418 Einundzwanzigstes Buch. Erstes KNapitel. macht. Denn alle großen veredelnden und versittlichenden Elemente auch eines langen Krieges waren schließlich hin— weggefallen: Raub und Soldateska herrschten zuletzt, und wer dachte noch an die Verteidigung des Vaterlandes, des Terri— toriums, der Stadt, ja fast auch nur noch an den Schutz des eigenen Hauses, an Weib und Kind? Und auch die unab— weislich notwendigsten Einrichtungen jeder höheren Kultur waren teilweis zerstört: die Anstalten des Gottesdienstes, der Erziehung, des Unterrichts: in nicht wenigen der Gebäude, die ihnen gewidmet gewesen waren, wohnte das Grauen. Kann man es da einer Bevölkerung, die in all dieser Zerstörung er— wachsen war, verübeln, wenn sie den Mut zu leben fast verlor? Es war so weit gekommen, daß Pessimismus, Selbstmord, Wahnsinn nicht selten Ausfluß edelster Gesinnung zu sein chienen. Im ganzen aber war das Schamgefühl ertötet, das Selbstoertrauen verloren, die sittlichen Triebfedern erlahmt: und so verstand es sich von selbst, daß die nächsten Generationen im Grunde und als Ganzes nichts wußten von Vaterlandsliebe und gemeinsamen patriotischen Pflichten. Das ist die seelische Umwelt, und dies waren im weiteren Sinne die allgemeinen kulturgeschichtlichen Voraussetzungen, unter denen die Fürsten und Staatsmänner nach dem großen Kriege zu regieren begannen. Gewiß standen alledem, in dem nächsten Jahrhundert ge— waltig wachsend, auch günstige Vorzeichen gegenüber. War auch der Raum zur Betätigung der nationalen Fortschritte jetzt sehr beschränkt, indem die Schweiz und die niederländische Republik, wie schon vorher die Ostseeprovinzen, nunmehr so gut wie endgültig verloren waren, so belebte doch der innere, und vor allem zunächst der wirtschaftliche Aufschwung mindestens seit den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts wiederum wenigstens die größeren Territorien; neben Österreich ent— wickelte sich Brandenburg-Preußen zu einem achtunggebietenden Staatswesen; und leise schlich sich die Hoffnung einer besseren politischen Zukunft unter der Führung dieser Reiche, noch nicht geängstigt durch die Sorge um deren künftige Eifersucht,