28 — Einundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. Wie waren doch demgegenüber der Nordosten und der Südwesten vernachlässigt und ständiger Abbröckelung alter Reichs⸗ länder ausgesetzt! Um den Nordosten, die deutschen Gebiete der Ostseekuste, hatte sich das heilige Römische Reich über— haupt niemals recht gesorgt. Sollte es sich jetzt ihrer an⸗ nehmen, da sich seit dem Eingreifen der Schweden in den Dreißigjährigen Krieg eine ständig kampfdrohende Großmacht der Nordgestade des Dominium maris baltieci bemächtigt hatte — da ferner auf der baltischen Südseite Polen noch einigermaßen mächtig war und hinter ihm die junge Macht Rußlands emporkam? Diese Gebiete wurden ihrem Schicksal überlassen; und nicht zum geringsten im Kampfe um ihr Deutsch⸗ tum ist nicht das Reich, sondern eine der das Reich ersetzen⸗ den Gewalten, ist Brandenburg größerer Machtfülle entgegen— ereift. Der Südwesten aber war die Stelle, an der Frankreich ungestört am Reichsbesitze nagen und lockern konnte. Hier wäre es freilich die Aufgabe des Hauses Habsburg, damals noch des Herren auch der vorderösterreichischen Besitzungen am rechten Oberrheinufer und im Elsaß, gewesen, die Reichsgrenze zu halten. Aber es ist ihr nicht oder nur ungenügend nach— zgekommen. Es war, neben allem Ruhm der Türkenkriege, die größte Unterlassungssünde der deutschen Habsburger im 17. und auch noch im 18. Jahrhundert. Und diese, dem branden⸗ burgischen Verhalten an der Nordostgrenze so ungleiche Politik bezeichnet eines der ersten großen Momente, in denen die alte Kaiserdynastie von dem kommenden Rivalen überholt wurde. Auf den Blättern dieses Abschnittes wird nun zunächst der Verlauf der Politik an der Ost- und Westgrenze erzählt werden, wie er sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Krieg und Frieden abspielte; und als Ausgangspunkt der Dar— stellung ergibt sich da am besten die Schilderung der nordöst— lichen Dinge, da hier die entscheidenden Ereignisse in den ersten Jahrzehnten nach dem großen Kriege stattfanden, während sich die Entscheidung über die Südwestgrenze mehr in die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts zusammendrängte.