, in ... ein zitterndes
Verlangen nach dem Geschmacke des Brotes Gottes und nach der
Vereinigung mit dem Mann der Seelen und in ein Geschäftig—
sein ohne Nachlaß und ohne Müdewerden hineingeraten.“
Denn den Heiland zu genießen und sein Blut, das ist der
Punkt, darauf es ankommt. „Des Menschen Jesu Christi, wie
er am Holze so milde sich zu Tode geblutet hat, teilhaft und
seines blutigen Verdienstes halber selig werden, das ist der Ge—
meine Geheimnis.“ Ist aber das Sakrament, zunächst das des
Abendmahls, in diesem Sinne verstanden wirklich noch das alte
kirchliche Sakrament zur Vergebung der Sünden? Wer wollte
es auch nur einen Augenblick annehmen! Nur die sinnlichste
19*
        <pb n="199" />
        180 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel.
mystische Vereinigung mit Christus herbeizuführen ist seine Auf—
gabe.

—A gewaltigste Frömmigkeitsmittel
religiöser Gebundenheit, das Sakrament, in dieser letzten Form
individualistischen Christentums schon im Begriffe, subjektiv
behandelt zu werden: denn verschwunden ist die Furcht vor der
Sünde. Wie es das Fräulein von Klettenberg, an dieser
Stelle ihrer Bekenntnisse echt herrnhuterisch und mehr noch als
herrnhuterisch empfindend, mit klassischer Einfachheit ausgedrückt
hat: „Wenn ich Gott aufrichtig suchte, so ließ er sich finden
und hielt mir von vergangenen Dingen nichts vor. Ich sah
hintennach wohl ein, wo ich unwürdig gewesen, und wußte
auch, wo ich es noch war; aber die Erkenntnis meiner Ge⸗
brechen war ohne alle Angst. Nicht einen Augenblick ist mir
eine Furcht vor der Hölle angekommen; ja die Idee eines bösen
Geistes und eines Straf- und Qualortes nach dem Tode konnte
keineswegs in dem Kreise meiner Ideen Platz finden. Ich fand
die Menschen, die ohne Gott lebten, deren Herz dem Vertrauen
und der Liebe gegen den Unsichtbaren verschlossen war, schon so
anglücklich, daß eine Hölle und äußere Strafen mir eher für
sie eine Linderung zu versprechen, als eine Schärfung der
Strafe zu drohen schienen.“

Es find die Gesinnungen, an welche die ersten großen
Frommen des Subjektivismus, ein Novalis, ein Schleiermacher,
nachmals angeknüpft haben; über sie hinaus ließ sich eine
Frömmigkeit des individualistischen Zeitalters nicht mehr denken;
ija sie stehen schon ziemlich jenseits der Gemütsgrenze dieses
Zeitraums.
Waren sie aber um 1750 etwa weit verbreitet? Keines—
wegs. Einige Stille im Lande erfreuten sich ihrer, „schöne
Seelen“ einer zweiten und dritten Generation; ihre ständig
organisierte Pflege beschränkte sich auf die kleinen Kreise Herrn—
huts. Die geistige Strömung, die herrschte, war die der Auf⸗—
klärung.

Stand aber die spätere Aufklärung den innersten Bedürf⸗
nissen der Menschenseele, die sich im Pietismus und Herrnhuter⸗
        <pb n="200" />
        Aufklärung und Pietismus.

181
tum in ihrer Weise ausgesprochen hatten, wirklich so fern, als
es zunächst den Anschein hat?

Rationalismus und Pietismus sind zunächst längere Zeit,
ja ein gutes Stück ihrer Gesamtentwicklung zusammengegangen,
insofern sie in Orthodoxie und verknöchertem Christentum den
gemeinsamen Feind sahen. Zudem: sollte außerhalb dieser
dogmatischen Kirchen oder wenigstens ohne ihre unmittelbare
Hilfe ein Verhältnis des Individuums zu Gott gesucht werden,
so war das möglich durch Annäherung entweder auf dem Wege
des Gemütes oder auf dem des Verstandes. Und anfangs
mochte der eine Weg noch ruhig neben dem andern herlaufen,
ehe, bei allmählicher Divergenz der vordem gemeinsamen Ziele,
Kopf und Herz aneinander gerieten.

So erklärt es sich, daß bei der Taufe der Universität
Halle, die um die Wende des 17. Jahrhunderts, zur Zeit der
Blüte des Pietismus, recht eigentlich Trägerin aller modernen
Geistesströmungen war, Rationalismus und Pietismus in Ein—
tracht beieinander Patenstelle übernommen hatten: neben Tho—
masius stand August Hermann Francke, und noch spät konnte
unter den Gegnern Halles der Spruch die Runde machen:
„Du gehst nach Halle? Du wirst als Pietist oder Atheist zu—
rückkehren!“ Und so versteht man auch, wie es innerhalb
dieser Zusammenhänge in Halle auf einem Gebiete, das reli⸗—
giösen und intellektuellen Bestrebungen zugleich angehörte, zeit⸗
weise zu inniger gemeinsamer Arbeit beider Strömungen kommen
konnte. Es war der Fall auf dem Gebiete der Pädagogik. Als
Francke im Jahre 1701 seinen Plan zu einem Seminarium
universale entwarf, von dessen Durchführung er sich eine volle
Umwälzung des europäischen Geisteslebens versprach und als

dessen Anfang bloß er die heute noch blühenden großen
Halleschen Anstalten betrachtete, da schwebte ihm das Programm
einer Bildung und Erziehung vor, die rationalistische und
pietistische Elemente in sich vereinigen sollte: Pflege christlicher
Frömmigkeit vermöge humanistischer Bildung zur Vertiefung
der Bibelinterpretation, aber daneben Pflege auch aller nütz—
lichen Kenntnisse im Sinne der Vernunftlehre: und nur Arbeit,
        <pb n="201" />
        182

Neunzehntes Buch. vViertes Lapitel.
kein Spiel, keine freien Schulnachmittage, keine Ferien. In
pietistischem und rationalistischem Sinne zugleich also wurde
die Schola latina begründet und tatsächlich geleitet.

Und es ist charakteristisch, daß der Pietismus in dieser
Verquickung mit rationalistischen Tendenzen noch lange fort—
gelebt hat, ja grade in diesem Zusammenhange in gewissem
Sinne von Bedeutung geblieben ist bis zur Gegenwart. König
Friedrich Wilhelm J. von Preußen war recht eigentlich ein
Freund dieser Kombination, da sie wichtigen Seiten seines
eigenen Wesens entsprach; von ihr aus vor allem gewann er
ein inneres Verhältnis zu den Halleschen Bestrebungen; und so
war es kein Wunder, wenn die Franckesche Methode auf die
brandenburg-⸗preußischen Gymnasien übertragen und wenn von
ihrem Ideenkreise her auch die preußische Volksschule begründet
wurde. Aber die Kombination fand auch über Preußen hinaus
Singang. Blieb es auch vielfach auf den Gymnasien des
protestantischen Deutschlands der Hauptsache nach bei dem Schul⸗
betriebe des 16. Jahrhunderts, so sind doch die Franckeschen
Reformen wenigstens teilweis auch den sächsischen und sonstigen
mitteldeutschen, den mecklenburgischen und pommerschen wie den
protestantisch-süddeutschen Schulen zugute gekommen.

Welches von den beiden Elementen dabei stärker eingewirkt
hat, das pietistische oder das rationalistische, ist schwer im ganzen
zu sagen. Gewiß aber ergibt sich aus der Dauer des kombi—
nierten Einflusses weit über alle spezifisch pietistischen Zeit—
strömungen hinaus, daß neben den Bedürfnissen des Herzens
doch noch stärkere Bedürfnisse auch des Verstandes zu befriedigen
waren.
In der Zeit selbst aber, um 1750 etwa, hatte der Ratio—
nalismus in der Form der Aufklärung den Pietismus zweifels⸗
ohne überflügelt. Es war zunächst geschehen, weil der Pietismus
entwicklungsgeschichtlich eine Lösung bezeichnete, die für die
früheste Zukunft schon des Subjektivismus unannehmbar war:
schon in feste Formen gegossene Frömmigkeitsziele einer älteren
Entwicklungsstufe der Persönlichkeit sollten noch einmal erreicht
werden vermittelst wichtiger Teile des Empfindungslebens einer
        <pb n="202" />
        Aufklärung und Pietismus.

183

neuen Zeit, die eben erst im Hereinbrechen begriffen war; es war
eine unmittelbare Verschiedenheit zwischen Ziel und Mittel mit
selbstverständlich unbefriedigendem, bruch- und bresthaftem Aus—
gang. Aber war nicht auch die Aufklärung selbst um 1750 in einer
Wandlung begriffen, die sie um so leichter den Pietismus ersetzen
ließ, die sie auch dem Herrnhutertum als eine gefährliche Macht
auf gleichem Niveau entgegenstellte: in einer Wandlung hin
nach den reicheren Quellen emporquellenden Lebens im Gemüte?

Man würde die Bedeutung der Aufklärung für die zweite
Hälfte des 18. Jahrhunderts wenig verstehen, wollte man nicht
diese Seite der letzten rationalistischen Entwicklung scharf ins
Auge fassen.

Schon bei Leibniz, dem eigentlich ersten großen Philo—
sophen des inneren Deutschlands, tritt die Kombination ratio⸗
naler und sentimentaler Elemente deutlich zutage. Sie ist es,
welche in der Tiefe seiner Anerkenntnis der christlichen Dog—
matik — mit Ausnahme nur der Dogmen von der Verdammnis
der ungetauften Kinder und der Heiden! — zugrunde liegt:
nicht bloß die Tatsache, daß er eine irenische Natur war im
Sinne etwa des Erasmus, oder gar die Erwägung, daß es
diplomatischer“ sei, äußerlich Christ zu bleiben. Und sie ist es
auch, die ihn über das Gestrüpp der Dogmen hinaus, die er
schließlich restlos in dem Begriffsgebäude seiner religio naturalis
unterbrachte, im Christentum wiederum Empfindungswerte be—
grüßen ließ. Denn nur an den allein und kräftig hervor—
gehobenen Grundwahrheiten konnte sich wieder ein lebendiges
religiöses Gefühl entzünden, nur aus ihnen konnten kräftige An—
stöße zum praktischen Handeln hervorgehen. Und darum ist
Leibniz für die Vereinigung der christlichen Bekenntnisse un—
ermüdlich tätig gewesen, wie er zugleich theologische Traktate fast
im Stile christlicher Mystik verfaßt hat, so den „Vom höchsten
Gute“, den „Von der wahren theologia mystica“ und andere.

Nun begann allerdings nach Leibniz die speziell religiöse,
antikirchliche und antidogmatische Aufklärung, um in dem
Menschenalter von etwa 1740 bis 1770 ihre höchste Blüte zu
ꝛrreichen: und damit wurde es von Jahr zu Jahr schwerer,
        <pb n="203" />
        184 Neunzehntes Buch. Viertes Lapitel.
neben den rationalen Errungenschaften des Verstandes zugleich
auch die Frömmigkeit des Herzens zu pflegen. Und es waren
dieselben Zeiten, in denen die ersten wahrhaft eingeborenen Er⸗
scheinungen subjektiven Seelenlebens eben aus der Tiefe des
Bemütes hervorbrachen, um fast ganz im Bereiche dieses
Gemütslebens zu verlaufen: Empfindsamkeit, Sturm und
Drang, die Zeiten der Genies und ihres Kultus! Wie ver⸗
mochte sich da die Aufklärung mit den neuen Forderungen ab⸗
zufinden?
Auch hier zeigen sich bei Leibniz die Spuren einer Auf⸗
'assung, die schließlich von der Aufklärung in die späteren
ersten großen Zeiten des Subjektivismus, in die Jahre Kants
und der großen Dichter hinüberleitete, ohne den so vielfach
trüben Wässern des anfänglich tosenden subjektivistischen Enthu⸗
iiasmus allzustarken Einlaß zu verstatten. Bei Leibniz hat das
religiöse Gefuhl — wie in ähnlicher, nur etwas absonderlicher
Weise bei Zinzendorf — schon ein starkes ästhetisches Element;
von ihm stammt das Wort: amare est contemplatione alicuius
roi delectari. Und eben aus diesem Zusammenhange stammt
das, was sein religiöses Gefühl charakterisiert: die ungetrübt
optimistische Resignation.

Ist aber nicht eben dies Gefühl auch das religiöse Element
der späteren Aufklärung? Überall, wohin wir schauen, sehen
wir es wiederkehren: in höchster Reinheit und Vollendung bei
Lessing. Es ist der positive Gegenpol der Aufklärung gegen⸗
über der Sünden- und Gnadentheologie der Reformation:
zwischen diesen beiden Motiven verläuft die religiöse Entwick—
lung des Individualismus. Oder hätten etwa die Refor⸗
matoren den Satz der Aufklärung billigen können, daß „Zu⸗
friedenheit und Freude die sicherste Grundlage der Religion und
Frömmigkeit seien“?

Indem sich aber Aufklärung und Reste des Pietismus, sowie
auch das Herrnhutertum in einer solchen Empfindung schließ⸗
lich trafen, ist nicht zu verkennen, daß das religiöse Problem
damit nicht eigentlich gelöst, sondern nur vertagt und aus seinen
Angeln verschoben worden war. Ihm war ein ästhetisches
        <pb n="204" />
        Aufklärung und Pietismus. 185
untergelegt: durch der Schönheit Land sollte der Subjektivismus
der ihm nicht ersparten Aufgabe der Bildung einer eigenen,
natürlich auch frommen Weltanschauung zuziehen.

Einstweilen aber galt die Verschiebung des Problems, wie
sie denn schließlich das Werk der mächtigsten aller spätindividua—
listischen Strömungen, des Intellektualismus und der Aufklärung,
gewesen ist. Und unter diesem Aspekt gewann die nationale
Phantasietätigkeit des ausgehenden Individualismus eine Be—
deutung, die weit über den rein ästhetischen Wert ihrer Erzeug—
nisse — wenn man dem einmal von einem solchen Werte
sprechen will — hinausging.
        <pb n="205" />
        <pb n="206" />
        S5wanzigstes Buch.
        <pb n="207" />
        <pb n="208" />
        Erstes Kapitel.
Die bildenden Fünste des VBarocks und
des Rokokos.

Die Entwicklung der Architektur auf deutschem Boden
vährend der eigentlichen Renaissancezeit und bis zur Mitte des
17. Jahrhunderts war nicht einheitlich verlaufen!. Vor allem
die Niederlande, dieser weltgeschichtlich in jener Zeit besonders
reich befruchtete Winkel deutschen Wesens, hatten sich ab—
gesondert. Aber auch auf deren Boden wiederum war die
Entwicklung schließlich nicht einheitlich gewesen. Von gemein—
samem Grunde aus hatte sich unter dem Einflusse völlig ver—
schiedener politischer und geistiger Schicksale in ihrem Süden ein
üppiges Barock, in ihrem Norden eine verständige und würdige
Spätrenaissance entfaltet. Von ihnen war dann der vlämische
Stil, von den Voraussetzungen des italienischen Barocks beeinflußt,
anter dem gewaltigen künstlerischen Drucke der Persönlichkeit
Rubens' wenigstens im Kirchenbau ganz zur Blüte gelangt;
und noch zu Rubens' Lebzeiten hatte er eine nicht unbedeutende
Einwirkung auf die französische Architektur gehabt, während
er den binnendeutschen Bauten fernblieb. Die holländische
Spätrenaissance dagegen, eine würdige Tochter Palladios, da⸗
neben auch von Scamozzi und Vignola beeinflußt, hatte vor

Vgl. hierzu und zum Folgenden Bd. VI, S. 268 ff.
        <pb n="209" />
        190 J Zwanzigstes Buch. Erstes LKapitel.
allem den Profanbau gepflegt und besaß die Verheißung einer
weiten Verbreitung in den Ländern des protestantischen Nordens.

Ehe indes diese Lage, etwa um die Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts, klar zutage trat, hatte die vlämische Kunst wie auch
die holländische im Wettstreit mit der italienischen schon fast
ein Jahrhundert auf die binnendeutsche Architektur eingewirkt;
und gleichzeitig hatte diese, landschaftlich vielfach abweichender
Entwicklung unterliegend, doch vor allem dem Drucke der
Formenwelt des nationalen, außerordentlich hochentwickelten
—RD— so war denn
jener bunte Reichtum der spezifisch deutschen Renaissancebauten
emporgeblüht, der freudig, aber fast systemlos eine Welt ewiger
Abwechslung umfaßt, der selbstbewußt und doch ein wenig
zerfahren in der sich unendlich wandelnden Eigenart seiner
Formen jeder Stimmung, jeder Heimlichkeit, ja jeder Erinnerung
fast des Daseins gerecht wird.

Es war ein Stil voll Humor, voll Häuslichkeit, traut und
neckisch: das volle Gegenteil der geregelten, bei höchster Anmut
doch wohlüberlegten italienischen Renaissance. Es war ein Stil,
—— trefflich entgegen⸗
kam, dem aber so ziemlich alles fehlte, was ihn zum systematischen
Ausdrucke des besonderen architektonischen Könnens und der ent—
wicklungsgeschichtlichen ästhetischen Anschauung der Zeit hätte
machen können.

So kann er auch nicht als der für das Zeitalter des 16.
bis 18. Jahrhunderts eigentlich charakteristische Stil bezeichnet
werden; schon sein bunt zusammengesetztes Herkunftszeugnis ver⸗
bietet das. Der bezeichnende, der entwicklungsgeschichtliche Stil
des Zeitalters ist vielmehr das Barock und dessen Folgeerscheinung,
das Rokoko.

Das Barock ist in Italien entstanden; aber es hat, soweit
es Ausdruck gemeinsamer künstlerischer Auffassungen der abend⸗
ländischen Kulturwelt war, seinen Weg durch West⸗ und Zentral⸗
europa gemacht, bald mehr, bald minder gepflegt; und auch
auf deutschem Boden ist es nicht bloß aufgenommen, sondern
zugleich auch mit erzeugt worden. Im Übermaße seiner Formen⸗
        <pb n="210" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 191
fülle freilich blieb es hier im ganzen Eigentum der katholischen
Länder; doch auch die holländische Spätrenaissance nahm, in⸗
dem sie auf die binnendeutsche Entwicklung speziell des Nordens
übertragen wurde, eine nicht unbedeutende Anzahl barocker
Elemente auf, die sie seit den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts
zugleich mit französischen Einfliissen vermischte; und die ein—
facheren und würdigeren Formen des italienischen Barocks haben
ihren Weg auch unmittelbar in den protestantischen Norden
Jefunden.

Für die Erkenntnis des allgemeinen Stilcharakters des
Barocks gibt es auf deutschem Boden woͤhl keine lehrreichere
Tatsache als die, daß die Philologen der holländischen Uni—
versitäten und die Klassizisten der holländischen Baurenaissance
schon früh, vor allem durch das Buch des Franciscus Junius
„»De pictura veterum“ (1637) vertreten, eifrige Angriffe gegen
die großen Meister der holländischen Malerei und deren Werke
richteten. In der Tat: die ästhetischen Ideale der Renaissance
und dieser Malerei waren grundverschieden. Hier die strengste
Konturierung der Formen; alle Flächen klar umrissen, nirgends
die Mäßigung einer Kante durch Abschleifen oder Runden,
nirgends die Konzentration von Massenwirkungen unter Auf—
hebung der Schönheitsfreude am Einzelnen; dort das Verblassen
Des Umrisses im Licht, die Auflösung des umrissen Flächenhaften
im Halbdunkel und eine Komposition, die durch Licht und
Schatten bedingte Kontraste in Massenwirkung gegeneinander—⸗
setzte und harmonisch ausglich. So konnte, da die nieder—
ländische Malerei recht eigentlich der erste große und offen—
bare Ausdruck des äfthetischen Vermögens des Zeitalters vom
16. zum 18. Jahrhundert war, die Architektur der Renaissance
nicht den charakteristischen Baustil dieser Zeit bedeuten. Auch
in der Architektur kam es darauf an, dem Licht Eingang zu
oberschaffen, die Bauteile im Halbdunkel gleichsam lebendig werden
u lassen und durch eine Anordnung nicht weiter ausbreitender,
sondern gewaltig zusammenfassender Art Massenwirkungen von
berückender Majestat zu erreichen. Der Stil, der dies leistete,
war das Barock.
        <pb n="211" />
        192 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Das Barock beseitigte die feinen Formen des plastischen
Ornaments der Renaissance: die Licht- und Schattenwirkungen
sollten voller werden, also wurde das Relief stärker betont, die
Ausführung vergröbert, die ornamentale Form, soweit sie sich
diesen Bedürfnissen nicht fügte, über Vord geworfen. In
gleichem Sinne wurde auch die Form der Bauglieder verändert
und zugleich außerhalb der Fassade auch noch in steigendem
Maße zum Schmuck der Innenräume verwendet. Die Gesimse
wurden wuchtig, die Profile luden aus, die graden Konstruktions⸗
teile erhielten Schwingungen zur Erzeugung von Licht⸗ und
Schattenwirkung: die gewundenen Säulen, die geschweiften
und gebrochenen Giebel kamen auf, Kreise wurden zu Ellipsen,
Quadrate zu Rauten oder noch verwickelteren Formen; und ge⸗
waltige Treppen mit niedrigen Stufen in gebrochenen Konturen
umrahmten den Baukern.

Zugleich wurde der plastische Schmuck in ganz anders
dekorativem Sinne als bisher angewandt und auch unendlich
vervielfacht. Hatte die Gotik die Statue aufs Skeletthafte
reduziert, um der Darstellung des Innenlebens alle Auf—
merksamkeit zu sichern; hatte die Renaissance wenigstens in
Italien ein schönes Gleichgewicht des ruhig Plastischen und des
ausdrucksvoll Mimischen erreicht: so gab jetzt das Barock seinen
Statuen etwas gewaltsam Bewegtes; eine übereilte, nervöse
Gestikulation von starker Mache verband sich mit überschwellender
Plastik der Muskeln. Dabei trat die Charakterisierung des
Innenlebens zurück: aller Nachdruck wurde auf die bewegte
Wirkung nach außen, auf starke Reflexe in Licht und Schatten
gelegt.

Wie hier Energie, berauschendes Machtgefühl Tendenz zum
Majestätischen und zugleich Aufregenden, kurz das herrschte,
was Vasari maniera grande nennt, so nicht minder in der
Art der baulichen Gesamtanlage. Zunächst: keine behagliche
Breite, kein Sichgehenlassen, sondern Zusammenraffen, Wucht,
Repräsentation. Daher Vorliebe für Zentralanlagen, Kuppeln,
Konzentration überhaupt in der Vertikale, Schwingung der
ganzen Baumasse um ein künstlerisches Zentrum. Und hierzu:
        <pb n="212" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 193
Belebung der Massen, Grundpläne mit gleichsam lebendigen,
weichenden, vorschnellenden Linien, in der Fassade Anstrebung
absoluter Einheit: Gestaltung des Parterres zum Sockel drüber
ragender Stockwerke, für diese Stockwerke aber Durchführung
von Säulen- und Pilasterstellungen durch mehrere Geschosse;
im Innern endlich Gruppierung aller Räume um einen feier—
lichen Haupte und Kuppelraum und daher weder Flügelbauten
noch sonst welcher Anbau.

Das Ganze aber, tektonisch zusammengefaßt, nochmals mit
überschäumendem Kraftgefühl gleichsam raffiniert, geschnürt und
konzentriert unter gewaltigen Lichteffekten. Daher Anordnung
der Räume im Sinne der Abwechslung von Licht und Dunkel
ind vorschreitende Beleuchtungsstärken bis zum Kern des Ge—
bäudes. In diesem selbst dann, vorbereitet auch schon in den kon—
zentrischen Räumen, der Versuch, innerhalb kräftig gefärbter, durch
Gold farbig erhöhter Wandungen das Licht in tausend einzelnen
Widerscheinen vollends überwältigend herrschen zu lassen: Auf⸗
lösung des Gebundenen der Materie in ein Unendliches, Reflex⸗
bewegtes, Reflexumflossenes; Ausstattung der wichtigsten Räume
mit der flirrenden Widerstrahlung von tausend Marmorplatten
oder glänzendem Wandstuck, Anbringung künstlicher Lichtquellen,
Verwischung des Übergangs von stützender Wand zu lastender
Decke: — Auflösung endlich des tektonischen Charakters der
Decke als des nach obenhin schließenden Bauteils durch Aus⸗
malungen in raffinierter Verkürzungstechnik, welche, mit Vorliebe
den Olymp oder irgend einen andern Ort der Götter und
Seligen darstellend, die Decke ästhetisch öffnen und den Himmel
gleichsam herabziehen in den fesilichen Prunk menschlicher Be—
grenztheit.

Bauten, so unter tausend durcheinanderwebende Schwaden
bunten und farblosen, direkten und indirekten Lichtes gesetzt,
innverwirrend und doch gedrungen, zauberhaft und doch virtuos
berechnet, ausgestattet mit den intimeren Reizen vielleicht noch
des Tafelbildes oder des in die Wände eingelassenen Olgemäldes,
weihrauchdurchduftet, tondurchwebt: wer wollte sie nicht als
die architektonischen Schwesterbildungen der Kunst eines Rubens

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 18
        <pb n="213" />
        194 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
und Rembrandt erkennen? Und so erfüllten sie in diesem Zeit—⸗
alter auch die germanische Welt.

Von Italien zunächst, wo es seit dem letzten Viertel des
16. Jahrhunderts zu voller Blüte gelangt war, ist das Barock
ins innere Deutschland vorgedrungen; Salzburg, der alte Schau⸗
platz italienischen Baueinflusses, sah seit 114 den ersten Dom
des neuen Stils entstehen. Es ist ein noch ganz italienisches
Monument von großer und wuchtiger Wirkung, fern dem
malerischen Sichgehenlassen der gleichzeitig abblühenden deutschen
Renaissance, und sein Schöpfer war ein Italiener, der Comaske
Sautino Solari.

Aber nach dem großen Kriege begannen sich auch heimische
Architekten, zunächst Süddeutschlands, den Stil unter Ein—
fügung deutscher Motive anzueignen. Zwar blieb dabei für die
kirchliche Architektur, die noch immer im Vordergrunde alles
Bauinteresses stand, das in Italien am Petersdom erprobte,
bon Solari schon auf Salzburg übertragene Grundrißschema
bestehen: Verbindung von Langhaus und Zentralbau, Tambour⸗
kuppel über der Vierung, Auflösung der Nebenschiffe in Kapellen—
räume. Es war ein Schema, das vollkommen dem Bedürfnisse
des im Tridentinum neugeordneten katholischen Kultes ent—
sprach; in Salzburg allein ist es mit kleinen Anderungen im
Laufe der Jahre 1686 -1707 in sechs verschiedenen Fällen zur
Anwendung gelangt. Aber wie man sich hier im einzelnen
schon starke Abweichungen erlaubte, während gleichzeitig die
alten Formen einschiffiger und dreischiffiger Basiliken ohne
Querschiff noch gelegentliche Verwendung fanden, so fügte man
dem Ganzen auch gern ein Bauglied bei, auf das die deutsche
Architektur immer einen besonderen Wert gelegt hat: zwei die
Westfassade beherrschende, möglichst langgereckte, zwiebelhauben⸗
bedeckte Türme. In dieser Form, unter immer stärkerer Aus—
bildung der einzelnen tektonischen und ornamentalen Teile ins
Überladene, ja Plumpe hat dann das Barock als Kirchenstil
rine überaus weite Verbreitung gefunden, denn kaum ein Zeit—
alter, abgesehen etwa vom 12. und 13. Jahrhundert und der
Gegenwart, hat in Deutschland kirchlich so viel gebaut als
        <pb n="214" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 195
das letzte Drittel des 17. und die beiden ersten Jahrzehnte
des 18. Jahrhunderts.

Vor allem waren es die alten Abteien, die sich jetzt von
den Schrecken der Reformation erholt hatten, zu geregelter Be—
wirtschaftung der Trümmer ihres mittelalterlichen Großgrund—
besitzes fortgeschritten waren, dessen Einkünfte sie mit Vergnügen
durch die sichere Rechtsprechung des absoluten Staates gewähr⸗
leistet sahen und nun ihren Überschuß zu kostbaren Neubauten
derwandten. Den Reigen führte hier Kempten, die den Bauern
der agrarischen Unruhen des 15. und 16. Jahrhunderts so be—
sonders verhaßte Abtei; seine prächtige Stiftskirche ist in den
Jahren 1652-1670 entstanden. Und dann folgte eine Fülle
anderer Klöster; so Admont in Niederösterreich, Braunau in
Böhmen, Ebrach in Franken, St. Gallen, Klosterneuburg bei
Wien, Kremsmünster, Leubus in Schlesien, Einsiedeln in der
Schweiz, bis die Reihe in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahr—
hunderts etwa mit Melk in Niederbsterreich, Göttweig bei Krems,
Grüssau in Schlesien, Furstenfeld bei München, Banz in Franken
und Weingarten bei Ravensburg geschlossen wurdei.

Und neben den freilich besonders eifrigen Klosterleuten
bauten auch die kirchlichen Fürsten: denn noch trat für sie in
dieser Periode der weltliche Bauherr hinter dem kirchlichen
zurück; erst die Zeiten des Rokokos haben, dann freilich in
üppigster Ausstattung und größtem Umfang, die weltlichen
Residenzen, Paläste und Schlösser landesherrlicher Bischöfe
ahlreicher emporwachsen sehen. Jetzt aber wurden noch die alten
Dome teilweis ins Barocke ausgebaut; wie im Vlamland, so
wurden auch im innern Deutschland namentlich die romanischen
Anlagen von diesem Schicksale —DDDDD——
zu Passau (seit 1684 umgebaut), mit am spätesten der Dom zu
Hildesheim (seit 1780). Daneben aber erstanden neue Bauten;
reiche Pfarreien, namentlich der größeren Städte, wetteiferten mit
dem Klerus der Stifter: und auch die katholischen Laienfürsten
traten in den Wettbewerb ein; ja grade ihrem Entschlusse wurden

Val. Dohme, Gesch. d. deutschen Baukunst S. 375, 4606.
13*
        <pb n="215" />
        190 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
einige der bemerkenswertesten Denkmäler des kirchlichen Barocks
auf deutschem Boden verdankt, so Sankt Kajetan in München
und vor allem die katholische Hofkirche in Dresden. Diese,
eine Schöpfung Chiaveris aus den Jahren 1738 1754, ist ein
Spätling der ganzen Entwicklung, der noch einmal in dem
effektvollen Aufbau, in dem majestätischen Eindruck und in der
malerischen Lichtführung alle bezeichnenden Seiten des Barocks
zur Geltung bringt, wenn auch schon in Wirkungen, die nach
dem Rokoko zu abgetönt sind.

Das Barock war in erster Linie ein Stil bewußt kirch⸗
lichen Pompes; in seinem Ausbau hatte sich der regenerierte
Katholizismus einiger der tiefsten ästhetischen Neigungen des
Zeitalters überhaupt bemächtigt. Bei dem inneren Zusammen⸗
hange aller Kulturerscheinungen jedes Zeitalters lag es daher
in der Natur der Dinge, daß der Stil auch der Haltung der
europäischen Laiengesellschaft seit der Mitte des 17. Jahrhunderts
durchaus entgegenkam. Wir kennen sie schon, diese Zeit der
gesellschaftlichen Allongeperücke und der höfischen Repräsenta—
tion: mit welchem Gefühl innerer Harmonie mußten sich ihre
Vertreter in den würdig-theatralischen Räumen des neuen Stiles
bewegen!

So hatte sich schon in Italien ein besonderes Barock des
— DDD
noch des heutigen Italiens, ja des Südens überhaupt waren
diese Paläste nach deutschen Begriffen nicht eigentlich wohnlich;
vielmehr wurde der Hauptwert auf große, luftige und zugleich
repräsentative Räume gelegt, womit man den Bedürfnissen der
Gesellschaft der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in jedem
Betracht entgegenkam. Große Treppenanlagen, die in hohe
und weite Säle eines ersten Geschosses führten, während das
Parterre untergeordneten Bedürfnissen diente und in den bei dem
engen Straßenraum unvermeidlichen Mezzainen, sowie in den
oberen Stockwerken die eigentlichen Wohnräume enthalten waren:
das war es, was man von einem Palaste der Zeit vor allem ver⸗
langte. Dazu kam da, wo die Anlage besonders ausgedehnt war,
die Anordnung eines oder mehrerer Arkadenhöfe, deren Flügel in
        <pb n="216" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 197
rechten Winkeln aufeinanderstießen, — ein altes Motiv schon der
Renaissancezeit, das aber noch Schlüters ersten Entwurf zum
Berliner Schlosse (1696) beherrscht hat. Das Ganze, das aus
diesen Voraussetzungen hervorging, war eine hausartige Anlage
von beträchtlichen Höhenmaßen, festgeschlossen angeordnet um
ein prächtiges Treppenhaus oder einen saalartigen Hauptraum,
der oft durch zwei Stockwerke hin aufstieg, kurz, eine Anlage
verhältnismäßig geringer Baufläche und bemerkenswerter verti⸗—
kaler Dimension bei möglichst zentraler Anordnung. Es war
klar, daß ein solcher Palast völlig harmonisch eigentlich nur
innerhalb einer großstädtischen Umgebung wirken konnte, mithin
in Deutschland, in einem Lande republikanischer Reichsstädte,
wo den Fürsten im ganzen nur kleinere Orte als Residenzen
zur Verfügung standen, nur ziemlich beschränkte Anwendung
zuließ. Zudem waren die Territorialfürsten des Reiches in der
Blütezeit des Stils nach den Verheerungen des Dreißigjährigen
Krieges zu sehr mit der bloßen wirtschaftlichen und militärischen
Rekonstruktion ihrer Staaten beschäftigt, um schon an große Bauten
denken zu können; erst das zweite Viertel etwa des 18. Jahr—
hunderts hat den Aufschwung fürstlichen Baueifers gesehen.
So sind denn völlig durchgeführte Barockpaläste in Deutsch—
land nicht eben häufig; diejenige Stadt, die deren weitaus am
meisten birgt, wie sie auch die zahlreichsten Kirchen des Barock—
stils aufweist, ist Prag. Aber nicht die Monarchie hat hier
diese Bauten geschaffen; ihr, vor allem Kaiser Karl IV., wird
nur die andere Blütezeit der großen Prager Architektur, die
des 14. Jahrhunderts, verdankt. Vielmehr war es jetzt der
neue, durch die kaiserlichen Landschenkungen reichgewordene
Militäradel des Dreißigjährigen Krieges“, der, üppig empor—⸗
wuchernd, die bauliche Physiognomie der Hauptstadt bestimmte.
Schon Wallenstein hatte sich in Prag einen großen Palast
bauen lassen; dann folgte eine ganze Anzahl andrer gewaltiger
Bauten, vor allem das besonders ausgedehnte Palais Czernin;
und die Tätigkeit so ausgezeichneter Meister wie Dinzenhofers,

1

Vgl. dazu Bd VI, S. 428.
        <pb n="217" />
        198 5wanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
des Erbauers der Fuldaer Kathedrale, und des Wieners
J. B. Fischer von Erlach kam nicht zum geringsten Teile den
Prager Bauten zugute.

Seine herrlichste, späteste und zugleich eigenartigste Blüte
aber entfaltete der barocke Palaststil auf deutschem Boden in
Dresden: am selben Orte, wo der barocke Kirchenbau mit einem
so einzigen Werke wie der Hofkirche geendet hat. Der „Zwinger“
Pöppelmanns ist in den Jahren 1711 -1722 entstanden, frei—
lich dem Grundrisse nach schon ein Erzeugnis des Rokokos und
seiner Vorliebe für weitgestreckte Horizontalanlagen, wenn hier
auch ein solcher Bau schon durch den besonderen Zweck, die
Herstellung eines weiten Architekturrahmens für die Festzüge
und Maskeraden des Hofes, besonders begründet war: doch
der architektonischen Struktur und dem Schmucke nach die
freieste, wunderbarste und individuellste Schöpfung des ab—
sterbenden Barocks. Hier ist fast jede grade Linie gebrochen, fast
jede Kreislinie verwickelter gebogen, und in phantastischster Weise
werden die ornamentalen wie die tektonischen Formen der Vor—
zeit verwandt. Dabei herrscht ein Reichtum und eine Uppigkeit
des Figürlichen und eine Wohligkeit und ein Übermut der
bildnerischen Erfindung, die auf abendländischem Boden nirgends
ibertroffen worden sind. Dennoch ist der Eindruck des Ganzen
geschlossen, ja bei allem Überschwall des Einzelnen würdig;
hinter den drängenden Gestalten waltet der ordnende Geist
des Künstlers; und trotz freiester Lösung des Einzelwerks
empfindet man die majestätisch herrschende Wucht des Stiles.

Dies Wesen ist bis zu einem gewissen Grade auch denjenigen
Bauten eigen, die in Norddeutschland zunächst noch durch den
Einfluß der klaren palladiesken Spätrenaissance Hollands be—
stimmt worden sind. Denn einmal erfuhr dieser Stil in der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durch französische Einflüsse,
besonders den des Refugianten Daniel Marot, der Architekt des
Haager Hofes wurde, selber eine Umgestaltung im Sinne
reicherer Betonung der baulichen Formen; anderseits aber
und vor allem drangen die Elemente des süddeutschen Barocks
veit in den Norden vor.
        <pb n="218" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 199
Am reinsten kamen gegenüber solcher Stilmischung die
holländischen Einflüsse, abgesehen von einigen Kirchen, noch in
Berlin zum Ausdruck; denn hier trug vom Großen Kurfürsten
his zur Thronbesteigung Friedrichs des Großen die maßgebende
Kunstauffassung mit geringen Unterbrechungen überhaupt
holländischen Charakter. Aus holländischem Geiste heraus ist
der ursprüngliche Entwurf des Zeughauses (1694 ff.) geschaffen
worden. Vornehmlich holländischen Geist atmet auch trotz aller
römischen Einflüsse der Gesamtcharakter des Berliner Schlosses,
so wie es Schlüter schaffen wollte; der Münzturm, dessen Sinken
schließlich die Entfernung des Meisters aus der Bauleitung
herbeiführte, war echt holländisch gedacht: denn grade für die
Turmformen hatte die holländische Renaissance die Grammatik
Palladios erweitert, indem sie, anknüpfend an die Holzausführung
der oberen Stockwerke holländischer Kirchtürme schon in gotischer
Zeit, vorwärtsgedrängt zudem durch den niederländischen Brauch
umfänglicher Glockenspiele, die oberen Turmgeschosse ins Freie
und Luftige und dadurch Leichtschwingende umgestaltete, den
Glockenstuhl zum beständigen, architektonisch reich entwickelten
Teile des Turmbaus machte und das Ganze mit durchbrochenen
Hauben oder Zwiebeln freudig abschloß.

Indem aber so Norddeutschland wenigstens an einer wichtig
werdenden Stelle den Zusammenhang mit den ruhigeren Formen
der holländischen Renaissance festhielt, schien zugleich eine Stätte
gegeben, an der derjenige Stil hätte einsetzen können, der, ob⸗
gleich entwicklungsgeschichtlich die naturgemäße Fortbildung des
Barocks, dennoch tektonisch der holländischen Renaissance, ja
überhaupt aller Renaissance auf den ersten Blick mehr zu
ähneln schien als dem Barock, das französische Rokoko.

II.
Zum Verständnis des Rokokos auch auf deutschem Boden
bedarf es des Rückblicks auf die Entwicklung der französischen
Architektur seit dem 16. Jahrhundert.
        <pb n="219" />
        200 J ZƷwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
In dem Frankreich des späteren 16. und des 17. Jahr⸗
hunderts wiederholten sich bis zu einem gewissen Grade die
künftlerischen Gegensätze, die wir in den Niederlanden scharf
geschieden kennen gelernt haben, und die auch das innere Deutsch⸗
land seit den Zeiten der Gegenreformation einigermaßen beherrscht
haben: auf der einen Seite stand der Katholizismus und be⸗
vorzugte die Weiterentwicklung der Architektur etwa im Sinne
des italienischen Barocks, auf der anderen der Protestantismus,
in starker Anlehnung an die Gesetze der Antike, die er in den
keuschesten Formen der späteren Renaissance, den Bauten etwa
rines Palladio, so ziemlich verwirklicht glaubte.

Aber während in den Niederlanden die Gegensätze des
»lämischen Barocks und der holländischen Hochrengissance ge⸗
trennt verliefen und im inneren Deutschland das Barock des
katholischen Südens auch im Norden immer mehr Boden fand,
erhielten sich bei den Franzosen die Formen der Renaissance
als herrschend, da ihnen der ausgesprochene Sinn der Nation
für das einfach, ja kühl Verständige, haarscharf Formenrichtige
und zugleich frisch und anregend Anmutige zugute kam.

Damit war, da die Italiener noch bis tief in die erste
Hälfte des 17. Jahrhunderts hinein als das führende Kunst—
volk auch in Frankreich galten, die Anlehnung an Palladio
und Scamozzi gegeben. Aber bald entwickelte sich doch aus
dem Studium der italienischen Spätrenaissance ein eigner
französischer Stil; Jacques Lemercier (1584 1654), der Archi-
tekt der Sorbonne (16209 ff.), ahnt ihn schon; durchgebildet hat
ihn dann eine folgende Generation von Architekten, Levau und
vor allem der ältere Mansart (1598 1666).

Und diese Emanzipation vollzog sich nun unter dem Ein—
fluß eines gesellschaftlichen und geistigen Lebens der vornehmen
Kreise, das seit Richelien jenen uns schon in den Grundzügen
bekannten außerordentlichen Aufschwung nahm!. So fand denn
der emporstrebende Stil, trotz aller Kirchenbauten, seine wesent⸗
lichste Entwicklung doch in der Architektur des Palastes. Dabei

1S. oben S. 24ff.
        <pb n="220" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 201
wich der bauliche Typus, der hier zunächst entwickelt wurde,
von dem italienischen insofern noch nicht allzusehr ab, als auch
er der Typus eines städtischen Palastes war. Auch in Frank—
reich wurde daher zunächst auf den Aufbau mehrerer Geschosse
Wert gelegt, und auch hier kam es gern zu einem geschlossenen
Hofbau. Aber freilich: im einzelnen schlug der französische
Palastbau bald recht abweichende Wege ein. Legte der italie—
nische Bauherr auf das Großartige, Wuchtige Wert, so der
französische auf das Intime, war am italienischen Palast die
Straßenfront die Schauseite, von der aus sich der Reichtum
der Ausstattung nach der Gartenfront zu abstufte, so galt für
den französischen Palast so gut wie das Gegenteil; war dem
italienischen Palast die Ausstattung mit wohnlichen Zimmern
fast fremd, während Säle und Treppenhäuser in der repräsen—
tierenden Pracht von Bauformen erstrahlten, die aus der Außen—
architektur ins Innere gezogen waren, so wurden im französischen
Palast die Treppen, wenn auch reich, so doch mit Rücksicht auf
möglichst bequemen Gebrauch angelegt; als einer der wichtigsten
Repräsentationsräume bildete sich bezeichnenderweise der Parade—
bettsaal aus, und auf die Wohligkeit und Heimlichkeit der
eigentlichen Wohnräume wurde steigende Sorgfalt verwendet.
So wollte der französische Palast von vornherein von außen
weniger vorstellen als im Innern behaglich erwärmen, nicht
auf das Straßenleben und das Dasein im Freien war er be—
rechnet, sondern auf Abkehr von dem Treiben der Gasse und
auf Stunden heimlich-geselligen Verkehrs.

Unter diesen Umständen versteht es sich von selbst, daß
je länger je mehr die vereinfachten und ins Nationale um—
gesetzten Formen der italienischen Spätrenaissance das äußere
Gewand der französischen Paläste bildeten, bis man schließlich
fast auf die einfachsten überhaupt noch denkbaren Arten des
Fassadenschmucks mitteleuropäischer Häuser zurückwich. Im
Gegensatze aber zu diesem unscheinbaren Außengewand wurde
die architektonische, plastische, malerische, kurz die kunstgewerbliche
Ausstattung des Innern von Generation zu Generation ge—
steigert: in diese Richtung, mit der Absicht, die „biens6ance“.
        <pb n="221" />
        202 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
die „commodité“ des Ganzen zu erreichen, ergoß sich die
ganze Kunst, und in dieser Richtung prägte sich die volle ästhe⸗
tische Anschauung des Zeitalters in schließlich ganz anderen,
als barocken, und anfangs doch dem Barock noch sehr nahe⸗
tehenden, sowie ihm dauernd verwandten Formen aus.

Der erste große Meister, der die soeben geschilderte Ten—
denz deutlich zum Ausdruck brachte, war Charles Lebrun
1619 1690). Er ahmte jene Mischung von Plastik, Malerei
und Architektur nach, die etwa den barocken Dekorationen des
Palazzo Pitti in Florenz zugrunde liegt; aber er tat das nicht
in unmittelbarer Aneignung, sondern er bildete die italienischen
Motive zu jener feineren Formensprache, zu jener halb klassischen
Mäßigung um, die sich noch eben mit der Außenarchitektur
eines Mansart oder Levau zu vertragen schien. So hat er,
seit 1660 zum Direktor der königlichen Gobelinmanufaktur und
seit 1I662 auch zum Leiter der Manufacture royale des moubles
de ia couronne ernannt und bald ausschlaggebender künstlerischer
Berater Ludwigs XIV., der seinerseits wiederum seinen Ge⸗
schmack mitbestimmte, bis zu seinem Tode, ein ganzes Menschen⸗
alter hindurch, eine der wichtigsten Stellungen in der französischen
Kunstwelt eingenommen. Er war der Schöpfer jenes trium⸗
vhierenden und doch maßhaltenden Innenbarocks der wichtigsten
Verkehrsräume im Schlosse von Versailles sowie der Apollo—
zallerie des Louvre; er hat die Gallerie des glaces in Ver—
sailles in ihrer gewaltigen Großförmigkeit gebaut und damit
den in dieser Hinsicht auch dem gegenwärtigen Frankreich noch
so teuren Spiegel als architektonisches Dekorationsstück ein—
geführt; und seine Innenkunst hat schließlich auch die palladiesk⸗
klassizistischen Neigungen der Architekten, wie fie seit 1671 in
der neuen Akademie der Baukunst vertreten waren, zu übrigens
mäßigen Zugeständnissen an die außerhalb Frankreichs herrschende
Architektur des Barocks gezwungen. Allein die Richtung Lebruns,
die man als eine dem italienischen Barock verwandte bezeichnen
kann, begann eigentlich schon mit seinem Tode abzusterben.
Und die endgültige Wendung zu einer Art neuen Stils kam
schließlich nicht von der Dekoration im umfassenden Sinne
        <pb n="222" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 203
des Wortes her, dem jetzt wichtigsten Teile der Architektur,
sondern entwickelte sich aus Anderungen der Tektonik, wie diese
wiederum aus veränderten Bedürfnissen hervorgingen.

Der Sonnenkönig war inzwischen gealtert; die formen—
reiche Repräsentation des Königtums in den weiten Sälen des
Versailler Schlosses begann ihn anzuwidern; er sehnte sich ins
Ungezwungene; der Einfluß der Frau von Maintenon nahm zu,
manche Stunde des Königs war dem Verkehr mit seinen natür—
lichen Kindern gewidmet. So waren es nicht mehr die ge—
schlossen ragenden Paläste, die, wenn auch von Garten und
Park umgeben, ihn lockten; er suchte die gemütvolle Einsamkeit
des Landhauses. Und mit ihm, ja vor ihm empfand die Hof⸗
gesellschaft, empfanden Adel und Finanz, schließlich angewidert
durch den verstandesmäßigen Pomp des Barocks und des
Schwulstes, ein verwandtes Bedürfnis.

So bildete sich, einer Neigung des Königs wie den Be—
dürfnissen der französischen Gesellschaft spätestens der letzten
Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts überhaupt folgend, nach manch
früherer und gelegentlicher Anwendung, der Typus eines neuen
Palastes aus. Indem man den Palast ganz hineinstellte in
die freie Natur des Landaufenthaltes, schwand die Nötigung
zu stockwerkhohem Aufbau: vielmehr weit hingestreckt, einstöckig und
zweistöckig zum großen Teil, in Form von abgegrenzten Pavillons,
die bald durch weite Galerien verbunden wurden, erschien
der neue Schloßbau erwünscht. Und um den Hauptbau legten
sich Nebengebäude, Kavalierbauten, Orangerien, Menagerien,
und dies alles war umgeben von prächtigen, weitausstrahlenden
Gartenanlagen, deren architektonische Anlage mit ihren Orna⸗
mentbeeten und zugestutzten Bäumen und Sträuchern langsam
in die freie Natur überführte, vor allem in den noch meilen⸗
veit von regelmäßig angelegten Schneisen durchbrochenen Wald.

So entstand denn neben den alten Palastbauten, die ge—
legentlich noch immer weitergeführt wurden, das Ideal eines
beränderten Adels- und Fürstensitzes, an dessen Vollendung
Architekt und Gartenkünstler in gleicher Weise zu schaffen hatten;
und von großen Meistern, einem Hardouin-Mansart (1646 bis
        <pb n="223" />
        204 SZwanzigsies Buch. Erstes LKapitel.

1708) und Lendtre (1613 1700), einen De Cotte (1656 bis
1785), Boffrand (1667 -1754), und Briseur (1680 - 1754),
ward es, während sie zugleich im städtischen Palastbau weiter—
schufen, verwirklicht.

Indem aber diese Veränderung eintrat, erhielten auch die
Innenräume, in deren Dekoration sich vor allem das Kunst⸗
empfinden der Zeit auswirkte, allmählich einen gänzlich ver⸗
inderten Charakter; denn jetzt wurde das Problem der Licht⸗
bewältigung von einem ganz anderen Standpunkte her auf⸗
gefaßt. Die italienischen Paläste hatten, zur Abwehr der Hitze
des Südens, verhältnismäßig nur kleine Fensteröffnungen haben
können. Es war ein Motiv, das aus der Architektur der ita—
lienischen Renaissance wie des Barocks der Natur der Sache nach
niemals verschwinden konnte. Als man dagegen den italienischen
Stil in Frankreich aufnahm, sah man sich an so kleine Licht—
öffnungen keineswegs gebunden; bald wurden die Fenster ver⸗
größert; und als Bernini seinen berühmten Plan zum Ausbau
des Louvre aufstellte, konnte man ihm unter anderem mit dem
für die französische Betrachtung allein schon durchschlagenden
Vorwurf entgegentreten, die Fensteröffnungen seien viel zu klein.

Indem aber immer stärkeres Licht in die mit schwerer
Barockarchitektur ausgestatteten Zimmer, Korridore, Säle ein—
strömte, empfand man die Reflexe, welche von dem dunklen
Tone der Möbel, den überwuchtigen Profilen, dem ver—
schwenderisch angebrachten Golde ausgingen, als verwirrend,
unruhig und geschmacklos. Das Bedürfnis trat auf, das Licht
vielmehr in den breiten Schwaden, in denen es zu den Fenstern
eindrang, einheitlich und groß wirken zu lassen. Es konnte
am einfachsten befriedigt werden, wenn man diesem Lichte nichts
entgegensetzte als Weiß. Es ist die vom älteren Mansart
Jefundene Lösung: er ging von den tiefen Tönungen des barocken
Stucks zur einfachen Nachahmung weißen Marmors über.

Aber inzwischen war das Lichtbedürfnis und die Lichteinfuhr
in das Innere der Bauten noch beträchtlich gewachsen. Je mehr
der Bau ländlicher Paläste zunahm, um so mehr näherte man sich
der freien Natur: und diese war ja schlechthin belichtet. Zudem:
        <pb n="224" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 205
indem die Bauten kein architektonisches Gegenüber mehr hatten,
standen sie ganz anders als bisher der allgemeinen Lichtwirkung
des freien Himmels offen. So nutzte man denn die neuen damit
möglichen Effekte; die Fenster wurden immer größer, und bisher
unbekannte Massen hellsten Lichtes ergossen sich in das Innere
von Zimmerfluchten und Sälen.

Damit schwand in diesen alles, was die Reize eines
Rembrandtschen Helldunkels hätte vermitteln können; und so
konnte es nicht mehr die Aufgabe sein, dieses Helldunkel durch
den Reflex von tausend dunkelgetönten und polierten Wänden,
von tausend starken Profilen, überhaupt gebrochenen Linien und
Flächen hervorzurufen. Vielmehr einfache helle Tönung ward
zunächst zur Losung: gelblich, bläulich, rötlich, überhaupt
irgendwie gebrochenes Weiß, dem Gold entgegengesetzt, wurde
Modefarbe: die Farbenskala des Rokoko begann sich zu bilden.

Zugleich aber wich auch der figürliche Innenschmuck des
Barocks. Hatte das Barock allmählich fast alle Schmuckglieder
der Außenarchitektur ins Innere gezogen, um starke Schatten—
wirkungen zu erzielen, so wurde jetzt jedes hohe Relief, mithin
auch jedes tragende oder belastende tektonische Glied vermieden:
denn es unterbrach den freien Strom gleichmäßigen Lichtes.
So traten die Wände wieder als ununterbrochenes Ganzes
hervor; höchstens in den größten Prunkräumen, namentlich in
solchen, die zwei Stockwerke durchliefen, erschien eine Pilaster⸗
stellung noch erlaubt, und überall fiel das Getäfel hinweg,
während sich helle Sockel einfanden. Nicht minder verlor die
Decke die schwere Plastik und das Lastende des Barocks; als
gleichartige Fläche wurde sie jetzt gebildet; nur in den Gesimsen
erhielt sich noch eine Zeitlang einigermaßen die kräftigere Sprache
des Barocks, bis auch hier die gelindesten Profile einsetzten,
der Schmuck der Hohlkehle die Decke und Wand trennende
Leiste überwucherte und diese sogar selbst zum bloßen Zierglied
gemacht ward. Die Wände aber wurden jetzt, wie die Decke
nur mit heitrer Malerei ausgestattet wurde, architektonisch nur
durch ein wenig hervortretendes Rahmenwerk belebt, das durch
lisenenartige Striche unterbrochen wurde.
        <pb n="225" />
        206 Swanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Indem nun diese Umgestaltungen eintraten, indem überall
an die Stelle des Trachtens ins Wuchtende und Erhabene das
Streben nach dem Anmutigen und Leichten gesetzt ward, wurde
zunächst, da man doch nicht ohne weiteres zur relieflosen Bemalung
übergehen konnte, das Stuckornament zum Beherrscher der Wand⸗
lächen. Es trat anfangs noch im Sinne einer Durchdringung
des italienischen Barocks mit den klassizistischen Anschauungen
der französischen Architektenschule auf, wie denn das Rokoko
auch später immer wieder neue Lebenskräfte aus dem Barock
gesogen hat: die Wandfüllungen zeigten fast nur geometrische
Formen; höchstens in den Ecken führte ein reich verschlungenes
Ornament die Linien ineinander über. Dabei war die An⸗
ordnung des ganzen Ornaments auch im einzelnen stets noch
iymmetrisch. Es ist der sogenannte Stil Louis XIV.

Aber bei dieser Ausbildung beruhigte man sich nicht. Auf
Ludwig XIV. folgten die üppigen Tage der Regentschaft;
wilde Feste verlangten eine ausgelassenere Dekoration, und der
durch Laws Zauberkünste zus ammenströmende Reichtum gestattete
weitere Ausschweifungen der Phantasie. So wurde die Dekora⸗
tion immer üppiger; die bisherigen einfachen, heiter und ruhig
herlaufenden Motive: ein geknicktes Band, Ketten kleiner Glocken—
blümchen, natürliche Blattranken, wurden energisch bewegt; die
Embleme, Stillleben und Verwandtes, die bisher den Mittel—
vunkt einer dekorierten Fläche gebildet hatten, entwickelten sich
zu größerem Reichtum: das reine Rokoko entfaltete sich; es
kamen die Tage Oppenorts und Watteaus. Oppenort (1672
bis 1742), der Sohn eines niederländischen Tischlers, wandelte

die Formen des italienischen Barocks fast völlig in einen neuen
Ornamentstil um, dessen Charakteristikum eine flotte und nach—
lässige Eleganz in der Wiedergabe des Figürlichen war, sowie
die Neigung, fast jede grade Linie aufzulösen und fast jedes tekto—
nische Glied in ein schmückendes zu verwandeln. Und Watteau,
der französische Flandrer aus Valenciennes (1684 - 1721), lieh
dieser Dekoration, an deren Entwicklung er selbst beteiligt war,
die eleganten und prickelnden Farben seines Pinsels. Vielleicht
aicht ganz so fein wie sein Landsmann, der frühgestorbene
        <pb n="226" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 207
Pater, aber weitaus wirkungsvoller stellte er die Kunst des
Rubens nach Malweise und Inhalt auf den Ton der neuen
architektonischen Lichtführung ein: so wurden zugleich die derben
Szenen der alten Vlamen ins Frivole gezogen; die däftige
Pracht Antwerpens verwandelte sich in die Eleganz von Paris;
ind den Platz, den in den niederländischen Bildern des 17. Jahr⸗
hunderts der schwere germanische Mann breit und voll gedeckt
hatte, nahm jetzt die kokette Französin ein, sei es als Be—
herrscherin des Salons, sei es als Theaterschäferin auf der
grünseidenen Wiese eines höfischen Parkes.

Und noch einen Schritt weiter ging die Entwicklung.
Oppenort und Watteau wurden abgelöst durch Meissonier
(1683 1750) und Boucher (17035- 1770). Meissonier ist der
technische Hexenmeister, dem auf dem Gebiete des Ornaments —
und welcher Bauteil wurde von ihm nicht ornamental be—
trachtet? — alles möglich war; der geistreiche, kapriziöse Er—⸗
finder der Unsymmetrie des Rokokoornaments, dessen anmutiger
Windung nur noch ein gleichsam virtuelles ästhetisches Zentrum,
ein Gleichgewicht der ganzen ornamentalen Masse zugrunde
liegt; der wilde Zeichner, dessen Drang nach Aufsehen um
jeden Preis kein Mittel verschmähte, bis zur Ausnutzung des
der alten Renaissanceentwicklung ursprünglich so fernliegenden
vollen Realismus natürlich gegebener ornamentaler Elemente.
Und Boucher übertrug dies System Meissoniers in die Malerei.
Schon seine Palette ist auf die Architektur abgestuft: Blaugrau
und mattes Ziegelrot spielen, namentlich bei allegorischen Dar—
stellungen, eine beherrschende Rolle. Vor allem aber trifft er
in Zeichnung und Auffassung die lüsterne, kichernde, knisternde
Eleganz und die theatralische Mache Meissoniers, mögen seine
Figuren dem Griechenhimmel oder dem heimatlichen Dorfe,
mögen sie den Straßen oder den Palästen der Hauptstadt ent—
lehnt sein.
Meissonier und Boucher bezeichnen das Ende des Rokokos
in Frankreich. Das Ziel einer Entwicklung ist damit erreicht,
die sich folgerichtig aus dem Barock Italiens und ästhetisch mit
        <pb n="227" />
        208 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
diesem von gleicher entwicklungsgeschichtlicher Grundlage aus—
gehend entfaltet hatte. Hier wie dort ist das Entscheidende
das Problem der Lichtführung in der Architektur. Aber während
man im Barock, den großen Lichtkunstlern auf dem Gebiete der
Malerei parallel, die Aufgabe vor allem in der künstlerischen
Behandlung des Helldunkels, in der Schaffung gewaltiger und
berwickelter Widerscheine gesucht hatte — ein System, das
die stärkste Steigerung der tektonischen Formen hervorrufen
mußte —, war das Rokoko, von keiner Malerei zeitlich
geführt, von ganz entgegengesetzten Gesichtspunkten her dem
bestehenden Problem gerecht geworden. Dem Bedürfnis großer,
einfacher Lichtwirkungen, der Absicht, das Licht als Ganzes,
als vollen Tag in die geschlossenen Räume einer großen
Architektur einzufangen, verdankte das Barock der Innenräume
seine allmähliche Umgestaltung zum Rokoko, dem darum Licht
und lichte Farbe alles, Form —
war. Es ist eine Entwicklung, die von der künstlichen
Belichtung von Innenräumen, wir sie das 17. Jahrhundert
zu schaffen gewußt hatte, hinüberzuführen schien zu dem
Probleme eines neuen, erst kommenden Zeitalters, zu der Auf—
gabe, das volle, freiflutende Licht der Außenwelt zu bewältigen.
Und indem auf diesem Gebiete nicht eigentlich die Architektur,
wohl aber die Kunst der Innendekoration die Führung über⸗
nommen hatte, hatte sie sich Plastik und Malerei als Folgekünste
einverleibt. Ja, sie hatte sich sogar die eigentliche Architektur
so gut wie unterworfen. Denn was blieb dieser schließlich noch
üäbrig als die Herstellung vollbelichteter Räume mit indiffe⸗
renten Wänden, deren sich die Dekoration zu bemächtigen wußte?
Und wie konnte sie jetzt noch den Fassadenbau in der Weise
des Barocks betonen, da alle künstlerische Aufmerksamkeit sich dem
Innern zuwandte? So starb die barocke Fassadenarchitektur
zänzlich ab; und die Formen einer vereinfachten palladiesken
Bauweise konnten sich, bisher nur in einer Seitenströmung zum
Barock erhalten, nun völlig ausbreiten. Indem dies geschah,
kam es zum Stil des späteren Rokokos, zu einer fast völligen
Ernüchterung. Der Weg der Renaissaucekunst des 16. Jahr⸗
        <pb n="228" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 209
hunderts mit allen ihren Konsequenzen war damit durchlaufen;
die Welt mußte neue Pfade des Fortschrittes suchen.

Waren das Empfindungen, die sich in Frankreich seit der
Mitte des 18. Jahrhunderts dunkel zu regen begannen, so hat
in Deutschland das Rokoko noch bis etwa zum Jahre 1770
vielfach lustig forte und ausgeblüht. Sehr natürlich: es ist
auf deutschem Boden nicht erstanden; es beruhte auf französischer
Einfuhr; und so überdauerten seine letzten Stadien die fran—
zösische Entwicklung um etwa zwei Jahrzehnte.
III.
1. Die französische Einwirkung auf Deutschland beginnt
auf dem Gebiete der Architektur, zum Teil infolge der Ein—
wanderung von Refugiss, schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts.
Doch war es wesentlich erst der Stil der Regentschaft und der
noch spätere Ludwigs XV., der jenseits der Vogesen Fuß
faßte. Und diese Stile wiederum wurden der Hauptsache
nach, entsprechend ihrem inneren Charakter, nur für Profan—
architektur verwandt, während der Kirchenbau, der übrigens
seit etwa 1740 viel an Bedeutung verlor, im ganzen barocken
Elementen treu blieb. Eine große Ausnahme wäre hier freilich
zu nennen: die lutherische Frauenkirche zu Dresden mit ihrer
prächtigen Kuppel, die der Ratszimmermeister Georg Bähr in
derselben Zeit etwa, da die barocke katholische Hofkirche (1738
bis 1754) entstand, nämlich in den Jahren 1726- 1740, erbaut
hat: doch bedeutet sie eben eine Leistung für sich, deren Grund⸗
lagen wohl mindestens ebensosehr in den Traditionen der in
Norddeutschland aufgenommenen holländischen Renaissance wie
in der allgemeinen Neigung für die einfacheren Bauformen des
Rokokos zu suchen sind.

Im Profanbau trat der Palastbau für die vielen großen
und kleinen Fürsten des deutschen Landes, daneben, namentlich
in Osterreich, auch für den Adel durchaus in den Vordergrund.
Und hier siegte nun der neuere französische, horizontal gerichtete
Landtypus im allgemeinen durchaus über die geschlossene

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 14
        <pb n="229" />
        210 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
vertikale Form des städtischen Palastes, von dem eigentlich nur
der große Saal und das reiche Treppenhaus gegen den fran—
zösischen Geschmack festgehalten wurden: begreiflich genug bei
der Tatsache, daß die meisten fürstlichen Residenzen des deutschen
Bodens kleine Städte oder gar wohl Dörfer waren, die erst
durch die Anwesenheit eines Hofes halb städtischen Charakter
erhalten hatten. So entstanden denn, nach dem Vorbilde des
Mansartschen Baues in Versailles, die ungemein ausgedehnten
Fronten der deutschen Rokokoschlösser; Nymphenburg hat eine
Front von fast 600 Meter, Charlottenburg einen solche von rund
500 Meter; die Front des kurfürstlichen Schlosses in Bonn,
der heutigen Universität, schloß einst mit ihren rund 875 Metern
die Stadt Bonn fast vom Süden des Rheintals ab. Ent—⸗
sprechend diesen langen Fronten ging man dann wenig in
die Höhe; Schlösser wie Benrath bei Düsseldorf, Wilhelmsthal
bei Kassel, Sanssouci in Potsdam besitzen überhaupt nur ein
Erdgeschoß. Doch waren zwei, selbst drei Geschosse für den
Hauptbau immerhin nicht selten.

Der Hauptbau und einzelne flankierende Pavillons wurden
dabei, wie in Frankreich, durch langgestreckte, ursprünglich zum
Aufstellen von Kunstwerken bestimmte Galerien verbunden, und
vor dem Ganzen breitete sich weithin ein Garten aus im Ge⸗
schmack Lenötres: mit Terrassen und Wasserkünsten, mit einem
Ohâteau d'eau und einer Orangerie, mit Buonretiros und Bel—
vederes, mit Glorietten und Pavillons, mit Fasanerien und
Menagerien; und ebenso wie in Frankreich verlief dieser Garten
aus der steifen Architektur grade geschnittener Buchsbäume und
Taxushecken allmählich ins Natürliche, Freie.

So ist in Deutschland eine gewaltige Anzahl von großen
Anlagen entstanden; denn der Bauluxus gehörte zu den gewöhn—
lichen Leidenschaften der Fürsten des Zeitalters; ja er wurde
nach den bestehenden merkantilistischen Lehren als eine Verpflich—
tung des Monarchen betrachtet!. Am meisten festen Fuß
faßte die neue Bauweise aber mit am Rhein: es war in der

Vgl. schon Bd. VI, S. 485f.
        <pb n="230" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 211
französischen Nachbarschaft; zudem herrschten während des
Verlaufes des Rokokos wenigstens in Köln Kurfürsten aus
dem wittelsbachischen Hause, das in München den neuen
Stil besonders früh und besonders energisch eingeführt
hatte. Außer dem Rhein kommen noch die Maingegenden, wo
die Schönborns als Bischöfe von Bamberg, Würzburg und
Mainz eine verschwenderische Bautätigkeit entfalteten, sowie
Berlin und Potsdam vornehmlich in Betracht. In Wien wurde
das Rokoko zwar auch mit Enthusiasmus aufgenommen, doch
hielt ihm hier und namentlich auch in Salzburg der alt—
reingebürgerte italienische Einfluß so weit stand, daß barocke Ele—
mente niemals gänzlich verschwanden. Mehr oder minder deutlich
läßt sich das an den Bauten Martinellis, Hildebrands und der
beiden Fischer von Erlach ersehen, während in Berlin Knobels—
dorff mehr als irgend ein deutscher Architekt an dem speziell
französischen Stil festhielt und Johann Balthasar Neumann in
dem Würzburger Schlosse, diesem ausgedehntesten aller deutschen
Fürstensitze der Rokokozeit, einen persönlichen Stil voll nationalen
Empfindens durchführte. Am besten erhalten, als Kunstwerke
zugleich der Architektur und der Gartenkunst, sind wohl in
Potsdam Sanssouci, in Wien das Belvedere des Prinzen Eugen
von Savoyen, auch Schönbrunn, in Salzburg das kleine, archi—
tektonisch besonders interessante Schloß Mirabell mit wenig
Gartenanlagen, in Bayern Nymphenburg und, freilich nur mit
Resten des Gartens, Würzburg, am Rhein endlich Schwetzingen,
Brühl und Benrath. Doch stehen neben diesen Schlössern noch
eine Menge anderer, die ebenfalls den ganzen Stil vergegen⸗
wärtigen.

Denn die Baukunst war jetzt fast nicht mehr lokal beein—
flußt und verfügte auch, nach dem Import eines fremden Stiles,
nicht mehr über mehrere Schulen, die sich aus eigener Ent—
wicklung heraus differenziert hätten: frei schaltete über ganz
Deutschland hinweg der Einfluß der großen Pariser Archi—
tekten, de Cottes vor allem, der u. a. auch die bischöfliche
Residenz, das heutige Kunstgewerbemuseum in Straßburg ge—
baut hat (1728 -1741) und künstlerischer Berater der Wittels⸗

14*
        <pb n="231" />
        212 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
bacher Fürsten auf dem kölnischen Kurstuhl war, sowie in ge⸗
wissem Sinne fast noch mehr der Boffrands. Der Autorität
dieser Architekten, mochten sie nun selbst Pläne entwerfen oder
durch ihre Schriften oder durch Begutachtung von Plänen wirken,
folgte das Heer der deutschen Baumeister.

Und diese Baumeister begannen sich außerdem sehr bald,
auch wenn sie schon selbständig waren, ihre Bildung in Paris
zu holen, oder wurden jung von deutschen Fürsten dorthin ge⸗—
schickt; so hat Effner, nachdem er auf Kosten des bayrischen
Kurfürsten Max Emanuel in Paris studiert hatte, in München
den Stil der Régence eingeführt. Neben ihnen aber arbeitete
eine Anzahl wirklicher französischer Architekten, z. B. Cuvilliés
und Leveiller, und unter ihnen gar nicht selten auch franzö—
sische Handwerker namentlich der Dekorationszweige: Maler,
Stukkateure, Dekorateure, Tapezierer. So wurde denn das
heimische Kunstgewerbe von diesem Aufschwunge der Bautätig—
keit verhältnismäßig gering befruchtet, und nach dem Tode eines
fürstlichen Mäcens verflog nicht selten die ganze von ihm bisher
beschäftigte Künstler- und Handwerkerschar, ohne dauernde Wir⸗
kungen zu hinterlassen.

Es war ein Umschwung, der die noch immer vorhandenen
rReste des deutschen Kunstgewerbes, das im 16. und auch noch
im 17. Jahrhundert so reich geblüht hatte, aufs empfindlichste
treffen mußte. Zwar war schon in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts ein gewisses Nachlassen zu bemerken gewesen
im protestantischen Norden, der z. B. in Holstein noch durch
das ganze 16. Jahrhundert hindurch eine stolze Höhe der Holz⸗
schnitzkunst aufgewiesen hatte, hatten sich schließlich grade auf
diesem Gebiete die zerstörenden Wirkungen der Reformation,
deren Gotteshäuser keiner Statuen bedurften, eingestellt, wenn
auch Orgel und Kanzel und Kirchengestühl noch Anlaß zu
manchem Auftrag boten, und in den großen kunstgewerblichen
Stücken, die in der Richtung auf wirkliche Kunst lagen, hatten
die binnendeutschen Meister schwer unter dem Wettbewerb der
Niederländer zu leiden gehabt. Aber trotzdem hatte sich doch
noch wenigstens der Süden Deutschlands, Augsburg und Nürn—
        <pb n="232" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 213
herg gehalten: hier wurden bis zum Eindringen des Rokokos
schwere, gediegene und selbständige Arbeiten geschaffen. Aber nun
kam diese leichte Kunst mit ihrem Stuckwerk, ihren falschen Ver—⸗
goldungen, ihrer im einzelnen willkürlichen Formenwelt und
ihrer nicht selten liederlichen Mache: es war der Ruin der
deutschen Arbeit. Allerdings hat wenigstens Augsburg die
neuen Formen aufgegriffen; eine ganze Flut von Ornament—
stichen im Rokokogeschmack ergoß sich von dorther Deutschland,
und noch in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts hieß der
neue Stil auf deutschem Boden gewöhnlich die Augsburger Art.

Aber die Augsburger, wie überhaupt die deutschen Meister,
zrreichten in der Dekoration keineswegs die Feinheit der Fran—
zosen. Außer dem allgemeinen Verfalle des Bürgerstandes in
den alten Städten machte sich geltend, daß die neuen Formen
der nationalen Phantasie doch nicht in schöpferischem Ringen
entsprungen waren, und so verstand man denn nur zur Hälfte
den tieferen tektonischen Sinn dessen, was man sich nur an—
geeignet, nicht mit errungen hatte. Es war das Verhältnis der
einstigen römischen Provinzialkunst etwa zur Kunst der Haupt—
stadt. Man schuf alles nach, phantastischer vielfach und reicher,
aber das eigentlich Schöpferische der fremden Grazie fehlte,
und die Formen blieben willkürlich und vielfach auch hart, trotz
liebevoller Versenkung. Dazu kam, daß man Formen begünstigte,
die am wenigsten etwas von innerer Symmetrie und Ruhe besaßen;
so ist namentlich das Muschelwerk, jene Rocaille, nach der der
Stil doch wohl den Namen erhalten hat, in Frankreich viel
weniger als in Deutschland in den Vordergrund der Dekoration
gezogen worden.

Und was schlimmer war: mit der fremden Art zog die
Kunst der Surrogate ein. Begnügte sich schon das leichtlebige
Frankreich der Régence mit kupfervergoldeten Möbelbeschlägen
an Stelle der silbervergoldeten Ludwigs XIV., mit Metallguß
an Stelle der getriebenen und gehämmerten Metalle früherer
Zeit, setzte man bald an Stelle der Ledertapeten des Barocks
die Tapete von Papier, so ahmte das deutsche Kunstgewerbe
hierin die Franzosen nur zu getreulich nach, ja übertraf sie.
        <pb n="233" />
        214

Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Die Kunst des Scheins, des theatralischen Effekts zog damit in
das künstlerische Schaffen ein, und Generationen hindurch hat
man an Vergiftungen aus dieser Quelle her gekränkelt.

Nur in einem Punkte erreichte Deutschland bei dieser Lage
noch auf einige Zeit eine führende Stellung, freilich auch hier
nur durch einen glücklichen Zufall. Im Jahre 1709 hatte der
Sachse Johann Friedrich Böttcher das europäische Porzellan
entdeckt; und schon 1710 wurde in Meißen eine Fabrik er—
richtet, der dann, zunächst in Deutschland und als Sache fürst⸗
lichen Sports, eine ganze Menge anderer Fabriken folgten,
darunter ziemlich fruh die Staatsfabrik in Wien, 1738 die
von Nymphenburg, nach dem Siebenjährigen Kriege — auf
Brund privater Anfänge seit 1750 — die von Berlin.

Diese Fabriken, denen freilich bald solche des Auslandes,
vor allem die französische Staatsfabrik zu Sévres, parallel
zingen, traten nun mit ihren Erzeugnissen fördernd in eine
schon bestehende Bewegung ein. Die seit den letzten Jahrzehnten
des 17. Jahrhunderts auftretende Neigung zur hellen Belich—
tung der Innenräume, die schon damals vereinzelt zur Be⸗
vorzugung hellerer Stuckarten an Stelle der hergebrachten
dunkelgelben, braunen, grünen, roten Stuckfarben des Barocks ge⸗
führt hatte, hatte sich früh auch mit einer Fayence lichten Tones
defreundet, die in Delft erzeugt wurde und darauf hinauslief,
das seltene, bisher nur von China aus zu erhaltende Porzellan
zu ersetzen. In diesem Zusammenhange war dann die Fayence
von Delft zu einem der wichtigsten holländischen Kunstgewerbe⸗
artikel geworden, und überall ahmte man sie nach; in Italien
drohte fie sogar die einheimischen Majoliken zu verdrängen.
Gleichwohl genügte sie weder stärkeren Ansprüchen an Haltbarkeit,
noch gestattete sie eine feinere plastische Modellierung. Grade
hierin aber lagen die Vorteile des neugefundenen Porzellans.
So löste das Porzellan die Fayence ab; und bald wurde es
zu einem der beliebtesten Materialien des Rokokos: denn seine
Modellierungsfähigkeit folgte fast unbegrenzt den tollsten Launen
der Bildnerei dieses Stiles; und sein Glanz, seine Fähigkeit,

helle Farben eingebrannt aufzunehmen, entsprachen der ästhe—
        <pb n="234" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 215
tischen Licht- und Farbenempfindung der Zeit. Diese Zusammen—
hänge klar erkannt und künstlerisch mit voller Energie aus—
gebeutet zu haben, war das Verdienst der Meißener Porzellan⸗
nanufaktur und ihres ersten Plastikers Kendler. Kendler und
sein Maler Herold sind die Erfinder der vollendeten Rokoko⸗
vorzellanfigürchen, der glänzenden Meißner Geschirre; und
schon sie hoben seit den dreißiger Jahren die Meißner Manu—
faktur auf den Gipfel ihrer Bedeutung. Aber auch als um
die Mitte des Jahrhunderts der Geschmack an gemalten und
olastischen, naturalistisch gehaltenen Blumen aufkam, hat die
Manufaktur sich noch auf der Höhe gehalten; erst der Sieben—
jährige Krieg brachte sie um die erste Stellung, die nunmehr,
neben Sèvres, auf einige Zeit der Wiener Manufaktur zufiel.

Diese Zusammenhänge mit dem Kunstgewerbe bedurften
der Beleuchtung, sollte festgestellt werden, was das Rokoko, ein
wesentlich dekorativer Stil, der deutschen Entwicklung eigentlich
gewesen ist. Es war und blieb ein importierter Stil: wie die
deutsche Architektur seit 1600 zunächst von dem von Italien beein⸗
lußten Holland und von Italien selbst abzuhängen begonnen hatte
— ein Einfluß, der nach der Mitte des 17. Jahrhunderts besonders
sttark geworden war —, so verfiel sie seit der Wende des 17. Jahr—
hunderts in zunehmendem Grade dem Einflusse der Franzosen.
Es war eine der Folgeerscheinungen des furchtbaren Sturzes
unserer Kultur und unseres politischen Ansehens seit der Mitte
des 16. Jahrhunderts.

Aber beide Einflüsse und beide Stile, das Barock und das
Rokoko, wurden doch nicht passiv und unselbständig aufgenommen,
sondern vielmehr jedesmal mit einem Verständnis, das aus
dem zwar schwachen, aber doch originalen Gefühle erfloß, die
deutsche Nation sei in die gleiche Entwicklungsstufe einzutreten
im Begriffe, welche die beiden großen romanischen Nationen
schon früher kräftiger und gesunder zu erreichen begonnen hatten.
Darum erfolgte die Aufnahme in der Periode des Barocks
anter gewissen Modifikationen des Baustils, in der Periode
des Rokokos unter selbständigem Eintreten in die Bewegung
wenigstens auf einem wichtigen Gebiete der schmückenden Künste.
        <pb n="235" />
        216 3wanzʒigstes Buch. Erstes Kapitel.
Freilich: in den Hintergrund gedrängt erschien Deutschland
trotz allem, und nur für die erste Stufe der großen ästhetischen
Bewegung des 16. bis 19. Jahrhunderts, für die Erringung
der künstlerischen Herrschaft über das gebundene Licht auf dem
Gebiete der Malerei, gebührt ihm, gebührt seinem damals am
weitesten vorwärts gerichteten Stamme, den Niederländern, die
Ehre der Führung. Jetzt aber war man über die Beherrschung
des künstlich geführten Lichtes in der Malerei hinweggeschritten
zur Beherrschung des gleichen Lichtes auch in der Architektur:
das Barock ist die Architektur energischer Reflexe des künstlich
geführten Lichtes, eine Architektur des Helldunkels; das Rokoko
ist die Architektur möglichst freien Lichtes innerhalb des bau⸗
lichen Abschlusses, eine Architektur also möglichst gering be—
schatteter Räume.

Das Barock entsprach damit entwicklungsgeschichtlich der
ästhetischen Anschauungshöhe, auf welcher sich die Malerei der
Niederländer befand, vor allem die Malerei des Rubens.
Über dieses Niveau hinaus strebte schon Rembrandt; er versuchte
sich an der Bewältigung eines freieren Lichts. Allein ein graduell
stärkerer, merkbarerer Fortschritt wurde doch nicht schon von ihm
gemacht, sondern erst in den Lichtwirkungen der Innenräume
des Rokokos kunstvoll herbeigeführt: das Rokoko stand insofern
auf einer höheren Stufe ästhetifcher Entwicklung. Zwar war
auch jetzt noch nicht das Geheimnis künstlerischer Wiedergabe
des freien Lichtes gewonnen, aber doch trat die Belichtung
der Rokokoräume und die durch diese Belichtung veranlaßte
Umwandlung der Innendekoration diesem Problem näher als
irgendeine Entwicklung einer früheren Zeit der bildenden Künste.

Hiermit hängt es zusammen, wenn im Zeitalter des Rokokos,
ja schon in den Vorbereitungsstufen desselben seit den letzten
Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts die Führung in den bilden⸗
den Künsten von der Malerei an die Architektur, richtiger an
jene Kombination von Architektur, Plastik und Malerei überging,
die für die Innendekoration von Bauräumen eintrat.

Man muß sich das vergegenwärtigen, will man die Stellung
der Plastik und Malerei in diesem Zeitalter begreifen.
        <pb n="236" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 217
2. Die Plastik war, wenige große und freie Schöpfungen
ausgenommen, geradezu zum Kunstgewerbe geworden.

Die Renaissance hatte der Statue auch da, wo sie der
Architektur eingeordnet schien, ihr freies Leben gelassen und die
Gesetze bildnerischen Schaffens fast gar nicht unterbunden. Die
Wirkung des Barocks war völlig entgegengesetzt; je mehr es
des Licht- und Schattenspiels plastischer Gruppen bedurfte,
um so mehr unterwarf es diese seinen Gesetzen.

Und schon hatte die führende Plastik des 16. Jahr⸗
hunderts, die italienische Kunst seit Michelangelo, Wege ein—
geschlagen, die, ihrerseits wiederum tiefster Ausdruck immanenter
Entwicklung, diese Unterwerfung erleichterten. Indem in den
Schöpfungen des gewaltigen Florentiners nicht mehr die
Gesamthaltung des Darzustellenden, sondern das Motiv, nicht
mehr das Prinzip der schönen Natur, sondern die Absicht,
ein bestimmtes Pathos darzustellen, maßgebend erschien für die
Auffassung, wurde das Leben der Statue gleichsam außer
ihr selbst verlegt und ihre Bewegung und Haltung diesem
außer ihrer webenden Lebensgedanken untergeordnet. Die Folgen
waren gewaltsame Behandlung des Körperlichen — um so
gewaltsamer, als sie bei Michelangelo aus der genauesten
anatomischen Kenntnis hervorging —, allgemeine Spannung
des Dargestellten, gleichsam eine Art plastischer Nervosität,
dielfach Aufhebung der schönen Linienführung, überhaupt Ver—
nachlässigung des ruhigen Umrisses zugunsten möglichst ein—
heitlicher Wirkung des Gesamteindrucks. Traten diese Anderungen
der Auffassung bei Michelangelo meistens noch nicht grell hervor,
sondern vielmehr eingebettet in die schönheitssichere Tradition des
Cinquecento und in Schach gehalten durch die außerordentliche
Persönlichkeit des Künstlers, so begreift man, daß sie unter seinen
Nachfolgern, denen das persönliche Streben des Meisters zur
Manier wurde, von viel stärkeren Folgen sein mußten. Sehen
wir von Giovanni da Bologna (f 1608), dem lebensfrischen
landrischen Meister aus Douai, ab, der seinen Werken etwas
von dem prunkenden Kraftaufwand eines Rubens einzuverleiben
wußte, so erscheint die italienische Plastik wie die ihr folgende
        <pb n="237" />
        218 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Bildnerei Mitteleuropas bald ganz auf den Wegen des ausgebildeten
baulichen Barocks: die Einzelheiten der schönen Form sind ihr
vielfach gleichgültig geworden; der Nachdruck ist auf die Be⸗
wegung gelegt; der Stein soll Dolmetsch nicht von Stim⸗
mungen und Dispositionen, sondern von Erregungen und
Leidenschaften sein; stärkste Verrenkungen, schwerstes Flattern
der Gewandung bis zur Loslösung der Gewandmotive von ihrer
Bedingtheit durch den Körper werden beliebt. Es ist eine Ent—
wicklung, welche die Plastik den Prinzipien wie der barocken
Architektur so der lichtbewältigenden Malerei immer näher⸗
führte: und war es denn möglich, daß sie sich, obgleich die
Kunst zunächst des Festumrissenen, gänzlich den Bestrebungen
auf Einverleibung der Wiedergabe der Lichtwirkungen in das
künstlerische Gesamtvermögen entziehen konnte? Indem die
Bildnerei sich der allgemeinen künstlerischen Strömung ein⸗
ordnete, geriet sie in Gefahr, der bisher geltenden ästhetischen
Grundlage ihres Wesens beinah völlig verlustig zu gehen.

Den ersten Höhepunkt dieser Bewegung bezeichnet in Italien
die Erscheinung Lorenzo Berninis (15098 — 1680), eines der ge⸗
feiertsten Meister seiner Zeit. Mit bewundernswerter Kon—
sequenz und in einer unglaublich gewandten Technik hat dieser
Neapolitaner den aufgeregten und sinnlichen Charakter seiner
Landsleute in die Plastik eingeführt und in seinen Werken die
Möglichkeiten einer im barocken Sinne malerisch gewandten
Bildnerei durchmessen. Staunen und Ekstase, pathetische Dekla—
mation und lüsterne Erwartung, hysterische Glut der Andacht
und theatralischer Aufwand von Schmerz sind geläufige Gegen⸗
stände seiner Darstellung, und nichts fast, auch nicht das an
sich Gehaltlose und das Licht, schließt er von körperlich plastischer
Wiedergabe aus. So ist er der Erfinder der plastischen Wolken,
auf denen in den Darstellungen so vieler Barockaltäre Engel einher⸗
schweben und Heilige, vor allem heilige Frauen, lässig-sinnlicher
Ruhe oder gespannt-sinnlicher Erwartung pflegen; auch die
Darstellung der Sonne hat er in seine Plastik einbezogen.

Und was Bernini tat, das wurde bald Gemeingut des
        <pb n="238" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 219
weiten Gebietes des Barocks; in unendlichen Nachahmungen,
die innerlich leer sind und darum auch äußerlich sich ähneln,
sind seine Erfindungen auf den zahlreichen Altären unserer
Barockkirchen wiederholt worden; und auch die Plastik der
Paläste wurde aufs stärkste von ihm beeinflußt.

So entstand denn auch auf deutschem Gebiete eine barocke
Plastik, die sich der gleichartigen Architektur völlig unterordnet
und wesentlich nur kunstgewerbliche Bedeutung beanspruchen
kann: und hier allerdings, vor allem in Werken, welche barocke
Gebäude bekrönen, wie z. B. in dem Statuenschmuck der Dresdener
Hofkirche, erreicht sie einen hohen Grad von Vollendung und
unzweifelhafter Wirkungsfähigkeit. Für sich aber bedeutete sie
eigentlich nichts. Die Zahl wichtigerer selbständiger Werke, die
sich aus ihrem Bereiche nennen ließe, ist gering, ja erscheint,
soweit die allgemeine kulturgeschichtliche Bedeutung in Frage
kommt, mit der Erwähnung der Schlüterschen Statue des
Großen Kurfürsten zu Berlin fast geschlossen. Und auch bei diesem
Werke ist zu bedenken, daß seine Gesamtauffassung keineswegs
die barocke eines Bernini ist — ihr würde ein theatralisch an—
sprengender Reiter gerechter geworden sein —, sondern vielmehr
die viel gemäßigtere der holländischen Spätrenaissance; nur in
den gefesselten Sklaven des Sockels tritt ein an sich halten—
des Barock zutage. Ebenso sind auch die Masken sterbender
Krieger am Berliner Zeughaus wohl in barockem Sinne ge—
schaffen, aber der Gegenstand ließ hier ein starkes plastisches
Pathos zu, ja erforderte es; und die Durchführung ist an sich
schlicht, männlich und angesichts der Maiestät des Todes
theatralischen Zügen ferner.

Das Standbild des Großen Kurfürsten ist 1697 gegossen
worden, also gegen das Ende der vollen Barockzeit. War von
dem emporkommenden Rokoko eine neue Blüte der Plastik zu
erwarten? Gewiß hielt der neue Stil die Bildnerei nicht mehr
in so sklavischer Abhängigkeit von der Architektur wie das
Barock; während sich die bildnerische Tätigkeit im engsten Zu—
sammenhange mit der Bautätigkeit immer mehr auf die an
sich oft höchst phantasievolle und künstlerisch lohnende ornamentale
        <pb n="239" />
        220 ZƷwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Behandlung des Stucks beschränkte, wurde Licht und Luft
äiußerlich frei für eine selbständige Plastik. Allein die innere
Bindung an den Charakter der Architektur oder richtiger gesagt
der Dekoration blieb, weil die selbständige plastische Phantasie
inzwischen in der architektonischen Tradition untergegangen,
nicht zum geringsten wohl auch unter dem Drucke eines steigen⸗
den Intellektualismus verdorrt war. Die außerordentlich rege
Tätigkeit verlief daher vornehmlich im Kunstgewerbe — hier
gelangte in der Porzellanplastik ein ganz neuer Zweig zur
Blüte —, und wo sie darüber hinausstrebte, behielt sie doch
kunstgewerblichen Charakter, war sie, ohne sich von den über—
triebenen Bewegungsmotiven des Barocks völlig loszureißen,
geleckt, geziert, geistig leer, nicht selten sinnlich und lüstern.
So konnte ein Heilungsprozeß erst von einem vollen Um—
schwunge des Geschmackes erwartet werden.

3. Das war die Lage auch auf dem Gebiete der Malerei.
Es ist früher erzählt worden, wie sehr die niederländische Malerei
des 17. Jahrhunderts die binnendeutsche Entwicklung überholt,
ja überwuchert hatte: wer kann die Namen deutscher Maler
dieser Zeit neben Rubens und Rembrandt nennen? Und neben
dem niederländischen lastete auf den binnendeutschen Gebieten
auch noch der italienische Einfluß, wenngleich er für gewisse
Zweige der Malerei ganz allgemein, für alle wenigstens in den
protestantischen Gegenden zurückzutreten begann. So war von
einer selbständigen Entwicklung in dem weitaus größten Teile
des deutschen Landes damals nicht die Rede; tüchtige Künstler
wanderten wohl gradezu aus; wie Elsheimer noch vor den
großen Errungenschaften der Niederländer eine Heimat in Rom
gefunden hatte, um in der braunen Massigkeit des Baum—
wuchses, im architektonischen Aufbau der Linien des Albaner—
gebirgs, in der feierlichen Schönheit der antiken Ruinen eine
neue Konzeption der italienischen Landschaft zu entwickeln, so
gingen später Lingelbach und Netscher, Flink und Knüpfer nach
den Niederlanden, um dort in halbdeutschem Sinne fortzuschaffen,
        <pb n="240" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 221
und andere (Sir Peter Lely, Kneller) mit dem gleichen Erfolge
nach England.

Was aber daheim blieb, das schuf, anfangs noch mit
zewissenhaftester und wohlüberlieferter Technik, nach fremden
Mustern oder in Anlehnung an die Aufgaben, welche der Wand—
schmuck der Barock-, später der Rokokoarchitektur stellte. Da
handelte es sich um große Altarbilder mit meist geistig unendlich
leeren Darstellungen oder um breite Flächen einer immer
dekorativer werdenden Landschaftsmalerei, die, weit entfernt
vom Studium der heimischen Natur, an niederländische oder
italienische Landschaften anknüpfte oder in theatralisch-heroischem
Tone ideale Bilder schuf. Oder aber es kamen neben den Auf⸗
gaben für die Oltechnik Fresken in Frage: die Bemalung weiter
Strecken barocker Kuppel-⸗, Gewölbe- und Kappenräume. Und
hier noch am allerehesten ergaben sich originelle Aufgaben; der
Sinn für Großräumigkeit und weiter Blick mußten entwickelt,
das Schaffen auf den Gesamteindruck mußte geübt werden; und
die Zeiten des Rokokos wenigstens erforderten so viel Grazie, daß
das Ausklingen der heiteren Festesstimmung der Architektur in
einem bunten, hellen Nichts der Deckenmalerei zum vollen Aus—
druck drängte. So sind hier in der Tat noch eine Anzahl von
Meistern mit Ehren zu nennen, vor allem von der italienischen
Tradition erfüllte Osterreicher, etwa Johann Friedrich Rottmayr
1660 -1730), Peter Strudel (1660 - 1714) und andere. Sie
haben mit einer Virtuosität sondergleichen und unter geschicktester
Lösung der technischen Aufgabe ihre Verkürzungen gemalt und
tausend Decken mit Engeln und Amoretten, mit dem Olymp
und der Dreieinigkeit bevölkert: doch eine große Förderung
der kuünstlerisch-ästhetischen Anschauung oder auch nur eine
große gemütlich-ästhetische Wirkung ist auch von ihnen nicht
ausgegangen.

Das gilt nun erst recht von den Vertretern der selb⸗—
ständigen Staffelmalerei. Sie klebten noch mehr am Fremden,
gelehrige Schüler ohne Individualität; Screta (f 1674 ver—
stand Michelangelo, Caravaggio, Rafael, Dominichino, Guido
Reni und den Veronese nachzuahmen; Dietrich (f 1774),
        <pb n="241" />
        222 Zwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
der sich seit 1785 Dietricy nannte, malte in der Art Rem—
brandts, Berchems, Ostades, Poelenburghs, v. d. Neers,
v. d. Werffs, Elsheimers, Roos', aber auch Salvator Rosas,
Murillos oder Watteaus: kein Wunder, daß für beide keine
Zeit übrig blieb, um auf eigene Art zu malen. So mochte
man zufrieden sein, daß wenigstens auf einigen Gebieten, wie
dem der Tiermalerei, tüchtige Meister schufen, und daß vor
allem auf dem Felde des Bildnisses der alte Ruhm Deutsch⸗
lands bewahrt ward; hier haben Meister wie Strauch (F 1630),
Kupetzky (f 1740), Denner (* 1749) fortdauernd Gutes ge⸗
schaffen.
Freilich hatten sie den Vorteil, im ganzen bei der letzten
großen Entwicklungsstufe binnendeutscher Kunst, den Zeiten
eines Dürer und Holbein, stehen bleiben oder sich von hier aus
bedächtig weiterentwickeln zu können, falls sie nicht fremder
Einwirkung anheimfielen: denn auf dem Gebiete der Bildnis—
kunst wird die alte zeichnerische Malerei immer diejenigen
fesseln, welche die nur bei dieser Malerei mögliche vollendete
Wiedergabe der Einzelplastik der Gesichtszüge jeder anderen
Auffassung vorziehen. In diesem Sinne hat vor allem Denner
geschaffen, wenn auch nicht mehr mit der Größe der alten
Meister; zu leicht wird ihm ein Detail zur Hauptsache; beinah
als Stilleben machte er seine Bildnisse, über deren feiner
Strichelung dann die Charakteristik eintrocknet.

Im übrigen bildeten freilich auch die Porträtmaler keines—
wegs bloß die Manier des 16. Jahrhunderts fort; im Gegen⸗
teil, dies war die Ausnahme, die Regel dagegen der Anschluß
im 17. Jahrhundert an die Niederländer, im 18. Jahrhundert
bielfach auch an die Franzosen. So gingen sie doch der Haupt⸗
sache nach mit dem großen Haufen derer, die in einer ver—
hängnisvollen Kombination von Urteilslosigkeit und Modezug
bald der einen Manier anheimfielen, welche die des helldunklen
Barock war, bald der andern, die dem lichten Farbenzuge des
Rokokos folgte. Ja es kam vor, daß derselbe Maler beide
Manieren zugleich anwandte. So konnte der schon genannte
Dietrich dahin charakterisiert werden, daß er einerseits, Miß—
        <pb n="242" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 223
brauch von bunten Farben gemacht“, anderseits „die Manier
niederländischer Maler nachgeahmt“ habe!.

Es ist selbstverständlich, daß bei einer solchen Ubung der
Kunst jeder ursprünglich vorhandene schöpferische Funke er—
löschen mußte. Und das ist in der Tat das allgemein Be—
zeichnende für den Ausgang der Kunst des Rokokos, des Barocks
und der Renaissance überhaupt. Sie verlor sich schließlich im
Sande; sie ging an dem Glauben ihrer Jünger zugrunde, daß
sie gelehrt werden könne, Teil des Wissens sei und der Vernunft.

Der Irrtum ist alt; seine Anfänge liegen schon im 16. Jahr⸗
hundert. Während damals noch die Malerei gefestet dastand
auf der unbestrittenen Überzeugung der Meister, daß sie die
schöpferische, idealistische Wiedergabe der Natur sei, war für die—
jenigen Teile der Kunst, die aus der Antike Nahrung sogen,
also die eigentliche Renaissance, die Auffassung doch schon eine
indere. Hier bedurfte es ja in der Tat des Lernens; über
ihm kam die Urkraft des Schaffens bald zu kurz; und man
ward sich dessen bald unbewußt inne, indem man diese Schöpfer—
kraft, überhaupt die Einheit von Kunstwerk und Künstler zu
unterschätzen begann. So beginnt schon im 16. Jahrhundert
die Literatur der Ornamentstiche und sonstiger Vorlagen für
architektonische und dekorative Zwecke: von den deutschen so—
genannten Kleinmeistern reicht sie über Vredemann de Vries
und Dietherlin zu den französischen Ornamentisten unter
Ludwig XIV., einem Lepautre (16171682) und andern, um
in der Rokokozeit mit Oppenort in Frankreich, Franz Xaverius
Habermann, Nilson und anderen Augsburgern in Deutschland
einen dritten Höhepunkt zu erreichen. Es ist klar, daß sie eine
Bevormundung der Phantasie des ausführenden Künstlers be—
deutet und damit zugleich eine Verschlechterung der Entstehungs⸗
bedingungen des Kunstwerks: wie sollte dieses, selbst abgesehen
von der Verschiedenheit der Phantasie der Feder von der des
Meißels oder Hammers, einheitlich sein bei fremder Em—
pfängnis?

1 Goethe, Zur Farbenlehre (Weimarer Ausgabe II, 8, 376).
        <pb n="243" />
        224 Swanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Traf aber diese Bewegung zunächst nur die dekorative
Seite der Kunst, so wurde die tektonische nicht weniger durch
zunehmende theoretische Bearbeitungen beeinträchtigt, die mit
dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit auftraten und dem Grund—
satze zustrebten, die Baukunst sei etwas ausschließlich wissen⸗
schaftlich zu Erlernendes. In diesen Zusammenhang gehören
schon die palladiesken Traditionen. Und den Lehrern der Hoch⸗
renaissance folgten später in Italien ein Temanza, Lodoli, Al—⸗
garotti, Milizia. Recht eigentlich heimisch aber wurde die Auf—
fassung der Baukunst als einer Wissenschaft doch erst in Frank⸗
reich, dem Lande der 1671 errichteten Académie royale de
l'arehitecture. Hier war eigentlich Hardouin⸗Mansart (der
Erbauer des Invalidendoms vom Jahre 1706) der letzte große
schöpferische Architekt; schon neben ihm begann sich eine Schule
von Doktrinären zu erheben, die Perrault, Blondel, später
Cordemoy, Laugier, welche die Kunst philosophisch, d. h. in—
tellektuell und rationalistisch, begründeten und die Phantasie kaum
noch im Vorhofe künstlerischer Tätigkeit zuließen. Und auch in
Deutschland hatten sich solche Lehrmeister eingefunden: der
Mathematiker Nikolaus Goldmann z. B. (1623 - 1665) und
sein Übersetzer und Bearbeiter Leonhard Christoph Sturm
(1669 - 17 19).

So blieb nur noch übrig, daß man auch Malerei und
Plastik als Wissenschaften faßte. Es war ein Standpunkt, der
mit dem vollen Durchdringen der Barockarchitektur selbst⸗
verständlich schien: denn diese Architektur, selbst als Wissen⸗
schaft gefaßt, mußte bei ihrer Eigenart allmählich auch die
selbständige Phantasietätigkeit in den anderen bildenden Künsten
zerstören. In der Tat begann — während sich auf dem un⸗
bedeutenderen Gebiete der Bildnerei allgemeine Überzeugungen
überhaupt weniger fest herausbildeten — für die Malerei die
rationale Auffassung mit den ersten großen französischen Malern,
mit Simon Vouet (f 1646) und Nicolas Poussin (f 1665).

Namentlich Poussin ist keine schöpferische Kraft im Sinne
der großen Niederländer gewesen. Er rückte nicht so sehr der
Natur als seinen italienischen Zeitgenossen auf den Leib, vor
        <pb n="244" />
        Die bildenden Künste des Barocks und des Rokokos. 225
allem Dominichino. Ihnen entnahm er, gewiß mit Ernst, mit
Geschmack, mit Gründlichkeit, aber doch kühl, verstandesmäßig,
bewußt, was ihm brauchbar erschien für sein eigenes Schaffen,
ein erster, raffinierter Eklektiker. Und seitdem blieb es in der
französischen wie auch in der ihr immer mehr folgenden
deutschen Malerei beim Raffinement und Eklektizismus: das
Ergebnis waren Akademiker und Virtuosen, Langweiler und
Tausendkünstler.
Wie sehr dann im 18. Jahrhundert die Malerei und die
Kunst überhaupt als etwas Rationales, Erlernbares, zur Nütz⸗
lichkeit ebensosehr wie zur Schönheit Gemachtes galt, das
zeigt nichts besser als Mengs' kleines Büchlein „Gedanken über
die Schönheit“. Hier führt Mengs, obwohl er innerlich schon
über den Standpunkt des Rokokos hinausgewachsen war, dennoch
unter dem Drange des Herkommens aus: die Schönheiten der
Gemälde Raffaels seien Schönheiten der Vernunft und nicht
der Augen, könnten mithin durch das Gesicht erst dann gefühlt
werden, wenn sie den Verstand gerührt hätten, und meiut,
wem nicht eine Art philosophischer Verstand die Natur eröffne,
der tue am besten, auf dem Gebiete der Malerei als Nach⸗
ahmer zu glänzen. Da sei aber noch gewaltig viel zu tun,
denn alle Künstler seit der Renaissancezeit hätten nur das
Wahre und das Gefällige zur Absicht gehabt; und wenn es
auch wahr wäre, daß sie in den Teilen, die sie besessen, auf
den höchsten Gipfel gekommen wären, so bleibe doch noch für
den, der die Vollkommenheit suche, übrig, das Teil des einen
und andern zusammenzufügen. „Also sfoll sich kein Künstler
abschrecken lassen, weil andre groß gewesen, sondern vielmehr
durch ihre Größe sich erhitzen, mit ihnen zu streiten, denn es
bleibt noch Ehre, von ihnen überwunden zu sein, wenn man
hnen nur nachgeahmt.“

Es braucht nicht erst ausgesprochen zu werden, daß der
Kunst durch solche Anschauungen die Tore der Zukunft so gut
wie verschlossen wurden. In der Tat glaubten sich die An⸗
hänger der letzten Ausbildungen des Rokokos am Ende aller

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII I. 15
        <pb n="245" />
        226 SZwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Kunst: denn alles schien ihnen lehrbar. In Wahrheit waren
sie mit ihrer Kunst zu Ende.

In dem Verlaufe der künstlerischen Entwicklung seit dem
16. Jahrhundert aber ist der tiefe Fluch der Renaissance nicht zu
berkennen. Indem man eine fremde Kunst annahm und als
ein ausschließliches Ideal nachzuahmen bestrebt war, blieb nichts
übrig, als in der Theorie schließlich die Lehrbarkeit der Kunst
zuzugeben. Trat aber diese Folge im 18. Jahrhundert so
ganz klipp und klar ein, so war das zugleich ein Ergebnis des
rationalen Zuges der Zeit, der in der individualistischen Kon—
ttruktion der Persönlichkeit seit dem 16. Jahrhundert aufs
tiefste begründet war.

Gegenüber diesem vollen Bankerott des äußeren künstleris chen
Apparates der Renaissance, gegenüber dem Verfall in Akademiker—
und Virtuosentum auf schließlich allen Gebieten der bildenden
Kunst blieb aber schließlich doch noch eine große Errungenschaft
des Zeitalters unverbrüchlich bestehen: die Errungenschaft der
künstlerischen Bewältigung des Lichts, soweit es nicht grade
das freiflutende des Tages war, auf allen Gebieten, wo diese Be—
wältigung möglich erschien, auf dem der Architektur nicht minder
wie auf dem der Malerei und selbst der Plastik. Sie ist das
eigentlich dauernde, weil selbsterstrittene, weil entwicklungs⸗
geschichtliche Ergebnis des Zeitalters; auf ihm haben die späteren
Geschlechter weitergebaut.
        <pb n="246" />
        Zweites Kapitel.
Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittel—
baren Abwandlungen.

Die Entwicklung der schönen Literatur in dem Jahr—
hunderte des großen Krieges und die der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts verläuft als volles Gegenstück zur Entwick—
lung der bildenden Künste. Auch hier im inneren Deutschland
das Verlassen volkstümlicher Bahnen unter dem Untergang der
alten bürgerlichen Grundlage des nationalen Geisteslebens und
wirkliche Weiterbildung zunächst nur in den Niederlanden, aber
selbst dort unter schließlich uberwiegendem Einfluß des gelehrten
Humanismus; auch hier Einwirkungen der Renaissancekunst
fremder Nationen, der Italiener und Franzosen vornehmlich,
aber auch der Spanier, der Engländer; auch hier als innerste
seelische Ursache des zunehmenden Unvermögens und schließ—
lichen Absterbens die Auffassung, daß die Kunst lehr- und
lernbar sei, da sie den Verstandeskräften der menschlichen Natur
entquelle, und damit verbunden die Vorstellung, daß sie nur
eine besonders ergötzliche Form intellektueller Betätigung sei.
So setzt noch vor Anfang der Periode, schon im Jahre 1568,
Nikodemus Frischlin nach dem Vorgange der Poetik Scaligers
—
schärfung sittlicher Lehren und Beispiele und in die vergnügliche

15*
        <pb n="247" />
        228 Swanzigstes Buch. Zweites Lapitel.
5———— —* 2*
Ausbreitung nützlicher Einsichten und Kenntnisse, kurz in das
Docere cum delectatione. Denselben Standpunkt aber nimmt
auch noch Gellert gegen Ende des Zeitraums in seiner Fabel
von der Biene und der Henne ein:

Da fragst: was nützt die Poesie?

Sie lehrt und unterrichtet nie.

Allein, wie kannst du noch so fragen?

Du siehst an dir, wozu sie nützt:

Dem, der nicht viel Verstand besitzt,

Die Wahrheit durch ein Bild zu sagen.

Ist so die psychische Grundlage der Entwicklung für die
Dichtung dieselbe wie für die bildenden Künste, so wird ein
Unterschied der beiderseitigen Entfaltung wesentlich dadurch
jerbeigeführt, daß die Dichtung den fremden Einflüssen verhältnis⸗
mäßig weniger Raum gestattete, jedenfalls aber bei ihr früher
und öfter als in den bildenden Künsten die nationale Grund—
lage wieder durchbrach. Die Künste, vor allem die in dieser
Periode immer mehr in den Vordergrund tretende Baukunst,
hängen vom Mäcenate der führenden Kreise ab; dies Mäcenat aber
heschränkte sich in diesen Zeiten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt deut⸗
licher auf die ausländischen Beispielen nacheifernden Fürsten. So
war die Architektur unmittelbar und durchaus, die Malerei
und Plastik wenigstens mittelbar und vornehmlich auf fremde
Einflüsse hingewiesen. In der Literatur dagegen behielt die
wesentlich bürgerlich charakterisierte Gelehrsamkeit eine im Laufe
der Zeit eher verstärkte als abgeschwächte Bedeutung; auch die
Fürsten, soweit sie sich der Literatur annahmen, zeigten wesent⸗
lich bürgerlich-gelehrten Charakter: Bürgertum aber bedeutete
noch immer eine mehr volkstümliche Entwicklung. Erst in der
zweiten Hälfte des Zeitraums, seit Ausgang des 17. Jahr⸗
junderts, schieben sich dann einerseits die nunmehr vollem
Absolutismus entgegengehenden Fürsten mit einem zahlreichen,
jetzt fügsam gewordenen Adel so sehr in den nationalen
Vordergrund, wachsen anderseits die bürgerlichen Geschlechter
der großen Handelsstädte, Zürichs, Basels, Leipzigs, Hamburgs,
so sehr in neue, reichere, weitergreifende Verhältnisse empor,
daß das literarische Publikum, nun wesentlich aus großstädtischen
        <pb n="248" />
        Die Dichtung der Renaifsance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 229
und adligen Kreisen bestehend, sich mehr vornehmlich fran—
zösischen Einflüssen öffnet, wie sie von Adel und Fürstentum
längst schon stärker zugelassen worden waren. Aber auch dann
noch erhält sich auf dem literarischen Gebiete mehr gesund—
einheimischer Sinn, als in den bildenden Künsten, und die
Hagedorn und Gellert wie die Anakreontiker leiten in ihren
Schöpfungen leise und unvermerkt zu jener neuen, gleich anfangs
herrlichen Blüte einer subjektivistischen Dichtung in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts herüber, während auf dem Gebiete
—
zanz entfremdet waren, eine solche Überleitung fehlt und die
Entwicklung mit der Mitte des 18. Jahrhunderts beinah un—
fruchtbar abbricht.

Wenn nun aber die Dichtung dieser Zeit, im ganzen be—
trachtet und abgesehen von den Schöpfungen einzelner Genies,
die eine bessere Zukunft vorwegnahmen, vor allem Verstandes⸗
dichtung war, so war damit eine Entwicklung gegeben, die zu⸗
nächst versuchen mußte, einen Kern jedweden oder auch gar
keinen Inhalts mit poetischen Formen zu umkleiden; und diese
Entwicklung mußte darum mit dem Aufsuchen spezieller poetischer
Formen ebenso beginnen, wie es ihr in Formenüberfülle und
Schwulst zu enden bestimmt war. Und dieser Entwicklung
mußte dann eine zweite Periode folgen, in der man eine ver—
tändig-poetische, ja, wenn dies Oxymoron zulässig ist, eine
nüchtern-dichterische Bearbeitung auch des Kernes versuchte: sie
konnte also anfangs vielleicht mit einem scheinbaren Aufschwung
deginnen, mußte aber schließlich dennoch in Prosa und, schlimmer
noch, in läppischem Wesen entarten.

Die erste dieser Perioden beginnt leise schon im 16. Jahr⸗
hundert, tritt deutlich in Erscheinung mit Opitz, und endet
spätestens um 1700: sie entspricht dem Barock, sie schafft in
hrer vollen Durchbildung wie dieses vornehmlich auf den Ge—
samteindruck und verhüllt zu dessen Gunsten die tiefere Form
und den Inhalt. Die zweite Periode entspricht dem Rokoko
mit seinem gleichsam nackteren Schaffen, das die Konstruktion
drosaisch heraustreten läßt; an ihrer Spitze steht kein großer
        <pb n="249" />
        230 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Dichter, so wenig wie an der Spitze des Rokokos ein großer
Künstler; sie besteht als Oberströmung etwa bis zur Mitte des
18. Jahrhunderts, und ihre letzten großen Vertreter sind Hage—
dorn und Gellert; in der Anakreontif verfällt sie schließlich ins
Prosaisch-Lächerliche, wenn auch die Anakreoutiker zugleich in
den Farben eines unreifen Subjektivismus schillern. —

Die Anfänge der ersten Periode reichen bis in eine Zeit
hinab, in der die Nation noch eine bedeutendere nationale Kunst
besessen hatte, wie sie selbst in den Zeiten der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts noch nicht ganz verloren gegangen war:
nicht ohne Grund knüpfte späterhin die erste wieder wahr—
haft nationale Dichtung, die der Empfindsamkeit und der
Sturm- und Drangperiode, von neuem an diese Zeiten, an
Hans Sachs vor allem, an. Den Zeitgenossen des 16. Jahr⸗
hunderts aber konnte der Sprung von Hans Sachs zu einer großen
dramatischen Kunst noch nicht unausführbar erscheinen. Freilich,
wir wissen schon, welche Mächte diese Entwicklung jäh abbrachen:
mit dem Falle des großen Bürgertums des 16. Jahrhunderts,
das schon Melanchthon sich allein noch als Träger einer wür⸗
digen deutschen Geistesentwicklung hatte denken können, fiel auch
die wichtigste Bedingung einer nahe scheinenden Größe: die
aächsten Zeiten der Dichtung sind nicht mehr eigentlich volks—
tümlich-bürgerlich gewesen; es herrschten in ihnen vielmehr
Geistliche und Gelehrte wie später Gelehrte und Fürsten. Da—
neben hatte aber auch die spezielle literarische Entwicklung des
16. Jahrhunderts schon in sich manche Ursache des Verfalls
getragen. Die Literatur in allen ihren Zweigen war anfangs

der Reformation, später den kirchlichen und theologischen Streitig⸗
keiten dienstbar gemacht worden: so hatte man die Form über
dem Inhalt vernachlässigt. Daneben hatte der Humanismus
gelehrten Charakter angenommen, war zwar Bestandteil einer
bisher wesentlich nur nationalen Bildung geworden, teilte sich
aber dieser nicht in nationaler Sprache, sondern mit lateinischer
Eleganz und hochmütigem Herabsehen auf die Volkssprache mit:
und machte er späterhin von dieser Gebrauch, so geschah es
lange Zeit hindurch unter der Vorstellung, daß für dieses
        <pb n="250" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 231
Werkzeug der Mitteilung jeder Versuch feinerer Durchbildung,
iberhaupt jede geistige Bemuhung überflüssig sei und vom Übel.

So ging denn eine unglückliche Entwicklung, die schon
seit dem Untergange des Minnesangs begonnen und unter der
Umbildung des Mittelhochdeutschen zum Mitteldeutschen, einem
Stimmwechsel gleichsam der Sprache, zugenommen hatte, jetzt
reißenden Weges weiter: die dichterische Form zerstob; eine
entsetzliche Geschmacklosigkeit der poetischen Sprache im ein⸗
zelnen, eine volle Zersetzung des metrischen und vornehmlich
rhythmischen Baues im ganzen trat ein. Es war eine Bewegung,
die im Grunde nur auf einem Gebiete nicht völlig durchdrang:
da, wo erst im 16. Jahrhundert eine Überlieferung von großer
Festigkeit geschaffen worden war, auf dem Gebiete der schönen
kirchlichen Literatur, wenn es gestattet ist, diesen Begriff zu
bilden; auf dem Gebiete der Andachtsbücher, der Erbauungs—
schriften und vor allem der Kirchenlieder und der geistlichen
Dichtung. Hier blieben noch zum guten Teil die klassischen
Formen lutherischer Rede bestehen; das Kirchenlied wurde seit
dem 17. Jahrhundert zwar milder, persönlicher, aber noch in
dieser zweiten Hälfte sind die herrlichen Gesänge Paul Gerhardts
zuerst erschollen; und auch der katholischen Kirche ist in den
Liedern der Trutznachtigall des edlen Jesuiten Spee, die 1649
erschienen, ein voller Strauß geistlicher Dichtungen von wunder⸗
harer Innigkeit, wenn auch gelegentlich etwas süßlichem Ge—
ruche gebunden worden.

Blieb auf dem kirchlichen Gebiete mit der strengeren Form
des 16. Jahrhunderts, wie sie namentlich die eigentlichen
Kirchenlieder auszeichnet, auch der dichterische Gehalt lebendig,
so begannen im übrigen die älteren Formen selbst da verloren
zu gehen, wo ihr Bestand am gesichertsten zu sein schien: im
Volkslied.
Das Volkslied war in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahr⸗
hunderts zum Teil der Straße langsam entrissen und in ein Gesell⸗
schaftslied der mittleren Stände verwandelt worden. Zugleich aber
hatte es den Einfluß des mächtig empordringenden musikalischen
Lebens erfahren: die Melodie war bei ihm allmählich wichtiger
        <pb n="251" />
        232 Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
geworden als der Text. Nun griff aber in den Melodien seit
der Mitte und namentlich seit dem letzten Viertel des 16. Jahr⸗
hunderts der Geschmack an französischen und bald auch ilalie—
nischen Kompositionen immer mehr um sich!. Die Texte hatten
damit den Kompositionen zu folgen; und das Volkslied älterer
Form wich halbfremden Canzonetten, Madrigalen, Ritornellen,
Galliarden, Akrostichen und Echos, mit deren Eindringen zu—⸗
gleich die romanische Metrik zu siegen drohte.

Worin bestand nun aber auf dem am ehesten greifbaren
und zugleich wichtigsten Gebiete, dem der Rhythmik, der Verfall
der alten Form?

Der deutsche Vers zerfällt in Takte, die sich an die Takte

der natürlichen Rede, die Sprechtakte anschließen: eine Anzahl
von solchen Takten, stärker und geringer betonten, wie sie der
Hauptsache nach auf den Wurzelsilben der Wörter ruhen, macht
den Vers aus. Die zwischen den Takten stehenden Bestand—
teile des Verses können dabei ein— oder zweisilbig sein, sie
können auch fehlen. Der auf diese Weise zustande kommende
Rhythmus war aber in der Höhezeit der mittelalterlichen Dich⸗
tung, zum Teil unter dem Einflusse der lateinischen Kirchen⸗
poesie und der Metrik der romanischen Literaturen, schon dahin
geregelt worden, daß die zwischen den Takten GHebungen)
tehenden gesenkten Silben ihrer Zahl nach fest bestimmt wurden:
wodurch — gehen wir zur Vereinfachung der Terminologie
statt von dem deutschen Takt— vielmehr vom antiken Quantitäts—
begriffe aus — ein jambischer, trochäischer, anapästischer, dakty—
lischer Rhythmus erreicht ward. Aber in der Volkspoesie hatte
iich neben dieser Regelung der Kunstdichtung die alte deutsche
Weise forterhalten: hier blieb also die Zahl der Hebungen
allein maßgebend, während die Silbenzahl der Senkungen einer
festen Regelung nicht unterworfen wurde. Es war die rhyth—
mische Grundlage auch des Kirchenliedes des 16. Jahrhunderts
wie noch heute vieler unserer Volkslieder, vor allem des Kinder⸗
liedes.

S. Bd. VI, S. 215.
        <pb n="252" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 233
In der Kunstdichtung dagegen entwickelte sich schon im
Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts und erschien dann im
16. Jahrhundert ganz ausgeprägt eine eigenartige Weiterbildung
jenes Verses, der zur Blütezeit des Mittelalters in seinen
Senkungssilben geregelt worden war. Man begann nämlich
immer mehr nicht den Takt, sondern die Silbenzahl in den
Vordergrund zu schieben: bis man dazu gelangte, den Takt,
die Zahl der Hebungen also, insofern sie mit dem Sprachton
zusammenfielen, ganz zu vernachlässigen und das rhythmische
Wesen des Verses äußerlich in nichts, als in einer bestimmten
Anzahl von Silben mit Betonung aller gradzahligen Silben
zu suchen: gleichgültig, ob diesen Silben nach der Natur der
Sprache diese Betonung zukam oder nicht. Es wurde also nicht
bloß der Vers in der Form gebildet, daß er vollendet schien,
wenn er eine bestimmte Anzahl Silben umfaßte — ein Grundsatz,
dem sich, bei regelmäßigem Wechsel betonter und unbetonter
Silben, der Geist der deutschen Sprache sehr wohl zu fügen
weiß —, sondern es wurde als gleichgültig angesehen, wie viele
Hebungen und Senkungen in diesen Silben vorhanden waren
und gleichwohl nach dem zahlenmäßigen Wechsel der Silben
betfont.
Diese Entwicklung vollzog sich vor allem in den Schulen
der Meistersinger; hiermit mag es zusammenhängen, wenn sie
unter den hervorragenden Dichtern nirgends mehr auffällt als
bei Hans Sachs.

Nun ist aber eine solche Bildung gänzlich gegen den Geist
unserer Sprache, die sich im Gegensatz zu dem glatten, nach
unseren Begriffen anscheinend fast unrhythmischen Sprechen der
Romanen durch starke Satzakzente und wohlbetonte Wortakzente
auszeichnet. Indem mithin die neue Silbenmetrik durchdrang,
entfernte sich die Dichtung von ihrer einfachsten Grundlage,
vom Sprachgeiste selbst, und ließ jede Musik des Tonfalls, ja
bisweilen sogar jede Möglichkeit eines Verständnisses des In—
halts auf Grund einer sich dem Inhalte anschließenden Form
dermissen: und es erschien jeder dichterische Aufschwung als
unmöglich, ehe nicht mit diesem zwar noch nicht bis zum
        <pb n="253" />
        234 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
vollen Abschlusse gediehenen, doch aber schon weit vorgeschrittenen
Vorgange gebrochen wurde.

Nun hat schon eine ganze Anzahl sprachlich fein empfinden—
der Männer des 16. Jahrhunderts das Verzweifelte diefer Ent⸗
wicklung geahnt, ja teilweis klar überschaut; und auch die Mittel
zur Abhilfe sind, anfangs weniger sicher, schließlich bestimmt ge⸗
funden worden. Aber das geschah freilich nicht unmittelbar
aus dem Genius der Muttersprache heraus, sondern bei der
Bedeutung humanistisch-lateinischer Dichtung in dieser Zeit, zu⸗
nächst im Zusammenhang mit den Versuchen, diese Dichtung
im Deutschen nachzuahmen: also in der Richtung hin auf eine
deutsche Poesie der Renaissance.

Da hatte man nun bereits im 14. und 15. Jahrhundert
deutsche Gedichte unter Nichtbeachtung des Wortakzentes nach
antiker Quantitätsmessung gemacht, und darin war im 16. Jahr⸗
hundert fortgefahren worden: selbstverständlich ohne dauernde
Wirkung. Aber daneben hatte man auch schon begonnen,
namentlich die einfacheren trochäischen und jambischen Vers—
maße der Alten so nachzuahmen, daß man an Stelle der Wörter
der Alten mit entsprechender Quantität deutsche Wörter mit
entsprechendem Tonfall setzte: namentlich der Lutherschüler und
Dramatiker Paul Rebhuhn hat seit den dreißiger Jahren des
16. Jahrhunderts so gedichtet, und nicht ohne über die Gründe
eines solchen Gebrauchs systematisch nachzudenken: der Rythmus
müsse durch den Akzent, nicht den Silbenwechsel bestimmt sein.
Von hier aus bedurfte es nun nur noch eines Schrittes, um
zu dem Prinzip der schönen mittelalterlichen Zeit zurückzukehren:
war auf diese Weise der Akzent der antiken Metrik der Hebung,
dem Worttakte des deutschen Brauches gleichgestellt, so mußte
noch die Silbenzahl der nach jedem Takte stehenden Senkung
gleichmäßig geregelt werden. Es war eine Forderung, die von
dem musikalisch feingebildeten Johannes Clajus in seiner
deutschen Grammatik (1578) zum ersten Male deutlich aus—
gesprochen wurde.

Allein Clajus hatte einstweilen keinen Erfolg. Denn es
kam nicht bloß darauf an, das Prinzip aufzustellen, viel wich—
        <pb n="254" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 235
tiger war, daß es praktisch betätigt wurde. Und in dieser
Hinsicht spielte nun in sehr eigenartiger Weise, während bisher
die Antike geholfen hatte, die französische Dichtung in die
weitere Entwicklung hinein: jene Dichtung, die mit ihrem
Prinzipe der Silbenzählung eigentlich, wie man meinen sollte,
den Verfall der deutschen Metrik noch hätte beschleunigen sollen.
Gleichzeitig nämlich mit der Rhythmik war auch der deutsche
Vers- und Strophenbau verkümmert; und schließlich wurde
fast jeder dichterische Inhalt in die eine, an sich auch wieder
im Verfall begriffene Form kurzer, viermal gehobener Verse
bon jambischem Rhythmus, die sog. kurzen Reimpaare oder
Knittelverse gegossen. Nun hatte man allerdings dieser Armut,
die sich schon früh ankündigte, aufzuhelfen gesucht; man hatte
antike Strophen, so namentlich die sapphische, man hatte auch
sambische und trochäische Zeilen von verschiedener Länge nach—
gebildet. Allein es fehlte ihnen das Moment des Volkstüm—
lichen: sie drangen nicht durch. Und hier setzte nun zur weiteren
Förderung der Frage ein sehr merkwürdiger französischer Im—
port ein. In den Jahren 1572 und 1573 erschienen fast
gleichzeitig zwei Übersetzungen der Psalmengesänge des un—
zlücklichen Calvinisten Marot, die eine von dem neulateinischen
Dichter Paul Schede (Melissus) zu Heidelberg, die andere von
Lobwasser zu Königsberg: von zwei ganz verschiedenen Seiten
her drang damit französische Dichtung in den weiten Kreis der
deutschen Reformierten und erhielt hier der Hauptsache nach
eine Stellung im Sinne des Kirchenliedes bei den Lutherischen.
Die Popularität einer fremden dichterischen Leistung von großem
Umfang war also gegeben. Und mit ihr zugleich auch das
Eindringen französischen Verss und Strophenbaus. Denn um
die Melodien beibehalten zu können, hatte Melissus seine Über—
setzung „nach französischer melodeyen unt sylben art“ gemacht
und Lobwasser das Original „nach Art seiner Reime“ ins
Deutsche „gezwungen“. Damit traten nun eine ganze Menge
sranzösischer Versarten breit in den deutschen Horizont. Und
indem sie trotz ihrer ausschließlichen Silbenzählung unter Bei⸗—
hehaltung der Silbenzahl mit deutschen Wortakzenten versehen
        <pb n="255" />
        2836 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
wurden, traten sie den Reformbestrebungen eines Rebhuhn und
Llajus zur Seite und erweiterten deren Erfolg.

Freilich war dieser auch hiermit noch nicht vollkommen
gesichert. Hierzu bedurfte es längerer praktischer Erprobung
des neuen Systems, seiner völligen Klarlegung auf Grund dieser
Praxis und seiner Anwendung in einer mit allgemeinem Bei⸗
fall aufgenommenen Dichtung. Es war ein Ergebnis, das erst
seit den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts erreicht ward.
Und herbeigeführt wurde es schließlich durch den Vorgang der
Niederländer und durch die Tätigkeit eines wichtigen binnen—
deutschen Dichters, Martin Opitzens.

In den Niederlanden hatten sich ähnliche Schwierigkeiten
der metrischen und rhythmischen Behandlung ergeben wie im
mneren Deutschland. Sie waren hier im Sinne des Clajus
von Vander-Milius theoretisch behandelt und dann auch schon
praktisch gelösst worden zu einer Zeit, da Opitz, 1597 zu
Bunzlau geboren, 1619 und 1620 in Heidelberg und Straß—
burg weilend, von dort nach Leiden ging, um in dem Kreise
der dortigen Theoretiker der neulateinischen und volkstümlichen
Renaissancedichtung, Vossius und Heinsius, etwa ein Jahr zu
verleben. Einige Jahre darauf, 1624, erschien Opitzens Buch
von der deutschen Poeterey und fast gleichzeitig die Sammlung
seiner deutschen Poemata: es sind die Grenzsteine gleichsam
einer neuen Zeit metrischer Grundsätze; denn von nun ab galt
das Prinzip der Übereinstimmung von Wort- und Versakzent
und das Prinzip gleichmäßiger Silbenzahl der Senkungen;
und nur wenige Dichter noch, so Weckherlin und Lauremberg,
haben sich dem entgegengestellt: im ganzen brachte die Folgezeit
nur noch die genauere Durchbildung des neuen Prinzipes.

Dabei enthielt aber das Buch von der deutschen Poeterey
keineswegs bloß eine Metrik, die einen neuen formalen Auf—
schwung zunächst des Vers- und Strophenbaus gestattete, es
brachte noch viel mehr: die Prinzipien einer neuen Poetik,
einer neuen oder wenigstens hier zum ersten Male völlig klar—
gelegten angeblichen Erkenntnis des Wesens der Dichtung und
        <pb n="256" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 237
ihres Verhältnisses zur Welt überhaupt. Und diese neue Poetik
war die der Renaissance.

Im Altertum hatten Römer wie Griechen die Philosophie
der Dichtung besonders fleißig entwickelt und als die besten
Zusammenfassungen ihres Denkens zukünftigen Zeiten die Poetik
des Aristoteles und die Ars poetica des Horaz hinterlassen.
Sehr natürlich, daß diese großen Namen und Werke von der
Zeit an zu wirken begannen, da im Verlaufe der Renaissance
eine internationale, weitumfassende neulateinische Dichtung er—
blühte. Und da diese zunächst in Italien aufkam, so waren
es vor allem Italiener, die die alten Theoretiker zuerst auf⸗
gesucht und neben ihnen, in ihrem Sinne, ja angeblich ihnen
allein folgend neue Lehren der Dichtung aufgestellt hatten. Von
Italien aus aber drangen diese neuen Systeme weiter; und bald
traten ihnen da, wo der Renaissance jenseits der Alpen das
dielleicht ungestörteste Abblühen gestattet war, neue Systeme
zur Seite: für Frankreich wurde die 1561 erschienene Poetik
des älteren Scaliger maßgebend und die auf dieser beruhende
Lehre des Ronsard, für die Niederlande die ebenfalls von
Scaliger abhängige Theorie des Daniel Heinsius. Heinsius'
Lehre aber, sowie Scaligers und Ronsards Ideen brachte Opitz
'n seinem Buche von der Poeterey ins innere Deutschland.

Ist das der äußere Vorgang, so fragt es sich, was er im
tieferen Grunde für Binnendeutschland bedeutete, dessen natio—
rale Dichtung bisher den Theoremen der Renaissance ferner
geblieben war.

Die Poetik des Scaliger, auf die schließlich fast alle Theo—
rien der mitteleuropäischen Renaissance und somit auch die
mneisten Sätze der Opitzischen „Poeterey“ zurückgehen, beruht
ihrerseits vor allem auf Vergil und Horaz, also auf den
Lateinern, im Gegensatze zu Homer und Aristoteles. Im
übrigen ist sie kein einfaches Gesetzbuch der Dichtung, sondern
ein dickleibiges, wesentlich nur registrierendes und klassifizieren⸗
des Werk in der Art der gleichzeitigen philologischen Gelehrsam—
eit, geschwätzig, von gehässiger Kritik und roh-empirischer Auf⸗
zassung künstlerischer Probleme; damit aber freilich auch eine
        <pb n="257" />
        238 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
unerschöpfliche Schatzkammer für eine später folgende Periode,
die an der Hand der gesamten psychischen Disposition des
Zeitalters des Individualismus aus den Massen angehäufter
Tatsachen erst eigentlich die regelgebenden Lehren der Poetik
ableitete und, in einem mehr späteren Stadium, die so gefun—
denen angeblichen Regeln der Alten durch die Vernunft als
rein natürliche, zeit- und also auch wechsellose zu begründen
sich vornahm.

Ehe indes diese spätere Stufenfolge der Entwicklung ein—
trat, die in Frankreich in dem Werke Boileaus gipfelte, hatte
sich die Poetik Scaligers schon die zeitgenössische Dichtung
unterworfen: zuerst die neulateinische allenthalben, die schon
deshalb die Disziplin einer Poetik suchen mußte, weil sie rein
künstlich blieb, dann aber auch die nationale Dichtung in
Frankreich und in den Niederlanden. Und hier eben lernte
Opitz die aus ihr belehrte Praxis zunächst aufs genaueste
kennen.

Indem er aber die Praxis der niederländischen Vettern
und in ihr die Renaissancepraxis überhaupt dem inneren
Deutschland in seiner „Poeterey“ zu vermitteln suchte, griff er
zur theoretischen Darstellung auf Scaliger und auf Ronsard,
dessen Lehren er schon in Heidelberg bewundern gelernt hatte,
zurück und verband deren Grundsätze, soweit sie ihm unter dem
Eindrucke der holländischen und seiner eigenen dichterischen Er—
fahrungen von Bedeutung zu sein schienen, zu dem Text der
rasch hingeworfenen Sätze seines Buches.

„Die Poeterey,“ führt er hier nach Ronsard aus, „ist an—
fangs nichts anders gewesen als eine verborgene Theologie
und Unterricht von göttlichen Sachen. Denn weil die erste
und rauhe Welt gröber und ungeschlachter war, als daß sie
hätte die Lehren .. recht verstehen können, so haben weise
Männer sie .. in Reime und Fabeln .. verstecken und ver—
bergen müssen.“ Das Intellektualistische, Rationalistische des
Zeitalters tritt hier offen zutage: die Dichtung ist Mittel der
Belehrung. Diese Tatsache soll aber durch die gewählte Form
oerborgen bleiben: die Poesie ist der Form nach eine schöne
        <pb n="258" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 239
Lüge, wie an sich eines mit ihrem Charakter nicht weiter zu⸗
sammenhängenden, zu diesem also indifferenten Inhalts: ein
Zeitalter rein formaler Auffassung der Dichtung wurde er—
zffnet. Und so gleichen denn die Poeten ganz den rationalistischen
Malern:
.... wir schreiben den Verstand
Und Weisheit in ein Buch; ihr malt sie an die Wand.

Worin aber bestehen nun die Formen der Poesie? Es
sind die Formen des Barocks. „Tu auras en premier lieu
les conceptions hautes, grandes, belles, et non trainantes
à terre“ hatte schon Ronsard gesagt!. Opitz eignete sich diese
Meinung an: erhaben soll die Dichtung sein, von großen
Formen, fern der bisher so beliebten sexuellen Sphäre: Poeten
sollen „so züchtig reden, daß sie ein jegliches ehrbares Frauen—
zimmer ungescheuet lesen möchte“?. Diese erhabenen Formen
aber findet man am besten bei den Lateinern, vor allem bei
Vergil; und sie führen zum heroischen Epos, der von der
ganzen Periode höchstgestellten Dichtungsart, auf deren Boden sie
zroße Leistungen sehnsüchtig erwartete.

Dem Epos gegenüber treten alle übrigen Dichtungsformen
verhältnismäßig zurück; das Drama wird zwar geschätzt, aber
nicht verstanden; die Satire, als ein langes Epigramm gefaßt,
soll höflich sein und wird damit ihres Wertes entkleidet,
während man das eigentliche Epigramm noch eher zuläßt. Im
ganzen wird damit der nationalen Dichtung eine Wendung zu—⸗
gemutet, die sie von den verheißungsvollen Anfängen grade des
16. Jahrhunderts, dem Drama und auch noch der Satire ab—⸗
ruft auf ganz andere Gebiete.

Opitzens „Poeterey“, die den wirklich dringenden metrischen
und rhythmischen Bedürfnissen der deutschen Dichtung entgegen⸗
kam, hat doch auch, ja man kann sagen vor allem in dieser all—
gemeinen, die Ziele der Dichtung überhaupt bestimmenden Richtung
durchschlagend gewirkt. Allein sie hat noch mehr geleistet. Indem
sie das grade im tiefsten Grunde vorhandene Bedürfnis nach
1Zit. Borinski S. 67.
2 A. a. O. S. 73.
        <pb n="259" />
        240 Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
einer individualistischen, rationalistischen Ausgestaltung der Poesie
überhaupt durch Verbreitung der außerhalb Deutschlands schon
international gewordenen Theorien der Renaissancepoetik be—
friedigte und in ihrem Sinne die Poesie vor allem als lernbare
Kunst der Nachahmung bezeichnete, ist sie zugleich das Manifest
einer vollen neuen Periode der deutschen Dichtung geworden.

Nach beiden Seiten hin, der formalen wie der materiellen,
werden wir im folgenden den Bildungsgang dieser Dichtung
zu verfolgen haben.

II.
1. Im Grunde ist auch in der Zeit der Renaissance—
dichtung die poetische Gattung, die eigentlich führte oder
wenigstens den Zeitgeist am besten zum Ausdruck brachte, die
Lyrik gewesen. Dies trotz aller Schwärmerei für das Epos.
Denn was ist auf epischem Gebiete, als dessen höchste Leistung
man die versifizierte Erzählung einer ereignisreichen Geschichte
unter Hereinziehung von Allegorien und Göttermaschinen ver⸗
stand, denn schließlich erreicht worden? Bestrebungen, wie sie
mit Opitzens „Geburt Christi“, „Zlatna“, „Vesuvius“ begannen,
endeten schließlich in den frostigen Beschreibungen fürstlicher
Hoflager, in den angeblichen Poesien eines Herrn von Besser
und verwandter Dichter. Zur Höhe auch nur von Voltaires
Henriade“ haben es die Deutschen nicht gebracht.

Aber schon vor dem Eingreifen Opihtzens hatte sich das
deutsche literarische Leben auf dem Gebiete vornehmlich der
Lyrik wieder etwas zu heben begonnen und hatten einige be—
zabte Dichter auf eigene Faust Wege zum antiken Parnaß zu
bahnen gesucht. So wüst die politischen Zustände vor und
nach 1600 auch waren, insoweit das Verhältnis des Reiches
zu den Territorien und der Territorien untereinander in Frage
kam!, so herrschte doch in den einzelnen Ländern selbst, eine
Folge stetigen Steigens des patriarchalischen Absolutismus,

S. Bd. V, 2 i-2 S. 608 ff. insbesondere S. 675 ff.
        <pb n="260" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 241
eine früher wenig gekannte Ruhe, die geistigen Aufschwung
begünstigte; und in den Städten speziell kam es noch zu einem
reichen Nachleben der Kultur des 16. Jahrhunderts. Dazu
stellten sich gewisse Wirkungen des neukatholischen Aufschwungs
und protestantische Einflüsse aus Holland ein, um die Lage
grade für die Entwicklung der Literatur noch günstiger zu ge—
stalten. Und so sieht man denn, ein äußeres Zeichen zunächst
des Aufschwungs, die deutsche Bücherproduktion beträchtlich
steigen. Literarisch aber erhob sich eine erste Renaissance
lyrischer Dichtung von rein praktischem Charakter, die ohne
allzuviel Federlesens und Grübelns über dichterische Theorien
alsbald weltmännischen Zielen nachstrebte.

Hauptvertreter dieser Bewegung waren Weckherlin, Werder
und Hoeck: kühne, phantasievolle, dabei zugleich höfische und ge—
bildete Geister. Und Schauplätze waren namentlich die Höfe
von Stuttgart und Heidelberg; denn hier besonders waren
Kavalierton und vornehmer Schäfergeschmack zu Hause.

Württemberg war seit Ende des 15. Jahrhunderts, nach—
dem ihm 1498 die Grafschaft Mömpelgard zugefallen war, ein
Vermittlungsland französischen und deutschen Wesens geworden.
Aus diesem Zusammenhange ging Georg Rudolf Weckherlin
(1584 1651, seit 1620 als Agent der Protestanten in London
dem deutschen Geistesleben so gut wie ganz entzogen) hervor.
Früh in Paris von Bewunderung für Ronsard und seine
Schule erfüllt, längere Zeit am Hofe des besonders stark fran—
zösierenden Herzogs Friedrich, wenn auch metrisch noch an Lob⸗—
wasser anknüpfend, war er einer der frühesten weltmännischen, in
strenger Entfernung vom Volke dichtenden Poeten:

Ich schreibe weder für noch von allen,
Und meine Verse, kunstreich und wert,
Sollen nur denen, die gelehrt,

Und (wie sie tun) weisen Fürsten gefallen.

Aber das hinderte Weckherlin, eine kraftgenialische Natur,
nicht, frisch und keck und in der Form überschäumend bis zu tollem
Bombaste dareinzufahren: was wäre unter günstigeren Um—
ständen von ihm zu erwarten gewesen! Als Festordner und

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 16
        <pb n="261" />
        242 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Dichter höfischer Inventionen hat er einen Teil seines Lebens
auf deutschem Boden zugebracht; im Sinne einer höfischen Re⸗
naissance schritt er auch in seinen dramatisch wirkenden Gedichten,
klassische Formen nachahmend, in klassischer Götterwelt lebend
und webend, daher. Weitaus am größten aber ist er in der
Lyrik. Seine Oden erschienen im Jahre 1618; sie haben alles,
was die Renaissancepoesie der Romanen kennzeichnet: glatte,
doch kühne Form, stürmisches Gefühl, bacchantische Leidenschaft,
üppige Phantasie, theologische Unbefangenheit; es ist, als sollte
ein Rubens der deutschen Dichtung erstehen, als tauchen die
schönsten Fassaden des Heidelberger Schlosses auf.

Noch mehr als Stuttgart fast war in der Tat die Residenz
der Pfalzgrafen am schönen Neckar seit langem unter franzö⸗
sischem Einflusse, nur daß sich hier mit diesem ständig nieder—
ländische Einwirkungen kreuzten. Heidelberg hat schon im Aus—
gange des 16. Jahrhunderts gradezu eine Dichterkolonie der
Renaissance gehabt. Hier lebte seit 1586 Paul Schede und
dichtete, vermutlich auch mit bestimmt durch seine Beziehungen
zu Orlando di Lasso und Goudimel und das daher lebendige
Interesse am Gesellschaftsliede, deutsche Lieder, Brautgesänge
und Verwandtes, im Sinne der französischen Renaissance. Hier
sehen wir gegen Ende des Jahrhunderts mehrere andere Dichter
auftreten und teilweis Wohnsizz nehmen. Im zweiten Jahr⸗
zehnte des 17. Jahrhunderts bildete sich dann hier ein poetischer
Kreis, der, dem Geschmacke des Hofes folgend, die französischen
Bestrebungen du Bellays und der Plejade, die man vor allem
in Ronsard (1582485) verkörpert sah, aufnahm: was man
wollte, war das Programm der Plejade: „direkte, selbständige
Renaissance durch Griechen und Römer; Heraustreten aus der
ritterlich-mittelalterlichen Phantasiewelt; Reinheit der Sprache
und Vervollkommnung der Form nach der Art der großen
Italiener; möglichst naher Anschluß an die Dichtungen des
Altertums, sogar bis in einzelne Gedanken und Wendungen“!.
Mittelpunkt dieser Bestrebungen wurde seit 1015 Julius Wilhelm
Vemcke S. 155.
        <pb n="262" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 243
Zincgref aus Heidelberg (1591 -1635); 1618 trat der junge
schlesische Student Martin Opitz in diesen Kreis, und bald
verkündete ihn Zincgref als Messias auch der deutschen Dichtung.
Im Jahre 1620 aber wurde dieser Zusammenhang gesprengt; die
Schlacht am Weißen Berge war geschlagen, der Winterkönig
dlüchtig, das freie Hofleben in Heidelberg dahin.

Neben den südwestdeutschen Bestrebungen tauchten indes
auch sonst hier und da in Deutschland Renaissanceversuche auf:
so in Hessen, wo unter Moritz J. Dietrich von dem Werder
1584 - 1657) seit 1626 seine durch Wärme, Weichheit, Schwung
und Freiheit der Bewegungen ausgezeichneten Übersetzungen
Tassos und Ariosts erscheinen ließ und sich in eigenen Gedichten
versuchte; so in Leipzig, wo Kaspar Barth seinen Teutschen
Phönix (ebenfalls 1626 erschienen) dichtete, so auch in Nord—
deutschland und nicht minder in Böhmen: in Böhmen dichtete
der Pfälzer Theobald Hoeck schon früh im Sinne seiner heimat—
lichen Schule das „Schöne Blumenfeld“, nicht selten noch etwas
naiv, gelegentlich noch mehr volkstümlich als vornehm-gelehrt:

Zwei Augen, zwei Händ, ein rosenfarbener Munde
Mich täglich machen wunde.

Und während so die Höfe des Südwestens die Entwick—
lung einer vornehmen Literatur durch Begünstigung oder
wenigstens moralische Stützung dichterischer Talente gefördert
und darin mancherlei Beihilfe auch anderwärts erfahren haätten,
war man in Mitteldeutschland auf noch einem anderen, schein—
bar viel unmittelbareren Wege vorgegangen: die Fürsten hatten
selbst versucht, zunächst die Sprache als Grundlage einer neuen
Literatur zu heben; im Jahre 1617 war durch Ludwig von
Anhalt die Fruchtbringende Gesellschaft nach dem Vorbilde der
Florentiner Accademia della Orusca (seit 1582) begründet
worden: zur Erhaltung guten Vertrauens und Erbauung wohl—⸗
anständiger Sitten und zur nützlichen Ausübung der Landes—
sprache. Wie man sieht, waren die Absichten, die bei der
Gründung dieser und verwandter Gesellschaften hervortraten,
nicht so ganz einfacher Natur. Man begann sich in den höfischen
Kreisen des alten Lebens in Saus und Braus zu schämen:

16*
        <pb n="263" />
        244 Swanzigstes Buch. Zweites Napitel.
man wollte auch seinerseits teilnehmen an der Entfaltung ver—
geistigten Daseins. Man fühlte sich zugleich verpflichtet, dieses
Dasein national zu gestalten; man trat zu der Verderbnis
des Wortschatzes der Sprache in Gegensatz, wie sie seit der
Renaissance so furchtbar eingerissen war. Man wünschte aber
zugleich durch das Vorbild der Alten die Dichtung in der
eigenen Sprache zu heben. Und so gingen denn konservative
und fortschrittliche Ideen, Biedersinn und Pedanterie miteinander
vor allem aber glaubte man an die Allheilkraft eines patriarcha—⸗
lischen Absolutismus selbst auf diesem Gebiete.

Natürlich wurde wenig erreicht. Zwar blühte speziell die
Fruchtbringende Gesellschaft unter der Teilnahme der höchsten
Stände etwa ein halbes Jahrhundert, doch kam man über ein
Spiel mit ernsten Dingen kaum hinaus; und barocke Namen⸗
gebung, Aufsuchen von Devisen, Herrichtung von Medaillons,
Zeichnen und Malen von Wappen nahmen ein qgut Teil von
Zeit und Beschäftigung in Anspruch.

Im ganzen waren daher die Versuche, der deutschen
Literatur mehr von außen her aufzuhelfen, mochten sie nun
genossenschaftlich betrieben werden oder auf gelegentliche indi—
oiduelle Unterstützung selbständiger, dichterischer Bestrebungen
hinauslaufen, schon um 1620 nicht eben sehr aussichtsvoll;
selbst unter den bestehenden, an sich überaus günstigen Um—
ständen zeigte es sich, daß das Mäcenat jeglicher Form ohn⸗
mächtig ist gegenüber dem innersten und selbstherrlichen Ver⸗
laufe der Phantasietätigkeit eines großen Volkes.

Was schließlich förderte und klärte, war die Tätigkeit
eines einzelnen, der das immanente Ziel der Entwicklung deut⸗
lich verkörperte. Im Jahre 1624 erschien Opitzens „Poetik“,
im Jahre 1625 kamen Opitzens Gedichte heraus, die nach der
neuen Theorie bearbeitet waren: seitdem gab es der Hauptsache

nach nur noch einen Führer auf dem steilen Pfade der
Renaissancedichtung: Opitz.

Opitz war ein Schlesier: er stammte aus dem damals
vielleicht reichsten Kolonialgebiete des deutschen Ostens.
Welchen Eindruck einer üppigen äußeren Kultur dieses Landes
        <pb n="264" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 245
für das 16., ja auch schon für das 15. Jahrhundert erhält
man noch heute, wenn man das reiche Altertumsmuseum in
Breslau mustert! Aber auch geistig standen diese Gebiete
hoch; es ist kein Zufall, wenn sie Ursprungsland und
zum großen Teile auch Schauplatz der Literaturblüte ge—
wesen sind, die von Opitz über die Gryphius, Logau, Hof—
mannswaldau hinweg bis auf Günther währte. Denn im
Lande lagen stolze Städte, von denen aus ein aristokratisches
Bürgertum, in ausgezeichneten Mittelschulen erzogen, über die
Slawen des platten Landes geistig gebot; manch Gelehrtendasein
hob den Ruf namentlich Niederschlesiens; und die Höfe zeichneten
sich neben alter Roheit der Lebensführung durch einen reinen
Renaissancekult aus, auf dessen starke Dauer der glänzende
Aufschwung der polnischen Renaissancedichtung, der so gefeierte
Dichter wie früher die Brüder Kochanowski, jetzt Sarbieski
angehörten, nicht ohne Einfluß gewesen sein mag.

Opitz, aus solcher Umwelt hervorgegangen, war ein wesent—
lich formales Talent, eine nicht viel über das Mittelmaß
hinausragende, aber wohltemperierte Kraft von ungewöhnlicher
Fähigkeit literarischer Organisation und sprachlicher Form—
gebung. So war er, kein eigentlich pathetischer Bahnbrecher,
wie geschaffen zur Vereinigung und wirkungsvollen Ausprägung
verschiedener, im einzelnen schon weithin gepflegter Tendenzen.

Und er ist dieser Aufgabe nicht bloß, wie wir schon wissen, in
der Theorie, sondern auch praktisch, als Dichter, gerecht geworden.
Denn auch hier blieb er vor allem der klare und verständige
Befolger und Verbreiter der Vorschriften seiner Lehre. Seine
Dichtung ist gleichsam palladieske Poesie mit einigen noch mäßigen
Schattierungen ins Barock: Formgebung in dieser Richtung bei
leidlicher Gleichgültigkeit gegen den Inhalt blieb der Kern
seines Wirkens. Es fehlt also das Pathos, die hinreißende Rede
der Leidenschaft, das Gemüt, die Anschauung von innen heraus.
Die Dinge sind nicht von ihrem Kern her durchleuchtet, sondern
von außen wiedergegeben: darum kein Temperament hoher
Spannung, kein persönliches Licht, keine Dämmerung und kein
Zwielicht: alles erscheint in gleichsam unpersönlicher, ebenmäßig
        <pb n="265" />
        246 Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
klarer, kalter Beleuchtung. Und so wird denn dem Dichter
sein Wirken zur bloßen Handhabe, lehrhaften oder ergötzlichen
Inhalt eindringlich vorzutragen, und ganz hält er es mit dem
horazischen Aut prodesse volunt aut delectare poetas.
Daher wird ihm verständige und ruhig geordnete Anlage

der Form zum höchsten Ideal der Dichtung: dahin zielen seine
einfachen Versmaße, seine gleichmäßig trottenden Alexandriner,
seine Pedanterie für die Bildung und Stellung der Wörter. Inner—
halb dieser Grenzen aber war er ungemein fruchtbar. Er hat
die erste deutsche Oper geschrieben, er hat das Epos und das
Drama, das Lehrgedicht und den Panegyrikus, er hat alle Arten
fast der Lyrik gepflegt. Aber in seinem Epos folgte er nicht
der Äneide Vergils als Vorbild, sondern den Bukoliken; seine
Lobgedichte sind von den schwülstigen Poeten der römischen
Kaiserzeit inspiriert; und da, wo er ein schöpferisch ursprüng⸗
liches Pathos nachzuahmen sucht, wie 3. B. in seinen Be—
arbeitungen von Psalmen, tritt das Schwerfällige, Prosaische,
Philister⸗ und Lehrhafte, Platte und Verstandesmäßige seiner
Dichtung grell hervor. Gleichwohl gelingt ihm in der Lyrik,
sieht man von der höchsten Gattung, dem Liebeslied, ab, manch
graziöser Vers voll frischen, heitren und innigen Empfindens;
und in den geistlichen Gedichten erhebt er sich auch zum warmen
Tone kirchlich-vaterländischer Begeisterung:

Verknüpfe mit des Friedens Bande

Der armen Kirchen schwache Schar:

Nimm weg von unserm Vaterlande

Verfolgung, Trübsal und Gefahr!

vaß uns ruhig bleiben,

Unsern Lauf zu treiben

Diese kleine Zeit,

Bis du uns wirst bringen,

Wo man dir soll singen

Lob in Ewigkeit!
Opitz hat, eben indem er nur der „Kunst gelehrter Saiten“
lebte, indem er als Dichter nur der Illustrator seiner Lehren
war und nicht mehr, diesen Lehren, wie sie die Renaissancever⸗
suche der Vergangenheit und Gegenwart in sich abschlossen, durch
        <pb n="266" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 247
sein lauteres Beispiel die Verbreitung, die an sich in der Luft
lag, außerordentlich erleichtert: fast ohne irgendwelche äußer—
liche Revolution vollzog sich ziemlich allgemein der Übergang;
und neben die Meistersingerei, den letzten formalen Rest der
großen mittelalterlichen Literaturepoche, trat die Reimerei und
die Dichtung der Renaissance.

2. Allerdings machte sich in Deutschland, teilweis noch
anknüpfend an die Reformbewegungen vor Opitz, einiger Wider—
stand gegen die Auffassung grade Opitzens bemerkbar: so in
Straßburg, wo im Jahre 16383 nach dem Vorbild des Palmen—
ordens die Aufrichtige Tannengesellschaft gestiftet worden war,
so auch in Nürnberg, wo die Pegnitz-Hirten des Gekrönten
Blumenordens, der wie die Straßburger Gesellschaft erst nach
Opitzens Tode (1644) aufkam, wenigstens nicht ausschließlich
und unmittelbar von Opitz abhängig sein wollten, indem sie
mit dem niederländisch-französischen Wesen seiner Lehre italienische
Einflüsse von erschlaffender Süßlichkeit und barockem Schwulste
verbanden.

Aber alle diese Bewegungen blieben schließlich doch ohne große
Bedeutung, da das Widerstreben von keinem dichterischen Genie
getragen ward. Denn wie die Straßburger so hielten sich auch
die Nürnberger Dichter, ein Harsdörffer (1607-1658) oder
Klaj (1616 -1656), die Gründer des Ordens, sowie Sigmund
von Birken (1626—1681) ganz in den Grenzen des renaissance—
mäßig Konventionellen, ja sie sind für eben dieses besonders
Harakteristisch; hier vor allem ist zuerst das Übermaß einer
üppigen Form bei schwülstig-unsinnigem Inhalte, ist die
Metapher und die Onomatopoesie, der bombastische Klingklang
überhaupt und die höfisch-schäferliche Einkleidung übermäßig
gepflegt worden. Oder sollte etwa eine Poesie großer Wir—
kungen fähig gewesen sein, von der ein Siamund von Birken
hbekannte:
Das Herz ist weit von dem, was eine Feder schreibet,
Wir dichten ein Gedicht. daß man die Zeit vertreibet.
        <pb n="267" />
        248 Swanzigstes Buch. Zweites Rapitel.
— Mantzignes Such. Sweites Kapi
In uns flammt keine Brunst, obschon die Blätter brennen
Vor liebender Begier. Es ist ein bloßes Nennen. —?
Und die Nürnberger haben damit Keime gelegt, die später
auch in Mitteldeutschland geil wuchernd emporschossen, und
gegen die sich noch Gottsched zu wenden hatte.

Von größerer Bedeutung war die Vermählung, die sich,
sei es bewußt oder unbewußt, zunächst auf süddeutschem Boden
zwischen der Renaissanceform im Opitzschen Sinne und dem
aufstrebenden Geiste des Neukatholizismus vollzog. Dieser Neu⸗
katholizismus, wie er mit den künstlerischen auch die poetischen
Formen des italienischen Barocks nach Deutschland gebracht hatte,
feierte seinen sichtbarsten Triumph freilich zunächst auf dem
Gebiete der lateinischen Schulpoesie; hier wurde der Jesuit Jakob
Balde (1603568) zum vermittelnden Meister. Allein er trat
doch auch, indem er sich mit einer damals eben emportauchenden
mystisch-pietistischen Strömung! verband, in die deutsche
Literatur ein. Der erste entscheidende Vertreter, in dessen
Dichtung so verschiedenartige Strömungen zusammentrafen,

war der Jesuit Friedrich von Spee (1592 1685). Gewiß
waren die Gefühle des süßlich Verzückten und weich Schwärme⸗
rischen, die ins spezifisch Katholische übertragenen entnervenden
Düfte der italienischen Dichtung des Marinismus schon vor
Spee nach Deutschland gelangt; klar liegt der Zusammenhang
schon in der Gedichtsammlung „Paradeisvogel“ des Jesuiten
Vetter (seit 1618) vor. Allein während es sich hier meist nur
um Übersetzungen fremder Lyrik handelte, tritt mit Spee eine
edle menschliche und dichterifche Anlage rein deutscher Art in
den Dienst dieser Empfindungen. Und sicherlich: man liest
noch heute einen großen Teil der „Trutznachtigall“ Spees mit
inniger Freude und wahrem Mitgefühl; und man läßt sich
hinreißen von der Melodie seiner einfachen, wenn auch in ihrer
Wiederholung etwas eintönigen Naturpoesie, wie auch die bis—
weilen hervorlodernde, sonst gedämpfte Leidenschaftlichkeit und
ein Gefühlsreichtum, der, wenn auch endlos zerfasert und ver—

S. darüber oben S. 163 ff.
        <pb n="268" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 249

dünnt, gleichwohl das dichterische Fluidum der Gedanken immer
wieder durchleuchtet, ihres Eindruckes nicht verfehlen. Aber
man wendet sich doch gleichzeitig ab von den barocken Ver—
kleidungen des Heilandes in einen Schäfer oder gar in eine
Daphnis, die vom Monde beklagt wird; man wird den lang—
atmigen Gesang über das Fece homo nicht neben Paul Ger—
hardts „O Haupt voll Blut und Wunden“ hören wollen, und
man befreundet sich nur ungern mit einer abgeschmackten
Jesulein⸗Poesie als Vorläuferin Zinzendorfscher Einfälle. Und
so wird man, über die barocke Form hinaus, bisweilen beinahe
selbst an den Gefühlen eines Mannes irre werden, dem hysterische
Überspanntheiten nicht gänzlich fernblieben.

Einen viel gewaltigeren Ausdruck jedenfalls als bei Spee
fand der mystische Neukatholizismus, hier gradezu zur dichte⸗
rischen Theosophie erweitert und außer von italienischen auch
von spanischen Renaissanceelementen getragen, bei Johann
Scheffler aus Breslau, dem Angelus Silesius (1624 -1677).
Scheffler, ursprünglich Protestant, 1648 in Padua zum Doktor
der Philosophie und Medizin promoviert, trat 1652 zum
Katholizismus über. Im Jahre 1657 erschienen die wunder—
baren Sprüche seines „Cherubinischen Wandersmanns“:

Ich trage Gottes Bild: wenn er sich will besehen,

So kann es nur in mir, und wer mir gleicht, geschehen.

Ich selbst muß Sonne sein, ich muß mit meinen Strahlen

Das farbenlose Meer der ganzen Gottheit malen ...

Ich selbst bin Ewigkeit, wenn ich die Zeit verlasse

Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse ...

Die Schrift ist Schrift, sonst nichts. Mein Trost ist Wesenheit,
Und daß Gott in mir spricht das Wort der Ewigkeit.

Freilich: neben dieser tiefsinnigen Theosophie stehen bei
Scheffler die schlimmsten Auswüchse der derben zeitgenössischen
Lebensauffassung, und gelegentlich stört auch ein Bombast der
Form, der an Geschmacklosigkeit nicht leicht übertroffen werden
kann. —
Abgesehen von der Entfaltung in den bisher geschilderten
Richtungen wurde die Opitzsche Reform vor allem in Mittel—
        <pb n="269" />
        250 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
und Norddeutschland wirksam, um so mehr, als sie hier, auf
geschlossenem protestantischen Boden, gleichwie in den bildenden
Künsten die holländisch-calvinistischen Einflüsse gegenüber den
italienisch-katholischen überwogen hatten, so durch nieder—
ländische Einflüsse unterstützt und dadurch trotz barocker Über—
ladenheit der Form langsam zu einer gewissen nüchternen Ver⸗
ständigkeit des Inhaltes abgeklärt wurde. Dabei knüpfte sich
hier, wie im Süden, die regelmäßig fortlaufende Entwicklung
vornehmlich an die großen Städte; und wie im Süden Straß⸗
—D regelmäßige
Träger der Renaissancedichtung zu nennen gewesen waren,
während die Territorien, am spätesten die Schweiz, erst nach⸗
folgten, so waren es in Mittel- und Norddeutschland die da⸗
mals reichsten Städte Leipzig und Hamburg.

In Leipzig gedieh vor allem das leichte Lied der Liebe
und des Gelages; der Thüringer Homburg (1600- 1681)
kennt da schon die frohesten Töne; Schwieger (etwa 1630 -61),
Schirmer (1623 —-82) und andere schlagen dann eine Bahn ein,
die schon zu Anakreon und den späteren Weisen eines Gleim
und seiner Nachfolger zu führen beginnt; bis Schoch, ein Leip⸗
ziger Kind, der Dichter der drastischen Komödie vom Studenten⸗
leben (1657), die Gruppe vollendet: er kann recht derb sein
und in „Saufliedern“ bisweilen sogar realistische Züge zeigen;
im allgemeinen aber ist er der typische „Fettschwätzer“, und
seine Phantasie sucht in Schäfereien und schönen Gärten die
üblichen Figuren auf, Venus und Amaruyllis mit Adonis und
Seladon.
Im Norden, in Hamburg und sonstwo, ist der Ton trockner
und ernster; in Königsberg dichtet der Professor Simon Dach
(1605-59) außer seiner plattdeuts ch⸗volkstümlichen „Annke von
Tharau“ in jungen Jahren auch sonst manch frisches Lied, bis er
später langweilig wird; hier und da umgetrieben, einer
unserer frühesten Schriftsteller, die vom Berufe leben wollen,
ohne es zu können, bringt Philipp von Zesen aus Priorau bei
Dessau (1619—89) seine originellen Verse an den Mann und
erregt durch seine verschrobenen Sprachneuerungen Gelächter;
        <pb n="270" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 25]
an der Niederelbe dagegen reimt der Nebenbuhler und Gegner
Zesens, Johann Rist aus Ottensee (1607 -67), der „Sing⸗
schwan“ und Pfarrer zu Wedel an der Elbe, und begründet, dem
Hamburger Leben durch den Opernton einiger seiner Schöpfungen
verwandt, in rühriger Eitelkeit im Jahre 1667 die poetische
Genossenschaft des „Elb-Schwanen-Ordens“ nach berühmten
Mustern. Über diese Flachgründe der Poesie aber, in denen
die Renaissanceform nur zu oft die gänzliche dichterische Leere
des Inhalts verdeckt und schon früh die schweren Schäden
jeder importierten Dichtungsweise: Gemachtheit, Unwahrheit
und demgemäß Nüchternheit oder Bombast, enthüllt, heben sich
zwei wahre Dichter hoch hinaus: Paul Fleming und Paul
Gerhardt.

Fleming, 1609 zu Hartenstein im Vogtlande geboren,
Mediziner, in jungen Jahren weit, in der Welt erfahren,
starb in dem Augenblicke, da er sich in Hamburg als Arzt
niederlassen wollte, im April 1640. Er war aus dem Leip—
ziger Kreise hervorgegangen; aber als ein Dichter, der nur sang,
wenn ihm die Muse gebot, und darum vornehmlich Gelegenheits⸗
dichter, sprengte er die engen Fesseln der Liebes- und Trink—
poesie und erfüllte seine Kunst mit reichem Gedankeninhalte
bei eng geschürzter Darstellung und einer durch regste An—
schauung gestärkten Plastik des Ausdrucks. Gewiß steht auch
er innerhalb der Schranken einer halb fremden Form, die
klassische Mythologie verläßt auch ihn selbst im Zuge der Be—
geisterung nicht, und mit inniger Verehrung hat er Opitzens
gedacht. Aber er füllt diese Form ganz aus; und in wort—
reicher Zeit ziert ihn die altnationale Gabe dramatischer
Schlagkraft. So wirken seine Dichtungen noch heute lebendig,
nunter und schwungvroll, und die fremde Form adelt und
zügelt seinen Genius mehr, als daß sie ihn unterdrückte. Wie
herrlich ist nicht der Zyklus von Gedichten, den er einer un—
glücklichen Liebe fern von der Heimat in Reval geweiht hat!
Wenn auch nicht gleich geschlossen, ist dieser wohl dem ersten Ge—
dichtkranz in Heines „Buch der Lieder“ zu vergleichen. Frei⸗—
lich: bei Liebeskummer in beiden Fällen welch Unterschied der
        <pb n="271" />
        252 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Wiedergabe von Charakter und Stimmung! Was aber die
Lieder Flemings über seine sonstige Poesie hinaushebt, das ist
die Wärme persönlichsten Erlebnisses. So tritt die Rhetorik
noch um einen Schritt weiter zurück, die Form wird noch ge⸗
drungener; Natur und Volkstum stehen als gute Feen an
der Wiege von Gedichten, die in den höchsten und gespanntesten
Daseinsmomenten des Sängers die Empfindungswelt eines
späteren Zeitalters vorwegnehmen.

In gleichem, wenn nicht noch in höherem Maße aus—
gleichend, ja zu wahrhaft klassischer Formenschönheit erziehend
wirkte der stille Einfluß der Renaissancepoetik auf Paul Ger—
hardt aus Gräfenhainichen bei Wittenberg (1606 - 1676), den
überzeugungstreuen Diener der rein lutherischen Lehre. Mag er
sich in Übersetzungen der erhabensten Erzeugnisse christlicher
Dichtung ergehen, mag er seinen eigenen Empfindungen in der
stillen und kleinen Welt seines Heims freien Lauf lassen oder
der Stimmung abendlichen Ergehens in dem weiten Flachland
seiner Heimat Worte leihen: stets bewundern wir die getragene
Kraft, die maßvoll gezügelte Phantasie, den offen⸗getragenen Sinn
für jederlei Schönheit; und der Eindruck der ruhigen Wahrheit
und satten Fülle schlägt uns entgegen aus einer Zeit, für die
unwahrhaftiger Schwulst charakteristisch war.

3. Überschaut man nach alledem die Lage des deutschen
Parnasses etwa ein oder zwei Generationen nach der Einführung
der Neuerungen der Renaissance, so ergibt sich ein immerhin
sonderbares Bild: ein Volk von kleinen Dichtern gemachter
Form und stetig abnehmenden inhaltlichen Ernstes: und über
ihnen in beiden Konfessionen einige große Dichter fast durchweg
besonders religiöser Anlage. Ist es recht, zu folgern, daß den
Dichter der Zeit denn doch vor allem noch das fromme Gefühl
ausmachte als das erhabenste aller Gefühle dieser Jahrhunderte
und nicht das noch so sichere Leben in der neuen, angeblich
klassischen Form? Der Schluß scheint berechtigt für eine Zeit,
da einer sonst nicht besonders hervorragenden Dichterin, wie
        <pb n="272" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 253
der Kurfürstin Louise Henriette von Brandenburg (1627 67)
ein Lied von der herben und ergreifenden Tiefe des „Jesus meine
Zuversicht“ gelingen konnte. Und er wird vollends sicher, wenn
wir den weiteren Verlauf der Renaissancedichtung verfolgen.

Die Dichtung der Opitzschen Zeit und der unmittelbaren
Nachfolger Opitzens hatte noch immer starke Momente der
reinen Renaissance enthalten; sie hatte der Nüchternheit nicht
ferngestanden, wenn sich auch die Neigung zu stärkerer formeller
und inhaltlicher Profilierung gleichsam des Gedankens immer
mehr regte: sie war sozusagen eine palladieske Poesie gewesen.

Auf sie folgte mit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
eine volle Barockpoesie. Gewiß war diese schon länger in einzelnen
Zügen vorbereitet, wie sie der intellektualistische Charakter der Re—
naissancedichtung von vornherein mit sich bringen mußte: so in der
blumenreichen Prosa Zesens, in den „kandierten Süßigkeiten“
Schirmers, in der spielenden Art der Pegnitzschäfer und, in
tieferem Sinne, auch in der mystischen Metaphorik des Angelus
Silesius. Allein ganz eingeführt hat sie doch erst der Begründer
der sogenannten zweiten schlesischen Schule, der behagliche,
heiterem Lebensgenusse ergebene Breslauer Ratsherr Hofmann
o»on Hofmannswaldau (1618-79).

Hofmann unterlag dabei dem Einflusse des italienischen
Barocks, wie es auf dem Gebiet der Dichtung Marino durch—
gebildet hatte: alle die schillernde, hyperbolische und metaphoreske
Manier dieses Meisters und seiner Schüler hat er in Deutsch—
land eingeführt. Und wie Sprache und dichterische Formen
sich bei ihm schwülstig aufblähten bis zu unverständlichem Bom—
hast, so verflüchtigte sich jeder erlebte Inhalt: an die Stelle
traten trotz besserer Anlage des Dichters der Regel nach im
Grunde phantasielose, um so mehr aber zu verstandesmäßiger
Hohlheit aufgebauschte Empfindungen und Erlebnisse, und vor
allem wurde der Liebespoesie durch das sogenannte Concetto ein
galantes Hautgout gegeben; war noch Gryphius nicht mit den
Franmzosen „zu glauben gesonnen, als könnt kein Trauerspiel
sondern Lieb und Buhlerei vollkommen sein“, so wurden jetzt
in jeglicher Dichtung mit aller Deutlichkeit, die der Bombast
        <pb n="273" />
        254 Zwanzigstes Buch. Zweites KRapitel.
noch zuließ, die intimsten körperlichen Reize eingebildeter Ge—
liebten besungen, und die Dichtung löste sich auf in ein Phrasen—
geklingel von unzüchtiger Lüsternheit.

Dabei handelte es sich keineswegs nur um eine etwa
Hofmannswaldau allein angehörige, bloßer Laune verdaukte
UÜbertragung des Marinismus in deutsche Lande. Eine Be—
trachtung der Poesie Hofmannswaldaus in diesem Sinne würde
einer Anschauung entsprechen, die unsere barocke Plastik allein
aus der Übertragung der Schöpfungen Berninis nach Deutsch⸗
land ableiten wollte. Im Grunde lag vielmehr eine ganz
organische Wendung in der Entwicklung der deutschen ver⸗
standesmäßigen Renaissancepoesie selber vor.

In noch maßhaltender Betrachtung hatte man während
der guten Zeiten dieser Renaissance die Dichtung anfangs
bloß als Reproduktion, als Malerei, als Nachahmung an⸗
gesehen, indem man nach den Vorschriften einer nachahmen⸗
den Poesie die ersten, die antiken Produkte dieser Poesie noch⸗
mals nachahmte. Was anders konnte da aber das Ergebnis
sein als Eintönigkeit und Schablone? Wollte man diese
jetzt innerhalb des Ideenbereichs der einmal eingeschlagenen
Richtung vermeiden, so war es nur noch möglich durch über—
treibung der Form: denn nur diese lag noch im wesentlichen
Kreise des poetischen Interesses. Damit war man denn zu
immer stärkeren Steigerungen der Form, zu immer wilderem
Farbenauftrag gleichsam gezwungen, und man konnte sogar der
Einbildung leben, sich damit in einer Reaktion gegen die karge
Nüchternheit der Opitzischen Periode zu befinden: barocker
Schwulst war die Folge, bis der Schwulst schließlich vollends
auf den geringen, etwa noch vorhandenen poetischen Inhalt
übergriff und auch diesen noch in leere Vorstellungen umsetzte.

Dieser Verlauf der Entwicklung war allgemein, und so
fand Hofmannswaldau Nachfolger; das ältere Ideal der
humanistisch-didaktischen Poesie starb ab — schon Hofmann
machte sich über die „gemeinen Schul-Possen“ lustig —, und die
Vorstellungen eines lüsternen Alamodetums und italienisch⸗welt⸗
männischen Geistes nehmen Platz an der leer gelassenen Tafel.
        <pb n="274" />
        Die Dichtung der Renaissance in i i
Die aissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 255
Dabei übertrafen die Schüler, vom Standpunkte schöpferischer
poetischer Begabung aus, keineswegs den Meister. Hatte
Hofmannswaldau noch eine gewisse dichterische Anlage gehabt,
wie er denn, in vornehmer Lebensstellung, zu seiner Selbst-⸗
befriedigung dichtete und keineswegs zum Ergötzen anderer,
so wurden diese Spuren schöpferischer Ausstattung bei den
Schülern immer geringer. Schon bei Kaspar Daniel von
Lohenstein (1635—1683), dessen Name später für unverständ—
lichen Schwulst schlechthin bezeichnend geworden ist, zeigte sich
das: fern stand Lohenstein dem noch faunischen Behagen Hof—
mannswaldaus am Unanständigen, da bei ihm die Empfindung
für den Unterschied zwischen Anstand und Schamlosigkeit überhaupt
verwischt erscheint; ins Ekelhafte zieht er, was bei Hofmanns—
waldau noch einfach gemein war, und mit kaltem Verstande
begibt er sich auf das Gebiet des Obszönen. Als Dramatiker
aber, auf dem Gebiete, auf das ihn seine Anlage zunächst ver—
wies, ist er der extremste Virtuos raffiniert erfundener und
ausgemalter Szenen des Schrecklichen, Grausamen, Nerven⸗
erschütternden überhaupt. Die übrigen Namen aber dieser
zweiten schlesischen Dichterschule, ein Mühlpfort, von Assig,
von Abschatz, auch der jüngere Gryphius, bedeuten dichterisch
nichts mehr; das unglückliche Prinzip ruinierte rasch auch ur—
sprünglich bessere Begabung.

Die Dichtungen Hofmannswaldaus und Lohensteins wie
ihrer Nachfolger machen auf uns den Eindruck unerträglicher
Gemachtheit und schwülstigsten Aufbauschs von Nichtigkeiten.
Und doch kann wenigstens Hofmannswaldau ein Zug zur Poesie,
eine Ader der. Einbildungskraft nicht abgesprochen werden, wie
sich denn die ganze Richtung der eigenen Meinung wie der
Ansicht der Zeitgenossen nach in starker Reaktion gegen die
Verstandesmäßigkeit der Nachfolger Opitzens bewegte. Es war
ein Kampf gegen den Intellektualismus in der Dichtung, der
sich doch seinerseits wiederum auf der viel breiteren allgemein—
intellektualistischen Grundlage der ganzen Zeit vollzog: und darum
endete er ergebnislos in heillosem Schwulste. Über seinen Ab—
schluß hinaus kam es aber in immer zunehmendem Maße zu
        <pb n="275" />
        256 Zwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.
jener Rationalisierung der Dichtung, welche dem eigentlichen
Beiste des Zeitalters entsprach.

So folgte denn dem Schwulste eine der Opitzischen Zeit
wiederum vergleichbare, nur noch ungleich stärkere Periode
reiner verstandesmäßiger Nüchternheit. Sie begann mit den
achtziger Jahren etwa des 17. Jahrhunderts: klar zutage trat
sie, nun getragen durch den allgemeinen Ausbruch der
geistigen Aufklärung wie verwandter Erscheinungen auf dem
Gebiete des Seelenlebens, seit der Wende des 17. Jahrhunderts;
denn mit dem ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts begannen
sogar die Pegnitzschäfer teilweis in den neuen, nüchternen Stil
einzulenken.

4. In der Gärung, die diesen Umschwung einleitete,
wirkten anfangs sehr verschiedene deutsche Kräfte und außerdem
von jenseits der deutschen Grenzen niederländisch- französische
Einflüsse mit- und gegeneinander. Aber die niederländischen
Einflüsse traten allmählich zurück, und es siegten schließlich die
französischen: hier wirkte die feste Zusammenfassung der dich—
terischen Kunstübung durch Boileau und zugleich die allgemeine
Zeitströmung durchschlagend, die seit den letzten Dezennien des
17. Jahrhunderts französischem Import jeder und namentlich
geistiger und künstlerischer Art Tor und Tür öffnete.

Dabei war es, der allgemeinen Entwicklung am Ende des
17. Jahrhunderts entsprechend, anfangs noch der Geist des
ausgehenden Barocks, der einströmte. In ihm hat, vermischt
noch mit niederländischen Reminiszenzen, der würdige Friedrich
von Canitz (1664 -99) aus Brandenburg, ein Diplomat aus
der Schule des Großen Kurfürsten, aber ein selbständiger Edel⸗
mann, geschaffen. Neben den Franzosen sind es die Lateiner,
auf die er zurückgeht, freilich eben die, von denen auch die
Franzosen lernten und gelernt hatten, vornweg Horaz und
Juvenal. Das, was ihn auszeichnet, ist nicht besonders hohe
dichterische Begabung, wohl aber Ernst und Reinheit des Ge⸗
fühls: es schien, als ob eine zwar verstandesmäßige, doch
        <pb n="276" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 257
gehaltene Poesie sich werde entwickeln können; und in der Tat
hat die Art Canitzens in diesem Sinne auf einige Dichter,
z. B. Benjamin Neukirch, den Lohensteinianer, veredelnd ge—
wirkt.

Allein das Vorbild selbst, Frankreich, hielt sich nicht auf
entsprechender Höhe. Der großen Zeit Ludwigs XIV. folgten
Jahrzehnte des Verfalls ins Süßlich-Gemachte, Blendend-Ge—
leckte: und dieser Entwicklung lief die der deutschen Dichtkunst,
soweit sie sich in den sozialen Voraussetzungen der französischen
Poesie bewegte, parallel. Es sind die Zeiten der verstandes—
mäßigen Hofdichter, eines Besser (1654451729) am Berliner,
König (16868—21744) am Dresdner, Heräus (1671 —1780) am
Wiener Hofe.
Gewiß hat Heräus einmal ausgeführt: „Die edle poetische
Entzückung müsse in keinen Rausch, noch in eine verrückte
Phantasei verunarten. Das wahre Hohe oder sogenannte
Sublime bestehe auch nicht in schwulstigen Worten, noch in
überhäuften Zieraten, noch in verwirrten Empfindungen.“
Und wenn er dann zusetzt: „Die wahre Bildung sei die Seele
der hohen Schreibart in dem Leibe einer neuen, kurzen und
netten Ausrede“, so wird man auch mit diesem Ausspruch noch
mitfühlen. Allein entsprach dem die Dichtung dieser Hof—
voeten und vor allem der norddeutschen? Was uns entgegen⸗
tritt, ist leere Zeremoniendichtung, Gewäsch eines schalen
Prunkes, kriecherische, kalte Rhetorik, zwischen deren aus—
gedehnten, nicht ausempfundenen Sätzen noch immer wieder die
alte Roheit, die Unanständigkeiten mit Scherzen verwechselt,
ein Erbteil des sittlichen Empfindens der höheren Klassen des
17. Jahrhunderts, hervortritt. Auf diesem Wege konnte auch
einer verstandesmäßigen Poesie nicht geholfen werden.

Aber inzwischen begann sich für die Einführung des fran—
zösischen Geschmackes, dessen Gedankensystem in Frankreich selbst
im Beginn des 18. Jahrhunderts, nach dem Tode auch des
letzten großen Dichters, Racine (4 1699), noch immer mehr
entwickelt wurde, ein bedeutungsvoller Umschwung zu voll—

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 17
        <pb n="277" />
        258 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
ziehen: während die französischen Einwirkungen bisher wesent—
lich von dem dichtenden Adel und den „Hofpoeten“ aufgenommen
worden waren, begannen sie jetzt auch die führenden bürger—
lichen Kreise zu ergreifen.

Sie trafen hier einen Boden, der schon seit den achtziger
Jahren des 17. Jahrhunderts nicht ganz ohne Vorbereitung
geblieben war. Wie in den vorhergehenden Jahrzehnten die
bessere deutsche Romandichtung, die in bürgerlichen Händen
lag, Front gemacht hatte gegen den Schwulst, so hatten sich
hier und da auch einige bürgerliche Theoretiker gegen ihn ge—
wendet, am entschiedensten vielleicht der große Polyhistor
Daniel Georg Morhof aus Wismar (1639— 1691). Scharf
sprach er sich in seinem „Unterricht von der Teutschen Sprache
und Poesie“ (1682) gegen die „Bidibumpoesie“ der Lohen—
steinianer aus: es müsse Maß gehalten werden, und die viele
metaphorische, mythologische und sonstige Gelehrsamkeit sei in
der Dichtung vom Übel.

Indes entschiedener als alle theoretischen Mahnungen
mußte ein Beispiel neuer, unschwülstiger, verstandesmäßiger
Dichtung wirken. Es kam, wie wir später sehen werden, aus
einem der wenigen großen Zentren geistigen Lebens in dieser
Zeit, aus Leipzig.

Inzwischen aber erhebt sich für uns immer dringlicher die
Frage, was denn während der bisher behandelten Entwicklung der
Lyrik aus den hoffnungsvollsten Zweigen der deutschen Dichtung
des 16. Jahrhunderts, aus Satire und Drama, geworden sei—

III.
l. Die Satire war seit dem 14. Jahrhundert aus dem
Bestreben entwickelt worden, immer besser zu charakterisieren:
auf diesem Bestreben beruht noch die Grobheit des 16. Jahr⸗
hunderts, wie sie in der Erfindung der Figur des St. Grobian
durch Sebastian Brant und danach in Dedekinds „Grobianus“
(1549) ihren klassischen literarischen Ausdruck fand.
        <pb n="278" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 259
Allein über das Bestreben, drastisch in Karikatur und da—
mit gern satirisch zu charakterisieren, war doch die Satire des
16. Jahrhunderts schon bei weitem hinausgegangen. Je mehr
—
malte Bildnis gelang, je mehr eine Charakteristik ohne Kari—
katur einsetzte und in groben, aber der Wirklichkeit entsprechen—
den Linien gleich den festen Umrissen des gleichzeitigen Holz—
schnittes individuelle und typische Personen sicher in den lite—
rarischen Rahmen setzte, um so mehr schied sich die Satire von
der Charakteristik und wurde eine für sich stehende Kunst.

Als solche gesellte sie sich dann die Elemente des Komischen
und des Grotesken zu. Das Komische steht entwicklungs⸗
geschichtlich schon üuber dem Satirischen: es beruht auf einem
willkürlichen Spiel mit den Erfahrungen aus dem individuellen
Verständnis der Umwelt; es ist eine idealisierende, künstlerisch
und geistig schon freiere Form der Charakteristik. Dabei
war denn das komische Element freilich nach unseren Begriffen
noch sehr äußerlich geblieben; zunächst handelte es sich um
Schilderung leiblicher Gebrechen, um Unanständigkeiten,
Fluchen, Schelten, komische Eigennamen, vielfach um das, was
wir familiär dummen Witz nennen. Doch zeigten sich hier und da
immerhin höhere Ansätze, die auf Ausnutzung des komischen
Elements für die Gesamtstimmung eines ganzen Gedichtes hin—
wiesen: das komische Epos war im Anzug.

Und neben der Komik war die Groteske entdeckt worden
als die komische Verbindung besonders weit auseinander liegen—
der Gebiete des Erfahrungsinhalts; und schon in Naogeorgs
Dramen, wo sich nicht selten Groteskes und Furchtbares mischt,
war die Wirkung gewaltig gewesen.

Ja noch mehr: die so verstärkte Satire hatte sich nicht
mehr bloß, wie zunächst im 14. und 15. Jahrhundert, auf die
typischen Zustände des gesellschaftlichen Lebens bezogen, sie
hatte vielmehr während der großen Zeiten der Reformation
eingegriffen in die höchsten geistigen Strömungen der Gegen—
wart, sie war kirchlich und sie war persönlich geworden. So
trugen ihre Verfasser die eigene Haut zu Markte, und ein

17*
        <pb n="279" />
        260 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
tiefstes Pathos erfüllte sie: da rangiert mancher Verfasser der
zahlreichen Flugschriften der Zeit mit Hutten und Luther; statt
der leicht plänkelnden Charakteristik des späteren Mittelalters
hatte sich ein Kampf der Geister auf Leben und Tod entsponnen.

Diese Höhe war dann freilich schon in der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts nicht aufrechterhalten worden, zu einer
Zeit, in der sich erst recht die Satire aus der realistisch ge—
wordenen Charakteristik vollendeter hätte entwickeln müssen.
In der bilderreichen, aber für das Größte gestaltungsunfähigen
Phantasie Fischarts überstürzten sich noch einmal die alien
satirischen Elemente, aber der innere Anteil war geringer, die
öffentlichen Vorgänge in Kirche und Staat gaben den packenden
Stoff von ehedem nicht mehr ab, wenn auch Fischarts
Jesuitenhaß als ebenso echt wie freilich durch die große,
hinter ihm stehende Partei der Protestanten gedeckt erscheint,
und stofflich wird seine Satire schon von fremder Phantasie
— Rabelais — abhängig.

Trotzdem war das Ganze noch nicht verloren; immerhin
wurde eben zu Fischarts und nach Fischarts Zeiten der ent—⸗
schiedene Fortschritt zum komischen Epos gemacht; und große
nationale Ereignisse hätten auch die aktuelle polemische Satire
wieder aufleben lassen können.

Aber nahten solche Ereignisse mit dem 17. Jahrhundert?
stonnte das Zeitalter einer angehenden absoluten Monarchie
und einer verknöchernden Kirche der publizistischen Satire
frommen? Oder die Stagnation, ja Rückbildung der Gesell⸗
schaft der sozialen? Schon die äußeren Bedingungen für
Fortleben und Weiterentwicklung der alten nationalen Spott⸗
und Besserungssucht fehlten. Und so sehen wir im ganzen
nur Verfallserscheinungen trotz der Anstrengungen mancher per⸗
sönlich bedeutenden Kraft.

Bezeichnend aber ist es, daß die wenigen noch erwähnens⸗
werteren Satiriker des 17. Jahrhunderts fast alle fern von den
modernen poetischen Renaissancebestrebungen dieser Zeit, wie sie
in Mittel- und Süddeutschland besonders zu Hause waren, und
vornehmlich auf niederdeutschem Boden erwachsen sind. Hier
        <pb n="280" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 261

hielt sich länger als sonstwo die literarische Disposition des
16. Jahrhunderts, und jener Entwicklungsgang der nationalen
Dichtung, der als der von innen heraus erfolgende und
darum natürliche erscheinen muß, wurde nach Kräften bei—
behalten.

Ganz dieser Disposition gehört noch der in Gießen ge—
borene originelle Hamburger Pastor Balthasar Schuppius an
(1610- 1661, seit 1649 in Hamburg). Er war allerdings als
Dichter wenig bedeutend. Aber seine Werke in Prosa, seine
Streitschriften, Abhandlungen, Erzählungen, Litaneien, Predigten
wimmeln von satirischen Elementen alten Stils, denen nichts
fehlt als ein großer Gedanke, ein konzentriertes Ideal, um im
höheren Sinne zu wirken.

Neben Schuppius stehen als eigentlich norddeutsche
Satiriker dieser Zeit Johann Lauremberg aus Rostock (1591
bis 1659) und der namentlich im Dithmarschen wirkende
Joachim Rachel (1618 -1669). Sie sind immerhin schon stark
oon der Renaissance beeinflußt, und die römischen Poeten von
Juvenal bis zu Martial sind ihre Vorbilder. Im ganzen aber
ziehen sie sich doch auf die alte soziale Satire, ja die her—
gebrachte Form des satirischen Schwankes zurück; die hervor—
ragendste Leistung Laurembergs, die plattdeutschen vier alten
Scherzgedichte (1653), handeln von der Menschen jetzigen ver—
dorbenen Wandel und Manieren, von alamodischer Kleidertracht,
von vermengter Sprache und Titeln, und von Poesie und Reim—
gedicht.

Ganz auf dem Niveau des 17. Jahrhunderts und seiner
Renaissancepoesie bei im übrigen oft recht wirksamem Inhalt
steht die Satire des schlesischen Edelmanns Friedrich von Logau
(geboren 1604 in der Nähe von Nimptsch, gestorben 1656).
Bei ihm nimmt die Satire nach dem Muster Martials die
Form des Epigrammes an. Was Logau in dieser Form in
seinen dreitausend Sinngedichten, die 16654 unter dem Namen
Salomons von Golau erschienen, darbietet, zeugt gewiß von
Kenntnis der Welt, und der Standpunkt der Beurteilung ist
der ehrenhaft-konservative, der sich patriotisch im Sinne einer
        <pb n="281" />
        262 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
besseren Vergangenheit gegen Alamodetum und Fremdsüchtelei
wie heimischen Sittenverfall wendet: allein der literarisch⸗
formelle Zusammenhang mit den großen satirischen Erscheinungen
des 16. Jahrhunderts ist nur noch lose. Soweit aber die
Psychologie in Betracht kommt, so geht Logau nur in sehr
geringem Grade über das 16. Jahrhundert hinaus. Was er
uns verrät, das sind zum großen Teile die an anderen ge⸗
machten Erfahrungen, und namentlich die Beobachtungen des
Hofmannes spielen da eine Rolle; die Erfahrungen des Herzens
dagegen, die Kundgebungen subjektiver Selbstbeobachtung fehlen.
So sind denn die Gegenstände der meisten Gedichte mehr
sozialer als persönlicher Natur, und dem entspricht eine sar—
kastische und satirische, bis zu vollem Pessimismus hingetriebene
Malerei ohne tiefen Horizont; im günstigsten Falle hören wir
prächtige politische und gesellschaftliche Wahrheiten, und ihre
Objektivität erlaubt noch die Aussprache im Witz, in der sym—
bolischen Umschreibung, ja gelegentlich in der uralten Hülle des
Rätsels. Dabei mag Logau zur Entschuldigung dienen, daß
es ihm mit seiner Voesie überhaupt nicht so übermäßig
Ernst war:
Ich schreibe Sinngedichte: die fordern nicht viel Weile
(Mein andres Tun ist pflichtig), find Töchter freier Eile.
Wußte er zugleich, daß er in gewissem Sinne der letzte einer

langen Reihe war? In der Tat ging mit ihm die alte Satire
zu Ende. Wir werden zwar sehen, daß einige ihrer Elemente in
der neuen Form des volkstümlichen Romans fortlebten, und
daß auch dem 18. Jahrhundert eine zahme bürgerliche Satire
nicht versagt war —, lange dauerte es, ehe dieser kräftige Zweig
unserer Literatur, dessen erster Sproß bis ins 12. Jahrhundert
zurückgeht, vollends abstarb. Aber im ganzen stehen wir schon
letzt in den Zeiten einer traurigen Krise; selbst Logau ist bald
vergessen worden: schon das 18. Jahrhundert kannte sogar seinen
Namen nicht mehr, und Lessing und Ramler haben 1759 sein
Andenken auf dem künstlichen Wege literarischer Ausgrabung
erneuern müssen.
        <pb n="282" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Ubwandlungen. 263
2. Beachtenswerter aber noch als der Rückgang, ja Unter—
gang der Satire war der Untergang der noch in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts so hoffnungsvollen Anfänge des
Dramas. Denn das Drama war seit dem 16. Jahrhundert
recht eigentlich zur Führung der Dichtungsgattungen berufen:
in dramatische Formen hatten sich die alten Schwänke und
die neutestamentlichen Parabeln wie die kirchlichen Legenden,
in dramatische Formen auch die dialogische Satire und die
satirischen Holzschnittfolgen der Reformationszeit mit ihren
Versen umzukleiden begonnen. Denn während das Evpos sich
mit der Darstellung des einfach Singulären begnügt und die
Satire den groben Typus sucht und entwickelt, bringt das
Drama die höhere Integration beider: bestimmte Menschen,
deren Tun dennoch im Sinne typischen Handelns auf uns wirkt
und wirken soll.

Wie gewaltig der Zug zu einer Weiterbildung der dichte—
rischen Darstellungsmittel in dieser Richtung war, das läßt
ich seit dem 16. Jahrhundert an tausend Erscheinungen er⸗
kennen, die um so mehr beweisend sind, je ferner sie zu liegen
scheinen: an der dramatischen Fassung der Flugschriften und
seglicher Satire, an der Kürzung der überlieferten Epen, die
z. B. bei dem Gedichte vom Herzog Ernst fast auf ein Zehntel
des ganzen hinausläuft, und am meisten wohl an der zunehmend
dramatischen Wandlung des Volkslieds.

Aus alledem war nun die volkstümliche Entwicklung des
Dramas seit dem 15. Jahrhundert im tiefsten Sinne hervor—
gegangen. Gestützt aber erschien diese Bewegung wenigstens
bis auf einen gewissen Grad durch den Einfluß der ersten
humanistischen Renaissance. Denn wie sich in der nationalen
Poesie das dramatische Element vor allen anderen entwickelte,
so war es bezeichnend, daß die Nation aus der Antike zunächst
die Lyriker so gut wie gar nicht, ein wenig, soweit sie satirischen
Neigungen entgegenkam, die Fabel, mit voller Liebe aber nur
das Drama, und hier wieder die römische Posse, aufnahm.
Und sie begnügte sich nicht mit der bloßen Aufnahme, sie schritt
m lateinischen Schuldrama zur Nachahmung fort. Diese
        <pb n="283" />
        264 Swanzigstes Buch. Zweites LKapitel.
— 0Wwa Sucq. wones
Nachahmungen aber wirkten fast noch mehr als die Originale
nun auch auf die Technik des deutschen Schauspiels ein man
machte bemerkenswerte Fortschritte.

Gewiß war dabei auch noch das vollendete Drama des

16. Jahrhunderts weit entfernt von der Durchbildung, welche
unser Schauspiel technisch und psychologisch seit der Mitte des
18. Jahrhunderts erfahren hat: weder Charakterentwicklung
noch Einheit der Form wurden gefordert; namentlich die Ein—
heit der Form ist auch Hans Sachs, dem bedeutendsten Dichter
der Periode, noch gänzlich unbekannt geblieben; genug, wenn
wenigstens auf den geschlossenen Aufbau des einzelnen Aktes gesehen
wurde. Aber dennoch schien der Aufschwung zu einer höheren
dramatischen Form nationalen Charakters bevorzustehen, als
diese Bewegung durch die Unqunst äußerer Verhältnisse ge⸗
hemmt ward.

Die Nation hatte um die Wende des 16. und 17. Jahr⸗
hunderts nicht bloß keine großen öffentlichen Interessen mehr
— dieser Umstand hatte schon die Satire nicht vorwärts kommen
lassen —: sie hatte auch keine Bühne. Grade das lateinische
Schuldrama hatte hier schädlich gewirkt durch seine Schüler⸗
aufführungen. Die eigentliche Ursache des Mangels freilich lag
tiefer. Die Städte gingen zurück, und so litten die geistigen
Interessen da, wo es allein zur Durchbildung von Bühne und
Bühnenkunst hätte kommen können.

Das Fehlen einer nationalen Schauspielkunst hatte aber
noch verhängnisvollere Folgen. Alle Kunst ist sinnlich und
kann daher ohne sinnliche Darstellung nicht gedacht werden.
Darauf beruht auf niedrigen Kulturstufen die Einheit der
künstlerischen Erfindung und Darstellung: Aktion und dichterisch⸗
musikalisches Empfinden, ja Schaffen gehen zusammen; erst spät
trennt sich der Schöpfer vom Darsteller. Etwas Ähnliches gilt
auch später noch für alle erst werdenden Kunstformen; und so
auch für das Drama des 16., ja noch 17. Jahrhunderts. Die
Schauspieler stellten in dieser Zeit nicht bloß die Dichtung

S. dazu Bd. VI, S. 247 ff.
        <pb n="284" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 265
eines Dritten dar, sie wirkten vielmehr in höchstem Grade
noch schöpferisch tätig mit: unendlich weit gezogen ist noch die
Grenze der dichterischen und der darstellenden Improvisation; und
es ist kein Zufall, daß zwei bedeutende Schauspieler dieser Zeit,
Shakespeare und Molire, zugleich ihre größten Dramatiker sind.

Unter diesen Umständen läßt sich ermessen, was es für das
deutsche Drama bedeutete, daß ihm durch eine ungünstige äußere
Entwicklung Bühne und Bühnenkunst versagt blieben. Es be—
gann, soweit es im 16. Jahrhundert volkstümlich entwickelt war,
an diesem Mangel vornehmlich zugrunde zu gehen.

Eben in den Zeiten seiner Krise aber schien dem be—
stehenden Mangel auf sehr eigenartige Weise, durch das Er—
scheinen fremder Schauspieler, abgeholfen zu werden.

In England hatte sich, unter volkstümlichen wie antiken
Einflüssen zugleich, ein Drama des 16. Jahrhunderts ähnlich
dem deutschen entwickelt. Allein es hatte den Vorteil eines
hauptstädtischen Publikums und aufsteigender gesellschaftlicher
wie politischer Verhältnisse gehabt, und so trat ihm eine wirk—
liche Bühnenkunst zur Seite: 1576 wurde zu London das erste
Theater eröffnet, und am Ende des Jahrhunderts war die
Zahl der Theater in London größer als heute. Es waren
Jahre der Schulung teilweis unter Shakespearischer Herrschaft;
rasch stieg der Ruf des englischen Schauspiels, und bald
unternahmen seine Darsteller Gastspielreisen ins Ausland.

Im Jahre 1585 spielte eine englische Truppe vor dem
König von Dänemark; 1586 finden wir sie, fünf Mann stark,
am sächsischen Hofe und danach in Danzig. Vom Jahre 1592
ab erneut sich dann in Deutschland der Zuzug englischer
Truppen und wird bald ständig auf fast anderthalb Jahr—
hunderte. Die Blütezeit des englischen Wirkens aber liegt
um etwa 1620; in diesem Jahre erscheinen die deutsch be—
arbeiteten „Englischen Komödien und Tragödien“. Waren diese
Schauspieler anfangs vornehmlich an den Höfen zu finden, so
wurden sie bald vor allem Gäste der Messen und Märkte: so
gelangten sie nach Frankfurt, Köln, Straßburg, Nürnberg,
auch in norddeutsche Städte. Und früh schon spielten sie nicht
        <pb n="285" />
        266 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
mehr englisch, sondern deutsch, wie sie denn auch vielfach deutsche
Nachahmer fanden.

Dabei blieben sie aber in der Fremde naturgemäß, auch
wenn sie ihre Stücke in Übersetzungen spielten, vornehmlich auf
die Schaulust des Publikums angewiesen. Und dem entsprach
es, wenn in ihren Stücken vor allem die Handlung im
verwegensten Sinne des Wortes, die Staatsaktion, der Aufzug,
die Schlacht, die Prügelei, die Hinrichtung, noch mehr fast als
in der englischen Heimat eine Rolle spielte. Schon dies, dazu
die selbst für deutsche Ohren manchmal zu starke Unfläterei —
charakteristisch ist, daß bis über die Mitte des 17. Jahrhunderts
alle Frauenrollen von Männern gespielt werden mußten — gab
ihren Darbietungen noch etwas sehr Rohes. Dazu kam, daß
sie bei dem alten Zusammenhange ihres Berufes mit dem
Jongleurwesen jedem Bedürfnis in dieser Richtung aufs beste
nachkamen: Fechten, Tanzen, Springen, kurz Clownkunst
brachten sie mit aus England herüber, und diese setzte sich nun
auf weit über ein Jahrhundert auf der deutschen Bühne fest.
Schon Ende des 16. Jahrhunderts konnte daher ein herber
Kritiker dem Publikum vorwerfen, es gehe nicht wegen der
lustigen Komödie ins Theater, sondern wegen der Possen des
Narren und wegen des Springens in glatten Hosen.

Gewiß wirkte also in vielen Beziehungen der Einfluß der
Engländer nicht eben veredelnd. Allein war das deutsche
Publikum denn viel anderes gewöhnt? Was man schließlich
auch vom deutschen Drama verlangt hatte und verlangte, das
war Mordspektakel für die Posse und grausamste Nerven⸗
erregung im Trauerspiel: hat doch Vossius ganz ernsthaft den
Vorschlag gemacht, man möge für die Hinrichtungen auf offener
Bühne wirkliche Verbrecher benutzen, und war es selbstverständ⸗
lich, daß bei Stichen auf der Bühne wirkliches Blut oder
wenigstens rote Farbe aus Schweinsblasen fließen mußte.

Wirkten also in dieser Hinsicht die Engländer wenn gewiß
nicht veredelnd, so doch auch nicht übermäßig schädlich, so
bleibt noch die allgemeine Frage zu stellen, inwiefern sie der drama⸗
tischen deutschen Kunst in ihrer kritischen Lage die wünschenswerte
        <pb n="286" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 267
Bühnenunterstützung boten. Die Antwort muß verneinend lauten.
Die Engländer spielten im wesentlichen nur ihre Stücke, sir
stellten sich nicht in den Dienst der deutschen Kunst; und sie
beseitigten zudem durch ihr Dasein noch all die geringen Keime,
die für die Entwicklung eines deutschen Schauspiels hätten in
Betracht kommen können. So vermochte ihr Einfluß auf die
deutsche Dichtung sich höchstens in der Nachahmung der „neuen
Englischen Manier und Art“ zu äußern. Diese Nachahmung
aber verschlechterte nochmals die Lage der deutschen Dramatik.
Nirgends zeigt sich das deutlicher, als in der Entwicklung
des bedeutendsten Dramatikers unmittelbar nach Hans Sachs,
Jakob Ayrers. Ayrer blieb in der ersten Periode seines
Schaffens (159398), da er sich noch an Sachs anschloß,
tüchtig; später (1598 -1605), als er neben anderen vor—
nehmlich englische Einflüsse aufnahm, brachte er plumpe
Marktstücke, bei denen die überladene Ausstattung und die An—
wesenheit der manieriert komischen Figur unangenehm auffällt,
wenn sich auch ein etwas klarerer Begriff der dramatischen
Form einzufinden scheint.

Im ganzen war somit dem deutschen Drama, wie es das
16. Jahrhundert ausgebildet hatte, durch das Dazwischentreten
der Engländer keineswegs geholfen: in den ersten Jahrzehnten
des 17. Jahrhunderts ist es ruhmlos verfallen.

Aber das waren die Zeiten der neuen Renaissance⸗
bestrebungen und der Opitzschen Reform. Sind diese nicht dem
deutschen Drama zugute gekommen?

Im Drama hatte die Renaissancetheorie, wie sie Opitz von
Franzosen und Niederländern übernahm, noch keine Ahnung
vom Psychologisch-Dramatischen: das Drama wurde nicht als
eine Dichtungsart betrachtet, die auf die Empfindung des
Hörers eine spezifische Wirkung ausübt, sondern im besten
Falle als eine besonders lebhafte Form der Erzählung, — also
dem Epischen noch eingeordnet. Dementsprechend wurden die
dramatischen Einzelformen nach dem Stoffe, nicht nach ihrer
        <pb n="287" />
        268 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Wirkung auf den Zuschauer unterschieden. So meint Opitz
von der Komödie, sie bestehe in schlechtem Wesen und Personen:
„redet von Hochzeiten, Gastgeboten, Spielen, Betrug und Schalckheit
der Knechte, ruhmrätigen Landtsknechten, Buhlersachen, Leicht⸗
fertigkeit der Jugend, Geitze des Alters, Kupplerey und solchen
Sachen, die täglich unter gemeinen Leuten vorlaufen“:. Die
Tragödie dagegen wird dahin charakterisiert, daß sie , an der Majestät
dem heroischen Gedichte (d. h. dem Epos) gemäß sei, ohne daß
sie selten leidet, daß man geringen Standes Personen und schlechte
Sachen einführe, weil sie nur von königlichem Willen, Tot—
schlägen, Verzweiflungen, Kinder- und Vätermorden, Brande,
Blutschande, Kriege und Aufruhr, Klagen, Heulen, Seufzen
u. dergl. handelt“2.

Man sieht: diese Theorie stand den Anschauungen des
volkstümlichen Dramas nicht so fern, mochte sich auch Opitz
für seine Ausführungen über die Tragödie außer auf Daniel
Heinsius auf Aristoteles berufen. Die psychologische Grund—
lage für das nationale und das Renaissancedrama war im
ganzen dieselbe: das Renaissancedrama folgte dem nationalen
Empfinden. Allein für den Aufbau der dramatischen Form
standen die Dinge schon in der ersten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts anders. Hier kam es schon nicht mehr darauf an,
rein den Alten, sei es nun ihrer Praxis im Drama, sei es
ihrer Theorie, zu folgen: auf diesem Gebiete hatten schon die
anderen großen Nationen der westeuropäischen Völkerfamilie
auf Grund der Renaissance neue Typen geschaffen, und es blieb
nur die Aufgabe, sie abzulehnen oder ihnen zu folgen.

Da hatten zunächst und am frühesten die Italiener aus
den maurisch-spanischen Ringelrennen (juego de sortiga) die
spektakulosen Maskeraden der Frührenaissance und aus diesen
unter dem Einfluß bewußt-gelehrter Versuche, das antike Drama
mit seiner Melophbie wieder aufleben zu lassen. das Dramma
Zit. Borinski S. 82.

*Noch nach Gottsched hat das Drama drei natürliche Unterarten,
da wir drei Lebensarten in der Welt haben: dem Hofleben entfpricht die
Tragödie, dem Stadtleben die Komödie, dem Landleben das Schäferspiel.
        <pb n="288" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 269
per musieca, die früheste Oper, entwickelt, und diese hatte von
Florenz, wo Doni als ihr Theoretiker aufgetreten war, seit
Ende des 16. Jahrhunderts ihren Triumphzug durch das ganze
zivilisierte Europa angetreten!.

Da hatten ferner die Niederländer aus den großen Renaissance—
bestrebungen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts heraus
—D
neuern versucht?: und darum hatten sie, wenn auch nicht auf
Sophokles, sondern auf Seneca gestützt und wenn auch unter
aufgeblasenem Bombast der Sprache und manierierter Über—
treibung der Handlung, die Chöre nachgeahmt und die Schicksals⸗
idee der Alten bis zur Einführung überirdischer Eingriffe wieder⸗
zubeleben gesucht. Dabei war ihnen in Vondel ein großer Dichter
erstanden; und bald sollten holländische Schauspielertruppen
nach dem Muster der englischen Deutschland aufsuchen und
wenigstens in den Hansestädten günstige Aufnahme finden.

Da begannen endlich die Franzosen jetzt eben, mit den
Jahren ihrer großen nationalen Renaissance, eine besonders
selbständige Verarbeitung der antiken Einflüsse. Sie waren
geneigt, das religiöse Element des antiken Dramas und damit
alles Musikalische und Chorhaft-Opernhafte, das aus der Bei⸗—
behaltung des religiösen Elementes hervorging, auszuscheiden;
sie fingen an, den Chor zu beseitigen und durch den Vertrauten
oder die Vertraute zu ersetzen: und so ergaben sich ihnen die
ersten Umrisse ihres reinen klassischen Rededramas, und alles
erschien klar, plan, vereinfacht und der Bühnenkunst ihre Auf—
gabe in jedem Sinne erleichtert.

Vermochte nun die deutsche Dramatik, in ihrem tiefen
nationalen Verfalle, gegenüber diesen Strömungen eine selb⸗
ständige Stellung zu gewinnen? In keiner Weise war davon
die Rede. Und da sie sich der Anfänge der französischen Ent—
wicklung nur in Einzelheiten bemächtigen konnte, so fiel sie

1Vgl. dazu Bd. VI, S. 225 f.
2 S. Bd. VI, S. 255 ff.
        <pb n="289" />
        270 Zwanzigstes Buch. Zweites Lapitel.
italienischer und niederländischer Einwirkung anheim: wir er—
hielten niederländisches Renaissancedrama und italienische Oper.

Der Hauptvermittler der niederländischen Dramatik war
Andreas Gryphius (1616—64). Gryphius hat in seiner Jugend
alle Leiden des Dreißigjährigen Krieges kennen gelernt; und mehr
wie auf andern zeitgenössischen Dichtern, die freilich fast alle
auch diesen Zug haben, lagert auf ihm die Schwermut der
Zeit. So entquillen seinem Herzen, das das eines wahren
und großen Dichters war, tiefe Klagetöne neben heiteren Weisen;
ja seine Lyrik ist voller Todesgedanken. Und er gibt sich ihnen
mit dem ganzen überstürzenden Pathos barocker, ja grotesker
Formgebung hin, das ihm eigen ist.

Ernst, leidenschaftlich, charaktervoll war er auch im Drama,
auf das ihn seine Begabung besonders hinwies. Innerhalb der
Wirksamkeit dieser Begabung aber wurde er vornehmlich von
dem niederländischen Drama und in erster Linie wieder durch
die Werke Vondels bestimmt: als er 1688 nach Leiden kam,
hatte Vondel mit dem „Gijsbrecht van Amstel“ soeben seinen
größten dramatischen Sieg errungen. Daneben ging Gryphius
freilich auch auf Seneca, das Muster der Niederländer, zurück,
wie ihm Einwirkungen der französischen Dramatik und der
englischen Volksbühne nicht gefehlt haben. Allein diese Ein—
wirkungen blieben doch nebensächlich: statt sich ihnen hinzugeben
und ein deutsches Drama etwa im freieren Sinne der Fran⸗
zosen oder noch mehr der Engländer auszubauen, blieb er
schließlich im Fahrwasser der niederländischen Landsleute, und
seine Kunst erscheint im ganzen entwicklungsgeschichtlich nur
als eine Fortsetzung derjenigen Vondels: seine „Gibeoniten“ sind
geradezu eine Übersetzung von Vondels „Gebroeder“, seine
„Katharina von Georgien“ ist Vondels, Maagden“ außerordentlich
ähnlich, fast so wie sein, Papinianus“ Vondels „Palamedes“ —
wie denn anderseits sein „Leo Armenius“ (vom Jahre 1646) ins
Holländische übertragen worden ist. Gewiß war Gryphius
dabei den Holländern an Abwechslung und Leben der Hand⸗
lung überlegen, wenn auch seine Dramen unserem Geschmacke
noch in hohem Grade abspannend und handlungsleer erscheinen.
        <pb n="290" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 271
Allein auch er kam doch nicht über die Schaffung von bloßen
Typen hinaus.

Damit ist denn zugleich das Urteil über seine Dramatik
gesprochen. Hatte schon Vondel keine Nachfolger, so erst recht
nicht Gryphius: beider Werke verwelkten früh in dem unfrucht—
baren Untergrund der reinen Doktrin der Renaissance. Für
Gryphius aber kam hinzu, daß ihm jeder Zusammenhang mit
der Schauspielkunst, mit dem Leben der Bühne fehlte: und so
war sein Einfluß von vornherein unterbunden.

Was freilich Gryphius bei seiner echten dramatischen Be—
gabung der Nation hätte sein können, wäre es ihm möglich
gewesen, auf nationalem Wege zu wandeln, das zeigen seine
Lustspiele, sein „Horribiliscribifag“ mit der schon ganz indi—
vidualisierten Figur der „geliebten Dornrose“, eine tolle Nach—
bildung des Plautinischen „Miles gloriosus“, und seine „Ab-
surda Comica oder Herr Peter Squenz“, die den Stoff der
Handwerkerkomödie in Shakespeares „Sommernachtstraum“
oerarbeitet.

Allein Gryphius war es grade mit diesen Erzeugnissen
seiner dramatischen Muse nicht völlig Ernst. Wie schon der
eingeschalteten Komödie Shakespeares wenigstens teilweis die
Tendenz aristokratischer Verspottung der Handwerker zugrunde
liegt, so treten verwandte Motive bei Gryphius um vieles
deutlicher hervor: er schafft nicht im Sinne des Derb-Volks—
tümlichen, sondern in der bewußten Absicht, das Volksleben im
Sinne des Rationalismus und des gelehrten Fortschrittes seiner
Tage zu verspotten. Und so bedeuten seine Lustspiele keine
Amäherung, sondern vielmehr die härteste Abwendung von den
tieferen dramatischen Instinkten der Nation.

Nun starb allerdings das deutsche Renaissancedrama alten
Stiles mit Gryphius noch nicht aus; später hat z. B. noch
Lohenstein in seiner Weise gedichtet. Aber indem Lohenstein die
schon bei Gryphius recht schwülstige Diktion in den Bombast der
Periode Hofmannswaldaus überführte und zugleich im Aufbau
seiner Dramen wie in der Wahl möglichst grausamer und
schrecklicher Stoffe für sie die Konsequenzen der zweiten schlesischen
        <pb n="291" />
        272 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Dichterschule zog, wurde er vollends zum Totengräber des
Dramas der Opitzischen Renaissance.

Die dramatischen Instinkte der Nation blieben damit sich
lange Zeit selbst überlassen: und sie fanden ihre Nahrung nun
einerseits in einer immer furchtbareren Entstellung des
Renaissancedramas ins Manieriert-Schauervolle und Langweilig⸗
Allegorische und zum andern, mit unter englischem Einflusse,
in der Weiterbildung der alten Posse zu jenen Hanswurstiaden
und Zotenstücken, gegen die besonders sich später die Entrüstung
Gottscheds gewandt hat.

IV.
1. Die obersten entwicklungsgeschichtlich schöpferischen
Formen der deutschen Dichtung der Zeit, Satire und Drama,
waren unter den Einwirkungen der Renaissancepoetik nicht ge⸗
diehen; nicht minder war durch sie das Volkslied, wie sich
später herausstellen wird, im Begriffe, geschädigt zu werden.
Hatte nun wenigstens die Form im niederen Sinne, auf deren
Besserung die Poetik vor allem ausgegangen war, erklecklich
gewonnen?

Auch diese Frage, so allgemein gestellt, muß verneint
werden. Gewiß waren feste Grundlagen für Rhythmik und
Metrik gefunden worden, wenn auch ihr Ausbau von wenig
Erfindungsgabe zeugte. Auch hatte sich im allgemeinen der
Sinn für Harmonie und Gleichgewicht, für literarische und
poetische Ordnung gemehrt. Aber daneben trat, trotz aller
Gegenbestrebungen Opitzens selbst wie seiner Anhänger und
Nachfolger und nicht zum geringsten doch als eine Folge—⸗
erscheinung der Renaissance, der humanistischen des 16. Jahr⸗
hunderts wie der poetischen des 17. Jahrhunderts, ein tiefer
Verfall der Sprache ein.

Verhängnisvoll war hier vor allem, daß den Bestrebungen
der Poetik nicht gleich regsam und erfolgreich grammatische Be—
strebungen parallel liefen. Hatte die Humanistenzeit noch keine
deutsche Grammatik von wissenschaftlicher Bedeutung gekannt,
        <pb n="292" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Ubwandlungen. 273
so blieb auch noch das 17. Jahrhundert in dieser Richtung
verwaist. Und selbst noch im 18. Jahrhundert war die gram—
matische und syntaktische Verwahrlosung so groß, daß Glaffeys
„Anleitung zur weltüblichen Teutschen Schreibart“ um 1730 für
die Hauptsache den „wohlgefaßten Periodus“ erklären und zur
Erläuterung dieses Begriffs einen Satz von elf Seiten (7)
geben konnte, auf den sich der Verfasser noch dazu viel ein—
bildetel.

Was man in Betracht zog und zu reformieren suchte, das
war im ganzen nur der Sprachschatz. Und hier war allerdings
die Not am größesten.

Die neue Renaissancedichtung hatte alsbald zu einer Ent⸗
stellung durch „welsch geblasene“ Wörter geführt, die weit
über die Sprachmengerei der Humanistenzeit hinausging: man
war so weit gelangt, daß selbst der Druck durch den ewigen
Wechsel lateinischer und deutscher Buchstaben für einheimische
und fremde Wörter dem Auge unerträglich wurde. Vor allem
die Musterkarte der Wörter auf ieren, die sich so schön zum
Reim brauchen ließen, war unausstehlich; neben „exzellieren“ und
„transformieren“ standen, dubitieren“, „temporieren“ und tausend
andere. Galt das für die Sprache der Prosa und der Poesie
in gleicher Weise, so kam für die Dichtung noch ein anderer
Übelstand hinzu.

Erst seit Opitzens Poeterei war der ganze Olymp vollends
eingeführt worden. Zwar stießen sich die Frommen daran.
Allein auf sie wurde nicht Rücksicht genommen. Zwar empfahlen
die Deutschtümler dafür die nationale Mythologie. Aber
Philipp von Zesen scheiterte mit seinem Versuch, sie einzuführen.
Zwar klagte man laut über die Unverständlichkeit der vielen
mythologischen Namen und Beziehungen. Aber man erreichte
nur, daß man auf des Karl Stephanus und andrer Diktio⸗
narien verwiesen wurde. Kurz: der Olymp brach für länger
als ein Jahrhundert allbeherrschend in die Gebiete der deutschen
Dichtung ein; ja, während die Engländer seine Gestalten schon

1 Steinhausen 2, 44-65.
Lamprecht,. Deutsche Geschichte. VII. 1.
        <pb n="293" />
        274 Zwanzigstes Buch. Zweites RKapitel.
vor der Mitte des 18. Jahrhunderts zu vertreiben begannen,
spuken seine Schemen bei uns noch in den schönsten Erzeug—
nissen der großen subjektivistischen Dichtung.

Was war nun gegen die Trübung und Verfälschung des
deutschen Wort- und Empfindungsschatzes zu tun? Und was
gegen jenen Gebrauch fremder Sprachen, namentlich des Fran—
zösischen und des Lateins, der mit ihr immer mehr vordrang?
Zum großen Teil schon gegen diese Übel waren die alten
deutschen Orden und Gesellschaften der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts gegründet worden, der Palmbaumorden, der
Pegnitzerorden und andere; ihnen folgten, in erneuten Bestrebungen
vor allem zur Reinigung des Wortschatzes, seit 1097 die so—
genannten deutschen oder deutschübenden Gesellschaften, zuerst
zu Leipzig, dann zu Hamburg (1705), Jena (1728), Halle
(1733), Göttingen (1738), während inzwischen eine zunächst
theoretisch, dann praktisch werbende Bewegung zur Abhaltung
deutscher Vorlesungen an den Universitäten eingetreten war:
Balthasar Schuppius (1655), Christoph Schorer (1659), Johann
Valentin Andrege (1673), vor allem Thomasius (1687) sind
hvier die entscheidenden Namen.

Aber wurde auch nur für die Reinigung des Wortschatzes
oiel erreicht? Die Neigung zum Schwulst, die in der Poesie
ein „majestätische Heldensprache“, in der Prosa eine „mehr
fließende Beredsamkeit, ausgesuchtere Worte und weitschweifigere
Umstände, Gedanken vorzustellen“ brauchte, und die durch die
Renaissancepoetik immer wieder, wenn nicht hervorgerufen, so
doch verstärkt wurde, machte die besten Bestrebungen zuschanden.
So drohte schließlich nach dem Urteil auch ruhiger und weit⸗
sichtiger zeitgenössischer Dramatiker selbst die Errungenschaft
der neuhochdeutschen Schriftsprache wieder verloren zu gehen.
Leibniz z. B. konnte in seinem „Unvorgreiflichen Bedenken, be—
treffend die Ausübung und Verbesserung der teutschen Sprache“
ausführen, das Deutsche sei wohl in allem Sinnlichen und Leib⸗
lichen, in allen Worten und Wendungen für das gemeine Leben
ausgebildet, nicht aber für die Bezeichnung der Gemüts—
        <pb n="294" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 275
bewegungen und der abgezogenen Begriffe der Sittenlehre und
der Kunst des Denkens.

Unter diesen drohenden Gefahren vermochte schließlich nur
ein Mittel mit Sicherheit zu retten: die Selbsthilfe der Poesie.
Und trat sie zunächst nicht in der Reimdichtung ein, deren
Formgebung gänzlich der Renaissancepoetik anheimfiel, so mußte
sie im dichterischen Prosastil gewonnen werden. Und hier war
es der Roman, der Hilfe brachte: im Roman zunächst bewahrte
und entwickelte sich in grader Linie der ältere deutsche Prosa—
stil weiter. Zwar hatte Opitz auch auf diesem Gebiete zu
ändern gesucht und einem planen Stil nach französischem Muster
das Wort gesprochen, während seit fast gleicher Zeit von
Jakob Böhme und weiteren mystisch-pietistischen Strömungen
her der Versuch gemacht wurde, eine deutsche Gelehrtensprache
zu begründen: allein beide Bestrebungen gediehen nicht. Im
Grunde gab es seit dem Ende des 17. Jahrhunderts vornehmlich
wweierlei Prosadeutsch: einmal den immer stärker verschnörkelten
und stets fürchterlicher mit Fremdwörtern aufgefütterten amt—
lichen Stil, und dann die Fortsetzung des behaglichen Erzählungs—
stils des 16. Jahrhunderts. An diesen letzteren knüpften nun
die volkstümlichen Romanschreiber des 17. Jahrhunderts an.
Freilich bedurfte es, ehe diese Wendung eintreten konnte, für
sie wie zur Ausgestaltung einer volkstümlicheren höheren Form⸗
gebung und eines nationaleren Inhaltes noch einer wesentlichen
Entwicklung des Romanes selbst.

2. Der Roman hatte in der zweiten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts, als er Träger der Einfuhr fremder Stoffe geworden
war, keineswegs eine verheißungsvolle Entwicklung genommen.
Nach französischem und teilweis auch italienischem Muster
brachte er irgend eine absonderliche Helden- und Liebes—
geschichte, die mit tausend Episoden und Abschweifungen derart
durchzogen war, daß das Ganze, wurde es nicht überhaupt
durch die Zutat gesprengt, jedenfalls nur schwer zu überschauen
blieb. Dabei wurde die Gelegenheit wahrgenommen, ganze

10*
        <pb n="295" />
        276 J Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Enzyklopädien unfruchtbarer Gelehrsamkeit auszukramen, und
die sittliche Atmosphäre der Hauptgeschichte wurde allmählich
so höfisch verdünnt und parfümiert zugleich, daß das Ganze
sich je länger je mehr einer uns unausstehlichen, doch von den
—DDDDDDD———

Dieser Richtung schon des ausgehenden 16. Jahrhunderts
arbeiteten dann die Renaissancebestrebungen des 17. Jahrhunderts
zum mindesten nicht entgegen. Vielmehr wuchsen unter deren
Einflusse der aufgeblasene Schwulst und die gezierte Unnatur
wie auch die trocken-didaktischen Zwecke: die Amadisromane
des 16. Jahrhunderts wurden in dieser Hinsicht bei weitem
durch des Herrn Superintendenten Buchholtzens „Wunder—⸗
geschichte des christlichen deutschen Großfürsten Herkules und
der böhmischen königlichen Fräulein Valisca“ (1659) oder seines
Herrn, des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig, „Durch⸗
lauchtige Syrerin Aramena“ (1669 -78) übertroffen.

Allein dieser Richtung im Roman trat in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts allmählich eine andere entgegen,
die zunächst von der eingeschachtelten Didaktik und der wüsten,
unübersichtlichen Komposition ablenkte und, wenn sie auch zu⸗
nächst noch am Gezierten und Schwülstigen festhielt, doch den
Roman als in sich geschlossenes Kunstwerk zu begreifen suchte.
Als Hauptwerk dieser Richtung kann von Zieglers „Asiatische
Banise oder das blutige, doch mutige Pegu“ vom Jahre 1689
angesehen werden.

Indes noch ehe Zieglers „Banise“ erschien, waren weniger
die schriftstellernden adligen Kreise und ihr bürgerlicher Anhang,
als diejenigen literarischen Kräfte, welche man als schlechthin
bürgerlich bezeichnen kann, weitergegangen: sie hatten den
Roman zur Form einer neuen Kunst zu machen begonnen, die
leise aus dem Wege der bloßen Renaissancekunst herausstrebte.
Die Hauptvertreter dieser Strömung sind Johann Michael
Moscherosch (1601 -1669), aus einer unter Karl V. aus Ara—

gonien eingewanderten Familie, längere Zeit Amtmann im Links—
rheinischen, später Fiskal in Straßburg und schließlich Rat in
Kassel, und Hans Jakob Christoffel v. Grimmelshausen (1625 - 75),
        <pb n="296" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb Abwandlungen. 277
bischöflich Straßburgischer Schultheiß zu Renchen in Baden:
jener der Verfasser der „Wunderlichen Gesichte Philanders von
Sittenwald“, dieser der Dichter des „Abenteuerlichen Simpli⸗
cissimus“ (1669).

Gewiß schufen nun auch die Vertreter dieser Richtung
nicht ohne fremdes Vorbild. Aber dieses Vorbild war ihnen
kongenial, da es in seiner Entstehung ebenfalls auf einer
nationalen Reaktion gegenüber dem entnervenden, weil wesent-—
lich nur formalistischen Charakter der Renaissance beruhte, und
da es hervorkehrte, was die entwicklungsgeschichtliche Grund⸗
stimmung des deutschen literarischen Charakters auch noch im
17. Jahrhundert war: Humor und Satire.

In Spanien wurde im 17. Jahrhundert der nationale
Gegensatz gegen die hochtrabende Renaissance durch Hervor—
heben der Poesie der niederen volkstümlichen Schichten
künstlerisch verklärt; es war die Zeit, in der Murillo (1618 —82)
seine berühmten Bettelbuben schuf. Aber schon viel früher
war versucht worden, demselben Gegensatz literarisch einen un—
sterblichen Ausdruck zu geben. Um die Mitte des 16. Jahr—⸗
hunderts war mit Mendozas „Vida de Lazarillo de Tormes“
(1554) der Schelmenroman erblüht, der den Realismus der
Welt nicht unmittelbar dichterisch idealisierte, sondern in den
widerspiegelnden Lichtern des Humors und der Satire über—
legen brach. Und diese literarische Gattung war in Deutschland
bekannter geworden, ja hatte Aufsehen erregt, als der „Guz-
man de Alfarache“ Mateo Alemans (1599) im Jahre 1615
unter dem Titel „Landstörtzer Gusman von Alfarache oder Picaro
genannt“ in lesbarer Übersetzung erschienen war. Denn hier
zum ersten Male sah man, ganz abgesehen von dem literarischen
Charakter, einen Roman vor sich, der nicht bloß aneinander⸗
gereihte Episoden, Anekdoten, Lebensregeln, Wissensstoffe gab,
sondern ein größeres zusammenhängendes Lebensbild voller Ent⸗
wicklung zeichnete.

Inzwischen aber hatte sich aus dem Schelmenroman in
Spanien ein Doppeltes entwickelt: zunächst in entfernterem
Zusammenhang und vornehmlich von der satirischen Grund—
        <pb n="297" />
        278 Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
stimmung ausgehend, die satirisch-allegorische Schilderung, die
in den „Sueños“ (Träume; Moscherosch übersetzt: Visionen)
des Don Francisco de Quevedo y Villegas (1570 - 1647) den
gereiftesten Ausdruck gewann, und weiter und vor allem der
direkt satirische Roman. In diesem war besonders die
Hyperidealität der Amadisromane gegeißelt worden, die nirgends
mehr als in Spanien, dem Lande der überhitzten Mauren⸗
kämpfe, gesteigert worden war. Und in diesem Zusammenhange
hatte Cervantes, der den Zwiespalt zwischen den kriegerischen
Phantasien und der Wirklichkeit selbst hart genug mit durchlebt
hatte, seinen unsterblichen „Don Quixote“ (1605) geschaffen,
indem er der begrenzten Wirklichkeit den allgemeinen Gegensatz
zwischen überspannter Idealität und unbedingtem Realismus
unterlegt hatte. Der Roman war in Deutschland seit 1621 in
Übersetzungen bekannter geworden.

Diese spanischen Einflüsse wirkten nun zunächst auf
Moscherosch. „Nach ungefährer Anleitung“ des Villegas schrieb
er seine, Wunderlichen und wahrhaftigen Gesichte des Philander
von Sittenwald“, die zuerst einzeln, dann gesammelt erschienen,
satirische Skizzen über geistige und gesellschaftliche Krankheiten
seiner Zeit!: Betrachtungen, die sich in den besten Fällen zu
wunderbar realistischen und ergreifenden Schilderungen des
zeitgenössischen Lebens, so vor allem der Not des großen
Krieges erheben, und die häufig genug unmittelbar in den Er—
zählungston des Schelmenromans übergehen.

Ein reines Kunstwerk freilich hat Moscherosch in seinen
Visionen nicht geschaffen. Der Aufbau des Ganzen ist unüber⸗
sichtlich; und der literarischen Gattung fehlt es an vollkommen
festgehaltenem Guß und einheitlichem Charakter. Es sind An—
fänge satirisch-erzählender, ja satirisch-romanhafter Betrachtung
des Zeitlebens in gedrungener, dem Volkston abgelauschter,
chrlicher Prosa, die nicht sellen an Formen und Stoffe der Satire

Schergenteufel, Weltwesen, Venusnarren, Totenheer, Letztes Ge—
richt, Höllenkinder, Hofschule, Alamodekehraus, Hans-hinüber — Gans—
herüber, Weiberlob, Turnier, Podagra, Soldatenleben, Reformation.
        <pb n="298" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 279
des 14. und 15. Jahrhunderts anknüpfen: die Vollendung in
gewissem Sinne, den satirischen Roman in künstlerischer Ab—
rundung brachte erst Grimmelshausen.

Grimmelshausens „Simplicissimus“ ist oft mit Wolframs
„Parcival“ verglichen worden. Und in der Tat: das Problem,
wenn man es nicht allzu tief faßt und nur in der großen Frage
der Lebenserziehung sieht, ist der Hauptsache nach dasselbe,
und namentlich der Anfang der Lebensgeschichte unseres bäuer—
lichen Simplicissinus mahnt an das naiv⸗-⸗ unbewußte Empor—
wachsen des ritterlichen Gotteshelden. Allein wenn Wolfram
das große Problem seines Epos im ganzen etwa so folge—
richtig beibehält wie Goethe das verwandte Problem der Bil—
dung des modernen Menschen im „Faust“ und im „Wilhelm
Meister“, und wenn es ihm dadurch gelingt, ein auch der Form
nach geschlossenes Kunstwerk zu schaffen, so steht Grimmelshausen
'n diesem Punkte zurück.

Es zeigt sich hier, wie nötig doch, bei allen Abwegen, die
sie veranlaßt oder wenigstens nicht gehindert hat, die Episode
der Renaissancepoetik für die deutsche Dichtung war oder hätte
sein können: der verwilderten Poesie des 16. Jahrhunderts tat
die formelle Schulung durch einen fremden Geist gut; wo diese
mangelte, da wurde es ihr und ihren volkstümlichen Fort—
setzungen im 17. Jahrhundert schwer, sich zusammenzuraffen:
und selbst ein so geschlossener Geist wie Grimmelshausen hat
seiner Erzählungsgabe, die freilich fast unerschöpflich war, zu—
viel nachgegeben, um ein Kunstwerk vollendeter Komposition zu
schaffen.

Freilich: verhinderte nicht am Ende ein viel innerlicherer
Mangel die Durchführung eines wirklich geschlossenen Aufbaus?
Der eingehenderen Betrachtung erscheint die Psychologie des Dich—
ters doch in vieler Hinsicht noch als auf dem niedrigen Niveau
des 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts befindlich.
Gewiß gebietet Grimmelshausen über eine treffliche Summe
intimer Lebenserfahrungen, die auf eine verfeinerte Be—
obachtungsgabe schließen lassen. Aber im Hintergrunde seiner
pfychologischen Fassungskraft steht doch sozialpsychologisch noch
        <pb n="299" />
        280 — Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
immer das alte Ständeschema und individualpsychologisch noch
immer die Auffassung der menschlichen Eigenschaften als gött—
licher oder teuflischer Inspirationen; und diese Anschauungen
treten im Verlaufe des Romans um so mehr hervor, als die
ursprünglich mehr psychologische Konzeption allmählich einer
mehr äußerlichen Erzählungsweise weicht, die von reinem Fabu⸗
lismus getragen wird; konnte unter diesen Umständen die Ein—
heit der Komposition, selbst wenn ursprünglich beabsichtigt, ge—
wahrt werden? Sogar in der Schilderung größerer Ensemble⸗
szenen fiel sie hinweg, indem an deren Stelle eine Zerlegung in
die Schicksale und Handlungen der einzelnen Personen und
eine nun freilich überaus eingehende und genaue Schilderung von
Einzelmomenten trat.

Dringt man indes über die Unförmlichkeiten der Kompo⸗
sition, die gegenüber früheren Romanen immerhin schon stark
gemäßigt erscheinen, in den Geist des Romans als eines Ganzen
vor, so zeigen sich doch bereits manch wunderbare Keime
eines Neuen. Man wird dessen inne, daß der Dichter nicht bloß
ein Geist des 17. Jahrhunderts war. Seine Interessen tragen
weiter, und die Mischung seiner seelischen Eigenschaften deutet
bereits ahnungsvoll an, was die bürgerliche Literatur des
18. Jahrhunderts dereinstens sein wird. Schon melden sich
leise Zeichen der Verachtung des Rationalen, Funken sentimen⸗
taler Stimmung stieben empor, die Sehnsucht der Abkehr von
dem Gemachten, des Eintritts in Welten einer höheren und
reineren Natur lebt sich in ergreifenden Erfindungen, in den
Anfängen vor allem einer den Helden erlösenden Robinsonade
aus: es klingt hervor wie die ersten leisen Töne eines Prä—
ludiums zu Rousseau und Herder.

Und hier eben ergibt sich der sicherste Beweis für den nationalen
Charakter dieser Romanpoesie: hinweg über die gelernten und
gemachten Formen der Renaissancepoetik sucht sie den Ausdruck der
eingeborenen Art, der erreichten Kulturhöhe des Volkes. Darum
ist sie echt und hat das Feuer der Zeiten überstanden, während
Opitz und seine Nachfolger der zersetzenden Einwirkung der mittler—
weile eingetretenen Wandlungen der Volksseele erlegen sind.
        <pb n="300" />
        Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 281

Allein in ihrer Zeit standen Grimmelshausen und auch Mosche—
rosch noch einsam da; und auch nach ihnen ist der Roman der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts keineswegs schon Träger und Aus—
druck des inneren seelischen Fortschrittes geworden: vielmehr zeigte
er wesentlich intellektuell-polyhistorischen Charakter und war in
erster Linie geographische und geschichtliche Kenntnisse zu ver—
mitteln bestimmt, wenn er nicht gar zum Klatsch- und Skandal⸗
roman hinabsank. Doch siegte auf deutschem Boden vornehmlich
die erste Art, als deren Hauptvertreter in früher Zeit Christian
Weise gelten kann; die literarische Gattung, die in Frankreich
durch das Fräulein von Scudéry und die La Fayette be—
rüchtigt ward, ist uns im ganzen erspart geblieben. Der ganzen
Lage gegenüber aber brachten erst die vierziger Jahre des
18. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung und zunächst auch
sie nur durch Übertragungen aus dem Gebiete des englischen
Familienromans; so ist Richardsons „Pamela“, die 1740 erschien,
bereits früh übersetzt worden; und die „Clarissa“ von 1745 ist
gar noch im gleichen Jahre auch auf deutsch herausgekommen.

Ehe aber diese neuen Erscheinungen auftraten, erstreckte sich
noch von Grimmelshausens „Simplicissimus“ bis fast zur Mitte des
18. Jahrhunderts eine weitere gewaltige literarische Oberströmung
der Renaissancedichtung, deren Poetik den Roman so gut wie
gar nicht kannte: die schweizerischen „Discourse der Mahlern“
haben ihn vom künstlerischen, Gottscheds Zeitschriften vom sitt⸗
lichen Standpunkte aus verworfen. Es ist die Periode, in der
dem literarischen Barock des Rokoko, dem pathetischen Schwulst
die graziöse Verständigkeit folgte.
        <pb n="301" />
        Drittes Kapitel.
Musik und VDichtung der Renaissance im Zeichen
beginnender Unterströmung eines neuen
Gemuũtslebens.

1. Für die weitere Entfaltung der darstellenden Künste,
des Schauspiels, der Dichtung und noch mehr der Musik, ist
bezeichnend, daß sie sich weit mehr als bisher noch an bestimmte
Orte und Gegenden anschloß. Es waren die Stätten, an denen
das deutsche Bürgertum sich entweder seit dem 16. Jahrhundert
ohne stärkere Unterbrechung weiterentwickelt hatte: Stätten,
die nur · an den Grenzen des Nationalgebiets zu finden waren,
an der Nordsee und in der Schweiz; oder in denen es auf
Grund neuer Entwicklungstendenzen besonders rasch fort⸗
geschritten war und es schon um 1700 zur Bildung eines
neuen Patriziates gebracht hatte: hier kommen namentlich einige
große Handelsstädte des Binnenlandes in Betracht.

In beiden Fällen aber war das Bürgertum, das nun
schon wieder der hauptsächlichste Träger der weiteren Entwicklung
zu werden begann, bei aller städtisch-geldwirtschaftlichen Hal—
tung doch noch lange Zeit hindurch nicht im Besitze eigener
sozialer Kulturformen. Vielmehr, wie es schon einmal in
der Entwicklung des bürgerlichen Patriziates des 12. und 18. Jahr⸗
hunderts der Fall gewesen war, hatte es zunächst die Formen
des im allgemeinen sozial noch führenden Fürstentums und des
Adels angenommen. Freilich: unter dieser Hülle, die im Laufe
        <pb n="302" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 288
des 18. Jahrhunderts immer mehr abgestreift zu werden begann,
regten sich leise neue Lebensformen einer rein bürgerlichen
Gesellschaft.
Diese Lage nun, diese Mischung von Künftigem und Ver—
gangenem, verleiht der geistigen Kultur nach 1700 in Deutsch-
land, vornehmlich soweit die darstellenden Künste in Betracht
kommen, ein Doppelantlitz: sie ist konservativ und trägt in
dieser Hinsicht die Form eines aufrichtigen Rokokos, dessen
gesellschaftliche und künstlerische Motive an erster Stelle von
Adel und Fürsten aufgenommen worden waren, und sie ist
fortschrittlich, indem ihr Verlauf Züge zu zeigen beginnt, die
immer mehr vom Rokoko abweichen und auf eine neue, vor⸗
nehmlich bürgerliche Kultur, die Kultur eines kommenden primi—
tiven Subjektivismus, hinweisen.

Natürlich wird damit diese Periode, die Jahre von 1700
etwa bis 1750, zu einer Zeit der Gärungen und Übergänge.
Schwer atmend gleichsam ringt sich manches Neue durch; da—
neben halten sich Reste des Alten. Ja während die neuen
subjektivistischen Regungen nur zerstreut und enthusiastisch auf—
treten, bringt es die alte Geisteskultur erst jetzt zum harmo—
nischen Abschluß ihrer gesamten Auffassungen in der Entwick—
lung der allgemeinen Weltanschauung der Aufklärung!.

Noch verworrener aber wird dieser an sich schon schwierige
Werdegang des Neuen dadurch, daß sich in den Verlauf seines
gewundenen Weges die Entwicklung einer neuen Renaissance
einschiebt, die einerseits auf der Erkenntnis beruht, daß vieles
von dem geistig Neuen, das man sucht, schon einmal von der
griechischen Volksseele entfaltet worden sei und daher in der
Tradition der Antike vorliege, die aber anderseits auch noch
von dem Fortebben gewisser Richtungen der mittlerweile völlig
durchgebildeten römischen Renaissance des 17. bis 18. Jahr⸗
hunderts und des in ihr eingeschlossenen Rationalismus ab⸗
hängt.

1

S. oben S. 126 ff.
        <pb n="303" />
        284 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Am frühesten entwickeln sich nun diese Gärungen und
UÜbergänge zum Neuen hin in Hamburg; wenig später treten
sie vornehmlich in Leipzig und in den großen Städten der
Schweiz auf: bis schließlich Leipzig in Mitteldeutschland als
Zentrum des geistigen Lebens der Nation in dieser Zeit der
Hauptschauplatz der letzten Stadien der Umwälzung wird. Es
sind Stätten der literarisch⸗ musikalischen Bewegung, von denen
auch bisher schon öfter die Rede gewesen iste: bereits etwa
vom Beginn des 17. Jahrhunderts ab, wenn nicht hier und
da noch früher, lassen sich leise Anfänge der Rollen erkennen, die
fie vornehmlich um 1700 und in den nächstfolgenden beiden
Menschenaltern in der Geschichte des deutfchen Geisteslebens
gespielt haben.

Im Beginne der ganzen Bewegung aber macht sich vor allem
Hamburg bemerklich: denn hier hatte sich seit der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts die binnendeutsche bürgerliche Kultur
wohl am frühesten wiederum zu einer gewissen Höhe entfaltet.
Und wir wissen es schon: der Hauptgrund für dieses Erblühen
war in der Lage der Stadt an der Nordsee, noch leidlich nahe
den Hauptwegen des Welthandels, gegeben?. Eben diese Lage
aber brachte es dann auch mit sich, daß sich in Hamburg die
Einflüsse der nördlichen Niederlande besonders belebend äußerten.
Und sie wurden noch keineswegs als fremd empfunden. Der
in Hamburg wohlbekannte Paul Fleming konnte noch dichten:

Unsern Deutschen kann nicht gleichen
Bartas, Sidney, Saunazar:

Wenn Cats, Heins' und Opitz singen,
So will nicht das Fremde klingen.
Und noch im Jahre 1741 spielten holländische Schauspieler,
auf frühere Erfahrungen von Landsleuten gestützt, in Hamburg
holländisch und hofften auf volles Verständnis, denn:

Het Néer-en Plat-Duitsch is de modertaal en grond
Van't hooge Duitseh. dat hier gesproeken word in't rond.

S. 3. B. Bd. VI, S. 210 ff. und oben S. 46 f.
ꝰ Val. dazu Bd. VI, S. 14ff.
        <pb n="304" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 285
Unter so günstigen äußeren Verhältnissen war denn auch
die innere Hamburger Entwicklung besonders glücklich verlaufen.
Als man in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Staats
wegen eine Sammlung von Ratsherrenbildnissen anlegte und
mit deren Anfertigung u. a. einen so bedeutenden Meister wie
Denner beauftragte sowie in der Auswahl der Porträts bis
ins 16. Jahrhundert zurückgriff, da hatte man wohl ein Be—
wußtsein der Größe der inzwischen verflossenen Zeit: im Bilde
der Stadtväter wollte man sie verewigen.

In der Tat beruht die Bedeutung Hamburgs neben der
günstigen äußeren Lage vor allem auf dem besonders rasch fort—
schreitenden Verlaufe der inneren verfassungsmäßigen Entwick—
lung, deren ungestörte Freiheit spätestens seit Anfang des
Dreißigjährigen Krieges durch die Herstellung gewaltiger Festungs⸗
bauten, die äußere Feinde abhielten, gesichert wurde. Und schon
gegen Schluß des Mittelalters hatte diese Verfassung ver—
hältnismäßig sehr moderne Züge angenommen: weit modernere
jedenfalls, als sie relativ junge Städte, wie Frankfurt oder
Nürnberg, im Binnenlande aufwiesen. Sehr gering war da
vor allem die agrarische Seite des bürgerlichen Lebens, die
z. B. in Frankfurt so hervorstach, entwickelt gewesen; und so
läßt sich denn für die Bildung der ratsfähigen Geschlechter
kaum irgend etwas wie eine landwirtschaftliche Grundlage nach⸗
weisen; überhaupt gab es im Rate kaum ein altbefestigtes, auf
einzelne Familien gestütztes Patriziat.

Die Folge hiervon war, daß das Gemeindeleben von alters
her besonders stark organisiert war, und zwar in nicht weniger
als drei großen Verfassungsformen. Da war zunächst eine An⸗
zahl sehr kräftiger Parochialgemeindebildungen; da stellte sich
neben und bald über diese eine vornehmlich seit der Reformation
entschieden hervortretende politische Gesamtgemeinde, deren Or—
gane anfangs durch Zusammensetzung und Auswahl aus den
Organen der Kirchengemeinden erwuchsen; da gab es endlich, auf
deutschem Boden fast eine Hamburger Besonderheit, eine aus⸗
nehmend starke Bildung freier Genossenschaften für öffentliche,
namentlich kaufmännische, Verkehrs- und Bildungszwecke.
        <pb n="305" />
        286 Swanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Innerhalb dieses reichen Verfassungslebens vollzog sich
nun eine ständige Entwicklung zu ganz modernen Formen da—
durch, daß für die Abgrenzung der in ihnen zugelassenen und
tätigen Mitbürger von den bloßen Einwohnern der Stadt, ins⸗
besondere für die Abgrenzung der Bürger der Gesamtgemeinde
von diesen Einwohnern stetig freiere und modernere Unter—
scheidungsmerkmale gesucht wurden: während anfangs noch
allein, nach naturalwirtschaftlicher Sitte, Grundbesitz Eintritts⸗
berechtigung in die Bürgerschaft gewährte, war es später
immer mehr ein gewisser sicherer Kapitalbesitz oder höherer,
insbesondere gelehrter Beruf, der bevorrechtete: die Fortschritte
der Geldwirtschaft und der sozialen Schichtung nach Berufen
einschließlich schon eines solchen der Kopfarbeiter wurden un—
verhältnismäßig früh von Bedeutung.

Je mehr sich aber das Rekrutierungsgebiet der drei großen Ver⸗
fassungsformen erweiterte, um so stärkeres Leben pulsierte auch in
ihnen; die von jeder von ihnen gebildeten Ausschüsse wurden immer
zahlreicher und griffen zur Bewältigung des bürgerlichen Lebens
immer mehr ineinander, je mehr der Rat sie anerkannte, be—
günstigte oder teilweis wohl gar hervorrief. Natürlich aber,
daß unter dieser weitverbreiteten Tätigkeit der Massen, der
ganzen großen Gemeinde der Rat verhältnismäßig zurücktrat:
ein System der Isopolitie aller bürgerlichen Elemente wurde
somit erreicht, das eine reiche Blüte der geistigen Kräfte fast
von selbst bedingte und einschloß.

Um 1712, mit der Beilegung der inneren Zwiste zwischen
Rat und Bürgerschaft durch den sogenannten Unionsrezeß, war
das volle Ausleben dieser glücklichen Konstellation gewährleistet:
und kein Wunder, wenn damit zugleich ein noch höherer wirtschaft—
licher Aufschwung eintrat. Neben den schon vorhandenen Handel
trat eine nicht unbedeutende Industrie der Seide und Baumwolle
in Sammetweberei und Kattundruck; dazu eine starke Bijouterie;
besonders wichtig wurde allmählich die Zuckersiederei nach hollän⸗
dischem und englischem Vorbilb. Das führte dann wieder zu er⸗
höhtem Import und Export; und schließlich ermöglichte es der stei⸗
— Frankreich, in der zweiten Hälfte
        <pb n="306" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 287
des 18. Jahrhunderts einen wesentlichen Teil des holländischen
Handels nach dem Hamburger Hafen zu ziehen.

Sehr natürlich aber, daß die weiten Handelsbeziehungen,
die jetzt vor allem auch auf den ganzen germanisch-skandinavischen
Norden ausstrahlten, nochmals auch geistige Einflüsse voraus—
setzten oder zur Folge hatten. Dies um so mehr, als zwischen
dem deutschen Norden und wenigstens Kopenhagen schon vom
Mittelalter her und dann wieder besonders seit dem 17. Jahr—
hundert ein sehr reger Verkehr bestand: die Studenten der
Universitäten Kiel, Rostock und Kopenhagen wechselten ständig hin
und her: Kopenhagen aber war damals der Mittelpunkt min—
destens zweier nordischer Stämme, der Dänen und Norweger,
und sein Einfluß erstreckte sich auch Uber Schweden. Dabei war
es Kopenhagen, dem durch Hamburg vor allem deutsche Kultur
vermittelt wurde: bis zu nicht geringer Verdeutschung der
dänischen Sprache vornehmlich im Wortschatz. Die Folge dieser
kräftigen Einwirkung ist dann die außerordentliche Lebendigkeit des
dänischen Geistes im 18. Jahrhundert gewesen; die Begründung
einer nationalen Bühne, die einen Holberg hervorbrachte, geht
auf sie zurück, wie nicht minder jener nationale Eifer für die
bildende Kunst, der die spätere Entfaltung so bahnbrechender
Genies auf diesem Felde wie Carstens' und Thorwaldsens in
Kopenhagen begreiflich macht. Und von Kopenhagen her hat
dann auch Deutschland bald eine kräftige Rückwirkung gespürt:
in Dänemark hat Johann Elias Schlegel gelernt, in Dänemark
haben Klopstock und Gerstenberg Anregungen gefunden.

2. In Hamburg selbst aber erstand unter dieser gesamten
Konstellation schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
ein künstlerisches und geistiges Leben von beachtenswerter Höhe.

Während man aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
noch wenig Nachrichten über Hamburger Kunst und noch weniger
über Hamburger Kunstdenkmäler besitzt, kam es in der zweiten
Hälfte zu einer immer höher steigenden Blüte. Den Schmuck
mancher palastartiger Häuser und der großen Säle des Rat—
        <pb n="307" />
        288 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
hauses begannen große mythologische Gemälde zu bilden, da—
neben wurden religiöse Stoffe behandelt, und Bildnismalerei
und Porträtstich wuchsen ins Breite. Vor allem aber ent—
wickelte sich eine Genremalerei, wie sie auf deutschem Boden
um diese Zeit wohl einzig dastand. Wurde schon die Bildnis—
malerei vielfach zum Gesellschaftsbilde erweitert, so schilderte eine
volle sittenbildliche Kunst den Bauern wie das bürgerliche Leben
in der Stadt und draußen vor den Toren; auch die Seemalerei
wurde populär und folgte Anregungen, die reisende Künstler vom
Eismeer und von den Küsten Portugals heimbrachten; und
schließlich entstand — ein Zeichen reifster Entwicklung — auch
das Stilleben jeder Art, und Tierstück wie Blumen- und
Fruchtstück fanden Spezialisten.

Nun war diese Kunst gewiß, und namentlich in den ersten
Zeiten, stark von Holland abhängig: neue Stadtteile erhielten
holländisches Gepräge, ein Holländer baute drei Kirchtürme, die
heimatlichen Maler zogen zum Studium nach Amsterdam und
Haarlem. Allein allmählich wurde das neue Leben doch immer
mehr spezifisch deutsch, wie denn seine Erzeugnisse schließlich bis
in die Wohnräume der mittleren Bürger und sogar des Bauern⸗
standes vordrangen, und Meister wie Jacobs (etwa 1630 -64)
und Scheits (vor 1640 bis etwa 1700) müssen als rein deutsch
angesprochen werden, wie sie in Hamburg geboren waren.

Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts begann dann diese
—R
auch die Bildnismalerei noch lange bedeutend blieb; und nur
in der Architektur, die vorher mehr vor kleinere Bauten gestellt
worden war, fand noch bis in die Mitte dieser Zeit hinein ein
Aufschwung statt; erst 176060-62 wurde die große Michaelskirche
erbaut, ein Werk des spät entwickelten Architekten Sonnin, das
ganz auf Hamburger Traditionen fußt, eine der schönsten und
am klarsten gegliederten Predigtkirchen des deutschen Pro—
testantismus.

Auf dem Gebiete der darstellenden Künste aber war es für
eine Handelsstadt wie Hamburg bezeichnend, daß sich die Bürger⸗
schaft sehr früh dem besonderen Kultus der Musik zuwandte.
        <pb n="308" />
        —
Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 289
Wir werden später in Leipzig, dessen große Zeit der Blüte
Hamburgs teils parallel ging, teils folate, etwas Ähnliches
beobachten.

Woher diese Erscheinung? Die Musik ist eine gesellige —
ein einsamer Pilosoph wie Kant hat gesagt: eine aufdringliche
Kunst. Ihre höhere Pflege ist darum von vornherein nur
möglich innerhalb großer ständiger Gemeinschaften. Solche
Gemeinschaften waren im Mittelalter die Stifter und Klöster
gewesen: und schon aus diesem Gesichtspunkte allein begreift
sich die Überlegenheit der kirchlichen Musik über die weltliche
sogar in diesen Zeiten, in den Zeiten der Monodie. Jetzt nun
war die Entwicklung der Monodie durch eine solche der Poly⸗
phonie abgelöst worden: um so mehr bedurfte es zur Ausführung
wie zum Anhören mindestens der Gesangesmusik großer Massen,
wie sie nur in wohlbevölkerten Städten zur Verfügung standen.

Blühte aber unter diesen Umständen die Musik wiederum

grade in den Handelsstädten besonders empor, so war hierfür die
Entfaltung der besonderen Eigenschaften der kaufmännis chen Psyche
maßgebend, unter denen ein Zug zu sinnenfälliger, das Außer—
gewöhnliche darstellender Pracht hervorsticht, sowie die Neigung
zu einem künstlerischen Genusse, der aus wirtschaftlichen Auf⸗
regungen und dem hastigen Treiben des Tages rasch und un⸗
mittelbar ableitet, ohne daß es besonders großer eigner An⸗
strengung bedarf. Einen solchen Genuß vermittelt aber die
Musik am raschesten — und innerhalb ihres Bereiches wiederum
die Oper. Dies ist einer der Gründe, aus denen in unsern
Handelsstädten noch heute die Oper überall besonders gepflegt
wird.
Außerdem aber kamen im 17. Jahrhundert noch große
Momente tieferer und allgemeinerer Entwicklung hinzu, um die
Neigung zur Musik überhaupt besonders zu begünstigen. Je
verstandesmäßiger die Dichtung wurde, um so mehr versuchte
das von ihr unbefriedigt bleibende Gemüt in einer Kunst aus⸗
zuruhen, der der volle Ubergang zum Rationalen ein für alle—
mal versagt ist. Und je intensiver und in sich nuancierter die
Empfindungen wurden, um so weniger konnten sie ihren vollen

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 19
        <pb n="309" />
        290 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Ausdruck in den Lauten der herkömmlichen, noch dazu rationali—
sierten Sprache finden: unwiderstehlich drängten sie einem Leben
in Tönen zu. Es ist eine Bewegung, die eben jetzt, seit 1650, erst
ganz leise einsetzte, die in den nächsten Jahrhunderten auf deutschem
Boden die überreiche Blüte vor allem des Liedes hervorgerufen hat:
die ihren ersten Höhepunkt fand in der klassischen Musik des
primitiven Subjektivismus. Man weiß, wie in diesen Zeiten
Schiller von der einfachsten Musik hingerissen ward, wie sie ihm
zum wunderbarsten Erregungsmittel dichterischer Stimmungen
gedieh. Und auch Goethe liebte die Musik in besonderem Maße:
in einer der schönsten Stellen seines ‚Wilhelm Meister“, da, wo
der Held des Romans von den unbeschreiblichen Empfindungen
einer ersten wahren Liebe ergriffen wird, da greift er, um sie zu ver⸗
gegenwärtigen, zur Darstellung in der Macht der Töne. „Wilhelm
ging noch einige Straßen auf und nieder; er hörte Klarinetten,
Waldhörner und Fagotte, es schwoll sein Busen. Durchreisende
Spielleute machten eine angenehme Nachtmusik. Er sprach mit
ihnen, und um ein Stück Geld folgten sie ihm zu Marianens
Wohnung. Hohe Bäume zierten den Platz vor ihrem Hause;
darunter stellte er seine Sänger; er selbst ruhte auf einer Bank
in einiger Entfernung und überließ sich ganz den schwebenden
Tönen, die in der labenden Nacht um ihn säuselten. Unter
den holden Sternen hingestreckt, war ihm sein Dasein wie ein
goldner Traum. ... Die Musik hörte auf, und es war ihm,
als wär' er aus dem Elemente gefallen, in dem seine Empfin⸗—
dungen bisher emporgetragen wurden.“

Es ist eine Stelle, die ihresgleichen nicht hat in unserer
früheren Literatur; um die, Wende des 18. Jahrhunderts
kündigt sie von der Musik als von einer ganz anderen Herzens⸗
bezwingerin, als es je zuvor eine gegeben hatte.

Aber, wie gesagt, diesen neuen Aufgaben beginnt sich die
Musik schon langsam im Zeitalter des Individualismus zu
nähern, wenn auch noch vielfach unfrei in ihren eigenen Mitteln
und gebunden an die Mitwirkung des Wortes. Und grade in
dieser Hinsicht ist Entstehungsgeschichte wie Schicksal der ersten
deutschen Oper besonders charakteristisch.
        <pb n="310" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 29)
Da hatte man schon seit etwa 1590 begonnen, im Drama
die Zwischenakte mit Singspielen, den Uranfängen der heutigen
Operette, auszufüllen; und dann waren bei den Poeten der
Zeit des Dreißigjährigen Krieges Dichtungen, die mit Musik
wechseln sollten oder sonst in irgend einer Weise, etwa im
Sinne des späteren Oratoriums, Musik erforderten, immer
häufiger geworden: so hatte z. B. Klaj seine dramatischen
Stoffe (etwa Herodes den Kindesmörder, den leidenden Christus,
Engel⸗ und Drachenstreit) weniger als Schauspiele als im Sinne
von Oratorien behandelt.

Diesen Neigungen, wie sie leise anklangen und noch keine
feste Kunstform gefunden hatten, war dann die italienische
Oper in hohem Grade entgegengekommen, nachdem schon in
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts der Einfluß der ita—
lienischen Musik auf dem Gebiete der liedmäßigen Komposition,
später auch ganz allgemein von internationaler Bedeutung ge—⸗
worden war. Dabei war die älteste Form der italienischen
Oper das Dramma per musica gewesen; wir haben sie schon
früher kennen gelernt!. Aber jetzt war diese Form überholt,
und als höchster Meister einer neuen Gattung trat Alessandro
Scarlatti (d 1725) hervor. In ihr hatte das dramatische
Moment, ursprünglich das durchaus bestimmende, an Kraft
verloren; die Chöre waren seltener geworden und hatten immer
weniger zu sagen gehabt: ganz in den Vordergund dagegen war,
einer tiefsten Entwicklungstendenz der Musik gemäß, die beseelte
Monodie, der Einzelgesang getreten. Dementsprechend wurde

denn von den italienischen Meistern, besonders den Neapoli-⸗
tanern, aus dem ariosen Einzelgesang vor allem die sogenannte
große Arie entwickelt, indem die Arie breiter angelegt und ihre
Teile, Tonarten und Kadenzen in einer dreiteiligen Form mit
Mittelsatz und Wiederholung geregelt wurden. Diese Arie
drängte darauf je länger je mehr alles andere in den Hinter—
grund, dramatischen Aufbau, textlichen Inhalt, ja aus dem In—

S. Bd. VI, S. 225.
        <pb n="311" />
        292 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
halt motivierte musikalische Empfindung. Sie wurde mithin
für die gesangliche Ausdrucksfähigkeit und bald auch für die
mit dieser entwickelte gesangliche Virtuosität Selbstzweck: so wie
früher, bei den Niederländern des 15. und 16. Jahrhunderts,
das kontrapunktische Gewebe für vokale Chormusik Selbstzweck
geworden war. Es war eine Entwicklung, die schließlich, ganz
entgegen dem ursprünglichen Drängen auf Beseelung des Ge—
sanges, zur Durchführung reiner monodialer Bravour führen
konnte, ja fast führen mußte.

Und dieser Prozeß ging um so rascher vor sich, als der
Inhalt der Oper ihm in keiner Weise Widerstand zu leisten ge—
eignet war. Denn noch immer bewegte er sich in schäferlicher und
gemacht-⸗heroischer Mythologie, war also dem Leben entfremdet.
Hielt sich die Oper trotzdem, so hatte sie das nur ihren sinn⸗
lichen Reizen, dem des Gesanges wie der Inszenierung, zu
danken.

In Deutschland hat die Oper in dieser Form, entsprechend
ihrem Wesen, besonders an den wichtigsten Höfen ihre Aus—
bildung gefunden, um so mehr, als auch das Dramma per
musica bereits fast ausschließlich von der fürstlichen Kultur
aufgenommen worden war. So wurden denn die Höfe von
Wien, München, Dresden, Berlin ihre wichtigsten Stützpunkte;
daneben wurde sie, bald vorübergehend, bald dauernd, auch in
Braunschweig, Weißenfels, Stuttgart und sonstwo gepflegt.
In Wien blühte sie namentlich in der zweiten Hälfte des 17.
und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter Furx,
Caldara und Conti; in München wurde sie mit dem Jahre
1654 eingeführt und fand neben den Italienern in Johann
Kaspar Kerl einen deutschen Tonsetzer italienischen Stils; in
Dresden wurde sie etwa zur gleichen Zeit, mit der Thron⸗
besteigung des vergnügungssüchtigen Johann Georg II. (1656),
aufgenommen und blühte namentlich zur Zeit Johann Adolf
Hasses (1731 - 1763), der, Gemahl der berühmten Sängerin
Faustina Bordoni und völlig italianisiert, als der größte Opern⸗
komponist der Zeit galt und das zeitgenössische Ansehen eines
Bach und Händel bei weitem überstrahlte.
        <pb n="312" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 293
In Berlin endlich wurden italienische Opern erst unter
Friedrich J. häufiger aufgeführt, so im Sommer 1700 ein
großes, mit Balletten vermischtes Singspiel ‚La Festa del
Hymeneéo“, und ein eigenes Opernhaus — eigentlich ein Re—
doutensaal — wurde gar erst unter Friedrich dem Großen im
Jahre 1742 eröffnet. Als Komponist für dieses wirkte ganz in
italienischem Sinne Karl Heinrich Graun, der Verfafser des
süßlichen, noch heute gelegentlich aufgeführten Oratoriums „Der
Tod Jesu“ vom Jahre 1760.

Allein neben diese fürstlichen Bestrebungen, die für die
deutsche Kunst fast gänzlich erfolglos geblieben sind, traten
bald bürgerliche; und hier kam es zu Entwicklungen, die nicht
bloß einer italienischen Kunstgeschichte in partibus infidelium, son⸗
dern vielmehr der Entwicklungsgeschichte der deutschen Kultur und
Kunst selbst angehören. Für sie aber wurde neben der italienischen
auch die französische Musik von Bedeutung — weit mehr, als
sie das für die höfische Musik gewesen ist. Und dabei handelte
es sich nicht bloß um Einflüsse auf dem spezifischen Gebiete
der Oper, sondern fast noch mehr auf dem der Instrumental—
musik überhaupt.

In Frankreich hatte Jean Baptiste Lully seit den siebziger
Jahren des 17. Jahrhunderts die französische Nationaloper zu
entwickeln begonnen, indem er in Verbindung mit dem Dichter
Quinault, zugleich angeregt durch Zurückgehen auf angeblich
altgriechische Formen, die italienische Oper durch Beschneidung
der groß angebauten Tonformen, namentlich der Arie, in ein
einfacheres Musikdrama zurückformte und damit zugleich Raum
schuf für die Entwicklung der echt französischen Eigenschaften
der Deklamation und Rhetorik, sowie für die stärkere Aufnahme
des für französische Augen unentbehrlichen Balletts wie über—
haupt eines raffinierten Dekorationswesens.

Diese Oper wurde nun zwar nicht unmittelbar nach Deutsch⸗
land verpflanzt, wohl aber wurde ihr Wesen und ihre Instru⸗

mentation deutschen Musikern bekannt; und so hat sie, neben
der italienischen Oper, nicht ganz unwesentlich auf den ersten
Versuch eingewirkt, auf deutschem Boden eine wirklich deutsche
        <pb n="313" />
        20

Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Oper zu begründen. Dieser Versuch aber wurde bezeichnender⸗
weise von keinem Fürstenhofe unternommen, und auch nicht von den
Bevölkerungen der größeren Binnenstädte, die sich vorübergehender
Opernaufführungen rühmen konnten, sondern von Hamburg.

Neben Hamburg wäre nach dem Dreißigjährigen Kriege
aus dem Grunde, daß sie von Kriegsnöten verschont geblieben
war, wie nach Reichtum und Ansehen des Adels und des in
ihr residierenden Hofes in Binnendeutschland an erster Stelle
wohl nur noch eine Stadt in Betracht gekommen: Wien.
Allein in Wien stand der Hof unter spanischem Zeremoniell
und italienischem Geschmack, war der Adel zum großen Teile
fremdländisch und huldigte das Bürgertum, von den ent—
scheidenden Vorgängen innerhalb der Stadtmauern fern⸗
gehalten, einer tödlichen Vorliebe für das Niedrig-Lustige und
Rohe: Hahnenkämpfe und Hanswurstiaden erschöpften sein
Interesse; um 1710 stand noch die Hanswursthütte auf dem
Neuen Markt; noch in den Anfängen des Karlstheaters (an der
Praterstraße) trat der Hanswurst auf; und 1755 wurde ein
Tierhatzzirkus erbaut, der bis 1792, wo er abbrannte, in Ge—
brauch stand.

In den Niederlanden aber ist allerdings schon in der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts und damit noch vor dem Ham⸗
burger Versuche zu Amsterdam eine Oper erstanden. Hier be—⸗
gründete Jan Hermansz Krul (geboren 1602) die, Amsterdamsche
Musijck-Kamer“ und verfaßte 1634 für sie das Pastoral⸗
musikspiel „Juliana en Claudiaen“ teils in Alexandrinern,
teils in sangbaren Strophen. Doch der Erfolg war gering;
sehr bald kehrte sich reformierter Zelotismus wie gegen das
Theater überhaupt, so gegen die Oper; und der Ruhm, die
erste deutsche Oper von Dauer begründet zu haben, fiel schließ—
lich dennoch Hamburg zu.

In Hamburg herrschte schon um die Mitte des 17. Jahr⸗
hunderts ein reges musikalisches Leben; bedeutende Organisien
spielten in den Kirchen; ein Collegium musicum sorgte
für Aufführungen im Reventer des Domes; das Patriziat
achtete und förderte Musik und Musiker. So begreift sich der
        <pb n="314" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 295
mit deutlichem Hinweis auf Hamburg geäußerte Wunsch des
alternden Schütz, statt Dresdens, wo er gewirkt hatte, „eine
fürnehme Reichs- und Hansastadt zur letzten Herberge auf dieser
Welt auswählen zu dürfen“. Und auch die Dichtkunst blühte
um diese Zeit schon, eine künftige Gehilfin der Oper.

Unter diesen Umständen konnte der Jurist und nachmalige
Ratsherr Schott es wagen, am 2. Januar 1678 eine ständige
Bühne mit einer ersten deutschen Nationaloper zu eröffnen.
Und bis zum Jahre 1738 hat darauf die Hamburger deutsche
Oper bestanden. Aber freilich war es schon in den ersten
Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts entschieden, daß der Versuch
schließlich doch mißglücken werde. Und er mußte mißglücken,
weil er am Ende doch allzusehr auf eine unreife und rohe
Applikation der fremden Oper namentlich italienischen Stils
auf deutsch-bürgerliche Verhältnisse hinauslief. Denn was be—
deuteten schließlich der Masse der Bürger die Helden und Hel—
dinnen des Olympos? Man zog sie ins Lächerliche. Nun
wurden zwar dem übernommenen Stoffe deutsche Elemente
eingefügt und aufgepfropft, das Possenhafte des alten Fastnachts⸗
spiels und das Ernste des noch nicht völlig abgestorbenen
mittelalterlichen Mysteriums. Aber es war klar, daß aus
diesen Inhalten niemals ein neues Ganze entstehen konnte.
Die einzige sichere Folge war zunehmende Roheit, Begünstigung
des unfeinen Masseninstinkts für äußerliche Wirkungen, Betonung
des Sinnlichen sogar der geschlechtlichen Sphäre.

So glitt man denn von Jahrzehnt zu Jahrzehnt einem
immer weniger vermeidlichen Abgrunde zu, zumal sich keine
Librettisten höheren Stiles einfanden und die für die Oper
beschäftigten Komponisten, ein Kusser, Keiser, Matheson, Tele—
mann, zwar vielfach geschickte Musiker, doch teilweis sittlich und
gesellschaftlich minder hochstehende Persönlichkeiten waren.
Unter diesen Umständen nützte auch die Anwesenheit Händels,
der 1703 in Hamburg erschien und 1705 seine „Almira“, bald
darauf seinen „Nero“ zur Aufführung brachte, der Bühne
nichts; elend ging sie zugrunde. Und lange hat es seitdem
gedauert, ehe sich die Oper wieder anerkanntes künstlerisches
        <pb n="315" />
        296 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Heimatsrecht auf deutschem Boden erwarb. Hatte schon der
neue französische Geschmack im Stile Boileaus die Oper ver—
worfen wegen ihrer Unfähigkeit, „das Herze zu bewegen und
die Begierden zu besänftigen“, so war sie Gottsched gar „das
ungereimteste Werk, das der menschliche Verstand je erfunden“,
eine Befördererin der Wollust zudem und Verderberin guter
Sitten.

Und in der Tat: mußte sie nicht, ein unzweifelhaftes
Kind stark entfalteter Phantasiekunst, einem Zeitalter zunehmen—
der Verstandeskultur verhaßt sein?

Darum zog sich die weitere musikalische Entwicklung, so—
weit sie auf große repräsentative Formen ging, aus der welt—
lichen Musik zurück, um, ebenfalls zunächst auf Hamburger Boden,
einen günstigeren Nährboden in der Kirche zu finden.

Ähnlich wie in Italien Carissimi (blühte etwa 1685 bis
1680), angelehnt an die musikalischen Effekte der Oper, die
Kammerkantate vielfach religiösen Charakters im Sinne einer
dramatisch-⸗musikalischen Szene mit Rezitativen, Arien und
Ensemblesätzen ohne äußerlichen Bühnenapparat ausgebildet hatte,
so schufen jetzt Hamburger Musiker aus verwandten Voraus—
setzungen heraus eine große Kirchenkantate. Anfangs nur an
den theatralischen Stil angelehnt, behandelte sie irgend einen
Spruch der evangelischen Perikopen; in Arien, Duetten, Rezi—
tativen wurde er, durch Stimmen gleichsam einer idealen Ge—
meinde, ausgelegt, während sich die reale Gemeinde mit dem
alten Choral dazwischenschob. Es war eine Musikform, die
sehr leicht ins völlig Theatralische verfallen konnte, der es aber
auch möglich war, den kommenden, religiös wieder erregteren
Zeiten des Pietismus als eine der wertvollsten Grundlagen
für die Entfaltung eines großen protestantischen Oratoriums
zu dienen; schon eine Passionsdichtung des Hamburgers Heinrich
Brockes vom Jahr 1712 ist in dieser Richtung mehrfach, unter
anderem durch Händel, zur Komposition gelangt; und Bach hat ihr
später für seine Johannespassion mehrere Strophen entnommen.

Nachdem aber diese neue Tonform gefunden war, diente sie
alsbald, unter dem belebenden Einflusse neuer protestantischer
        <pb n="316" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 297
Frömmigkeitsströmungen, dem Versuche immer innigere Empfin—
dungen des menschlichen Innenlebens wiederzugeben, und trug
so nicht bloß zur Vervollkommnung der musikalischen Aus—
drucksmittel bei, sondern erhöhte zugleich die deistisch-religiöse
Stimmung, als deren Vertreter wir bald dem Dichter Brockes
begegnen werden.

3. Die Entwicklung der Oper, die in vielem noch immer
dem barocken italienischen Geiste folgte, hatte es zunächst mit
sich gebracht, daß die Bestrebungen in Hamburg auf literarischem
Gebiete während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und
darüber hinaus ein besonders buntes, aus Elementen des
Barocks und des Rokokos gemischtes Bild zeigten. Da gab
es neben alten Anhängern Rists und der Pegnitzschäfer auch
direkte Nachahmer des italienischen Marinoschwulstes; und vor
allem dauerte der Einfluß Lohensteins länger fort. Im ganzen darf
man vielleicht sagen, daß sich eine ganze Generation hamburgischer
Dichter in dem Kurse bewegte, der durch die genannten Rich—
tungen angezeigt war: so Postel (1668 -1705) „aller nieder—
sächsischen Poeten Großvater“, die beiden von Bostel, Prätorius
und Hunold. Später wurde dann die Einheit eines wesentlich
barocken Geschmackes durch Wernicke gestört, der französelte
und in scharfen Epigrammen gegen die alte Schule vorging;
doch trat auch jetzt der französische Geschmack nur neben die
älteren Richtungen, ohne sie gänzlich auf- und abzulösen.

In diese Lage wurde nun der spätere Hamburger Rats—
herr Heinrich Brockes (1680 1747), der erste allgemein wichtige
Hamburger Dichter, hineingeboren; und er baute sie für sich
dahin aus, daß er sich, von den italienischen Manieristen aus—
gehend, seit dem zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts immer
mehr den Franzosen näherte, um schließlich im höheren Alter
auch den Engländern Einfluß zu gestatten.

Was aber die Hauptsache war: bei Brockes verband sich mit
einer in seiner Blütezeit wesentlich französischen Formgebung
ein breites Wurzeln in den verständig-bürgerlichen Voraus—
        <pb n="317" />
        298 õwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
setzungen des deutschen Lebens und eine wahrhaft poetische
Ader. Das ist es, was ihn, bei aller Tonfärbung schon ins
Rokoko, den Niederländern der guten Renaissancezeit, einem
Cats und verwandten Dichtern annähert: der Sinn für das
Kleine und Konkrete in der Natur, die Freude am Garten und
an seinen Blumen, an der Wiese mit ihrem betauten Gras, an
Feld und Wald der nächsten Nachbarschaft. Was er um sich
und sein Heim, das ihm über alles geht, erblickt, das unter—
wirft er seiner bürgerlichefrommen Betrachtung, — und daraus
ergibt sich ihm, was er als den Inhalt seiner Dichtung an⸗
sieht: die poetische Bestätigung der Leibnizschen Theodicee, das
„irdische Vergnügen in Gott“:

Glänzt Sonne, Feld und Flut in solchem Schmuck und Schein,

Wie herrlich muß ihr Quell, wie schön der Schöpfer sein!
In neuen starken Bänden, die von 1721 bis 1748 erschienen,
breitet Brockes die poetischen Akten dieses Vergnügens in Gott
vor uns aus, anfangs kühn und nicht selten sogar groß zufassend,
so wenn er Gottes Dasein im Gewitter malt, später nachlassend
und lehrsam-pedantisch. Es ist keine große, wohl aber eine
charakteristische Poesie, die wir ihm auf diese Weise verdanken.

Liegt bei Brockes das Verständige noch mehr in der Ten—
denz seiner Poesie, wie denn durch sie unter den deutschen
Dichtern ein förmlicher Hang, den physikoteleologischen Beweis
vom Dasein Gottes poetisch zu führen, emporkam, so be—
deutet es den Fortschritt der eingeschlagenen Richtung, wenn
das Rationale immer mehr in den poetischen Gehalt selbst
übertragen wurde. Es geschah, indem man das Pathetische in
das Graziöse, das Schwere in das Muntere, das Kühne in
das Kecke, das Obzöne in das Lüsterne, das Sinnlich-Rohe in
das Frivole verwandelte und dem entsprechend die schwülstige
Form der zierlichen weichen hieß. Auf Hamburger Boden war
es Hagedorn, ein Hamburger Kind (1708 -1754), das diesen
Weg aus dem Barock zum vollendeten Rokoko einschlug.

Hagedorn wuchs unmittelbar aus der älteren Hamburger
Poetengeneration heraus; eine Gedichtsammlung, die von ihm
im Jahre 1729 erschien, verrät noch ganz deren eklektisches
Schwanken. Aber Erfahrungen eines längeren englischen Aufent—
        <pb n="318" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 299
—D—
seine steigende Kenntnis der französischen Literatur, wo Boileau
und Lafontaine ihn besonders fesselten, brachten ihn der romanisch—
englischen Durchbildung der literarischen Renaissance ins Rokoko
näher und führte ihn zugleich auf die dieser Richtung kon—
genialsten Alten: Anakreon vor allem und Horaz. Und er
baute unter deren Schutze um so lieber Hütten, als ein deutsches
Volkslied, an das er seiner ganzen Art nach vielleicht veredelnd
und hebend hätte anknüpfen können, nicht mehr vorhanden war.
Denn die Volkspoesie war seit Ausgang des 16. Jahrhunderts
völlig verkümmert; die Gebildeten hatten sich seit dem Dreißig—
jährigen Kriege etwa dem neuen studentischen und soldatischen
Gesellschaftsliede zugewendet; und fast nur in kriegerischen
Berichten von meist sehr untergeordnetem dichterischem Werte
trieb die alte Wurzel noch Schosse. Aber auch das ältere
Gesellschaftslied des 16. wie das neuere des 17. Jahrhunderts
waren verderblichem Einflusse unterworfen, indem der Geist der
Renaissancepoesie immer mehr in ihre Form, das Gelehrtentum
immer mehr in ihre Stoffe eingedrungen waren. An Stelle
der alten, frischen und charakterisierenden Originalität waren
damit steife Alamodegedanken oder richtiger Alamodephrasen
getreten: das kernhaft Nationale war dahin. War das ein
Zustand, der einen Dichter von der Bedeutung Hagedorns hätte
zu Anknüpfungen veranlassen können?

Hagedorn ging viel lieber von den Alten aus. Oder noch
mehr vielleicht von Franzosen und Engländern? In England
hatte schon die Lyrik Matthew Priors (1664 —1721) anakreon—
tischen Geist geatmet; in Frankreich waren der Abbé de Chaulieu
und eine ganze Dichtergruppe auf der gleichen Spur: eine
Dichtung von geringem poetischem Gehalte, aber von graziöser
Metrik und glatter und melodiöser Sprache war im Entstehen,
ein Gegenstück zu den Gemälden eines Adriagen van der Werff
oder noch besser eines Watteau und Boucher.

Hagedorn führt in der Vorrede zu seinen lyrischen Gedichten
aus, daß Sappho, Anakreon und Horaz ihm Muster für kleine
Oden und Liederchen gewesen seien. „Sie werden finden, daß
        <pb n="319" />
        300 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
diese Alten in ihren Liedern gemeiniglich nur einen Gedanken
ausführen und solchen bis zu einem gewissen Ziele treiben,
ohne, wie es den neueren Dichtern von diesem Orden so ge—
wöhnlich ist, durch Nebendinge aufgehalten oder unterbrochen
zu werden und auf Abwege zu geraten.“ Es sind Worte,
mit denen der Dichter seine eigene Technik richtig schildert.
Freund heiteren Lebensgenusses bis in sein höchstes Alter,
typischer Repräsentant jenes ästhetischen Epikureismus, der das
Zeitalter des Rokokos kennzeichnet, hat er in heiterer Urbanität,
voll sokratischer Weisheit, wie diese von den Zeitgenossen be—
griffen ward, den Freuden höherer Geselligkeit, der Liebe, dem
Wein gehuldigt und selbst, wo er gefühlvoll wurde, aller
Sentimentalität fern in den Becher der Wehmut die Perle
eines artigen Scherzes geworfen. Und in dieser Haltung war
er von einfachster und durchsichtigster Formgebung und be—
wegte sich in ihr als dem eigentlichen Elemente seines dichterischen
Daseins.
Seine Gedichte sind daher durchweg kleine Kunstwerke von
feinem Guß, ein wenig geschwätzig, aber dennoch rasch dahin—
eilend wie vorwärtstreibende Bachwellen: nie war bisher die
deutsche Sprache gleich geläufig, gleich reizwvoll behandelt worden.
Und in dieser Richtung blieb sich der Dichter gleich, mochte
er sich, Lafontaine folgend und ihn nicht selten übersetzend,
in Fabeln und Erzählungen ergehen oder horazisch und ana—
kreontisch Empfindungen eines gemütvollen Humors oder eines
gesellschaftlichen Behagens weisheitsvoll in Epigramme und
Lieder, in Satiren und lehrsame Gedichte fassen.

Ihr Dichter voller Jugend,
Wollt ihr bei froher Muße
Anakreontisch singen,

So singt von milden Reben,
Von rosenreichen Hecken,

Von Frühling und von Tänzen,
Von Freundschaft und von Liebe:
Doch höhnet nicht die Gottheit,
Auch nicht der Gottheit Tempel.
Verdienet, selbst in Scherzen,
Den Namen echter Weisen!
        <pb n="320" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 801
Dabei stand Hagedorn eine zarte Melancholie der Vor—
stellungsbilder zur Verfügung, sowie ein rasches Dahingleiten
der Sprache über einschmeichelnde Metren, gleich dem matten
Erglänzen gebrochener Farben der Atlasstoffe zur Rokokozeit:

Wie säuselten die Lüfte so gelinde

Zu jener Ruh'

Wie spielten mir die Wellen und die Winde
Den Schlummer zu!

Mich störte nicht der Ehrfurcht reger Kummer,
Der vielen droht;

Ich war, vertieft in angenehmsten Schlummer,
Für alle Welt, nur nicht für Phyllis tot.
Und alles, was der Dichter der deutschen Welt auf diese
Weise schenkte, jene „Kleinigkeiten, die nicht unsterblich sein
wollten“, sie entzückten das Publikum, vor allem das feine
Bürgertum der größeren Städte: verwirklicht erschien hier, was
Opitz erstrebt hatte, und der Optimismus einer Anakreontik
war geschaffen, aus dem ernstere Stimmungen schließlich, Zug
um Zug, bis zu dem Jauchzen der Schillerschen Apostrophe an
die Freude und Beethovens Schluß der Neunten Symphonie
geführt haben. Und war nicht Hagedorn, wenn auch nach Goethe
ein „lebensgewandter Edelmann“ und sicherlich in gewissem Sinne
ein Renaissancedichter, gleichwohl auch bürgerlich und national?
Voll verkörperte sich in seinen Gedichten die mögliche Lyrik
des städtischen Patriziates der Rokokozeit; und kaum über—
troffen und nur ergänzt werden konnte diese dadurch, daß auch
noch die Dramatik und Epik, überhaupt die volle Dichtung dieses
Standes irgendwo entwickelt ward.

Das geschah aber nicht mehr in Hamburg, sondern an
einem andern Orte, in Leipzig.

II.
—D
Deutschlands; erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
hören wir von einem Leipziger Rat, und erst der Schluß des
Mittelalters bringt der Stadt siegreiche und entscheidende
        <pb n="321" />
        302 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Handelskämpfe gegen benachbarte Nebenbuhler, namentlich Halle,
und das Emporblühen der Messen mit den guten kaiserlichen
Privilegien der Jahre 1497 und 1507. Und gleichzeitig mindestens
stellt sich eine ungewöhnliche Weite bürgerlichen Blickes ein.
Kein besseres Zeichen hierfür, als daß der Rat keine geschlossene
Körperschaft bildete; frisches Blut wollte man in ihm haben,
vor allem aufstrebende Kaufleute: „dan die sint weit gewandert
und wissen, wadurch ander stette in handeln und inkumen
gedeien, und trachten sulch gedei und zunehmen hie auch auf⸗
zurichten“, wie es ein Ratsbeschluß von 1513 ausspricht. Aber
neben den Kaufleuten waren auch die Gelehrten, namentlich
die Juristen, früh im Rate vertreten; neben dem bürgerlichen
Elemente machte sich ein anderes bemerklich, das der Universität;
und sehr bald und auf lange sind beide dadurch verschmolzen
worden, daß die Lehrer der Universität vielfach aus den Kreisen
der führenden Bürgerfamilien hervorgingen.
Gleichwohl kam es in der Sladt vor der Mitte des
17. Jahrhunderts nicht eigentlich zu einem höheren geistigen
Leben. Man ging in wirtschaftlichen und kommunalen Sorgen
auf, und nach Tagen des Aufschwunges erlebte man auch auf
diesem Gebiete während des Dreißigjährigen Krieges und noch
darüber hinaus schwere Zeiten: die Stadt geriet — noch sieht
man nicht recht, auf welche Art — in schwere Schulden; schließlich
wurde sie sogar von der kurfürstlichen Regierung — denn
Leipzig war und blieb sächsische Landstadt — unter Sequester
gestellt. Es ist die Periode, in der zugleich allein ernstliche,
aber vergebliche Bestrebungen der Gemeinde hervortreten, An—
teil an der Regierung und Verwaltung der Stadt zu erlangen.
Und auch nach Überwindung dieser kritischen Zeit, seit
spätestens dem letzten Viertel etwa des 17. Jahrhunderts, ist
Leipzig nicht eigentlich eine literarische Stadt und eine Stadt
öffentlichen Kunstlebens geworden. Wie eifrig hatten sich doch
die großen deutschen Gemeinden des Mittelalters im Luxus prun—
kender Bauten ergangen! Und wie blieb nicht bloß in den demo⸗
kratischen, nein, auch in den rein patrizisch verwalteten alten
Reichsstädten, in Nürnberg, Augsburg, Straßburg, Köln, Lübeck
        <pb n="322" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 303
diese Baulust selbst noch über das Mittelalter hinaus lebendig!
Nichts von alledem in Leipzig. Das alte Rathaus Lotters aus
dem 16. Jahrhundert ist der einzige wirklich monumentale Bau
der Stadt aus weiter zurückliegenden Zeiten; im übrigen weist
die Leipziger Vergangenheit fast nur Nutzbauten auf; und beinah
ausschließlich einzelne Bürger sind es gewesen, denen man die
herrlichen Häuser — man darf sie wohl Wohnpaläste nennen —
des 17. und besonders des 18. Jahrhunderts zu danken hat.

Auch das literarische Leben, das sich seit der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts einstellte, wurde nicht eigentlich von der
Stadt gepflegt. Und auch nicht von der Universität. Der
Nährboden, dem es entsproß, war vielmehr der eigenartigste
von der Welt, der der Messe.

Mindestens schon seit der zweiten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts läßt sich beobachten, wie der Leipziger Rat eigentlich
in der Handelspolitik der Messen aufgeht; er kann dem tiefer
Blickenden wie eine große Aktiengesellschaft erscheinen, deren Teil⸗
haber die Leipziger Handelsgeschlechter sind, zur Abhaltung von
Messen eben an diesem, als Stadt nur nebenher in Betracht
kommenden Orte. Um die Messe dreht sich im Grunde alles,
Polizei und Verwaltung, Entwicklung und Regelung der städtischen
Industrie und der Industrie des Kurlandes, insbesondere auch
der erzgebirgischen Teile.

Und wie blühte nun diese Messe empor! In der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts hat sie ihre verhältnismäßig
höchste Bedeutung erreicht, und eine Egerer Denkschrift aus der
Mitte dieses Jahrhunderts konnte ausführen: Leipzig sei jetzt
so hoch „im commercio gestiegen, daß es ihm keine Stadt
im Reiche, alleine Hamburg, welches Leipzig weit übertrifft,
ausgenommen, kann gleichtun; Nürnberg, Frankfurt, Augsburg,
Magdeburg und andere empfinden es und seufzen.“

Mit der Messe aber verband sich ein merkwürdiges nicht
eigentlich kommerzielles Treiben. Wie alle Messen alten und
großen Stiles war sie nicht bloß Kaufs- und Verkaufs-,
sondern vor allem auch Schaumesse. Und was war da nicht
alles zu sehen: rare und kuriose Tiere, indianische Raben,
        <pb n="323" />
        304 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Papageien, Kakadus und Meerkatzen; Kamele, Strauße, Wal—
rosse und Stachelschweine, 1747 gar ein Rhinozeros; ferner
künstliche, d. h. abgerichtete Tiere vom tanzenden Bär bis zum
Affen, der sich auf der Leine „künstlich schwenkt“, wenn auch
noch kein völliger Zirkus; dann Mißgeburten, Zwerge, Riesen
und Wilde; des weiteren Luftspringer, Gaukler, Taschenspieler,
Wurzelmänner und Wunderdoktoren, aber auch Wachsfiguren⸗
kabinette, magische Laternen mit Schattenspiel, Guck- und Rari—
tätenkasten, Marionettentheater und anderes Schauspiel! Und wie
wurde die Gelegenheit, all diese Wunderdinge ein paarmal im
Jahre zu sehen, von nah und ferne ausgenutzt! Vor allem der
sächsische Hof residierte zur Meßzeit gern in der Stadt; im
Jahre 1699 ist er in Begleitung von 99 fürstlichen Personen,
Grafen und Freiherren, 40 polnischen Magnaten und Herren, einer
Leibgarde von 170 Janitscharen u. s. w. in Leipzig eingetroffen.

Dies bunte, breite Treiben, das mit seiner Vorbereitung
und seinem Verlaufe einen guten Teil des Jahrs füllte, das
„weltmännisch“ machte und doch zugleich die Phantasie anregte,
erzeugte nun zum besten Teile die eigentlichen Triebkräfte des
Leipziger geistigen Aufschwungs.

Ja es hatte schon an sich ernste mittelbare und unmittel—
bare literarische und künstlerische Konsequenzen. Mit dem Auf—
schwunge der Messe ging die führende Stellung im Buchhandel
von Frankfurt auf Leipzig über, wo schon Ende der siebziger
Jahre des 17. Jahrhunderts eine vornehmlich durch private
Mittel reich dotierte Ratsbibliothek, die zugleich zu einem
Museum wurde, entstanden war: energische Buchhändler wie
Gleditsch und Fritsch pflegten den neuen Handelszweig; eine
nicht allzustrenge Zensur belästigte namentlich die schöne Lite—
ratur weniger als die kaiserliche Bücherkommission zu Frank⸗
furt, da sie von Universitätsprofessoren gehandhabt wurde;
und die Universität nahm an Besuch zu, wie denn an ihr nicht
wenige berühmte Lehrer, die Carpzovs z. B. und die Menkes,
wirkten. Dazu kam eine allgemeine Hebung der Lebenshaltung
unter dem Einflusse ständig neuer, das Auge schärfender und
seinen Blick erweiternder Eindrücke. Nicht bloß daß die Ein—
        <pb n="324" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 305
wohnerzahl beträchtlich stieg — unter den Zuwandernden be—
fanden sich seit etwa 1690 auch viele Hugenotten, die wirt—
schaftlich bald eine Rolle spielten —, auch die Stadtverwaltung
schritt in der Bewältigung moderner Kulturaufgaben energisch
und vielfach rascher als anderswo vorwärts. Man sorgte für
Kanalisation des städtischen Areals und Entsumpfung der Um—
gebung; man pflanzte Bäume und legte Promenaden an;
1708 wurden öffentliche Sänften eingeführt; am Schlusse der
Periode, seit den fünfziger und sechziger Jahren, begann die
Umwandlung des Rosentals in einen öffentlichen Park. Man
hatte schon das Bedürfnis von Adreßbüchern, deren erstes 1701
unter dem Titel „Das jetzt lebende Leipzig“ herauskam; und
man hielt auf feinen Ton: den Studenten wurde das nächt⸗
liche Umherlaufen in Nachtmütze und Schlafrock, wurde Maske
und ungewöhnlicher Aufzug bei Tage, wurde sogar das Rauchen
im Theater verboten. Und aus diesen wohlbestellten Niede⸗
rungen erhob sich die Blüte einer höheren geistigen Kultur.
Der Patrizier hielt darauf, einen Garten reichgepflegten Rokoko—
stils zu haben; in dem Plane von Leipzig, den der Homannsche
Atlas von 1749 enthält, ist fast die ganze Stadt von weit
ausgedehnten Gartenanlagen umgeben; das Adreßbuch von
1746 zählt 31 sehenswerte und dem Publikum zugängliche
Gärten auf, darunter den berühmten Boseschen, in dem schon
1700 eine Aloe mit 5138 Blüten gezeigt und nebst ihrem
Pfleger, dem Kunstgärtner Peine, durch eine Medaille verewigt
worden war. Dazu kam die Entwicklung der prächtigen
Privatarchitektur der inneren Stadt, von deren Bauten vielfach
Stiche verbreitet wurden, und deren Größe und Prunk dem Frank⸗
furter Patriziersohn Goethe ungeteilte Bewunderung entlockte.
Dem schönen Außern entsprachen aber noch ernstere und
innerlichere Bestrebungen. Gelehrte und schönwissenschaftliche
Gesellschaften blühten empor, zahlreiche Mäcene begründeten
Kunstsammlungen wie die Spenersche (Katalog 16983), die
Wolfsche (1714), die Myliussche (1716), die gern gezeigt
wurden; Künstler fanden sich ein, die wenigstens im Porträt⸗
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. I. 20
        <pb n="325" />
        306 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
stich und in der Wandmalerei reiche Beschäftigung fanden;
vor allem aber kam es zur Pflege der Musik und der Dichtung.

Von ihnen war die Musik in Sachsen schon seit Luther,
ja bereits früher eifrig betrieben worden; man kann sie einen
integrierenden Bestandteil der obersächsischen Geselligkeit aller
Jahrhunderte nennen. In unserem Zeitraume fand sie zunächst
Pflege in einem besonderen Opernhause, das 1698 für die
deutsche Oper erbaut worden war, während seit 1744 wenigstens
in der Meßzeit auch italienische Oper gespielt wurde. Dazu
kam vornehmlich für die weltliche Musik ein Stadtpfeiferkorps
schon aus mittelalterlicher Zeit, das 1737 um einige Kunstgeiger
vermehrt wurde; und von Johann Sebastian Bach wissen wir
aus einer Eingabe an den Rat vom Jahre 1730, daß er für die
Kirchenmusiken in St. Thomas der Regel nach auf 18 Musiker
zu rechnen wünschte, nämlich vier für die erste und zweite
Violine, vier für die erste und zweite Viola, zwei für Violon—
cello, einen für Violon, zwei für Hautbois, einen für Basson,
drei für Trompeten und einen für Pauke. In gewissem Sinne
aber noch wichtiger als die öffentliche war die private Pflege
der Musik. Da bestanden vor allem, in Spuren schon im
17. Jahrhundert nachweisbar, die Collegia musica der Stu—
denten, anfangs reine Hauskonzerte „dann bald Veranstal⸗
tungen gegen Eintrittsgeld. Das erste bedeutendere dieser Col-
legia musica war das des Studenten der Rechte Tele—
mann, des späteren Komponisten, vom Jahre 1702. Es trat
in engere Beziehungen zur Neukirche. Daneben bildete sich
dann ein ständiges zweites Kollegium, das in der Pauliner—
kirche musizierte; und beide blühten vornehmlich in den dreißiger
und vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts. 1746 aber
wurden sie überholt durch ein drittes Kollegium „unter der
Direktion der Herren Kaufleute“; es bestand aus 16 Musikanten
und erhielt bald den Namen des Großen Konzerts. Mit ihm
übernahmen die Bürger selbständig die edelste Art der Musik⸗
pflege, und aus ihm ist das Leipziger Gewandhaus hervor—
gegangen, dessen erster Musiksaal von 1780 auf 1781 erbaut wurde.

Neben der Musik und damit auch den wichtigsten dichterischen
        <pb n="326" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 307
Formen dieser, dem Lied und der Oper, wurde in Leipzig
namentlich das Schauspiel von Bedeutung. Und dies im un—
mittelbarsten Anschlusse an die Messe. Schon in den sechziger
und siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts tauchen zu den
Meßzeiten neben andern Schauspieltruppen zwei ständig wieder—
kehrende auf: die Paulische und die Kuhlmannsche. Darauf
erscheint in gleichem Sinne eine erste wirklich bedeutende Ge—
sellschaft, die Veltensche; sie hat von 1679 bis 1708 auf 34
Messen gespielt. Der künstlerische Erbe Veltens war Hake, der
Hakes Johann Neuber. Die Neuberische Truppe spielte von
1727 bis 1749, anfangs ohne jede Konkurrenz, auf 83 Messen.
Und dieser Truppe der berühmten Neuberin, die übrigens
schließlich völlig verarmte, folgten dann weitere Gesellschaften,
die immer regelmäßiger auch über die Meßzeiten hinaus tätig
waren, bis sie 1777 bis 1800 von den kurfürstlich sächsischen
Hofkomödianten in einem fast unterbrechungslosen Auftreten
abgelöst wurden. Man sieht, welch organische, in sich zu—
sammenhängende Entwicklung. Und schon führte sie im Jahre
1766 zum Baue eines neuen Komödienhauses, des jetzt noch
stehenden Alten Theaters. Ein wirklich ständiges Theater aber
hat Leipzig erst im 19. Jahrhundert erhalten, mit dem Baue
des Neuen Schauspielhauses vom Jahre 1817.

2. Aus dem bisher Erzählten erklärt es sich leicht, daß das
verständige Leipzig, wo sich Kunstgenuß und Hauptbuchführung
schließlich ausgezeichnet miteinander vertrugen, und wo die
stetige Fluktuation von Meßeindrücken, die dem praktischen Leben
angehörten, jede Übertriebenheit und Unnatur leicht erkennen ließ
und verscheuchte, eine der ersten Städte auf deutschem Boden
war, die sich vom Schwulste des Barocks abwandten. Und
wie fein und zierlich hat ihn später ein Leipziger Sachse,
Gellert. verspottet;
Ein junger Mensch, der gütigst wollte,

Daß jedes schöne Kind die Ehre haben sollte,

Von ihm geliebt, von ihm geküßt zu sein,

Jesmin sah Suylvpien, das heißt, sie nahm ihn ein ...
20 *
        <pb n="327" />
        308 ZƷwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Er klagt der Schönen seine Qual,

Er redt von strengen Liebeskerzen,

Von Augensonnen, heiß an Pein,

Von Tigermilch, von diamantnen Herzen

Und von der Hoffnung Nordlichtschein

Und schwört, weil Sylvia durch nichts erweicht geworden,
Sich, bei Gelegenheit, aus Liebe zu ermorden.

Und schon lange vor Gellert, bereits während des ersten
Menschenalters in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als
Hamburg durchaus noch in den Banden des Barocks und des
Marinismus lag, bestand in Leipzig ein Dichterkreis, der den
Sinn fürs Einfache, zugleich freilich oft noch Rohe zum Aus—
druck brachte und eine erste, rein bodengewachsene und deutsche
Reaktion gegen den Schwulst einleitete. Aus diesem Kreise
ging als sein Hauptvertreter Christian Weise (1642 1708),
der noch heute in der Erinnerung der sächsischen Gymnasiasten
fortlebende Schulmonarch von Zittau, hervor.

Weise war als pädagogischer Schriftsteller und als Poet

tätig. Nach beiden Richtungen hin sind das Verstandesmäßige,
Humorvoll-⸗Kecke und gelegentlich auch noch recht Derbe seine
hervorragendsten Eigenschaften. Konnte es ihm bei dieser echt
mitteldeutschen und speziell wieder sächsischen Beanlagung trotz
aller Lebendigkeit schwer werden, in der Poesie nichts als eine
„vernünftige“ Tätigkeit zu sehen? Seine im Jahre 1691 erschienene
Poetik trägt einen Titel, der sein ganzes Programm enthält:
„Christian Weisens Curiöse Gedancken von deutschen Versen,
welcher Gestalt ein Studirender in dem galantesten Theile der
Beredsamkeit was anständiges und practicables finden soll, damit
er Gute Verse vor sich erkennen, selbige leicht und geschickt
nachmachen, endlich eine kluge Maße darinn halten kan; wie
bißhero die vornehmsten Leute gethan haben, welche von der
klugen Welt nicht als Poeten, sondern als polite Redner sind
aestimirt worden.“ In der Tat: eine Dichtung als „Dienerin
der Beredsamkeit“, sehr nützlich zum Vergnügen, nützlich auch,
um bittre Wahrheiten „leichter eingehen zu lassen“, das war
das Ziel, dem Weise und ihm folgend tausend deutsche Schul—
meisterpoeten nachstrebten.
        <pb n="328" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 309

mn
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Aber dies Ziel fand Weise nicht durch Opitz erreicht oder
überhaupt nach den Vorschriften Opitzens zu erreichen. Wo
seien denn die deutschen Vergilii und Horatii? Da hätten die
Franzosen andere Erfolge aufzuweisen! Und so kehrt sich
unser Sachse leise den Franzosen zu, wenigstens für die lyrische
Gattung. Daß er aber deren Lehren schon ganz aufgenommen
habe, läßt sich nicht behaupten. Schon die Tatsache, daß er
im Drama mit den Pegnitzschäfern und Lohenstein gegen die
Franzosen ging, widerspricht dem. Gewiß versuchte er sich im
Schäferspiele und war auch wohl bestrebt, namentlich in
späterer Zeit, einige der neuen Vorschriften der französischen
Dramaturgie zu halten. Aber eigentlich zu Hause fühlte er sich
doch nur im Fastnachtsspiel und in etwas, das man in—
sofern Volksschauspiel nennen könnte, als es dem schlechten
Geschmacke des Publikums der Zeit volle Zugeständnisse machte.
Und zwar in ganz naiver lehrhafter Bewußtheit. „Die Leute
sehen gern Comödien, die fein lang sind; überdieß wird bei
der heutigen Welt nichts mehr aestimiret, als wo vielfältige
Aufzüge und Veränderungen mit unterlaufen.“ Da haben
wir's! „Nette Tänze“ und „Pallete“ will das Publikum und
darum auch Weise haben, und zwar mindestens „zwischen denen
Actibus oder nach Vollendung der Comoedie“.

Da begreift sich's, daß Weise auch dem Schlüpfrigen
und mindestens dem Verliebten nicht so ganz abgeneigt war,
wie seine „Ueberflüssigen Gedanken der grünenden Jugend“
(1668) beweisen, wenn er auch seine Exzesse in dieser Rich—
tung als Schulmeisterpedant hintennach allegorice zu er—
klären suchte und 1675 „Der Grünenden Jugend Notwendige
Gedanken, denen Ueberflüssigen Gedanken entgegengesetzt“,
herausgab. So zeigen sich denn schon bei ihm neben starken
Roheiten die Anfänge jener Mischung des Verständigen und
zugleich leise Frivolen, die später, freilich in außerordentlich
berdünnter und verfeinerter Wirkung, wie in Hamburg bei
Hagedorn so in Leipzig bei Gellert, ja in der Dichtung der
beiden damaligen Großstädte Deutschlands überhaupt hervor—
tritt.
        <pb n="329" />
        310 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.

Übersieht man aber Weises Wirksamkeit im ganzen, so
wird man sie immerhin als vorwärts deutend einschätzen
müssen: er zuerst hat, weit mehr als die Hofpoeten und Canitz,
den Weg zum Verständig-Graziösen des Rokokos eingeschlagen
und sich damit den Franzosen genähert. Freilich, bei allem
Anklang, den seine Dichtungen fanden, doch noch nicht ohne
Widerspruch. Noch währten zu seiner Zeit wenigstens im pro⸗
testantischen Deutschland niederländische Einwirkungen fort,
und in Leipzig insbesondere hat der Historiker Johann Burkard
Menke (als Dichter Philander von der Linde) noch in den ersten
Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts nach den Lehren Morhofs!
gedichtet und in diesem Sinne 1722 eine „Deutschübende Gesell⸗
schaft“ gestiftet.

Inzwischen war aber die Lehre der Franzosen erst recht
entwickelt worden; und die Theorien Boileaus und seiner Nach⸗
folger wurden auch in Deutschland bekannter.

Die französische Bewegung auf diesem Gebiete kann mit
jener deutschen späterer Zeit verglichen werden, die von Lessing
ausging. In beiden Fällen ertoönte der Ruf nach Vervollstän⸗
digung und damit in gewissem Sinne der Ruf: Los von der
Antike, insofern diese in einer früheren Renaissance verwirklicht
schien. Aber in Frankreich wurde dieser Ruf viel kräftiger
und darum auch folgenreicher ausgestoßen. Da wollte man
nichts mehr wissen von der Überschwenglichkeit des Barocks und
bon dem Enthusiasmus der humanistischen Renaissance, den
Zeiten üblen Geschmackes, die man merkwürdigerweise als
Periode des art gothique charakterisierte. Vielmehr suchte

man, dem Triumphzuge des Intellektualismus folgend, eine
neue Renaissance, die selbst über den Alten stehen sollte, eine
Renaissance der bloßen Vernunft, des bon gout, der bienscanceo,
der temperierten Affekte. Und auf dem Wege zu ihr nahm
man wohl den Rat der Alten zu Hilfe, freilich nicht des
pathetischen Plato und des pedantischen Aristoteles, wohl
aber Horazens, allenfalls auch des Eurivides. So ergab sich

S. oben S. 258.
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        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 311

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etwas, das schließlich dem Rokokostil der bildenden Künste ent—
sprach und mit diesem auf psfychologisch gleichem Nährboden
gewachsen war.

Wo blieb da das Groteske, Sprudelnde, Burleske, Phantasie—
reiche, Überschwengliche und Schlingelhafte der Sprache eines
Rabelais? Seit dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts
wurde es nicht minder abgestreift wie der Schwulst des
Marinismus. Und Mode wurde die Sprache des homme du
monde mit ihrem bon sens und ihrem juste milieu; in der
Dichtung traten die Muses sages eêet retenues auf, und unter
der Herrschaft einer Poetik im Sinne der raison incarnée
ward alles Regel und alles Bedeutung. Im Drama wurde
die vernünftige Einheit der Zeit und des Ortes durch—
gebildet und die philiströs-verständige Auffassung der mittleren
Charaktereigenschaften der Helden; die Rücksicht auf die Etikette
der Vornehmen zog ein — étudiez la cour hieß es zuerst,
and dann erst connoissez la ville — und nach ihr und dem
Prinzipe der bienséance wurden die Wahrscheinlichkeiten ge—
regelt. So ergab sich denn ein durchaus verständig-korrektes
Drama, und die Schaubühne wurde zu einer Schule, ou la
vertu n'était pas moins bien enseignée que dans les écoles
des philosophes. Und die Lyrik? Wie hätte sie neben einem
Theater, in dem das antike Fatum durch die galante Leiden—
schaft ersetzt ward, etwas anders sein können als der Ausdruck
von passions fertiles en tendres sentiments, von Rokoko—
leidenschaftchen mit kleinen, pikanten Motivchen und Konflikten?
Was ihr vornehmlich gelang, war der galant-lüsterne Brief—
wechsel berühmter Liebespaare, der sogenannte Heldenbrief, das
Epigramm, in dem die Vernunft breit zu Worte kam, und das
Lied, insofern es tändelte oder zur virtuosen Arie oder Kantate
erweitert ward.

Diese französische Poesie nun, ein Salonlebewesen, das
früh Frische und Farbe verlor und schließlich an gemachter
Einfachheit, kahler Nüchternheit und Vornehmheit in Gänse—
füßchen, kurz bleichsuchtshalber zugrunde gegangen ist, hat in
Deutschland erst eine zweite Generation von Leipziger Dichtern
        <pb n="331" />
        312 Swanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
begeistert; es war zu der Zeit, da Leipzig Klein-Paris wurde.
Führend aber in dieser Generation war in gewissem Sinne
Gottsched.

Gottsched, im Jahre 1700 zu Judithenkirchen in Preußen
geboren, war als Königsberger Student ein Schüler des Pro⸗
fessors der Poesie Pietsch gewesen, der dem Kreise der Hofpoeten
in der Art der Besser und König angehört hatte; es wurde dann
in Leipzig durch Menke eifrig gesördert und schwang sich bald
zum Leiter von dessen „Deutschübender Gesellschaft“ empor:
nach ihrer Reorganisation im Jahre 1727 hat er sie als
„Deutsche Gesellschaft“ zu einer Art poetischer Akademie und
dichterischen Tribunales für Deutschland machen wollen. So
verknüpfte er in seiner Person die lokalen und personalen
Traditionen der Reaktion gegen den Schwulst: Morhofsche
Theorien und Hofpoesie, Leipziger Dichterüberlieferungen und
Folgen der Wirksamkeit Weises, dessen Roheiten er übrigens
verwarf, trafen in ihm zusammen.

Gottsched war der vollkommene Vertreter der französischen
Poetik der ersten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts in Deutsch—
land, insbesondere soweit diese Poetik auf die Ars poetica
des kaiserlich römischen Hofpoeten Horatius zurückging. Legte
man die Dichtkunst Horazens im französisch-rationalistischen
Sinne der Zeit aus, so erhielt man die Gottschedsche Poetik.
Danach boten eine gesunde Vernunft und eine gute Einsicht
in philosophische Wissenschaften den sicheren Grund dar zur
wahren Poesie. Für die formelle Ausführung aber bedurfte es
nur noch der nötigen Belehrung über die Handwerksgriffe der
Behandlung der Sprache, des Reims und der Rhythmik: und
der perfekte Dichter war fertig.

Es waren Lehren, die in der Luft lagen; es war auch
für Deutschland der Abschluß der individualistischen Dichtkunst.
Hatte Opitz noch keineswegs den nackten Satz aufgestellt, Posie
sei lehrbar; hatte er vielmehr am Schlusse seiner „Poeterei“
noch ausdrücklich gesagt, nur Naturbegabung mache den Dichter:

Est deus in nobis, agitante calescimus illo,
so besaß Gottsched alle Eigenschaften, der konsequenteste und in
        <pb n="332" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 318
seiner Art tüchtigste Vertreter der Theorie von der vornehm⸗
lichen Lehrbarkeit der Poesie auf Grund französischen Rezeptes zu
werden. Von unermüdlicher Arbeitskraft, dichterischer Beanlagung
bar, dafür von hervorragender formaler Klarheit, ein Prosaiker
durch und durch, aber ebendarum geschäftskundig und geistes—
ermüdender Agitation fähig, hat er versucht, die deutsche
Dichtung zu kommandieren und ihr die Regeln seiner Dicht—
und Redekunst aufzudrängen. Und das geschah nicht bloß in
theoretischen Schriften, nein, auch in der Praxis, selbst der—
jenigen eigener poetischer Betätigung.

Es zeugt dabei für den literargeschichtlichen wie den prak—
tischen Scharfblick Gottscheds, wenn er die notwendige Um⸗
formung der deutschen Poesie vor allem an der entwicklungs⸗
geschichtlich wichtigsten Gattung, am Drama, und zwar vor⸗
nehmlich nicht durch eigene dramatische Schöpfungen, sondern
zunächst durch Verbesserungen der Bühnenkunst in Verbindung
mit der Aufführung französischer Stücke versuchte.

Freilich war ihm grade auf diesem Gebiete auch das
Glück besonders günstig. Wir wissen, wie das deutsche Drama
fast völlig verfallen war. In der Schweiz, hier und da wohl
auch in Süddeutschland wucherten die Formen des 16., ja
teilweis 15. Jahrhunderts noch üppig in alter Unbeholfenheit
fort; und daneben sowie vor allem in Nord- und Mittel—
deutschland führten die Ausläufer der Gryphiusschen und
Lohensteinschen Zeit, vermengt mit älteren Traditionen, ein
trauriges Dasein: „Lauter schwülstige und mit Harlekinslustbar—
keiten untermengte Haupt- und Staatsaktionen, lauter unnatür—
liche Romanstreiche und Liebesverwirrungen, lauter pöbelhafte
Fratzen und Zoten waren dasjenige, so man daselbst zu sehen
bekam,“ so schildert Gottsched selbst die Lage!. Daneben stand
denn die Oper in Hamburg, aber auch in Breslau und Leipzig
und gelegentlich vorübergehend hier und da an großen Orten:
nichts mehr als Mordspektakel und Schaustücke voll Unanständig-⸗

Zit. Lemcke S. 394.
        <pb n="333" />
        314 wanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
keiten und Unwahrscheinlichkeiten, der Theatermaschinist tausend—
mal wichtiger als der Komponist und der Schauspieler.

Es waren Zustände, gegen die die Schauspieler selbst
schon angefangen hatten aufzutreten, und zwar nicht zum ge—
ringsten in Leipzig und im Zusammenhang mit der Messe;
insbesondere hatte sich die Bühnenkunst seit Velten aus dem
Gaukel-, Clown- und Zauberwesen herauszuwinden begonnen;
und eben zu Gottscheds Zeiten spielte zu Leipzig, wenigstens
während der Meßzeit, die verhältnismäßig hochstehende Truppe
Neubers und seiner besonders klarsehenden und energischen
Frau, der Neuberin.

Diese Lage machte sich Gottsched zunutze. Er veranlaßte
die Neuberin, von dem Unwesen der alten Stücke abzugehen;
er führte ihr Übersetzungen französischer Stücke zu und strengte
seine weitverbreitete literarische Klientel und Clique an, in diesem
Sinne, und bald nicht mehr bloß übersetzend, zu arbeiten, ja er ent⸗
schloß sich im Jahre 1731 selbst dazu, nach Addison und Deschamps
ein Stück, den „Sterbenden Cato“, zu verfertigen. Das Ergebnis
dieser Bemühungen war anfangs vortrefflich; mit Vergnügen
zumeist nahm das deutsche Theaterpublikum die Reform auf;
der Opernwust verschwand teilweis, und selbst die Höfe blieben
mit ihrer Anerkennung nicht zurück; in Dresden hat im Jahre
1734 nach vierzig Jahren wieder die erste deutsche Truppe,
freilich noch mit Hanswurst, vor dem Hofe gespielt.

Es schienen verheißungsvolle Anfänge. Und in der Tat
hat sich an diese Reform die Entwicklung eines deutschen ratio—
nalistischen Theaters noch auf mehr als zwei Jahrzehnte ge—
knüpft; noch die Stücke Weißes und Schlegels und auch die
ältesten Lessings sind aus der Atmosphäre dieser Reform
heraus geschaffen worden.

Dann freilich brach die Entwicklung jäh ab, nachdem schon
vorher ihr Urheber und Haupt, Gottsched, von der Neuberin
auf derselben Bühne lächerlich gemacht worden war, die er ge—
schaffen hatte.

Was war der tiefere Grund dieses Vorgangs? Genügt
es, ihn in der diktatorischen Natur des Leipziger Professors,
        <pb n="334" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 313
in der moralischen Unhaltbarkeit der von ihm angestrebten
literarischen Herrschaft zu suchen? Das, was die Reform
stürzte, ja von Anfang an als fressender Wurm in ihrem Innern
genagt hatte, war die Herübernahme der französischen Drama—
turgie zu einer Zeit, die soeben im Begriffe war, über deren ratio—
nalistischen Charakter hinauszugehen.

Was Gottsched verfocht, das war die Lehre, daß das
Drama nichts sei als eine Nachahmung menschlicher Handlungen,
die in der Tragödie auf die schrecken- und katastrophenreiche
Wiedergabe des Untergangs hoher Personen hinauslaufen und
dadurch Mitleid und Furcht erwecken und die in der Komödie
die lächerliche Nachahmung einer lasterhaften Handlung zum
Gegenstand haben und dadurch belustigen und zugleich auch er—
bauen müsse!. Es waren die alten, nur nach franzöfischer An—
leitung ein wenig umgeänderten Theorien des niederländischen
Dramas; es war im Grunde noch das Programm von Heinsius
und Vossius, wie es den bluttriefenden Stücken des Seneca
entnommen worden war: weit stand es ab von der Forderung
eines psychologischen Dramas, die langsam am Horizont der
Zeiten emportauchte.

Dabei handelte es sich keineswegs bloß um das Schicksal
des von Gottsched eingeführten Dramas. Eine bestimmte Auf—
fassung der Dichtung vielmehr, ja der Kunst überhaupt und
mit ihr des gesamten Lebens stand in Frage. Das, was
Gottsched schließlich charakterisiert, ist, daß er auf dem Gebiete
der Dichtkunst die letzte Konsequenz des individualistischen
Seelenlebens überhaupt zog. Der rationale Charakter dieses
Lebens drängte auf ein Begreifen der Dichtung als einer lehr⸗
baren, verstandesmäßig erfaßbaren geistigen Übung hin: und
dieser Gedanke ist die Grundlage der Gottschedschen Poetik.
Die Folge der Durchführung derselben aber konnte nichts sein
als eine geordnete, klare, aber zugleich phantasielose Auffassung
des poetischen Stoffs, wenn auch mit energischer, aber zur
Prosa führender Zucht der dichterischen Sprache: kurz, strenge

S. dazu oben S. 268.
        <pb n="335" />
        316 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
formale Zucht bei inhaltlicher Schalheit, die sich bis zum Lächer—
lichen steigern konnte. Demgemäß trat im Grunde, für die
dichterische Auffassung, der Inhalt als etwas persönlich Ge—
gebenes, Eigenes überhaupt zurück, und Dichtung, ja Kunst über—
haupt konnte als bloße Nachahmung der Natur erklärt werden.

Konsequenteste Entwicklung einer individualistischen Auf—
fassung des Lebens und darum extrem nüchtern und rationalistisch:
wie konnten diese Gedanken, eben erst gegen Torschluß des indi—
vidualistischen Zeitalters, um 1730 etwa, aufgenommen und
durchgeführt, vor dem Nahen einer seelisch ganz anders kon—
struierten Zeit bestehen? Sie gingen in diesem Nahen zugrunde.

Der Verfall der rationalistischen Auffassung der Dichtung
und der Kunst überhaupt aber mußte sich, bei der halb dikta—
torischen Haltung, die sich Gottsched im Laufe der dreißiger
Jahre in der deutschen Literatur erworben hatte, im Kampfe
gegen seine Person vollziehen. Und dieser Kampf wurde, schärfer
vor allem seit etwa 1740, aufgenommen von einer dritten Stelle
— —
deutschen Bürgertums mit neuen Bildungen vollzogen hatte, und
an der nicht die naturalwirtschaftliche Depression des 16. Jahr⸗
hunderts lange Zeit hindurch verheerend gewirkt hatte: von der
Schweiz.

III.
l. Man darf für das Schicksal, das die deutsche Nation
betroffen hat, auch heute noch im Bereiche verschiedener staat⸗
licher Gebilde für ihren geschichtlichen Beruf wirken zu müssen,
nicht allein die Charakteranlage des Volkes verantwortlich machen.
Auch die geographischen Bedingungen des Volksgebietes haben
zur Zersplitterung das Ihrige beigetragen. Gewiß ist heute
Deutschland für Europa das Land der Mitte. Aber in sich
ist es keineswegs zentripetal, sondern vielmehr zentrifugal ge—
gliedert. Die norddeutsche Tiefebene bildet ein Element für
sich; hier ist Preußen als ein sehr eigenartiges Staatsgebilde
groß geworden. Ebenso selbständig sind die Donauländer; ja, sie
weisen geographisch geradezu aus Deutschland heraus: und es
        <pb n="336" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 317
ist das Schicksal der habsburgischen Monarchie gewesen, diesem
Winke gefolgt zu sein. Nicht minder aber sondert sich im Westen
das weite Deltaland des Rheines, das Gebiet der Niederlande, aus,
wie im Süden die Gegenden, welche die große Jurahochebene
befassen und umschließen, das Land der Schweiz. Und am
Ende weist nur Mitteldeutschland kein großes und beherrschen—
des geographisches Gebilde auf, das nach außen drängte.

Gewiß aber sind diese geographischen Momente unter dem
Sondertrieb, der den Nationalcharakter zweifelsohne kennzeichnet,
auch noch in besonders hohem Maße wirksam geworden. Und
nichts ist hierfür vielleicht beweisender, als daß sich in den
absterbenden Gebietsteilen alsbald auch besondere Verfassungs—
formen entwickelt haben, im Osten mehr monarchisch-despotische,
wie denn hier schon zu taciteischen Zeiten die civitates, quae
regnantur, zu suchen waren, im Westen republikanische.

Die politische Geschichte der Eidgenossenschaft vom 16. zum
18. Jahrhundert ist hier nicht zu erzählen. Genug, daß in dem
sogenannten eidgenössischen Stillesitzen schon sehr früh ein System
der Neutralität vornehmlich gegenüber Frankreich und Deutsch—
land vorbereitet wurde, daß ein Versuch Kaiser Maximilians J.,
die Schweiz noch einmal in den allgemeinen politischen Bereich
des Reiches einzubeziehen, mißlang, daß die „Reichsverwandten“
des 16. Jahrhunderts mit dem Westfälischen Frieden auch aus
dieser politisch schwer zu definierenden Verwandtschaft aus—
schieden, und daß die politische Sondergeschichte der Eidgenossen—
schaft im 17. und 18. Jahrhundert wenig Momente darbietet,
die als von gemeindeutschem Standpunkte wichtig bezeichnet
werden können. Insbesondere trat wie mit dem inneren Deutsch⸗
land so auch mit den Niederlanden irgendwelcher engere poli—
tische Zusammenhang in dieser Zeit nicht ein. Gewiß waren,
soweit das Verhältnis zu den Niederlanden in Betracht kommt, die
Versuche Karls des Kühnen, den deutschen Nordwesten zu unter⸗
jochen, einstens an der Tapferkeit vornehmlich der Schweizer ge—
scheitert: aber das war auch das letzte größere Moment gemeinsamer
äußerer Schicksale. Im übrigen reduzierte sich das gegenseitige Ver—
hältnis speziell zwischen der Eidgenossenschaft und den Niederlanden
        <pb n="337" />
        318 Fwanzigstes Buch. Drittes Lapitel.
auf eine gewisse Gleichheit des Verlaufes der inneren Schicksale.
In der Schweiz herrschte wie in den Niederlanden die reformierte
Kirche; und im 17. und auch noch 18. Jahrhundert hat wohl
ein Teil wenigstens der Züricher Geistlichkeit auf niederländischen
Universitäten studiert, wie denn in Zürich ein Agent der General⸗
staaten residierte. Des weiteren war in der Schweiz wie in den
Niederlanden eine dem binnendeutschen Fürstentum abgewandte
republikanische Entwicklung eingetreten. Aber wie verschieden
waren dabei doch im 17. und namentlich im 18. Jahrhundert
der eidgenössische und der holländische Republikanismus! Wie
in tierischen Organismen und Gesellschaften bei größerer
Nahrungszufuhr so war in den Niederlanden aus dem Handels—
aufschwung her ein luxuriöses Leben eingetreten, das bei aller
äußeren Kultur die ursprüngliche Straffheit des staatlichen
Organismus schließlich erlahmen ließ, während diese in der
rauheren Schweiz zum guten Teile erhalten blieb; im 18. Jahr⸗
hundert sagte man daher von einem modisch erzogenen Menschen
wohl, er sei civilisé en Hollande, während die gleichzeitige
Redensart manières d'un Suisse nicht eben das gleiche
ausdrückte.

Aber eben in der strengen politischen und bürgerlichen
Tugend.lag die Größe und die geschichtliche Errungenschaft des
alamannischen Stammes. Wie in den engen Schärentälern
und an den Fjorden Skandinaviens der germanische Bauer
Herr des Landes geworden war ohne grundherrlichen Adel über
ihm, so horstete auch der Schweizerbauer im allgemeinen frei
auf seiner Halde und bestimmte noch immer zum guten Teile
den ethnographischen Charakter des Landes. Und doch war er
nicht allein geblieben. In den Paßgegenden, in den Hochebenen
des Landes hatte sich neben ihn die kräftige Bürgerschaft großer
Städte gestellt, und dann war schon seit dem 14. und 15. Jahr⸗
hundert der Gegensatz zwischen Stadt und Land, wenn nicht
üüberwunden, so doch sehr ermäßigt worden: die Zeit der Bauern⸗
kriege schon hatte die Ablösung der bäuerlichen Dienste und
Leistungen gesehen, eine kräftige Gemeindeverfassung des platten
Landes war emporgeblüht, und von den Städten her griffen
        <pb n="338" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 319
die Tuch- und Leinenmanufaktur schon im Mittelalter, die
Seidenindustrie seit dem 15. bis 17. Jahrhundert, die Baum—
wollspinnerei und -weberei ungefähr seit gleicher Zeit, die Uhren—
erzeugung seit dem 17. Jahrhundert zurück auf die Arbeits—
kräfte der Höfe und Dörfer. So bedurfte es denn später kaum
noch jener vielumfassenden Liquidation der mittelalterlichen
Volkswirtschaft, die dem inneren Deutschland in den Anfängen
des subjektivistischen Zeitalters so viel Unbehagen verursacht
hat, und an die Stelle des mittelalterlichen Gegensatzes von
Stadt und Land begann früh ein viel modernerer zu treten: der
zwischen den abgelegenen Tälern mit ihrem Naturzustande und
den offener daliegenden Gebieten moderner Kultur. Es ist der
Gegensatz, der, heute noch nicht überbrückt, seit etwa 1700 be—
sonders wirksam wird und in Namen wie Rousseau und Haller,
Geßner und Pestalozzi, Zschokke und Jeremias Gotthelf, ja in
gewissem Sinne auch noch Gottfried Keller und Konrad Ferdinand
Meyer zutage tritt.

Besonders modern, wie auf staatlichem, war die Schweizer
Entwicklung aber auch auf kirchlichem Gebiete. Ja hier gab
es eine Zeit, in der es schien, als sollte der landeseingeborene,
in hohem Grade freie Zwinglianismus durch eine noch freiere
Richtung ersetzt werden; von Süden und Westen her nahte
schon im 16. Jahrhundert der Antitrinitarismus Servedes und
jener italienischen Humanisten, die, aus Italien vertrieben, sich
in der Südschweiz und in Graubünden niedergelassen hatten:
und nur das energische Einschreiten Calvins in Genf hat die
deutsch⸗schweizerische reformierte Kirche gerettet.

Übersieht man diesen, hier nur mit zwei Worten zu schildernden
inneren Entwicklungsgang der Schweiz, so begreift man wohl,
mit welcher raschen Klarheit und verhältnismäßig sicheren Ruhe
sich das geistige Leben der Eidgenossenschaft entwickeln mußte.
Auch für diese Seite des schweizerischen Daseins galten schon
im 17. und 18. Jahrhundert die Worte Kellers:

Ja, du bist frei, mein Volk, von Eisenketten,
Frei von den Hörigkeiten alter Schande,

Kein Hochgeborner schmiedet dich in Bande,
Und wie du liegen willst, darfst du dich betten.
        <pb n="339" />
        320 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
2. Vornehmlich zutage aber trat diese Schweizer Ent⸗
wicklung und die auf sie hin mögliche geistige Haltung in den
großen Städten des Landes; und unter ihnen ragten schon früh
Basel und namentlich Zürich, dieses auch in seiner partikularen
Entfaltung besonders rasch fortschreitend, kräftig hervor. In der
Zeit aber, die uns hier beschäftigt, war aus dieser allgemeinen
Konstellation für die Gebiete der Phantasietätigkeit und speziell
der Dichtung eine sehr eigenartige Lage erwachsen. Einerseits
hatte man aus altaristokratisch-republikanischem Sinne mit der
neuen Hofkunst der Franzosen rasch abgerechnet: in diesem
Punkte war man überaus modern gewesen. Anderseits aber
hielt man, einem eingeborenen Zuge des alamannischen Stammes
zum Phantastischen folgend, wie er von der Tellsage bis auf
die Tage Böcklins und Kellers erhalten geblieben ist, gern an
den schweren, ja selbst ein wenig an den schwülstigen Formen
des Barocks fest; Reste dieser Formen finden sich noch bei
Haller, und im engeren ist es charakteristisch, daß unter dieser
allgemeinen Stimmung wiederum die Dichtungen der republi—
kanischestädtischen Niederdeutschen, der Hamburger, und vor
allem die Poesie von Brockes in den Schweizer Bürgerschaften
casch beliebt geworden sind.

Was mußte oder konnte nun das Ergebnis dieser beson⸗
deren Mischung bei weiterschreitender Entwicklung sein? In
dem Augenblicke, da das alte Barock schließlich doch erledigt
schien, übersprang man rasch das verstandesmäßige Rokoko und
eilte unter nur nuancierter Abänderung der alten pathetischen
Grundstimmung neuen Zielen einer erst geahnten Gemüts⸗
dichtung zu, die in der Richtung auf ein kommendes subjek⸗
tivistisches Zeitalter lagen.

Dies sind die Umstände, aus denen heraus die Schweizer
in die allgemeine Bewegung der deutschen Dichtung einzugreifen
begannen.
Sie fanden sich aber bei diesen Neigungen und Absichten
gleichwohl nicht ohne Unterstützung durch die Franzosen und auch
die Engländer. In Frankreich hatte man inzwischen gegen den
        <pb n="340" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 321
extremen Rationalismus der Rokokodichtung auch schon zu
kämpfen begonnen; namentlich die Schriften des Abbé Dubos
kamen da in Betracht. Noch mehr aber hatten sich die Eng⸗
länder, spätestens seit der glorreichen Rebolution in rapider
zeistiger Entwicklung auf subjektivistische Ideale hin begriffen,
bereits seit Beginn des 18. Jahrhunderts gegen das bittersüße
Dasein einer verstandesmäßigen Phantasietätigkeit gewendet.
Und ihre Ideenreihen in dieser Hinsicht wurden für die Schweizer
hald wichtiger als die der Franzosen, zumal der englische Geist
früh auch schon in das stammverwandte Niedersachsen ein—
zudringen begann: Brockes bereits ist von ihm berührt worden.
In der Schweiz aber war es zuerst die Stadt Basel, die sich
der neuen Gefühls- und Gedankenwelt auftat, bis Zürich
unter Bodmer und Breitinger, und zwar in spezieller Aus—
einandersetzung mit Leipzig und Gottsched, die Führung über⸗
nahm.
Johann Jakob Bodmer (1698—1788), seit 1725 Pro⸗
fessor der Geschichte und Politik, und Johann Jakob Breitinger
(1701 - 1776), seit 1731 Gymnafialprofessor in Zürich, waren
so wenig Dichter als Gottsched, wenn sie sich auch, wie dieser,
voetisch versucht haben. In dieser Hinsicht waren also auf
beiden Seiten die Kräfte gleich; und in der damit gemeinsam
gegebenen Grundlage war es zugleich beschlossen, daß ein volles
Durchdringen zu den neuen Prinzipien einer subjektivistischen
Dichtung in diesem Streite nicht erfolgen konnte: dazu hätte
es unter den Neuerern eines Dichters von Gottes Gnaden be⸗
durft. Dieser erschien aber erst in Klopstock, und darum wurde
Klopstock in späteren Jahren von den Schweizern als der er—
lösende Geist begrüßt.

Was Bodmer und Breitinger auf Grund der schweizerischen
Traditionen wie aus einem durch diese Traditionen geförderten
Verständnis der Engländer und einiger Franzosen her begriffen,
war, daß die Dichtung nicht auf Fertigkeiten beruhe, sondern
auf Inspiration, daß der Grundbrunnen aller Kunst nicht in
den klaren Wässern des Verstandes, sondern in den quellenden

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. J. 21
        <pb n="341" />
        322 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Strudeln der Phantasie gegeben sei. Es ist der Satz, den sie
immer wieder betonten; darum begannen sie gegenüber den
verstandesmäßigen Lateinern die Griechen zu verehren: an Stelle
Horazens trat Homer, und neben ihn stellten sie, von den Eng—
ländern vornehmlich geleitet und begeistert, Milton und Shake—
speare. Und hiermit verband sich bald eine Würdigung der
Volkspoesie der Engländer, aber auch anderer Völker, der
Lappen, Indianer u. s. w.; denn in ihr wurde die Phantasie
besonders stark, weil unbewußt und unabhängig vom Verstande
schaffend, erachtet. Aus diesem Zusammenhange her erfloß
dann zugleich die stärkste Belebung des Sinnes für das Er—
habene und Pathetische, die Neigung zur Verwerfung aller
lautlichen Zierformen, vor allem des Reims, das Dringen auf
eine besondere, von der Prosa nach Wortstellung und Wort—
schatz abweichende Sprache: kurz die Auffassung der poetischen
Form überhaupt als eines unmittelbaren Ausdruckes der Ein—
bildungskraft.

Das alles waren nun Sätze, mit denen man Gottscheds
Meinung, wie sie in seiner „Kritischen Dichtkunst“ (1729)
niedergelegt war, unmittelbar entgegentrat. Aber daneben gab
es doch ein breites Gebiet, auf dem sich die Schweizer und
Gottsched noch immer zusammenfanden. Trotz ihrer Betonung
der Phantasie hielten nämlich die Schweizer doch daran fest,
daß die Poesie im Grunde, wenn auch mit bedeutsamen Er—
weiterungen des Satzes zugunsten der Zulassung des Wunder—
baren, Nachahmung der Natur sei, gaben also unter den be—
stehenden Verhältnissen den subjektiven Inhalt der Poesie, wie
er durch die Heranziehung der Phantasie im Grunde ge—
wonnen zu werden begann, doch wieder, wenigstens teilweis,
dem Rationalismus Gottscheds preis. Und sehr begreiflich,
daß dem so war: eben dieser subjektive Inhalt konnte, wie
schon oben angedeutet, von keinem Kritiker bewiesen, er mußte
von großen Dichtern anschaulich gemacht, er konnte nicht er—
definiert, sondern nur erschaffen werden.

Da diese Schöpfung aber zunächst nicht eintrat, so mußte
        <pb n="342" />
        Musik und Dichtung im Beginn eines neuen Gemütslebens. 323
der ganze Streit ziemlich wirr verlaufen, und in dem all—
gemeinen sachlichen Wirrwarr mußten schließlich persönliche
Momente überwiegen, — natürlich zu ungunsten der im tiefsten
UÜberwundenen, Gottscheds und seines Anhanges. Doch ist hier
nicht der Ort, so wie es überhaupt keine historische Auf—
gabe höheren Stiles ist, die Einzelheiten dieses Streites dar—
zustellen. Wenige Worte über ihn werden genügen. Die
Auseinandersetzung begann im Grunde schon im Jahre 1721
mit dem Erscheinen der schweizerischen Zeitschrift „Die Dis—
curse der Mahlern“, wenn auch hier bei den Schweizern selber
die rationalistisch-individualistische Auffassung der Dichtung
noch durchaus im Vordergrunde stand; sie wurde weiter ge⸗
fördert gelegentlich Bodmers Übersetzung des Miltonschen
„Paradieses“ (1732), und sie wurde akut mit dem Erscheinen
von Breitingers „Kritischer Dichtkunst“ im Jahre 1740, einem
Buche, das, ohne Gottsched zu nennen, seine Prinzipien
aufs entschiedenste und nicht ohne sie verächtlich zu machen
angriff.

Und das Unglück wollte für Gottsched, daß sich etwa gleich⸗
zeitig mit dem Erscheinen dieses Buches auch die üblen Folgen
einer mehr als zehnjährigen literarischen Diktatur, die er über
Deutschland in Anspruch genommen hatte, und der seine
zeistigen Kräfte bei aller Energie nicht gewachsen waren, zu
dußern begannen: auf dem eigensten Gebiete seiner Tätigkeit,
auf dem der dramatischen Reform, wurde er angegriffen.
Und zwar von der Neuberin. Diese energische Theater⸗
direktorin, die sich von Gottsched verletzt glaubte, brachte ihn
und seinen Streit mit den Schweizern in seiner Gegenwart zu
Leipzig selbst mit einem für Gottsched keineswegs schmeichel⸗
haften Erfolge auf die Bühne (1741). Und der szenische
Skandal wurde dann durch Rostens und Pyras Schriften
(„Das Vorspiel“ 1742; „Erweis, daß die G. tsch. dianische
Sekte den Geschmack verderbe“, 1748) mindestens für Mittel⸗
deutschland zu einem literarischen erweitert, und diesem folgte
1744 die Sezession einer Anzahl jüngerer Dichter, die sich

21*
        <pb n="343" />
        224 Zwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
nunmehr dem Protektorat Gottscheds entzogen und nach der
von ihnen begründeten Zeitschrift, den „Bremer Beiträgen“,
in der Literaturgeschichte unter dem Namen der Bremer Bei—
träger bekannt sind. Gottsched führte hiernach den Kampf
noch verzweifelt und sieglos fort, bis er schließlich völlig
vereinsamt und seinen Mitbürgern zum Spott geworden im
Jahre 1766 gestorben ist.
        <pb n="344" />
        Viertes Kapitel.
Weitere musikalische und literarische Ubergänge;
Ausgang der Phantasietätigkeit des
individualistischen Zeitalters.

Mit dem Streite zwischen den Schweizern und Gottsched
war der Kampf zwischen der völlig abgeklärten dichterischen
Lehre des individualistischen Zeitalters und der noch unsicher
und undeutlich gärenden poetischen Auffassung des subjek—
tivistischen Zeitalters wenn nicht eröffnet, so doch als gewißlich
kommend angedeutet. Er hat sich dann noch jahrzehntelang
hingezogen, und erst das tiefere Erringen eines wirklich pfycho—
logischen und philosophischen Verständnisses des Seelenlebens
des neuen Zeitalters hat ihn endgültig entschieden.

Inzwischen aber war die Zeit des Überganges in viel frucht-
barerer Weise auf einem anderen Gebiete eingeleitet worden, auf
dem Gebiete der Musik. Denn nicht in Theorien schritt man hier
vorwärts: die Musik hatte während des ganzen Verlaufes des
individualistischen Zeitalters die Ausnahmestellung eingenommen,
daß fie sich nicht rationalisieren ließ. Vielmehr schöpferisch,
produktiv tat man auf diesem Gebiete den großen Schritt hin
auf das neue Zeitalter: und auf der Grenze zwischen alt und
neu, zumeist an den alten Formen festhaltend, überall aber sie
mit Ahnungen des Zukünftigen erfüllend, stehen zwei große
Meister, deren Werke uns im tiefsten Grunde noch immer
        <pb n="345" />
        326 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
unmittelbar verständlich aus der ersten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts herübertönen: Händel und Bach.

Wir haben die innere Entwicklung der deutschen Musik in
dem Augenblicke verlassen, da der erste Versuch einer deutschen
Oper in Hamburg scheiterte. Er scheiterte nicht so sehr an der
Unzulänglichkeit der für den Zweck aufgebotenen musikalischen
Mittel, als an sozialen Hindernissen und an der Unfähigkeit
der Dichtung, der Musik zu Hilfe zu kommen; die Librettisten
versagten, und die Oper ging im Spektakelstück unter. So war
es denn zunächst zu keiner deutschen Oper gekommen, und die
musikalischen Empfindungen hatten sich, soweit sie dramatischer
Natur waren, in die große Kirchenkantate, die Vorgängerin des
Oratoriums, geflüchtet.

Inzwischen aber hatten sich in Italien, noch immer dem Lande
größten technischen Fortschrittes in der musischen Kunst, die musi⸗
kalischen Ausdrucksmittel von neuem ungemein vervollkommnet.
Vor allem der Sologesang war auf eine unerreichte Höhe der
Technik gehoben worden; seit der zweiten Hälfte des 17. Jahr⸗
hunderts in den römischen und neapolitanischen Schulen für
die Kammer wie die Buhne gleich hoch entwickelt, hatte er
neben allem Künstlich-Virtuosen doch auch an Ausdrucksfähig⸗
keit gewonnen; um 1700 sah man von der erreichten Höhe auf
die Leistungen des 16. Jahrhunderts als völlig überwunden
zurück. „Vorher hatten die Sänger,“ sagt Pietro della Valle von
dieser Zeit, „außer ihren Trillern, Passagen und etwa einer
guten Stimme keine andere Kunst im Gesange als piano und
forte, crescendo und decrescendo; aber die Leidenschaften

und den Sinn der Worte durch den Ton der Stimme aus—
zudrücken, vermochten sie nicht“. Eben diese Fähigkeiten waren
jetzt gewonnen: ein erneuter Aufschwung der Musik war
ermöglicht.
Neben der Hebung des Sologesanges aber war in dieser
Periode auch nicht minder eine intenfivere Verwendungsfähigkeit

Bei Doni II, 256; zit. v. Donner 2 S. 441.
        <pb n="346" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 327
der Instrumente erreicht worden. Zwar die Kapellen waren noch
tlein und die Zahl der Tonwerkzeuge wurde gegen früher sogar
vermindert: namentlich die Blasinstrumente erlitten eine Be—
schränkung auf Flöten, Fagotte, Trompeten, Posaunen und den
kirchlich gebrauchten Zink, wozu seit Ende des 17. Jahrhunderts
noch Oboen und Hörner, seit Mitte des 18. Jahrhunderts auch
Klarinetten kamen; vorherrschend wurden die Saiteninstrumente.
Aber innerhalb dieser, denen sich noch Orgel und schließlich auch
schon Klavier zugesellten, lernte man sich auskennen; immer tiefer
bersenkte man sich in ihre Eigenheiten, immer stärker erweiterte
man ihre Technik, immer mehr verfeinerte und vervielfachte
man ihre Kombinationen und Klangwirkungen.

So konnte sich schon ein konzertierender Stil entwickeln;
und die Instrumentalmusik begann aus der bisher bestehen—
den Dienstbarkeit gegenüber der Vokalmusik leise herauszutreten.
Dabei gewannen vor allem die Orgel und das Klavier, daneben
aber auch die Violine eine führende Stellung, — die Orgel in
dem Sinne, daß sie namentlich für die sinnvolle Ausgestaltung
des Chorals ein eigenes Orchester bildete, das Klavier teilweis
ähnlich zunächst für den Tanz, die Violine endlich als Dominante
innerhalb des instrumentalen Orchesters!.

Es sind, sehen wir von der Orgel ab, die der Kirchengemeinde
verblieb, die ersten, noch unbestimmten Anfänge der instrumentalen
Kammermusik; sie liegen in der zweiten Hälfte des 17. Jahr—
hunderts. Und schon bildeten sich für diese neue Formen. Vom
Klavier und von der Orgel her, die für die Ausbildung des Klaviers
teilweis vorbildlich war, ergaben sich die Fuge, die Phantasie,
die Toccata. Für die übrigen Instrumente war der Tanz die
früheste selbständige Form gewesen?. Man bebhielt sie bei; in—
dem aber die Allemanden, Bourées, Ciacconen, Gavotten,
Menuetts, Passacaglien, Pavanen, Polonaisen, Sarabanden

Der Vorherrschaft der Saiteninstrumente im Orchester entspricht der
noch dünne, harfenartige Ton des Spinetts auch in seiner Ausbildung
schon zum besten Kielflügel.

2 S. dazu auch Bd. VI, S. 219 ff.
        <pb n="347" />
        328 Ʒwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
nicht mehr getanzt wurden, erweiterte man ihre rhythmischen
Teile, punktierte sie sorgfältig aus und erhielt so freier charakte—
risierte Musikstücke, denen nur noch gewisse Eigenarten des
früheren Tanzes verblieben.

Und diese Einzelstücke verband man dann, etwa durch eine
Toccata oder ein Präludium eröffnet, zu einem in sich nach
Rhythmus, Toncharakter und Stimmung harmonischen Ganzen
und erhielt so die erste groß angelegte Kompositionsform der
Instrumentalmusik, die Suite: schon in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts erscheint sie entwickelt.

Indem aber die Instrumentalmusik diese Entwicklung

nahm, war es gegenüber dem so verschiedenartigen Klangcharakter
der einzelnen Tonwerkzeuge kaum mehr möglich, an der alten
Polyphonie des Kontrapunktes festzuhalten; man mußte ihre
Gebundenheit verlassen und zum modernen homophonen Stil
übergehen, d. h. zu derjenigen Satzart, in der wesentlich nur
eine einzige melodieführende Hauptstimme herrscht, während
die andern nur begleitende Nebenstimmen sind. Und bald wurde
für diese ganz neue Musik, welche einen vollen Bruch mit aller
Vergangenheit bedeutete, auch eine leidlich orientierende Theorie
gefunden. Im Jahre 1722 gab Jean Philippe Rameau, der
größte Nachfolger Lullys und Vollenber der französischen Oper des
—18. Jahrhunderts, seinen „Traité de l'harmonie“*“ und 1726
sein „Nouveau système de musique théorique“ heraus. In
diesen Werken werden aus der Sympathie (dem Mitklingen)
der Töne als einem Naturgesetze die Beziehungen der Töne zu⸗
einander und ihre Verbindungen zu Intervallen und Akkorben
hergeleitet, und indem der Terzenaufbau als Grundlage aller
Akkordbildungen angenommen wird, wird der Kern einer Akkord—
lehre geschaffen, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts
fast unbestritten geherrscht hat.

Es ist die theoretische Eingangspforte zu einer neuen
Musik; eröffnet ward diese durch die intensivere musikalische
Verwendung einer Mehrheit von Tonwerkzeugen neben der
menschlichen Stimme. Doch nicht alsbald ut 'die ausübende
        <pb n="348" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 329
wie die schöpferische Musik völlig über die freigelegte Schwelle.
Vielmehr, wie oft in Übergangszeiten, fanden sich Meister, die
mit der Vollreife der Kunst der Vergangenheit die ahnungs—
volle Wiedergabe von Wirkungen des Kommenden verbanden.
Und in diesem Falle waren es Deutsche und waren es
Genies, Händel und Bach. Ein sich ergänzendes Dioskuren—
paar, schließen sie die alten und eröffnen sie neue Zeiten der
deutschen Musik.
Georg Friedrich Händel, im Jahre 1688 zu Halle geboren,
war ein Zögling der strengen deutschen Organistenschule;
Zachau in Halle war sein Lehrer; und er selbst hat später nach
dem Urteil kompetenter Zeitgenossen neben Bach zu den gewal—⸗
tigsten Organisten gehört, wenn auch die von ihm erhaltenen
Orgelwerke ein Urteil über seine Bedeutung nicht mehr ge—
statten. Von Haus aus aber war Händel, ein schroffer, ruhelos
allem Edlen zugewandter Geist, an erster Stelle dramatisch be—
anlagt. So trieb es ihn schon früh, in den Jahren 1703 - 1706,
zur Hamburger Oper!. Von Hamburg ging er mit wenigem
Ersparten nach Italien, von da 1710 zum ersten Male nach
London, wurde dann 1712 Kapellmeister in Hannover, reiste
von neuem, nahm 1717 eine Kapellmeisterstelle beim Herzog von
Chandos in Cannons an und setzte sich endlich seit 1720 in
London fest. Hier ist er, in hohem Alter des Augenlichts be—
raubt, im Jahre 1759 gestorben.

Händel war, als er in seine Londoner Tätigkeit und da—
mit in die große Zeit seines Lebens trat, viel gereist und viel
erfahren. Er kannte die deutsche, französische und italienische
Musik, vor allem die Oper. Und zur Bebauung des Gebietes
der Oper besonders fühlte er sich hingezogen; von 1720 bis
1740 hat er die Londoner italienische Oper mehr oder minder
leitend, durch die wechselreichsten Schicksale hindurch, anfangs
im schärfsten Wettbewerb mit italienischen, später auch mit
deutschen Musikern, namentlich Hasse, beeinflußt.

S. oben S. 295.
        <pb n="349" />
        330 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Er hat dabei in den zahlreichen Opern, die er schrieb,
nicht eigentlich einen neuen Stil entwickelt. Er brachte nur
durch ernstere Auffassung und die Kunst, bei vielseitigster musi—
kalischer Formgebung Tragisches dennoch schlicht ergreifend zu
berichten, sowie durch Einschmelzung einzelner Elemeute der
französischen Oper die italienische Oper in deutschem Geiste zur
Vollendung. Nicht die Weiterbildung der Oper ins dramatisch
Lebendige, sondern vielmehr ihre innere Durchbildung ins musi—
kalisch Schöne, Charakteristische, Freie ist ihm zu danken.

Bei solcher Behandlung des Dramatischen war Händel
ohne weiteres, zumal als Meister der Orgel, auf die An—
wendung der ernsthaft genommenen Kunstmittel der Oper auch
auf ernste Stoffe hingewiesen, mochten diese nun der biblischen
Tradition oder der antiken Mythologie angehören. Und indem
er dieses Weges zog und Stoffe der genannten Art in dem zum
bloßen Konzertsaal umgewandelten Bühnenraume heimisch machte,
ward er zum Schöpfer des großen Oratoriums.

In den Jahren 1732 bis 1734 brachte er zu London und
Orxford seine ersten Werke dieser Art, die „Esther“, die
„Deborah“ und die „Athalia“, zur Aufführung; ihnen folgte
nach anderen alttestamentlichen und allegorischen Stoffen 1741
der „Messias“, neben „Israel“ (vom Jahre 1788) und „Judas
Makkabäus“ (vom Jahre 1746) wohl die Krone seiner Ora—
torien.

Die Händelschen Oratorien sind nicht eigentlich Kirchen⸗
musik, und jedenfalls weisen sie, insofern sie im weiteren Sinne
diesem Begriffe angehören, fast alle musikalischen Ausdrucks—
mittel der gleichzeitigen Oper auf. Nur daß diese Mittel ver—
geistigt erscheinen, und daß das Maß ihrer Anwendung im
einzelnen von dem in der Oper gebräuchlichen verschieden ist.
Vor allem wird der Chor ganz anders betont. War er in der
italienischen Oper zugunsten des Bravourgesangs stark ver—
nachlässigt worden, spielte er auch in der französischen Oper

trotz stärkerer Verwendung keine entscheidende Rolle, so tritt er in
Händels Oratorien fast im Sinne des Chors der griechischen
Tragödie auf: miterlebend, teilnehmend, ins Allgemeine er—⸗
        <pb n="350" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 331
weiternd. Und ein so gewaltiges Oratorium wie der „Israel“
ist fast ganz aus imposanten, sich überbietenden Chormassen
aufgetürmt.

Daneben aber nahmen auch die Ausdrucksmittel für die
Einzelstimmen eine eigenartige Form an. Für sie bestand nicht
das opernhafte Bedürfnis einer springenden Charakteristik je
nach den einzelnen Gesten der handelnden Person; da mit ihnen
unsichtbare, häufig für unser Gefühl halb oder ganz tran—
szendente Personen, wie Christus oder die Apostel, darzustellen
waren, so mußten sie mehr typisch als subjektiv gewandt werden.
Und hiermit wurde ihnen eine Aufgabe gestellt, der sie eben
zur Zeit Händels im höchsten Grade gewachsen waren: Unüber—
treffliches hat Händel darum grade in den Arien seiner Oratorien
geschaffen.

Aber auch für die Tonmalerei sind die Ausdrucksmittel bei
Händel schon glänzend entwickelt. Wunderbar ist in dieser Hin—
sicht z. B. die Schilderung der ägyptischen Plagen im „Israel“.
Mit welcher Sicherheit ist da doch der Ekel gemalt, als jeder
Trank Wassers zu Blut wurde, und mit welchem Schauder erfüllt
die Musik, die von der Finsternis berichtet! Gleichwohl er⸗
scheinen grade in diesen Versuchen doch auch die Grenzen der
Zeit: die Skala der Empfindungen, die durch die Musik völlig
zum Ausdruck gebracht werden, ist noch gering, der Ausdruck
3. B. des Schrecklichen, Grausigen, Übermächtigen, überhaupt
der völlig extremen Stimmungsgehalte noch nicht gefunden. Im
ganzen überwiegt noch das Liebliche, Anmutige einer Zeit des
Rokoko; und auch in entgegengesetzten Stimmungen bricht es
in Spuren immer wieder durch.

War Händel der dramatische, objektive, das Typische wieder⸗
gebende und weiterbildende Meister der ernsten Musik seiner
Zeit, so darf Bach als der lyrische, schon stark subjektiv gewandte
musikalische Herzenskünder derselben Periode bezeichnet werden:
abschließend, wie Händel, zugleich aber vorwärtsweisend in
ein neues Zeitalter musikalischer Empfindung, hat er geschaffen.

Eng aufs Heimatliche begrenzt war Johann Sebastian
Bachs Leben gegenüber dem Händels. Sproß einer durch sechs
        <pb n="351" />
        332 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Menschenalter hindurch unglaublich fruchtbaren und musikalisch
begabten thüringischen Organisten- und Kantorenfamilie, deren
Stammoater einst gleich dem Vater Dürers aus Ungarn zu—
gewandert war, ist er im Jahre 1685 27 Tage nach Händel
zu Eisenach geboren und hat dann, nach einigen Organisten—
und Kapellmeisterstellungen im Thüringischen und Anhaltischen,
die wichtigsten siebenundzwanzig Jahre seines Lebens, bis zu
seinem im Jahre 1750 erfolgten Tode, als Kantor an der
Leipziger Thomasschule zugebracht.

Ein Dasein, das vor allem auf sich gewiesen war, auf
klare Betätigung im Kreise einer zahlreichen Familie (Bach
hat zwanzig Kinder gehabt), der Schule und des kleinen,
aus den vier Stadtpfeifern, drei Kunstgeigern, einem Gesellen
und etwa zwanzig brauchbaren Sängern bestehenden Kirchen⸗
musikchors von St. Thomas . Ein Dasein aber, das, in diesem
Rahmen völlig aufgehend, aus sich heraus die höchsten Ideale
ernster Musik, vor allem im Sinne gesunder Regungen des
protestantischen Pietismus, zu erreichen gesucht hat.

Bach ist schöpferisch aufs Fruchtbarfte tätig gewesen, noch
fruchtbarer wohl als Händel. Nur einen Teil der reichen Er⸗
zeugnisse seiner Phantasie besitzen wir noch, unter fünf angeblich
von ihm herrührenden Passionen zum Beispiel nur zwei. Aber
was sich erhalten hat, gestattet doch noch, seine ganze Tätigkeit
zu überblicken.

Sie gehört vor allem der Kirche oder richtiger gesagt dem
objektiv und dogmatisch gefaßten protestantischen Glauben an, und
sie bevorzugt demgemäß die Vokalmusik, obgleich die Instru—
mentalmusik nicht vernachlässigt ist, ja ihre Gesetze bisweilen
schon dem Gesange aufgedrungen erscheinen. Dabei ist kein Ge—
biet protestantischer Kirchenmusif vernachlässigt; jedwede Weise der
vokalen und instrumentalen Behandlung des Chorals findet sich,
wie denn der Choral für Bach etwa die Bedeutung gewann, die für
Palestrina der gregorianische Kirchengesang gehabt hatte; und
neben den Choral treten Messen und Motetten; auch die große

S. dazu oben S. 306.
        <pb n="352" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 333
Kantate wird gepflegt, und die Traditionen der Schützschen
Periode werden in den Passionen fortgesetzt und vollendet.

Neben der Kirchenmusik aber steht, vor allem ins Instru—
mentale gewendet, doch auch eine große Masse weltlicher Ton—
werke: Tokkaten, Präludien, Tänze, vor allem Klavierwerke,
das „Wohltemperierte Klavier“ an der Spitze.

In all diesen Schöpfungen einer niemals ermattenden
Muse zeigt sich Bach als derselbe gefühlsinnige Lyriker und
ttrenge Musiker zugleich; den Kontrapunkt beherrschend wie
—AVDD
er sich doch zugleich im reichsten Flusse melodischer Erfindung
und ergreifender homophoner Harmonisierung des Erfundenen
wie des reich überlieferten Schatzes der protestantischen Choräle.
Dabei bleibt er gleich einfach und ursprünglich, mag er sich um
die Technik des Klaviers bemühen oder sich den heiligen Ge—
heimnissen der Offenbarung mit der Innigkeit des protestantischen
Vietismus nahen.

Wie führt doch die „Matthäuspassion“, die im Jahre 1729
zum ersten Male in der Leipziger Thomaskirche aufgeführt
wurde, in die Geheimnisse dieses reichen Gemütes und dieser
weiten Begabung ein! Ihre drei Bestandteile, der Bibeltext,
die Choräle und die Beiträge einzelner Stimmen aus der Ge—
meinde, sind in verschiedenstem Sinne behandelt. Wirkt die
Musik des Bibeltextes wie ein quadergefügter Bau, fest und
dem Persönlichen unzugänglich, ist Christus in ihm heroisch
aufgefaßt, als übermenschlicher Heiland ohne jede Spur musi—
kalischer Süße, so beruht die Behandlung der Choräle schon
auf der persönlich sichern Gewißheit des protestantischen Glaubens
des 16. und teilweis noch des 17. Jahrhunderts, während sich
die Gemeindestimmen bereits ganz in der innig ergreifenden
melodiösen Art der Jesuslieder des Pietismus bewegen: auch der
Text bezeichnet hier Christus einmal, in der Gewalt seiner
Feinde, als „Lamm in Tigerklauen“.

Neue Formen des musikalischen Ergusses von Grund aus
hat Bach dabei nicht geschaffen: er war innerhalb der herkömm⸗—
lichen Gattungen tätig; aber er erfüllte sie mit dem höchsten,
        <pb n="353" />
        334 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
noch eben denkbaren individualistischen Tonempfinden, wie er
denn schon d ramatisierende und konzertierende Elemente und damit
die Schilderung und die Wirkung durch die Gegensätze kannte.
Das gilt von den einfachen Sätzen seiner Choralkunst, soweit
sie die Liedform beibehalten, wie von den wunderbaren mehr⸗
stimmigen Tonsätzen derselben Kunst mit eingeflochtenem
Cantus sirmus, als deren Perle das „O Lamm Gottes, un—
schuldig“ in der „Matthäuspassion“ angesehen werden kann;
das gilt auch von seinen Kantaten und den großen Sätzen
beider Passionen.

Aber bei aller Freiheit hält Bach da, wo er sich am
vollsten nach Phantasie wie Kunst gibt, doch fest an der indi—
viduell durchgebildeten Mehrheit selbständiger Stimmen, am
polyphon gebundenen Satze: die Freiheit der einzelnen Stimmen—
führung ordnet sich noch dem allgemeinen musikalischen Gedanken
unter, wie das religiös-pietistische Leben der Zeit dem Dogma⸗—
tismus: die thematische Arbeit innerhalb der gebundenen Sätze
bleibt, ist sie auch persönlich im höchsten Grade subjektiviert
und durchgeistigt.

So steht Bach an der Grenze der Zeiten; sieht er in jenen
wunderbaren, meist kleineren Tonstücken freien Satzes schon in
das Land der Zukunft, so bleibt er doch vor allem der Meister
der höchsten Vollendung eines Stiles, der in seinen einfachsten
Anfängen noch zurückschaut bis in die Zeit der ersten, halb
mathematisch, halb musikalisch gedachten Tongewebe des 12. und
13. Jahrhunderts.

II.
Nicht so klar und so einfach wie in der Musik war der
Verlauf der leisen Regungen eines neuen Lebens in der
Dichtung. Denn weit mehr als dort spielten hier die
Mächte der Vergangenheit herein. Nicht nur daß die
poetische Lehre und Praxis sich den Anforderungen der ratio—
nalen Elemente des individualistischen Zeitalters ganz anders
angepaßt hatte als die Musik, daß ferner die Renaissance des
        <pb n="354" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 335
15. und 16. Jahrhunderts in das Leben der Gegenwart noch
mit den Forderungen auch römisch-antiker Poetik hineinragte:
auch der Aufschwung des neuen Lebens entfaltete sich nicht ohne
neuen Zusatz aus dem unerschöpflichen Borne der nationalen
Vergangenheiten der antiken Kultur.

Indem man leise der Entfesselung der Phantasie in einem
neuen Zeitalter der Dichtung zuzustreben begann und sich,
in den ersten Anfängen dieser Bewegung, nur noch binden
wollte an die subjektive, durchaus persönliche Aufnahme reiner
Eindrücke der Natur, glaubte man, was man erstrebte, als
von den Griechen einstmals schon erreicht zu sehen: reines
Griechentum und reine Natur erschienen so zuerst den
Schweizern, bald aber auch andern als gleichartige, ja als
identische Begriffe. Und so erfaßte man, indem man sich neuen
Idealen mit noch unbewußtem Ahnen näherte, mit aller Seele
den fernen Zauber der griechischen Poesie, und den verhallen—
den Einflüssen der wesentlich römischen Renaissance des
16. Jahrhunderts folgten, enthusiastisch begrüßt, die zunehmen—
den Wirkungen einer neuen, hellenischen Wiedergeburt.

Im Beginn des 18. Jahrhunderts waren die klassischen
Studien, die sich aus der Humanistenzeit in Mittelschulen und
Hochschulen gerettet hatten, allenthalben verfallen. Die deutsche
Philologie war auf einem Tiefpunkt angelangt, die letzte Blüte der
niederländischen klassischen Gelehrsamkeit begann zu verwelken!.
In den Mittelschulen trieb man fast nur noch Latein, Griechisch
eigentlich nur noch zum Verständnis des Neuen Testamentes;
daneben wucherte üppig die christliche Dogmatik empor, und die
Religion war zu einem Gegenstand nicht mehr der Erziehung
und des Empfindens, sondern der Überlieferung und des
Wissens geworden.

Auch in dem, was man bald anfing, schöne Wissenschaften
zu nennen, hatte die Antike um diese Zeit ihren unmittelbaren
Einfluß fast ganz verloren. Während die römische Renaissance
des 16. Jahrhunderts bei den romanischen Völkern allenthalben

S. Bd. VI, S. 161.
        <pb n="355" />
        336 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
und auch unter Germanen bei Engländern und Niederländern
eine nationale Kunstdichtung von Bedeutung hervorgerufen
hatte, war die entsprechende Bewegung im inneren Deutschland
nicht so sehr ursprünglich von dem Studium der Alten, wie
von dem Studium der romanischen Nachahmer derselben,
doppelt abgeleitet also und darum doppelt trübe, ausgegangen:
und im wesentlichen herrschten schließlich die Grundsätze und
Anweisungen der Franzosen. Und dies galt gleichmäßig für
die bildenden Künste wie für die Dichtung.

In diesen Zuständen, in dem Verfall der antiken Studien
und der antiken Nachahmung zugleich, konnte, falls nicht eine
unmittelbare Anknüpfung an die antiken Denkmäler in Italien
und Griechenland gelang, wie sie dieser Zeit wenigstens in
Deutschland zunächst noch fern lag, eine Anderung nur ein⸗
treten durch eine neue Renaissance auf dem Gebiete der antiken
Literatur.

Und hier brachte nun die Aufklärung in der Tat eine
veränderte Betrachtung. Zunächst war klar, daß sie einer neuen
Renaissance an sich nicht feindlich entgegenzustehen brauchte.
In seinen Anfängen während des 16. Jahrhunderts hatte sich
der Rationalismus mit Erfolg der Beihilfe der Alten bei
seinen. ersten Kämpfen gegen das Dogma wie bei der Entwick—
lung eines natürlichen Rechts und einer natürlichen Sitten⸗
lehre bedient: ein Neostoizismus war damals kräftig empor⸗
gediehen. Dann hatte die Renaissance des 16. Jahrhunderts
sich ausgelebt, und der Rationalismus hatte seit dem Empor⸗
kommen der Naturwissenschaften, seit Mitte des 17. Jahrhunderts,
nunmehr bald in der Form philosophisch gestützter Aufklärung,
den Kampf gegen Dogma und schließlich auch Offenbarung allein

fortgesetzt. Dabei war er seit etwa 1720 im siegreicheren Fort⸗
schreiten begriffen: sollten sich nun von dieser Seite her Be⸗
denken gegen ein Wiederaufleben der alten humanistischen
Kampfgenossenschaft ergeben haben?
Im Gegenteil: die Aufklärung bedurfte einer neuen Re—
naissance als Ergänzung. Die Aufklärung war ein Kind der
Wissenschaft; sie beschränkte sich ihrem Wesen nach eigentlich
        <pb n="356" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 337
auf das intellektuelle Gebiet. Aber die ästhetischen Interessen
waren darum, ewig wie sie im Urbedürfnisse der Menschenseele
begründet sind, keineswegs ausgestorben. Nur im Verfall be—
griffen waren sie, namentlich insoweit sie eine Beziehung zur
Antike hatten: sie nährten sich noch immer von der alten,
lateinischen, römischen, in der Kunsttheorie rationalistisch ge—
wandten Renaissance; aber schon sah man den Todesengel an
ihnen vorüberziehen; ihre Formen waren abgegriffen und bis
zur letzten denkbaren Kombination abgewandelt, und jeder
ernstere Inhalt war ihnen entflohen. So bedurfte es neuer
Anregungen, um sie zu fördern und zu beleben, und früh
schon, namentlich auf dem Gebiete der Dichtkunst, wurden sie
grade von rationalistisch charakterisierten Geistern wiederum bei
den Alten gesucht. Aber nun freilich, da diese erste Anregung
doch eben von ästhetischer und das heißt im tiefsten Grunde
gefühlsmäßiger Seite ausging, wie die ganze griechische Re—
naissance der späteren Zeit wesentlich auf die Phantasietätigkeit
der Nation gewirkt hat, nicht bei den Römern, sondern bei den
Griechen, nicht bei den Vertretern des geharnischten Intellektes
der Antike, sondern bei den unübertroffenen Meistern des schönen
Scheins.

Wollte man aber in Deutschland die Schätze der Griechen
heben, so war das möglich nur auf dem Wege philologischer
Gelehrsamkeit, durch tieferes Eindringen also zunächst und vor
allem in ihre Literatur. Und so führten denn die ersten
Schritte auf dem Wege zu einer neuen Renaissance, ganz im
Gegensatz zu der Entwicklung der humanistischen Renaissance,
nicht zu einem erneuten Durchleben des Altertums, zu einem
enthusiastischen Aufgehen in eine Kultur, der man sich in jeder
Hinsicht unterlegen glaubte — schon hatte Bacon inzwischen das
harte Wort gesprochen, daß die Neueren die Alten überholt hätten —,
sondern zunächst nur zu einem Wiederaufleben des Betriebes
der philologischen Gelehrsamkeit!. Und damit nahmen denn

Erst später treten dann wohl Ineinssetzungen moderner Persönlich—
keit und antiker Kultur, wie sie zur Humanistenzeit fo zahlreich begegnen,
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 22
        <pb n="357" />
        338 Zwanzigstes Buch. vViertes Kapitel.
diese Anfänge auch von vornherein sehr im Gegensatz zu ihrer
späteren Wirkung den rationalistischen Charakter des wissen⸗
schaftlichen Betriebes der Zeit überhaupt an. Aber zu keiner
Zeit auch der späteren Entwicklung dieser Renaissance hat sich
verkennen lassen, daß sie an erster Stelle gelehrten Konzeptionen
ihr Leben verdankt hat.
Das, was die ersten Gelehrten der neuen Bewegung in
den Schriften der Alten, vor allem der Griechen, zunächft
suchten, waren daher nicht mehr bisher unerreichte ästhetische
Lebensideale, deren Nachahmung etwa eine ganz neue Stufe
der geistigen Entwicklung hätte einleiten können, sondern nur
Vorbilder, an denen man den modernen Geschmack zu stärken
und vor allem, da man nun einmal im Zeitalter der Auf—
klärung lebte, sein Urteil zu schärfen imstande sei: formal also
und intellektuell vor allem sollten die Griechen der modernen
Entwicklung weiterhelfen. In diesem Sinne sagt zum Beispiel
Ernesti in seinen „Initia doctrinae solidioris“ (1755): „Wer
aber die Alten nach vorgeschriebener Art lieset und dabei die
Gründe von der Mathematik studieret, bekömmt geübte Sinnen,
das Wahre von dem Falschen, das Schöne von dem Unförm—
lichen zu unterscheiden, allerhand schöne Gedanken in das Ge—
dächtnis, eine Fertigkeit anderer Gedanken zu fassen und die
seinigen geschickt zu sagen, eine Menge von guten Maximen,
die den Verstand und Willen bessern, und hat den größten
Teil desjenigen schon in der Ausuübung gelernet, was ihm in
einem guten Compendio philosophiae nach Ordnung und
Form einer Disciplin gesagt werden kann, daher er in einer
Stunde sodann mehr Gründliches lernt, als er außerdem in
ganzen Monaten und Wochen fassen würde.“ Und ähnlich
äußert sich noch 1780 Christian Georg Heyne in seiner Nach⸗
richt von der gegenwärtigen Einrichtung des königlichen

auf; und auch dann nur auf Zeit und vereinzelt. So schreibt z. B.
Nicolai, als er im Jahre 1757 mit M. Mendelssohn in Berlin zusammen
den griechischen Homer kennen lernte: „Die erste Lesung der Ilias und
Odyssee tat auf mich eine wunderbare Wirkung; ich lebte eine Zeitlang in
Troia und Ithaka.“
        <pb n="358" />
        Weitere musikalische und literarische übergänge. 339
Paedagogii zu Ilfeld: „Indem wir die Alten lesen, indem man
die Sätze auflöset, von ihrem Schmuck entblöset, auf die blose
logische Enunziation zurückbringt, indem ihr wahres oder schein—
bares bestimmt wird: lernen wir selbst richtig denken und
uns richtig ausdrücken.“

Diese zunächst sehr bescheidene formale Heranziehung der
Alten, ursprünglich bei weitem mehr vom aufklärerischen
Nützlichkeitsprinzipe als von gemütreichen Bedürfnissen höherer
ästhetischer Forderung ausgehend, trat nun naturgemäß zuerst
in den Hauptsitzen der Aufklärung ein, in den sächsisch- thü—
ringischen Ländern, und damit zugleich im Zentrum der lite—
rarischen und pädagogischen Bewegung seit dem 16. Jahrhundert.
Hier, in einigen alten gutgehaltenen Gymnasien und in den
Fürstenschulen Kursachsens, wo sich der Betrieb der klassischen
Sprachen besser als an vielen Orten sonst erhalten hatte, legte
man auf diese Studien seit den ersten Jahrzehnten des
18. Jahrhunderts wiederum mehr Wert; und wir erleben das
Ergebnis mit, wenn wir Gellert 1734 aus der Fürstenschule
S. Afra zu Meißen, in die Lessing 1741 eintrat, hervorgehen
sehen, und wenn wir erfahren, daß Klopstock 1789 in Schul—
pforte aufgenommen wurde, das die Gebrüder Schlegel 1739
ind 1741 verließen: eng hängen die erften Vertreter des
griechischen Einflusses in neuerer Literatur mit diesen Schulen
zusammen. Neben den Schulen aber begannen sich die Uni—
versitäten des Landes in gleicher Linie vorwärts zu be—
vegen, Jena und Leipzig; und auch sie waren dem huma—
naistischen Betriebe der Wissenschaften niemals gänzlich entzogen
worden.

Auf den Hochschulen aber konnte nun für die weitere
Entwicklung an den bisherigen allgemeinen Verlauf der alt—
philologischen Wissenschaft namentlich auch in den Nieder—
landen angeknüpft werden. War die holländische Philologie des
17. Jahrhunderts in der fast ausschließlichen Hingabe an
lateinische Studien erstarrt gewesen, so hatte auf, sie seit
dem zweiten und dritten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts die
englische Philologie, damals ganz unter dem Einflusse Bentleys,

29*
        <pb n="359" />
        340 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
befreiend zu wirken begonnen. Unter diesem Einflusse war
man vor allem in ein nachhaltiges Studium des Griechischen
eingetreten. Und dabei wurde dieses Studium nicht mehr auf
das Neue Testament und sonstige theologisch wichtige Autoren
beschränkt: die Philosophen und Dichter vielmehr wollte man
vor allem verstehen lernen, von Homer bis herab zu den großen
Tragikern. In dieser Richtung hat in erster Linie Tiberius
Hemsterhuis (16883— 1766) gewirkt; er war der erste große
griechische Grammatiker des Abendlandes, wenn er auch noch
keine entwicklungsgeschichtliche Betrachtung der Sprachen kannte;
er liebte Aristophanes vornehmlich und Lucian. Uad was er
begonnen, haben dann der feurige Valckenaer (1715- 1785)
und der behäbige, in Leiden angestellte Pommer David Ruhnke
(17238 1798), der Verehrer Platos, zu vertiefen gesucht.
Diesem Aufschwung parallel und von ihm vielfach unter⸗

stützt und gehoben, verlief eine gleiche Bewegung im inneren
Deutschland. Indem man sich hier aus dem Zusammen⸗

sturze der Philologie in der Periode des Dreißigjährigen Krieges

zu erholen begonnen hatte, war zunächst eine Zeit kompila⸗

torischen Fleißes gefolgt, die wohl durch nichts besser gekenn⸗

zeichnet wird, als durch die Bibliotheca Latina und die

Bibliotheca Graeca des unermüdlichen Fabricius (1668 bis

1736), deren erste in 8 Bänden zuerst 1697, deren zweite

zuerst 1705 bis 1728 in 14 Bänden erschien. Diese Periode
wurde nun abgelöost durch die neue hellenifche, anfangs zumeist

auf holländisches Vorbild gestützte Entwicklung.

Als erster Vertreter der damit beginnenden Bestrebungen
und zugleich deren Verbreiter auf weite Länderkreise ragt Johann
Matthias Gesner (1601-1751), seit 1730 Rektor der Thomas—
schule in Leipzig, seit 1734 Professor an der Universität Göttingen,
hervor.

Gesner hat mit Hemsterhuis zusammen den Lucian und
die Orphika herausgegeben, doch war er daneben als Ge⸗
lehrter immer noch vornehmlich im Lateinischen tätig. Was
aber wichtiger war: er stellte die neuen hellenischen Studien
in den Dienst der Pädagogik. Schon als Dreiundzwanzig⸗
        <pb n="360" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 341
jähriger hatte er 1715 in seinen „Primae lineae isagoges
in eruditionem universalem“ die Grundlinien einer neuen
Erziehungslehre entworfen. Er wünschte den Schüler nicht
mit grammatischen Abstraktionen beschäftigt, sondern durch
eingehende Lektüre nicht zu zahlreicher Klassiker eingeweiht
in das Leben des Altertums; er wünschte zugleich seinen Blick
erweitert durch frühzeitigen Unterricht in der Geschichte, in der
Mathematik und in der Naturkenntnis; denn Vielseitigkeit des
Wissens sei nötig, da alles Wissen in sich zusammenhänge und
einseitiges Wissen zu trocknem Grübeln und pedantischer Selbst—
überhebung führen müsse. Demnach hielt Gesner als Lehrer
und Schulrektor in der Tat vor allem auf umfassende Lektüre
der Alten an Stelle des Gebrauchs der bisher üblichen neu—
lateinischen Kompendien und auf Verständnis des Inhaltes
statt der Beschäftigung mit den bloßen sprachlichen Formen.
Und dabei trat ihm das Griechische pädagogisch immer mehr
in den Vordergrund, denn „die griechischen Schriftsteller sind
die Quellen, aus welchen die alten Römer ihre meiste Weisheit
und Gelehrsamkeit hervorgeholet“.

Als Gesner nach Göttingen, bald einem Mittelpunkt der
neuen klassischen Studien, ging, wurde er an deren zweitem
Zentrum, in Leipzig, durch Johann August Ernesti ersetzt.

Ernesti, der zunächst das Rektorat der Thomasschule über—
nommen hatte, wurde seit 1742 zugleich Professor an der Uni—
bersität und vermochte als solcher die neuen klassischen Studien
auch über die Aufgaben der Mittelschule hinaus zu kräftigen.

Im übrigen aber erhielten diese Anfangsbestrebungen helle⸗
nischer Renaissance ihren festen Rückhalt doch vor allem erst durch
die Mittelschulpolitik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
In Sachsen wurden sie durch die Landesschulordnung vom Jahre
1773, deren Urheber Ernesti war, auf alle Gymnasien übertragen;
für die preußischen Gymnasien erwirkte der Minister von Zedlitz,
der noch in späterem Lebensalter Griechisch lernte, im Jahre
1779 eine ähnlich entscheidende Verordnung. Und diesen Bei—
spielen folgte im allgemeinen das übrige Deutschland, am
        <pb n="361" />
        342 Swanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
energischsten und meist auch frühesten die Gruppe der protestan—
tischen Staaten des Südens.

Doch wäre es falsch, sich unter dem Eindrucke dieser
Reformen die gelehrte Mittelschule der zweiten Hälfte des 18.
schon unter dem Bilde etwa des Gymnasiums des 19. Jahr⸗
hunderts vorzustellen. Nur ganz bevorzugte Schulen bewegten
sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts schon stark über den
Lehrbetrieb des 16. Jahrhunderts hinaus; für die meisten galt
noch die alte Methode und das alte Leben: engste Verbindung
mit der Kirche, höchst geringe Schätzung des Schulamts, für
das noch kein besonderer Stand vorgebildet wurde; der Schul—
beruf noch vielfach Durchgangsberuf der Theologen und als
Lebensberuf nicht selten Sache von Existenzen, die andere
Berufe verfehlt hatten.

III.
1. Schauen wir an dieser Stelle zurück, um den Charakter
der geistigen Bewegungen in Deutschland etwa nach dem Jahre
1740 im ganzen zu betrachten, soweit diese für das fernere
Schicksal der deutschen Dichtung von Bedeutung werden
konnten, so tritt uns ein ungemein reiches, freilich auch sehr
wenig übersichtliches Bild entgegen.

An erster Stelle nimmt der Kampf zwischen Gottsched
und den Schweizern die Aufmerksamkeit in Anspruch; er ist
das äußerlich auffallendste Ereignis; und er bezeichnet auch in
der Tat den Höhepunkt einer ersten theoretischen Auseinander⸗
setzung zwischen individualistischer und leise subjektivistischer
Auffassung vom Berufe des Poeten; die ersten einander
entgegengesetzten Schlagwörter in diesem Kampfe: Verstandes⸗
mäßigkeit und Phantafie, gelehrte Schönrednerei und schwung—
haftes Pathos, waren erschollen. Aber darüber hinaus zu
einem tieferen Verständnis der Gegensätze war man noch nicht
gelangt; und ein großes Gebiet gemeinsamer Anschauungen,
das sich doch bei vollendetem Durchdenken des neuen Stand—
punktes nicht halten lassen konnte, war den Gegnern noch ver—
        <pb n="362" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 348
blieben. Es handelte sich dabei vor allem um die Vorschriften
über die Nachahmung der Natur: wie Gottsched, so hielten
auch die Schweizer trotz aller Anerkennung der Rechte und
Freiheiten der Phantasie noch daran fest, daß die Dichtung in
der Nachahmung der Natur bestehe. Ja noch näher traten sich
in gewissem Sinne beide Parteien dadurch, daß ihnen Nach—
ahmung der Natur und Nachahmung der Alten schließlich als
ziemlich identisch erschienen; und erst in der Frage: was denn
den Inhalt der nachzuahmenden Antike ausmache, gingen sie
einigermaßen auseinander. Gottsched hielt hier an der franzö—
sischen Auffassung der Antike fest, wie sie vor allem aus den
Römern entwickelt worden war; die Schweizer schwärmten für
Hellas.

Dabei war allerdings der schweizerische Standpunkt nicht
sonderlich klar. Denn im Grunde waren ihnen die Griechen
nur Surrogat und Hilfsmittel für die eigene, dem subjektiven
Leben zustrebende Erkenntnis der Natur; und sie waren somit
Freunde und Geburtshelfer der hellenischen Renaissance nur
insofern, als diese etwa derjenigen Ansicht der Welt und der
Natur entsprach, der sie dunkel mit eigenen Mitteln zu—
trebten.

Allein, so konnte man wohl sagen, war das nicht zu jeder
Zeit das tiefste Verhältnis der Anhänger von Renaissancen zu
ihrem vergötterten historischen Ideale?

Lagen hier im Grunde Unklarheiten vor, wie sie später
in immer stärkeren Emanzipationsbestrebungen gegenüber den
Ansprüchen der hellenischen Renaissance auf ein Selbstrecht
wirklichen Daseins zutage getreten sind, so gaben die Gegen—
sätze und Übereinstimmungen, die in dem Kampfe zwischen
den Schweizern und Gottsched zutage traten, keineswegs die
einzigen großen Entwicklungsmotive der deutschen Dichtung um
das Jahr 1740 ab.

Vor allem die Überlieferung der eigenen Rokokodichtung
wirkte da noch nach, und in ihr keiner ihrer Vertreter mehr,
als der muntere Lebemann an der Alster, Friedrich von Hage—
dorn. Auf dem scheinbar unzerstörbaren Grunde der horazischen
        <pb n="363" />
        4 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Dichtkunst lehrte er nach wie vor auf seine Weise Geschmack und
Grazie, und aus seinen hurtigen und doch tändelnden Versen
erklang die Philosophie Epikurs: „Lebe, liebe, trink und
schwärme.“
Daneben aber währten auch die unmittelbar französischen
Einflüsse noch fort, ja waren eben in den letzten Zeiten durch
die gewaltige Wirkung des größten Vertreters der alten Blüte
französisch-⸗römisch-klaffischer Bildung, Voltaire, noch einmal
verstärkt worden. Und schließlich setzte auch der englische
Einfluß stärker ein, wenn er auch der nächsten Stufe der geistigen
Entfaltung des Bürgertums noch nicht in unmittelbarer und
vorwiegender Wirkung nahetrat und in den höheren Gesellschafts⸗
schichten des Adels und namentlich des Fürstentums neben dem
Einfluß der Franzosen nur wenig bemerkt wurde.

Wie nun all dieser Einflüsse Herr werden? Das Ent—
scheidende der Zeit um und nach 1740 war, daß man sich zu⸗
nächst entschieden gegen Gottsched wandte. Und das hieß
natürlich Fühlungnahme mit den Schweizern und Verlegung
des bisherigen mitteldeutschen Zentrums der deutschen Dich—
tung fort aus Leipzig. Weiter war charakteristisch, daß zu—
nächst Halle und, mit einigen Dichtern, Berlin die Führung
der mitteldeutschen Dichtung ergriff. Das hieß Anlehnung
zwar an die Schweizer, aber im Sinne der Stadt Friedrichs
des Großen und der führenden Universitätsstadt des Ratio—

nalismus und Pietismus. Oder ander⸗ ausgedrückt: neue
Dichtung, aber noch mit starker Anlehnung an die Alten, und
zwar möglichst noch in rationalistischem und französischem
Sinne, also im abgeleiteten Sinne der Römer. Und endlich
hieß es: Aufbau einer Asthetik gewiß unter Zugeständnissen an
den neuen, sich dunkel regenden Geist des Gefühls, aber doch
noch nach den Schönheitslehren eines Horaz und Quiutilian und
unter enger Fühlung mit den ästhetischen Neigungen jener neuen
Altertumskunde und Renaissance, die sich bei allem Sinne für
Griechentum einstweilen doch noch vielfach an die bisher vor⸗
nehmlich römischen Neigungen der alten Renaissance anschloß.
        <pb n="364" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 348
So mußte denn das unmittelbare Ergebnis dieser neuen
Strömung doch noch eine Vermittlung zwischen deutschem und
vornehmlich römischem Geiste sein, eine Renaissancepoesie wesent—
lich noch alten Charakters, so sehr sich in ihr schon der Geist
des Neuen regte. Ihre Begründer sind Pyra (1715-1744)
and Lange (1711-1781) gewesen, die sich in Halle zusammen—
fanden: Pyra ein poetisches Talent von Frühreife und bal—
digem Erblassen, Lange ein formflinker, zäher Dilettant, lange
hindurch berühmt und verdient als Übersetzer Horazens, bis ihm
Lessing in seinem überscharfen Vademekum vom Jahre 1754 den
Kranz vom Haupte schlug.

Die reinste Fortsetzung fand diese Richtung in Berlin, wo
der Geist wie die Taten, die von dem großen Könige aus—
gingen, ihr eine Heimat bereiteten. Denn Friedrich, im Gegen—
satze zu den bürgerlich-philiströsen Neigungen seines Vaters groß
geworden, hatte sich früh daran gewöhnt, von den trüben Wässern
der deutschen Dichtung, die er als der Hauptsache nach nur von
den Franzosen abgeleitet ansah und überschaute, zur Quelle zu
wandern: zu jenem erhabenen Klassizismus eines Corneille und
Racine und zu der eindringlichen Sprache eines Voltaire und
Montesquieu. Im Umgange mit diesen Geistern verlor er den
Geschmack für das gärende Durcheinander der deutschen lite—
rarischen Erscheinungen, und durch schweres Schicksal geistig
früh gealtert, entzog er sich den Neuerungen auch der späteren
Jahre, die, so lange er lebte, im Grunde mehr Großes ver⸗
hießen als darboten. So seelisch vielfach ein Volksfremder, hat
der große Patriot von dem Geiste eben des Volkes gelebt, dessen
Ansehen in Deutschland zerstört zu haben einer der Ruhmes—
titel seiner politischen und kriegerischen Laufbahn gewesen ist;
und im Geiste dieses Volkes wiederum war er, sehr fern der
zunächst tändelnd eintretenden jungen Renaissance seines Volkes,
ein ernster Römer.

Kein Wunder daher, wenn, im getreuen Ausdruck seines
Wesens, seine Taten noch im Stile römischer Renaissance, nach
dem Muster Horazens, besungen wurden. Der Hauptträger
dieser Poesie war der in Halle gebildete Pommer Wilhelm
        <pb n="365" />
        346 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Ramler (1725— 1798). Wir werden seinen gefeilten Oden,
die schwerer Arbeit ihr Dasein verdanken, heute ebensowenig
Beachtung schenken, wie dies der große König selbst tat, wenn
sie auch nicht ganz ohne dichterischen Wert sind, da durch die
große Phrase und den banalen Gedanken doch hier und da
Empfindung hervorbricht: den Zeitgenossen sind sie bedeutend
erschienen.

Aber inzwischen hatte die Hallesche Poesie eine Wendung
mehr ins Griechische, wenn auch immer noch unter Hochhaltung
französischer Muster, genommen. Es war eine Wendung, die
gewiß einem tieferen Zuge des nationalen Verhältnisses zur
Antike entsprach, die aber zugleich auch durch eine jetzt ebenfalls
hellenisierende Weiterbildung der französischen Poesie nahegelegt
ward. Vertreter dieser Richtung waren zunächst vier Studenten,
die sich noch unter dem Schutze Pyras in Halle zusammen⸗
gefunden hatten: Gleim, Rudnik, Uz und Götz. Von ihnen ist
Rudnik früh gestorben, war Götz wohl derjenige, der der reiz⸗
vollen Heiterkeit der Griechen am nächsten kam, hat sich Uz,
seinem Vorbild Pindar folgend, vornehmlich in formvollendeten
Oden ausgezeichnet; am wichtigsten aber wurde Gleim (1718
bis 1803).

Gleim gab, nachdem Uz 1742 mit seinem „Frühling“
hervorgetreten war, der ganzen Gruppe gleichsam das Etikett
mit seinen „Scherzhaften Gedichten“ vom Jahre 1744 und
deren Motto: Nos haec novimus esse nihil; unzählige Male
sind sie von anderen Verfassern in einer Menge „lieblicher“,
„„ärtlicher“ und „scherzhafter“ Lieder nachgeahmt worden; vor
allem aber hat Gleim sich selbst in zahlreichen Sammlungen
bis tief in die siebziger Jahre hinein kopiert.

Eine dieser Sammlungen führt den Titel: „Gedichte nach
Anakreons Manier“. Das war es. In leichtgeschürzten
Strophen, unter angeblicher Anlehnung an die Antike, suchte
man die naiven Reimschmiedereien nachzuahmen, welche die
Philologie dem Anakreon zuschrieb. Aber es geschah nicht aus
dem Herzen heraus, und so geschah es manieriert. Tiefe
Empfindung, überzeugende Wahrheit, Unmittelbarkeit der meist
        <pb n="366" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 347
fragwürdigen Erlebnisse darf man bei diesen im Grunde arg
philisterhaften Dichtern nicht suchen. Von ihnen gilt, was
Gleim von seinem Damon aussagt:

Schöne Sachen schwatzt mir Damon

Von der Liebe vor:

In mein Herz kommt nichts, er schwatzet

Fwig für mein Ohr!
Und was diese Dichter schwatzen, steht an Gedankengehalt
aoch weit unter den Leistungen der Leipziger und erst recht
Hagedorns. Wie einfach sind die Requisiten ihrer Poesie:
kleine lauschige Täler, Myrthenhaine, Blumen, Lerchen, Nachti—
gallen — und vor allem Schafe, Schäfer und Schäferinnen!
Es ist der Apparat der Hirtendichtung der Renaissance, nur
um ein Bedeutendes reduziert, mit einigem Hervordrängen
Amors, Hymens und gelegentlich auch des Bakchus; ein Lied
für einen festen deutschen Mannestrunk bis zum Rausche bringt
diese Poesie nicht zustande: nur zum Nippen neben der Liebe
reicht es aus, und das Trinken soll dann gar verständig
machen:
dieben will ich und auch trinken:
Aus der hohlen Hand

Meiner zärtlichen Belinde
Trink' ich mir Verstand!
Verständig, hohl und platt, nicht kindlich, aber gelegentlich
kindisch, im ganzen herzlich unbedeutend ist auch sonst der In—
halt dieser Poesie; selbst in der Beschreibung des einzigen tiefer
erfaßten Objekts, des Frauenzimmers, bleibt sie oberflächlich und
trotz allen Details ungegenständlich:

Ihr tiefes Grübchen in dem Kinn!

Ihr schönes Blut! Ihr Schoß!

Ihr Wuchs! Ihr Gang! O Zauberin!
O Göttin! Laß mich los!
Aber man will auch gar nicht tiefer gehen. Ausdrücklich
heißt es leben und leben lassen:
Brot hat mir Gott und Wein dazu gegeben!
Wenn er mir nun noch Liebe gibt,
So fehlt mir nichts!
        <pb n="367" />
        348 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Aus dieser Phäakenstimmung singt Gleim ungeniert in
die Welt:
Klopstock will sein junges Leben
Für Homerus' Lorbeern geben!
Dieser Will' ist nicht für mich,
Lange leben will ich!
Sind diese Stimmungen verflachte Reproduktionen aus der
Welt jener Gefühle, aus der die Poesie der Hagedorn und
Gellert hervorgegangen war, so steht nun aber neben ihnen in
der Halleschen Gruppe doch noch ein anderes Element, das den
Ubergang zu Neuem kennzeichnet. Diese Poesie ist nicht mehr
auch nur gemacht naiv. Sie reflektiert, und sie reflektiert ins
Empfindsame. Sie kennt schon Naturen ähnlich dem Heineschen
Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben:

Sie schlug mit ernsterfülltem Blick
Den Kuß ihm ab, er sank zurück
Und starb vor ihr den Augenblick.
Und tritt sie auch der Empfindsamkeit zunächst nur sehr
äußerlich nahe, so gibt sie ihr doch gelegentlich einen Ausdruck,
der schon auf kommende Zeiten hinweist:

Sittsamkeit und sanfte Tugend
Sprach ihr ganzer Leib.

Alle jungen Schäfer seufzten:
Welch ein schönes Weib!
Und gelegentlich treibt sie die Empfindelei bis zur Be⸗
hauptung allgemeinen Liebesunglücks:
Glücklich ist, wer nimmer liebet,
Wer der Liebe lacht;

Denn wer sich der Lieb' ergibet,
Seufzet, sehnt sich, ist betrübet,
Winselt Tag und Nacht.
Inzwischen aber war aus diesen Kreisen eine kleine Gedicht—
sammlung hervorgegangen, die weit hinweg über eingebildete
Liebeleien ein Stück Wirklichkeit packte: Gleims „Preußische
Kriegslieder in den Feldzügen 1756 und 1757, von einem
Grenadier“. Zwar fehlte auch hier das sentimentale Element
        <pb n="368" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 349
keineswegs: Friedrich der Große, der Kriegsfürst dieser Jahre,
erscheint unter der typischen Benennung des „Menschenfreundes“,
und der Gott der Schlachten wird empfindsamen Regungen
zugänglich gedacht. Aber im ganzen ist die Phantasie, die
diese Gedichte, Lieder vor und nach den Schlachten des großen
Krieges, durchzieht, doch gegenständlich: mit Recht spricht
Lessing in dem Vorbericht, mit dem er die einzeln erschienenen
Lieder gesammelt herausgab, davon, daß sich in ihnen eine
„gehorsame Begeisterung“ offenbare, „die sich nicht durch
Sprünge und Ausschweifungen zeigt, sondern die wahre Ord⸗
nung der Begebenheiten zu der Ordnung ihrer Empfindungen
und Bilder macht“. Es war eine gewaltige Errungenschaft:
aus der Wolkenwelt der Phantasie war die Dichtung hinein—⸗
versetzt in das Tageslicht des eben Gewordenen. Wo hatte
man bisher von männlich klaren Entschlüssen gesungen? Der
Grenadier aber ließ seine Kameraden geloben:
Gehorfam feurigem Verstand
Und alter Weisheit nun,
Stehn wir, die Waffen in der Hand,
Und wollen Taten tun.
Und wo haͤtte man bisher in knapper Beschreibung epischen
Ton getroffen? Gleim aber malte in vier berühmten Zeilen
das unvergängliche Bild des königlichen Feldherrn:

Auf einer Trommel saß der Held
Und dachte seine Schlacht,
Den Himmel über sich zum Zelt
Und um sich her die Nacht.

So mußten diese Lieder volkstümlich werden. Es war
aicht die Gestalt des großen Königs allein, die sie hob, und
der unser Dichter — 1744 -1747 Geheimschreiber des Prinzen
Wilhelm von Preußen — mit der treuen Begeisterung eines
freiwillig Untergebenen anhing: sie trugen in sich trotz aller
Anrufung der Kriegsmuse, trotz Rom und Sparta, trotz Apollo
und Mars ein nationales Moment; der Volkston war ge—
troffen; sicheres Hervorziehen weniger Personen, die redend ein⸗
zeführt werden, klare Konzentration auf den großen König,
        <pb n="369" />
        350 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Vereinfachung verwickelter Vorgänge im Sinne der Verstän—
digungskunst des gemeinen Mannes, biederer Soldatenhumor
zwischendurch und, alles überragend, eine klare Weltanschauung,
die im Christengott den preußisch-nationalen Herrn der Heer—
scharen, den unverbrüchlichen Bundesgenossen des „Menschen—
freundes“ nicht bloß ahnt, sondern in naiver Unmittelbarkeit
in Anspruch nimmt: das waren die Elemente, die Gleims
Kriegsliedern etwas Reales gaben und sie eindringen ließen in
Volk und Heer. Und in zuversichtlicher Erwartung ihrer Kraft
hatte sie der Dichter ausgehen lassen: so
. singe Gott und Friederich
Nichts Kleiners, stolzes Lied!

Dem Adler gleich erhebe dich,
Der in die Sonne sieht!
Gleims Kriegslieder sind eine Erscheinung für sich: sie
sind das inkarnierte Erscheinen gleichsam der Person des großen
Königs selbst in unserer Poesie durch Vermittlung eines
Dichters, der sich in seinen späteren Arbeiten nie wieder auch
nur entfernt zur Höhe der Grenadierlieder erhoben hat. Darum
stehen sie einsam da in der Dichtung der Zeit; denn was
Preußen und Berlin sonst noch zum Lobe des großen Königs
gesungen hat, steht allzusehr im Kernschatten der großen Per—
sönlichkeit und reicht nicht entfernt heran an die Schöpfung des
Halberstädter Domsekretärs.

Inzwischen aber war der neue Zeitgeist, wie er sich jetzt
schon ein wenig entschiedener in Regungen einer immerhin noch
verschleierten Empfindsamkeit auszuprägen begann, tiefer in die
horazischer und anakreontischer, die römischer und hellenischer
Neigung vollen Dichterkreise eingedrungen: immer stärker be—
gann ein neuer Empfindungsinhalt in wesentlich noch alten
Formen zu gären, immer gefühlvoller wurde die Schalkhaftig⸗
keit, immer tiefer das zarte Empfinden, immer sicherer die
Rückkehr zur einfachen Liedform unter Abwerfen des schellen⸗
lauten Alexandriners, immer sauberer und schimmernder die
Sprache und reiner von Roheit, Wildheit und Wust: es war
        <pb n="370" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 351
wie die Unruhe des Wassers vor einem gewaltig befreienden
Fall in die Tiefe einer andern landschaftlichen Umgebung.

In der Schweiz, wo Brockes „Irdisches Vergnügen in
Gott“ lebendige Aufnahme und dauernde Verehrung gefunden
hatte, von wo aus Hallers „Alpen“ ertönt waren, in der Heimat
Rousseaus, war Ewald von Kleist (1715 - 1759), ein Offizier
des Preußenkönigs aus Pommern, zur Landschaftspoesie an—
geregt worden, nachdem ihn unglückliche Liebe von dem leichten
Tändelton Gleimscher Anakreontik befreit hatte. Gefühlvoll
malte er in seinem „Frühling“ (1749) einzelne Bilder des
Lenzes und umrahmte und verband sie durch philosophische
und moralische Betrachtungen, während er in anderen Gedichten
statt des elegischen den heroischen Ton anschlug und so in
höherer Potenz der Empfindung verknüpfte, was das Element
der „Scherzhaften Lieder“ und der „Grenadierdichtungen“ Gleims
zewesen war. Und würde er nicht, bei längerem Leben, ganz
einer Poesie der Empfindung anheimgefallen sein, er, der Dichter
der Zeilen:

Wir küßten uns, sowie die Wachtel schlug,
Wir seufzten wie die Abendwinde —?

Gewiß: in seinem „Frühling“ erhebt er zunächst nur die
Art des Brockes in eine frischere, poesievollere Luft und läutert
sie durch edlere Sprache und reineren Geschmack. Aber es
treten doch auch die Empfindungen von Brockes, und selbst die
frommen, inniger, wahrer, demutsvoller und zugleich schwung⸗
hafter auf. Und Kleists Freund Lessing versichert uns, daß
sich der Dichter auf den „Frühling“ das wenigste einbildete.
„Hätte er länger gelebt, so würde er ihm eine ganz andere
Gestalt gegeben haben ...., er würde aus einer mit Empfin—
dungen nur sparsam durchwebten Reihe von Bildern eine mit
Bildern nur sparsam durchflochtene Folge von Empfindungen
gemacht haben.“

Kleists „Frühling“ erschien aber zugleich in den Jahren,
da Thomsons „Jahreszeiten“, denen Haydn sein Oratorium nach—
komponiert hat, in Deutschland eifrige Leser und Leserinnen
fanden: die Periode der Naturschwärmerei, die zwischen Menschen—
        <pb n="371" />
        352 Zwanzigstes Buch. Viertes RKapitel.
geist und Landschaft sich schiebende Empfindsamkeit brach herein.
Und noch auf dem Boden gelegentlich recht süßlicher Ana—
kreontik, doch dicht schon an der Schwelle eines in vollen Zügen
atmenden modernen Naturgenusses hat ihr der Züricher Geßner
den allgemeinsten Ausdruck gegeben: seine „Daphnis“ vom
Jahre 1754 und seine prosaischen Idyllen vom Jahre 1756
mit ihren Schäfern und Schäferinnen, die bei aller scheinbaren
Naivität und aller entwicklungsgeschichtlichen Abhängigkeit vom
galanten Hofidyll der Franzosen der Hauch einer ins Senti⸗
mentale gemilderten Alpenluft umfließt, überholten um diese
Zeit fast die Popularität der mitteldeutschen Anakreontik.
Und zugleich erschien bei Geßner die Kunst der Naturbetrach⸗
tung bis hart an die äußerste Grenze individualistischen Könnens
gefördert; gewiß verfährt sie noch malerisch beschreibend und
geht demgemäß ins Einzelne und in die Breite; die Empfindung
für die Gesamtreize einer ganzen Landschaft nach dem Wechsel
der Jahreszeiten oder des geologischen Aufbaues oder auch der
Flora und Fauna ist noch gering; aber doch sind alle Einzel⸗
heiten schon in das gemeinsame zarte Kolorit des Empfindsamen
getaucht und verschwinden so wenigstens in der subjektiven Be⸗
obachtung des Dichters zu einem Kosmos.

2. Bisher hatte die neue Strömung, die aus der Kombi—
nation älterer geistiger Bewegungen mit jener stärker werdenden
Renaissance hervorging, die ihrerseits zum großen Teil wieder
nur den aufbrechenden Subjektivismus in seinen primitivsten
Formen maslkierte, sich wesentlich nur auf lyrischem Gebiete
erprobt. In ihrem weiteren Verlaufe aber, da sie den Ratio—
nalismus Gottscheds hinter sich ließ, wie er sich auf dem Ge—
biete des Theaters vor allem ausgewirkt hatte, wandte sie sich
auch der wichtigsten Gattung auf dem Gebiete der literarischen
Entwicklung seit dem 16. Jahrhundert zu, dem Drama. Und
mit dem Zuge zum Drama erwachte zugleich der ihm historisch
so verwandte zur Satire. In dieser Verallgemeinerung aber
kehrte die literarische Bewegung auch noch einmal nach ihrem
        <pb n="372" />
        Weitere musikalische und literarische übergänge. 353
bevorzugten Standorte während der ersten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts zurück nach der Stadt, die der Kampf gegen Gott⸗
sched nur zeitweise in den Hintergrund gedrängt hatte, nach
Leipzig.

Denn hier war noch immer der Mittelpunkt des deutschen
literarischen Lebens. Neben Gottsched, der sein altes Ansehen
noch keineswegs ganz verloren hatte, und neben seiner hoch⸗
begabten, feinen und vermittelnden Frau wurden hier Männer
groß wie der sächsische Satiriker Rabener und der bissige
Kästner, ein frühes Wunderkind, mit 18 Jahren Magister, mit
20 Jahren Dozent an der Universität. Gleichzeitig verlebte
Gellert die erste, anmutig-ausgelassene Periode seines Lebens
in Leipzig, sonnte sich der jugendlich-feurige Johann Elias
Schlegel, bis 1743 in Leipzig, in dem Ruhme seiner Dramen,
der schon erklungen war, als er noch Schulpforte besuchte;
schrieb Zachariä mit 18 Jahren an seinem besten komischen
Heldengedichte, während im Jahre 1746 die Studiosi Klopstock
aus Schulpforte und Lessing aus Sankt Afra in Meißen ein—
trafen; und um sie alle gruppierten sich noch manche Literaten
zweiten Ranges, wie Cramer, Gärtner, Johann Adolf Schlegel,
Schmidt, Ebert u. a.

Da versteht man, mit welchem Interesse in diesen Kreisen
der Kampf Gottscheds mit den Schweizern verfolgt ward.

In den Jahren 1740 bis 1744 etwa hatte sich nun der
Sieg zugunsten der Schweizer entschieden. Der Ausgang gab,
wie schon einmal erwähnt!, Anlaß zur literarischen Emanzi—
pation der jüngeren Leipziger Kreise. Sie begründeten im
Jahre 1744 eine neue Zeitschrift, die „Neuen Beiträge zum
Vergnügen des Verstandes und des Witzes“, die nach dem Druck—
ort, Bremen und Leipzig, kurzweg „Bremer Beiträge“ genannt
zu werden pflegten. Und diese Zeitschrift wurde zur Stätte
ziner weiteren Entwicklung der neuen Renaissancekunst: mehr
als bisher trat jetzt neben dem antiken Moment das moderne

1S. oben S. 824.
Ldamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1.
        <pb n="373" />
        354 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
subjektivistische, und zwar in seiner ersten, empfindsamen Er—
scheinungsart, hervor.

Freilich waren die meisten „Bremer Beiträger“ reiner Ob—
servanz nur mäßige Dichter. Gewiß vertraten sie den neuen
Geist, aber sie taten es im ganzen genüglich und fern jedem
Gedanken einer durchgreifenden Umwälzung. Nur einige ragten
aus ihnen schließlich als Träger bedeutenderer Erzeugnisse und
stärkerer Neuerungen hervor, so vor allem Johann GElias
Schlegel, Rabener und Gellert.

Im Drama führte Johann Elias Schlegel, der früh Ver—
storbene (1718 -1749), über Gottsched hinaus. Unmittelbar
von den Griechen ging er aus; als Alumnus in Schulpforte
hatte er 1737 seine „Iphigenie“ allein nach Euripides“ „Iphi—
genie“ gedichtet. So trat ihm die Technik des französischen
Dramas von vornherein als etwas Fremdes entgegen und er
wollte nichts wissen von seinen Intrigen und romanhaften
Verschlingungen: er zuerst hat die Einfachheit der Alten für
das Schauspiel verkündet. Und indem er die Handlung ver—
einfachte, legte er allen Nachdruck auf ein tieferes Erfassen der
Charaktere: so hat er seinen „HHermann“ (Arminius), so seinen
„Sertus Tarquinius“ und seinen „Canut“ (1746) gedichtet, so
auch im Lustspiel („Triumph der guten Frauen“) Ausgezeichnetes
geschaffen.

Da lag es denn auf der Hand, daß seine Richtung ihn
an der Hand der Alten und des von ihm schon in tiefen
Ahnungen begriffenen Shakespeare, der seit 1741 den Deutschen
bekannter wurde, zum psychologischen Drama, zum Drama des
Subjektivismus, führen mußte: und er besaß, wie vor allem
der „Canut“ zeigt, eine genügende Gabe der Menschenkenntnis,
um eine gute Strecke des schwierigen Weges rasch und mit
eins zu vollenden. Da, im besten Zuge, infolge seiner Ver—
pflanzung nach Dänemark auch durch eine lebendige Einsicht in
eine große Bühne, die Kopenhagener, gefördert, starb er früh—
zeitig im Jahre 1749; und niemand, weder Cronegk noch Weiße
noch Brawe, wußte den von ihm eingeschlagenen Pfad fürbaß
zu wandern.
        <pb n="374" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 355
Aber neben der dramatischen Richtung war auf deutschem
Boden, wie wir wissen!, die satirische niemals ganz zugrunde
gegangen. In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts hatten
Wernicke in Hamburg (starb nach 1710) und der Mecklenburger
Liscow (1701 - 1760) die norddeutschen Traditionen Laurenbergs
in Epigramm und Invektive fortgesetzt, doch war der weitaus
jüngere von beiden, Liscow, nach der grausamen Abschlachtung
seiner Gegner, des Magisters Sicius in Lübeck und des Pro—
fessors Philippi in Halle, im Jahre 17832, in den Hintergrund
getreten. Dann hatte, ebenfalls noch vor der Höhezeit des
Gottschedschen Streites, Kästner mit witzigstem Verstande, doch
ohne den tiefen Untergrund leidenschaftlichen Humors und vollen
Herzens zu spotten begonnen.

Als bezeichnendste Träger aber der Satire treten um
diese Zeit Rabener und Zachariä hervor. Von ihnen hatte
Rabener (1714 - 1771), seit 1741 Steuerrevisor in Leipzig,
1758 nach Dresden versetzt, an sich das Zeug zum großen
Satiriker: tiefe Menschenkenntnis, plastische Phantasie und
sichere Kunst drastischer Schilderung; und auch der Mut der
Selbsterkenntnis und Selbstverspottung, sowie anderen gegen⸗
über sittlicher Ernst und reine Absicht der Besserung fehlten
ihm nicht. Nur eins ließ er vermissen: den heiligen Zorn
des öffentlichen Tadels und den hohen, weltverachtenden Mut nach
allen Seiten hin, nach oben wie nach unten, den solcher Zorn
eingibt. Rabener selbst sagt einmal in Erkenntnis, aber Ent—
schuldigung dieses Mangels: „Viele gehen in ihrem Eifer, das
Lächerliche der Menschen zu zeigen, gar zu weit und verschonen
keinen Stand. Es ist wahr, es gibt in allen Ständen Toren;
aber die Klugheit erfordert, daß man nicht alle tadle; ich
werde sonst durch meine Überzeugung mehr schaden, als ich
durch meine billigsten Absichten nutzen kann. Der Ver—
wegenheit derer will ich gar nicht gedenken, welche mit
hrem Frevel bis an die Tore der Fürsten dringen und die

S. oben S. 288 ff.
        <pb n="375" />
        356 Zwanzigstes Buch. Viertes LKapitel.
Aufführung der Oberen verhaßt oder gar lächerlich machen
wollen“1.

Unter diesen Umständen blieb der Kreis der Satire
Rabeners zunächst äußerlich begrenzt: im wesentlichen hat er
nur die schwachen Seiten des Mittelstandes gegeißelt. Aber
damit war natürlich auch eine innerliche Beschränkung ge—
geben: in der Geißelung des Philistertums blieben Rabener
die tiefsten Töne des Herzens, blieb ihm der Laut des höchsten
Lobes und heiligsten Tadels stumm. Und noch mehr muß
gesagt werden. Die größeren Stücke Rabeners zeigen deutlich,
daß ihm die Kräfte zum komischen Roman gegeben waren, daß er
die Satire des 16. und 17. Jahrhunderts wohl zu der Kunst⸗
form hätte hinführen können, die sie schon längst als Blüte
einer höheren Entwicklung verlangte. Wie aber sollte der Dichter
dieser Aufgabe gerecht werden, wenn er sich in den materiellen
Grundlagen der Satire Vorschriften machte, die sich wohl aus
sozialen und politischen, nimmermehr aber aus ästhetischen und
ethischen Gründen erklären lassen?

So blieb der deutschen Satire, dieser Leidensform, diesem
Aschenbrödel unserer Dichtung seit dem 16. Jahrhundert,
auch diesmal die höchste Ausbildung versagt. Oder hätte sie
Zachariä (172641777) ihr geben können? Zachariä war ein
frühreifes Talent; noch als Jüngling veröffentlichte er das
komische Heldengedicht „Der Renommiste“, eine prächtige Satire
des Studentenlebens seiner Zeit. Aber seitdem versagte er.
Er fand weder Formen noch ästhetische Gesetze der Satire, die
seiner Zeit gemnäß waren. Und da kann man denn freilich
ganz allgemein sagen, daß Fortschritte, die an Drama und
Satire anknüpften, wenn sie über den Rationalismus hinaus⸗
strebten, dem neuen Geiste grade anfangs nicht zum Durch—
bruch verhelfen konnten und eben deshalb nicht zur Blüte ge⸗
langten. Denn dem trat entgegen, was eben beide Gattungen
im individualistischen Zeitalter gefördert hatte und bei günstigem
Verlaufe noch viel mehr hätte fördern können: der Zug aufs

1Zit. Lemcke S. 517.
        <pb n="376" />
        Weitere musikalische und literarische Ubergänge. 357
Reale, Gegenständliche. Mit Ausschreitungen des Gefühls und
der Empfindung setzte die neue Zeit ein. Wie hätte sich ihr
da irgendwelche Satire erschließen können? Und auch das
Drama, so wie es Johann Elias Schlegel im Anschlusse an die
Vergangenheit und im Hinblicke auf die Zukunft gepflegt hatte,
fügte sich grade dieser Stimmung nicht. Es hatte den Zug
zum Großen, Erhabenen, wie ihn die Alten gehabt hatten;
Schicksale der Könige waren Hauptstoffe der Tragödie. Der
neue Geist aber, wie er zunächst sentimental auftrat, hatte zu
den Empfindungen, die auf diesem Gebiete vor allem rege gemacht
werden konnten, keine Beziehung: er ging aufs Übergemütvolle
und fand seinen ersten ganz entsprechenden Ausdruck in dem
bald erstehenden bürgerlich-sentimentalen Rührstück, etwa in
Lessings „Miß Sara Sampson“.

Und so näherten sich denn Satire und Drama in der
Leipziger Schule nach Gottsched wohl aufs allerengste dem
neuen Zeitalter, aber sie eröffneten es nicht. Nach Lage der
Dinge konnte das nur durch einen ungeheuren Aufschwung der
Lyrik ins Pathetisch-Sentimentale geschehen; und dieser wurde
herbeigeführt, indem die lyrischen Elemente der Empfindsamkeit
einem heroischen Stoff einverleibt wurden: in dieser Verbindung
liegt das Geheimnis der Wirkung, das von der Messiade
Klopstocks ausging.

Aber dem unmittelbaren und vollständigen Übergange auf
den Boden der neuen Dichtung stand auch noch etwas Weiteres
entgegen: der Charakter des aristokratischen Bürgertums der
Handelsgroßstädte, das bisher vornehmlich die soziale Basis der
literarischen Entwicklung gebildet hatte. Weder Klopstock noch
Lessing noch Schiller noch auch Goethe, nachdem er aus seiner
Heimat hinwegverpflanzt worden war, haben mit diesen Kreisen
noch stärkere Fühlung gehabt, und ebensowenig hatten dies die
eigentlichen Vorläufer der neuen Dichtung, Günther und Haller.
Wie sehr aber die alten sozialen Zusammenhänge, wie sie vor
allem in Leipzig bestanden, den Dichter auch im alten Kreise
der Dichtung festhielten, das zeigt nichts besser als das Schicksal
Gellerts.
        <pb n="377" />
        358 Swanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Gellert (1715 —- 1769) war in seiner ersten Periode der
Hagedorn Leipzigs, aber in erhöhter und vervollkommneter
Gestalt, insofern er sich, wenn auch noch der Mann,

in dessen Mund Vernunft, gekränzt mit Anmut, lacht,

doch der neueren Richtung auf die Betonung des Gefuhls und
dem Streben nach Natürlichkeit weit energischer hingab als
Hagedorn. Es find die Zeiten, da er sich Günthers dichterische
Art teilweis zum Muster genommen hatte, da er Lehrer
des Küssens und Tändelns war, da er von Wein und Liebe
sang und spottend auf den Glauben der Kirche herabschaute.
Mit zwölf Liedertexten auf Menuette und Polonaisen war er
1743 zuerst aufgetreten; Schäferspiele folgten; das Liedspiel, Die
Betschwester“ (1745) geißelte lieblose Frömmelei und Heuchelei;
die Fabeln und Erzählungen (seit 1746 gesammelt) spiegelten
in der Art Lafontaines die große und kleine Welt nicht ohne
bedenkliche Ausflüge in das Gebiet des Frivolen aufs munterste
wider, und der ebenfalls seit 1746 erscheinende Roman „Leben
der schwedischen Gräfin von G...“ vertiefte sich in die
schwierigsten Probleme geistiger und —D

Was hatte in dieser Entwicklung nicht schon alles an—
geklungen, was war von ihr zu erwarten, wenn dem Manne,
der sie durchgemacht, die Freiheit des Geistes blieb, den Sprung
in die unbekannten Wasser der neuen Dichtung kühn und doch
überlegt zu wagen!

Aber Gellert war nach Herkunft wie gesellschaftlichen Zu—
sammenhängen mit den gut bürgerlichen Kreisen der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts verwachsen; und schon seine
Fabeln und Erzählungen mit ihrer Rokoko lebendigkeit ließen
erwarten, daß er ihr schwerlich untreu werden würde. Zudem
hatte er grade auf diesem Gebiete den entschiedensten Erfolg —
natürlich, denn hier wurde er am besten verstanden! —, und vor
allem: zunehmende Hypochondrie wies ihn philisterhafter, morali⸗
sierender, schließlich sogar frömmelnder Haltung zu.

So entwickelte sich der Gellert, der der Nachwelt vor allem
vertraut geblieben ist, den wir aus Goethes Schilderung kennen;
der Gellert, dem die Dichtung dazu da zu sein schien, „dem,
        <pb n="378" />
        Weitere musikalische und literarische übergänge. 359
der nicht viel Verstand besitzt, die Wahrheit durch ein Bild zu
sagen“, der fromme, aber oft doch recht prosaische Liederdichter,
der ein getreuer Sohn war des absterbenden Zeitalters eines
ausschließlichen, die Welt und die Geister doch immer noch
führenden Rationalismus. Das ist der Gellert, der in seinen
Vorlesungen wenigstens zu Goethes Zeit weder Klopstock noch
Lessing, noch Gleim, noch Kleist, noch Wieland, noch Gesner
zu nennen pflegte: der letzte bedeutende Kopf, der schließlich aus
einer vergessenen Zeit hineinragte in eine neue.

IV.
Wir haben im Vorhergehenden gesehen, bis zu welchem
Grade eine als Ganzes und Ausgesprochenes noch immer ver⸗
borgene Geistesbewegung auf neue, subjektivistische Ziele hin das
rationale Fundament der Dichtung des ausgehenden individua—
listischen Zeitalters unterwühlt hatte, und wie ihr dabei von
einer neuen, wenn auch noch halbrationalistischen hellenischen
Renaissance Hilfe geleistet worden war.

Hatten nun die gleichen Strömungen nicht auch auf die
zildenden Künste Einfluß?

Im Bereiche der bildenden Künste hatte die Malerei in
der niederländischen Entwicklung der Rubens und Rembrandt
eine Ausbildung erfahren, die alle Möglichkeiten des individua—
listischen Zeitalters erschöpfte; und Hindeutungen des Rokokos
auf den lichten Ton der Freilichtmalerei des subjektivistischen
Zeitalters waren nur scheinbar von entwicklungsgeschichtlicher
Bedeutung gewesen und im Grunde aus ganz anderen Motiven
als denen, die lichtumflossene Erscheinungswelt als solche
wiederzugeben, hervorgegangen!. So war in der Malerei
ein weiterer Fortschritt so bald nicht zu erwarten — ganz davon
abgesehen, daß hier die Antike aus Mangel bis dahin über—
lieferter und schon wieder aufgedeckter Malereien schwerlich bildend
rinzuwirken imstande war.

S. oben S. 208.
        <pb n="379" />
        860 õwanzigstes Buch. Viertes LKapitel.
Ähnlich aber stand es für Deutschland zunächst auch mit
dem Einflusse der antiken Plastik. Diese Plastik an Originalen zu
studieren, war hier in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
eigentlich nur in Dresden möglich; und auch in Dresden waren
die vorhandenen Originale so wenig zugänglich, daß zum Beispiel
Winckelmann sie erst gegen Schluß seines Dresdner Aufenthalts
entdeckt hat. Und so ergab sich denn, was im Grunde schon seit
dem 16. Jahrhundert, wenn auch nicht mit gleicher Ausschließlich⸗
keit wie jetzt, gegolten hatte: den stärksten Einfluß der Antike
konnte man am Ende noch auf dem Gebiete der Architektur
erwarten. Denn hier kannte man jetzt nicht bloß die Theo—
retiker der Alten, einen Vitruv und andere, sondern neben
ihnen hatte man auch eine Fülle unmittelbarer und greif⸗
barer Anschauungen durch eine bereits im 17. Jahrhundert
beginnende Archäologie der Reisen gewonnen. Da hatte schon
Jacques Spon der wissenschaftlichen Welt die Kenntnis hon
Korinth und Athen erschlossen; 1676— 1678 war die Be—
schreibung seiner Reisen in Griechenland erschienen. Dann
hatten in Frankreich Jean Mabillon, Bernard de Mont—
faucon und der Graf de Caylus den Grund zu einer Wissen⸗
schaft der antiken Archäologie gelegt, zunächst auf der Basis von
Kleinaltertümern zwar, doch auch mit manchem höheren archi⸗
tektonischen Gewinne. Und währenddes war im Jahre 1719

Herkulaneum entdeckt worden, und 17838 begannen die zunächst
freilich sehr beschwerlichen und verhältnismäßig noch wenig
lohnenden Ausgrabungen. Gleichzeitig verbreitete sich die Kunde
von den wunderbaren Ruinen zu Pästum. Und darauf folgte
im Jahre 1748 die gewaltiges Aufsehen erregende Entdeckung
von Pompei, während im gleichen Jahre die Engländer Stuart
und Rewett eine wissenschaftliche Reise nach Griechenland
unternommen hatten, deren Ergebnisse sie in einem Foliopracht—
werke von vier Bänden mit über 300 Tafeln in den Jahren
1776 - 1816 veröffentlichten, Tafeln, die zuerst einen voll⸗
kommneren Einblick in die Welt der griechischen Architektur ge—
statteten, wie denn kurz vorher durch Piranesis Sammelwerk
(1756) die tiefere Kenntnis römischer Bauten vermittelt worden
        <pb n="380" />
        Weitere musikalische und literarische übergänge. 361
war. Es war Schlag auf Schlag ein Eindringen in eine ver—⸗
sunkene Welt, das alle Vorstellungen von der Antike, und zwar
zunächst und vor allem im Gebiete der Architektur, aufs ent—
schiedenste umzugestalten begann.

Nun hatte, wie wir uns erinnern wollen, die Baukunst
während des 16. bis 18. Jahrhunderts eine ziemlich verwickelte
Geschichte erlebt.

Wenn es richtig ist, daß die Architektur vor allem die
Tochter des Bedürfnisses künstlerisch geschlossener Räume ist, so
ist klar, daß ohne vollkommen sicher empfundene Raumbedürf⸗
nisse eine volle Blüte der Baukunst nur schwer, wenn über—
haupt zu erreichen ist. Solche Raumbedürfnisse werden aber
nur von reichlich entwickelten und auf der Höhe ihrer Ent—
faltung stehenden Gesellschaftsschichten ausgehen und getragen
sein können.

Die deutsche Sozialgeschichte des 16. Jahrhunderts hatte
gesellschaftliche Schichten dieser Art nicht gekannt. Zwar das
Bürgertum des Mittelalters erlebte damals in einigen Reichs-
städten noch eine üppige Nachblüte, und hier und da zeigten
sich schon die Spuren eines auch gesellschaftlich charakterisierten
fürstlichen Absolutismus. Und Raumbedürfnissen eben dieser
Klassen ist die Renaissance in ihren schönsten Bauten gerecht
geworden. Aber doch waren die Fürsten, jene zukünftigem
Absolutismus zustrebende hohe Reichsaristokratie, vor der das
mittelalterliche Großbürgertum früh erblich, weit davon ent—
fernt, das Ideal eines ihrem Leben genugtuenden Schloß- oder
Palastbaues entwickelt zu haben. Vor allem aber fehlten neben
den profanen die kirchlichen Ideale. Die alte Kirche, in tausend
Nöten, dachte am wenigsten an große Bauten, und die neue,
der ursprünglichen Meinung nach nicht von dieser Welt, bewarb
sich nicht allzu eifrig um die sinnliche Hilfe der Kunst und hat
das Ideal eines Predigtraums für ihre Gemeinden nur langsam
und kümmerlich entfaltet.

So bestanden aus der allgemeinen Entwicklung her für die
Baukunst der Renaissancezeit keine einfachen und klaren Forde—
rungen. Sie waren aber auch aus der inneren Entwicklung
        <pb n="381" />
        362 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
der künstlerischen Triebe in der Nation nur schwer herzuleiten.
Ihren wesentlichen Ausdruck fanden diese während der eigent—
lichen Renaissancezeit in der Malerei und der Griffelkunst eines
Holbein und Dürer; die Baukunst ward vernachlässigt und ihre
Erzeugnisse verrieten ein Chaos künstlerischer Gestaltung: gotische
und antike Motive, vertikale und horizontale Tendenzen liefen
bunt neben- und durcheinander.

Erst das Barock brachte eine gewisse Klärung. Jetzt traten
deutlichere Bauideale hervor: der Palast von bedeutender Höhe
und gedrungener Zentralanlage, die katholische Kirche der Gegen⸗
reformation, der Predigtbau des evangelischen Bekenntnisses.
Und jetzt vermählte sich auch der Fortschritt der künstlerischen
Anschauungskraft mit der klaren Einsicht in die räumlichen
Bedürfnisse; die Lichtführung in diesen neuen Räumen, maje⸗
stätisch gedacht in den Profanbauten, zur Verzückung hinreißend
im katholischen Kuppelbau, zu andachtsvoller Ruhe einladend in
den Hallen des Luthertums und des Calvinismus: sie ward
zum Problem der weiteren künstlerischen Durchbildung.

Und noch einmal ward die Lösung dieses Problems, in
der Baukunst von vornherein an die Forderungen der Monarchie
und des Christentums der Zeit gebunden, durch eine Wandlung
der Baubedürfnisse tief beeinflußt. Der Absolutismus Lud—
wigs XIV. wie die ihm untergebene Gesellschaft ward des
prunkenden Palastlebens müde, sie wählte die Einsamkeit länd—
licher Schlösser, deren Anlage den kleinen deutschen Territorial⸗
fürsten von vornherein nahelag. So wurde der Bann des
Barockpalastes, dessen Belichtung in Mitteleuropa von vorn—
herein etwas andere Bedingungen gefunden hatte als in seinem
südlichen Heimatlande Italien, nun vollends gebrochen: weit
auseinanderlaufende Schloßanlagen von mäßiger Geschoßzahl
und horizontaler Wirkung ersetzten die gedrungen aufstrebenden
Zentralbauten des Barocks: und volles Licht drang in das
Innere der neuen Räume. Damit trat an Stelle der konzen⸗
trierten Lichtführung des Barocks mit ihrem Durcheinander von
Reflexen und Helldunkelwirkungen eine breitere, vollere, einfachere
        <pb n="382" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 363
Lichtwirkung; und ihr folgte die tektonische, plastische und male—
rische Ausschmückung.

So weit erscheint der Verlauf der Baugeschichte des 16.
his 18. Jahrhunderts einfach genug. Aber in diese Entwick—
lung, wie sie aus inneren und äußeren Bedürfnissen der euro—
päischen Völker her leicht erklärbar ist, war nun seit dem
16. Jahrhundert der weltgeschichtliche Einfluß der Antike ge—
treten. Und er hatte verwirrend gewirkt.

Die erste architektonische Periode dieses Einflusses, die der
speziellen Renaissance, begreift in Deutschland eine Zeit
schlimmsten Durcheinanders der verschiedenartigsten Motive und
Versuche; und nur in Holland geht aus ihnen schließlich ein
einheitlich durchgebildeter nationaler Stil, der Back-Hausteinbau,
hervor. Im Barock klärt sich dann, zunächst von Italien her,
unter tiefen Umwandlungen der antike Einfluß; im Rokoko
vird er, zunächst in Frankreich, bis zur Unkenntlichkeit um—
gestaltet und schließlich beiseite geworfen.

Die Art aber, in der dieser Prozeß sich vollzieht, ist lehr⸗
ceich genug. Das, was sich von der Antike zunächst und am
einfachsten hatte aufnehmen lassen, war das Ornament im
weitesten Sinne des Wortes gewesen: durchaus dekorativ hat
wenigstens in Mitteleuropa und vor allem in Deutschland die
Renaissance begonnen. Konnten aber in Ornamenten, selbst
wenn man sie eng mit tektonischen Gliedern verknüpfte, ja diese,
soweit sie ihrem ursprünglichen Zwecke entfremdet waren, in sie
aufgehen ließ, die dauernden Grundlagen eines Stils gegeben
sein? Das Ornament erlebte, je nach der Entwicklung des
tieferen, nationalen Problems der Lichtführung, die sonder—
harsten Wandlungen. In der Renaissaneezeit fein gegliedert,
zart und gefällig, wurde es im Beginn der Barochzeit schwer,
nassig, gebunden; dann, in Italien mit Bernini, erscheint es
leichter und fröhlicher, aber auch leichtsinnig und gefall—
süchtig, bis im Rokoko seine Verflüchtigung ins Spielende
eintritt.

Nun wurden freilich neben der Entwicklung des Orna—
mentes die eifrigsten Studien Vitruvs betrieben, in dem ernsten
        <pb n="383" />
        364 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Bestreben, auch die tektonische und statische Seite der antiken
Baukunst zu erneuen, und bis zum Ende des Barocks hat
man geglaubt, die Alten wirklich nachzuahmen — niemand
vermeinte antiker zu sein als die Franzosen unter Lud—
wig XIV. —, ja selbst noch im Rokoko hielt man sich für
gewiß, der Hauptsache nach unter antiker Führung zu schaffen.
Aber was war der tatsächliche Erfolg? Die modernen, die
nationalen und kirchlichen Bedürfnisse warfen die ganze antike
Lehre über den Haufen; immer mehr entfernte man sich von
den Vorschriften sogar der antiken Architekten, und nichts blieb
schließlich übrig, als das angeblich besonders antike Streben
nach der einfachen Vornehmheit, der simplicité noble.

In Wahrheit hieß dies freilich nichts, als die Vernüchterung
der eigentlich baulichen Teile der Architektur. Und da mad
gleichzeitig im Ornament des Rokokos die Willkür der Schmuck⸗
weise zum eigentlich Grundsätzlichen erhob — ein Prinzip, das
immer rasch zum Phantasielosen und namentlich zu unerträglich
nüchternem Naturalismus geführt hat —, so entstand das, was
die späteren Rokokobauten darbieten: ein voller Bankroit der
tektonischen wie der konstruktiven Seite der Baukunst. Der
Einfluß der Antike, allzu stark zugelassen und verehrt, hatte so—
mit zur völligen Brache der eignen und damit der grundlegen⸗
den Entwicklung geführt. Daher nun jene entsetzliche Nüchtern⸗
heit der Bauten bis tief hinein ins 19. Jahrhundert, das Haus—
väterliche, Philisterhafte der Anlage, der Mangel heiteren
Schmuckes.
In dem Augenblicke nun, da diese Ernüchterung, dies
Nachlassen jeglicher architektonischer Phantasie in den ersten
tiefen Spuren zutage zu treten drohte, da man anfing, Ekel vor
dem Spiel eines immer ausschweifenderen Rokokos zu empfinden,
wurden auf dem Wege archäologischer Forschung zum ersten
Male Bauten der Alten genau und authentisch bekannt.

Man begreift, was die Wirkung sein mußte. Wie ver—
mochte die älteren Vorschriften zufolge noch immer recht ver—
wickelte Baulehre des Rokokos vor der hehren Einfalt eines
griechischen Tempels zu bestehen? Und wie das lüsterne Spiel
        <pb n="384" />
        Weitere musikalische und literarische üÜbergänge. 3658
des zeitgenössischen Ornamentes vor der unbewußten Grazie
der Handwerkerdekorationen Pompeis? Es war klar: man
war in die Irre gegangen; erst jetzt lernte man die Antike
oerstehen, wenn man auch noch ganz an der Schwelle wirklicher
Einsichten war. So konnte auch vom Standpunkte der Ver—
ehrung der Antike das Bestehende keine Gnade mehr finden;
wie die Kunst sich ausgelebt hatte, so war sie kritisch beseitigt:
ein Neues mußte an ihre Stelle treten.

Aber welches Neue? Besaß man eine negative Klarheit,
so war sie doch schwer in positive Ziele umzusetzen; und noch
wirkte das Alte mit aller Wucht des Vorhandenen. Diesem
Zusammenhange, zugleich dem seit Mitte des Jahrhunderts
überall hervorbrechenden Streben nach Natürlichkeit als einer
ersten Überwindung des Rationalismus verdanken die so—
zenannten klassizistischen Bauten ihre Entstehung.

Die Wiege dieses Klassizismus ist noch einmal Frankreich
gewesen. Man versuchte dabei den Ausweg aus der Sackgasse
des Rokokos zunächst in doppelter Weise zu gewinnen. Einmal
hatte sich in Italien im Gegensatze zu den wachsenden Aus—
schreitungen des dort noch fortwuchernden Barocks eine puristische
Reaktion eingestellt, die vor allem in Venedig Fuß faßte.
Sie wurde durch Servandoni nach Frankreich verpflanzt, durch
den 1737 publizierten Brief Cochins „an einen jungen Maler“
gefördert und gewann Boden vor allem auch dadurch, daß sie von
der Pompadour, die seit 1741 den König beherrschte, empfohlen
wurde. Anderseits war von England im Verlaufe der großen
britischen Einflußzeit auf Frankreich eine neue Stilabart nach
Paris herübergekommen, deren Anforderungen sich nun mit
denen des italienischen Importes mischten. England hatte das
Janze 16. Jahrhundert hindurch keine Architektur der Renaissance
gesehen; erst ins Jahr 1608 fallen die ersten Versuche in diesem
Stile zu Oxford. Dann aber hatte sich in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts ein besonderer neuklassischer Stil ent⸗
wickelt, in dem zum Beispiel Jones und Wren die St. Pauls⸗
kathedrale zu London gebaut haben. Die vereinfachten Grundlagen
wie auch die Ornamentik dieses Stils gewannen jetzt in Frank⸗
        <pb n="385" />
        366 Zwanzigstes Buch. vViertes Kapitel.
reich Einfluß. Aus der Vereinigung derselben mit italienischen
Elementen und den Grundlagen der französischen Bauweise,
wie sie ein Blondel und andere gepflegt hatten, erstand daun
der französische Stil Louis XVI., der etwa dem deutschen
Klassizismus entspricht: eine ins Nüchterne abgeschwächte, von
einzelnen Elementen der drei vorhergehenden Stile ausgehende
Bauweise mit Vorliebe für Symmetrie, grade Linien, recht—
winklige Brechungen, mit erneuter strenger Wandgliederung
durch reichprofiliertes Rahmenwerk, mit vereinfachten Deko⸗
rationsmotiven unter Zurückdrängen namentlich des gestaltlosen
Muschelwerkes, anderseits aber auch einer neuen, mehr ins
Allegorische spielenden, angeblich natürlich-antiken Ornamentik:
schnäbelnden Tauben, abgebrochenen Säulen, Urnen, Medaillons,
Dreifüßen, Fackeln u. dal.; bei alledem noch mit einem monu—
mentalen Bausinn, dem weder Pracht noch Freiräumigkeit noch
ein gewisser theatralischer Wurf gänzlich fernstanden. Es ist
der Stil, dessen erstes großes Denkmal das Pariser Pantheon
von Soufflot (1758) gewesen ist, und dessen Theorie drei Jahre
vorher Laugiers Lehrbuch aufgestellt hatte.

Auf deutschem Boden werden die Denkmäler dieses Stils
teils eigner Entwicklung, teils dem französischen Einflusse, der
sich namentlich gegen Schluß des Jahrhunderts noch einmal
steigerte, verdankt. Am frühesten setzte die Ernüchterung hier,
als Voraussetzung des wesentlichen Charakters des neuen Stils,
in Dresden ein; unmittelbar folgte sie dem wunderbaren, noch
barocken Phantasiereichtum Pöppelmanns, des Schöpfers des
Zwingers, und fand dann in Krubsacius (1718 - 1789) ihren
Hauptvertreter, hat aber wichtigere Denkmäler kaum hinterlassen.
Anders in den Hauptistädten der rivalisierenden deutschen Mächte,
in Wien und namentlich in Berlin, das jetzt zum ersten Male an
die Spitze der deutschen Architekturbewegung tritt. In Wien
baute Hohenberg von Hetzendorf 1776 die schon halb klassische
Gloriette auf der Höhe des Parkes von Schönbrunn mit einer
der prächtigsten, künstlich geschaffenen Aussichten des 18. Jahr—
hunderts, sowie 1784 den Palast Pallavicini; in Berlin wirkte,
bedeutender als Hohenberg, von Gontard, der Schöpfer der
        <pb n="386" />
        weitere musikalische und literarische übergänge. 367
Türme an den Kirchenbauten auf dem Gendarmenmarkt, der
Communs am Neuen Palais und des Marmopalais bei Pots-⸗
dam. Von ihm läuft dann eine ziemlich grade und zusammen—
hängende Linie über Langhans, den Erbauer des Brandenburger
Tores (1793), hin zu der späteren Erneuerung der Antike
durch Schinkel.

Indem nun auf diese Weise in der Architektur seit etwa
der Mitte des 18. Jahrhunderts zwar nicht der Einfluß der
Antike siegte, aber doch unter deren Einfluß eine Vereinfachung
der Tektonik wie des baulichen Schmuckes eintrat, wurde auch
für die übrigen Künste das Problem der Antike, und das hieß
in der durch die Architektur herbeigeführten Vereinfachung das
Problem der edlen Einfalt und Größe unter gewissen anti—
kisierenden Manieren, gestellt. Und es entsprach den Anfängen
des neuen architektonischen Klassizismus in Deutschland, wenn
es vor allem an dessen frühestem Standort, in Dresden,
erörtert wurde und man es dort unter der herkömmlichen An—
schauung von der Lehrbarkeit und Lernbarkeit der Kunst zu lösen
suchte.
In Betracht kam da an erster Stelle die Malerei. Diese
hatte man sich etwa seit spätestens den Caraccis als eine lehr⸗
bare Kunst, als ein Wissen zu betrachten gewöhnt!, in dem es
sich vornehmlich um die geschickte Zusammenstellung von Farben
handle, sowie darum, mit dieser Zusammenstellung nach den
Mustern großer Meister die Natur nachzuahmen.

Dieser Rezeptierung hatte dann natürlich eine tote aka—
demische Kunst entsprochen, die ganz im Formelwesen aufging
und der jeder persönliche, auf den Meister und dessen Kraft
hinweisende Inhalt fehlte. Die Malerei war damit auf einen
Tiefpunkt gelangt, der demjenigen der Architektur vor den
neuen klassischen Einflüssen entsprach. Und ein gleiches galt
auch für die Bildnerei. Nur daß hier der absoluten inneren
Leere nicht eine ebenso kahle äußere Anordnung entsprach,
sondern vielmehr eine Berninis Kunst noch weit übertreffende,
m Mengs, Gedanken über die Schönheit (Reklam), S. 19; s. Bd. VI
        <pb n="387" />
        368 Swanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
gewaltsame, gliederverrenkende Pose. Dieser sekundäre und
formale Unterschied erklärt sich daher, daß seit dem Barock,
das derartige bewegte Figuren und Gruppen aus einem inneren
Prinzipe seines Wesens hervorgebracht hatte, die Plastik als
Dienerin der Architektur und der Gartenkunst einen fast rein
dekorativen Zweck erhalten hatte, der nur unter gewaltsamer
Bewegung der Figuren erreicht werden konnte.
In diese Lage der Dinge ergossen sich nun die neuen Ein—
flüsse der Antike. Vermittelt wurden fie vornehmlich durch
Friedrich Oeser, einen österreichischen Maler, der sich in Dresden
niedergelassen hatte, und der, als schöpferischer Künstler wenig
bedeutend, in seiner Farbengebung widerwärtig kreidig, in seiner
Eigenschaft als ästhetischer Denker und anregender Kunstfreund
von weitreichender Wirkung gewesen ist; später, als Direktor der
Leipziger Kunstschule, ist er bekanntlich auch Goethes Lehrer
geworden. Sein erster und auf dem eigentlichen Boden seiner
Tätigkeit größter Schüler aber war Winckelmann. Winckel—
mann, als Sohn eines armen Schusters im Jahre 1717 zu
Stendal geboren, ist eine der merkwürdigsten geschichtlichen Er—
scheinungen. Weder durch Geburt noch durch Umgebung
irgendwie zum Gelehrten oder gar zu seiner späteren Mission
vorbereitet, wurde er durch einen im höchsten Grade entwickelten
Sinn für die Schönheit vornehmlich männlicher Körper bei
ziemlicher Unfähigkeit zu künstlerischem Schaffen der besonderen
Betrachtung der Plastik zugetrieben. Im Sommer 1748 kam
er aus trauriger Jugend und noch traurigerem Berufsleben
seines angehenden Mannesalters als Bibliothekar des Staats⸗
mannes und Historikers Grafen von Buünau in die Nähe
von Dresden; hier und in Dresden, vielfach in vertrautem
Verkehr mit Oeser, ist er bis zu seiner Abreise nach Rom im
Jahre 1755 geblieben. Man versteht, wie Winckelmann von
Oeser lernen mußte, und wie beide Neuerer zusammenstimmten.
Als Ergebnis ihres beiderseitigen Verkehrs wie der besonderen,
systematisch fich erst langsam regenden ästhetischen Empfindung
Winckelmanns erschien kurz vor der Abreife nach Rom Winckel⸗
manns erste Schrift: „Gedanken über die Nachahmung der
        <pb n="388" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 369
zriechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“.
Winckelmann trug hier, anknüpfend an die rationalistische Theorie
von der Kunst, doch sie klassizistisch wendend, folgende Lehre
bor. Die Kunst bestehe allerdings in der Nachahmung; das
oft zitierte Wort des Simonides, daß Malerei nur stumme
Poesie sei, habe als wahr zu gelten; die Malerei habe so weite
Grenzen wie die Dichtkunst. Und wie der Stoff der Dichtkunst
‚or allem die Fabel sei, das heißt die vollendetste, am meisten
von sittlichem Zwecke und Nutzen getragene Verwirklichung des
Wunderbaren, so sei der Hauptstoff der Malerei die Allegorie.
Danach erschien Winckelmann die zukünftige Größe der Malerei
darin, daß sich der Maler nunmehr „als ein Dichter zeigen
und Figuren durch Bilder, das heißt allegorisch, malen müsse“.
Es ist klar: diese ganze Lehre war nur eine letzte, in ihrer Art
klassische Darstellung der rationaliftischen Auffassung der Malerei;
weit ist sie davon entfernt, etwas grundsätzlich Neues zu bieten.
Aber neben diese Sätze stellte nun Winckelmann, des weiteren
bornehmlich von der Plastik ausgehend, andere. Mit Abscheu
und Unwillen sprach er von der modernen, aus dem Barock
entarteten Bildnerei, „als worin ungewöhnliche Stellungen und
Handlungen, die ein freches Feuer begleitet, herrschen“. An
ihrer Stelle sehnte er eine andere Kunst herbei, eine Kunst der
edlen Einfalt und stillen Größe, wie sie die Alten und vor—
nehmlich die Griechen einstmals gehabt hätten, und er erweiterte
diesen Satz, ohne die rationalistische Vorstellung von der Malerei
als Allegorie aufzugeben, zu der Forderung allgemeiner Nach—
ahmung der Alten nicht bloß auf dem Gebiete der Plastik,
sondern mindestens auch auf dem der Malerei: „der einzige
Weg, groß, ja, wenn möglich, unnachahmlich zu werden, ist die
Nachahmung der Alten, das heißt derselbe Weg, welchen auch
Michelangelo, Raffael und Poussin einst eingeschlagen“.
Winckelmanns Forderungen machten außerordentliches Auf⸗
sehen: klar und bestimmt, dem allgemeinen Zuge der letzten
Jahrzehnte zur Nüchternheit nicht diametral entgegentretend,
bielmehr einen Ausweg zeigend aus der eklen Dürre, die am
Ldamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 24
        <pb n="389" />
        370 J Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Ende der bisher festgehaltenen Richtung drohte, wurden sie das
künstlerische Programm der nächsten Zeit.

Denn schon war, während Winckelmann nach Rom ging
und jene Studien aufnahm, die ihn in der Geschichte der Kunst
des Altertums weit über seine Dresdner Programmschrift
hinaustrugen, wenigstens ein Künstler erstanden, der die
Forderungen des Dresdner Kreises zu verwirklichen bestrebt
war: Raffael Mengs. Im Jahre 1728 zu Aussig geboren, dann
in Dresden als Pastellporträtist von außerordentlicher Geschick⸗
lichkeit tätig, war er früh nach Rom gegangen, das ihm zur
zweiten Heimat wurde; in Rom ist er im Jahre 1779 gestorben.
Das technische Können war bei Mengs im höchsten Grade ent—⸗
wickelt: und so konnte es ihm, im Sinne seiner Zeit gesprochen,
nur noch darauf ankommen, auch seinen Geschmack zu bilden.
Mengs hat in dieser Richtung selbst viel nachgedacht; denn
„Klugheit“ und Wissen erschienen ihm als wesentliche Voraus⸗
setzungen eines großen Malers. Und da fand er denn, daß es
zwei Wege zum guten Geschmacke gebe. Der schwerere sei die
der Nachahmung der Natur, der leichtere der der Nachahmung
großer Meister. Demgemäß sei es das beste, den zweiten Weg zu
betreten. Er führt nach Mengs zunächst zur Nachahmung der
drei Lichter“ Raffael, Correggio, Tizian, deren erster den Aus—
druck, zweiter die Grazie, dritter das Kolorit zu treffen lehre.
Allein damit stand nun Mengs noch nicht still. UÜber die
Neueren hinaus führen nach ihm die Griechen; sie haben ohne
Vorbild die Natur wahrhaftig nachgeahmt, während sie schon
wieder von den Neueren kopiert wurden: bei ihnen also läßt
sich das Geheimnis der Kunst wenn nicht aus erster, so doch
unmittelbar aus zweiter Hand empfangen. „Niemand von den
Neueren ist auf dem Weg der Vollkommenheit der alten
Griechen gegangen, denn alle Künstler nach der Wieder—

erfindung der Kunst haben nur das Wahre und Gefällige zur
Absicht gehabt; und wenn es auch wahr wäre, daß sie wirklich
in den Teilen, die sie besaßen, auf den höchsten Gipfel ge—
kommen wären, so bleibt noch übrig für den, der die Voll—
        <pb n="390" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 371
kommenheit sucht, das Teil des einen und andern zusammen—
zufügen.“

Dieser Aufgabe nun widmete sich Mengs; aus solchem
Bestreben sind seine Malereien in der Dresdner Hofkirche, ist
sein Parnaß in der Villa Albani zu Rom hervorgegangen:
trockene, korrekte, „schöne“ Bilder ohne rechtes inneres Leben,
gekünstelt und nur durch das technische Können des Meisters
bon Interesse. Die Zeit aber feierte ihren Schöpfer als Voll—
ender seiner Kunst, als pictor philosophus; und eine an Zahl
nicht geringe Schar von Malern schloß sich ihm an, aus deren
Kreisen im wesentlichen heute nur noch der Name der sanften,
etwas süßlichen Angelika Kaufmann herübertönt.

Soviel aber stand nach der Schrift Winckelmanns und ent⸗
sprechend der Malerei, die die in ihr ausgesprochenen Gedanken ver⸗
körperte, fest: der Bann der Aufklärung war für die bildenden
Künste noch keineswegs gebrochen; ihrem rationalistisch-eklektischen
Lehrsystem war mit der Nachahmung der Alten nur ein neuer
Programmpunkt neben der Nachahmung der Neueren eingefügt.
Sollte die Brücke zu einer grundsätzlich anderen Auffassung ge—
schlagen werden, so bedurfte es tieferer theoretischer Fundamen—
tierung. Sie ging von Lessing aus, und sie liegt vor in seinem
1766 erschienenen „Laokoon“.

Der Zentralbegriff der rationalistischen Asthetik war der
der Nachahmung gewesen: die Kunst wurde nicht von innen
her, als Erzeugnis empordringender Phantasietätigkeit des
Künstlers, sondern von außen her, als Produkt des Vorhabens,
gewisse Dinge mit gewissen Mitteln künstlich nachzuahmen, be—
griffen. Darum eben war die Kunst lehr- und lernbar, und
indem sie dies war, ordnete sie sich der Psychologie der Auf—
klärung ein, welche die Seelentätigkeit allmählich auf den Ver—
stand zu reduzieren suchte.

Sollte an die Vernichtung dieses Systems herangetreten
werden, so bedurfte es vor allem der Sprengung des im
Vordergrunde der Praxis und der Diskussion stehenden Be—
griffs der Nachahmung. Dieser Begriff fand nun, bei der

24 *
        <pb n="391" />
        372 Swanzigstes Buch. Viertes Lapitel.
Auffassung der Kunst als eines Vermögens äußerlicher, formaler
Wiedergabe der Erscheinungswelt, seinen charakteristischsten
Ausdruck in der Behauptung, daß es jeder Kunst möglich sein
müsse, jegliches nachzuahmen, und diese Behauptung wurde mit
Vorliebe in den Satz gekleidet, daß die Malerei nichts sei als
eine mit Farben arbeitende Dichtung, die Dichtung nichts als
eine mit Worten schildernde Malerei ut pictura poesis. Die
Aufhebung der getrennten Wirkungsgebiete der einzelnen Künste
und vor allem die Ineinssetzung der Gebiete der Malerei und
der Dichtung war also das bezeichnendste äußere Ergebnis der
aufklärerischen Ästhetik.

Lessings, Laokoon“ trägt den Nebentitel: „Über die Grenzen
der Malerei und Poesie“; er geht gegen das vorspringendste
und festeste Bollwerk der herkömmlichen Asthetik an, gegen die
Verwischung dieser Grenzen. Und er tut dies auf Grund von
Beobachtungen an der klassischen Kunst: ein weiterer Schritt
zur Entwicklung eines neuen Kunstideals wird noch immer mit
Hilfe der Antike unternommen!.

Lessing geht dabei von den Abweichungen aus, die sich in
der Darstellung der Laokoonsage durch Vergil und durch die
Statuen der Laokoongruppe finden. Aus ihnen entwickelt er
die Unterschiede zwischen der Dichtung und einer bildenden
Kunst, die er noch nicht in die besonderen Gattungen der
Malerei und der Plastik spaltet. Und da findet er folgende
Abweichungen: die bildende Kunst arbeitet mit anderen Mitteln
oder Zeichen als die Dichtkunst, nämlich mit Figuren und
Farben im Raume, während sich diese der Worte bedient.
Dementsprechend ist die bildende Kunst ein⸗ Kunst des Raumes

und der Körper, die Poesie eine Kunst der Zeit und der Hand⸗
lungen. Hieraus ergibt sich, daß Gegenstand der bildenden
Das ut pictura poesis hat allerdings schon Brämer (Gründliche
Untersuchung von dem wahren Begriff der Dichtkunst“, 1744) bekämpft.
Die besonderen Regeln der beiden Künste dürfen nach ihm nicht zugleich
und in einem Zufsammenhange abgehandelt werden: „wie ein jeder leicht
begreifen wird, der die Künste der Maler, Bildhauer gegen die Künste der
Rede hält“. Borinski S. 882, Aum 45
        <pb n="392" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 373
Kunst vor allem Körper, Gegenstand der Poesie Handlungen
sind. Nun existieren die Körper allerdings auch in der Zeit,
ebenso wie die Handlungen im Raume vor sich gehen. Allein
hieraus folgt nicht eine Vermischung der Mittel und Zeichen
beider Kunstarten, sondern nur der Satz, daß die bildende
Kunst, als Kunst koexistierender Kompositionen, da sie nur einen
einzigen Augenblick der dargestellten Handlung nutzen kann,
hierzu den prägnantesten wählen muß, und daß anderseits die
Dichtung, als Kunst der Darstellung von Handlungen, da sie
nur eine einzige Eigenschaft der Körper nutzen kann, diejenige
zu wählen hat, welche das sinnlichste Bild des Körpers von
derienigen Seite erweckt, von welcher sie ihn braucht.

Hier aber fragt es sich, was nun mit diesen Hauptsätzen
des „Laokoon“ erreicht war. War der Begriff der Nachahmung,
die äußerliche Auffassung der Kunst als einer reproduzierenden
Technik, nicht als einer innerlichen Phantasietätigkeit, mit Lessings
Ausführungen erschüttert? Keineswegs: Lessings ganze Argu—
mentation vollzieht sich noch auf der unbezweifelten Grundlage
des alten Begriffes. Nur innerhalb des Bereiches dieser rüttelt
er mit Erfolg an herkömmlichen Auschauungen. Er trennt
die technischen Mittel der Darstellung auf dichterischem und
bildnerischem Gebiete. Er liefert einen entscheidenden Beitrag
zur Asthetik des Stils der verschiedenen Künste, indem er zeigt,
daß die Nachahmung der bildenden Künste mit anderen Mitteln
erfolge, als die Nachahmung der Dichtkunst, und daß demgemäß
auch das stoffliche Gebiet beider Kunstgattungen auseinander—
falle: aber er bleibt bei der Nachahmung.

Und er zieht von diesem unerschütterten Begriffe aus für
die bildende Kunst Folgerungen, die die Daseinsmöglichkeit
dieser Kunst beinahe aufheben. Da die Nachahmung schön sein
muß und die Schönheit inzwischen durch den Einfluß der
Theorien Winckelmanns wie unter der steigenden Wirkung der
Antike wesentlich in der Plastik gesucht wurde, wodurch den
Umrissen des menschlichen Körpers eine übertriebene Wichtigkeit
beigelegt erschien, so wurde für Lessing die schöne Nachahmung
fast nur noch die Nachahmung schöner Linien. Dementsprechend
        <pb n="393" />
        174 Swanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
verdammte er alle bildende Kunst, in der die Schönheit auf anderen
Momenten als der Schönheit festumrissener Konturen beruht:
er verdammte das Bildnis, er verdamnite das Historienbild, er
verdammte das Genre und er verdammte vor allem die Land—
schaft. Ja er verwarf die Farbe überhaupt; er konnte wünschen,
die Kunst der Olmalerei möchte nie erfunden sein; und er forderte,
daß sich die Malerei auf die Darstellung einer einzelnen körper⸗
lichen Idealschönheit, höchstens auf die Zusammenstellung von
zwei oder drei solcher Idealgestalten beschränken solle.

Man sieht: die Entwicklung der Theorie der bildenden
Künste führte, so sehr sie durch Lessing eine Anschauung der
Abhängigkeit der einzelnen Künste von ihren Mitteln gewann,
unter dem Einflusse der Bestimmung des Begriffes der Nach—
ahmung durch eine antike Kunst, die der Zeit fast in die antike
Bildnerei aufging, beinah zur theoretischen Vernichtung der
Malerei und jedenfalls zur einseitigen Betonung des bloßen
Umrisses und in ihr zur ausgesprochensten Bevorzugung der
Plastik.

Wir haben hier nicht mehr zu erörtern, welche Folgen
diese Theorie gehabt hat; später wird erzählt werden, wie sie,
und in ihr das Besondere der griechischen Renaissance, als ein
Gegenstück des Fortlebens der Aufklärung, noch bis in die
dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts in der Bevorzugung der
Konturenzeichnung und in der Art der plastischen Schöpfungen
bis auf Thorwaldsen nachhallt, ja wie sie noch bis zur Mitte
des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus in mancher Richtung
maßgebend geblieben ist.

Lessing aber nimmt in der Geschichte der Theorie der bil—
denden Künste, soweit sie unter dem Einflusse der griechischen
Renaissance steht, eine ähnliche, wenn auch nicht gleichweit vor—
wärts entwickelte Stellung ein wie in der Geschichte der reli⸗
giösen Aufklärung: er ahnte wohl das Land der Zukunft, aber
er tat nur einen ersten Schritt gegen seine Grenzen. Wie weit
er gleichwohl über das Denken seiner Zeitgenossen, soweit es
sedimentären Charakter hatte, hinausgelangt war, zeigte die
Erscheinung, daß sein „Laokoon“ dem lebenden wie noch vielen
        <pb n="394" />
        Weitere musikalische und literarische übergänge. 375
späteren Geschlechtern als eine Tat von revolutionärer Größe
erschien, und vor allem die Tatsache, daß erst gegen Schluß
des 18. Jahrhunderts in der Abhandlung Hirts über das
Kunstschöne vom Jahre 1797 eine auch noch ziemlich allgemein
gehaltene Formulierung der Asthetik der bildenden Künste des
fubjektivistischen Zeitalters gegeben wurde, jener Asthetik, die das
Wesen der künstlerischen Reproduktion nicht in irgendwelcher
iußeren Nachahmung, sondern in dem freien Schaffen der künstle⸗
rischen Phantasie von innen her zu finden meint.

Inzwischen aber war Lessing als Theoretiker nach der
anderen, der Malerei abgewandten Seite unendlich viel frucht⸗
harer geworden, nach der Seite der Dichtkunst. Freilich hatte
auch hier schon vor ihm der Einfluß der Antike und leiser
Regungen eines künftigen Subjektivismus eingegriffen; und so
müssen wir zunächst rückwärts greifen, wollen wir Lessings
Stellung auf diesem ihm vor allem wichtigen Gebiete ver⸗
stehen.

Der Streit zwischen Gottsched und den Schweizern war da
das erste entschiedene Symptom des Nahens eines neuen psychischen
Zeitalters auch der Dichtung gewesen. Freilich: nur in ge—
ringen Ansätzen hatte dabei das Neue auf seiten der Schweizer
schon durchgeleuchtet; im Grunde hatten beide Parteien noch
auf der alten rationalistischen Grundlage gestanden, und Gott—
sched hatte dementsprechend noch schlechtweg die Lehrbarkeit der
Poesie als einer Nachahmung der Natur behauptet. Demgegen—
über hatten dann die Schweizer die Dichtung zwar auch noch
als eine Nachahmung der Natur gefaßt: ausdrücklich erklärte
sie Breitinger als solche. Aber darüber hinaus war ihnen
doch auch schon eine neue und höhere Anschauung nahegetreten,
der zufolge die Dichtung als eine Phantasietätigkeit zu verstehen
war. Und sie hatten dieser Anschauung, ohne ihren Kern voll⸗
ständig bloßzulegen, immerhin bereits zweierlei Momente des
Fortschrittes entnommen. Einmal die Lehre, daß in der Poesie
        <pb n="395" />
        376 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
ein Wunderbares in Frage komme, daß Außerungen starker
Phantasie eine Rolle spielten. So sagte zum Beispiel Brei⸗—
tinger, die Dichtung sei „künstliche Nachahmung der Reden und
Aussprüche solcher Personen, die sich himmlischer Erscheinungen
und prophetischer Eingebungen rühmen“. Und weiterhin die
Anschauung, daß es sich bei der Dichtung nicht bloß um an—
genehme Belehrung handle — obwohl man an anderen Stellen
wieder ganz an der Lehrhaftigkeit der Poesie festhielt und
darum die Fabel als deren höchste Gattung pries —, sondern
an erster Stelle um eine Erregung des Gemütes: und daß
deshalb die Mittel der Dichtkunst nicht mit Gottsched in den
äußerlichen syntaktischen und rhythmischen Regeln zu suchen,
sondern aus der Kenntnisnahme der tieferen poetischen Wir⸗
kungen zu entwickeln seien. Wie es Bodmer in der Vorrede
zu Breitingers „Dichtkunst“ ausdrückte: „Die Regeln sind
nicht eine bloße Frucht des Eigensinns oder blinden Zufalls,
sondern sie sind entstanden aus der Achtsamkeit auf dasjenige,
was eine gewisse beständige Wirkung auf das Gemüt getan
hatte, aus dem Nachdenken, warum die Stücke, so belustigten,
diese Wirkung notwendigerweise tun mußten.“

Indem nun die Schweizer diesen an sich widerspruchsvollen
Standpunkt einnahmen, hatten sie sich damit doch zugleich, insoweit
sie von Gottsched abwichen, den Alten genähert: denn die Alten
hatten in den Höhezeiten ihrer Dichtung, die für eine griechische
Renaissance zunächst in Frage kamen, in den homerischen Epen
und den Dramen des Sophokles etwa, so verschieden diese auch
untereinander sein mochten, doch mindestens das eine mit dem
Standpunkt der Schweizer gemeinsam, daß sie den theoretischen
Forderungen der Gottschedschen Dichtkunst gänzlich fernstanden.
Und so ist es verständlich, wenn sich die Schweizer schon früh
neben den für sie maßgebenden Engländern auch auf die Alten,
vor allem auf Homer, zu berufen begannen, und wenn bereits
aus den jüngeren Jahren Bodmers die Vorschrift herstammt,
man solle die Alten suchen, denn dann finde man die Natur.

War dies die Lage und war auf Grund derselben bereits
eine reiche Poesie voll von Motiven freilich vielfach noch äußerlicher
        <pb n="396" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 377
griechischer Renaissance entstanden, wie sie in den Dichtungen
der Anakreontiker und noch mehr in den Arbeiten der ernsten
Dichter der vierziger bis sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts
zutage trat, so lag es nahe, die Theorie der Dichtkunst, die
aach den Einwirkungen der Schweizer noch unklar genug ge—
hlieben war, an der Hand der Alten weiterzubilden. Das um
so mehr, als der französische Einfluß, wie ihn Gottsched ver—
—EV Gebiete jedenfalls
noch nicht gebrochen war, auf dem des Dramas.

Denn das gespielte Drama der vierziger und fünfziger
Jahre des 18. Jahrhunderts war noch immer entweder das
alte volkstümliche, gänzlich im Verfall begriffene Schauspiel,
gegen das sich Gottsched mit Recht entrüstet erhoben hatte, vor
allem die Hanswurstiade, oder es war das gereinigte, langweilige
Schauspiel nach französischer Vorschrift, die Gottschediade.
Außer diesen beiden Gattungen kamen höchstens noch Auf—
führungen fremder Stücke und hier wiederum namentlich fran—
zösischer in Betracht; denn der neueren deutschen literarischen
Bewegung entsprangen noch keine dramatischen Leistungen von
Bühnenerfolg; die ersten wichtigeren und eigenartigen Arbeiten
Lessings stammen erst etwa aus dem Jahre 1758, und noch
etwas später erst begann die Einwirkung von Johann Elias
Schlegel und Brawe. Die Bühnendarstellung selbst war dabei
in hohem Grade roh, die Schauspielhäuser vielfach nur Buden,
das Publikum unflätiag und nicht selten den Schauspielern gradezu
lästig.

Auf diesem Gebiete also vor allem bedurfte es der Reform.
Lessing aber lag der Gedanke, von sich aus einzugreifen, um so
näher, als er im Verlaufe seiner Laokoonstudien zu der Auf⸗
fassung gelangt war, daß das Drama recht eigentlich die
Krönung der Poesie sei, da es die willkürlichen Zeichen der
Dichtkunst, wie sie in der Sprache gegeben sind, durch An—
wendung der Mittel des Tons, der Worte, der Wortstellung,
des Silbenmaßes, der Figuren und Tropen, der Gleich—
nisse u. s. w. zu natürlichen mache, mithin die vollkommenste
und unmittelbarste Verwertung des dichterischen Stils zur
        <pb n="397" />
        378 — Zwanzigstes Buch. Viertes Rapitel.
Folge habe, insofern dieser von den Mitteln der Darstellung
bestimmt sei. Und in der Tat: mag man sich im übrigen zu
dieser Deduktion Lessings stellen wie man wolle, schwerlich wird
zu bestreiten sein, daß das Drama die modernste, höchste, ja
kaum schon entfaltete Blüte der Literatur des individualistischen
Zeitalters darstellte. Von seiner Kritik aus waren mithin,
wenn von irgendwoher, die Vorstellungen über das, was
Dichtung sei, am einfachsten zu bilden und zu bessern.

Lessing unterzog sich der damit gestellten Aufgabe vor⸗
nehmlich in der „Hamburgischen Dramaturgie“ (1767 1769),
im Kampfe gegen die Franzosen und mithin Gottsched, gestützt
auf die Engländer, vornehmlich Shakespeare, geleitet aber und
überragt von dem Drama der Antike und Aristoteles, seinem
gewaltigen Theoretiker.

Den ersten Anlauf zum Kampfe auf diesem Gebiete nahm
Lessing allerdings noch gestützt auf die Engländer, die man,
nachdem sie seit den vierziger Jahren von den Gegnern Gott—⸗
scheds immer mehr dem deutschen Horizonte nahegebracht worden
waren — bereits 1741 hatte Bork Shakespeares „Julius
Cäsar“ übersetzt —, in den fünfziger Jahren nicht zum ge⸗
ringsten unter dem Einflusse des Siebenjährigen Krieges ganz
allgemein den Franzosen entgegenstellte. Es sind noch nicht
völlig abgeklärte Regungen, wie sie sich in ihren Anfängen
schon in den „Beiträgen zur Historie und Aufnahme des
Theaters“ vom Jahre 1750 finden, dann, gewiß zum großen
Teile von Lessing ausgehend, 1755 in Jacobis „Briefen über
den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutsch⸗
land“ 'auftauchen, endlich weit stärker und auch schon klarer
in den von Nicolai herausgegebenen „Briefen, die neueste Lite—
ratur betreffend“ (1759 -65), zutage treten, an denen Lessing
bis zum Jahre 1760 eingehender beteiligt war. Diesen
Anfängen aber, sowie einem etwa gleichzeitigen eingehenden
Studium des Sophokles folgte dann 1766 der „Laokoon“ und
hiermit öffentlich eine stärkere Hinneigung zur Antike auf
ästhetisch-kritischem Gebiete; und ausgesprochen in den Vorder—
grund trat Aristoteles, dessen „Poetik“ Lessing schon 1756 fleißig
        <pb n="398" />
        weitere musikalische und literarische Übergänge. 379
studiert hatte, 1767 in der „Hamburgischen Dramaturgie“.
Freilich geschah das auch hier nicht so sehr aus den weitesten
Bedürfnissen der modernsten deutschen Entwicklung heraus,
sondern vor allem im Gegensatze zu Gottsched, dessen Einfluß
auf dem Theater noch immer nicht beseitigt war, und noch
mehr zu den Franzosen überhaupt. Und darum knübpfte sich
die Eroͤrterung gern an die genauere Untersuchung derjenigen
Stellen der Poetik des Aristoteles, für welche die französische
Interpretation von derjenigen abwich, die ihr Lessing geben zu
müssen glaubte. Da war nun der Hauptpunkt der gegen⸗
seitigen Differenzen, daß die Franzosen den Terxt für den Ge—
schmack Lessings immer zu wörtlich nahmen, während Lessing
bor allem dessen Geist verstanden und befolgt sehen wollte.
So forderten die Franzosen, auf Aristoteles gestützt, im Drama
vor allem die absolute, objektive Einheit der Zeit und des
Ortes und stellten den Grundsatz auf, daß im geschichtlichen
Drama der Inhalt des Geschehenen der einstigen Wirklichkeit
entsprechen, also mit objektiver Treue wiedergegeben werden
müsse. Es waren Forderungen, wie sie dem rationalistischen
Prinzip der Nachahmung und der Auffassung der Kunst als
einer bloß formalen Technik entsprachen. Hiergegen wandte
sich nun Lessing an erster Stelle mit aller Schärfe. Nicht
in der objektiven Wiedergabe einer historischen Handlung,
sondern in der Erreichung vielmehr der höchsten subjektiven
Wahrscheinlichkeit des Geschehens, nicht in der Herstellung also
einer äußerlichen, sondern einer innerlichen Einheit des Dar—
gestellten sah er nach Aristoteles das Ziel der dramatischen
Kunst. Diese innere Einheit aber und damit die subjektive
Wahrheit des Dramas war seiner Ansicht nach nicht durch
Anschluß an die geschehene Wirklichkeit und die pedantische
Wahrung der Einheit von Ort und Zeit zu erreichen, sondern
allein durch die Kunst, die Charaktere subjektiv wahrhaftig und
darum den Hörern wahrscheinlich zu schildern. Und so war
ihm denn nicht mehr die platte Wiedergabe des Wirklichen,
sondern die Erreichung eines schönen, idealen Scheins des Lebens
das Ziel aller dramatischen Kunst.
        <pb n="399" />
        380 Zwanzigstes Buch. Viertes LKapitel.
Es ist klar, daß Lessing sich mit diesen Forderungen weit
über die bisherige Einsicht auch der Besten feiner Nation er—
hob; nicht bloß den Einfluß der französischen Renaissancepoetik
griff er damit entscheidend an; er begann auch die Grund—
lage zu schaffen für ein tieferes Verständnis der Lebens—
bedingungen der jung aufstrebenden deutschen Dichtkunst über—
haupt.

Aber auch hier war es, wie auf dem Felde der Religion
und dem der bildenden Künste, sein Schicksal, nicht vollends
bis zu den neuen Lebensidealen vorzudringen: auch hier ist er
nur der Vorläufer später geborener Glücklicherer und schon
darum Größerer gewesen.

Lessing blieb bei aller Betonung subjektivistischer Momente
doch in der individualistischen Anschauung des Aristoteles von
dem Wesen der tragischen Schuld stecken. Für das neue Zeit—
alter aber, das Lessing schon emporleuchten sah, stand die
Frage nach dem Wesen der dramatischen Schuld als die Kern—
frage eines rein psychologischen Dramas im Mittelpunkte der
Betrachtung. Und zwar erschien sie ihm als notwendig
durch eine wirkliche Verschuldung des Helden verursacht und
eben von diesem Standpunkte aus Ursache und Hebel der
gesamten dramatischen Handlung. Es ist ein Standpunkt,
den das antike Drama, insofern es die Gewalt der Götter be—
stehen ließ und in diesem Sinne von Aristoteles theoretisch be—
arbeitet ward, nicht kannte und in dieser Form nicht kennen
konnte. Denn in ihm ist, grundlegenden Motiven der antiken
religiösen Anschauung entsprechend, die Schuld nicht subjektiv,
nicht Verschuldung, sondern objektiv, Verirrung, Fehltritt, Ver—
gehen, Unglück, Schicksal. Dementsprechend ist die Charakter—

zeichnung nicht eigentlich entwickelnd, sondern sie entfaltet nur
deskriptiv die von vornherein feststehenden Eigenschaften; und
die Tendenz des Ganzen erhält leicht, ja fast unvermeidlich
einen moralisierenden Zug infolge des Hineinragens höherer, der
immanenten Motivierung des Dramas entzogener Gewalten.
Das alles waren nun schon in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts Eigenschaften des Dramas nicht mehr der
        <pb n="400" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 381
Zukunft, sondern der Vergangenheit. Aber Lessing blieb in
ihren Kreis gebannt, und sein dramatisches Schaffen stand
unter ihrem Einfluß. So zeigt „Miß Sarah Sampson“,
enes Stück der Jugendzeit (1755), mit dem Lessing der fran—
zösischen Comédie larmoyante und der deutsch-englischen
Empfindsamkeit seinen Tribut entrichtete, in der Leidens—
geschichte der Heldin, eines jungen verführten Mädchens, keine
insühnbare tragische Schuld, sondern nur die Konsequenzen eines
sühnbaren Fehltritts; so ist „Philotas“ (1759) ganz nach Art der
Alten nicht bloß aufgebaut, sondern sogar in der Charakter—
zeichnung durchgeführt; und auch die Dramen der reifsten Zeit
hleiben innerhalb der durch die antike, individualistische Theorie
gegebenen Grenzen: der Tod „Emilia Galottis“ (1772) ist nur
in sehr gewaltsamer Weise, und noch dazu kurz vor ihrem
Ende, motiviert; im Grunde sterben sie und ihr Vater, die
aichts verfehlt haben, unschuldig, während der Prinz frei aus—
geht, obwohl ihn im tiefsten Grunde alle Schuld trifft; und in
„Nathan dem Weisen“ (1779) wird die Handlung, an sich schon
sehr lose geknüpft, eigentlich nur durch das Spiel des Zufalls
vorwärtsgeschoben, wenngleich der veraltete Aufbau hier weniger
jervortritt, da die verschiedenen Konflikte so milde angelegt
ind, daß sie nirgends die volle Schärfe des Tragischen an—
nehmen. Goethe hat darum, mit der Unbarmherzigkeit freilich
des Angehörigen der nächsthöheren Entwicklungsstufe, über
„Emilia Galotti“ das Urteil sprechen können, bei genauerer
Untersuchung habe man vor ihr nur einen Respekt wie vor
einer Mumie; auf dem jetzigen Grade des Kultur könne das Stück
kaum noch wirksam sein; und Schiller hat in seiner Abhand—
lung über naive und sentimentalische Dichtung über „Nathan
den Weisen“ äußern können, ohne sehr wesentliche Veränderungen
würde es kaum möglich sein, dies dramatische Gedicht in eine
gute Tragödie umzuschaffen.

In der Tat gehörten Lessings Dramen ihrem Aufbaue nach
schon ein paar Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen insofern einer
verflossenen Kultur an, als sich inzwischen über den noch lange
fortdauernden Unterströmungen der Aufklärung und der Re—
        <pb n="401" />
        382 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
naissance ein höheres Niveau freierer dichterischer Betätigung
gebildet hatte. Ganz dieser neueren Schicht aber dürfen sie
innerhalb des einmal gegebenen Rostes ihres Aufbaues noch
zugezählt werden in der Durchbildung der Charakteristiken und
in der Schärfe der Motivierung, sowie nicht minder in der
Munterkeit des Flusses der Handlung und dem außerordent—
lichen Leben des Dialoges: hier, in immerhin noch sehr wich⸗
tigen Nebenerscheinungen des Neuen, liegen die auch für uns
noch unvergänglich erscheinenden modernen Eigenschaften ihres
unendlich vielseitigen und zweifelsohne auch dichterisch hochbegabten
Schöpfers.

Diese Eigenschaften aber wiederum erscheinen deshalb modern,
weil sie diejenigen Teile der poetisch-dramatischen Theorien
Lessings verkörpern, in denen sich der Dichter von der französischen
— individualistischen — Lehre wie auch, insofern als er Aristoteles
viel zu modern interpretierte, von der Antike losgerissen hatte:
so vor allem die Lehre von der Exrreichung der höchsten subjek—
tiven Wahrscheinlichkeit des Geschehens nicht durch platte Nach⸗
ahmung der Natur, sondern durch die Anwendung derjenigen
spezifischen technischen Mittel der Sprache, der Situations-⸗
schilderung u. s. w., welche geeignet sind, die vorgeführten
Charaktere subjektiv wahrhaftig erscheinen zu lassen. Bei diesem
Zusammenhange begreift es sich denn, wenn Lessing ganz in
das kommende Zeitalter hineinragen mußte mit einem Werke,
das diese neue dramatische Technik aufwies, ohne an jenen
Mängeln der Verinnerlichung des Aufbaues zu leiden, die sich
aus der noch nicht aufgegebenen Auffassung subjektiver Ver—
schuldung als objektiven Unglückes herleiteten. Schiller macht
an der soeben angeführten Stelle über „Nathan den Weisen“
die weitere Bemerkung: eine große Tragödie sei aus dem Ge—
dicht allerdings schwerlich zu machen, wohl aber möchte es mit
zufälligen Veränderungen eine gute Komödie abgegeben haben.
In der Tat: in der Komödie fiel zu Boden, was Lessing noch
als Kind vorsubjektivistischer Zeit bezeichnete, trat dagegen offen
zutage, was ihn mit dieser Zeit verband.

Auf diesen Zusammenhängen beruht der noch heute wie
        <pb n="402" />
        Weitere musikalische und literarische übergänge. 383
vor einem Jahrhundert lebendige Gehalt der „Minna von
Barnhelm“. Hier ist ein herrlicher Stoff unter dem frischen
Eindrucke der außerordentlichen Umstände, aus denen er
hervorging, noch gleichsam unter dem abhallenden Donner
des Siebenjährigen Krieges mit glücklicher Hand geformt und
den Charakteren jenes frische Dasein und jene heitere Innerlich—
keit verliehen, die ihnen das vollste Interesse auch noch der
GBegenwart sichern.

Und so darf man sagen: an dieser Stelle seines Schaffens
am meisten drängten günstige Mächte bei Lessing die Seiten
zurück, in denen er ein Kind war nur seiner ihn unmittelbar
umgebenden Zeit und der Vergangenheit, und hoben hervor,
was in ihm prophetisch lebte. Hier am wenigsten zeigt er den
Januskopf, der sonst nirgends verkennbar ist — um so weniger
berkennbar, als sich Altes und Neues bei Lessing in wunder—
barster Klarheit des Gedankens, in kristallheller Fassung der
Sprache zusammendrängen. Lessing war von allen Aufklärern
der subjektivste, von allen Anhängern der Renaissance der
nodernste; und in seiner Lebensführung, seiner Weltanschauung
und seinen Künstlereigenschaften lassen sich deutlicher als irgendwo
die letzten und schmalsten Grenzlinien erkennen, in denen sich
die Aufklärung vom Subjektivismus schied, und jenseits deren
die griechische Renaissance der modernen Geistesentwicklung nicht
mehr gänzlich zu folgen imstande war.

VI.
Wir stehen auf einer letzten hohen Klippe, von der sich
eine unendliche, sehnsuchtsvoll stimmende Fernsicht schon hinein—
erstreckt in das Gebiet des uns heute noch umfangenden Zeit⸗
alters, in das Land des Subjektivismus. Und schauen wir
von dieser Höhe rückwärts, so überblicken wir nicht minder all
die Höhen und Täler, all die Heerstraßen und gewundenen Pfade,
all die Bergkulissen, die, eine hinter der andern zurück—
weichend, den Bereich des Individualismus umfassen und sich
hinter ihm noch weit, weit fort verlieren in die blauen und
        <pb n="403" />
        Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
grauen Weiten der gebundenen Kulturen des Mittelalters und
der Urzeit.

Sollen wir der Versuchung unterliegen, rückwärts ge—
wandten Schauens dies Bild noch einmal in kurzen Zügen zu
zeichnen? Nein: nur im Kontrast gegen den ausgesprochenen
Subjektivismus gewinnt es seine vollste Tiefenwirkung und
seine höchsten Farbenreize; und darum wird an den Eingangs—
pforten zum Subjektivismus selbst, an späterer Stelle, sein
bester Platz sein.

Wohl aber werden wir das Bedürfnis fühlen, hier wenigstens
die letzte Phase des Individualismus, die Übergangszeit schon
zu primitiv subjektivistischem Seelenleben, uns noch einmal, und
nun zum ersten Male ganz zusammenfassend vorzuführen. Denn
gewiß werden wir die tausend Klänge rationaler wie ästhetischer
wie religiöser Bestrebungen, gemütvollen Daseins wie verstandes⸗
mäßigen Vordringens von Zielen des alten Zeitalters in die
Weisen des neuen im Ohre tönen hören wie ein ungeheures
symphonisches Gefüge von tausend Themen; und sicher werden
wir auch des Eindrucks sein, daß sich, allmählich anschwellend
und immer machtvoller erbrausend, ein eigentliches und neues
Grundthema erhebt, um in rauschendem Prestissimo ungeahnte
Empfindungen auszulösen mit dem Anspruch, alles andere zu
beherrschen: das Thema des Subjektivismus.

Aber ein anderes ist die Empfindung des Ganzen und die
Zerfaserung wenigstens der Hauptthemen in ihrem gegenseitigen
Zusammenhang ins Einzelne; und diese letztere wird ein pflicht⸗
bewußter Kapellmeister nicht unterlassen wollen.

Die allgemeine Erscheinung der Übergangszeit ist zweifelsohne
die allmählich immer stärker durchschlagende Macht des Gemütes.
Aber in der Entwicklung welcher Stufenfolge ergibt sie sich?
Da ist nun kein Zweifel, daß die Bedürfnisse des Gemütes am
ehesten da wieder tief empfunden werden, wo sie am wurzelhaftesten
sind, auf religiösem Gebiete. Und innerhalb dieses Gebietes wieder
im protestantischen und hier wiederum im lutherischen Bekenntnis.
Man durchdringe sich ganz mit der Bedeutung dieser fundamen⸗
talen Tatsache: fie erklärt zum großen Teile das Ausscheiden der
        <pb n="404" />
        Weitere musikalische und literarische übergänge. — 385
Niederlande aus dem deutschen Geistesleben und den spezifisch
mittel- und norddeutschen Charakter des ersten subjektivistischen
Beisteslebens des inneren Deutschlands auf lutherischer Grund—
lage von der Mitte des 18. bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Parallel läuft ihr auf politischem Gebiete die Erscheinung, daß
seit dem Dreißigjährigen Kriege durch Eingreifen von Schweden
und später auch Frankreich die katholische Offensibbewegung zum
Stillstand kam, die seit der Mitte spätestens des 16. Jahr⸗
hunderts die westeuropäische Staatenwelt beherrscht hatte.

Wie sehr um die Mitte des 18. Jahrhunderts und schon
früher im inneren Deutschland fortschreitende Bildung und
Protestantismus, und vornehmlich wieder lutherische Grundlage
religiöser Weltanschauung für identisch galten, dafür nur einige
wenige bezeichnende Tatsachen. Moralische Wochenschriften hat
es seit 17900 fast nur in der Schweiz und ganz vornehmlich im
lutherischen Norddeutschland und im lutherischen Frankfurt
am Main gegeben; selbst die spätere Entwicklung der Intelligenz—
blätter (von etwa 1760 ab) hält sich noch wesentlich in den
Grenzen dieses Gebietes. Kaiser Karl VI. zog Buchhändler in
sein österreichisches Land. Aber eine erzbischöfliche Denkschrift
mußte für Wien klagend feststellen, daß „aus ungefähr 12 oder 13
deren hiesigen gelernten Buchhändlern kaum 3Zoder 4 anzutreffen,
welche katholischer Religion“. Für die Zeit um 1800 weiß
man aus den Denkwürdigkeiten von Perthes, daß der deutsche
Buchhandel wesentlich protestantisch und mittel- und norddeutsch
war. Endlich, was höhere Bildung und Wissenschaft betrifft:
als Joseph von Sonnenfels im Jahre 1761 zu Wien eine
„Deutsche Gesellschaft“ stiftete, warf man ihm vor, er wolle
das Luthertum einführen.

Ist mit diesen Erwägungen der Schauplatz der Übergangs—
kultur vom Individualismus zum Subjektivismus ein für alle—
mal und für alle Haupterscheinungen abgegrenzt, so versteht es
sich, daß die Entwicklung des religiösen Gemütslebens, wie sie
Front machte gegen die Orthodoxie, jene früheste verknöchernde
Rationalisierung zunächst der Kirche, vor allem im Pietismus

Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 25
        <pb n="405" />
        386 Swanzigstes Buch. Viertes LKapitel.
verlief. Und hier sind schon die Vorstufen bedeutungsvoll: die
erneute Lektüre altmystischer Literatur seit etwa 1600, die Ent—
faltung einer neuen geistlichen Erbauungsliteratur, deren
Erponent gleichsam Arndts „Wahres Christentum“ war, das
Aufsteigen eines hohen religiösen Pathos in der frommen
Dichtung nach dem großen Kriege. Und dann kamen sie selbst,
die Zeiten eines Spener und Francke, die Jahre der Gebets—
praxis und des Bußkampfes hin zum religiösen Durchbruch:
bis der Pietismus von Zinzendorf und den Herrnhutern über⸗
holt ward und schöne Seelen schon eindrangen in die Vorhöfe
subjektiv⸗quietistischer Frömmigkeit.

Denn nicht bloß um eine quantitative Steigerung des
religiösen Gemütslebens handelte es sich; durch anderthalb
Jahrhunderte hindurch fand zugleich eine qualitative Inten—
sivierung statt, in deren Verlauf die höchsten Formen individua⸗
listischer Frömmigkeit entwickelt und schließlich überschritten
wurden.
Inzwischen aber hatte sich, wiederum natürlich in Mittel—
und Norddeutschland und auf lutherischem Boden, die Macht
des Gemütes auf einem weiteren, mit dem religiösen freilich
eng verwandten Gebiete offenbart, auf dem der Weltanschauung.
Wie fern hatten doch die ersten großen Systeme einer allgemeinen
Ratio dieser Seite des Seelenlebens gestanden! Ihnen erschienen
seit Descartes die Tiere als Maschinen und die Dichtung als
verächtlich und verdächtig zugleich, da sie, eine Erzeugerin leerer
Hirngespinste, von klarem Denken vollständig ablenke; ja
wegen der von ihr ausgehenden Erregung als gefährlich. Da
hat denn Leibniz, der erste große Philosoph des inneren
Deutschlands, die beherrschende geistige Größe des Ausgangs
des 17. Jahrhunderts, erst wieder mit dem Dasein eines freien
Spieles der Affekte zugleich die Berechtigung der Dichtung an—
erkannt. Und Leibniz ist es auch gewesen, der feinfühlig und
vorahnend seinem allgemeinen Denken wiederum Elemente des
Gemütes einverleibte, ja dem Gemüte zum ersten Male wieder
eine psychologische Stelle anwies, von der aus es, nach den unter⸗
brechenden Tagen Wolffs und seiner Anhänger, fähig war,
        <pb n="406" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 387
von dem jungen Subjektivismus wissenschaftlich, philosophisch
ind dichterisch entdeckt zu werden.

Überaus merkwürdig aber sind die Vorgänge, in denen sich
——
hruch des Gemütslebens zu vollziehen begann.

Suchen wir hier zunächst den allgemeinen Eindruck des
17. Jahrhunderts festzustellen, so ist kein Zweifel: in den bil—
denden Künsten wie in der Dichtung herrschte zum großen Teile
der Verstand, und auch die Musik zeigte wenigstens in der
zweiten Hälfte des Jahrhunderts in der Durchbildung der Aus—
drucksmittel als der Symbole des Gemütslebens keine be—
achtenswerten Ergebnisse. Nur in der Malerei, und hier
wieder nur in den Niederlanden, hätte man von aufkeimenden
Strebungen des Gemütes sprechen können, falls man sie in
jener Entwicklung hätte finden wollen, die von den van Eycks
bis auf Rubens und Rembrandt, von der vollen Bewältigung
des Umrisses bis zur Wiedergabe künstlich geführten Lichtes
fortschritt. Denn mindestens waren in den außerordentlichen Er⸗
rungenschaften, die hier in der Vollendung der vlämischen und
holländischen Schulen zutage traten, Mittel gegeben, um neue
Gefühlswerte auszulösen und zu betonen. Aber sind diese Mittel
—E—
tiefgemütvoll-pathetischen Malerei, verwendet worden? Die Ant—
wort erteilt hier die Geschichte derjenigen unter den bildenden
Künsten, die die andern um den Schluß des 17. Jahrhunderts
und in den nächsten Jahrzehnten des folgenden Jahrhunderts immer
ausschließlicher zu beherrschen begann, die Architektur. Bedeutete
nun aber die Herrschaft der Architektur nicht schon an sich den
Triumph der verstandesmäßigsten, am meisten mit Nützlichkeitsrück—
sichten und technischen Voraussetzungen verknüpften aller Künste?
Freilich schienen zu der Zeit, da die Architektur so siegend her—
vortrat, die Raumbedürfnisse großenteils künstlerischer Art und
Statik und Mechanik soweit entwickelt, daß sie der Phantasie
weiten Spielraum ließen: aber immer handelte es sich doch um
einen praktischen und intellektualistischen Zug der Entwicklung;
und speziell wird man auch der Phantasieseite der Architektur

25*
        <pb n="407" />
        388

Swanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
dieser Zeit, des Barocks, diesen Zug kaum bestreiten wollen.
Denn die gewaltigen Lichtwirkungen, auf die es ausgeht, ent—
springen einer raffinierten Berechnung aufs Würdig-Schwere,
Majestätische, und die Formenwelt hat das Gewaltfame eines
frostigen Pathos.

Es sind Eindrücke, die fast noch vernehmlicher auch aus
der Dichtung dieser Tage, der Zeiten vor und nach 1700, zu
uns sprechen. Auch hier im Grunde schon ein verstandes—
mäßiger Kern, und auch hier die Umkleidung dieses Kerns mit
anspruchsvollen Formen. Auch hier mehr Arbeiten auf ober⸗
flächliche Stimmungen hin als auf tiefe Bewegung des Ge—
mütes; Schaffen darum für den Gesamteindruck und Fehlen liebe⸗
voller und sinniger Versenkung ins Einzelne. Und dementsprechend,
begünstigt noch durch die sozialen Vorgänge wie durch die Tat⸗
sache ständig fortdauernder, nur halb lebendiger Rezeptionen
aus der Antike, ein unglaublicher Schwulst: Übertreibungen der
Sprache ins Ungewöhnliche, Preziöse, angeblich Geistreiche,
Verkehrung des Inhalts ins Dunkle, Geschraubte, Spitzfindige,
Erzentrische: im ganzen eine Richtung, deren Ungesundheit grade
nach der Seite des Gemütslebens den Keim raschen Verfalles in
sich trug.

In der Tat sind um 1700 etwa die guten Zeiten des
Barocks und noch mehr des Schwulstes vorüber. Aber indem
man sich jetzt noch mehr auf sich selbst besinnt, indem man
ruhiger wird, treten die Folgen der intellektualistischen Kultur
für die Künste erst recht hervor.

Die bildenden Künste verlieren mehr und mehr an Interesse;
das Leben wird ärmer an hochstehenden ästhetischen Formen;
die Architektur gibt das Spielen mit dem wuchtigen Zierat des
Barocks auf, sie verliert die konzentrierte Lichtführung; das
Rokoko tritt auf mit seinen hellen Räumen, seinen großen,
poesielosen Fenstern, seiner geringen Entwicklung der architek—

tonischen Glieder, seinen hausbackenen Fassaden, dem später
Stockwerk auf Stockwerk türmenden Kasernenstil seiner größeren
Schlösser. Und mehr noch als bisher lehnen sich ihm Bildnerei
und Malerei als dienende Kunste an. Dabei steigt die Technik
        <pb n="408" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 389
ins Raffinierte, aber es ist die des Dekorateurs; und vor allem:
die Kunst gilt als erlernbar, und der Virtuose steht über dem
Meister.

Die eigentliche Führerin auf ästhetischem Gebiete aber wird
jetzt langsam und leise die Dichtung. Sehr natürlich; ihr
Werkzeug ist die Sprache, das Organ der Gedankenbildung;
mehr als irgend ein anderes Material weiß sie der Neigung
des Zeitalters zur rationalen Auffassung der Künste zu folgen.
Denn jetzt erscheint die Dichtung als „anmutige Gelehrsam⸗
keit“, und alles Volk der Dichter schwört zu Boileaus Versen:

Aimez donc la raison! Que toujours vos écrits
Empruntent d'elle seule et leur lustre et leur prix!
Und so folgt dem Schwulst eines Hofmannswaldau die halbe
Prosa Gellerts und Hagedorns.

Gewiß fehlte es bei alledem nicht an wirklichen Errungen⸗
schaften. Die Entwicklung der ästhetischen Fassungskraft siand
auch jetzt nicht still; der Ersatz der künstlichen Lichtführung
der Barockarchitektur durch die natürlichere des Rokoko be—
deutete einen Fortschritt, der auch der Malerei zugute kam;
und in der Malerei erlebte der Farbensinn die feinere Ent—
faltung des Verständnisses vor allem der lichten Schattierungen
und damit einen leisen ersten Anflug der zur Freilichtmalerei
drängenden malerischen Problemstellung des Subjektivismus.
In der Dichtung kam es zwar zu keinem entscheidenderen Fort—
schritt des Dramas als der vollendetsten Form dichterischer Auf⸗
fassung der Menschenwelt; doch entwickelte sich der satirische
Sinn zu individuellen Nuancen, und der Reichtum der Sprache
an Eigenschaftswörtern wuchs beträchtlich. Allein einen ent—
scheidenden Fortschritt bedeutete noch keiner dieser Vorgänge:
anendlich viel blieb hier einer raschen, neuen Vorwärtsbewegung
seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu tun und nach—
zuholen.

Ehe diese aber begann, traten doch, seit etwa 1720, die
ersten Zeichen dafür auf, daß eine Anderung bevorstehe. Die erste
Prophetin war, wie so oft in der Entwicklung der modernen
Phantasietätigkeit, zumal dann, wenn es sich um Eroberungs⸗
        <pb n="409" />
        390 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
züge auf dem eigentlichen Gebiete des Gemütslebens handelt,
die Musik. Die Zeiten Händels kamen herauf, Bach erfüllte
alte Formen mit sehnsuchtsvollen Ahnungen neuen Lebens; in
den Anfängen des modernen Liedes erbebten erste leise Atem—
züge des vollen musikalischen Subjektivismus. Und auch in
der Dichtung regte sich's schon. Die Schweizer siegten über
Gottsched; die Dichter des Leipziger Milieus der vierziger und
fünfziger Jahre wurden wenn nicht gemütvoll, so doch nicht
selten sentimental; Geßner schuf seine Idyllen, Lebewesen schon
ein wenig subjektivistischer Natur, und in Lessing trat die
innerlich tiefherzige Heldenfigur des Uberganges auf von dem
einen großen Zeitalter zum andern. Inzwischen aber — wir
werden es später sehen — hatten schon längst die Haller und
Günther in neuen Tönen zu singen begonnen, erschütterte
Klopstock mit den ersten Gesängen seiner Messiade die
stimmungsreich gewordene Welt: wurde von der Dichtung wie
sogar schon von der Wissenschaft die neue Seele entdeckt, die
Seele der Empfindsamkeit, des Sturmes und Dranges, des
primitiven Subjektivismus. Und weit hinaus in die deutschen
Lande schmetterten die Fanfaren einer neuen Zeit; herauf kam das
Zeitalter eines Klassizismus, dessen Dichtung die Phantasie, dessen
Philosophie das Denken der Völker erfüllte: und mit ihm das
Jahrhundert des Siegeszuges germanischen Wesens hin durch
alle Welt. —

Begruben aber die Elemente des neuen Zeitalters völlig
den großen geistigen Erwerb des Individualismus? Sank die
alte Welt spurlos in Trümmer? Keineswegs. In feste Formen
hatte sich inzwischen das Große der nunmehr vergangenen Zeit
geflüchtet, in die Formen vornehmlich der Aufklärung, und in
diesen währte, ja wirkte es weiter.

Dabei waren zwei besonders alte Träger nicht eigentlich
an sich rational: die Kirche und die Antike. Denn die
Kirche sollte selbst nach der Anschauung des 16. bis 18. Jahr⸗
hunderts das Gemüt ebenso befriedigen wie den Verstand; und
tatsächlich waren ja auf ihrem Boden jene Frömmigkeitsregungen
des Pietismus entstanden, die, wie wir sahen, recht eigentlich
        <pb n="410" />
        Weitere musikalische und literarische üÜbergänge. 391
die Welt eines neuen Zeitalters einleiteten. Aber eben nur auf
ihrem Boden, nicht aus ihr selbst! Die Kirchen waren —
wenigstens die hauptsächlichsten des inneren Deutschlands —
dogmatisiert, und das heißt rationalisiert; und so konnte wohl
schon im Jahre 1654 ein Frommer im Lande mit Logau
meinen:
Luthrisch, päpftlich und calvinisch, diese Glauben alle drei

Sind vorhanden; nur ist Zweifel, wo das Christentum denn sei.
Indem aber die Kirchen trotz alles Ansturms des Gemütslebens
cationalistisch blieben, nahmen sie die Aufklärung schließlich,
so sehr sie gegen deren Inhalt Bedenken haben mochten, dennoch
als ihnen der psychischen Form nach kongenial auf und sind
darum deren Träger noch lange hinein bis in das zweite, ja
dritte Menschenalter des Subjektivismus geblieben. So erklärt
sich die Rationalisierung des Luthertums in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts, so seine wohlwollende Stellung zu
Kant, so die altrationalistische Orthodoxie noch der zwanziger
und dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts. Und so wird es
verständlich, wenn selbst die katholische Kirche sich schließlich dem
rationalen Gifte öffnete, und wenn vor und nach 1800 in
Deutschland Generationen rationalistisch beeinflußter Bischöfe
und Priester gewaltet haben, bis der Klerikalismus, vornehmlich
seit den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts,
der Aufklärung die Krone entriß.

Eine nicht minder rationale Macht aber war die Antike
geworden. Anfangs Lebensluft enthusiastisch dem Altertume
zujauchzender Geschlechter, war sie fruh zur Gelehrsamkeit ver—
fallen und eben in dieser Form den verhängnisvollen Bund
mit der nationalen Phantasietätigkeit eingegangen zur ratio—
nalistischen Entmannung der Dichtung und der bildenden Künste;
nur die Musik hatte sich dieser trostlosen Umgarnung entzogen.
Dann schien es freilich so, als ob sich Künste wie Dichtung —
seit etwa 1700 — der häßlicher werdenden Verstrickung ent⸗
ziehen würden. Allein da kam der schon ermattenden Antike
ein neuer Lebenshauch zu Hilfe. Aus der Reform des gelehrten
Unterrichts erhob sich ein letzter, hellenisierender Humanismus;
        <pb n="411" />
        392 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
und wie der ältere, wesentlich römische Humanismus des
15. Jahrhunderts von dem aufsteigenden Emanzipations⸗
bedürfnisse des individualen Menschen für brauchbar befunden
worden war, den Befreiungsbestrebungen bevormundend zu
nützen, so waren es jetzt die jungen subjektivistischen Regungen,
deren schwärmerischer Zug zu einer neuen Freiheit die Unter—
stützung eines jüngsten Griechentums ersehnte. Wir kennen schon
die Anfänge dieser neuen Vermählung von damals Modernstem
und Antikem, die anakreontischen Spielereien, die, von Opitz im
Sinne des Schäferspiels schon beginnend, doch erst im Gleimschen
Freundeskreise sich recht auslebten, den Dithyrambenschritt
Ramlerscher Oden, das Schülerbewußtsein selbst eines Lessing
gegenüber Aristoteles. Aber wir werden erst später sehen, was
diese Vermählung ganz bedeutete, in welcher die Antike der
Nation nicht in mehr mittelbaren Beziehungen, wie im 15.
und 16. Jahrhundert, näher und zu nahe trat, sondern weit
mehr unmittelbar aus dem ganzen Schatze der Überlieferung,
aus gelehrten Reisen und Aufenthalten in Italien und Hellas:
aus ihr sind wichtige Seiten unseres literarisch-philosophischen
Klassizismus hervorgegangen; ihr entsproß, ein pädagogischer
Euphorion des 19. Jahrhunderts, das humanistische Gymnasium
der zwanziger Jahre; ihre Nachwirkungen sind noch heute in
jedem unserer physischen und seelischen Atemzüge, in jedem Stück
unseres Hausrates, in jeder unserer Denksitten ersichtlich.

In diesem Humanismus aber, so sehr er anfangs mit dem
neuen Gemütsleben ging, steckt ein gutes Teil alten ratio—
nalistischen Erbteils, ja hat sich in ihm immer mehr entfaltet.
Dahin gehört die Auffassung des Bildungsideals nicht als
eines Erziehungs-, sondern als eines Lehr- und Lernideals,
dahin das Herabsehen auf die reale Welt gegenüber den ver—
meintlichen Herrlichkeiten der gedachten, dahin vieles von dem,
was man geistige Prüderie und linkisches Wesen des modernen
Deutschen nennen kann.

Aber neben Kirche und Antike als Übertragungsgefäßen
individualistischen Seelenlebens hinein in die Zeiten des Sub—
jektivismus steht eine Macht, welche, die eigentlich neue und
        <pb n="412" />
        Weitere musikalische und literarische Übergänge. 393
höchste Denkform dieses Seelenlebens, noch ganz anders
psychisch Altes und Neues seit etwa 1750 ständig verschmolzen
hat und noch heute verschmilzt: die mechanistische Naturwissen—
schaft. Wir wissen, wie das Denken dieser Wissenschaft seit
der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstanden ist, wie es
groß wurde in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, wie es
in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts weit mehr noch, als
etwa die Mathematik in den Zeiten des großen Krieges und
nach ihnen, der zentrale Motor der Philosophie, der Dreh—
punkt wurde der deistischen Weltanschauung. Deistische Welt⸗—
anschauung aber heißt Aufklärung. Und im breiten Ent—
wicklungsverlaufe dieser wurde nun der christliche Gott der
Theologie zum mechanischen Demiurg, wurden die alten ethischen
Ideale zum Nützlichkeitsprinzip, ging die Phantasietätigkeit
vollends in das vernünftig Formelle auf, das erlernt werden
kann, wurde alles aus abwägender Vernunft nach verstandes-
gemäßen Kategorien geordnet und verschwand hinter diesen das
huntbewegte Bild des Weltlaufs und der Geschichte. Was also
gab es, das nicht dem mechanistischen Denken anheimgefallen
wäre? Eben in ihm siegte erst recht und durchaus vollendet
der Rationalismus.

Nun ließ sich freilich eine solche Tendenz des Seelenlebens,
rein kontradiktorisch gegen jede Lebensfaser des Subjektivismus
ausgeprägt, von dem Augenblicke an nicht völlig halten, da die
Zeiten eben dieses Subjektivismus voll hereinbrachen: der
mechanischen Naturanschauung setzten Herder und Goethe eine
andere, lebensreichere entgegen, und in der Naturphilosophie
der Romantik erblühte diese zu einer ersten stolzen Höhe
phantastisch-gedanklichen Abschlusses. Aber diese erste wahre
Naturwissenschaft des Subjektivismus, noch mit allen Anzeichen
primitiver Entwicklung behaftet, ermattete bald; und in den
Zeiten, da die großen Errungenschaften der ersten subjek—
tivistischen Periode, der Zeit von Klopftock bis auf Hegel, in
matterer intellektualistischer Beleuchtung zu Systemen ein—⸗
gefangen wurden, in der Periode des sogenannten Realismus
und des Epigonentums, erstarkte die mechanistische Natur—
betrachtung von neuem: ja eben jetzt, von den dreißiger bis

25 **
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        394 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
zu den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, erreichte sie in
dem Energiegesetz und in der Darwinschen Übertragung auf die
Probleme der Biologie den wahrscheinlich höchsten Gipfel ihrer
Vollendung. Denn inzwischen hat mit Reizsamkeit, modernem
Sturm und Drang und idealistisch-religiösen Neigungen jüngster
Tage eine zweite Periode des Subjektivismus eingesetzt, und
sie wird eine in der Richtung der alten Naturwissenschaft ver—
laufende, nur intellektuell weit geklärtere Naturwissenschaft ent—
falten, wie die erste ihren enthusiastischen Naturalismus gehabt
hat. Läßt sich das aber heute auch schon mit Bestimmtheit
voraussagen, so bleibt daneben dennoch unwidersprochen, daß die
mechanische Naturwissenschaft bis auf unsere Tage die ungeheuersten
Wirkungen ausgeübt hat und sie noch eben in diesen Tagen
ausübt, und zwar auf allen Gebieten, denen des Werkdaseins
wie der höchsten geistigen Fragen: recht eigentlich in diesem
Zeichen lebt das individualistische Seelenleben, wenn auch natur—
gemäß mannigfach verändert, am gewaltigsten fort.

Aber selbst von der einstigen sozialen und im weiteren
Sinne wirtschaftlichen Grundlage dieses Lebens gehen noch
heute Wirkungen aus. Freilich, wie es mit der Nachwirkung
sozialer und materieller Gebilde zu gehen pflegt, nicht in den
Stromhöhen des neuen Lebens, nicht unter den neuen, den
führenden Schichten, sondern in den Tiefen früher gewordener
volkstümlich-sozialer Zusammenhänge.

Sozialer Träger der abflauenden Kultur des Individua—
lismus, die wir im Verlaufe der letzten Abschnitte unserer Erzäh—
lung vornehmlich verfolgt haben, war das aristokratische Bürger—
tum der etwa zwei Menfchenalter je vor und nach 1700 gewesen.
Eine merkwürdige soziale Bildung, von der an späterer Stelle
gelegentlich der Entwicklungsgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft
von etwa 1650 bis 1800 noch in anderem Zusammenhange zu
sprechen sein wird. Frühester aristokratischer Ausdruck eines
langsam emporkommenden modernen deutschen Bürgertums, das
mit den großen städtischen Gesellschaftsbildungen des Mittel—-
alters kaum irgendwelche innigeren Beziehungen aufwies, hatte
dies Patriziat, an Zahl seiner Mitglieder nicht allzu groß, zunächst
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        Weitere musikalische und literarische übergänge. 395
nicht die Kraft zur Erzeugung eines eigentlich gesellschaftlichen
Bildungsideals gehabt: dem weltmännischen Ideal des Adels
und der Fürsten des 17. Jahrhunderts war es anheimgefallen.
Aber dann regten sich in ihm doch die Keime eigner Lebensauffassung
und besonderer Bildungsziele; und nun kamen die Zeiten des
populären, weitverbreiteten Pietismus und der frühesten Auf—
klärung herauf: sie schon wesentlich bürgerlich charakterisiert im
Sinne des genannten Patriziates. Es sind die Zeiten Speners
und Franckes, Brockes und Hagedorns, Gottscheds und Gellerts
gewesen; auch der kaiserliche Rat Goethe, des Dichters Vater,
gehörte ihnen an, ja kann sie in mancher Hinsicht als Typus
vergegenwärtigen. Was war in ihnen gewonnen? Eine neue
bürgerliche Kultur kleineren Horizontes, eine Kultur des Ver—
standes und Witzes, der Geziertheit, ja später des Geschraubten.

Wir wissen, wo sie heute noch fortlebt. Sie ist heute
hharakteristischer Lebensbestandteil des Philistertums, der zurück—
gebliebenen Bourgeoisie kleiner Städte, — womit nicht gesagt
sein soll, daß sie in großen, namentlich stagnierenden Städten
oöllig fehlte. Welche gewaltigen Schicksale des modernen
deutschen Bürgertums aber haben diese Wendung herbei—
geführt! Da mußte erst der mittlere Bürgerstand des
18. Jahrhunderts selbständig werden, nun Träger des ersten
neuen ganz entfalteten Subjektivismus, und die aristokratische
Übergangsbildung herabstürzen vom Sockel des geistigen Primates;
da mußte über beide Bildungen des 18. Jahrhunderts, die des
Patriziates wie des mittleren Bürgertums, wie sie in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts zur liberalen Bourgeoisie ver—
schmolzen waren, sich das neue Bürgertum der Gegenwart und
jüngsten Vergangenheit, das Großbürgertum der Unternehmung
und der zweiten Periode des Subjektivismus, erheben und die
unteren Kreise der alten Bourgeoisie zum Vegetieren in stillen
Wässern verdammen, ehe auf diesem wenig erfreulichen Boden
die letzten unvermischten Reste aufklärerisch-sozialen und auch
aufklärerisch-religiösen Denkens noch eine ärmliche Heimstatt
finden konnten.

Sehen wir indes nicht so sehr auf, den Denkinhalt wie
        <pb n="415" />
        396 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
auf die Denkform: ist dann das rationalistische Denken heutzutage
wirklich auf so kleine und minder wichtige Kreise beschränkt?
Ist es nicht — schon sein Zusammenhang mit rechnen, ratio—
einari, bezeugt es — ein wesentlich konstituierender Bestandteil
des modernen, insbesondere des bürgerlichen Seelenlebens ge—
geblieben?

Nein: die seelischen Reste des Individualismus sind nach
wie vor eine gewaltige Macht; noch kämpft der Subjektivismus
mit ihnen, und vor allem die ersten Generationen des neuen
Zeitalters, in den Jahren etwa von 1750 bis 1870, haben in
vieler Hinsicht vor allem eine Periode! der Auseinandersetzung
von alt und neu erlebt: bis im jüngst verflossenen Menschen—
alter der Sieg des Subjektivismus wenigstens auf den wich⸗
tigsten Gebieten völlig entschieden war.

Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel &amp; Co. in Altenburg.
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Franckes, Brockes und Hagedorns, Gottscheds und Gellerts
Fyesen; auch der kaiserliche Rat Goethe, des Dichters Vater,
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J gegenwärtigen. Was war in ihnen gewonnen? Eine neue
gerliche Kultur kleineren Horizontes, eine Kultur des Ver⸗
ides und Witzes, der Geziertheit, ja später des Geschraubten.
Wir wissen, wo sie heute noch fortlebt. Sie ist heute
rakteristischer Lebensbestandteil des Philistertums, der zurück—
liebenen Bourgeoisie kleiner Städte, — womit nicht gesagt
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Jahrhunderts selbständig werden, nun Träger des ersten
en ganz entfalteten Subjektivismus, und die aristokratische
rgangsbildung herabstürzen vom Sockel des geistigen Primates;
mußte über beide Bildungen des 18. Jahrhunderts, die des
riziates wie des mittleren Bürgertums, wie sie in der ersten
Ifte des 19. Jahrhunderts zur liberalen Bourgeoisie ver⸗
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